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Äthiopien

Wenn man an Äthiopien denkt, hat man unweigerlich Bilder hungernder, bis auf die Knochen abgemagerter Kinder mit aufgeblähten Bäuchen in den Armen ihrer hilflosen Mütter vor Augen – Kinder, die zu schwach sind, sich die Fliegen aus dem Gesicht zu vertreiben. Diese Bilder gingen unzählige Male um die Welt und haben eine nie dagewesene Spenden- und Hilfsbereitschaft ausgelöst. In den letzten Jahrzehnten hat Äthiopien mehrere verheerende Dürreperioden und Hungersnöte erlitten.

Doch Äthiopien verdient Aufmerksamkeit auch unter ganz anderen Gesichtspunkten: Äthiopien gilt als die Wiege der Menschheit. Lucy, das älteste bisher gefundene menschliche Skelett, ist 3,2 Millionen Jahre alt und entstammt einer Region in der Danakilwüste im Nordosten Äthiopiens. Auch für die Christen hat Äthiopien eine herausragende historische Bedeutung: In Lalibela stehen die ältesten Kirchen der Welt, tief in den Fels gehauen und in das Erdreich gegraben. Und in Aksum soll sich die Bundeslade befinden, der Schrein, in dem Moses von Gott die zehn Gebote empfangen haben soll.

Zunächst einmal heißt es für uns jedoch wieder einen Grenzübergang zu überwinden. Die Ausreise aus dem Sudan verläuft problemlos und ohne Durchsuchung. Nach nur 20 Minuten ist alles erledigt.
Auf der äthiopischen Seite ist der Grenzposten kaum als solcher zu erkennen. Er besteht aus einer einzelnen, runden und strohgedeckten Lehmhütte, die genauso gut Teil des Dorfes sein könnte, das die Lehmhütte umgibt und voller geschäftigen Treibens ist. Die Straße ist über und über bevölkert mit Menschen, die ihren täglichen Geschäften nachgehen.
In der Hütte ist es angenehm kühl. Werbekalender diverser Brauereien zieren die Wände und den Schreibtisch des wortkargen, aber nicht unfreundlichen Beamten. Nach dem offiziell alkoholfreien Sudan ist es eine Wohltat, in einem Land wieder frei Bier kaufen zu können. Und in Äthiopien gibt es tatsächlich mehrere Brauereien, die sehr gutes Bier brauen.
Doch die Kalender verdienen noch unter einem ganz anderen Gesichtspunkt eine genauere Betrachtung, denn in Äthiopien schreibt man das Jahr 2000. Noch im Mai vergangenen Jahres wurde hier der Beginn des neuen Milleniums gefeiert. Die Geburt Christie, auf der unser gregorianischer Kalender beruht, wurde nachweislich falsch berechnet. Die Äthiopier waren diesbezüglich konsequent und haben ihren Kalender nach den neuen Erkenntnissen korrigiert, während die Zeitrechnung in der restlichen Welt weiterhin auf falschen Annahmen beruht.
Der Beamte nimmt die Pässe entgegen und beginnt bedächtig, in einem dicken, DIN-A4-großen Heft zu blättern. Nach ein paar Minuten legt er es zur Seite und holt ein weiteres Heft hervor. Die Prozedur wiederholt sich mehrmals, und auch dieselben Hefter nimmt er mehrmals in die Hand. Dann schließlich scheint er keinen Zweifel mehr zu haben, dass nichts vorliegt, was unserer Einreise entgegensprechen könnte. Er trägt unsere Namen in einen weiteren Hefter ein, drückt den Einreisestempel in unsere Pässe und erklärt, dass wir nun nur noch unser Carnet im nächsten, rund 35 Kilometer entfernten Ort abstempeln lassen müssen.
Dies geschieht dann auch erstaunlich unbürokratisch binnen weniger Minuten. Zum Schluss werden noch schnell ein paar Kopien angefertigt, die wir nicht einmal bezahlen müssen, und nach insgesamt nur einer guten halben Stunde sind alle Formalitäten erledigt. Es tut gut, dass es auch noch ohne Abzocke geht, und so fahren wir mit einem guten Gefühl weiter in das unbekannte Land hinein.

An Dörfer aus Lehmhütten konnten wir uns schon auf den letzten Kilometern bei der Ausreise aus dem Sudan gewöhnen. Dort führte durch sie allerdings eine geteerte Straße hindurch. Hier auf dem Weg von der Grenze nach Gonder, dem Camelot Afrikas, das seinen Namen den zahlreichen Burgen und Schlössern verdankt, die die ehemaligen britischen Kolonialherren hinterlassen haben, gibt es lediglich eine teils ruppige Schotterpiste, die viel weniger im Kontrast zur natürlichen Umgebung steht. Dörfer, Felder und Landschaft gehen eine natürliche, harmonische Symbiose ein. Noch stärker als im Sudan haben wir das Gefühl, nun wirklich in Afrika zu sein.

Äthiopien

Äthiopien

Die Menschen am Straßenrand winken uns fröhlich zu, und die Kinder rufen immerzu „You, you!“, um unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Wo immer wir anhalten werden wir sofort von ihnen umringt und neugierig beäugt.

Äthiopien

Die Frauen sind farbenprächtig gekleidet und tragen stolz ihre bunten Sonnenschirme. Ihr umwerfendes Lächeln ist so offenherzig, dass in unseren Gemütern die Sonne aufgeht. Diese einfachen, aber glücklichen Menschen strahlen von innen heraus in einer Weise, wie wir es noch nie erlebt haben. Gewaschen werden die farbenfrohen Kleider und Tücher auf traditionelle Weise im Fluss. Hier wird gebadet, hier holen die Frauen das Wasser zum Trinken und Kochen und tragen es in traditionellen Tonkrügen akrobatisch auf ihren Köpfen zurück in die Dörfer, hier wird das Vieh getränkt. Die Flüsse sind die Dreh- und Angelpunkte des hiesigen Lebens.

Äthiopien

Dennoch ist die Landschaft erstaunlich grün auch dort, wo die nächsten Flüsse weit entfernt sind, und wo sie sich zum äthiopischen Hochland aufschwingt. Das Hochland im Norden nimmt ein Drittel der äthiopischen Gesamtfläche ein und ragt bis über 4.000 Meter auf. Der Ras Dashen ist mit rund 4.500 Metern der höchste Berg Äthiopiens und der vierthöchste Berg Afrikas. Er liegt im Sämen-Nationalpark, der vom Großen Afrikanischen Grabenbruch durchzogen wird. Die entstandenen Gebirge und das gebietsweise sehr fruchtbare Land haben Äthiopien den Beinamen „Die Schweiz Afrikas“ eingebracht.

Äthiopien

Äthiopien

Blue Nile Sailing Club in Khartum

Mit einem Tag Verspätung treffen wir schließlich doch noch im Blue Nile Sailing Club in Khartum ein. Außer einer Handvoll Motorradfahrern, unter anderem dem sympathischen kölschen Jung Werner, den wir erstmals in Assuan an der Fähre getroffen haben, ist kein Afrikafahrer da. Diejenigen, die hier Halt gemacht haben, waren alle schon ein paar Tage vor uns da und sind dann weitergefahren. Allzu viel verpasst haben wir also nicht.

Blue Nile Sailing Club

Der Blue Nile Sailing Club ist ein elitäres Überbleibsel aus der britischen Kolonialzeit: ein am Blauen Nil gelegener Yachtclub in Karthum. Auf dem Parkplatz sieht man ständig für sudanesische Verhältnisse luxuriöse Autos und reiche Menschen, die sudanesische Oberklasse. Der Befreiung des Sudan vom britischen Kolonialherrn zum Trotz, führen sie den kolonialen Lebensstil fort. Schließlich waren sie es, die an der Seite der Briten von der Kolonialisierung profitiert haben. Es scheint wie Ironie, dass auf dem Clubgelände ein Kriegsschiff mit tragischer Historie liegt. Die 50 Meter lange T. S. S. Melik wurde 1888 von der britischen Krone nilaufwärts gesandt, um den Tod General Gordons zu rächen. Mit der heute noch auf dem Bug stehenden Maximkanone, die damals zu den modernsten Kriegsmitteln gehörte, wurden tausende Freiheitskämpfer getötet. Kein Wunder, dass die Briten im Sudan nach wie vor nicht sonderlich gerne gesehen sind. Davon zeugt die Ermordung eines Angestellten der Britischen Botschaft, die sich nur ein oder zwei Tage zuvor ereignet hat. Er wurde erschossen.

Auf sein Ansehen unter den Kolonialzeitanbetern bildet der Club sich einiges ein. Den Campern begegnet man mit Arroganz und Überheblichkeit, obwohl das Areal nicht viel mehr als ein bewachter Parkplatz mit Duschen, Toiletten und Waschbecken ist. Die Einrichtungen sind verdreckt und werden von den Angestellten aus Bangladesh mitbenutzt. Die Bangladeschis sind es beim Toilettengang gewöhnt, in kleine Löcher im Boden zu zielen, aber nicht in eine Kloschüssel. Außerdem fragt man sich, was sie essen, um ihre Verdauung derart anzuregen. Scheinbar vertragen sie ihr eigenes, scharfes Essen nicht. Die Männertoilette sieht so aus, als wäre darauf jemand explodiert – und es riecht auch so…

Klingt alles nach guten Gründen, die Preise zu erhöhen. Warum nicht gleich verdoppeln? Genau das ist nämlich von gestern auf heute passiert. Preislich hat sich der Club damit an europäische Standards angenähert. Wir nehmen uns den Manager vor und erklären ihm, dass die gebotene Leistung aber nicht europäischer, sondern afrikanischer Standard sei. Er könne sich überlegen, ob er mit dem Preis runtergehe, oder ob wir gleich wieder fahren sollten. Von der Formulierung „afrikanischer Standard“ ist er sichtlich getroffen, schließlich ist man im Club stolz darauf, den Europäern näher zu stehen als den Afrikanern. Er bietet einen preislichen Kompromiss an, und wir gehen darauf ein, aber auch nur, weil es auf dem Parkplatz ein paar schattenspendende Bäume, ein offenes Funknetzwerk (und damit Internetzugang) und frisch gemachte Fruchtsäfte gibt. Das alles ist hier ein nicht zu unterschätzender Luxus. Letztlich bleiben wir aber auch aus Bequemlichkeit, denn die Strecken von Wadi Halfa nach Khartum waren enorm kräftezehrend. Beim nächsten Mal würden wir allerdings gleich zu einem anderen Campingplatz in Khartum fahren, denn es gibt eine kostengünstigere Alternative.

Blue Nile Sailing Club

Was gibt es sonst noch von Khartum zu berichten? Zum Beispiel, dass man in den Straßen Khartums ständig Fahrzeuge von Hilfsorganisationen sieht, allen voran den Vereinten Nationen, dem Roten Kreuz und den Ärzten ohne Grenzen. Sie nutzen Khartum als Basis, um die Lage im Krisengebiet Darfur und im bürgerkriegsgeschüttelten Süden des Sudans zu beobachten beziehungsweise Hilfseinsätze zu koordinieren. Doch das Aufgebot hat auch einen negativen Nebeneffekt: Da einige der Organisationen im Geld zu schwimmen scheinen, haben sie die Mieten und Preise hochgetrieben: es herrschen nahezu europäische Verhältnisse. Daneben kann man beobachten, wie die ersten westlichen Konzerne schon dabei sind, ihre Territorien abzustecken. Dazu gehören allen voran die großen Tankstellenketten Shell und Total und die Erfrischungsgetränkehersteller Coca Cola und Pepsi. Besonders Pepsi führt im Sudan derzeit einen gigantischen Werbefeldzug. Auch McDonalds, Burger King, Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut dürften nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Blue Nile Sailing Club

Unterdessen zeugt die sudanesische Geschäftstüchtigkeit von großer Unschuld. Als wir zu einer Versicherungsgesellschaft gehen, um uns die so genannte Yellow Card – die gelbe Unfallhaftpflichtversicherungskarte – zu besorgen, die wir ab Äthiopien brauchen und die das afrikanische Pendant zur europäischen Grünen Versicherungskarte darstellt, werden wir von einem freundlichen, aber völlig hilflosen Mitarbeiter empfangen. Wir erklären ihm unser Anliegen, und er beginnt, in einem dicken Aktenordner zu blättern – Blatt für Blatt, Blatt für Blatt, Blatt für Blatt, ganz bedächtig… Als er endlich am Ende angelangt ist, beginnt er wieder von vorne – Blatt für Blatt, Blatt für Blatt, Blatt für Blatt… Unterdessen füttert sein unterbeschäftigter Kollege am Nebenplatz mit dem hilflosesten Gesichtsausdruck, den wir jemals gesehen haben, die virtuellen Fische seines Bildschirmschoners. Dann holt unser Kollege einen zweiten Ordner hervor, und das Prozedere wiederholt sich in ungesteigertem Tempo. Nachdem er es zum zweiten Mal durchexerziert hat, hat er endlich ein Einsehen und greift zum Telefon, um seinen Vorgesetzten anzurufen. Dieser erklärt ihm schließlich, dass die Gelbe Versicherungskarte bei ihnen gar nicht erhältlich ist. Nach einer Stunde des Wartens war das nicht unbedingt das, womit wir gerechnet hatten.

Schön war auch das Einkaufen in Khartum. Der vom westlichen Warenangebot und unendlich vielen möglichen Kaufentscheidungen oft gequälte und überforderte Geist, wird im Sudan geschont. Viele, auch anscheinend einfache Dinge wie Butter sind oft gar nicht erhältlich. Und wenn es etwas gibt, dann in der Regel auch nicht verschiedene Varianten oder Marken, die die Kaufentscheidung komplizieren könnten. Der Afra-Markt ist der größte Supermarkt im Sudan, doch auch er bietet nur ein äußerst begrenztes Warenangebot. Ganze Regalreihen sind gefüllt mit ein und demselben Produkt. Damit die Reihen nicht allzu leer aussehen, stehen die Produkte im Regal nicht hintereinander aufgereiht, sondern nur neben-, über- und untereinander. Unterdessen erwarten den westlich denkenden Kunden in den kleineren Shops erfrischende mathematische Überraschungen. Wer eine größere statt einer kleineren Menge einer Ware kauft, geht in der Regel davon aus, es koste ihn weniger oder höchstens genauso viel wie die kleinere Menge. Im Sudan ist das anders. Als wir in einem Shop ein Duzend Eier kaufen wollen, zögern wir wegen des hohen Preises und erkundigen uns nach dem Preis für nur ein halbes Duzend Eier. Zu unserer Verwunderung nennt man uns einen geringeren als den halben Preis. Wir vermuten zunächst einen Irrtum und versuchen, den bemitleidenswerten Verkäufer mathematisch ein wenig aufzuklären, doch er lässt sich nicht beirren. „Gut, dann hätten wir eben gerne zweimal sechs statt einmal zwölf Eier!“

Von Karima nach Adbara

Es sind noch 600 km bis Khartum. Wir hoffen, dort im Blue Nile Sailing Club andere Afrikafahrer zu treffen und gemeinsam Silvester feiern zu können. Und der Tag fängt gut an in Karima, wo es Pyramiden zu sehen gibt. Sie sind zwar nicht so gigantisch wie die Pyramiden von Gizeh, dafür müssen wir sie aber auch nicht mit anderen Touristen und Kameltreibern teilen. Und sie wurden nicht mit soviel Blut erbaut, wie ihre großen Geschwister in Kairo.

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Dann allerdings fängt die Misere an. Wir müssen zum ersten Mal mit der Fähre über den Nil. Nebendran steht zwar schon eine fertige Brücke. Aber sie wird erst in einer Woche eröffnet. Da hilft auch kein Bakshish. Die Fähre kostet uns gleich mal einen halben Tag. Die Überfahrt selbst dauert zehn Minuten, das Warten davor vier Stunden. Willkommen in Afrika!

Fähre über den Nil

Fähre über den Nil

Und weil’s so schön ist, steht uns am Abend haargenau das gleiche Drama noch einmal bevor – inklusive im Bau befindlicher Brücke:

Fähre über den Nil

Fähre über den Nil

Am Ende sind wir froh, dass wir gerade noch kurz vor Mitternacht von der Fähre herunterkommen und bei Adbara – noch ganze 300 km vor Khartum –, in der Wüste ein Plätzchen zum Anstoßen finden. Fulco und Marielle haben zu diesem Anlass eine Flasche Sekt aufgehoben, und sogar Wunderkerzen gibt es als Feuerwerk!

Adbara

Von Wadi Halfa nach Dongola

Nach einem aufreibenden Nervenkrieg, der die Richtigkeit unseres Israelbesuchs zeitweilig in Frage gestellt hat, haben wir es am Vortag durch die sudanesische Zollkontrolle geschafft. Das Problem waren letztlich nicht die israelischen Stempel in unseren Pässen, die unbemerkt blieben, und es war auch nicht die Palette Bier im Auto, die unentdeckt blieb, sondern vielmehr die Identifikationsnummer unseres Motors, die ich zum Abgleich mit unseren Fahrzeugpapieren am Motor einfach nicht finden konnte. Am Ende hat der Zollbeamte – einer von der Sorte, die nicht mit sich spaßen lässt –, unerwartet ein Auge zugedrückt und uns durchgewunken. Unser Glück waren wohl die anderen Afrikafahrer, die auch noch abgefertigt werden mussten.

Der erste Weihnachtsabend wird genauso ungewöhnlich wie der Heiligabend zuvor. Gemeinsam mit den beiden Niederländern Fulco und Marielle und ihren quirligen Niederländischen Schäferhunden Djennis und Doerak, mit den Franzosen Alain und Jacques und mit den Deutschen Uwe und Ulrike verbringen wir den Abend des ersten und den Morgen des zweiten Weihnachtstags in der sudanesischen Wüste, bevor wir uns auf den abenteuerlichen Weg von Wadi Halfa nach Dongola machen.

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Um von Wadi Halfa nach Dongola zu kommen, gibt es zwei Möglichkeiten. Die kürzere Route verläuft entlang der Bahnlinie von Wadi Halfa nach Dongola, doch es soll mehrere versandete Stellen geben, die für unseren Sprinter vermutlich unpassierbar wären. Die von uns gewählte Alternativroute führt durch die Wüste und entlang des Nils über knüppelhartes Wellblech, durch knietiefen Staub und dicken Schlamm.

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Kurz vorm zweiten Weihnachtsabend heißt es dann auch erstmals Schaufeln auspacken und Marielles und Fulcos schweren, alten Bus aus dem Sand graben. Gut, dass die Beiden Sandbleche dabei haben. So arbeiten wir uns Meter für Meter vor, bis wir das 5-Tonnen-Gefährt schließlich mit unserem Sprinter heraus ziehen können.

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Wir sind froh, dass wir die Strecke gemeinsam fahren und die ersten Erfahrungen unter solchen Bedingungen nicht allein machen müssen. Das nimmt die Anspannung, und nach und nach kommen wir immer besser mit den Straßenverhältnissen zurecht. Unser Vertrauen in die eigenen Fahrkünste und die Fähigkeiten des Sprinters wächst von Tag zu Tag, und wir können die endlos weiten Ausblicke, die uns die Wüste hier bietet, mehr und mehr genießen.

Außerdem haben wir erste Kontakte zu den Einheimischen, auch wenn wir uns nach den anstrengenden Etappen manchmal gerne auch einfach nur zurückziehen und für uns sein würden. Doch wo immer wir anhalten versammeln sich die Menschen um uns herum und beobachten uns neugierig. Sie sind überaus freundlich, die Money-Money-Fraktion ist kaum vertreten. Und wenn wir durch die Dörfer fahren, dürfen wir uns endlich einmal fühlen wie der Papst. Alle winken uns freundlich zu und ermuntern uns zum Anhalten. Wir winken freundlich zurück, fahren aber weiter, denn wenn wir jedes Mal anhielten, würden wir noch weniger als die maximal 100 Kilometer schaffen, die wir bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von maximal 10–20 Kilometern in der Stunde ohnehin nur schaffen.

Über den Nassersee von Assuan nach Wadi Halfa

Um von Ägypten in den Sudan zu gelangen, steht nur der Wasserweg über den Nassersee offen. Die Grenzüberschreitung auf dem Landweg ist selbst mit einem Geländewagen nicht zu empfehlen, da es keinen offiziellen Grenzübergang gibt, sondern lediglich einen schwer bewachten Militärposten, und das Gebiet vermint ist. Von Assuan geht eine Fähre über den Nassersee zum Wüstenort Wadi Halfa, dem Eingangstor zum Sudan. Die Überfahrt dauert 24 Stunden und kostet stolze 500 Euro. Na prima. Die Visa für den Sudan hatten schon mit je 100 US-Dollar zu Buche geschlagen, und im Sudan werden weitere Einreise- und Registrierungsgebühren anfallen, insgesamt nochmals über 100 US-Dollar. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fähre nur wenige Autos transportieren kann und nur einmal pro Woche verkehrt.

Da wir Silvester gerne im Blue Nile Sailing Club, einem weiteren Treffpunkt der Afrikafahrer, feiern möchten, machen wir uns von Hamata schnellstmöglich auf den Weg nach Assuan. Doch unser Weg nach Assuan steht unter keinem guten Stern. Um vom Roten Meer an den Nil und von dort nach Assuan zu gelangen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Die erste Abzweigung geht von Marsa Alam ab. Dank einer Fehlinformation stellen wir jedoch erst 60 km später am Flughafen von Marsa Alam fest, dass wir viel zu weit gefahren sind. Also fahren wir weiter nach El Quesir zur nächsten möglichen Abzweigung. An einem Checkpoint werden wir jedoch gestoppt: die Strecke sei zu gefährlich, wir müssten weiterfahren bis Safaga.
In Safaga können wir dann endlich hinüber zum Nil queren. Die ganze Aktion hat uns jedoch einen Umweg von mindestens 250 km beschert und einen ganzen Tag gekostet. An diesem Tag schaffen wir es nur noch bis Luxor. Dort hält ein Anruf im Fährbüro eine schlechte Nachricht für uns bereit: Wegen eines muslimischen Feiertags fällt die Fähre am 17. Dezember. aus, und die Fähre eine Woche später sei auch schon ausgebucht. Die nächste Fähre ginge dann erst am 30. Dezember.
Aber so einfach wollen wir uns nicht geschlagen geben. Frank, ein knochentrockener Deutscher mit britischem Humor, den wir schon im Camp in in Kairo kennen gelernt haben, kommt zufälligerweise auch am selben Abend im Camp in Luxor an und vermittelt uns den Kontakt zu zwei Südafrikanern, die gemeinsam mit ihrem querschnittsgelähmten Vater auf dem Weg von Ägypten nach Südafrika sind. Sie wollen für sich und einige andere eine Extrafähre organisieren.
Am nächsten Morgen heißt es somit trotzdem „Auf nach Assuan!“, früh aufstehen und bei Dunkelheit um 5 Uhr losfahren, um es noch rechtzeitig bis zum Fährbüro zu schaffen. Doch es soll schon wieder nicht sein. Anfangs kommen wir noch recht gut durch, da wir uns an einen Reisebus dranhängen. Hinter dem Bus können wir uns verstecken und ungesehen mit durch die zahllosen Checkpoints hindurch schlüpfen. Immer wenn wir uns einem Checkpoint nähern, warnt uns der Busfahrer mit dreimal Warnblinker vor. Außerdem zeigt er mit Blinker recht und Blinker links die engen Kurven an. Nach Bedarf kombiniert er die Zeichen auch gekonnt. So heißt zum Beispiel Blinker links, rechts, links plus Warnblinker: „Vorsicht, S-Kurve mit anschließendem Checkpoint!“
Leider trennen sich unsere Wege aber nach halber Strecke, und tatsächlich werden wir gleich am nächsten Checkpoint heraus gewunken. Zwielichtige Gestalten in Militäruniform nehmen uns die Pässe ab und beordern uns in einen abgezäunten Bereich neben dem Checkpoint.
Während wir auf unsere Pässe warten, beobachten wir, wie die Locals im Vorbeifahren Geldscheine aus dem Fenster halten, um ungehindert zu passieren. Das kann ja heiter werden. Die Soldaten, oder was auch immer sie sein mögen, sprechen kein Wort Englisch und quatschen mich auf Arabisch voll. Es geht um Bakshish, aber ich gebe mich ahnungslos.
Nach fünf Minuten bekommen wir schließlich tatsächlich unsere Pässe zurück, aber der Absperrzaun bleibt geschlossen. Wie sehe es denn nun mit einem Bakshish aus, werde ich gefragt. Ein Würstchen, das daneben steht und nicht besonders helle wirkt, malt mit dem Finger eine hundert in seine Handinnenfläche. Ist wohl die größte Zahl, die er kennt und richtig schreiben kann. Da er wahrlich nicht so wirkt, als ob er etwas zu sagen hätte, ignoriere ich ihn und drücke dem Anderen fünf Ägyptische Pfund in die Hand, also fast nichts. Aber er scheint damit zufrieden zu sein und gibt das Zeichen, den Absperrzaun zur Seite zu schieben. Der Andere macht eine Geste, als ob er frieren würde und sich wärmen müsste. „Ja, ziemlich kalt hier.“ sage ich und gebe Gas, bevor die es sich noch einmal anders überlegen.
Am nächsten Checkpoint werden wir gleich wieder heraus gewunken. Man erklärt uns, wir müssten auf den nächsten Konvoi warten. Der käme in anderthalb Stunden. Das musste ja irgendwann kommen. Bisher hatten wir Glück. So werden wir es aber nicht mehr rechtzeitig bis ins Fährbüro schaffen.
Drei der Gestalten stehen vor unserem Fahrzeug und teilen dicke Geldbündel untereinander auf. Nach einiger Zeit werden wir mürbe, und ich frage einen von Ihnen, ob ein Bakshish den Prozess eventuell beschleunigen könnte. Er grinst uneindeutig und zeigt mir eine zehn an. Das könnte 10 Pfund heißen, könnte aber auch heißen, dass wir auf den Konvoi um 10 Uhr warten müssen. Ich halte ihm eine Zehn-Pfund-Note hin, doch er schüttelt den Kopf und deutet mit seinen Fingern eine Drei an. Es soll wohl bedeuten, dass sie zu dritt sind und jeder 10 Pfund haben will. Dreißig Pfund sind mir aber eindeutig zu viel, und so warten wir weiter auf den Konvoi.
Nach zwei Stunden kommen tatsächlich zwei Reisebusse vorbei, doch bei den Gestalten rührt sich nichts. Da keine weiteren Busse kommen, steige ich aus dem Wagen und frage, was da los ist, da wäre eben doch ein Konvoi vorbeigekommen. Ich solle mich noch ein paar Minuten gedulden, wird mir bedeutet. Ich setze mich wieder in den Wagen und lasse schon mal den Motor an. Wenn wir nicht bald weiterfahren können, dann fahren wir eben so los.
Doch so weit kommt es nicht. Nach ein paar Minuten bekommen wir endlich das Zeichen, weiterfahren zu dürfen. Kein Konvoi weit und breit, das Ganze war reine Schikane. Und es ist ihnen wirklich geglückt, uns zu schikanieren, denn das Fährbüro können wir für heute vergessen.

In den nächsten Tagen in Assuan ist die Fähre das absolute Hauptthema, denn die Anmietung einer Extrafähre scheint nicht möglich zu sein. Im Camp Adam’s Home in Assuan, der von einem etwas eigenwilligen Nubier Namens Jahjah betrieben wird und auf dem sich nach und nach ein Duzend Afrikafahrer einfinden, kursieren ständig neue Gerüchte. Insgesamt dreißig Leute sollen für die Fähre reserviert haben, doch es passen maximal sechs Autos darauf. Außerdem heißt es, wer es bis zum Dreißigsten nicht auf die Fähre schafft, der müsse bis Februar warten, denn im Januar verkehre keine Fähre. Einige Leute, die ihre Visa in Assuan beantragt hatten und wochenlang darauf warten mussten, brechen ihre Reise vorzeitig ab und fahren zurück in die Heimat.
Die Atmosphäre im Camp ist angespannt. Es entsteht eine regelrechte Konkurrenzsituation, auch wenn niemand dies offen anspricht. Wenn die und die ihre Visa nicht rechtzeitig bekommen, dann könnten sie und wir noch mit auf die Fähre passen, vorausgesetzt, man ist an der entsprechenden Position in der Nachrückerliste. Und die Liste wird von Mr. Salah, dem Mann des Ticket-Office, im Kopf geführt. Bei dreißig Leuten kann man sich leicht vorstellen, dass sich diese Liste stetig in einem höchst fragilen Zustand befindet und man sich von Zeit zu Zeit ins Gedächtnis von Mr. Salah zurückrufen muss, dass heißt alle zwei Tage bei Herrn Salah auf der Matte zu stehen und deutlich vor der Öffnungszeit möglichst der Erste in der Reihe zu sein.
Trotzdem machen wir alle das Beste aus der Situation und verbringen die Abende gemeinsam am Lagerfeuer. Besonders freuen wir uns, dass wir auch die beiden Neuseeländer John und seine krebskranke Frau June wiedersehen, die wir auch schon auf dem Campingplatz in Kairo kennengelernt und mit denen wir dort schon viele lustige Abende verbracht haben.

Adam's Home in Assuan

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Frank ist auch wieder mit von der Partie – leider zum letzten Mal, denn für ihn ist Assuan der Wendepunkt seiner Reise, die ihn danach wieder langsam in Richtung Heimat führen wird.

Adam's Home in Assuan

John, Frank und ich sind es auch, die die ganze Truppe bei Laune halten, Feuerholz organisieren und das Lagerfeuer auf die Beine stellen.

Adam's Home in Assuan

Schließlich gelingt es Mr. Salah dann doch noch, eine Extrafähre für alle Fahrzeuge zu organisieren. Bei der Einklarierung für die Fähre fällt dem jungen und umgänglichen Zollbeamten zwar auf, dass wir über Taba nach Ägypten eingereist sind, und er fragt, ob wir in Israel waren. Aber als wir beteuern, dass wir von Jordanien gekommen sind, drückt er beide Augen zu und entlässt uns mit einem wissenden Grinsen. Damit wäre die vorletzte Hürde geschafft, jetzt kann uns nur noch die sudanesische Passkontrolle stoppen.

Adam's Home in Assuan

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Doch zuvor heißt es für uns erst einmal, Mr. Salahs Nichte eine Stunde Deutschunterricht zu geben. Das kommt zwar ziemlich ungelegen, weil wir noch einige Dinge für den Sudan vorzubereiten haben. Aber was tut man nicht alles für einen Platz auf der Fähre, wenn es die einzige ist. Immerhin gibt es als Entschädigung ein feudales ägyptisches Mahl, das wir nach ägyptischer Sitte in Gedanken laut schmatzend genießen.

Am 24. ist es dann endlich so weit. Alle sitzen gemeinsam auf dem Oberdeck der Fähre und beobachten, wie riesige Kartons und Säcke von turmhoch beladenen Lastwagen in das Beiboot der Fähre gekippt und darin verstaut werden. Die Fähre selbst stellt sich übrigens als altes Rheinschiff heraus – das schafft Vertrauen…

Adam's Home in Assuan

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Adam's Home in Assuan

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Am Abend stoßen wir dann alle im Schein des Vollmonds mit geschmuggeltem Gin und Tonic auf den Heiligabend und unser gemeinsames Präsent, alle auf der Fähre sein zu können, an. Ja, sogar einen kleinen Weihnachtsbaum haben wir, den die beiden Schweizer und Swiss-Air-Piloten Marco und Danielle mitgebracht haben. Ein seltsamer Heiligabend zwar, aber Heiligabend bei Vollmond auf dem Nassersee hat man immerhin auch nicht alle Tage!

Adam's Home in Assuan