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Von Kapstadt zurück nach Deutschland

Unseren Gedanken und Erinnerungen nachhängend sitzen wir nun nach 373 Tagen und rund 35.000 Kilometern im Flugzeug von Kapstadt zurück nach Deutschland. Unseren Sprinter werden wir im Open-Top-Container nach Deutschland verschiffen. Die Investition der rund 4.000 Euro hätte sich eigentlich nicht mehr gelohnt, aber sonst bekämen wir unsere für das Carnet de Passages hinterlegten 5.000 Euro nicht zurück.
Es war eine lange Zeit, aber sie ist vergangen wie im Flug, und sie war aufregend, aber auch strapaziös. Einerseits freuen wir uns nun auf die Rückkehr nach Deutschland, andererseits bedrückt uns das Ende unserer großen Reise.

In Kapstadt haben wir acht Wochen lang gelebt, und die Stadt wäre ein so perfekter Ort zum Leben gewesen, wenn die sozialen Probleme dort nicht wären. Trotzdem wären wir gerne noch eine Weile geblieben. Wir hatten sogar versucht, Jobs zu finden. Doch wegen des Black Economic Empowerment Act gibt es kaum Jobs für Weiße. Viele junge, weiße Südafrikaner verlassen das Land in Richtung Australien oder Neuseeland. Schon gar keine Jobs gibt es für weiße Ausländer, es sei denn, sie verfügen über Kompetenzen, deren Bedarf Südafrika nicht aus dem Inland decken kann. Sprachkompetenz wäre da allen voran zu nennen, und in Kapstadt gibt es auch tatsächlich eine große deutschstämmige Gemeinde. Trotzdem reicht es meist nicht, Deutsch und Englisch zu sprechen, denn die Amtssprache der Buren ist ja Afrikaans.
Tatsächlich hätten wir die Möglichkeit gehabt, für Lufthansa oder Swiss Air in einem Callcenter zu arbeiten. Von den 500 Euro im Monat hätten wir uns aber kaum mehr als eine Wellblechhütte leisten können.

So freuen wir uns nun auch auf die Rückkehr nach Deutschland. Und wir sind gespannt, welche Abenteuer uns in unserer alten Heimat erwarten…

HIT THE ROAD!!!

Abschied von den AfricanDreamers

Auf einem Weingut in Stellenbosch treffen wir uns zum Abschied mit Fulco und Marielle, den „AfricanDreamers“.

Stellenbosch

Stellenbosch

Auch Fulco und Marielle sind bis nach Kapstadt gefahren, und Kapstadt bedeutet für sie das Ende ihrer Reise durch Afrika – ihres Traums von Afrika.

AfricanDreamers

Der Bus unserer niederländischen Freunde ist schon in einem 40-Fuß-Open-Top-Container unterwegs zurück in die Heimat, und auch sie werden nun den Heimflug antreten. Kennengelernt hatten wir Fulco und Marielle im Camp in Assuan, als wir gemeinsam mit den vielen anderen Afrikafahrern auf die Fähre über den Nassersee in den Sudan warteten. Den Weg durch die sudanesische Wüste haben wir gemeinsam bestritten und die gefährliche Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia gemeinsam überstanden. Wir haben Silvester im Nirgendwo der sudanesischen Wüste und meinen Geburtstag am tansanischen Strand gefeiert. Daraus ist eine Freundschaft geworden, und wir werden sie und ihre beiden niederländischen Schäferhunde Doerak und Djennis vermissen. Aber wir werden sie wiedersehen.

Christiane mit Fulco und Marielle

Fulco

Marielle

Fulco

Auch Benedikt kommt mit seiner Lebensgefährtin Amanda zur Verabschiedung. Wir hatten Benedikt im Blue Nile Sailing Club in Karthum kennengelernt. Benedikt ist ein deutschstämmiger Südafrikaner und lebt in Kapstadt. Er hat uns dort ein wenig in die Gesellschaft eingeführt.

Christiane mit Benedikt und Amanda

Zu Gast in Hout Bay und Kapstadt

Hout Bay ist ein weiterer Vor- und Badeort von Kapstadt, gelegen in einer malerischen Bucht und umgeben von markanten Bergen:

Hout Bay, Kapstadt

Dennis, Maike und die drei Kids, die wir im Camp in Kairo kennen gelernt und die uns zu sich nachhause in Hout Bay eingeladen hatten, sind von Johannesburg hierher gezogen. Zu unserer Überraschung treffen wir jedoch nur Maike und die Kids an – Dennis ist nicht da. Aber erst einmal ist die Freude über das Wiedersehen riesig, und das feiern wir bei einem Glas Wein!

Maike und Christiane

Jasmin

Jona

Janek

Es stellt sich heraus, dass Dennis tatsächlich nicht mehr bei der Familie ist. Maike hat sich von ihm getrennt. Einige Tage später sehen wir ihn noch einmal kurz, doch es gibt nicht mehr viel zu sagen.

Zu Maikes Haus gehört ein kleines Cottage, das sie uns in den kommenden acht Wochen für unsere Erkundungen Kapstadts großzügig zur Verfügung stellt. Wir revanchieren uns dafür ein wenig, indem wir im Haushalt helfen und auch für sie eine Website machen, denn Maike ist Goldschmiedin:

Maike Valcarcel

Kapstadt selbst ist eine Stadt wie andere auch und nicht zu vergleichen mit dem Charme manch europäischer Stadt. Was Kapstadt besonders macht, sind die einzigartige Lage am Fuß des Tafelbergs mit seinem namensgebenden Plateau, die traumhaft schöne Küstenlinie und deren viele Strände. Das macht Kapstadt zu einem wahren Paradies – wären da nicht die riesigen sozialen Probleme Südafrikas.

Waterfront, Kapstadt

Waterfront, Kapstadt

Waterfront, Kapstadt

Wir hatten es bereits angesprochen: Das Leben hier hat etwas vom Leben im goldenen Käfig. Maikes Haus beispielsweise befindet sich wie fast alle Anwesen hier in einer umzäunten und bewachten Neighbourhood. Überall hängen Schilder des hier wachhabenden Sicherheitsdienstes. Die einzelnen Anwesen sind zusätzlich durch Alarmanlagen, hohe Mauern und teilweise Elektrozäune obendrauf geschützt. Man kommt sich vor, wie im Hochsicherheitstrakt.
Und so ist es auch: Als wir eines Tages einen kleinen Spaziergang auf den kleinen Berg hinauf machen wollen, an dessen Hang sich Maikes Neighbourhood befindet, schaffen wir es gar nicht erst aus dem Wohngebiet heraus – bis auf den Eingang ist es zu allen Seiten hin hermetisch abgeriegelt. Überall schlagen Hunde an – keine kleinen Kläffer, sondern richtige, scharfe Wachhunde –, und wir können die zahlreichen Augenpaare, die auf und ruhen müssen, förmlich spüren.
Wenn man in Südafrika zur Oberschicht gehört – und dazu gehört man als Weißer praktisch automatisch –, läuft man nicht: Man fährt mit dem Auto. Man fährt mit dem Auto zur Arbeit, man fährt mit dem Auto zum Einkaufen, man fährt mit dem Auto an den Strand. Weiße Kinder fahren nicht mit dem Bus, sondern weiße Kinder werden von Ihren Eltern mit dem Auto zum Kindergarten, zur Schule und zu sämtlichen Freizeitaktivitäten gefahren.

In Hout Bay ist ein Grund dafür auch das Township, das sich unweit neben Maikes Wohngebiet befindet. Während unseres Aufenthalts in Hout Bay schwappt die Welle an Ausschreitungen gegenüber schwarzafrikanischen Ausländern auch in die Kapstadter Townships herüber, nachdem es zuvor schon im Johannesburger Township Alexandra zu Ausschreitungen gegen Wirtschaftsflüchtlinge aus Simbabwe gekommen war. Hütten wurden niedergebrannt, und in Johannesburg kamen bei den Ausschreitungen mehrere Menschen ums Leben.

Unser Sprinter hat auf dem langen und beschwerlichen Weg durch Afrika übrigens ganz schön gelitten. Die Servolenkung funktioniert nicht mehr, und auch ein Ölwechsel ist mal wieder fällig. Die Mercedes-Werkstatt in Kapstadt hat Terminvorlaufzeiten von stolzen drei Wochen, daher beschließen wir, den Sprinter in eine offene Werkstatt in Hout Bay zu bringen. Die Lenkung lassen wir generalüberholen, doch später in Deutschland wird sich herausstellen, dass der Sprinter so nicht mehr zulassungsfähig ist: 1.700 Euro in den Sand gesetzt, für einige hundert Euro mehr hätten wir eine komplett neue Lenkung bekommen. Außerdem wird sich der Turbo verabschieden, denn die Leute von der Werkstatt füllen beim Ölwechsel mehrere Liter zuviel neues Öl ein – das hat sich gelohnt. Am Schloss der Hecktür macht sich auch jemand zu schaffen, denn wegen seiner Größe passt der Sprinter nicht in die Werkstatt und steht tagelang draußen.
Noch ein weiterer kurzer Blick in die Zukunft: Das wird längst noch nicht alles gewesen sein. Inklusive neuer Lenkung werden wir bei Mercedes in Berlin 4.500 Euro für die erste Reparatur nach Afrika auf den Tisch legen. Wenig später auf einer von Brandenburgs Kopfsteinpflasterstraßen wird uns dann ein Stoßdämpfer durch die Karosserie brechen – sie ist auf Afrikas Pisten einfach zu sehr beansprucht worden. Selbst ein Sprinter mit Allradantrieb ist eben immer noch ein gewöhnlicher Sprinter und nicht wirklich für das Gelände geschaffen. Auf den ersten 10.000 Kilometern in Deutschland werden wir insgesamt einen Reparaturaufwand von 10.000 Euro haben – einen Euro pro gefahrenem Kilometer. Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir den Sprinter natürlich nicht mehr nach Deutschland verschifft und reparieren lassen, aber dass es so schlimm werden würde, ahnten wir nicht.
Es soll aber auch nicht unerwähnt bleiben, dass wir noch nie einen so schlechten Service wie bei der Mercedes-Nutzfahrzeugwerkstatt in Berlin erlebt haben – der Mercedes-Vorzeigewerkstatt für Nutzfahrzeuge in Deutschland überhaupt. Jedes Mal habe ich gebeten, sie sollen den Wagen genau durchchecken und alles reparieren, was in nächster Zeit notwendig werden wird. Trotzdem schaffen wir kaum eine längere Fahrt ohne Panne. Nach einer der vielen Reparaturen haben wir es mit dem Sprinter nicht einmal vom Hof der Werkstatt geschafft. Lapidare Antwort von Mercedes: „Das ist eben ein altes Auto.“

Zu Gast bei Planet Kids in Muizenberg

Auf dem Weg ans Kap sind wir bereits an der False Bay entlang gefahren, die für die dort häufig gesichteten Weißen Haie berühmt ist, und dorthin sind wir nun noch einmal zurückgekehrt. In Muizenberg, einem Vor- und Badeort Kapstadts in der False Bay, leben Christianes Freunde Andreas und Benita mit ihrem Sohn Luca, die vor mehreren Jahren nach Südafrika ausgewandert sind. Luca hat eine schwere Form von Autismus, einer geistigen Entwicklungsstörung. Er spricht nicht und hat hochgradig stereotypisierte Verhaltensweisen. Abweichungen von seinen bis ins Kleinste ausgeprägten Routinen haben schwere Schrei- und Wutanfälle zur Folge, bei denen er teilweise auch um sich schlägt – ein schwierige Situation für Andreas und Benita, mit der sie tapfer umgehen.

Andreas, genannt Andy, hat einen Weg gesucht, wie er sich um Luca kümmern und gleichzeitig Geld verdienen kann. Dabei kam er auf die Idee eines Indoor-Spielplatzes für behinderte und nichtbehinderte Kinder. Als wir ankommen, hat Planet Kids gerade eröffnet.

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Indoor-Spielplätze sind ein großer Trend in Südafrika, der wohl auch der Sicherheitslage hier geschuldet ist. Trotz des Endes der Apartheit sind die Unterschiede zwischen weiß und schwarz, arm und reich nach wie vor extrem. Nur eine kleine schwarze Oberschicht hat von den Umwälzungen profitiert, der Rest ist arm geblieben und verrichtet schlecht bezahlte Tätigkeiten für die Oberschicht. Das ist nichts anderes als eine moderne Form der Sklaverei. Schon auf dem Weg nach Muizenberg waren wir an Khayelitsha vorbei gefahren, dem drittgrößten Township Südafrikas und größten Township Kapstadts. Townships sind Elendsviertel. Kilometerweit bis zum Horizont erstreckt sich das Meer einfachster Behausungen. Man schätzt, das über eineinhalb Millionen Menschen in diesen zusammengezimmerten Hütten aus Wellblech, Holz, Pappe und Plastikplanen leben – eine umso erstaunlichere Zahl, wenn man bedenkt, dass Kapstadt insgesamt dreieinhalb Millionen Einwohner hat. Südafrika gilt als zweite Welt: Das bedeutet nichts anderes als die Koexistenz von erster und dritter Welt. Dementsprechend hoch ist die Kriminalitätsrate, und die weiß-schwarze Oberschicht schottet sich geradezu hermetisch von der Außenwelt ab. Das Leben spielt sich ab zwischen festungsartig gesichertem Eigenheim, Arbeitsplatz, Shopping Mall und bewachtem Strand. Die Strecken dazwischen werden ausschließlich mit dem Auto zurückgelegt. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es kaum und werden allein von der schwarzen Unterschicht genutzt. Das Leben in Kapstadt hat etwas vom Leben im goldenen Käfig.

Doch zurück zu Planet Kids. Andreas und Benita haben wirklich viel Liebe und Hingabe in dieses Projekt gesteckt. In den kommenden Wochen dürfen wir mitverfolgen, wie sich Planet Kids prächtig entwickelt. Einen kleinen Beitrag dazu leisten auch wir, denn wir machen die Website:

Planet Kids

Außerdem versuche ich, die Reisekasse aufzubessern, indem ich mich als Geburtstagsfotograf betätige. Geburtstage in Indoor-Spielplätzen zu feiern liegt in Südafrika genauso im Trend wie Indoor-Spielplätze selbst. Kinder in Aktion zu fotografieren ist eine echte Herausforderung – man muss unheimlich schnell sein, denn kaum eine Gelegenheit bietet sich länger als Bruchteile von Sekunden. Trotzdem können meine Ergebnisse sich sehen lassen – aus mir ist im Verlauf der Reise ein ganz passabler Fotograf geworden. Auch die Eltern lassen mitunter kaum eine Gelegenheit aus, vor der Kamera zu posieren. Tatsächlich verkaufen tue ich beim ersten Mal aber kein einziges Foto. Beim zweiten Mal habe ich dann mehr Glück, die Eltern kaufen alle 120 Fotos pauschal für umgerechnet 120 Euro. Dafür würde in Deutschland allerdings kein Fotograf auch nur einen Finger krumm machen, zumal das Aussortieren und Nachbearbeiten der Bilder mindestens genauso lange dauert wie der Fototermin selbst. Wenn man außerdem bedenkt, dass die Lebenshaltungskosten in Kapstadt mit denjenigen in Berlin vergleichbar sind, wird deutlich, wie schwer dieses Geld verdient ist. Daher werden wir uns in Kapstadt nach anderen Verdienstmöglichkeiten umsehen, um die Reisekasse aufzubessern.

Kap der Guten Hoffnung

Es ist ergreifend, nach einer so langen Reise an einem magischen Ort wie dem Kap der Guten Hoffnung anzukommen, auf den Klippen zu stehen und auf die Weite des Ozeans zu blicken. 313 erlebnisreiche Tage und rund 35.000 strapaziöse Kilometer auf Straßen und Pisten liegen hinter uns. Wir haben wahnsinnig viel erlebt, wahnsinnig viel gesehen, aber auch gelitten unter den Strapazen. Das sicherheitsbedingte Fahren von Camp zu Camp war zermürbend und lag wie ein Schatten über der gesamten Reise durch Afrika. Außerdem erschwerte es den Kontakt mit der lokalen Bevölkerung. Erschöpft genießen wir nun diesen bewegenden Moment des Ankommens und stoßen mit einem Gläschen Jägermeister an, das wir uns für diesen Anlass aufgehoben haben.

Kap der Guten Hoffnung

Bucht

Bucht

Welle

Welle

Kap der Guten Hoffnung

Weinprobe bei Ernie Els in Stellenbosch

Kurz vor Kapstadt liegt Stellenbosch, die größte Weinregion Südafrikas und nach Kapstadt die zweitälteste von Europäern gegründete Siedlung im heutigen Südafrika. Malerisch gelegen in einer Gebirgslandschaft präsentieren sich die Weinberge und Weingüter rund um Stellenbosch.

Stellenbosch

Eines der zahlreichen Weingüter besuchen wir und machen eine Weinprobe: das des ehemaligen Golfprofis Ernie Els. Ernie selbst treffen wir zwar nicht an, aber das tut unserem Genuss keinen Abbruch. In stilvollem Ambiente verköstigen wir wunderbare Weine und genießen den traumhaften Ausblick über Stellenbosch. Ja, da kann man schon mal neidisch werden!

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Ronnies Sex Shop und Kap Agulhas

Von den Cango Caves aus sind wir einer weiteren berühmten Route Südafrikas gefolgt, der Route 62. Die Route 62 verbindet Kapstadt mit Port Elisabeth und führt durch überwiegend ländliche Regionen. Bis zum Bau der N2 im Jahr 1958 war sie die wichtigste Verbindung zwischen den beiden Städten. Sie ist weit weniger frequentiert als die bei den Touristen beliebte Garden Route, aber nicht minder sehenswert. Die insgesamt rund 850 Kilometer lange Route verläuft durch zahlreiche Weinbauregionen und ist die längste Weinstraße der Welt. Dabei führt die Route 62 auch durch die Karoo, eine Halbwüste in der Hochebene Südafrikas, nördlich der Großen Randstufe – und vorbei an Ronnies Sex Shop.
Ronnies Sex Shop ist ein weltberühmter Pub und hat mit einem Sex Shop eigentlich gar nichts zu tun. Nachdem Ronny, inzwischen ein älterer Herr geworden mit weißem Rauschebart und gutmütiger Erscheinung, vor vielen Jahren eröffnete und Ronnies Shop an die Außenwand schrieb, erlaubten sich seine Kumpels einen Scherz und machten daraus Ronnies Sex Shop. Anfangs war Ronny ziemlich sauer, doch dann konnte er sich vor Kundschaft kaum noch retten. Jeder, der vorbei fuhr, war neugierig auf den Sex Shop mitten in der Wüste – mitten im Nirgendwo. Und viele hinterließen ein Souvenir: Unzählige BH’s hängen von der Decke und zeugen von fröhlichen Abenden.

Ronnies Sex Shop

Auf dem Weg zu unserem großen Ziel Kapstadt und dem Kap der Guten Hoffnung weichen wir noch einmal von der direkten Route ab und fahren erneut an die Küste. Wer an das Kap der Guten Hoffnung denkt, denkt dabei meist auch an den südlichsten Punkt Afrikas. Doch nicht das Kap der Guten Hoffnung ist der südlichste Punkt Afrikas, sondern Kap Agulhas. Kap Agulhas ist es auch, das die Ozeane teilt in den Atlantischen Ozean im Westen und in den Indischen Ozean im Osten, der uns bisher auf dem Weg durch Südafrika begleitet hat.

Kap Agulhas

Kap Agulhas

Kap Agulhas

Kap Agulhas

Kap Agulhas

Rust en Vrede und Cango Caves

Nur einen kurzen Abstecher von der Garden Route entfernt liegen Rust en Vrede und die Cango Caves. Beides liegt inmitten einer wunderschönen Gebirgslandschaft, die sich uns in leuchtendsten Herbstfarben präsentiert.

Rust en Vrede

Afrikaans ist eine der elf Amtssprachen in Südafrika und die Sprache der Buren – eine eigenwillig, aber freundlich klingende Sprache, die sich aus dem Neuniederländischen des 17. Jahrhunderts entwickelt hat. Charakteristisch sind das rollende R und das A, das langgezogen und beinahe wie ein O gesprochen wird. Rust en Vrede ist Afrikaans und bedeutet Ruhe und Erholung, und die finden wir hier an einem netten kleinen Wasserfall.

Rust en Vrede

Nach der kurzen Verschnaufpause geht es weiter zu den Cango Caves bei Oudtshoorn. Die Cango Caves gehören zu den größten Tropfsteinhöhlen der Erde.

Cango Caves

Die Cango Caves wurden 1780 von einem Farmer entdeckt, als eines seiner Schafe in einer Felsspalte feststeckte und er sich an einem Seil herunterließ. Richtig erforscht wurde das weit verzweigte Höhlensystem jedoch erst rund 200 Jahre später, noch bis 1975 wurden immer neue Höhlenbereiche entdeckt.

Cango Caves

Cango Caves

Cango Caves

Wandern im Goukamma Nature Reserve

Und weiter geht es zur nächsten Naturschönheit an der Küste, dem Goukamma Nature Reserve bei Knysna und Lake Pleasant. Es liegt im Herzen der berühmten Garden Route, einem der schönsten und beliebtesten Reiseziele Südafrikas. Die Garden Route ist der Streckenabschnitt der N2 zwischen Humansdorp kurz hinter Port Elizabeth und Swellendam, wobei ihr Herzstück der Abschnitt zwischen Mossel Bay und der Storms River Mündung im Tsitsikamma National Park ist.
Eigentlich wollten wir im Tsitsikamma National Park den weltberühmten Otter Trail laufen, doch als wir dort ankamen mussten wir feststellen, dass wir ein Jahr im Voraus hätten buchen müssen – na toll. Der Otter Trail läuft 5 Tage und 80 Kilometer entlang der Küste parallel zur Garden Route.
Historisch betrachtet verläuft die Garden Route übrigens in der Gegenrichtung, denn entlang dieser Route verlief eine der ersten Siedlungsbewegungen der Buren. Die Buren, die sich selbst Afrikaners nennen und im Deutschen früher auch als Kapholländer oder Weißafrikaner bezeichnet wurden, sind die europäisch stämmigen Einwohner Südafrikas und Namibias. Sie stammen von den zumeist niederländischen, aber auch deutschen und französischen Siedlern ab, die sich seit Mitte des 17. Jahrhunderts am Kap der Guten Hoffnung niederließen.

Als Ersatz für den Otter Trail machen wir nun zumindest eine Tageswanderung im Goukamma Nature Reserve. Sie führt kilometerlang durch eine weitläufige, unberührte Dünenlandschaft mit traumhaften Ausblicken auf das Meer und den natürlichen Sandstrand, auf dem wir dann auch zurück laufen. Allerdings kommt die Flut, und der Strand wird immer schmaler. Zurück in die Dünen führt kein Weg, und wegen ihrer steilen und hohen Abbruchkanten besteht keine Chance, vom Strand weg zu kommen. Am Ende wird es ganz schön knapp, und wir sind froh, keine nassen Füße zu bekommen oder gar den Rest in der rauen See schwimmen zu müssen.

Goukamma Nature Reserve

Goukamma Nature Reserve

Goukamma Nature Reserve

Goukamma Nature Reserve

Goukamma Nature Reserve

Goukamma Nature Reserve

Goukamma Nature Reserve

Hole in the Wall und Port Alfred

Zurück auf der N2 haben wir weiter Kurs auf Kapstadt genommen. Nachdem die N2 zunächst unmittelbar entlang der Küstenlinie verlaufen war, führte sie zuletzt für eine ganze Weile weiter durch das Landesinnere in einem Abstand von 50 bis 100 Kilometern zur Küste. Die Küste ist dort nur über Stichstraßen erreichbar, und einen solchen Abstecher haben wir zur Coffee Bay gemacht, Südafrikas bestem Surfspot. Die Saison ist allerdings schon vorüber, so dass der kleine Badeort ziemlich verlassen ist. Trotzdem genießen wir von unserem hoch auf den Klippen gelegenen Camp aus den grandiosen Blick auf die Bucht und das tosende Schauspiel hineinrollender Wellen.

Auf eine Empfehlung hin fahren wir ein Stück weiter über Schotterpisten zum Hole in the Wall. Das Hole in the Wall ist ein großes, von Wellen ausgehöhltes und durchspültes Loch in der Mitte eines riesigen, freistehenden Monolithen. Für das dort ansässige Volk der Xhosas spielt es eine große, mythologische Rolle – was wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wissen und auch nicht ahnen.
Einige hundert Meter entfernt vom Felsen erreichen wir einen kleinen, natürlichen Parkplatz am Ende der Straße. Ein paar jugendliche Xhosas verschiedenen Alters hängen auf dem Parkplatz herum, und mir ist die Situation nicht ganz geheuer. Einer der Jüngeren soll uns zum Felsen führen, doch wir geben ihnen zu verstehen, dass wir alleine gehen möchten. Zunächst folgt er uns dennoch, aber nach einer erneuten Zurückweisung lässt er uns dann schließlich doch in Ruhe. Geld gebe ich ihm keines. Dass wir uns auf dem Land der Xhosas befinden und das ihr Weg ist, ein klein wenig Geld aus ihrem Eigentum zu machen, kommt mir in diesem Moment nicht in den Sinn.
Als wir zum Parkplatz zurückkehren und in den Sprinter einsteigen, kommt einer der Älteren zu mir ans Fenster und fordert Geld dafür, dass er auf den Wagen aufgepasst habe. Das hat für uns natürlich einen Beigeschmack, denn vor wem, wenn nicht vor ihm und den anderen selbst, hätte er unser Eigentum schützen sollen?
Dass diesbezüglich in Südafrika aufgrund der gesellschaftlichen Probleme eine Art stillschweigendes Übereinkommen besteht, werden wir erst später in Kapstadt mitbekommen. Wenn jemand seinen Wagen irgendwo öffentlich parkt, ist da immer auch ein Schwarzafrikaner, der etwas Trinkgeld dafür erhält, dass er auf das Fahrzeug aufpasst. Das ermöglicht denjenigen, abseits der Kriminalität zumindest ein klein wenig Geld zu verdienen.
In dieser Situation weiß ich allerdings noch nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich entscheide mich falsch, weigere mich zu zahlen, und wir brausen davon. Aufgebracht rennt der so Geprellte uns hinterher, kürzt durch das anliegende Dorf ab und versucht uns den Weg abzuschneiden. Mich langsam sichtlich bedroht fühlend und ohnehin angespannt gebe ich Gas, so dass er zur Seite springen muss. Im Nachhinein schäme ich mich für die ganze Aktion, im Sinne der Völkerverständigung war das sicher nicht.

Nach dieser unerfreulichen Episode erreichen wir am Spätnachmittag Port Alfred. Hier gibt es einen kleinen Leuchtturm wie aus dem Bilderbuch auf einer Anhöhe vor der Küste, und man hat einen wunderbaren Blick über die Dünenlandschaft der weitläufigen Küste. Die Gelegenheit nutzen wir, um auch ein paar Fotos von uns zu machen.

Port Alfred

Port Alfred

Port Alfred

Port Alfred

Port Alfred

Port Alfred

Port Alfred

Drakensberge

Wir haben von der N2 einen Abstecher in die Drakensberge im Landesinneren am Rande Lesothos gemacht. Geologisch betrachtet ist Südafrika ein Binnenhochland, das in Süden, Westen und Osten von Randschwellengebirgen begrenzt ist. Zum östlichen Rand gehören die Drakensberge, die höchste Gebirgskette Südafrikas mit einer Höhe von bis zu knapp 3.500 Metern. Ein Teil der Drakensberge wurde zum Nationalpark und im Jahr 2000 von der UNESCO zum Welterbe erklärt.

Südafrika liegt ähnlich weit vom Äquator entfernt wie Europa, die meteorologischen Jahreszeiten sind daher ähnlich ausgeprägt, aber entgegengesetzt. Während in Europa der Frühling herrscht, ist hier der Herbst eingezogen, und in den vergangenen Tagen hat es viel geregnet. Was in den niedrig gelegenen Küstenregionen als Regen herunter gekommen ist, hat in den höheren Lagen der Drakensberge eine erste, dünne Schneeschicht hinterlassen. Dazu scheint die Sonne, die Drakensberge und ihr landwirtschaftlich geprägtes Umland zeigen sich von ihrer schönsten Seite.

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Fünf Tage verbringen wir in den Drakensbergen und übernachten auf einer Farm. Das noch recht junge Paar hat sie frisch übernommen, und wir sind ihre ersten Gäste. Den Platz für unseren Sprinter dürfen wir uns aussuchen. Vor dem Haus ist eine große Rasenfläche, die an einen kleinen See angrenzt. In großem Bogen kurve ich am Ufer vorbei über den Rasen, bis sich plötzlich nichts mehr bewegt. Peinlich, der Sprinter steckt tief im durchfeuchteten Boden einer flachen Senke. Wo eben noch gepflegter Rasen war, ist nun eine meterlange Spur der Verwüstung, und sie endet genau dort, wo unser Sprinter steht. Doch unsere Gastgeber nehmen es gelassen. Sie rufen einen benachbarten Farmer, der den Sprinter mit seinem Traktor aus der misslichen Lage befreit.

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Mit zur Familie gehören zwei Jack Russell Terrier, der eine schon etwas betagt und behäbig, aber eine echte Seele, der andere ein Energiebündel, wie die Welt es noch nicht gesehen hat. Das liebste Spielzeug von Jack, dem Energiebündel ist ein Tennisball, dem er wie ein geölter Blitz hinterher jagt, wenn man ihn wirft oder noch besser kickt. Das macht er stundenlang, ohne müde zu werden. Und wenn der Mensch dann nicht mehr kann, setzt er sich mit dem Ball vor ihn hin und wartet. Hin und wieder rollt er den Ball dann mit der Schnauze ein Stück näher, um seiner Motivation Ausdruck zu verleihen. Wer kann da noch widerstehen?

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Ganz so heil ist die Welt dann allerdings doch nicht, denn ein menschliches Familienmitglied kann nicht bei uns sein. Unsere Gastgeber haben einen Sohn, der nun in Australien lebt, nachdem er nach seiner Ausbildung in Südafrika keinen Arbeitsplatz finden konnte. So ergeht es immer mehr weißen Südafrikanern seit der Abschaffung der Apartheit und aufgrund diverser Bemühungen zur Gleichstellung der schwarzen Bevölkerung – zuletzt durch den Black Economic Empowerment Act (BBE) von 2003. Das soll für uns selbst später noch zum Problem werden, als wir versuchen, in Kapstadt Jobs zu finden.

Aber noch einmal zurück zu den Drakensbergen, denn sie sind bekannt für die klare Luft abseits dichter Besiedlung, die Vielfalt ihrer Gebirgsformationen, die zahlreichen Wasserfälle, die Vogelwelt und die vielen Wildblumenarten. Obwohl es Herbst und das Grasland schon braun ist, finden wir eine beeindruckende Pflanzenvielfalt vor, darunter verschiedene Distel- und Proteenarten. Die Königsprotea, deren Blüte einen Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern erreichen kann, ist Südafrikas Nationalblume, ihre Farbenpracht einzigartig in der Pflanzenwelt.

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Rocky Bay bei Durban

Vom Krüger National Park aus haben wir Johannesburg, mit rund vier Millionen Einwohnern größte Stadt Südafrikas, aber auch die Stadt mit der weltweit höchsten Kriminalitätsrate, rechts liegen lassen und Swasiland durchquert. Nun sind wir mit Fernziel Kapstadt unterwegs auf der N2, Südafrikas wichtigster Nationalstraße entlang der Küste des Indischen Ozeans.

In den vergangenen Tagen hat es viel geregnet, so dass es in Swasiland für uns keinen Anlass zum Verweilen gab. Swasiland hält einen traurigen Rekord: Es ist das Land mit der weltweit höchsten AIDS-Rate von über 40 Prozent. Generell hat das südliche Afrika die weltweit höchsten AIDS-Raten. Südafrika selbst hat eine AIDS-Rate von rund 20 Prozent.

In St. Lucia, einem kleinen Ort auf einer schmalen Landzunge an der Mündung der Lake St. Lucia Lagune, haben wir uns ein paar Tage erholt, die weitläufigen Strände genossen und dabei aufgepasst, dass wir den Flusspferden und Krokodilen in der Lagune nicht zu nahe zu kamen. Der Hafenstadt Durban, nach Johannesburg mit rund drei Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt und der wichtigste Industriehafen Südafrikas, haben wir nur einen kurzen Besuch abgestattet, denn das industriell geprägte Stadtbild außerhalb des Zentrums ließ uns vorzeitig umkehren und weiterfahren.

Schließlich campen wir südwestlich von Durban auf einem Campingplatz in der Rocky Bay. Die Naturgewalten haben freien Lauf, und die Bucht bietet uns dramatische Ausblicke auf stürmische See.

Rocky Bay bei Durban

Rocky Bay bei Durban

Rocky Bay bei Durban

Rocky Bay bei Durban

Rocky Bay bei Durban

Safari im Krüger Nationalpark

Wer durch Afrika reist, hat meist vor allem eines im Sinn: die Big Five zu sehen. Die Big Five, das sind Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard. Unverständlich, weshalb der Gepard nicht dazugehört. Der Gepard, der in Afrika auch Cheetah genannt wird, ist das schnellste Tier der Erde. Auf kurze Distanz erreicht er unglaubliche Geschwindigkeiten von über 100 bis 120 Stundenkilometern.

Uns war es bisher leider noch nicht vergönnt, einen Gepard zu sehen, und auch von den Big Five fehlt uns noch das Nashorn. Unsere Löwensichtung war auch nur aus der Ferne, und hat den Bedarf noch nicht gedeckt. Doch wir haben beste Chancen, alles noch zu sehen, denn wir haben Südafrika erreicht, und der Krüger Nationalpark lockt mit seiner einzigartigen Flora und Fauna. Mit einer Fläche von über 20.000 Quadratkilometern ist der Krüger Nationalpark etwa so groß wie Wales und nur unwesentlich kleiner als Kenias Tsavo. Aus dem Verbund mit weiteren, riesigen Naturschutzgebieten in Mosambik und Simbabwe ist eines der größten Wildschutzgebiete in Afrika entstanden: der Limpopo Transfrontierpark.

Der Krüger Nationalpark an der Grenze zu Mosambik beheimatet so ziemlich alles, was es in Afrika an Tieren zu sehen gibt – unter anderen die Big Five und den Geparden. Insgesamt sind es etwa 150 Säugetier-, 500 Vogel-, 100 Reptilien-, 50 Fisch- und 30 Amphibienarten. Dazu kommen über 300 Arten von Bäumen und unzählige weitere Pflanzenarten. Offiziell gegründet wurde der Park schon 1926 aus zwei Wildschutzgebieten, die schon um die Jahrhundertwende zu solchen erklärt worden waren. Die dort lebenden Menschen wurden damals zwangsumgesiedelt. Heute schafft der Park zahlreiche Arbeitsplätze, und der Tourismus bringt viel Geld in die Region.

Krüger Nationalpark

Landschaftlich erweist sich der Krüger Nationalpark subjektiv dennoch als weit weniger abwechslungsreich, als erwartet. Es dominiert flaches Buschland, das nur gelegentlich von Flusslandschaften und kleinen Erhöhungen durchzogen wird. Tiere sieht man mitunter stundenlang nicht, besonders während der heißen Mittagsstunden, wenn sie sich irgendwo im Schatten oder im hohen Gras ausruhen. Der Park ist also eher nichts für einen Kurztrip. Ein paar Tage sollte man sich schon Zeit nehmen. Und das ist das Schöne am Krüger Nationalpark: Die portemonnaiefreundliche Preispolitik erlaubt es so gut wie jedem Geldbeutel, sich fast beliebig lange im Park aufzuhalten. Voraussetzung ist lediglich der Erwerb einer Wildcard, die ein ganzes Jahr lang die unbegrenzte Nutzung dieses und unzähliger weiterer Nationalparks und Naturreservate in Südafrika erlaubt. Zum Vergleich: Für den Kaufpreis der Wildcard, kann man in Kenia gerade einmal zwei Tage lang einen Park der niedrigsten Preiskategorie besuchen, in Tansania sogar nur einen Tag lang. In Südafrika steht dem ungetrübten Naturgenuss also nichts im Wege, denn der Besucher muss nicht permanent mit einer imaginären Stoppuhr herumlaufen und kann sich stundenlang für ein Tier Zeit nehmen, wenn er möchte. Auch die Camps innerhalb des Parks machen den Besucher nicht über Nacht arm. Ungetrübt können sich Touristen und Einheimische allabendlich ihrem geliebten Braai hingeben, dem Grillen.

Besonders genießen wir das nicht existierende Zeitlimit an den Ausstiegspunkten, die sich meist an den Flusslandschaften befinden, um in aller Ruhe Flusspferde und Krokodile zu beobachten. Eine ganze Stunde lang folgen wir fasziniert dem wilden Treiben einer Gruppe Paviane, die hier Baboons genannt werden. Aus allernächster Nähe können wir ein großes Rudel von Löwinnen beobachten. Wir sehen unser erstes Löwenmännchen mit seiner majestätischen Mähne und endlich auch die ersten, lang ersehnten Nashörner, Breit- und Spitzmaulnashörner in freier Wildbahn. Wie mächtig und gleichzeitig sanftmütig ihre urzeitliche Erscheinung ist mit den gewaltigen Hörnern und den gutmütigen Augen. Eine Begegnung mit einer Nashornmutter und ihrem Jungen wird uns für immer besonders lebhaft in Erinnerung bleiben, als das Junge sich von seiner Mutter davonstiehlt, um, noch etwas tollpatschig, unserem Sprinter nachzulaufen, ihn für einen prima Spielkameraden haltend. Entsetzt eilt die Mutter ihrem Nachwuchs hinterher, doch bei ihrem Körpergewicht hat sie es schwer, mit ihm mitzuhalten. Schließlich gelingt es ihr aber doch, den Ausreißer einzuholen und ihn in den Busch zurückzubeordern, wo beide nach wenigen Metern im Dickicht verschwinden. Tierherz, was willst Du mehr. Nur die Geparde weigern sich standhaft, sich blicken lassen.

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Wandern im Blyde River Canyon

Von Tofo sind wir nach Maputo, Mosambiks Hauptstadt im äußersten Süden des Landes, gefahren und haben einen kurzen Zwischenstop gemacht. Dann haben wir Richtung Westen die Grenze zu Südafrika überquert. Im grenznahen Städtchen Nelspruit treffen wir seit langer Zeit auf den ersten Supermarkt – eine richtige Shopping Mall –, und unsere Begeisterung über volle Regale ist riesig. Zu Hause ist das Einkaufen im Supermarkt eine lästige Pflicht, nach Monaten in Afrika ist es eine wahre Wonne. Weiß und Schwarz gehen hier in Nelspruit wie selbstverständlich im selben Supermarkt einkaufen.

Von Nelspruit geht es dann allerdings auf kleinen Straßen weiter Richtung Norden um den Krüger Nationalpark herum, und es ist nichts mehr zu sehen von schwarz-weißer Einheit. Nur wenige Schwarze haben es in den Städten zu Wohlstand gebracht. Die ländlichen Gebiete sind meist im Besitz weniger weißer Farmer, für die die schwarze Bevölkerung arbeitet. Entsprechend argwöhnisch werden wir beäugt, während wir uns unseren Weg zum nördlichen Eingang des Krüger Nationalparks bei Olifants suchen.

Auf halber Strecke erreichen wir das Blyde River Canyon Nature Reserve, um dort zu übernachten und am nächsten Tag zu wandern. Zu unserer Wanderung am nächsten Tag kommt es allerdings nicht, denn der Weg ist derzeit nicht begehbar. Schade, denn der Blyde River Canyon liegt in einer wunderschönen Landschaft, die Lust auf mehr von Südafrika macht.

Blyde River Canyon

Blyde River Canyon

Tauchen in Tofo

300 Kilometer südlich von Vilankulo liegt Tofo, ein Aussteigerort in einer Bucht mit kräftiger Brandung. Das pulsierende Herz des kleinen Fischerdorfs ist ein quirliger Markt mit Obst- und Gemüseständen und kleinen Lebensmittelbuden. Es duftet nach gegrillten Köstlichkeiten aus Fisch und Fleisch, die auf kleinen selbstgebauten Holzkohlegrills zubereitet werden. 
Lange haben wir uns auf das Tauchen in Tofo gefreut, denn mehr noch als Vilankulo ist Tofo berühmt für weltklasse Tauchen. Es soll hier ein schier endloses Angebot unterschiedlichster Riffe geben. Die Perle dieses Tauchparadieses ist das Manta Reef, an dem man Mantarochen so gut beobachten kann wie nirgendwo sonst. Und Walhaie soll es auch geben.

Bei Einbruch der Dunkelheit kommen wir in Tofo an und fahren uns auf dem Camp-Gelände der Bamboozi Beach Lodge gleich einmal im weichen Sand fest. Wieder einmal heißt es Spaten und Sandbleche auspacken und schaufeln.

Bamboozi Beach Lodge

Müde schälen wir uns aus dem Bett und gehen hinüber zu Liquid Adventures, der Tauchbasis des Bamboozi und buchen ein Paket mit zehn Tauchgängen.

Liquid Adventures

Dann präparieren wir unsere Ausrüstung und legen sie auf die Ladefläche eines total verrosteten Pickups. Die Karre macht einen Höllenlärm und hört sich an wie ein Dragster. Das Tauchboot – ein Zodiac-Schlauchboot mit Festrumpf und zwei monströsen Außenbordmotoren –, wird hinten angehängt, und über eine steile Rampe geht es hinunter an den Strand. Das Boot wird zu Wasser gelassen und die Ausrüstung darin verstaut. Dann heißt es alle Mann ins Wasser, das Boot über die ersten Kämme der hereinbrechenden Wellen ziehen, schnell hineinspringen und mit Vollgas los, bevor das Boot aus der Richtung gedreht und an den Strand zurückgespült wird.
Mit rasantem Tempo geht es hinaus zum Giants Castle, und wir lassen uns mit einer Rückwärtsrolle über die Schlauchbootswand in das angenehm warme Wasser fallen. Wir sind noch nicht einmal bis zum Grund abgetaucht, als unser Tauchführer Will schon mit ausgestrecktem Arm an uns vorbei deutet: Ein großer Mantarochen gleitet erhaben durch das klare Azurblau! Das Wasser ist fast vollkommen frei von Schwebepartikeln, die Sicht ist exzellent. Erst als die Konturen des Mantas in der Ferne langsam verschwimmen, nehmen wir die tausenden, schwarz-blauen Drückerfische wahr, die sich um uns verteilt haben. Der karge Grund ist übersäht mit einzeln stehenden, schwammartigen Korallen, die ihn wie eine Mondlandschaft aussehen lassen. Wir fühlen uns buchstäblich wie im Aquarium.
Während wir langsam über den Grund gleiten, entdecken wir ständig Neues: einen perfekt getarnten Skorpionsfisch, Sepien, Seesterne, einen rot-weißen Federstern, eine blau-gelbe Seescheide, farbenprächtige Langusten und diverse Weichkorallenarten. Solche Tauchgänge sind es, die uns am liebsten alles vergessen und für immer unten bleiben lassen würden. Doch schließlich holt uns das Piepsen des Computers aus der Märchenwelt zurück in die Realität.

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Die nächsten Tauchgänge sind einer so schön wie der andere.

So zum Beispiel Sherwood Forest: Ein Weißbauch-Zackenbarsch und die Schwärme von Blaustreifen-Schnappern gefallen uns hier besonders. Der Weißbauch-Zackenbarsch döst neben einem roten Seestern auf dem felsigen Untergrund und lässt sich geduldig fotografieren. Sein im bewegten Wasser flimmerndes Wabenmuster hebt ihn derart von seiner Umgebung ab, dass es vollkommen surreal aussieht.

Sherwood Forest

Sherwood Forest

Sherwood Forest

Sherwood Forest

Oder Mikey’s Cupbard: Mikey’s Cupbard ist ein verspielter Tauchplatz in fünf bis zehn Metern Tiefe mit vielen kleinen Gängen und Winkeln, in denen es unzählige Meeresbewohner zu entdecken gibt: Muränen, Annemonenfische, Kraken, Rotfeuerfische, Seesterne, Trompetenfische, Krokodilsfische, Sandhaie und vieles mehr.

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Der Höhepunkt aller Tauchgänge ist natürlich das Manta Reef. Das Riff verdankt seinen Namen den Mantas, die die hier befindlichen Putzerstationen ansteuern. Auf einem großen Plateau in 20 Metern Tiefe liegen mehrere solcher „Waschstraßen“. Die Mantas umkreisen die Putzerstationen und lassen die Putzfische die Parasiten von ihrer Haut knabbern.
Mit Jay, unserem Tauchführer, der sich trotz seiner Erfahrung bei jedem Tauchgang immer noch begeistern kann wie beim ersten Mal, hocken wir auf dem Grund eines sandigen Grabens und beobachten andächtig das Schauspiel, das sich uns bietet. Wie Raumschiffe umkreisen uns die sanften Riesen zum Greifen nah, und wir müssen aufpassen, das wir vor Staunen nicht unsere Atemregler aus dem Mund verlieren. Alles um uns herum gerät in Vergessenheit, und wir werden eins mit dem Element – bis uns wieder einmal das warnende Piepsen des Tauchcomputers aus unserer Trance holt.

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Als wäre das nicht schon genug, haben wir auf dem Rückweg von unserer Tauchexkursion dann auch noch das Glück, einen Walhai zu sehen. Mit Maske, Schnorchel und Flossen springen wir ins Wasser und können ihm ein paar Minuten lang folgen. Etwa fünf Meter ist er lang und damit noch recht klein, aber trotzdem schon beeindruckend groß. Er schwimmt zum Greifen nahe unter uns, dicht unter der Wasseroberfläche.
Einmal einen Walhai zu sehen, das war Christianes sehnlichster Reisewunsch. Nun muss sie sich einen neuen Wunsch ausdenken. Wie wäre es, mit einem Eisbären zu flirten?

Eine kurze Rückkehr in die Realität gibt es nach einem unserer Tauchgänge übrigens, als uns an der Wasseroberfläche ein Anblick ganz anderer Art erwartet: dicke Rauchschwaden, die hinter einer der Dünen in der Nähe des Bamboozi emporsteigen. Sofort machen wir uns auf den Weg zurück. Bange Minuten vergehen, in denen niemand sagen kann, ob es sich tatsächlich um das Bamboozi handelt. Beim Näherkommen gibt es dann endlich Entwarnung, aber das Nachbarresort steht lichterloh in Flammen. Die Gebäude bestehen hier meist aus einfachen Holzkonstruktionen und Strohdächern. Ein Feuer breitet sich blitzschnell aus und macht in Windeseile alles dem Erdboden gleich. Eine Feuerwehr gibt es ebenso wenig wie ein Krankenhaus, wobei ohnehin zweifelhaft ist, ob sie etwas hätte ausrichten können. Das sind die Schattenseiten des Lebens im Paradies.

Tauchen in Vilankulo

Allseits ist zu hören, wie schön die Landschaft Mosambiks sei. Auf dem Weg von Mocuba nach Vilankulo war davon allerdings nicht viel zu sehen. Einziger Höhepunkt war das Gorongosagebirge, das auf knapp halber Strecke majestätisch aus dem ansonsten flachen und öden Buschland aufragt. Dort allerdings fanden wir dort kein Camp, in dem wir hätten übernachten können. So mussten wir in die Dunkelheit hinein fahren, bis wir einen sicheren Ort für die Nacht gefunden hatten. Von Nachtfahrten ist in Afrika generell abzuraten. Wir hatten Glück, als wir durch einen Ort fuhren, dass wir jemanden, der unvermittelt auf der Straße saß und sich dort vermutlich auf dem Asphalt wärmte, nicht überfahren haben. Nicht auszudenken, was sonst passiert wäre.
Die Schönheit Mosambiks liegt eher an der Küste und im subtropisch-wilden Norden, den wir wegen der von heftigen Regenfällen hinfortgespülten Straßen umfahren mussten. Auch weiter unten im Süden wird es dann wieder schöner, topografisch abwechslungsreicher und mit Palmenhainen so weit das Auge reicht.

Vilankulo ist ein kleines Fischerdorf an der Schwelle zum beliebten Ferienort. Noch hat es jedoch eher den Status eines Geheimtipps. Malerisch liegt vor uns die flache Bucht, aus der sich das Wasser bei Ebbe kilometerweit zurückzieht. Durch dieses Phänomen entsteht ein schier endloser Strand, auf dem verstreut die bunten Dhows – einmastige Fischerboote mit einfachen dreieckigen Segeln, – liegen wie angespülte und in Vergessenheit geratene Wracks. Zurück bleiben vom Wasser nur einzelne große Priele, in denen man schwimmen oder die man umwandern kann. Allzu weit hinauswandern sollte man allerdings nicht, denn die Flut kommt ebenso schnell wie die Ebbe geht, und urplötzlich sieht man sich kilometerweit draußen von geschlossenen Wassermassen umringt, die sich von allen Seiten nähern.

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Noch ist die Straße, die nach Vilankulo führt, zu schlecht, um größere Scharen Touristen hierher zu locken. Am Straßenrand stehen immer wieder Kinder, werfen eine Schippe Sand auf eines der unzähligen Schlaglöcher und wollen Geld dafür. Ferien machen in Mosambik vor allem Südafrikaner. Für sie ist Mosambik bequem mit dem Auto zu erreichen, die Küste ist subtropisch malerisch und die Preise verhältnismäßig niedrig. Verglichen mit Kenia und Tansania sind die Preise allerdings schon erschreckend hoch.
Eine tourismusgeeignete Infrastruktur gibt es in Vilankulo bereits, wenngleich der Ort vor einem Jahr einen herben Rückschlag wegstecken musste. Ein Zyklon mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 240 km/h fegte fünf Tage lang unbarmherzig über den kleinen Ort hinweg und machte ihn nahezu dem Erdboden gleich. Die meisten Zyklone bleiben an Madagaskar hängen oder treffen auf den Norden Mosambiks. Doch alle paar Jahre ereignet es sich, dass ein Zyklon an Madagaskar vorbeizieht, seine Richtung ändert und Kurs auf Vilankulo nimmt. Auch heute, ein Jahr nach dem letzten Zyklon, der sich genau so verhalten hat, sieht man noch überall in Vilankulo die stummen Zeugen der Verwüstung, dächerlose Grundmauern ehemals stattlicher Gebäude, bizarr verbogene Stahlskelette einstmaliger Lagerhallen und zerschmetterte Dhows.

Vor der Küste Vilankulos liegen der Bazaruto-Archipel und ein Riff von Weltklasseformat, Cabo San Sebastian. Es zu betauchen, dazu sind wir hergekommen. Leider haben wir jedoch einen schlechten Zeitpunkt erwischt. Aufgrund der dortigen Gezeiten- und Strömungsverhältnisse kann das Riff nur in einem Zwei-Wochen-Zyklus betaucht werden. In den kommenden zwei Wochen wird es zu gefährlich sein, zum Riff hinaus zu fahren. Das Riff liegt – von der Küste aus gesehen – hinter zwei vorgelagerten Inseln und bildet dazwischen einen Kanal, durch den die Wassermassen mit enormem Druck gepresst werden. Dadurch bilden sich extrem starke Strömungen, und die Wellen türmen und brechen sich so hoch über dem Riff, dass sie selbst für ein Speedboot unpassierbar werden. So nehmen wir schweren Herzens mit der zweiten Wahl vorlieb, dem 2-Mile-Reef. 2-Mile-Reef liegt ebenfalls hinter zwei Inseln, bildet aber einen geschlossenen Komplex. So kommt es dort nicht zu einer Düsenwirkung, und das Riff kann meistens betaucht werden.

Doch erst einmal werden wir in die Gesellschaft Vilankulos eingeführt. Auf der an und für sich heruntergewirtschafteten, aber dennoch netten Campsite Baobab Beach, die ihren Namen dem mächtigen, altehrwürdigen Baobab-Baum verdankt, unter dem nun unser Sprinter steht, lernen wir den Südafrikaner Barry kennen.

Tauchen in Vilankulo

Seit nunmehr zwölf Jahren begeleitet Barry Reisegruppen in großen Overland-Trucks kreuz und quer durch Afrika. Sein Traum ist es, eines Tages die Antarktis zu bereisen. Sein unterbezahlter, aber erfüllender Job bringt es mit sich, dass Barry zu fremden Menschen schnell eine gute Beziehung aufbauen kann. Er schließt uns und wir ihn sofort ins Herz. Noch am selben Abend lädt er uns ein, mit ihm und seinen Freunden ins Smugglers zu kommen.
Das Smugglers ist der beliebteste Treffpunkt in Vilankulo, eine Kneipe im Stil eines englischen Pubs, dunkel und verraucht, aber mit Seele. Drinnen gibt es eine lange, gut sortierte Bar, Stehtische mit Barhockern und einen Billardtisch, der pausenlos in Beschlag genommen ist. Die Decke ist vollgekritzelt mit zahllosen Sprüchen. Am besten gefällt uns ein Spruch, der das Leben in Afrika und Europa auf geniale Weise verbildlicht:

Europe has the clock, Africa has the time.

Aktuelle Musik und moderne Klassiker tönen aus den Lautsprechern und machen Lust, das Tanzbein zu schwingen. Draußen, auf der Veranda, stehen weitere Tische, an denen man gemütlich sitzen, essen und klönen kann.
Barry führt uns in seinen Freundeskreis ein wie alte Freunde. Renoir und Dennis betreiben die beiden Diveshops am Ort und sind demnach Konkurrenten. Doch bis auf kleine Neckereien ist davon nichts zu spüren. Renoir kommt aus Südafrika und ist schon vor zehn Jahren in Vilankulo hängen geblieben. Er liebt das Tauchen an diesem Ort und die feuchtfröhlichen Abende im Smugglers. Dennis, den Franzosen, hat es nach fünfjähriger Weltreise, die ihn nach Barcelona, Südostasien und Madagaskar geführt hat, ebenfalls zum Tauchen nach Vilankulo verschlagen. Am besten gefallen hat ihm eigentlich Madagaskar, aber die Infrastruktur auf der Insel sei einfach zu schlecht. Vor knapp einem Jahr hat er sich dann entschieden, den Diveshop, der an Baobab Beach angegliedert ist, zu übernehmen. 100.000,- Euro hat er in den Shop, Ausrüstung, Geländewagen und zwei Schnellboote investiert.
Baobab als Standort hat sich jedoch schnell als Problem herausgestellt. Nach dem Zyklon wurde Baobab nur halbherzig wiederaufgebaut, und es wird seitdem auch nur noch halbherzig betrieben. Der Besitzer sitzt irgendwo in Südafrika und kümmert sich kaum noch ums Geschäft. Wahrscheinlich spekuliert er auf einen Verkauf des Grundstücks, denn die Preise in Vilankulo steigen derzeit enorm. Unterdessen wirtschaften seine Angestellten den Laden mit atemberaubendem Tempo herunter. Einzig die Küche gibt sich noch wirklich Mühe, während die Bar langsam den Bach hinunter geht und der gesamte Ort verwahrlost. Nur Dennis Generator ist es zu verdanken, dass es an der Bar seit langer Zeit überhaupt einmal wieder kalte Getränke gibt. Trotzdem vergammeln die Spirituosen im Regal, denn die Angestellten sind zu bequem, für Eis zu sorgen. Überhaupt machen die meisten Angestellten kaum einen Finger krumm und hängen stattdessen lieber an der Bar herum. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass die meisten Gäste nicht lange bleiben – und mit ihnen gehen in persona die potenziellen Kunden des Diveshops.
Gerade ist Dennis dabei, weitere 30.000,- Euro in ein eigenes Grundstück weiter außerhalb des Ortskerns zu investieren. Durch den Berliner Ulf, der im Smugglers zu unserer Gesellschaft hinzu stößt, erfahren wir auch, wie der Grundstückhandel in Mosambik funktioniert. Ulf ist Stadtplaner und war nach seinem Studium in Deutschland zwei Jahre arbeitslos. Dann ist er auf ein Jobangebot des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) in Mosambik gestoßen. Seither ist er als Assessor dos Municípios zuständig für Catandica und Manica.

Wir: „Wir hätten gar nicht vermutet, dass in einem Land wie Mosambik auf Stadtplanung Wert gelegt wird. Wenn man zum Beispiel Mocuba nimmt: Das sieht nicht gerade nach Stadtplanung aus.“

Ulf: „Doch, doch, auf Stadtplanung wird durchaus Wert gelegt. Allerdings hat Stadtplanung hier mehr den Aspekt der Konfliktbewältigung. Dabei muss man grundsätzlich mit allem rechnen. Stellt Euch vor, jemand installiert an einer öffentlichen Straße eine Schranke und fängt an, Wegzoll zu erheben. So etwas kommt hier durchaus vor. Oder ein Anwohner beschließt, dass auf der Straße doch genügend Platz sei, um seine Latrine dort aufzustellen. Dies sind Fälle, mit denen wir uns hier beschäftigen müssen. Und genau das macht für mich den Reiz aus. Ich bin hier mehr Konfliktbewältiger als Planer.“

Wir: „Das ist ja kurios. Über mangelnden Unterhaltungswert kannst Du Dich dann ja nicht beklagen. Wie funktioniert eigentlich der Grundstücksmarkt in Mosambik?“

Ulf: „Offiziell gibt es in Mosambik keinen Grundstücksmarkt. Jedes Stück Land, das vom Staat zur Vergabe ausgeschrieben wird, kann grundsätzlich gegen eine geringe Gebühr auf den eigenen Namen registriert werden, auch auf Ausländer. Damit erhält derjenige eine 99 Jahre währende Pacht. In der Praxis stellt es sich allerdings so dar, dass sich erst einmal Amtsträger und Lokalprominenz an den besten Grundstücken bedienen: Bürgermeister, Stadtrat, hohe Beamte und Vorsitzende wichtiger gesellschaftlicher Institutionen sowie deren Brüder, Vettern und sonstige Verwandte. Die Pacht kann aber auf eine andere Person umgeschrieben werden. In der Realität funktioniert der Grundstückshandel dann so: Da die Grundstücke selbst nicht verkauft werden dürfen, sondern nur darauf befindliche Gebäude, und ungenutzte Grundstücke außerdem an den Staat zurückgehen, baut man darauf eine Behausung jedweder Art, im einfachsten Fall eine Strohhütte, die nicht einmal dem nächsten Sturm standhalten würde. Dann lässt man Verwandtschaft oder Freunde darin wohnen. Wenn man dann irgendwann verkaufen möchte, verkauft man die Hütte zum Schwarzmarktwert des Grundstücks und überschreibt letzteres auf den Käufer.“

In der Praxis gibt es für den Käufer allerdings zusätzlich zu berücksichtigen, dass alles Land, wenn auch nicht offiziell vom Staat, aber inoffiziell von den ansässigen Stämmen verteilt wurde. Das bedeutet, jedes Stück Land hat bereits einen inoffiziellen Besitzer mit vielen Brüdern, Schwestern, Cousins und Cousinen. So muss der weiße Interessent sich zunächst an diesen wenden und ihm die Registrierungsgebühr entrichten. Der inoffizielle Besitzer lässt das Land dann offiziell auf sich registrieren und überträgt es beim späteren Kauf auf den Anwärter.

Kuriositäten kann man hier allerdings auch auf anderen Märkten erleben, so zum Beispiel dem Obst- und Gemüsemarkt. Als wir an einen Stand gehen und uns umsehen, kommt ein Afrikaner herbeigeeilt und beginnt uns zu bedienen. Bananen und Avocados liegen bereits in unserem Einkaufskorb, als ein zweiter Afrikaner dazukommt und sich zwischen ersteren und uns stellt. Es entwickelt sich eine heftige Diskussion zwischen den beiden. Wir bekommen allmählich ein wirklich schlechtes Gefühl und drängen darauf zu zahlen. Beide drehen sich zu uns um und halten die Hand auf. Uns ist noch nicht klar was da gerade abläuft, und wir drücken demjenigen, der uns bedient hatte, einen Geldschein in die Hand. Er entschuldigt sich, um das Wechselgeld zu besorgen. Unterdessen erklärt uns der andere, dass er der Besitzer des Marktstands sei. Die Preise seien auch geringer, als die vom ersten verlangten. Der sei nur darauf aus, auf seine Kosten ein Geschäft zu machen.
Während wir ein paar Minuten auf die Rückkehr des Betrügers warten, haben wir uns in der Zwischenzeit von unserem Wechselgeld bereits verabschiedet. Doch tatsächlich taucht der Typ doch noch auf. Er kann nicht passend herausgeben und offeriert uns einen Schein, auf den wiederum wir Wechselgeld herausgeben sollen. Als wir den Schein nehmen, geraten die Verkäufer erneut in eine heftige Diskussion. In der Zwischenzeit scharen sich mehr und mehr Schaulustige um uns herum. Schließlich ruft uns der Besitzer zu, wir sollten den Schein einstecken – er werde das regeln – und sehen, dass wir wegkommen.
Wir machen uns wie geheißen aus dem Staub und gehen ein paar hundert Meter. Als wir uns umdrehen, müssen wir erschrocken feststellen, dass uns der Scheinverkäufer mit einem Kumpel im Schlepptau dicht auf den Fersen gefolgt ist.
„Give me my money!“
„As far as we’ve seen that was not your shop!“
„We have a deal, give me my money!“
„Your are not the owner, so we don’t have a deal!“
Glücklicherweise kommt in dem Moment der Besitzer angelaufen und hält den Scheinverkäufer zurück.
„Go, it’s allright!“
„Allright“ ist hier gar nichts, aber es bleibt uns nichts anderes übrig als erneut Land zu gewinnen. Sich in Afrika auf offener Straße in einen Konflikt verwickeln zu lassen, kann unter Umständen böse enden. Schwarzafrikaner können eine unberechenbare Gruppendynamik entwickeln. In Dar es Salaam war nur wenige Tage vor unserem Aufenthalt ein Junge von einem wütendem Mob auf offener Straße mit Benzin übergossen und verbrannt worden, weil er ein Mobiltelefon gestohlen hatte. Per Gesetz darf Dieben in Tansania noch heute die Hand abgeschlagen werden. Dies im Hinterkopf, beschleunigen wir dieses Mal unsere Schritte, und alle paar Meter drehen wir uns um und vergewissern uns, dass der Typ uns nicht wieder gefolgt ist. Er ist es nicht, und nach ein paar hundert Metern können wir aufatmen. Langsam wird uns klar, weshalb man die weißen Einwohner hier nie auf offener Straße, sondern immer nur in ihren Geländewagen antrifft. Vielleicht ist es auch Bequemlichkeit, wie wir immer vermutet hatten, aber es gibt noch einen triftigeren Grund: die eigene Sicherheit.

Nun gut, eigentlich sind wir ja zum Tauchen hier. Aber auch da läuft es nicht ganz so, wie wir uns das vorgestellt haben. Normalerweise fährt man mit dem Boot gemütlich raus, macht einen Tauchgang, Mittagspause und dann noch einen Tauchgang und fährt dann gemütlich wieder zurück. Fahren tun wir allerdings erst einmal gar nicht. Einer der beiden Motoren will nicht anspringen. Eine Sicherung ist durchgebrannt. Der Mechaniker tauscht sie aus und der Motor startet. Aber beim ersten Test will er wieder nicht anspringen. Die Sicherung ist erneut durchgebrannt. Die Sicherung wird nochmals ausgetauscht. Der Motor lässt sich starten – ein erstes, ein zweites Mal. Anscheinend genug getestet – los geht’s mit der ersten Stunde Verspätung.
Um wenigstens einen Teil davon wieder aufzuholen, gibt der Steuermann die ganze Fahrt von einer halben Stunde über Vollgas. Mit 50 km/h Höchstgeschwindigkeit fliegen wir über die glücklicherweise noch recht sanften Wellen. Trotzdem müssen wir uns verkrampft an den Halteleinen festhalten. Wer schon einmal in einem Schnellboot gesessen hat weiß, dass 50 km/h auf dem Wasser nicht wenig sind. Die beiden PS-Boliden und die Leichtbauweise des Schlauchboots machen es möglich.

Tauchen in Vilankulo

Schließlich kommen wir an der Insel an, an der die Schnorchler abgesetzt werden und von der die Taucher dann zum Riff hinaus fahren. Wieder gibt es Probleme mit dem Motor, wieder wird nur etwas an den Symptomen repariert. Dann geht es durch raue See in Richtung Riff, und erneut streikt der Motor – aber dieses Mal auf offener See. Wir Taucher machen deutlich, dass wir so nicht zum Riff fahren wollen. Es wäre zu gefährlich. Wenn der andere Motor dann auch noch streiken würde, würden wir reaktionsunfähig auf das Riff geworfen und an den scharfkantigen Felsen zerschellen. So fahren wir schließlich mit nur einem Motor zurück zur Insel.
Dort treffen wir auf ein anderes Boot, und die Besatzung sieht sich das Problem an. Nach nur wenigen Minuten scheinen sie den Schaden repariert zu haben. Wie sich später herausstellt, haben sie tatsächlich jedoch lediglich die Sicherungen überbrückt.
Dies aber noch nicht wissend, geht es erneut raus, und tatsächlich kommen wir auch zu unserem ersten Tauchgang. Es ist ein schöner Drifttauchgang. Wie schwerelos hängen wir im Wasser und lassen uns von der Strömung wie in einem Fahrstuhl mitreißen. Zum ersten Mal in unserem Leben sehen wir Teufelsrochen.

Tauchen in Vilankulo

Dann geht es zurück zur Insel, um die Schnorchler einzusammeln – jedoch nicht ohne weitere Zwischenfälle. Durch das Überbrücken der Sicherung hat der Anlasser des schadhaften Motors eine Überspannung abbekommen, die wahrscheinlich von einem Kurzschluss verursacht worden ist – der eigentlichen Ursache des ganzen Malheurs. Immerhin lässt sich der Motor nach einigen Versuchen manuell starten. Der zweite Tauchgang hat sich damit nun jedoch endgültig erledigt, und nachdem wir die Schnorchler eingesammelt haben, geht es auf direktem Weg und wieder mit Höchstgeschwindigkeit zurück nach Vilankulo. Da die Wellen in der Zwischenzeit auch hier erheblich aufgefrischt haben, geht es dem einen oder anderen Bootsinsassen die ganze Fahrt über bemitleidenswert schlecht. Aber es lässt sich auch noch etwas Positives aus diesem Tauchtrip berichten: Die Insel war wunderschön, denn Bazaruto wird im Süden von einer gewaltigen Sanddüne flankiert, von der man einen Rundumblick über den malerischen Archipel hat.

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Als wir auf der Düne saßen, kamen wir außerdem mit einem der anderen Taucher ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er in einem Landminenräumkommando arbeitete. Zu den Hinterlassenschaften des Bürgerkriegs in Mosambik zählen landesweit minenverseuchte Landstriche. Der Norden Mosambiks gilt inzwischen als minenfrei. Fünf Jahre intensiver Arbeit von Hundertschaften Freiwilliger hat es gekostet. Der Einsatz von Maschinen ist bei den hiesigen Treibstoffpreisen auf europäischem Niveau zu teuer (der Sprit muss aus Südafrika importiert werden). Außerdem zerstört das schwere Gerät die Oberflächenstruktur der Böden und macht sie auf Jahre hinaus unfruchtbar. Glücklicherweise handelt es sich bei den in Mosambik gelegten Minen um ehemalige sowjetische Armeebestände, alte Modelle mit Metallapplikationen, die mittels Detektoren zuverlässig entdeckt werden können. Was die Arbeit trotzdem enorm aufwändig macht ist das Problem, dass neben den Minen unzählige weitere Metallrückstände im Boden verborgen sind, die bei der Ausgrabung die gleiche vorsichtige Vorgehensweise erfordern wie diese diabolischen Waffen selbst. Weitere fünf Jahre wird es dauern, den Süden Mosambiks wieder zu einer sicheren Umgebung zu machen. Noch sind viele Ortschaften von 50 m breiten Minengürteln umgeben, die sie an einer Expansion hindern sollten. Circa 2.500 Minenfelder werden alleine in der Urlaubsregion um Inhambane vermutet. Und ausgerechnet da wollen wir hin.

Zu Gast bei ADRA in Mocuba

Wir sind völlig erschöpft, als wir Mocuba in Mosambik erreichen. Den ganzen Tag lang wurden wir auf einer schlaglochübersähten Piste durchgeschüttelt, die über 200 km von der malawisch-mosambikanischen Grenze ins Landesinnere führt. Manche der Löcher waren so breit wie die Piste selbst und so tief, dass wir bis zur Motorhaube in die erdige Brühe eintauchten. Wir konnten nur erahnen, wo genau wir da eigentlich gerade hinein fuhren und wie tief es gehen konnte. Allzu vorsichtig hinein fahren konnten wir auch nicht, sonst hätten wir riskiert, auf der anderen Seite nicht wieder heraus zu kommen. Und wer will schon hilflos dabei zusehen, wie das Auto langsam mit rotbraunem Wasser voll läuft?

Der Tag hatte schon schlecht angefangen am malawischen Grenzposten, nachdem der Beamte vom Immigration Office den Einreisestempel in meinem Pass mit einem kurzen Blick geprüft hatte.
„Was glauben Sie, welcher Tag heute ist? Sie haben die maximale Aufenthaltsdauer des Transitvisums weit überschritten!“
„Es ist noch keine Woche her, seit wir nach Malawi eingereist sind. Wir haben ein Transitvisum für eine Woche bekommen.“
„Ist das da in Ihrem Pass etwa eine Sieben?“, fragt er mich provozierend und zeigt dabei auf eine nicht zu verkennende Zwei.
Im Pass steht ein nicht zu entziffernder, handschriftlicher Code, so etwas Ähnliches wie ‚TIP20-Y‘.
„Nein, das ist offenkundig eine Zwei.“
Der Beamte sieht sich triumpfierend bestätigt.
„Mich interessiert nicht, was da steht. Das ist ein für mich nicht zu entziffernder Code, und die Aussage des Einreisebeamten, wir hätten eine Woche, war unmissverständlich.“, entgegne ich aufgebracht.
„Im Pass steht ‚Transit Immigration Permit, 2 DAYS‘, und es steht absolut in Ihrer Verantwortung, sich über die Bedeutung zu informieren.“
„Es ist mir egal, was dort steht, solange es dort nicht im Klartext steht und mir unmissverständlich erklärt wurde, wir hätten eine Woche. Es ist gar nicht möglich, Malawi in zwei Tagen zu durchqueren.“
„Das ist sogar in nur einem Tag möglich.“, prahlt er.
„Wohl kaum!“, denke ich.
Selbst in zwei Tagen müsste man schon sämtliche Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen missachten und dabei die Gefährdung von Menschenleben in Kauf nehmen.
„Mag schon sein, aber nicht mit unserem Auto!“, zeige ich nach draußen.
Er überlegt einen Moment und nimmt wortlos Christianes Pass in Augenschein.
„Hier ist es richtig eingetragen: sieben Tage.“
„Na also, habe ich doch gleich gesagt.“, doch ich werde das Gefühl nicht los, dass das kein Versehen war.

Wenn wir erst einmal Mocuba erreicht haben, haben wir die Schlaglöcher hinter uns, dachten wir. Weit gefehlt. Von den ehemaligen Straßen sind eigentlich nur noch Schlaglöcher übrig. Keine Chance, sie zu umfahren. Dabei sieht Mocuba so aus, als ob es unter der portugiesischen Kolonialherrschaft eine wahre Blüte erlebt hatte. Koloniale Promenaden und Gebäude zeugen davon. Doch die Promenaden sehen aus, als ob Splitterbomben darüber niedergegangen wären. Anstelle von Straßen mit Schlaglöchern wäre es treffender, von Schlaglöchern mit gelegentlicher Teerumrandung zu sprechen. Zwei Promenaden führen annähernd parallel ins Zentrum. Die erste, für die wir uns entscheiden, endet jäh vor einem ehemals prunkvoll angelegten Kreisverkehr mit einem Monument in der Mitte und einem roten, fünfzackigen Stern darauf. Die Zufahrt zum Kreisverkehr ist auf beiden Straßenseiten durch tiefe, regenwassergefüllte Bombenkrater versperrt. Selbst ein Geländewagen würde darin vollkommen versinken. Seit dem Bürgerkrieg in den achtziger und frühen neunziger Jahren scheint hier nichts wiederaufgebaut worden zu sein. Die verfallenen Gebäude außerhalb des Stadtzentrums scheinen leblos. Wir haben das Gefühl, in eine Geisterstadt hinein zu fahren.

So verfallen sich die Stadt präsentiert, haben wir wenig Hoffnung, eine für unser Auto geeignete Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Niemand scheint Englisch zu sprechen, ausschließlich Portugiesisch. Beinahe haben wir die Suche schon aufgegeben, als wir auf Claudinei treffen, einen Brasilianer mit breitem Lächeln, der in Mocuba arbeitet.
Claudinei engagiert sich im Hilfsprojekt ADRA. ADRA betreibt Aufklärung zur Vorbeugung gegen Malaria und entsendet Mitarbeiter ins Umland Mocubas. Auch Claudinei ist einer von ihnen und sorgt außerdem für den seelischen Beistand bei ADRA.

ADRA

Für uns nimmt Claudinei sich alle Zeit der Welt, um uns bei ADRA herumzuführen und die Arbeit der Organisation vorzustellen. Wir sind erstaunt zu erfahren, dass die ansässigen Ärzte nur Malaria Tropica erkennen können. Wenn ein Patient mit einem anderen Malariaerreger infiziert war, wurde dies nicht erkannt. Heute verabreicht man sicherheitshalber Antimalaria-Cocktails, die sowohl Antibiotika als auch Chloroquine enthalten, um gegen alle Malariaerreger wirksam zu sein. Die Realität steht hier im krassen Widerspruch zu der häufigen, auch von Ärzten zu hörenden Aussage, in den betroffenen Ländern selbst könne dem Patienten stets am besten gegen Malaria geholfen werden. Im Zweifelsfall sollte man sich darauf nicht verlassen.

Besuch bei ADRA in Mocuba

Besuch bei ADRA in Mocuba

Besuch bei ADRA in Mocuba

Besuch bei ADRA in Mocuba

Durch Claudinei kommen wir auch zu einer Übernachtungsmöglichkeit. Er verschafft uns die Erlaubnis, auf dem Innenhof von ADRA zwischen all den Motorrädern und Geländewagen, mit denen die Mitarbeiter hinausfahren, übernachten zu dürfen. Wir danken ihm dafür herzlich, und so hat der Tag doch noch ein versöhnliches Ende genommen.

Besuch bei ADRA in Mocuba

Besuch bei ADRA in Mocuba

Entlang des Malawisees zur Monkey Bay

Die letzten Tage sind wir am Westufer des Malawisees entlang quer durch Malawi gefahren. Malawi gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, die Kindersterblichkeitsrate ist die weltweit höchste. Jetzt am Ende der Regenzeit präsentiert Malawi sich uns in voller Schönheit: grün, natürlich, bergig und nicht zu vergessen der tiefblaue Malawisee.
Der Malawisee erstreckt sich von Nord nach Süd durch fast ganz Malawi. Die Landschaft entlang des Malawisees wird agrarwirtschaftlich genutzt. Mais- und Reisfelder wechseln sich ab. Hinter Mzuzu folgen große Kautschukplantagen; Kinder und Jugendliche stehen überall am Straßenrand und verkaufen einfach gearbeitete Gummibälle aus Kautschuk. Unten im Süden dann schließlich gibt es viele Teeplantagen, die noch aus der britischen Kolonialzeit stammen.
Berühmt ist der Malawisee für seine farbenfrohen Fischarten. 80 Prozent davon sind endemisch – sie kommen nirgendwo sonst vor auf der Erde. Wer ein Süßwasseraquarium sein Eigen nennt, hat darin sehr wahrscheinlich auch Fische, die ursprünglich aus dem Malawisee stammen. Der See ist deshalb auch dafür berühmt, das beste Süßwassertauchrevier der Welt zu sein. Wir machen davon allerdings keinen Gebrauch, denn wir haben nur ein Transitvisum für sieben Tage.

Malawisee

Malawisee

An der Grenze wollte man von uns eine feste Adresse in Malawi, an der wir uns aufhalten würden. Als wir erklärten, dass wir eigentlich mehr oder weniger durch Malawi durchfahren und an wechselnden Orten campen würden, hat man uns kurzer Hand ein Transitvisum verpasst. Aber immerhin ist es kostenlos. Und wir haben Glück gehabt, dass wir überhaupt in Malawi einreisen durften. Wie viele afrikanische Länder verlangt Malawi von den Einreisenden eine Gelbfieberimpfung. Wir beide haben uns diese Impfung vor Reiseantritt geben lassen, und in Christianes Impfpass ist sie auch ordnungsgemäß eingetragen. In meinem Impfpass jedoch herrscht auf der für die Gelbfieberimpfung vorgesehenen Seite gähnende Leere. Glücklicherweise drückte die Kontrolleurin ein Auge zu. Später haben wir mit etwas mehr Ruhe festgestellt, dass die Gelbfieberimpfung bei mir lediglich auf einer falschen Seite im Impfpass eingetragen war.

Unterwegs entlang des Malawisees haben wir bereits mehrere Male gecampt. Die Camps am Malawisee sind schwer zu finden, da sie nur auf engen, sandigen, dicht bewachsenen Pfaden zu erreichen sind, die man kaum als Wege erkennt. Gut, dass wir das GPS haben, sonst wären wir auf der Suche nach den Camps ein ums andere Mal vorzeitig umgekehrt.
In den malawischen Camps soll viel geklaut werden. Und tatsächlich ist es uns zum ersten Mal auf unserer Reise passiert: Ausgerechnet das GPS ist weg. Nach langer erfolgloser Suche mussten wir uns eingestehen, dass das GPS nur geklaut worden sein konnte, denn bei der Ankunft im Camp hatten wir es noch. Keine zehn Meter vom Sprinter entfernt und in Sichtlinie hatten wir nur fünf Minuten lang Wäsche aufgehängt. Dabei hatten wir wegen der Hitze ausnahmsweise die Türen des Sprinters offen gelassen. Es muss jedoch kein Einheimischer gewesen sein, denn auch ein großer Overland-Truck mit zahlreichen Backpackern hatte im Camp sein Lager aufgeschlagen. Man hört, dass auf diesen Touren viel geklaut wird.

Nach dem Diebstahl hat uns natürlich nicht mehr viel in diesem Camp gehalten. Deshalb fahren wir weiter zum Camp Fat Monkeys in der Monkey Bay am südwestlichen Zipfel des Malawisees.

Malawi

Malawi

Malawi

Die Monkey Bay ist eine wunderschöne, friedliche Bucht mit vorgelagerten, baumbewachsenen Inseln. Hier machen wir es uns nun gemütlich, um den Diebstahl zu verdauen.
Doch die Ruhe währt nicht lange, denn urplötzlich sehen wir uns Auge in Auge mit einem Einbrecher: Eine Ratte ist in unserem Sprinter! Sie muss von einem Ast des Baums, unter dem wir stehen, auf unser Dach und durch die offene Dachluke auf das zugezogene Insektenrollo gesprungen sein. Das Rollo ist dabei wie ein Blitz aufgesprungen, und unversehens fand sich die Ratte im Inneren unseres Sprinters wieder. Das war ihr erster Fehler, denn Ratten in unserem Zuhause mögen wir überhaupt nicht.
Ihr zweiter Fehler ist, dass die Ratte sich ausgerechnet in den Spalt zwischen unserem Bett und unserem Kleiderschrank verkriecht. Unser Bett besteht im Grunde genommen aus drei schweren Sperrholzplatten, die links und rechts auf Schienen aufliegen. Wenn man die Platten auf einer Seite anhebt, knallen sie auf der anderen Seite herunter – in unserem Fall auf den Schrank und somit die Ratte. Die Ratte ist eingeklemmt und quiekt Mitleid erregend. Eigentlich möchte ich sie nicht töten, aber wenn sie uns entwischt, kann sie sich irgendwo unerreichbar im Sprinter verkriechen. Schweren Herzens gebe ich einen donnernden Schlag auf die Platte – dann ist die Ratte still.

Fat Monkeys in der Monkey Bay

Fat Monkeys in der Monkey Bay

Für die Aufregung entschädigt werden wir durch die einzigartigen Abendstimmungen hier in der Bucht – allerdings erst nachdem wir den Strandverkäufern nachdrücklich klar gemacht haben, dass wir allein sein möchten. Frühzeitig verschwindet die Sonne hinter dicken, dicht über dem Horizont hängenden Wolken und taucht die Bucht in tiefblaue Töne. Dazu wogt der Malawisee sanft und friedlich an seine Ufer.

Fat Monkeys in der Monkey Bay

Fat Monkeys in der Monkey Bay

Fazit Tansania

Heute wollen wir einmal mit der Tradition brechen, nur über das zu schreiben, was wir alles gesehen und erlebt haben: Heute wollen wir auch einmal über das schreiben, was wir in Tansania alles nicht gesehen und nicht erlebt haben.

Zu nennen wären da allem voran drei Nationalparks: der Serengeti, der Ngorongoro und der Kilimandscharo. Der Serengeti ist wie sein kenianisches Pendant Masai Mara berühmt für die großen Büffelherden, die zweimal jährlich auf der Suche nach Wasser vom einen Park in den anderen ziehen. Der Ngorongoro ist ein riesiger Krater, in dem die Big Five in einer einzigartigen Vielzahl und Dichte vertreten sind. Und der Kilimandscharo ist Afrikas höchster Berg – ein Bilderbuchberg, der die weltweit einzige Möglichkeit darstellt, ohne Kletterei auf knapp sechstausend Meter Höhe zu kommen. Die ersteren beiden hätten uns mehrere hundert US-Dollar pro Tag gekostet, der letzte gar runde tausend – pro Person! Die tansanische Regierung hat es sich in den Kopf gesetzt, einzig auf Luxustourismus zu setzen. Midrange- und Low-Budget-Tourismus sind ungern gesehen. Die Eintrittpreise für die Parks wurden in den vergangenen Jahren immer wieder verdoppelt. Mittlerweile ist Tansania dabei, die wirtschaftlichen Impulse aus dem Tourismus zu vernichten. Die Lodge-Betreiber außerhalb des Luxussegments leiden bereits erheblich darunter. Selbst aus der politischen Krise Kenias konnte Tansania kaum Profit schlagen. Auch wenn derzeit nicht Hauptsaison ist, haben viele Lodges unverhältnismäßig wenige Gäste. Wir sind sicher, dass es in absehbarer Zeit ein Einlenken der tansanischen Regierung geben muss. Bis dahin sparen wir uns das Geld und holen unseren Bedarf vielleicht irgendwann einmal nach.

Auf Sansibar waren wir übrigens auch nicht. Der Grund war hier allerdings weniger das Geld. Nach und nach wurden uns immer häufiger Berichte über penetrante Strandverkäufer zugetragen. Nach unseren Erlebnissen am Tiwi Beach in Kenia brauchen wir das erst einmal nicht mehr.

Natürlich haben wir trotzdem das eine oder andere gesehen in Tansania, auch einen der Nationalparks. Der Mikumi National Park ist der einzige Nationalpark in Tansania, für den man nicht bezahlen muss, wenn man ihn durchquert, und es gibt selbst von der Straße aus viele Elefanten, Giraffen und Zebras zu sehen. Für uns liegt er auf dem Weg nach Malawi, durch das wir den von verheerenden Stürmen und sintflutartigen Regenfällen verwüsteten Norden Mosambiks umfahren wollen.

Außerdem sehen wir auf dem Weg unzählige wildgewordene Bus- und Lastwagenfahrer. Überall liegen verunfallte Fahrzeuge am Straßenrand. Oft sehen sie nicht so aus, als ob die Insassen noch lebend aus ihnen herausgekommen wären. Die Fahrweise der bisher noch auf der Straße verbliebenen Fahrer lässt auch nicht zwingend den Wunsch aufkommen, dass es ihren verunfallten Kollegen gelungen sein könnte – aus Gründen der eigenen Sicherheit. Dennoch ist es einigen gelungen. Sie sind leicht zu erkennen an den sichtbaren Schäden ihrer Fahrzeuge. Völlig verbogene und verzogene Fahrzeuge kommen uns entgegen. Oftmals haben sie nicht einmal mehr eine Windschutzscheibe. Die Fahrer tragen stattdessen Staubmasken und Sonnenbrillen und sehen aus wie die Banditen in alten Clint-Eastwood-Western.

Ebenfalls bemerkenswert ist die Fahrweise einiger Radfahrer. Generell ist das Fahrrad das verbreitetste Verkehrsmittel in Afrika. In der Mitte der Strecke zwischen Dar es Salaam und Mbeya, nahe der Grenze zu Malawi, gibt es eine ziemlich steile Gebirgskette mit engen Haarnadelkurven. Auf dem Weg nach oben sieht das ungeübte Auge gelegentlich etwas an sich vorbeiflitzen, das sich bei genauerem Hinsehen als Radfahrer entpuppt. Mit weit über sechzig Stundenkilometern schießen Verrückte auf klapprigen und vollbeladenen Fahrrädern die Berge hinab. Der Clou an der Sache ist, dass sie keine Bremsen haben! Zumindest haben sie keine Bremsen im herkömmlichen Sinn, denn sie bremsen, indem sie eine ihrer Sandalen über den rauen Asphalt schleifen lassen. Dazu haben sie die Sohle mit einem dicken Gummi verstärkt, das wahrscheinlich von alten Autoreifen stammt. Genau konnten wir es nicht erkennen, dafür sind sie zu schnell an uns vorbeigeflitzt. Zieht man nun die Fahrweise der motorisierten Verkehrsteilnehmer ins Kalkül, kann man sich nur schwer vorstellen, dass die Lebenserwartung der Unmotorisierten auch nur in die Nähe des tansanischen Durchschnitts gelangen könnte. Die schwer beladenen Lastwagen kriechen förmlich bergauf, so dass sie immer wieder von ihren weniger beladenen Kollegen überholt werden. Dann bleibt kein Raum mehr für Radfahrer, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen sich zur falschen Zeit in die falsche Kurve legt.

Sunrise Beach Resort bei Dar es Salaam

Auf dem Weg nach Dar es Salaam kommen wir erstmals mit der Polizei in Konflikt. Wir sind zu schnell gefahren. 61 km/h stehen statt der erlaubten Fünfzig Rot auf Schwarz in der Digitalanzeige der Radarpistole, die mir der blütenweiß uniformierte Polizist unter die Nase hält. Mit einer derart modernen technischen Ausstattung hätten wir nicht gerechnet. Vielleicht haben wir das ja auch der Entwicklungshilfe zu verdanken.
Jedenfalls fordert der Beamte 20.000 Tansanische Schillinge. Das wären umgerechnet knapp 20 US-Dollar. Doch wir haben kaum noch Schillinge dabei.
„We haven’t got any Shillings. Can we pay in US-Dollars as well?“
„Yes, that’s possible. How much do you pay?“
Die Frage ist uns suspekt.
„Five Dollars?“
„Give me ten.“
Das sind immer noch deutlich weniger als 20.000 Tansanische Schillinge.
„Okay.“
„Do you need a receipt?“, fragt er mit wenig Vertrauen erweckendem Grinsen.
Lieber nicht. Wenn Bußgelder Verhandlungssache sind, sollte man nicht auf eine Quittung bestehen. Das könnte den Preis rückwirkend in die Höhe treiben!
„No, thank you. Bye!“, sagen wir schnell, bevor er es sich noch einmal anders überlegt.

Auch wenn das kein guter Auftakt zu meinem Geburtstag war: trotzdem, endlich ist es so weit, endlich habe ich Geburtstag! Jedes Jahr freue ich mich auf’s Neue auf meinen Geburtstag und meine Geschenke. Nachdem ich in meiner Geburtstagsnacht schon Christiane auspacken durfte, überraschen mich Fulco und Marielle mit einem kleinen Präsent aus ihrer Schatztruhe: einem Beachball-Spiel, das wir in den nächsten Tagen ausgiebig bemühen werden!

Sunrise Beach Resort bei Dar es Salaam

Sunrise Beach Resort bei Dar es Salaam

Sunrise Beach Resort bei Dar es Salaam

Sunrise Beach Resort bei Dar es Salaam

Das Sunrise Beach Resort hier am Stadtstrand von Dar es Salaam ist zwar nicht gerade ein Traum, eher ein ziemlich großer, unpersönlicher Laden. Aber immerhin ist es gut für eine Runde Cocktails zum Anstoßen und ein ordentliches Geburtstagsmahl. Wir wissen schon gar nicht mehr, wo wir unsere letzten Cocktails genießen durften. Den nächsten Geburtstag können können wir jetzt schon kaum erwarten!

Peponi Beach Resort und The BeachCrab Resort

Nachdem wir vorzeitig aus dem vermeintlichen Paradies Tiwi Beach geflüchtet sind, ist unser Strandurlaubsbedarf noch nicht gedeckt. Wir fahren deshalb weiter die Küste entlang hinein nach Tansania.
Der Grenzübertritt gestaltet sich wieder erfreulich unkompliziert. Einzig zu erwähnen wäre, wie überraschend fortgeschritten die tansanischen Grenzbeamten sind. Nachdem wir binnen fünf Minuten unsere Visa erhalten haben, begeben wir uns ins Zollbüro. Dort werden wir freundlich empfangen und mit unseren Vornamen begrüßt. Einen langen Augenblick schweben sichtbar Fragezeichen über unseren Köpfen. Mit einem Lächeln fragen wir überrascht, woher sie denn jetzt schon unsere Namen haben, und mit allem Selbstverständnis der Welt erhalten wir die Antwort „Wir haben hit-the-road.net auf eurem Auto gesehen und gleich im Internet recherchiert.“ Schwer beeindruckt nehmen wir unseren Carnet-Stempel in Empfang. Dann werden wir ins Nebenbüro beordert, um unsere Road Tax, eine Art Maut zu entrichten. Und was sehen wir dort an der Wand hängen: ein modernes Prozessdiagramm, das die Arbeitsabläufe und Entscheidungswege des Beamten beschreibt. Fehlt eigentlich nur noch die ISO-Zertifizierung!

Da fühlt man sich doch gleich zu Hause. Aber wir wollen ja an den Strand und haben uns dafür als erstes das Peponi Beach Resort zwischen Tanga und Pangani ausgesucht. Im Peponi Beach Resort machen auch viele Afrikafahrer Station.

Peponi Beach Resort

Peponi Beach Resort

Das Camp ist wie ein Dschungel, aber Strand und Ufer sind leider extrem flach. Selbst bei Flut ist das Wasser kaum tief genug zum Schwimmen, und es ist brackig.
Dafür gibt es aber einen kleinen Swimming Pool. Im Übereifer stößt Christiane sich zu kräftig vom Beckenrand ab und knallt volle Wucht mit der Nase auf den gegenüberliegenden Beckenrand. Wahrscheinlich ist die Nase angebrochen.

Im Peponi Beach Resort treffen wir auf mehrere alte Bekannte. Darunter sind zufällig auch wieder Fulco und Marielle, die von Namanga aus nach einem Besuch im Amboseli National Park die Grenze hinüber nach Arusha genommen hatten.
Nahe des Arusha National Park gibt es die berühmte Hatari Lodge, die von Hardy Krüger aufgebaut und vor mehreren Jahren von einem deutschen Ehepaar übernommen wurde. Die Luxus-Lodge soll diverse infrastrukturelle und servicetechnische Probleme haben und die Gelegenheit zur Mitarbeit gegen Kost, Logis und ein ansehnliches Taschengeld bieten. Wir hatten auch darüber nachgedacht. Allerdings hatten wir schon in Khartum von einem deutschen Afrikafahrer, der vor einigen Jahren als Zimmermann unter der alten Regie in der Lodge gearbeitet hatte, gehört, dass er damals um einen Teil seines Geldes geprellt worden und das wohl auch kein Einzelfall gewesen war. Das kann heute völlig anders sein, aber da die Luxusurlaubsklientel ohnehin nicht unsere Welt ist, hatten wir uns gegen eine Mitarbeit entschieden, wenngleich die Nähe zum Nationalpark und das Leben inmitten der wilden Tierwelt reizvoll gewesen wären. Verpasst haben aber wir wohl nichts, denn wie Fulco und Marielle uns berichten, ist die Mitarbeit nur mit einem Arbeitsvisum möglich, das in Tansania wie in anderen afrikanischen Ländern nur sehr schwer zu bekommen ist.

Das Peponi Beach Resort hat unseren Strandurlaubsbedarf noch nicht decken können. Aber wir haben noch von einem anderen Resort weiter südlich in Pangani gehört, das in den letzten drei Jahren von den Deutschen Sonja und Alex liebevoll aufgebaut und vor einigen Wochen offiziell eröffnet wurde: The BeachCrab Resort.

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

Die beiden sympathischen Aussteiger und Hund Bobby waren mit ihrem Auswanderungsprojekt mehrere Male in Good-bye Germany auf VOX zu sehen. Statt von Aussteigern sollte man vielleicht besser von Umsteigern sprechen. Als Aussteiger stellen sich die Meisten wohl eher langhaarige Robinsons vor, die faul auf einer einsamen Insel hocken und ständig bekifft sind. Diesem Klischee entsprechen Sonja uns Alex nicht im Geringsten. Drei Jahre lang haben sie geschuftet und ein idyllisches Refugium aus dem Nichts gezaubert, das sich sehen lassen kann. Auf einer Fläche von fünf Hektar bietet es alles, was man braucht: einen wunderschönen, natürlichen Sandstrand, klares Wasser, riesige Kokospalmen und dazwischen schöne Bungalows, ein Restaurant mit exzellenter Küche, eine Bar, eine Sportsbar und vielfältige Möglichkeiten für den Aktivurlaub. Tauchen, Windsurfen, Mountainbiken und ein professioneller Beach-Volleyball-Platz lassen kaum noch Wünsche offen. Ausflüge in Tansanias berühmte Nationalparks wie den Serengeti und den Ngorongoro stehen natürlich auch auf dem Programm.

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

Die drei Tage, die wir im BeachCrab verbringen, sind eigentlich viel zu kurz. Aber wir haben uns mit Fulco und Marielle in einem Resort am Stadtstrand von Dar es Salaam verabredet, um dort gemeinsam meinen Geburtstag zu feiern. Sonja und Alex wünschen wir alles Gute für das BeachCrab, und dass es sich schnell zu dem geschäftlichen Erfolg entwickelt, den es verdient hat!

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

Und noch eine Geschichte solle nicht unerzählt bleiben: Im BeachCrab haben wir zwei Österreicher kennengelernt, die die letzten Jahre in Simbabwe gelebt haben und gerade aus dem Land geflüchtet sind.
Seit den frühen Achtzigern hat Simbabwe seine erste schwarze Regierung unter der Präsidentschaft Mugabes, und seit nunmehr einigen Jahren geht es mit dem Land in schier atemberaubender Geschwindigkeit bergab. Wie es zuvor in Südafrika nach der Abschaffung der Apartheid geschehen war, enteignete man die weißen Großgrundbesitzer und damit die größten Arbeitgeber. Viele Ländereien wurden in die Hände von Personen aus Mugabes Dunstkreis gelegt, die mit der Führung einer Farm oder dem Abbau einer Mine überfordert waren. So gingen unzählige Arbeitsplätze verloren. Die Entwicklung gipfelte in einer Inflation von unglaublichen 100.000 Prozent – pro Jahr. Die meisten Menschen waren binnen kürzester Zeit bettelarm. Die Geschäfte sind leer und die Schwarzmärkte blühen. Viele Menschen sind verhungert. Die durchschnittliche Lebenserwartung fiel binnen weniger Jahre von über fünfzig auf unter vierzig.
Wer ein Devisenkonto hat und zur Bank geht, erhält stapelweise Geldbündel, die nur noch mit großen Plastiktüten oder Koffern zu tragen und trotzdem praktisch nichts wert sind. Da sich die Preise dreimal täglich vervielfachen, muss man das soeben abgehobene Geld innerhalb von ein bis zwei Stunden ausgegeben haben, sonst hat man plötzlich nur noch einen Bruchteil des vorherigen Wertes unter dem Arm.
Unterdessen blüht der Devisenhandel auf dem Schwarzmarkt. Mugabes Günstlinge haben das Privileg, inländische Währung zum – dem Realkurs hinterherhinkenden – Nominalkurs gegen Devisen einzutauschen. Die Devisen tauschen sie auf dem Schwarzmarkt zum Realkurs gegen die inländische Währung zurück. Mit jedem Mal verzigfachen sie so ihr Vermögen und haben auf diese weise unglaubliche Reichtümer angerafft. Die teuersten Luxusfahrzeuge, die man sich vorzustellen vermag, trifft man auf Harares Straßen an. Dazu findet man gigantische Anwesen, die den Refugien berühmter Hollywood-Schauspieler in Beverly Hills in nichts nachstehen.
In vier Wochen sind Wahlen in Simbabwe. Bleibt nur zu hoffen, dass es nach 25 Jahren endlich zu einem Regierungswechsel kommt und sich nicht das gleiche Drama wie in Kenia abspielt.

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

Tiwi Beach bei Mombasa

Wenn man durch den Tsavo durch ist, ist Mombasa nicht mehr weit. Wir sind gespannt auf die kenianische Großstadt an der Küste, werden aber enttäuscht. Außer durch chaotischen Verkehr scheint sie sich auf den ersten Blick durch nichts auszuzeichnen. Deshalb riskieren wir auch keinen zweiten Blick und fahren gleich weiter nach Tiwi Beach, Mombasas Wochenendausflugsstrand rund 30 Kilometer südlich der Stadt.

Ja, und was soll man sagen? Tiwi Beach kommt dem Paradies verdammt nahe. Vor uns breitet sich eine südseeähnliche Idylle aus: strahlender Sonnenschein, erhabene Kokospalmen, weißer Sandstrand und türkisfarbenes, klares Wasser. Bei Ebbe bilden sich Pools, deren Wasser sich in der Sonne auf beinahe Körpertemperatur aufheizt und zum stundenlangen Bad einlädt. Dazu gibt es jeden Tag frischen Fisch und frisches Obst. Was will man mehr?

Tiwi Beach

Tiwi Beach

Na ja, vielleicht nicht andauernd angesprochen werden, ob man Schnitzereien oder Kokosnüsse oder kaufen will. Die Strände sind leer, und die Touristen bleiben wegen der instabilen politischen Lage Kenias zu Hause oder buchen um. Nach nunmehr zwei Monaten ohne Touristen gehen die Strandhändler hier langsam auf dem Zahnfleisch. Wie die meisten Afrikaner kennen sie keine Vorsorge für schlechte Zeiten. Wenn sie Geld haben, geben sie es aus. Schon in guten Zeiten fällt es ihnen schwer zu glauben, dass der Tourist nicht die fünfte Kokosnuss des Tages kaufen und auch nicht das x-te Mal seinen Namen auf einen Schlüsselanhänger geschnitzt haben möchte. Ein typischer Strandtag sieht ungefähr so aus:

Man geht morgens am Strand spazieren, unterhält sich angeregt und wird jäh unterbrochen:
„Hello my friend, how are you?“
„Fine. How are you?“
„What a nice day! Where are you from?“
„Germany.“
„Ah, aus Deutschland! Willkommen! Germans are nice people! First time in Kenia?“
„Yes.“
„Where do you stay?“
„Sorry, but we won’t tell you.“
„When you come back, please have a look at my shop!“
„What kind of shop do you have?“
„I sell nice carvings.“
„Maybe later.“

Einige identische Gespräche später ändert sich der Gesprächsverlauf um die Mittagszeit herum dann ungefähr wie folgt:
„Hello my friend, how are you?“
„You are not really interested in this.“
„What a nice day! Where are you from?“
„From The Netherlands.“
„First time in Kenia?“
„Maybe.“
„Where do you stay?“
„Somewhere.“
„When you come back, please have a look at my shop!“
„Let’s guess: You sell carvings?“
„How do you know?“
„Because everybody here sells carvings.“

Und wiederum einige identische Gespräche später gegen Abend ändert sich der Gesprächsverlauf erneut:
„Hello my friend, how are you?“
„Could be better.“
„What a nice day! Where are you from?“
„From Mars.“
„First time in Kenia?“
„No.“
„Where do you stay?“
„That’s not your business.“
„When you come back, please have a look at my shop!“
„No.“
„Why?“
„Because we don’t like carvings.“

So lustig das gerade geklungen hat: Manche der Strandverkäufer sind nicht nur nervig. Einer aus einer Gruppe von drei jungen Männern, die gemeinsam am Strand hocken, bietet uns beim Spazieren Kokosnüsse an. Wir sagen ihm, dass wir im Moment keinen Bedarf haben, aber vielleicht auf dem Rückweg welche kaufen werden. Das tun wir dann auch, allerdings unwissentlich bei einem seiner beiden Kumpel. Es saßen aber immer noch alle drei gemeinsam am Strand. Dann kommt derjenige vom ersten Mal angelaufen und beschwert sich, dass wir die Kokosnüsse bei ihm kaufen wollten. Dabei wird er ziemlich aufbrausend. Ob nun aus mangelnder Kollegialität untereinander oder purer Dreistigkeit uns gegenüber: Wir haben das Gefühl, es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert. Deshalb ziehen wir es vor, das vermeintliche Paradies nach nur wenigen Tagen wieder zu verlassen. Wirklich schade.

Bevor wir Tiwi Beach den Rücken kehren, wollen wir allerdings erst noch die beiden liebenswürdigen und immer lustigen Tessiner Antonietta und Marco erwähnen, mit denen wir uns das wunderschöne Camp geteilt haben. Sie reisen seit sage und schreibe neun Jahren in ihrem 33 Jahre alten VW-Bus durch die Welt und sind ab sofort unsere neuen Vorbilder!

Tiwi Beach

Safari im Tsavo National Park

Der Amboseli National Park und der Tsavo National Park liegen nur siebzig Kilometer auseinander. Man kann vom einen praktisch gleich in den nächsten fahren. Morgens noch im Amboseli, mittags schon im Tsavo. Der Tsavo ist der größte Nationalpark Afrikas. Er ist stolze 21.000 Quadratkilometer groß. Demgegenüber kommt der Amboseli auf gerade einmal knapp 400 Quadratkilometer. Mit anderen Worten: Der Tsavo ist über fünfzigmal so groß wie der Amboseli. Er beheimatet 10.000 Elefanten und die weltweit größte Kolonie der seltenen schwarzen Nashörner. Wir haben zwar nicht das Glück, eines von ihnen zu sehen. Aber dafür sehen wir zwei große Gruppen von Flusspferden aus nächster Nähe nebst eines Krokodils und eines Leoparden. Außerdem ist die weite und abwechslungsreiche Landschaft des Tsavo einfach fantastisch.

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Amboseli National Park

Nachdem wir uns ein paar Tage bei Chris erholt haben, haben wir uns gestern gemeinsam mit Fulco und Marielle wieder auf den Weg gemacht. Wir wollen dem Amboseli National Park einen Besuch abstatten. In Namanga, hoffen die beiden, können sie Doerak und Djennis für einen Tag zurücklassen, während sie sich den Park ansehen gehen. Der Amboseli ist berühmt für die atemberaubenden Ausblicke auf den Kilimandscharo. Rund 6.000 Meter ist er hoch. Vor seiner Silhouette wirken die Elefanten und die vielen anderen Tiere, Löwen, Büffel, Flusspferde, Giraffen, Zebras, Gazellen, Hyänen und Warzenschweine, die auf den Wiesen der ausgedehnten Savannenlandschaft grasen, wie Spielzeugfiguren. Leider versteckt sich der Kili, wie er liebevoll genannt wird, jedoch meistens hinter einer dicken Wolkendecke. Nur früh morgens bei Sonnenaufgang hat man gute Chancen, ihn in seiner ganzen Pracht zu sehen.

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Boxenstopp bei Jungle Junction in Nairobi

Nairobis Ruf ist nicht viel besser als der der Mojale-Route. Nicht umsonst trägt Nairobi auch den spöttischen Namen „Nairobbery“. Umso mehr sind wir erstaunt, dass Nairobi abgesehen vom Verkehrschaos im Zentrum eine durchaus schöne Stadt mit viel Grün ist. Und einkaufen kann man hier weltklasse. Zumindest kommt es uns nach der langen Supermarktabstinenz seit Kairo so vor. Wir kaufen den halben Supermarkt leer: Bier, Wein, Gin, Tonic Water, Salt & Vinegar Chips, Haribos, Schokolade und was es sonst noch so gibt. Auch ein paar gesunde Sachen verirren sich in den Einlaufskorb, aber sie sind deutlich in der Unterzahl.

Nachdem wir uns noch am westlichen Angebot des angegliederten Cafés gütlich getan und das offene Funknetzwerkverbindung des Cafés in Anspruch genommen haben, schleppen wir unsere Beute zurück zu Jungle Junction, einem festungsartig gesicherten, aber schönen Camp, in dem wir uns einquartiert haben und wo wir uns mit Fulco und Marielle verabredet hatten. Hohe Mauern, versehen mit Glasscherben und Stacheldraht umgeben das Camp, zwei Wachhunde liegen faul in der Sonne. Soll uns das ein Gefühl von Sicherheit geben, oder sollte uns das nicht eher verunsichern? Aber solche Mauern sind in afrikanischen Städten leider völlig normal. Mit ihnen schützen die Weißen und die wohlhabenden Schwarzen sich und ihr Hab und Gut vor den armen Schwarzen. Anfangs irritierend, gewöhnt man sich doch schnell daran. Außerdem ist es in den augenblicklichen unsicheren Zeiten vielleicht gar nicht so verkehrt. Nur wenige Wochen zuvor kam es vor Jungle Junction noch zu einer Straßenschlacht und Schießereien. Die Camper waren innerhalb der beeindruckenden Mauern in Sicherheit.

Chris ist Deutscher und betreibt Jungle Junction seit etlichen Jahren. Er hat das Camp vorbildlich organisiert und kümmert sich hervorragend um seine Gäste. Freitags gibt es Barbecue vom Feinsten – da entpuppt er sich als wahrer Grillmeister. Eigentlich ist Chris gelernter Kfz-Mechaniker. Er war Werkstattleiter bei BMW-Motorrad in Nairobi. Motorräder sind seine Leidenschaft, und er hat seinem Camp eine kleine, aber feine Motorradwerkstatt angegliedert. In Afrika kann man nicht nur auf einem Bein stehen, sagt er. So heißen die Afrikafahrer auch die Gelegenheit willkommen, ihre Motorräder und Autos bei Chris zu reparieren oder reparieren zu lassen. So auch wir, denn wir hatten ja einen Platten. In Nairobi bekommt man so ziemlich alles, was für eine Reparatur notwendig ist. Chris nennt uns zwei Reifenflicker, die sich das Malheur ansehen können. Leider stellt sich heraus, dass an einer Stelle die Gummischichten begonnen haben, sich voneinander zu lösen – irreparabel. So müssen wir wohl oder übel zwei neue Reifen bestellen, denn nur einen zu wechseln, wäre bei dem bereits stark abgefahrenen Profil des gegenüberliegenden Reifens nicht möglich. Der Spaß kostet uns runde dreihundert Euro.

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Über den Äquator

Nachdem wir uns im Timau Camp am Fuß des Mount Kenia eine Übernachtung gegönnt haben, geht es schließlich auf die letzten Kilometer bis nach Nairobi. Wir sind auf die Überquerung des Äquators gespannt. Den Äquator überqueren wir zwar nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal tun wir es auf dem Landweg.

Doch erst einmal werden wir wieder von einer Radarkontrolle angehalten. Ich habe sie frühzeitig gesehen und bin auf den Strich genau die zulässige Geschwindigkeit gefahren. Ein Polizist kommt zu mir ans Fenster und bezichtigt uns der Geschwindkeitsübertretung.
Beim ersten Mal, als uns das passierte, war ich nicht darauf vorbereitet gewesen. Der Polizist hatte mir eine Radarpistole mit aufleuchtendem Messwert vor die Nase gehalten, und ich musste es so hinnehmen. Doch wer weiß, ob das Gerät vor der Messung überhaupt zurückgesetzt wurde?
Dieses Mal bin ich mir jedoch sicher, die zulässige Geschwindigkeit eingehalten zu haben und mache das dem Polizisten gegenüber auch sehr deutlich. Der fängt an zu schmunzeln, zwinkert mir zu und winkt uns weiter. Mit einem Lächeln verabschieden wir uns – man versteht sich!

Am Äquator schließlich angekommen entdecken wir nur ein mageres Schild, das die imaginäre Line kennzeichnet, die die Welt umspannt. Wir sind etwas enttäuscht, hätten mit einem schönen Stein, einer Messingtafel oder gar einer in die Straße eingelassenen Messinglinie gerechnet. Aber nichts dergleichen ist zu sehen.
Natürlich lassen wir es uns trotzdem nicht nehmen, ein Foto von dem Schild zu machen. Als wir dann aber sogleich vom ersten Souvenirverkäufer angequatscht werden, fällt es uns nicht schwer, den Äquator schnell wieder zu verlassen und weiter nach Nairobi zu fahren.

Äquator

Safari im Samburu National Reserve

Etwa vierzig Kilometer vor Isiolo kommt man am Samburu National Reserve vorbei. Dennis und Maike in Kairo hatten es uns empfohlen. Es ist das erste Naturreservat, das wir uns ansehen werden. Fulco und Marielle sind unschlüssig, da sie Sorge um ihren Bus haben und außerdem organisieren müssten, dass Doerak und Djennis, ihre beiden Niederländischen Schäferhunde, irgendwo versorgt wären. Da es bis Isiolo nicht mehr weit ist, trennen wir uns unbesorgt. Wir wollen uns in zwei Tagen in Nairobi treffen.

Das Samburu National Reserve ist ein vergleichsweise kleines Naturreservat, aber man kommt auf vielen kleinen Wegen sehr nahe an die Tiere heran. Es ist durchzogen von einer ursprünglichen Flusslandschaft. Hier sehen wir unsere ersten Elefanten, Büffel, Giraffen, Zebras, Gazellen und Emus in freier Wildbahn. Raubtiere bekommen wir leider nicht zu sehen, obwohl es Löwen, Leoparden und Krokodile geben soll.

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Nach einer Nacht auf dem ungesicherten Camp-Gelände des Samburu National Reserve, wo uns eine Horde Affen einen Besuch abgestattet und versucht hat, in unseren Sprinter einzudringen, machen wir uns glücklich und tief beeindruckt auf den restlichen Weg nach Isiolo. Die paar Kilometer ohne Fulco und Marielle sollten wir nun auch noch unbeschadet überstehen. Aber nein, Irrtum, wir treffen noch einmal auf eine richtig üble Piste. Und, wie könnte es anders sein, wir fangen uns auch gleich einen Platten ein. Ein dicker, langer Dorn hat sich durch einen unserer Reifen gebohrt und für einen schleichenden Platten gesorgt. Diese Büsche mit Dornen so lang wie Messer gibt es hier überall in Kenia. Nun ist es also so weit, der erste Reifenwechsel an unserem Sprinter steht an. Natürlich ist es nicht unser erster Reifenwechsel, aber es ist der erste an einem so großen und schweren Fahrzeug. Wir machen uns aber gut, und nach einer halben Stunde können wir weiterfahren.

Da wir im Gegensatz zu fast allen anderen Afrikafahrern aus Platzmangel nur ein Ersatzrad haben, wäre ein weiterer Platten jetzt schlecht. Und ein Platten kommt auf solchen Pisten selten allein. Aber wir haben Glück und erreichen ohne weitere Zwischenfälle Isiolo. Ab Isiolo gibt es eine Teerstraße, die bis nach Nairobi führt. Mit ungewohntem Komfort gleiten wir nun dahin. Da es noch nicht so spät ist, fahren wir gleich weiter bis nach Timau, das nur wenige Kilometer vor dem Äquator am Fuß des Mount Kenia liegt, dem zweithöchsten Berg Afrikas. Hier gibt es ein wunderschönes, natürlich gelegenes Camp mit Blick auf den Berg: das Timau Camp.

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Vorgestern haben wir uns in Yabello wieder mit Fulco und Marielle getroffen. Erneut steht uns ein schwieriger und dieses Mal auch gefährlicher Streckenabschnitt bevor: die berüchtigte Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia. In Yabello haben wir uns mit reichlich zusätzlichen Wasser- und Dieselvorräten in großen Plastikkanistern eingedeckt, die wir günstig erstanden haben.

Yabello

Yabello

Am Abend haben wir uns dann auf der Terrasse des zu unserem Camp gehörenden Restaurants mit einer Portion Injera gestärkt – dem äthiopischen Nationalgericht. Injera ist ein weiches, gesäuertes Fladenbrot, das in mundgerechte Stücke gerissen und in Fleischragout und andere Zubereitungen getunkt wird. Fulco bestellte dazu eine Flasche Cola, aber es war keine Kohlensäure darin. Als er den Kellner darauf aufmerksam machte, nahm dieser die Flasche und goss von deren Inhalt auf den Boden der Terrasse neben Fulco. Aus der aufschäumenden Cola auf dem Terrassenboden schloss er schließlich, es müsse doch Kohlensäure darin sein. Kann man da widersprechen?

Die Mojale-Route ist benannt nach der äthiopisch-kenianischen Grenzstadt und führt quer durch Nordkenia über Marsabit nach Isiolo. Berüchtigt ist die Mojale-Route wegen der seit Jahren dort immer wieder stattfindenden Überfälle durch somalische Banden – teils mit tödlichem Ausgang –, und sie ist ein wilder Ritt über so genannte Waschbrett- beziehungsweise Wellblechpisten. Diese Pisten verdanken ihre Namen dem knochenharten Muster, das durch die Befahrung mit der Zeit entsteht. Halsbrecherische Geschwindigkeiten sind eine Möglichkeit, solche Pisten einigermaßen heil zu überstehen – wenn alles gut geht. Man saust dabei über die Wellenkämme hinweg. Diese Fahrweise ist aber auch mit hohem Risiko verbunden, denn ein Schlagloch kann genügen, um ein Fahrzeug auszuheben und abfliegen zu lassen. Bremsen ist bei dem geringen Bodenkontakt kaum noch möglich. Deshalb empfiehlt sich diese Fahrweise nur für diejenigen, die die Strecke sehr gut kennen. Für uns bleibt nur, mit 10–20 Stundenkilometern durch die Wellentäler zu schleichen.
Für Fahrzeuge wie unsere Busse ist die Mojale-Route die einzige Möglichkeit, nach Kenia zu gelangen. Für geländegängige Fahrzeuge gibt es eine Alternative, die Turmi-Route. Sie führt durch das äthiopische Dorf Turmi und das Grenzdorf Omorate im Omotal und dann über die grüne Grenze nach Kenia, entlang der Ostseite des Turkanasees nach Isiolo. In Omorate bekommt man den äthiopischen Ausgangsstempel in den Pass. Eine Zollabfertigung gibt es dort allerdings nicht, das heißt den Carnet-Stempel muss man sich schon vorab beim Zollamt in Addis Abeba besorgen. Das Ausreisedatum trägt man bei der Grenzüberquerung selbst ein. Auf kenianischer Seite gibt es keinerlei Grenzabfertigung. Visa muss man sich vorab besorgen und dann bei Ankunft in Nairobi von der Einwanderungsbehörde abstempeln lassen. Den Carnet-Eingangsstempel bekommt man ebenfalls in Nairobi beim Zoll. Wichtig ist, dass man auf die Strecke genügend Treibstoff für rund 1.500 Kilometer, Verpflegung und vor allem Wasser für mindestens zehn Tage mitnimmt. Bis auf wenige Dörfer gibt es entlang der Turmi-Route nichts als Wildnis. Die ganze Mühe soll sich aber lohnen. Die Landschaften im Omotal und am Turkanasee müssen traumhaft sein und noch bewohnt von Urvölkern. Da aber auch einige Flussdurchfahrten zu meistern sind mit steilen Ufern, die für unsere Busse ein Problem darstellen würden, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf das Abenteuer Mojale-Route einzulassen.

Gestern auf dem Weg von Yabello nach Mojale haben wir die allgegenwärtigen Termitenhügel sowie das Schauspiel der kleinen Wirbelstürme bestaunt, die sich bei der Hitze hier überall bilden.

Von Yabello nach Mojale

Von Yabello nach Mojale

Von Yabello nach Mojale

Von Yabello nach Mojale

Bei der Grenzabfertigung in Mojale staunten wir dann, wie unkompliziert alles verlief. Mit einem freundlichen Karibu wurden wir von den kenianischen Beamten begrüßt und sogleich darüber aufgeklärt, dass man darauf mit Ashante antwortet.
Vielleicht war die unkomplizierte Grenzabfertigung auch eine positive Begleiterscheinung der Unruhen, die nach den Wahlen im Dezember in Kenia ausgebrochen waren. Die Opposition hat die Wahl gewonnen, aber Präsident Kibaki denkt gar nicht daran, seinen Posten zu räumen. Daraufhin kam es landesweit zu Protesten und Eskalationen, besonders in den Elendsvierteln Nairobis, den so genannten Townships. Polizei und Militär gingen gewaltsam gegen die Proteste vor. Straßenschlachten, Brandschatzungen, Raubüberfälle und Tote waren die Folge. Die Volksstämme des Präsidenten und des Oppositionsführers, die beide am Turkanasee beheimatet sind, bekriegten sich. Hunderttausende Menschen flohen in das Grenzgebiet zwischen Kenia und Uganda. Mittlerweile sitzen Regierung und Opposition unter internationaler Aufsicht, allen voran des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan, aber auch der US-amerikanischen Außenministerin Condoleca Rice, an einem Tisch und sollen sich auf einen Kompromiss einigen. Der Kompromissvorschlag sieht eine geteilte Übergangsregierung für zwei Jahre und dann Neuwahlen vor.
Auf den Straßen ist es seitdem vorübergehend ruhig. Solange Kibaki nicht einlenkt, kann es jedoch jederzeit zu einer erneuten Eskalation kommen. Mittlerweile haben beinahe alle Reiseveranstalter ihre Reisen nach Kenia abgesagt, und der für Kenia so wichtige Tourismus liegt praktisch vollständig am Boden. Kein Wunder also, dass wir mit Kusshand in Kenia willkommen geheißen wurden.

All das sind keine wirklich guten Umstände. Mit flauen Mägen brechen wir früh morgens auf und machen uns auf den abenteuerlichen Weg nach Isiolo. Die ersten Kilometer der Mojale-Route verlaufen noch problemlos. Wenn das so bliebe, wäre die Welt in Ordnung. Doch es bleibt nicht so. Schon bald tauchen die ersten großen Schlaglöcher auf, und es werden immer mehr. Dann wird die Piste immer härter, da der Boden immer trockener wird. Das Fahren erfordert permanente Höchstkonzentration. Nur ein bisschen zu schnell, schon bekommen Fahrer und Fahrzeuge sofort harte Schläge ab.

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Nach nur zwei Stunden ist es dann auch so weit: Fulcos und Marielles Bus wird im Rückspiegel immer kleiner. Sie sind stehen geblieben. Wir fahren ebenfalls an den Straßenrand und warten, denn kurze Pausen sind bei der pausenlosen Beanspruchung von Mensch und Material häufig. Nur wenig später kommen Fulco und Marielle langsam angeruckelt. Sie geben uns Handzeichen, dass sie ein Problem haben.
Die Bremse hinten links hat sich festgesetzt und löst sich nicht mehr. Also heißt es unter den Wagen robben und nach dem Rechten schauen. Die Bremse selbst stellt sich schnell als nicht das eigentliche Problem heraus. Nein, viel schlimmer: Die komplette Hinterachse hat sich auf der linken Seite nach hinten verschoben. Wie sollen wir das nur reparieren? Ratlosigkeit droht sich breit zu machen, würde uns aber nicht weiterhelfen. Wir nehmen die Aufhängung der Hinterachse genauer unter die Lupe, denn auf den ersten Blick ist gar nicht erkennbar, wie die Hinterachse überhaupt mit dem Rahmen verbunden ist und was die tragenden Teile sind. Schließlich stellt sich heraus, das die Achse im wesentlichen an der Blattfederung und diese wiederum am Rahmen befestigt ist. Oben auf der Blattfederung liegt ein kleiner Metallblock, eine Art Schlitten mit zwei Mulden an dessen Enden, in denen zwei große, u-förmige Schrauben aufliegen und von dort quasi herunterhängen. Sie umschließen das gesamt Packet an Federblättern und führen schließlich durch vier Bohrungen in der Achse. Unter der Achse sitzen Muttern auf den Schrauben, die das ganze zusammenhalten. Und diese Muttern haben sich durch das stetige Gerüttel gelockert. Dadurch ist der ganze Schlitten samt Schrauben, der normalerweise mittig auf dem obersten Federblatt aufliegen sollte, nach hinten gerutscht und mit ihm die komplette Hinterachse.
Problem erkannt, aber wie sollen wir die Hinterachse ohne Hebebühne bloß wieder in Position bringen? Es bleibt uns nichts anderes übrig, als es mit Wagenhebern zu versuchen. Fulco besitzt deren gleich zwei. Nachdem wir das hinderliche Reserverad abmontiert haben, gelingt es uns so, das Heck weit genug anzuheben, um das linke Zwillingsrad freizubekommen. Mit vereinter Kraft zerren Fulco und ich an dem Rad, um die Achse zu bewegen. Sie rührt sich keinen Millimeter. Erneut versuchen wir es. Wieder nichts. So kommen wir nicht weiter. Wenn du mit Körperkraft nicht weiterkommst, dann lass Werkzeuge für Dich arbeiten. Bloß welches? Natürlich, wir können es mit einem Stemmeisen versuchen. Das Eisen ist schnell herbeigeholt und am Rad angesetzt. Fulco betätigt den Hebel, während ich weiter am Rad ziehe. Und tatsächlich, so gelingt es uns, Rad und Achse zu bewegen. Stück für Stück bewegt sich die Achse zurück in ihre angestammte Position.
Doch der Schlitten auf der Blattfederung ist nicht mitgerutscht. Wenn wir das so lassen würden, bräuchte Fulco nur ein wenig anzufahren, und die Achse würde einfach stehen bleiben, das heißt sofort wieder nach hinten rutschen. Also nehmen wir uns den Schlitten mit dem Gummihammer vor, doch wir richten damit nicht das geringste aus. Er sitzt zu fest auf der Federung. Es ist uns gelungen, die gesamte Achse zu bewegen, und jetzt sollen wir an diesem Schlitten scheitern? Im ersten Moment denken wir daran, die vier Muttern unter der Achse weiter zu lockern, um die Spannung vom Schlitten zu nehmen, doch würde es das wirklich bewirken? Da das Rad immer noch in der Luft steht und somit Zug auf die Blattfederung ausübt, würden die Federblätter nur weiter auseinander gebogen und sie den Schlitten noch unbeweglicher machen. Nein, wir müssen das Rad ablassen, denn dann wird die Federung auf Druck belastet und die Federblätter gestrafft. Dann müsste sich der Schlitten hoffentlich bewegen lassen.
Wieder nehmen wir uns den Schlitten mit dem Gummihammer vor, und tatsächlich, diesmal scheint er sich bewegt zu haben. Also machen wir weiter, Millimeter für Millimeter, bis der Schlitten schließlich wieder dort liegt, wo er hingehört. Jetzt müssen wir noch die vier Muttern wieder festziehen, und das sollte es dann gewesen sein – hoffen wir zumindest…

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Vorzeigbare zwei Stunden haben wir gebraucht, aber die werden uns jetzt für den Rest der Strecke nach Marsabit fehlen. Zu allem Überfluss wird das Wellblech noch schlimmer. Brettharte Schläge sind unvermeidbar, wenn wir heute noch angekommen wollen. Zwischen Mojale und Marsabit gibt es keine Übernachtungsmöglichkeiten, es sei denn, wir stellen uns irgendwo an den Straßenrand und machen ein Bushcamp. Beim Ruf der Mojale-Route wollen wir das aber unter allen Umständen vermeiden. So können wir auf das Material nun nicht mehr viel Rücksicht nehmen, obwohl wir nicht wissen, ob die reparierte Achse halten wird. Dementsprechend groß ist jetzt die Anspannung.
Das wird auch nicht besser, als das Buschland langsam in eine öde, hitzeflirrende Steinwüste übergeht. Das Wellblech ist von immer größeren Steinen durchsetzt. So geht es Stunden, bis die Piste schließlich in tiefen Schotter übergeht. Wäre der Schotter nicht so tief, wäre das ja beinahe angenehm, aber die alle paar Stunden durchfahrenden Laster haben tiefe Furchen hinterlassen. Sie sind so tief, dass wir nicht in diesen Spuren fahren können, denn unsere Achsen sind zu niedrig über dem Boden, so dass wir ständig aufsetzen würden. So müssen wir am Rand der Rinnen entlang balancieren.
Aber unser Heck rutscht immer wieder ab, und ständig haben wir harte Bodenkontakte mit der Vorderachse. Als es wieder einmal ziemlich knallt, halten wir an, um den Schaden zu begutachten. Es ist nichts gebrochen, aber auf der Seite des rechten Vorderrads ist eine ölige Flüssigkeit auf den Achsschutz getropft, die wir nicht genau identifizieren können. Sie kann nur aus der Lenkmanschette ausgetreten sein, die die Lenkstange vor Staub schützt. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass die Manschette vollkommen durchlöchert ist. Wir befürchten, dass es sich um Lenkflüssigkeit handeln könnte, doch wir können den Schaden jetzt nicht reparieren. Auch so schon werden wir erst bei Dunkelheit in Marsabit ankommen.

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Also geht es weiter. Die hochstehende Sonne stürzt unaufhaltsam dem Horizont entgegen, und das Dunkel der Dämmerung bricht über uns herein. Und wir sind noch lange nicht in Marsabit. Glücklicherweise haben wir Zusatzscheinwerfer.
So fahren wir durch die Dämmerung hindurch in die Nacht hinein. Es wird dunkel, und außer der Piste und den Büschen an der Seite sehen wir nichts mehr. Noch zwei Stunden, schätzen wir, sind es bis nach Marsabit. Sehr unangenehm in einer Gegend, die für Raubüberfälle berüchtigt ist. Aber es gehört auch immer eine gute Portion Pech dazu, wenn so etwas passiert. Es gibt keine Regelmäßigkeit in diesen Überfällen. Sie treten alle paar Monate auf. Allerdings weiß man auch nie, welche Überfälle real sind und welche von Wichtigtuern erfunden.
Nach einer schier unendlich lang scheinenden Fahrt treffen wir irgendwann schließlich doch noch, totmüde zwar, ansonsten aber quicklebendig, in Marsabit ein. Achse und Lenkung haben gehalten. Beim sympathischen Schweizer Henry The Swiss, der schon seit dreißig Jahren in Kenia lebt und einen Bauernhof und ein Camp betreibt, kommen wir bestens aufgehoben unter, genehmigen uns ein kühles kenianisches Bier mit kenianischem Käse und von Henrys kenianischer Frau selbstgebackenem Brot und fallen in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

Den nächsten Tag bleiben wir bei Henry, um uns von der anstrengenden Fahrt zu erholen und die Lenkung genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Lenkflüssigkeitsstand ist in Ordnung, also kann es nicht allzu schlimm sein. Wir reinigen das Lenkgestänge unter der Gummimuffe und die Muffe selbst so gut es geht vom Staub und dichten alles mit einem aufgeschnittenen Frischhaltebeutel ab, den wir um die Muffe herumwickeln, mit Isolierband abkleben und mit Kabelbindern befestigen.

Herny The Swiss, Marsabit

Herny The Swiss, Marsabit

Herny The Swiss, Marsabit

So kann es am nächsten Tag guter Dinge weiter gehen nach Isiolo, obwohl dieser Streckenabschnitt einen noch schlechteren Ruf genießt als der erste. Bei langsamer Fahrt ist die Piste nach Isiolo gar nicht so schlimm. Zumindest erwartet uns nicht wieder tiefer, ausgefahrener Kies, und die Umgebung wechselt wieder in eine grüne Buschlandschaft, die ab und zu sogar den Blick auf Berge freigibt.

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

 

 

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Leben am Awasasee

Wasser ist Quelle des Lebens: Das gilt besonders für Afrika und den Awasasee. Der Awasasee beheimatet unzählige Menschen und Tiere. Bekannt ist er vor allem als Vogelparadies, aber auch eine Population Flusspferde lebt hier.

Menschen

Menschen

Menschen

Menschen

Menschen

Menschen

Menschen

Hier eine kleine Auswahl an Vogelarten, die wir am Awasasee angetroffen haben:

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Außerdem ist hier noch eine weitere Vogelart allgewärtig: der Marabu. Marabus sehen aus wie eine Kreuzung aus Geiern und Störchen und werden wegen ihres markanten Aussehens auch Bestattervögel genannt.

Marabus

Marabus

Auch den Flusspferden statten wir mit dem Boot einen Besuch ab. Die beiden Spanier Siscu und Christina, die wegen öffentlichen Wäscheaufhängens aus dem Itegue Taitu Hotel in Addis Abeba geflogen waren, haben wir hier wiedergetroffen und sind auch mit dabei.

Awasasee

Awasasee

Flusspferde

Flusspferde

Flusspferde

Das letzte Foto zeigt übrigens ein Flusspferd kurz vor dem Angriff, nachdem ihm eine Gruppe Touristen (wir) in ihrer Nussschale zu nah gekommen ist. Unmittelbar danach ist der tonnenschwere Koloss mit einem markerschütternden Brüllen blitzschnell abgetaucht und hat auf uns Jagd gemacht. Von einem Flusspferd angegriffen zu werden macht gelinde gesagt schwer Eindruck – besonders wenn man weiß, dass mehr Touristen durch Angriffe der gutmütig aussehenden Dickhäuter ums Leben kommen als durch jedes andere Tier in Afrika. Auch unsere Guides sind ziemlich hektisch geworden, haben blitzartig den Außenborder angeworfen und mit uns im Rückwärtsgang die Flucht angetreten. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wäre der Motor nicht sofort angesprungen…

Nach all der Aufregung brauchen wir etwas zum Runterkommen: einen Mixed Juice. Diese frischen, pürierten Fruchtcocktails ohne Alkohol bekommt man überall in Äthiopien, und sie schmecken einfach himmlisch lecker. Unser Tipp ist eine Mischung aus Mango, Avocado und einem Schuss Orangensaft – gigantisch!

Mixed Juice

Adenium Camp in Awasa

Das Adenium Camp in Awasa, gelegen am Awasasee, wird vom Lonely Planet als bestes Camp Äthiopiens geadelt. Und wir können mit Fug und Recht behaupten, dass das sehr wahrscheinlich so ist, denn wir sind hier und haben auch schon ein paar andere Camps gesehen.

Jana, eine Berlinerin führt das Camp, und es ist die erste Unterkunft in Äthiopien mit menschenwürdigen Duschen und Toiletten, die wir hier zu Gesicht bekommen haben. Deutsche Gründlichkeit lässt sich eben nicht so leicht abschütteln, und das ist gut so. Außerdem wird das Anwesen von einem wunderschönen, großen Garten geziert – ein kleines Idyll und (meistens) eine Oase der Ruhe.

Seit acht Jahren lebt Jana in diesem Land mit ihrem äthiopischen Mann Kurato – doch leider nicht mehr lange. Sie sind gerade dabei, nach Deutschland zu ziehen. Ihre Kinder sind bereits seit ein paar Monaten in Berlin bei den Großeltern.

Vor vier Jahren haben sie das Adenium mit viel Liebe aufgebaut und es im Laufe dieser kurzen Zeit zu einem erfolgreichen Geschäft entwickelt. Doch der Erfolg und vielleicht auch die ständig ein- und ausgehenden, unbekannten Weißen haben Neider auf den Plan gerufen. Die Schlimmsten sind die eigenen Nachbarn, und man fühlt sich unweigerlich an deutsches Kleinbürgertum erinnert. Doch so etwas gibt es auch anderswo. In diesem Fall sind die Nachbarn eine fanatische Sekte, die Jana und ihre Gäste regelmäßig mit ohrenbetäubender Musik und anderen Exzessen, die sich anhören wie Exorzizien, unterhält. Da hilft auch keine hohe Mauer, und schon gar kein Maschendrahtzaun.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt auch noch behördliche Schikane dazu. Behörden können sehr einfallsreich und aktiv sein, wenn es darum geht. Leider ist das Adenium zum traurigen Beispiel dafür geworden wie es gehen kann, wenn der Erfolg geneidet wird. Wir gehören zu den letzten Gästen, die das Adenium unter Janas und Kuratos Fittichen erleben dürfen.

Krank im Itegue Taitu Hotel in Addis Abeba

Christiane hat es erwischt: die ganze Nacht Fieber, Durchfall, Magenkrämpfe, Übelkeit und Kopfschmerzen. Sie ist völlig geschwächt – so sehr geschwächt, dass ich mir ernste Sorgen mache. Nicht einmal einen Schluck Wasser kann sie zu sich nehmen, ohne dass sie gleich auf’s Klo rennen muss. Wenn das so weiter geht, dehydriert sie noch völlig.

Eigentlich wollten wir heute schon wieder raus aus Addis Abeba – die Stadt lädt nicht sonderlich zum Verweilen ein. Aber immerhin haben wir ein rasend schnelles, offenes Funknetzwerk gefunden und konnten das erste Mal eine Videokonferenz mit meiner Familie machen. Das hat richtig gutgetan. Wenn man sich nach so langer Zeit wiedersieht, und sei es auch nur auf dem Bildschirm, ist das doch viel intensiver und schöner als ein Telefonat.
Der hauptsächliche Grund, dass wir heute schnellstmöglich aus Addis wegwollten, war allerdings das unfreundliche Camp, in dem wir hier genächtigt haben. Eigentlich ist es ein Hotel mit Parkplatz, auf dem die Afrikafahrer großzügiger Weise für teures Geld campen dürfen: das Itegue Taitu Hotel. Für die hiesige Oberschicht ist es eine Nobellokalität, die viele gerne zum Dinieren nutzen, für Übernachtungsgäste ist es eine heruntergekommene Unterkunft mit einem Service, der an Arroganz kaum zu überbieten ist. Fulco und Marielle, die wir hier wiedergetroffen hatten, hatten drei Tage zuvor eine schriftliche Abmahnung bekommen, weil Marielle im Badezimmer ihre Wäsche gewaschen hatte. Das sei hier nicht erlaubt, genauso wenig wie Kochen. Den Spaniern Siscu und Christina erging es nicht besser, als Christina auf dem Parkplatz Wäsche zum Trocknen aufhing. Sie wurden nachdrücklich gebeten, das Camp zu verlassen.

Siscu

Christina

Bis hierhin hätte man alles noch mit Geschäftspolitik entschuldigen können. Doch die Managerin in der Rezeption belehrt mich heute eines Besseren als ich hingehe und bitte, bei einer Klinik anrufen zu dürfen, weil es Christiane schlechtgeht. Tatsächlich sagt sie mir allen Ernstes ins Gesicht, ich solle hinfahren. „Verstehe ich Sie richtig, dass Sie mir diesen Anruf für meine kranke Freundin bei einem Arzt verweigern – ist es das, was Sie mir sagen wollen?“ frage ich Sie scharf und fixiere sie dabei mit einem durchdringenden Blick. Das verfehlt nicht seine Wirkung. Ihr wird klar, dass das das zu weit ging und fragt mich beschwichtigend nach der zu wählenden Nummer. Ich gebe ihr die Nummer einer Privatklinik, in der der Vertrauensarzt der Deutschen Botschaft arbeitet. Unzählige Male klingelt das Telefon bis schließlich jemand den Hörer kurz abhebt und sogleich wieder auflegt. Gut, dass wir nicht einfach hingefahren sind. In Christianes Zustand wäre das ein sinnloser Kraftakt für sie gewesen.
Ich gehe zurück zum Wagen und suche ein anderes, privates Krankenhaus aus einem Reiseführer, das von den übrigen Botschaften empfohlen wird. Es hat den unaussprechlichen Namen Bethzatha Hospital und ist nicht allzu weit entfernt. Erneut gehe ich zur Rezeption und verlange das Telefon. Diesmal gibt es keine Widerworte. Sofort meldet sich jemand am anderen Ende der Leitung. Ich kann mit Christiane sofort hinkommen.

In der Notaufnahme fülle ich für Christiane das Aufnahmeformular aus und werde sogleich zur Kasse gebeten für die anstehende Untersuchung. Der Betrag ist vergleichsweise gering, und nachdem ich bezahlt habe kümmert man sich umgehend um sie. Unterdessen sitzen etliche Menschen im Vorraum. Ich bin mir nicht sicher, ob sie auf ihre eigene Behandlung oder die eines Anderen warten. Doch das ist mir im Moment egal. Christianes Zustand ist so schlecht, dass sie keine fünf Minuten sitzen könnte, ohne auf’s Klo rennen zu müssen.
Nach ein paar Minuten kommt eine Ärztin und untersucht sie, und ich erkläre ihr mit dem Wörterbuch in der Hand die Symptome. Dann verschwindet sie wortlos, und wenig später erscheint ein Pfleger mit einer weiteren Rechnung. „Wir haben noch nicht einmal die Untersuchungsergebnisse bekommen, da zahle ich doch nicht schon die nächste Rechnung!“ mache ich ihm klar. Er bringt mich zur Ärztin, und sie erklärt mir, dass Christiane gegen das Dehydrieren eine Infusion bekommen soll und außerdem ein Antibiotikum. Die genaue Ursache für ihre Krankheit müsse anhand einer Blut- und Stuhlprobe untersucht werden. Dafür sei die nächste Rechnung.
Offenkundig erfolgt die Behandlung hier Zug um Zug. Ein eigenartiges Gefühl, denn in Deutschland müssen wir ja nicht viel mehr tun, als unsere Krankenversicherungskarte zu zücken. Doch die Beträge halten sich hier in Grenzen – zumindest im Vergleich zu europäischen Verhältnissen –, so dass ich nicht auch noch zur Bank muss. So gehe ich also zurück zur Aufnahme und bezahle die nächste Rechnung.
Die Stuhlprobe stellt für Christiane kein größeres Problem dar, schließlich muss sie andauernd auf’s Klo. Dann wird sie an den Tropf gehängt. Da ihr Blutdruck erschreckend niedrig ist, muss der anscheinend ohnehin nicht sehr talentierte Pfleger mehrere Anläufe unternehmen, um eine Vene zu treffen. Dabei verbraucht er zwei Kanülen, so dass ich gleich wieder zur Kasse gebeten werde. Christiane flucht unterdessen lauthals. Die Magenkrämpfe verursachen ihr schon genug Schmerzen.
Nun heißt es warten auf die Laborergebnisse. In den nächsten Stunden verbessert sich ihr Zustand stetig, bis der Tropf schließlich aufgebraucht ist. Danach nehmen Fieber und Kopfschmerzen gleich wieder zu, und zum vierten Mal zahle ich, diesmal für ein fiebersenkendes und schmerzlinderndes Mittel.
Die Laborergebnisse sind inzwischen schon längst überfällig, und ich dränge den Pfleger mehrmals, bis die Laborergebnisse schließlich vorliegen. Doch von der Ärztin ist schon lange nichts mehr zu sehen. Stattdessen sehe ich einen jungen Arzt, der ungerührt Zeitung liest. Ich frage den Pfleger, ob es einen Schichtwechsel gegeben hat und ob dies nun der diensthabende Arzt sei. Er bestätigt es, und meine nächste Frage lautet, warum der Arzt dann Zeitung liest, wenn die Laboruntersuchung bereits abgeschlossen ist.
Verlegen wendet sich der Pfleger an den Arzt und spricht kurz mit ihm. Wenig später kommt dieser tatsächlich mit den Laborergebnissen herüber und lässt sich dazu herab, sie uns mitzuteilen. In schnell und undeutlich gesprochenem Englisch erklärt er uns, dass es sich nicht um eine bakterielle Infektion, sondern um einen Virus handele. Da er mit Fachtermini nur so um sich wirft, frage ich immer wieder nach, ob ich ihn auch richtig verstanden habe, und er reagiert mit einer Arroganz, als ob er mit einem Idioten sprechen würde.
Um was für ein Virus es sich handelt, sagt er nicht. Als ich nachfrage erklärt er, dass man das genauer untersuchen müsste, doch ein Virus sei prinzipiell unkritisch im Gegensatz zu einer bakteriellen Infektion. Christianes Zustand sollte sich auch ohne Antibiotika schon am nächsten Tag deutlich verbessert haben, sonst müsste man noch einmal eine Laboruntersuchung durchführen. Dennoch werde er ihr sicherheitshalber ein Antibiotikum und außerdem ein Mittel gegen Durchfall, ein Schmerzmittel und etwas gegen das Dehydrieren verschreiben. Das klingt nicht sehr vertrauenerweckend, doch im Moment bleibt uns nichts anderes übrig, als den nächsten Tag abzuwarten. Doch zuvor heißt es noch einmal zahlen.

Letztlich soll der Arzt tatsächlich Recht behalten. Am nächsten Tag geht es Christiane wirklich wesentlich besser, und wir können Addis Abeba und dem Itegue Taitu Hotel endlich den Rücken kehren. Es geht zum Awasasee 250 Kilometer südlich von Addis Abeba. Dort in der Nähe gibt es das Adenium Camp, das ein sehr erholsamer Ort sein soll. Besonders für Christiane kommt das jetzt genau zur richtigen Zeit.

Das Lariam haben wir inzwischen übrigens abgesetzt. Stattdessen haben wir uns hier Doxycyclin besorgt. Wir wollen es nicht als Prophylaxe, sondern als Akutmittel einsetzen. Ein paar Tage später allerdings wird es noch einmal eine Änderung in unserer Malariapolitik geben, als wir erfahren, dass es ein neues, noch wirksameres und obendrein günstigeres Akutmittel gibt: Coartem. Auch dieses Mittel werden wir uns besorgen.

Timkat-Fest in Gonder

Mit Timkat feiern die christlich-orthodoxen Äthiopier jedes Jahr am 19. Januar landesweit ein zwei Tage währendes Fest anlässlich der Taufe Jesu im Jordan. Zu diesem Anlass sind wir vom Sämen-Nationalpark zurück nach Gonder gefahren und haben uns zum Campen in der freundlich geführten Belegez Pension einquartiert, die ebenfalls über einen geschützten und auch verhältnismäßig ruhigen Innenhof verfügt.

Belegez Pension in Gonder

Belegez Pension in Gonder

Kern des Festes sind rituelle Waschungen am zweiten Festtag. Am ersten Festtag wird gefeiert bis zum Umfallen. Bei glühender Hitze sind die festlich gekleideten Menschen den ganzen Tag auf den Beinen, singen fröhlich, trommeln und tanzen sich in Trance. Wer ein Pferd sein Eigen nennt, schmückt es majestätisch und paradiert voller Stolz auf den öffentlichen Plätzen. Geistliche sammeln sich in farbenfrohen Prozessionen.

Timkat-Fest in Gonder

Timkat-Fest in Gonder

Timkat-Fest in Gonder

Timkat-Fest in Gonder

Timkat-Fest in Gonder

Timkat-Fest in Gonder

Timkat-Fest in Gonder

Unterdessen rennen wild aussehende, junge Männer in Horden durch die Straßen. Laut grölend und mit Stöcken bewaffnet schreien sie sich die Seele aus dem Leib und veranstalten Kriegstänze. Sie wirken wie eine Gegenveranstaltung zu den friedlich ausgelassenen Genossen, als ob sie jederzeit aufeinander losgehen wollten. Das passiert zwar nicht, aber das Gesamtkonzept bleibt uns schleierhaft.

Horden

Horden

Wandern im Sämen-Nationalpark

Von Gonder sind wir nach Debark gefahren, dem Eingangstor zum Sämen-Nationalpark. Wanderungen im Park zählen dank des sich tief hindurch windenden Großen Afrikanischen Grabenbruchs zu den schönsten Afrikas. Als Ausgangspunkt unserer Wanderung wählen wir das Simien Hotel, da sein ummauerter Innenhof die einzige Möglichkeit in Debark ist, ein Fahrzeug für ein paar Tage sicher abzustellen.

Der Weg nach Debark erwies sich als reifenmordende Schotterpiste – doch nicht nur damit sahen wir uns konfrontiert. Viele der Menschen im Hochland Äthiopiens sind wesentlich ärmer als diejenigen in den niedriger gelegenen, fruchtbareren Regionen. Wir bekamen das hautnah zu spüren: immer seltener ein herzliches Lächeln, immer häufiger bettelnde Kinder. Wenn wir nicht anhielten, quittierten einige es mit Steinwürfen. Eine Delle in unserem Sprinter zeugt davon.
Ein Teil der Probleme ist hausgemacht. Die männliche Bevölkerung treibt meist träge das Vieh vor sich her oder sitzt einfach nur herum, während die weibliche Bevölkerung Schwerstarbeiten verrichtet. Tief gebeugt und mit gekrümmten Rücken sieht man Frauen wie Mädchen unvorstellbare Lasten tragen. Darüber hinaus bekommen die Äthiopier mehr Kinder, als ihr Land versorgen kann. Deshalb müssen sie in Landstriche ausweichen, die regelmäßig von Dürreperioden heimgesucht werden.
In der Konsequenz reiht sich in den Dörfern des Hochlands nun Hilfsorganisation an Hilfsorganisation. Es gibt Projekte zum Bau von Bildungseinrichtungen, Kindergärten und Waisenhäusern, Projekte zum Aufbau einer touristischen Infrastruktur, Projekte zur Einrichtung einer medizinischen Versorgung und zur Aufklärung über AIDS, Projekte für ertragreichere Landwirtschaft, Projekte gegen und Prostitution, Projekte zum Schutz der Frauenrechte und viele andere mehr. Äthiopien ist eines der Länder, die weltweit am meisten Entwicklungshilfe erhalten haben und immer noch erhalten.
Doch die Entwicklungshilfe war in der Vergangenheit meist reine Symptombekämpfung und hat die Menschen abhängig und unselbständig gemacht. Sie nahm den Äthiopiern mit kostenlosen Hilfsgütern aus westlicher Herstellung und Überschussproduktion die Eigenverantwortung und den Bauern sowie anderen Unternehmern einen Teil ihrer Lebensgrundlage. Äthiopien wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten derart mit Geldern und Hilfsgütern überschüttet, dass die Hilfsorganisationen gar nicht mehr wussten, wohin sie damit sollten. Was nicht in den Taschen und Lagern korrupter Regierungsmitglieder oder gar Entwicklungshelfer landete, wurde zwangsweise ausgeteilt und ausgegeben, egal ob notwendig und sinnvoll oder nicht. Das Wirtschaftssystem Äthiopiens wurde in weiten Teilen aus den Angeln gehoben, und korrupte Regierungsmitglieder profitierten davon auch noch. So ist es kein Wunder, dass sich an der Situation in Äthiopien kaum etwas ändert: sie ist von einigen Profiteuren in Schlüsselpositionen gewollt.
Inzwischen geht die Entwicklungshilfe mehr und mehr zur Anleitung zur Selbsthilfe über. Das ist auch dringend notwendig. Aber das Ziel muss sein, Äthiopien mittelfristig wieder sich selbst zu überlassen, damit das Land zu einem Gleichgewicht finden kann.
Unsere Hilfe sollte sich auf Bildung und die nicht selbst von den Entwicklungsländern verschuldeten Probleme wie die Folgen der Globalisierung beschränken. Genau genommen dürften wir es zu diesen Problemen gar nicht erst kommen lassen. Darüber hinaus müssen wir den Entwicklungsländern fairen Zutritt zu unseren Märkten gewähren und die Spekulation mit Lebensmitteln verbieten. Gerade letztere hat in letzter Zeit die Preise auf Grundnahrungsmittel in Afrika vervielfacht. Selbst für uns als Europäer sind die hiesigen Nahrungsmittelpreise hoch. Wenn die westlichen Nationen weiter nicht handeln und vom Elend der Entwicklungsländer profitieren, steht die nächste Hungerkatastrophe bald bevor – und es wird keine Dürre die Ursache sein, sondern wir.
Dabei gibt es jedoch ein Problem: Entwicklungshilfe hat die Tendenz, sich selbst zu erhalten. Sie ist für viele Entwicklungshelfer Berufung, Lebensunterhalt oder Karriere. Andere Entwicklungshelfer und -organisationen sind religiöse Eiferer, die unter dem Deckmantel von Entwicklungshilfe Missionierung betreiben. Sie alle haben kein natürliches Interesse an einer Beendigung von Entwicklungsprojekten.

Ein Beispiel für ein sinnvolles und erfolgreiches Entwicklungsprojekt ist der Von Gonder sind wir nach Debark gefahren, dem Eingangstor zum Sämen-Nationalpark. Wanderungen im Park zählen dank des sich tief hindurch windenden Großen Afrikanischen Grabenbruchs zu den schönsten in Afrika. Als Ausgangspunkt unserer Wanderung wählen wir das Simien Hotel, da sein ummauerter Innenhof die einzige Möglichkeit in Debark ist, ein Fahrzeug für ein paar Tage sicher abzustellen. unseres Nachbarlandes Österreich. Durch integrierte Entwicklungsprojekte wie dieses lassen sich die Lebensbedingungen von Menschen verbessern und gleichzeitig die Umwelt schützen. Der Park schützt nicht nur die einzigartige Natur, sondern bietet den Rangern, Guides, Scouts, Mulitreibern, Sack- und Leinenherstellern, Lebensmittelverkäufern, Unterkunftsbetreibern und Fahrdienstleistern ein Auskommen. Außerdem erhalten die ansässigen Bauern Wissen zu einer effektiveren Bewirtschaftung ihrer Felder.

Früh am Morgen rüsten wir uns für eine viertägige Wanderung durch den Park. Die Rucksäcke sind gepackt: Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Kochgeschirr und Klamotten lasten schwer auf unseren Schultern, während unsere Essens- und Wasservorräte auf einem Pferd festgezurrt werden. Ja, das Wandern hat hier richtigen Expeditionscharakter mit Esel oder Pferd, Treiber und einem Scout. Unser Scout ist nur mit einem Gewehr ausgerüstet wird uns in den nächsten vier Tagen leichtfüßig vorauseilen, während wir hinter ächzen werden. Eigentlich bevorzugen wir es, alleine zu wandern, aber die Wasserversorgung entlang der Strecke ist nicht sichergestellt, und tragen könnten wir das zusätzliche Gewicht alleine nicht. Außerdem ist der Scout obligatorisch, weil der Weg nicht markiert ist und um uns vor eventuellen Zwischenfällen mit Wildtieren zu schützen. Immerhin können wir auf einen Guide verzichten, der uns den ganzen Weg über mit Informationen versorgen würde.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Nachdem das Pferd bepackt ist, geht es endlich los. Wir erwarten eine leichte erste Tagesetappe und einen gemächlichen Anstieg von 3.000 auf 3.500 Meter Höhe zum eigentlichen Parkeingang. Diese Vorstellung soll sich im Verlauf des Tages jedoch als ziemlich naiv herausstellen. Über 30 Kilometer geht es auf und ab, auf und ab, auf und ab.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Wir haben die Höhe unterschätzt und sind nicht ausreichend akklimatisiert. Schon nach der Hälfte der Strecke wird jeder Schritt zur Qual und zerrt an unseren Nerven. Wir fühlen uns schwach, physisch und mental, und wegen einer Lappalie geraten wir in einen scheinbar überflüssigen Streit. Die lange Reise fordert ihren Tribut. Seit Anatolien hatten wir mit Ausnahme von Israel kaum eine Erholungsmöglichkeit: kein Feldweg, der in ein verstecktes kleines Wäldchen geführt hätte, kein Baum, der einen Sichtschutz gewährt hätte, kein Café, das zum Regenerieren eingeladen hätte, überall neugierige Menschen, die uns kaum zur Ruhe kommen ließen. Und wenn wir einmal auf einem Campingplatz Station machen konnten, dann war es entweder kein schöner Ort, oder wir hatten zuviel zu tun, als dass wir unsere Batterien hätten aufladen können. Außerdem haben wir das Lariam, das wir seit dem Sudan als Malariaprophylaxe nehmen, im Verdacht, dass es unsere Physis und Psyche schwächt.
Wir sind vollkommen ausgelaugt, und durch die physische Anstrengung auf dieser Wanderung und den Streit kommt nun alles an die Oberfläche. Der Streit soll sich jedoch als reinigendes Gewitter erweisen. Wir werden uns unseres Zustandes mit aller Deutlichkeit bewusst und fangen an, die Weichen für unsere Reise in den nächsten Tagen neu zu stellen. Wir beschließen, nicht jeder Sehenswürdigkeit hinterherzujagen und noch weniger Zeit an Orten zu verbringen, die uns keine Energie geben können oder uns gar die Energie rauben. Wir werden länger an denjenigen Orten verweilen, die uns Energie geben können. Das werden verstärkt auch Orte sein, an denen nicht zu viele Menschen um uns herum sind. So schön das Zusammensein mit Einheimischen und anderen Afrikafahrern ist, so schnell können wir uns dabei selbst aus den Augen verlieren. Privat zu sein und wirklich Zeit füreinander zu haben auf einer solchen Reise ist ein nicht zu unterschätzender Luxus, den wir uns zukünftig aktiver verschaffen müssen. Das Lariam werden wir obendrein absetzen und stattdessen den Wirkstoff Doxycyclin nehmen, der nicht viel weniger effektiv ist, aber weniger Nebenwirkungen hat und außerdem günstiger ist.

Doch all das hilft uns in unserem gegenwärtigen Elend wenig. Endlos zieht sich der Tag. Einzig die ersten Ausblicke auf den Großen Afrikanischen Grabenbruch und eine Gruppe Paviane können uns ein wenig aufmuntern.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Viel Zeit dafür haben wir jedoch nicht, denn laut unseres Scouts hinken wir dem Zeitplan mächtig hinterher, und wir müssen noch bei Tageslicht im ersten Camp ankommen. So schleppen wir uns denn weiter – irgendwann müssten wir doch endlich dort sein. In diesem Glauben quälen wir uns noch Stunden, bis in die Dämmerung hinein, als wir schließlich, am Ende unserer Kräfte, dem Kriechen näher als dem Gehen, endlich im Camp ankommen. Völlig erschöpft lassen wir unsere Rucksäcke ins Gras fallen, bauen das Zelt auf, und kochen uns mit letzter Kraft eine Nudelsuppe zum Essen. Gierig und zitternd verschlingen wir das freudlose Mahl, lassen die Löffel fallen und sinken in einen tiefen, traumlosen Schlaf – im gegenseitigen Einvernehmen, dass wir nicht weiter-, sondern am nächsten Tag zurücklaufen werden.

Aber es kommt anders. Nach einem einigermaßen erholsamen Schlaf schöpfen wir neuen Mut und ringen uns dazu durch, es doch zu versuchen. Weitere 500 Meter Höhenunterschied stehen auf dem Programm, aber nur ein größeres Tal dazwischen, das es zu durchschreiten gilt. Und wir werden für unsere Entscheidung belohnt mit dem schwindelerregenden Ausblick auf einen tiefen Wasserfall und einer Gruppe einiger hundert Paviane.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Zum Schluss müssen wir allerdings doch noch einmal die Zähne zusammenbeißen. Der finale Anstieg aus dem Tal heraus bis auf Höhe des Camps ist steil und hat es in sich. Zwei Stunden mühen wir uns, bis das Camp endlich in Sicht ist. Erneut sind wir vollkommen erschöpft, als wir unser Tagesziel erreichen.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Für den nächsten Tag steht der Aufstieg zum knapp 4.000 Meter hohen Imet Gogo auf dem Programm – und anschließend der Rückweg zurück zum ersten Camp. Wieder nehmen wir uns vor, dass wir uns das nicht antun und gleich zum ersten Camp zurücklaufen werden. Und wieder kommt es anders. Aufgeben fällt manchmal schwerer, als sich weiter zu schinden. Doch schließlich sind wir wegen der versprochenen Aussicht vom Imet Gogo auf den Großen Afrikanischen Grabenbruch hier. Also bauen wir früh morgens unser vom Raureif überzogenes Zelt ab und packen unsere Rucksäcke, bereit, die nächsten Qualen auf uns zu nehmen.

Sämen-Nationalpark

Mittlerweile sind wir jedoch schon viel besser an die Höhe gewöhnt, und der Aufstieg fällt leichter als erwartet. Und wir werden für unsere Mühen fürstlich belohnt: Die Aussicht ist fulminant, und endlich kommt das Fischaugenobjektiv zum richtigen Einsatz.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Eigentlich haben wir es ja eilig, denn es wartet ja noch der lange Abstieg mit anschließendem, knackigem Aufstieg zurück zum ersten Camp. Doch die Aussicht ist so fantastisch, dass wir sie in vollen Zügen auskosten und uns erst nach einer Stunde wieder auf den Weg machen.

Mit jedem Meter bergab fällt uns das Laufen zunehmend leichter. Relativ schnell sind wir unten im Tal meistern die erste Hälfte des abschließenden Aufstieg. In der zweiten Hälfte müssen wir dann allerdings doch noch einmal leiden. Aber selbst unserem Scout geht es nicht besser. Er setzt sich unvermittelt an den Straßenrand und klagt über starke Kopfschmerzen. Das wundert uns nicht, wenn er den ganzen Tag nichts trinkt. Also geben wir ihm von unserem Wasser und eine Orange, um ihn wieder aufzupäppeln. So schnell kann sich das Blatt wenden: An den ersten beiden Tagen ist er uns noch ständig davongelaufen, nun müssen wir auf ihn Rücksicht nehmen. Glücklicherweise erholt er sich schnell, und wir gehen das letzte Stück Seite an Seite.

Am letzten Tag schließlich laufen wir den Weg vom ersten Tag wieder zurück. Obwohl es nun tendenziell bergab geht, zieht sich die Strecke wieder endlos. Es ist natürlich auch nicht sonderlich motivierend, dieselbe Route noch einmal zu laufen, wenn auch in umgekehrter Richtung. Aber immerhin können wir nun mitleidig auf diejenigen blicken, die uns entgegenkommen und die Tortur noch vor sich haben. Da fühlt man sich doch gleich schon besser!

Äthiopien

Wenn man an Äthiopien denkt, hat man unweigerlich Bilder hungernder, bis auf die Knochen abgemagerter Kinder mit aufgeblähten Bäuchen in den Armen ihrer hilflosen Mütter vor Augen – Kinder, die zu schwach sind, sich die Fliegen aus dem Gesicht zu vertreiben. Diese Bilder gingen unzählige Male um die Welt und haben eine nie dagewesene Spenden- und Hilfsbereitschaft ausgelöst. In den letzten Jahrzehnten hat Äthiopien mehrere verheerende Dürreperioden und Hungersnöte erlitten.

Doch Äthiopien verdient Aufmerksamkeit auch unter ganz anderen Gesichtspunkten: Äthiopien gilt als die Wiege der Menschheit. Lucy, das älteste bisher gefundene menschliche Skelett, ist 3,2 Millionen Jahre alt und entstammt einer Region in der Danakilwüste im Nordosten Äthiopiens. Auch für die Christen hat Äthiopien eine herausragende historische Bedeutung: In Lalibela stehen die ältesten Kirchen der Welt, tief in den Fels gehauen und in das Erdreich gegraben. Und in Aksum soll sich die Bundeslade befinden, der Schrein, in dem Moses von Gott die zehn Gebote empfangen haben soll.

Zunächst einmal heißt es für uns jedoch wieder einen Grenzübergang zu überwinden. Die Ausreise aus dem Sudan verläuft problemlos und ohne Durchsuchung. Nach nur 20 Minuten ist alles erledigt.
Auf der äthiopischen Seite ist der Grenzposten kaum als solcher zu erkennen. Er besteht aus einer einzelnen, runden und strohgedeckten Lehmhütte, die genauso gut Teil des Dorfes sein könnte, das die Lehmhütte umgibt und voller geschäftigen Treibens ist. Die Straße ist über und über bevölkert mit Menschen, die ihren täglichen Geschäften nachgehen.
In der Hütte ist es angenehm kühl. Werbekalender diverser Brauereien zieren die Wände und den Schreibtisch des wortkargen, aber nicht unfreundlichen Beamten. Nach dem offiziell alkoholfreien Sudan ist es eine Wohltat, in einem Land wieder frei Bier kaufen zu können. Und in Äthiopien gibt es tatsächlich mehrere Brauereien, die sehr gutes Bier brauen.
Doch die Kalender verdienen noch unter einem ganz anderen Gesichtspunkt eine genauere Betrachtung, denn in Äthiopien schreibt man das Jahr 2000. Noch im Mai vergangenen Jahres wurde hier der Beginn des neuen Milleniums gefeiert. Die Geburt Christie, auf der unser gregorianischer Kalender beruht, wurde nachweislich falsch berechnet. Die Äthiopier waren diesbezüglich konsequent und haben ihren Kalender nach den neuen Erkenntnissen korrigiert, während die Zeitrechnung in der restlichen Welt weiterhin auf falschen Annahmen beruht.
Der Beamte nimmt die Pässe entgegen und beginnt bedächtig, in einem dicken, DIN-A4-großen Heft zu blättern. Nach ein paar Minuten legt er es zur Seite und holt ein weiteres Heft hervor. Die Prozedur wiederholt sich mehrmals, und auch dieselben Hefter nimmt er mehrmals in die Hand. Dann schließlich scheint er keinen Zweifel mehr zu haben, dass nichts vorliegt, was unserer Einreise entgegensprechen könnte. Er trägt unsere Namen in einen weiteren Hefter ein, drückt den Einreisestempel in unsere Pässe und erklärt, dass wir nun nur noch unser Carnet im nächsten, rund 35 Kilometer entfernten Ort abstempeln lassen müssen.
Dies geschieht dann auch erstaunlich unbürokratisch binnen weniger Minuten. Zum Schluss werden noch schnell ein paar Kopien angefertigt, die wir nicht einmal bezahlen müssen, und nach insgesamt nur einer guten halben Stunde sind alle Formalitäten erledigt. Es tut gut, dass es auch noch ohne Abzocke geht, und so fahren wir mit einem guten Gefühl weiter in das unbekannte Land hinein.

An Dörfer aus Lehmhütten konnten wir uns schon auf den letzten Kilometern bei der Ausreise aus dem Sudan gewöhnen. Dort führte durch sie allerdings eine geteerte Straße hindurch. Hier auf dem Weg von der Grenze nach Gonder, dem Camelot Afrikas, das seinen Namen den zahlreichen Burgen und Schlössern verdankt, die die ehemaligen britischen Kolonialherren hinterlassen haben, gibt es lediglich eine teils ruppige Schotterpiste, die viel weniger im Kontrast zur natürlichen Umgebung steht. Dörfer, Felder und Landschaft gehen eine natürliche, harmonische Symbiose ein. Noch stärker als im Sudan haben wir das Gefühl, nun wirklich in Afrika zu sein.

Äthiopien

Äthiopien

Die Menschen am Straßenrand winken uns fröhlich zu, und die Kinder rufen immerzu „You, you!“, um unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Wo immer wir anhalten werden wir sofort von ihnen umringt und neugierig beäugt.

Äthiopien

Die Frauen sind farbenprächtig gekleidet und tragen stolz ihre bunten Sonnenschirme. Ihr umwerfendes Lächeln ist so offenherzig, dass in unseren Gemütern die Sonne aufgeht. Diese einfachen, aber glücklichen Menschen strahlen von innen heraus in einer Weise, wie wir es noch nie erlebt haben. Gewaschen werden die farbenfrohen Kleider und Tücher auf traditionelle Weise im Fluss. Hier wird gebadet, hier holen die Frauen das Wasser zum Trinken und Kochen und tragen es in traditionellen Tonkrügen akrobatisch auf ihren Köpfen zurück in die Dörfer, hier wird das Vieh getränkt. Die Flüsse sind die Dreh- und Angelpunkte des hiesigen Lebens.

Äthiopien

Dennoch ist die Landschaft erstaunlich grün auch dort, wo die nächsten Flüsse weit entfernt sind, und wo sie sich zum äthiopischen Hochland aufschwingt. Das Hochland im Norden nimmt ein Drittel der äthiopischen Gesamtfläche ein und ragt bis über 4.000 Meter auf. Der Ras Dashen ist mit rund 4.500 Metern der höchste Berg Äthiopiens und der vierthöchste Berg Afrikas. Er liegt im Sämen-Nationalpark, der vom Großen Afrikanischen Grabenbruch durchzogen wird. Die entstandenen Gebirge und das gebietsweise sehr fruchtbare Land haben Äthiopien den Beinamen „Die Schweiz Afrikas“ eingebracht.

Äthiopien

Äthiopien

Blue Nile Sailing Club in Khartum

Mit einem Tag Verspätung treffen wir schließlich doch noch im Blue Nile Sailing Club in Khartum ein. Außer einer Handvoll Motorradfahrern, unter anderem dem sympathischen kölschen Jung Werner, den wir erstmals in Assuan an der Fähre getroffen haben, ist kein Afrikafahrer da. Diejenigen, die hier Halt gemacht haben, waren alle schon ein paar Tage vor uns da und sind dann weitergefahren. Allzu viel verpasst haben wir also nicht.

Blue Nile Sailing Club

Der Blue Nile Sailing Club ist ein elitäres Überbleibsel aus der britischen Kolonialzeit: ein am Blauen Nil gelegener Yachtclub in Karthum. Auf dem Parkplatz sieht man ständig für sudanesische Verhältnisse luxuriöse Autos und reiche Menschen, die sudanesische Oberklasse. Der Befreiung des Sudan vom britischen Kolonialherrn zum Trotz, führen sie den kolonialen Lebensstil fort. Schließlich waren sie es, die an der Seite der Briten von der Kolonialisierung profitiert haben. Es scheint wie Ironie, dass auf dem Clubgelände ein Kriegsschiff mit tragischer Historie liegt. Die 50 Meter lange T. S. S. Melik wurde 1888 von der britischen Krone nilaufwärts gesandt, um den Tod General Gordons zu rächen. Mit der heute noch auf dem Bug stehenden Maximkanone, die damals zu den modernsten Kriegsmitteln gehörte, wurden tausende Freiheitskämpfer getötet. Kein Wunder, dass die Briten im Sudan nach wie vor nicht sonderlich gerne gesehen sind. Davon zeugt die Ermordung eines Angestellten der Britischen Botschaft, die sich nur ein oder zwei Tage zuvor ereignet hat. Er wurde erschossen.

Auf sein Ansehen unter den Kolonialzeitanbetern bildet der Club sich einiges ein. Den Campern begegnet man mit Arroganz und Überheblichkeit, obwohl das Areal nicht viel mehr als ein bewachter Parkplatz mit Duschen, Toiletten und Waschbecken ist. Die Einrichtungen sind verdreckt und werden von den Angestellten aus Bangladesh mitbenutzt. Die Bangladeschis sind es beim Toilettengang gewöhnt, in kleine Löcher im Boden zu zielen, aber nicht in eine Kloschüssel. Außerdem fragt man sich, was sie essen, um ihre Verdauung derart anzuregen. Scheinbar vertragen sie ihr eigenes, scharfes Essen nicht. Die Männertoilette sieht so aus, als wäre darauf jemand explodiert – und es riecht auch so…

Klingt alles nach guten Gründen, die Preise zu erhöhen. Warum nicht gleich verdoppeln? Genau das ist nämlich von gestern auf heute passiert. Preislich hat sich der Club damit an europäische Standards angenähert. Wir nehmen uns den Manager vor und erklären ihm, dass die gebotene Leistung aber nicht europäischer, sondern afrikanischer Standard sei. Er könne sich überlegen, ob er mit dem Preis runtergehe, oder ob wir gleich wieder fahren sollten. Von der Formulierung „afrikanischer Standard“ ist er sichtlich getroffen, schließlich ist man im Club stolz darauf, den Europäern näher zu stehen als den Afrikanern. Er bietet einen preislichen Kompromiss an, und wir gehen darauf ein, aber auch nur, weil es auf dem Parkplatz ein paar schattenspendende Bäume, ein offenes Funknetzwerk (und damit Internetzugang) und frisch gemachte Fruchtsäfte gibt. Das alles ist hier ein nicht zu unterschätzender Luxus. Letztlich bleiben wir aber auch aus Bequemlichkeit, denn die Strecken von Wadi Halfa nach Khartum waren enorm kräftezehrend. Beim nächsten Mal würden wir allerdings gleich zu einem anderen Campingplatz in Khartum fahren, denn es gibt eine kostengünstigere Alternative.

Blue Nile Sailing Club

Was gibt es sonst noch von Khartum zu berichten? Zum Beispiel, dass man in den Straßen Khartums ständig Fahrzeuge von Hilfsorganisationen sieht, allen voran den Vereinten Nationen, dem Roten Kreuz und den Ärzten ohne Grenzen. Sie nutzen Khartum als Basis, um die Lage im Krisengebiet Darfur und im bürgerkriegsgeschüttelten Süden des Sudans zu beobachten beziehungsweise Hilfseinsätze zu koordinieren. Doch das Aufgebot hat auch einen negativen Nebeneffekt: Da einige der Organisationen im Geld zu schwimmen scheinen, haben sie die Mieten und Preise hochgetrieben: es herrschen nahezu europäische Verhältnisse. Daneben kann man beobachten, wie die ersten westlichen Konzerne schon dabei sind, ihre Territorien abzustecken. Dazu gehören allen voran die großen Tankstellenketten Shell und Total und die Erfrischungsgetränkehersteller Coca Cola und Pepsi. Besonders Pepsi führt im Sudan derzeit einen gigantischen Werbefeldzug. Auch McDonalds, Burger King, Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut dürften nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Blue Nile Sailing Club

Unterdessen zeugt die sudanesische Geschäftstüchtigkeit von großer Unschuld. Als wir zu einer Versicherungsgesellschaft gehen, um uns die so genannte Yellow Card – die gelbe Unfallhaftpflichtversicherungskarte – zu besorgen, die wir ab Äthiopien brauchen und die das afrikanische Pendant zur europäischen Grünen Versicherungskarte darstellt, werden wir von einem freundlichen, aber völlig hilflosen Mitarbeiter empfangen. Wir erklären ihm unser Anliegen, und er beginnt, in einem dicken Aktenordner zu blättern – Blatt für Blatt, Blatt für Blatt, Blatt für Blatt, ganz bedächtig… Als er endlich am Ende angelangt ist, beginnt er wieder von vorne – Blatt für Blatt, Blatt für Blatt, Blatt für Blatt… Unterdessen füttert sein unterbeschäftigter Kollege am Nebenplatz mit dem hilflosesten Gesichtsausdruck, den wir jemals gesehen haben, die virtuellen Fische seines Bildschirmschoners. Dann holt unser Kollege einen zweiten Ordner hervor, und das Prozedere wiederholt sich in ungesteigertem Tempo. Nachdem er es zum zweiten Mal durchexerziert hat, hat er endlich ein Einsehen und greift zum Telefon, um seinen Vorgesetzten anzurufen. Dieser erklärt ihm schließlich, dass die Gelbe Versicherungskarte bei ihnen gar nicht erhältlich ist. Nach einer Stunde des Wartens war das nicht unbedingt das, womit wir gerechnet hatten.

Schön war auch das Einkaufen in Khartum. Der vom westlichen Warenangebot und unendlich vielen möglichen Kaufentscheidungen oft gequälte und überforderte Geist, wird im Sudan geschont. Viele, auch anscheinend einfache Dinge wie Butter sind oft gar nicht erhältlich. Und wenn es etwas gibt, dann in der Regel auch nicht verschiedene Varianten oder Marken, die die Kaufentscheidung komplizieren könnten. Der Afra-Markt ist der größte Supermarkt im Sudan, doch auch er bietet nur ein äußerst begrenztes Warenangebot. Ganze Regalreihen sind gefüllt mit ein und demselben Produkt. Damit die Reihen nicht allzu leer aussehen, stehen die Produkte im Regal nicht hintereinander aufgereiht, sondern nur neben-, über- und untereinander. Unterdessen erwarten den westlich denkenden Kunden in den kleineren Shops erfrischende mathematische Überraschungen. Wer eine größere statt einer kleineren Menge einer Ware kauft, geht in der Regel davon aus, es koste ihn weniger oder höchstens genauso viel wie die kleinere Menge. Im Sudan ist das anders. Als wir in einem Shop ein Duzend Eier kaufen wollen, zögern wir wegen des hohen Preises und erkundigen uns nach dem Preis für nur ein halbes Duzend Eier. Zu unserer Verwunderung nennt man uns einen geringeren als den halben Preis. Wir vermuten zunächst einen Irrtum und versuchen, den bemitleidenswerten Verkäufer mathematisch ein wenig aufzuklären, doch er lässt sich nicht beirren. „Gut, dann hätten wir eben gerne zweimal sechs statt einmal zwölf Eier!“

Von Karima nach Adbara

Es sind noch 600 km bis Khartum. Wir hoffen, dort im Blue Nile Sailing Club andere Afrikafahrer zu treffen und gemeinsam Silvester feiern zu können. Und der Tag fängt gut an in Karima, wo es Pyramiden zu sehen gibt. Sie sind zwar nicht so gigantisch wie die Pyramiden von Gizeh, dafür müssen wir sie aber auch nicht mit anderen Touristen und Kameltreibern teilen. Und sie wurden nicht mit soviel Blut erbaut, wie ihre großen Geschwister in Kairo.

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Dann allerdings fängt die Misere an. Wir müssen zum ersten Mal mit der Fähre über den Nil. Nebendran steht zwar schon eine fertige Brücke. Aber sie wird erst in einer Woche eröffnet. Da hilft auch kein Bakshish. Die Fähre kostet uns gleich mal einen halben Tag. Die Überfahrt selbst dauert zehn Minuten, das Warten davor vier Stunden. Willkommen in Afrika!

Fähre über den Nil

Fähre über den Nil

Und weil’s so schön ist, steht uns am Abend haargenau das gleiche Drama noch einmal bevor – inklusive im Bau befindlicher Brücke:

Fähre über den Nil

Fähre über den Nil

Am Ende sind wir froh, dass wir gerade noch kurz vor Mitternacht von der Fähre herunterkommen und bei Adbara – noch ganze 300 km vor Khartum –, in der Wüste ein Plätzchen zum Anstoßen finden. Fulco und Marielle haben zu diesem Anlass eine Flasche Sekt aufgehoben, und sogar Wunderkerzen gibt es als Feuerwerk!

Adbara

Von Wadi Halfa nach Dongola

Nach einem aufreibenden Nervenkrieg, der die Richtigkeit unseres Israelbesuchs zeitweilig in Frage gestellt hat, haben wir es am Vortag durch die sudanesische Zollkontrolle geschafft. Das Problem waren letztlich nicht die israelischen Stempel in unseren Pässen, die unbemerkt blieben, und es war auch nicht die Palette Bier im Auto, die unentdeckt blieb, sondern vielmehr die Identifikationsnummer unseres Motors, die ich zum Abgleich mit unseren Fahrzeugpapieren am Motor einfach nicht finden konnte. Am Ende hat der Zollbeamte – einer von der Sorte, die nicht mit sich spaßen lässt –, unerwartet ein Auge zugedrückt und uns durchgewunken. Unser Glück waren wohl die anderen Afrikafahrer, die auch noch abgefertigt werden mussten.

Der erste Weihnachtsabend wird genauso ungewöhnlich wie der Heiligabend zuvor. Gemeinsam mit den beiden Niederländern Fulco und Marielle und ihren quirligen Niederländischen Schäferhunden Djennis und Doerak, mit den Franzosen Alain und Jacques und mit den Deutschen Uwe und Ulrike verbringen wir den Abend des ersten und den Morgen des zweiten Weihnachtstags in der sudanesischen Wüste, bevor wir uns auf den abenteuerlichen Weg von Wadi Halfa nach Dongola machen.

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Um von Wadi Halfa nach Dongola zu kommen, gibt es zwei Möglichkeiten. Die kürzere Route verläuft entlang der Bahnlinie von Wadi Halfa nach Dongola, doch es soll mehrere versandete Stellen geben, die für unseren Sprinter vermutlich unpassierbar wären. Die von uns gewählte Alternativroute führt durch die Wüste und entlang des Nils über knüppelhartes Wellblech, durch knietiefen Staub und dicken Schlamm.

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Kurz vorm zweiten Weihnachtsabend heißt es dann auch erstmals Schaufeln auspacken und Marielles und Fulcos schweren, alten Bus aus dem Sand graben. Gut, dass die Beiden Sandbleche dabei haben. So arbeiten wir uns Meter für Meter vor, bis wir das 5-Tonnen-Gefährt schließlich mit unserem Sprinter heraus ziehen können.

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Wir sind froh, dass wir die Strecke gemeinsam fahren und die ersten Erfahrungen unter solchen Bedingungen nicht allein machen müssen. Das nimmt die Anspannung, und nach und nach kommen wir immer besser mit den Straßenverhältnissen zurecht. Unser Vertrauen in die eigenen Fahrkünste und die Fähigkeiten des Sprinters wächst von Tag zu Tag, und wir können die endlos weiten Ausblicke, die uns die Wüste hier bietet, mehr und mehr genießen.

Außerdem haben wir erste Kontakte zu den Einheimischen, auch wenn wir uns nach den anstrengenden Etappen manchmal gerne auch einfach nur zurückziehen und für uns sein würden. Doch wo immer wir anhalten versammeln sich die Menschen um uns herum und beobachten uns neugierig. Sie sind überaus freundlich, die Money-Money-Fraktion ist kaum vertreten. Und wenn wir durch die Dörfer fahren, dürfen wir uns endlich einmal fühlen wie der Papst. Alle winken uns freundlich zu und ermuntern uns zum Anhalten. Wir winken freundlich zurück, fahren aber weiter, denn wenn wir jedes Mal anhielten, würden wir noch weniger als die maximal 100 Kilometer schaffen, die wir bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von maximal 10–20 Kilometern in der Stunde ohnehin nur schaffen.

Über den Nassersee von Assuan nach Wadi Halfa

Um von Ägypten in den Sudan zu gelangen, steht nur der Wasserweg über den Nassersee offen. Die Grenzüberschreitung auf dem Landweg ist selbst mit einem Geländewagen nicht zu empfehlen, da es keinen offiziellen Grenzübergang gibt, sondern lediglich einen schwer bewachten Militärposten, und das Gebiet vermint ist. Von Assuan geht eine Fähre über den Nassersee zum Wüstenort Wadi Halfa, dem Eingangstor zum Sudan. Die Überfahrt dauert 24 Stunden und kostet stolze 500 Euro. Na prima. Die Visa für den Sudan hatten schon mit je 100 US-Dollar zu Buche geschlagen, und im Sudan werden weitere Einreise- und Registrierungsgebühren anfallen, insgesamt nochmals über 100 US-Dollar. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fähre nur wenige Autos transportieren kann und nur einmal pro Woche verkehrt.

Da wir Silvester gerne im Blue Nile Sailing Club, einem weiteren Treffpunkt der Afrikafahrer, feiern möchten, machen wir uns von Hamata schnellstmöglich auf den Weg nach Assuan. Doch unser Weg nach Assuan steht unter keinem guten Stern. Um vom Roten Meer an den Nil und von dort nach Assuan zu gelangen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Die erste Abzweigung geht von Marsa Alam ab. Dank einer Fehlinformation stellen wir jedoch erst 60 km später am Flughafen von Marsa Alam fest, dass wir viel zu weit gefahren sind. Also fahren wir weiter nach El Quesir zur nächsten möglichen Abzweigung. An einem Checkpoint werden wir jedoch gestoppt: die Strecke sei zu gefährlich, wir müssten weiterfahren bis Safaga.
In Safaga können wir dann endlich hinüber zum Nil queren. Die ganze Aktion hat uns jedoch einen Umweg von mindestens 250 km beschert und einen ganzen Tag gekostet. An diesem Tag schaffen wir es nur noch bis Luxor. Dort hält ein Anruf im Fährbüro eine schlechte Nachricht für uns bereit: Wegen eines muslimischen Feiertags fällt die Fähre am 17. Dezember. aus, und die Fähre eine Woche später sei auch schon ausgebucht. Die nächste Fähre ginge dann erst am 30. Dezember.
Aber so einfach wollen wir uns nicht geschlagen geben. Frank, ein knochentrockener Deutscher mit britischem Humor, den wir schon im Camp in in Kairo kennen gelernt haben, kommt zufälligerweise auch am selben Abend im Camp in Luxor an und vermittelt uns den Kontakt zu zwei Südafrikanern, die gemeinsam mit ihrem querschnittsgelähmten Vater auf dem Weg von Ägypten nach Südafrika sind. Sie wollen für sich und einige andere eine Extrafähre organisieren.
Am nächsten Morgen heißt es somit trotzdem „Auf nach Assuan!“, früh aufstehen und bei Dunkelheit um 5 Uhr losfahren, um es noch rechtzeitig bis zum Fährbüro zu schaffen. Doch es soll schon wieder nicht sein. Anfangs kommen wir noch recht gut durch, da wir uns an einen Reisebus dranhängen. Hinter dem Bus können wir uns verstecken und ungesehen mit durch die zahllosen Checkpoints hindurch schlüpfen. Immer wenn wir uns einem Checkpoint nähern, warnt uns der Busfahrer mit dreimal Warnblinker vor. Außerdem zeigt er mit Blinker recht und Blinker links die engen Kurven an. Nach Bedarf kombiniert er die Zeichen auch gekonnt. So heißt zum Beispiel Blinker links, rechts, links plus Warnblinker: „Vorsicht, S-Kurve mit anschließendem Checkpoint!“
Leider trennen sich unsere Wege aber nach halber Strecke, und tatsächlich werden wir gleich am nächsten Checkpoint heraus gewunken. Zwielichtige Gestalten in Militäruniform nehmen uns die Pässe ab und beordern uns in einen abgezäunten Bereich neben dem Checkpoint.
Während wir auf unsere Pässe warten, beobachten wir, wie die Locals im Vorbeifahren Geldscheine aus dem Fenster halten, um ungehindert zu passieren. Das kann ja heiter werden. Die Soldaten, oder was auch immer sie sein mögen, sprechen kein Wort Englisch und quatschen mich auf Arabisch voll. Es geht um Bakshish, aber ich gebe mich ahnungslos.
Nach fünf Minuten bekommen wir schließlich tatsächlich unsere Pässe zurück, aber der Absperrzaun bleibt geschlossen. Wie sehe es denn nun mit einem Bakshish aus, werde ich gefragt. Ein Würstchen, das daneben steht und nicht besonders helle wirkt, malt mit dem Finger eine hundert in seine Handinnenfläche. Ist wohl die größte Zahl, die er kennt und richtig schreiben kann. Da er wahrlich nicht so wirkt, als ob er etwas zu sagen hätte, ignoriere ich ihn und drücke dem Anderen fünf Ägyptische Pfund in die Hand, also fast nichts. Aber er scheint damit zufrieden zu sein und gibt das Zeichen, den Absperrzaun zur Seite zu schieben. Der Andere macht eine Geste, als ob er frieren würde und sich wärmen müsste. „Ja, ziemlich kalt hier.“ sage ich und gebe Gas, bevor die es sich noch einmal anders überlegen.
Am nächsten Checkpoint werden wir gleich wieder heraus gewunken. Man erklärt uns, wir müssten auf den nächsten Konvoi warten. Der käme in anderthalb Stunden. Das musste ja irgendwann kommen. Bisher hatten wir Glück. So werden wir es aber nicht mehr rechtzeitig bis ins Fährbüro schaffen.
Drei der Gestalten stehen vor unserem Fahrzeug und teilen dicke Geldbündel untereinander auf. Nach einiger Zeit werden wir mürbe, und ich frage einen von Ihnen, ob ein Bakshish den Prozess eventuell beschleunigen könnte. Er grinst uneindeutig und zeigt mir eine zehn an. Das könnte 10 Pfund heißen, könnte aber auch heißen, dass wir auf den Konvoi um 10 Uhr warten müssen. Ich halte ihm eine Zehn-Pfund-Note hin, doch er schüttelt den Kopf und deutet mit seinen Fingern eine Drei an. Es soll wohl bedeuten, dass sie zu dritt sind und jeder 10 Pfund haben will. Dreißig Pfund sind mir aber eindeutig zu viel, und so warten wir weiter auf den Konvoi.
Nach zwei Stunden kommen tatsächlich zwei Reisebusse vorbei, doch bei den Gestalten rührt sich nichts. Da keine weiteren Busse kommen, steige ich aus dem Wagen und frage, was da los ist, da wäre eben doch ein Konvoi vorbeigekommen. Ich solle mich noch ein paar Minuten gedulden, wird mir bedeutet. Ich setze mich wieder in den Wagen und lasse schon mal den Motor an. Wenn wir nicht bald weiterfahren können, dann fahren wir eben so los.
Doch so weit kommt es nicht. Nach ein paar Minuten bekommen wir endlich das Zeichen, weiterfahren zu dürfen. Kein Konvoi weit und breit, das Ganze war reine Schikane. Und es ist ihnen wirklich geglückt, uns zu schikanieren, denn das Fährbüro können wir für heute vergessen.

In den nächsten Tagen in Assuan ist die Fähre das absolute Hauptthema, denn die Anmietung einer Extrafähre scheint nicht möglich zu sein. Im Camp Adam’s Home in Assuan, der von einem etwas eigenwilligen Nubier Namens Jahjah betrieben wird und auf dem sich nach und nach ein Duzend Afrikafahrer einfinden, kursieren ständig neue Gerüchte. Insgesamt dreißig Leute sollen für die Fähre reserviert haben, doch es passen maximal sechs Autos darauf. Außerdem heißt es, wer es bis zum Dreißigsten nicht auf die Fähre schafft, der müsse bis Februar warten, denn im Januar verkehre keine Fähre. Einige Leute, die ihre Visa in Assuan beantragt hatten und wochenlang darauf warten mussten, brechen ihre Reise vorzeitig ab und fahren zurück in die Heimat.
Die Atmosphäre im Camp ist angespannt. Es entsteht eine regelrechte Konkurrenzsituation, auch wenn niemand dies offen anspricht. Wenn die und die ihre Visa nicht rechtzeitig bekommen, dann könnten sie und wir noch mit auf die Fähre passen, vorausgesetzt, man ist an der entsprechenden Position in der Nachrückerliste. Und die Liste wird von Mr. Salah, dem Mann des Ticket-Office, im Kopf geführt. Bei dreißig Leuten kann man sich leicht vorstellen, dass sich diese Liste stetig in einem höchst fragilen Zustand befindet und man sich von Zeit zu Zeit ins Gedächtnis von Mr. Salah zurückrufen muss, dass heißt alle zwei Tage bei Herrn Salah auf der Matte zu stehen und deutlich vor der Öffnungszeit möglichst der Erste in der Reihe zu sein.
Trotzdem machen wir alle das Beste aus der Situation und verbringen die Abende gemeinsam am Lagerfeuer. Besonders freuen wir uns, dass wir auch die beiden Neuseeländer John und seine krebskranke Frau June wiedersehen, die wir auch schon auf dem Campingplatz in Kairo kennengelernt und mit denen wir dort schon viele lustige Abende verbracht haben.

Adam's Home in Assuan

Adam's Home in Assuan

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Frank ist auch wieder mit von der Partie – leider zum letzten Mal, denn für ihn ist Assuan der Wendepunkt seiner Reise, die ihn danach wieder langsam in Richtung Heimat führen wird.

Adam's Home in Assuan

John, Frank und ich sind es auch, die die ganze Truppe bei Laune halten, Feuerholz organisieren und das Lagerfeuer auf die Beine stellen.

Adam's Home in Assuan

Schließlich gelingt es Mr. Salah dann doch noch, eine Extrafähre für alle Fahrzeuge zu organisieren. Bei der Einklarierung für die Fähre fällt dem jungen und umgänglichen Zollbeamten zwar auf, dass wir über Taba nach Ägypten eingereist sind, und er fragt, ob wir in Israel waren. Aber als wir beteuern, dass wir von Jordanien gekommen sind, drückt er beide Augen zu und entlässt uns mit einem wissenden Grinsen. Damit wäre die vorletzte Hürde geschafft, jetzt kann uns nur noch die sudanesische Passkontrolle stoppen.

Adam's Home in Assuan

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Doch zuvor heißt es für uns erst einmal, Mr. Salahs Nichte eine Stunde Deutschunterricht zu geben. Das kommt zwar ziemlich ungelegen, weil wir noch einige Dinge für den Sudan vorzubereiten haben. Aber was tut man nicht alles für einen Platz auf der Fähre, wenn es die einzige ist. Immerhin gibt es als Entschädigung ein feudales ägyptisches Mahl, das wir nach ägyptischer Sitte in Gedanken laut schmatzend genießen.

Am 24. ist es dann endlich so weit. Alle sitzen gemeinsam auf dem Oberdeck der Fähre und beobachten, wie riesige Kartons und Säcke von turmhoch beladenen Lastwagen in das Beiboot der Fähre gekippt und darin verstaut werden. Die Fähre selbst stellt sich übrigens als altes Rheinschiff heraus – das schafft Vertrauen…

Adam's Home in Assuan

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Adam's Home in Assuan

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Am Abend stoßen wir dann alle im Schein des Vollmonds mit geschmuggeltem Gin und Tonic auf den Heiligabend und unser gemeinsames Präsent, alle auf der Fähre sein zu können, an. Ja, sogar einen kleinen Weihnachtsbaum haben wir, den die beiden Schweizer und Swiss-Air-Piloten Marco und Danielle mitgebracht haben. Ein seltsamer Heiligabend zwar, aber Heiligabend bei Vollmond auf dem Nassersee hat man immerhin auch nicht alle Tage!

Adam's Home in Assuan

Tauchen in Hamata

Hamata am Roten Meer kann man kennen, wenn man gerne taucht, muss man aber nicht. Auf unseren Landkarten ist Hamata gar nicht erst verzeichnet. Gut zu wissen, dass Hamata etwa 100 Kilometer südlich von Marsa Alam liegen soll. Marsa Alam ist auf den Karten immerhin als richtige Stadt verzeichnet. Trotzdem haben wir es tatsächlich geschafft, daran vorbeizufahren, ohne es zu merken. Wie sollen wir dann erst Hamata finden?

Rotes Meer

Rotes Meer

Rotes Meer

Rotes Meer

Nach einigem Bangen finden wir Hamata dann schließlich doch. Die Küste unterhalb von Safaga bis hierunter ist wirklich noch wunderschön und naturbelassen, was in Ägyptens bekannten Tauch- und Urlaubsorten sonst leider nicht mehr so ist, und auf Höhe des Sinai haben wir einen wunderbaren, pastellfarbenen Sonnenuntergang erlebt. Bei Hamata von einem Ort zu sprechen, wäre allerdings übertrieben. Viel mehr als ein Duzend Wellblechhütten ist nicht zu sehen. Wäre da nicht das Tauchresort Zabargad, wären wir auch an Hamata vorbeigefahren. Das wäre uns dann wohl erst an der ägyptisch-sudanesischen Grenze aufgefallen, wo man uns zurückgeschickt hätte, denn es gibt dort keinen Grenzübergang, sondern lediglich einen Militärposten und vermintes Gelände.

Doch so weit kommt es nicht, denn mit Zabargad haben wir unser Ziel erreicht. Hier haben wir uns mit meinem ehemaligen Arbeitskollegen Stefan zum Tauchen verabredet. Stefan ist engagiertes DLRG-Mitglied und hat gleich eine ganze Truppe seiner Kollegen mitgebracht:

Tauchen in Hamata

Vor ein paar Wochen kam Stefan auf die glorreiche Idee, mir per E-Mail diesen Termin aufs Auge zu drücken, obwohl ich bei meiner Verabschiedung aus dem Berufsleben vollmundig konstatiert hatte, dass ich nie wieder einen Termin haben würde! Um mir den Termin schmackhaft zu machen, hat Stefan angeboten, gegebenenfalls auch ein paar Sachen aus Deutschland mitbringen zu können. Von dieser Gelegenheit haben wir auch ausgiebigen Gebrauch gemacht. Ein Unterwassergehäuse für unsere kleine Kamera, ein Fischaugenobjektiv, ein neues GPS mit Weltkarte, ein neues Mobiltelefon nebst Vertrag, ein neuer Alleskocher passend zu unserem Topfset, eine Handvoll Bücher und Weihnachtsgrüße für uns sind mit im Reisegepäck. Und dazu hat meine Mutter uns für Weihnachten einen riesigen Haufen Süßigkeiten dazu gesteckt. Schon lange haben wir uns nicht mehr so sehr über Süßes gefreut. Aber nach den eher mageren Zeiten davor, sind die ungesunden Leckereien mehr als willkommen. Ja, das ist wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen!

Tauchen ist natürlich auch angesagt. Nach einem Auffrischungstauchgang am Hausriff geht es an den nächsten zwei Tagen mit auf das Boot für vier großartige Tauchgänge. Doch erst einmal darf Christiane sich im befehligen von Tauchbooten üben. Weil ihre grüne Gesichtsfarbe am bedrohlichsten von allen wirkt, darf sie für einige Zeit das Ruder übernehmen. Das lässt die Seekrankheit am besten vergessen. Trotzdem sieht sie danach immer noch leicht unentspannt aus…

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Unterdessen bereitet sich Stefan schon einmal auf den ersten Tauchgang vor. Unter der Maske ist er nur an seinem breiten Grinsen zu erkennen…

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Doch neben Vollbluttauchern wie Christiane und Stefan ist das Rote Meer vor allem für seine wunderschönen Korallengärten und die vielen kleinen bunten Fische berühmt. Hier kommt dann auch gleich das Unterwassergehäuse zum Einsatz, und ich bin ziemlich happy mit meinen ersten Unterwasserbildern:

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Außerdem steht ein Wracktauchgang mit auf dem Programm. Praktischerweise ist die Kloschüssel noch sehr gut erhalten, so dass sich der notdurftgeplagte Taucher auch unter Wasser Erleichterung verschaffen kann:

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Ja, und als wäre das nicht schon schön genug gewesen, haben wir als krönendes Highlight das wunderbare Glück, mit einer großen Delfinschule zu schwimmen. Sind sie nicht einfach drollig?

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Camp Salma in Kairo und die Pyramiden von Gizeh

In Kairo gibt es ein Camp mit Blick auf die Pyramiden von Gizeh: Camp Salma. Camp Salma wird von einer gleichnamigen, etwas resoluten Ägypterin geführt und ist ein Treffpunkt für Afrikafahrer.
Allerdings sollte man einen festen Schlaf haben oder zumindest Ohropax mitbringen, denn gelegentlich gibt es  kleine Detonationen bei der Müllverbrennung, die hier rustikal in Eigenregie durchgeführt wird, und der Muezzin der benachbarten Moschee gibt alles, wenn er zum Gebet ruft. Außerdem weht vom angrenzenden, offenen Kanal, in dem aufgedunsene Rinderkadaver schwimmen, das eine oder andere Lüftchen herüber.
Die Gemüsehändler an der Straße mit ihren Eselkarren voll frisch aussehenden Gemüses beobachten wir dabei, wie sie das verseuchte Wasser aus dem Kanal schöpfen und damit das Gemüse bespritzen, um es frischer aussehen zu lassen. Guten Appetit!

Im Camp treffen wir zwar nicht auf so viele Afrikafahrer wie erwartet, aber wir haben die große Freude, eine fünfköpfige deutsch-südafrikanische Familie kennen zu lernen: Dennis und Maike mit ihren drei großartigen Kindern Jasmin, Jona und Janek. Sie erfüllen sich einen lange gehegten Traum und besuchen Maikes Eltern in Deutschland auf dem Landweg. Mit Geländewagen, Offroad-Anhänger und jeweils einem Dachzelt oben drauf sind sie den ganzen Weg von Johannesburg bis nach Ägypten gekommen und versorgen uns mit unzähligen Informationen, die uns für die nächsten Monate in Afrika viel Mut machen. Nun hängt für uns nicht mehr ein ganz so dickes Fragezeichen über dem schwarzen Kontinent.

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Allerdings haben wir in Dennis und Maike auch ein Exempel, wie lange es unter Umständen dauern kann, ein Visum zu bekommen. In ihrem Fall sind es die Visa für Libyen und Tunesien, auf die sie über vier Wochen warten müssen. Das zerrt an den Nerven und ist den Beiden auch unweigerlich anzumerken. Aber sie sind stark und halten durch, bis wir uns nach einer wunderbaren gemeinsamen Woche im Camp mit ihnen über die erhaltenen Visa freuen können!

Schon am nächsten Tag allerdings vermissen wir sie sehr. Die Woche mit ihnen war einfach großartig. Jeden Abend haben wir ein Lagerfeuer gemacht, darauf gekocht und uns daran gewärmt. Das Kochen auf dem Lagerfeuer ist eine Philosophie für sich, und Dennis bringt uns alles bei, was wir wissen müssen.

Camp Salma

Auch in den Tagen danach pflegen wir die Tradition und geben sie an andere Afrikafahrer weiter. Später in Assuan erfahren wir, dass man noch lange nach unserer Zeit die Spuren sehen konnte – nur Feuerholz war keines mehr da…
Wenn Maike, Dennis, Jasmin, Jona und Janek in ein paar Wochen in ihr neues Haus in Kapstadt eingezogen sein werden, dürfen wir sie besuchen kommen. Wir freuen uns schon riesig auf das Wiedersehen und weitere gemütliche Abende am Lagerfeuer. In ihrem Garten haben sie drei Feuerstellen. Das hat doch Stil!

Ach ja, und noch etwas: Meine Haare sind ab! Sie wurden langsam lästig, also habe ich Hand angelegt. Die selbstgebastelte Frisur sieht anfangs zwar noch scheiße aus, wird in den nächsten Tagen aber weiteren Optimierungen unterzogen. Am Ende wird sie sogar wirklich ansehnlich aussehen, wie dann auf späteren Bildern zu sehen sein wird. Auch Christianes Haare habe ich ganz gut hinbekommen – im nächsten Leben werde ich Friseur!

Camp Salma

Camp Salma

Auch sonst haben wir in Kairo eine gute Zeit. Mit dem Taxi fahren wir einige Male in die Innenstadt, weil wir uns für den Sudan und Äthiopien vorab Visa besorgen müssen. Schnell lernen wir beim Taxifahren das Herunterhandeln auf den richtigen Preis und sind überrascht, dass nicht alle Taxifahrer versuchen, Touristenpreise abzukassieren. So genießen wir es, uns mit den schwarz-weißen Taxis quer durch die halbe Stadt fahren und das Stadtbild an uns vorbeiziehen zu lassen. Und da wir nicht selbst am Steuer sitzen müssen, sind uns auch der abartige Verkehr und die vielen Staus egal. Nur die Abgase sind teilweise ganz schön heftig. Teilweise sitzt man inmitten blauer Abgaswolken, denn die Taxis – meist uralte, französische Fabrikate – haben keine Klimaanlage. Bei der Hitze helfen da nur offene Fenster.

Für die Visa brauchen wir wieder einmal ein Empfehlungsschreiben von der deutschen Botschaft. Wir bekommen es problemlos, wenn auch erst am nächsten Werktag, nach dem Wochenende. Man wundert sich, wie eine deutsche Behörde einen ganzen Tag benötigen kann, Namen und Anschrift in ein Formular einzugeben, auszudrucken und einen Stempel und eine Unterschrift darauf zu setzen. Noch toller: Als wir das Schreiben abholen wollen, will man uns weismachen, dass das eine ganze Woche dauert! Und dafür zahlen wir auch noch zwanzig Euro pro Person…
Wir bekommen das Schreiben dann aber doch gleich und gehen damit zur sudanesischen Botschaft. Nach dem Wochenende ist hier die Hölle los und die Botschaft quillt über vor Antragstellern. Als wir die Anträge schließlich fertig haben und überreichen, heißt es, wir sollen in einer Woche wiederkommen. In den folgenden Tagen bekommen wir jedoch mit, dass andere Traveller, die nicht gleich am Wochenanfang in die Botschaft gegangen sind, das Visum noch am selben Tag erhalten haben. So gehen wir wieder hin und sind hartnäckig. Unsere Anträge werden bewilligt, aber erst am nächsten Tag können wir unsere Visa abholen. Als wir am nächsten Tag dann tatsächlich unsere Pässe mit den Stempeln in den Händen halten, fällt uns ein riesiger Stein vom Herzen.
Das Äthiopienvisum bekommen wir übrigens problemlos. Die äthiopische Botschaft in Kairo darf sich mit der freundlichsten und hilfsbereitesten Angestellten rühmen, die wir auf unserer Reise bisher getroffen haben. Sogar in bequemen Ledersessel sitzen wir, als wir unsere Anträge ausfüllen.

Christiane sieht seit ein paar Wochen übrigens beängstigend schlecht und kann kaum noch Verkehrsschilder erkennen. Mehrere Male gehen wir zu einem Augenarzt, den uns die deutsche Botschaft empfohlen hat. Er stellt sich als ausgesprochen fachkundig heraus. In Bonn und Tübingen hat er studiert ist dann zurück nach Kairo gegangen. Er spricht hervorragend Deutsch, so dass Christiane ihm ohne Sprachbarriere erklären kann, was mit ihren Augen los ist, und er stellt auch gleich die richtige Diagnose: Christianes Hornhaut ist extrem trocken und sehr stark angegriffen. Beim Augentest liest sie aus drei Metern Entfernung 10 cm große Buchstaben als Zahlen vor!
In den nächsten Tagen muss Christiane eine Augenkur machen und soll die Augen so viel wie möglich geschlossen halten. Außerdem muss sie ein neuartiges Feuchtigkeitsgel und anfangs auch Kortisontropfen in die Augen machen. Glücklicherweise schlägt die Behandlung schnell an, und nach einigen Tagen kann Christiane endlich wieder normal sehen.

Da wir uns allmählich den Malariagebieten nähern, die ab dem Sudan langsam beginnen, besorgen wir uns Lariam. Lariam ist deutlich günstiger als das weit verbreitete Malarone und bietet einen wirksamen Schutz gegen die meisten Malariaerreger. Allerdings kann Lariam erhebliche Nebenwirkungen auf die Psyche und das Immunsystem haben. Wir werden sehen müssen, ob wir Lariam vertragen. Viele Traveller berichten, dass sie Lariam probiert haben und wieder absetzen mussten.
Für ägyptische Verhältnisse ist Lariam sehr teuer, und es gibt noch keine Generika. Die Beschaffung ist deshalb nicht leicht. Erst nach einigen Anläufen finden wir eine Apotheke, die Lariam bestellen kann.

Sightseeing steht natürlich auch auf dem Programm. Wir laufen zu den Pyramiden von Gizeh, denn von Camp Salma ist es nicht weit. Je näher wir den Pyramiden kommen, desto mehr gehen uns Taxifahrer auf die Nerven, die uns dorthin fahren wollen und Lügengeschichten erzählen. Auf unserer Route gebe es keinen Eingang und wir müssten kilometerlang um das Gelände herumlaufen, wenn wir nicht ihr Taxi nähmen. Ganz so naiv sind wir allerdings nicht mehr, und wir lassen uns nicht beirren.
Wenig später stehen wir dann auch auf dem Gelände und haben die Pyramiden in Lebensgröße vor uns. Doch lange genießen können wir den Anblick nicht. Schon wieder kommt einer an, der uns eine Lügengeschichte auftischt, weshalb wir ihn als Führer bräuchten. Und weil er einfach nicht lockerlassen will, brülle ich ihm dann irgendwann ein weithin hörbares „Fuck off!“ entgegen. Das versteht er dann.
Wenig später im Sichtschatten der zweiten großen Pyramide, wo nichts los ist, kommt ein Junge auf einem Esel angeritten. Er erzählt keine Lügengeschichte, sondern hält gleich die Hand und ruft mir frech „Money, money!“ ins Gesicht. Ich bin inzwischen so sauer, dass ich einfach nur noch meine flache Hand über die Schulter hebe und im eine Ohrfeige androhe. Wahrscheinlich gucke ich dabei auch noch ziemlich böse. Jedenfalls hinterlässt das offensichtlich ziemlichen Eindruck, denn der Rotzlöffel tritt mit seinem Esel blitzartig die Flucht an. Erstaunlich, wie schnell Esel rennen können.
Man fragt sich, weshalb mittlerweile zwischen 50 und 100 Mitarbeitern der Tourist Police über das ganze Areal verteilt sind, wenn die Touristen trotzdem ständig belästigt werden. Aber die Ägypter selbst sind nicht die einzigen Ärgernisse an den Pyramiden. Da wären zum Beispiel der nicht zu übersehende Parkplatz, den große Ästheten mitten zwischen die beiden ersten Pyramiden gesetzt haben, und die Straße, die an allen Pyramiden entlang führt. Nur wenn man hinter den Pyramiden ein ordentliches Stück in die Wüste hinausläuft, hat man überhaupt noch ungestörte Anblicke dieser großartigen Bauwerke.
Gestört werden wir dort allerdings dann von der Tourist Police selbst. Ein Polizist kommt auf einem Kamel angeritten und bietet an, dass wir ihn gegen einen kleinen Obolus fotografieren dürfen. Obwohl er uns nicht ganz geheuer vorkommt, gehen wir darauf ein. Weil das erste Foto nichts wird, mache ich gleich ein zweites, was ihn zu stören scheint, aber wir verstehen ihn nicht richtig und treten den Rückweg an. Einige Meter weiter ist ein zweites Kamel angebunden, dass ich schließlich auch noch fotografiere. Daraufhin kommt der Polizist angeritten und macht komische Andeutungen, die wir als Androhung einer Nacht im Gefängnis interpretieren. Und dieses Mal sind wir es, die sich schnell aus dem Staub machen.

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Ausreise Israel und Einreise Ägypten

Ohne konkrete Erwartungen waren wir nach Israel gekommen, doch das Land hat uns von Anfang an in seinen Bann gezogen. Es begann schon an der Grenze, also uns die freundlichen Grenzbeamten die Einreise so leicht wie möglich machten, und das, obwohl wir zuvor auch durch Syrien gereist waren. Nicht einmal eines der gefürchteten Interviews mussten wir über uns ergehen lassen, und nur ein vernachlässig kleiner Teil unseres Gepäcks wurde den normalerweise extensiven Sicherheitskontrollen unterzogen.
Von den Surfern in Bet Yannay wurden wir wie Freunde aufgenommen. Wir konnten zwei Wochen lang an ihrem Leben teilhaben und von ihnen viel über das Land erfahren. Sie gaben uns zahlreiche Tipps und halfen uns bei der Organisation der Weiterreise. Unser großer Dank geht hier vor allem an Oded und Tamari. Besonders Oded können wir gar nicht genug danken. Wir durften uns bei ihm wie zuhause fühlen, unsere Wäsche waschen, und er half uns, unseren Wagen für die nächsten 10.000 Kilometer fit zu machen. Und auch sonst können wir gar nicht genug betonen, wie freundlich und vorurteilsfrei wir überall aufgenommen wurden trotz der tragischen Geschichte, die unsere Völker verbindet.
Darüber hinaus bietet Israel mit dem quirligen Tel Aviv und dem kulturell zutiefst beeindruckenden Jerusalem zwei Städte, die man einfach gesehen und erlebt haben muss. Das Land selbst ist trocken, aber von großer Schönheit: so zum Beispiel die in weiten Teilen noch unberührte Mittelmeerküste, das leider nicht mehr unberührte aber trotzdem wunderschöne Tote Meer, das Rote Meer und die Felswüsten im Süden.
Eines Tages werden wir nach Israel zurückkehren und hoffentlich Oded und die anderen wiedersehen. Und wir würden gerne den Israel Trail laufen – einen knapp 1.000 Kilometer langen Wanderweg kreuz und quer durch das ganze Land.

Mit einem guten Gefühl und ohne lästige Durchsuchung verlassen wir Israel. Entgegen der Einreiseformalitäten können wir den Ausreisestempel jedoch nicht auf ein Extrablatt bekommen. Der israelische Zoll musste uns schon bei der Einreise einen kleinen Zusatzstempel mit einer Codierung an einer unauffälligen Stelle in den Pass drucken – aber zumindest ohne hebräische Schriftzeichen. Diesen hatten wir noch nicht als Problem betrachtet. Nun stellt sich jedoch heraus, dass auf derselben Passseite auch der Ausreisestempel platziert werden muss. Der Ausreisestempel enthält zwar ebenfalls keine hebräischen Schriftzeichen, aber es ist ein dickes schwarzes Dreieck, das kaum zu übersehen ist.
Außerdem mussten wir uns in Eilat ein Visum für Ägypten besorgen. Während Fluggäste es problemlos bei der Einreise erhalten, erhalten Überlandreisende an der israelisch-ägyptischen Grenze lediglich ein Visum für den Sinai, da der Sinai, obwohl Ägypten zugehörig, diesbezüglich souverän verwaltet wird. Eine Grenze zwischen Sinai und Ägypten oder eine Dienststelle, an der man das Visum für das Ägypten westlich des Suezkanals und des Roten Meeres erhalten könnte, existiert nicht.
Das ägyptische Konsulat in Istanbul hatte uns mitgeteilt, auch bei der Einreise über den Sinai werde an der Grenze ein für ganz Ägypten gültiges Visum ausgestellt. Infolge dieser Fehlinformation mussten wir uns das Visum im ägyptischen Konsulat in Eilat besorgen, und „Eilat“ steht nicht zu übersehen in der ersten Zeile des Visumstempels. Wenn das mal gut geht, denn die Durchreise durch den Israel nicht gesonnenen Sudan ist die einzige Möglichkeit, mit vertretbarem Aufwand in das südliche Afrika zu gelangen.

In Taba an der Grenze zu Ägypten müssen wir wieder eine Durchsuchung über uns ergehen lassen. Zwei Zollbeamte nehmen unseren Sprinter in Augenschein. Immerhin sind sie im Gegensatz zu den jordanischen Kollegen recht höflich. Ihr besonderes Interesse gilt unserer großen Bücherkiste, dem vollgestopften Medizinschränkchen und Christianes Handtasche.
Genüsslich durchstöbert einer der Beamten jeden Winkel der Tasche, zieht jedes Döschen oder Fläschchen vorsichtig heraus und hält es mit einem fragenden Blick in die Höhe. Genauestens lässt er sich von Christiane erklären, wofür das jeweilige Wässerchen da ist und ob es denn auch gut rieche.
Aus unserer Medizinbox fischt der andere Kollege unterdessen zielsicher zwei allseits bekannte blaue Tabletten in Rautenform heraus, die wir zum Ausprobieren und vergleichsweise günstig in der Türkei gekauft haben. Mit einem wohlwissenden Grinsen hält er die Packung in die Höhe und fragt mich, wofür die denn seien. Das ist für noch mehr Spaß im Bett, erkläre ich verlegen. „You wanna try?“ Tatsächlich lässt er die Packung nach kurzer Rückversicherung freudig in seiner Tasche verschwinden. Und sein Gesichtsausdruck verrät, dass er die folgende Nacht kaum erwarten kann…
Als nächstes steht uns der Behördengang bevor: Zoll, Versicherung und Verkehrsamt. Und sie wollen alle nur unser Bestes: unser Geld. Dem schmierigen, feisten Typ vom Zoll sieht man schon von weitem an, dass er den ganzen Tag kaum einen Finger krumm macht, und wenn er sich doch einmal bewegen muss, muss er sich vor Anstrengung sofort die Schweißperlen von der Stirn wischen. Das, obwohl selbst wir es bei den moderaten Temperaturen gut aushalten können und es in seinem Büro angenehm kühl ist. Er erklärt uns, dass er aus meinem Pass und aus dem Carnet des Passages von insgesamt vier Seiten je drei Kopien benötigt. Schwer atmend geleitet er uns ein Stockwerk höher zu einem anderen Büro, in dem einvorzeitliches Kopiergerät steht.
Während er entschwindet, eröffnen uns die Kollegen aus dem Büro, dass jede Kopie zwei Ägyptische Pfund koste. Das sind umgerechnet 25 Cent – für ägyptische und selbst deutsche Verhältnisse ziemlich viel Geld. Das geben wir ihm dann auch zu verstehen, und tatsächlich ist er bereit, die Summe auf zwanzig Pfund abzurunden. Doch wir sind immer noch nicht begeistert und lamentieren weiter. Dann geht plötzlich alles ganz schnell: „Fourtyeight.“, lautet sein nächstes Angebot. So läuft das hier also.
Christiane protestiert lautstark, und im nächsten Moment sind wir schon bei 96 Pfund. Das wären schon zwölf Euro für ein Duzend Kopien. „Mensch, halt die Klappe!“ gebe ich Christiane höchst unfein aber wohlwissend, dass jeder weitere Nachsatz den Preis weiter verdoppeln würde, zu verstehen. Christiane ist verständlicherweise kaum zu beruhigen, und auch ich koche innerlich. Ich würde dem Kerl am liebsten an die Kehle gehen, aber ich beherrsche mich natürlich.
Durch schnelles Zurückrudern und besänftigende Töne können wir uns aber immerhin wieder auf den Normalpreis verständigen. Mangels Alternativen akzeptieren wir, schließlich sitzen wir hier im Niemandsland und haben keine Chance, woanders Kopien herzubekommen. Wie wir später aus Gesprächen mit anderen Afrikafahrern erfahren, wird auf diese Weise an vielen Grenzen abgezockt, und auch das Mitbringen eigener Kopien ist in der Regel zwecklos, da sie von den Behörden nicht akzeptiert werden.
Mit den teuer bezahlten Kopien und – was noch viel schlimmer ist –, einem zutiefst verunsicherten Gefühl gehen wir zurück ins Büro des Zollbeamten und legen ihm die Kopien vor. Er erklärt uns nun das weitere Prozedere. Bei ihm sollen wir fünfhundert Pfund Zollgebühren zahlen, noch einmal fünfhundert Pfund soll die Versicherung kosten, und die Verkehrsbehörde verlangt noch einmal einen, im Vergleich zu den anderen Summen nicht weiter ins Gewicht fallenden Betrag. Insgesamt sind es rund tausendzweihundert Pfund beziehungsweise hundertfünfzig Euro. Da die Deutsche Botschaft in Kairo keinerlei Informationen zu den Kosten an der Grenze nennt, können wir überhaupt nicht einschätzen, ob wir hier abgezockt werden oder nicht. Nach der Erfahrung mit den Kopien fühlen wir uns ziemlich ausgeliefert. Im Büro des Zollbeamten hängt eine Preistafel für Zoll, Versicherung und Verkehrsbehörde. Seine Angaben zu Versicherung und Verkehrsbehörde stimmen, aber die fünfhundert Pfund für den Zoll sind viermal so hoch wie der Preis auf der Tafel. Wir verlangen eine Erklärung, und nach langwieriger Diskussion meinen wir aus dem miserablen Englisch herauszuhören, dass der Preis auf der Tafel nur für den Sinai gelte und nicht für das übrige Ägypten.
Wir glauben ihm nicht, müssen die Situation aber erst einmal in Ruhe besprechen. Da wir in Eilat ohnehin nicht genügend Geld gewechselt hatten – Gott sei Dank, denn wie wir jetzt erfahren, haben wir bei dem Halsabschneider nur 75 Prozent des tatsächlichen Werts erhalten –, nutzen wir die Gelegenheit, um zum Geldautomaten zu laufen. Der Geldautomat befindet sich in einem anderen Gebäude. So haben wir genügend Zeit, uns einen Plan auszudenken. Wir beschließen, alle Register zu ziehen und zu versuchen, mit dem Chef des Zolls zu sprechen oder anderenfalls in Gegenwart des Zollbeamten ein Telefonat mit der Deutschen Botschaft in Kairo zu simulieren.
Zum Chef des Zolls werden wir erwartungsgemäß nicht durchgelassen. Die Obrigkeitshörigkeit in Ägypten wie auch anderen arabischen und afrikanischen Ländern ist sehr ausgeprägt, der Führungsstil patriarchalisch, und es gibt wohl keine größere Horrorvorstellung für die hiesigen Beamten, als sich vor seinem Vorgesetzten verantworten zu müssen. Dementsprechend versetzen wir die ganze Behörde in Aufregung, auch wenn man versucht, es vor uns zu verbergen. Allerdings kann das auch nach hinten losgehen und sich nachteilig für uns auswirken. Wir sind skeptisch, ob es eine gute Idee war, halten aber an unserer Einschüchterungstaktik fest. Wenn man mit neuen Situationen konfrontiert ist, muss man auch einmal die Grenzen ausloten.
So simuliere ich dann schließlich, zurück im Büro des Zollbeamten und nach weiterer fruchtloser Diskussion, ein Telefonat mit unserer Botschaft. Der Beamte bleibt aber äußerlich gelassen. Entweder ist er ziemlich abgebrüht, oder seine Erklärung zum veranschlagten Geldbetrag entsprach doch der Wahrheit. Da wir jetzt nur noch die Möglichkeit hätten, die Zahlung zu verweigern und für unbestimmte Zeit abzuwarten, was passiert, entscheiden wir uns, zu zahlen. Später erfahren wir wiederum von anderen Travellern, dass sie den gleichen Betrag gezahlt haben. Wir hätten also nichts erreicht.
Der Aufruhr hat aber auch sein Gutes. Im Versicherungsbüro und bei der Verkehrsbehörde werden wir schnellstens und ohne weitere Probleme abgefertigt. Als Extraservice schraubt man uns sogar die ägyptischen Nummernschilder, mit denen wir nun herumfahren müssen, in unsere Nummernschildhalterungen. Dieser Service blieb allen anderen Afrikafahrern, mit denen wir in Ägypten gesprochen haben, verwehrt. Sie mussten ihre Nummernschilder selbst mit Panzerband befestigen. Alles in allem dürfen wir vergleichsweise nach nur weniger als drei Stunden weiterfahren. „Welcome to Egypt!“

Ausreise Israel und Einreise Ägypten

Ausreise Israel und Einreise Ägypten