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Drakensberge

Wir haben von der N2 einen Abstecher in die Drakensberge im Landesinneren am Rande Lesothos gemacht. Geologisch betrachtet ist Südafrika ein Binnenhochland, das in Süden, Westen und Osten von Randschwellengebirgen begrenzt ist. Zum östlichen Rand gehören die Drakensberge, die höchste Gebirgskette Südafrikas mit einer Höhe von bis zu knapp 3.500 Metern. Ein Teil der Drakensberge wurde zum Nationalpark und im Jahr 2000 von der UNESCO zum Welterbe erklärt.

Südafrika liegt ähnlich weit vom Äquator entfernt wie Europa, die meteorologischen Jahreszeiten sind daher ähnlich ausgeprägt, aber entgegengesetzt. Während in Europa der Frühling herrscht, ist hier der Herbst eingezogen, und in den vergangenen Tagen hat es viel geregnet. Was in den niedrig gelegenen Küstenregionen als Regen herunter gekommen ist, hat in den höheren Lagen der Drakensberge eine erste, dünne Schneeschicht hinterlassen. Dazu scheint die Sonne, die Drakensberge und ihr landwirtschaftlich geprägtes Umland zeigen sich von ihrer schönsten Seite.

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Fünf Tage verbringen wir in den Drakensbergen und übernachten auf einer Farm. Das noch recht junge Paar hat sie frisch übernommen, und wir sind ihre ersten Gäste. Den Platz für unseren Sprinter dürfen wir uns aussuchen. Vor dem Haus ist eine große Rasenfläche, die an einen kleinen See angrenzt. In großem Bogen kurve ich am Ufer vorbei über den Rasen, bis sich plötzlich nichts mehr bewegt. Peinlich, der Sprinter steckt tief im durchfeuchteten Boden einer flachen Senke. Wo eben noch gepflegter Rasen war, ist nun eine meterlange Spur der Verwüstung, und sie endet genau dort, wo unser Sprinter steht. Doch unsere Gastgeber nehmen es gelassen. Sie rufen einen benachbarten Farmer, der den Sprinter mit seinem Traktor aus der misslichen Lage befreit.

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Mit zur Familie gehören zwei Jack Russell Terrier, der eine schon etwas betagt und behäbig, aber eine echte Seele, der andere ein Energiebündel, wie die Welt es noch nicht gesehen hat. Das liebste Spielzeug von Jack, dem Energiebündel ist ein Tennisball, dem er wie ein geölter Blitz hinterher jagt, wenn man ihn wirft oder noch besser kickt. Das macht er stundenlang, ohne müde zu werden. Und wenn der Mensch dann nicht mehr kann, setzt er sich mit dem Ball vor ihn hin und wartet. Hin und wieder rollt er den Ball dann mit der Schnauze ein Stück näher, um seiner Motivation Ausdruck zu verleihen. Wer kann da noch widerstehen?

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Ganz so heil ist die Welt dann allerdings doch nicht, denn ein menschliches Familienmitglied kann nicht bei uns sein. Unsere Gastgeber haben einen Sohn, der nun in Australien lebt, nachdem er nach seiner Ausbildung in Südafrika keinen Arbeitsplatz finden konnte. So ergeht es immer mehr weißen Südafrikanern seit der Abschaffung der Apartheit und aufgrund diverser Bemühungen zur Gleichstellung der schwarzen Bevölkerung – zuletzt durch den Black Economic Empowerment Act (BBE) von 2003. Das soll für uns selbst später noch zum Problem werden, als wir versuchen, in Kapstadt Jobs zu finden.

Aber noch einmal zurück zu den Drakensbergen, denn sie sind bekannt für die klare Luft abseits dichter Besiedlung, die Vielfalt ihrer Gebirgsformationen, die zahlreichen Wasserfälle, die Vogelwelt und die vielen Wildblumenarten. Obwohl es Herbst und das Grasland schon braun ist, finden wir eine beeindruckende Pflanzenvielfalt vor, darunter verschiedene Distel- und Proteenarten. Die Königsprotea, deren Blüte einen Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern erreichen kann, ist Südafrikas Nationalblume, ihre Farbenpracht einzigartig in der Pflanzenwelt.

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Wandern im Sämen-Nationalpark

Von Gonder sind wir nach Debark gefahren, dem Eingangstor zum Sämen-Nationalpark. Wanderungen im Park zählen dank des sich tief hindurch windenden Großen Afrikanischen Grabenbruchs zu den schönsten Afrikas. Als Ausgangspunkt unserer Wanderung wählen wir das Simien Hotel, da sein ummauerter Innenhof die einzige Möglichkeit in Debark ist, ein Fahrzeug für ein paar Tage sicher abzustellen.

Der Weg nach Debark erwies sich als reifenmordende Schotterpiste – doch nicht nur damit sahen wir uns konfrontiert. Viele der Menschen im Hochland Äthiopiens sind wesentlich ärmer als diejenigen in den niedriger gelegenen, fruchtbareren Regionen. Wir bekamen das hautnah zu spüren: immer seltener ein herzliches Lächeln, immer häufiger bettelnde Kinder. Wenn wir nicht anhielten, quittierten einige es mit Steinwürfen. Eine Delle in unserem Sprinter zeugt davon.
Ein Teil der Probleme ist hausgemacht. Die männliche Bevölkerung treibt meist träge das Vieh vor sich her oder sitzt einfach nur herum, während die weibliche Bevölkerung Schwerstarbeiten verrichtet. Tief gebeugt und mit gekrümmten Rücken sieht man Frauen wie Mädchen unvorstellbare Lasten tragen. Darüber hinaus bekommen die Äthiopier mehr Kinder, als ihr Land versorgen kann. Deshalb müssen sie in Landstriche ausweichen, die regelmäßig von Dürreperioden heimgesucht werden.
In der Konsequenz reiht sich in den Dörfern des Hochlands nun Hilfsorganisation an Hilfsorganisation. Es gibt Projekte zum Bau von Bildungseinrichtungen, Kindergärten und Waisenhäusern, Projekte zum Aufbau einer touristischen Infrastruktur, Projekte zur Einrichtung einer medizinischen Versorgung und zur Aufklärung über AIDS, Projekte für ertragreichere Landwirtschaft, Projekte gegen und Prostitution, Projekte zum Schutz der Frauenrechte und viele andere mehr. Äthiopien ist eines der Länder, die weltweit am meisten Entwicklungshilfe erhalten haben und immer noch erhalten.
Doch die Entwicklungshilfe war in der Vergangenheit meist reine Symptombekämpfung und hat die Menschen abhängig und unselbständig gemacht. Sie nahm den Äthiopiern mit kostenlosen Hilfsgütern aus westlicher Herstellung und Überschussproduktion die Eigenverantwortung und den Bauern sowie anderen Unternehmern einen Teil ihrer Lebensgrundlage. Äthiopien wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten derart mit Geldern und Hilfsgütern überschüttet, dass die Hilfsorganisationen gar nicht mehr wussten, wohin sie damit sollten. Was nicht in den Taschen und Lagern korrupter Regierungsmitglieder oder gar Entwicklungshelfer landete, wurde zwangsweise ausgeteilt und ausgegeben, egal ob notwendig und sinnvoll oder nicht. Das Wirtschaftssystem Äthiopiens wurde in weiten Teilen aus den Angeln gehoben, und korrupte Regierungsmitglieder profitierten davon auch noch. So ist es kein Wunder, dass sich an der Situation in Äthiopien kaum etwas ändert: sie ist von einigen Profiteuren in Schlüsselpositionen gewollt.
Inzwischen geht die Entwicklungshilfe mehr und mehr zur Anleitung zur Selbsthilfe über. Das ist auch dringend notwendig. Aber das Ziel muss sein, Äthiopien mittelfristig wieder sich selbst zu überlassen, damit das Land zu einem Gleichgewicht finden kann.
Unsere Hilfe sollte sich auf Bildung und die nicht selbst von den Entwicklungsländern verschuldeten Probleme wie die Folgen der Globalisierung beschränken. Genau genommen dürften wir es zu diesen Problemen gar nicht erst kommen lassen. Darüber hinaus müssen wir den Entwicklungsländern fairen Zutritt zu unseren Märkten gewähren und die Spekulation mit Lebensmitteln verbieten. Gerade letztere hat in letzter Zeit die Preise auf Grundnahrungsmittel in Afrika vervielfacht. Selbst für uns als Europäer sind die hiesigen Nahrungsmittelpreise hoch. Wenn die westlichen Nationen weiter nicht handeln und vom Elend der Entwicklungsländer profitieren, steht die nächste Hungerkatastrophe bald bevor – und es wird keine Dürre die Ursache sein, sondern wir.
Dabei gibt es jedoch ein Problem: Entwicklungshilfe hat die Tendenz, sich selbst zu erhalten. Sie ist für viele Entwicklungshelfer Berufung, Lebensunterhalt oder Karriere. Andere Entwicklungshelfer und -organisationen sind religiöse Eiferer, die unter dem Deckmantel von Entwicklungshilfe Missionierung betreiben. Sie alle haben kein natürliches Interesse an einer Beendigung von Entwicklungsprojekten.

Ein Beispiel für ein sinnvolles und erfolgreiches Entwicklungsprojekt ist der Von Gonder sind wir nach Debark gefahren, dem Eingangstor zum Sämen-Nationalpark. Wanderungen im Park zählen dank des sich tief hindurch windenden Großen Afrikanischen Grabenbruchs zu den schönsten in Afrika. Als Ausgangspunkt unserer Wanderung wählen wir das Simien Hotel, da sein ummauerter Innenhof die einzige Möglichkeit in Debark ist, ein Fahrzeug für ein paar Tage sicher abzustellen. unseres Nachbarlandes Österreich. Durch integrierte Entwicklungsprojekte wie dieses lassen sich die Lebensbedingungen von Menschen verbessern und gleichzeitig die Umwelt schützen. Der Park schützt nicht nur die einzigartige Natur, sondern bietet den Rangern, Guides, Scouts, Mulitreibern, Sack- und Leinenherstellern, Lebensmittelverkäufern, Unterkunftsbetreibern und Fahrdienstleistern ein Auskommen. Außerdem erhalten die ansässigen Bauern Wissen zu einer effektiveren Bewirtschaftung ihrer Felder.

Früh am Morgen rüsten wir uns für eine viertägige Wanderung durch den Park. Die Rucksäcke sind gepackt: Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Kochgeschirr und Klamotten lasten schwer auf unseren Schultern, während unsere Essens- und Wasservorräte auf einem Pferd festgezurrt werden. Ja, das Wandern hat hier richtigen Expeditionscharakter mit Esel oder Pferd, Treiber und einem Scout. Unser Scout ist nur mit einem Gewehr ausgerüstet wird uns in den nächsten vier Tagen leichtfüßig vorauseilen, während wir hinter ächzen werden. Eigentlich bevorzugen wir es, alleine zu wandern, aber die Wasserversorgung entlang der Strecke ist nicht sichergestellt, und tragen könnten wir das zusätzliche Gewicht alleine nicht. Außerdem ist der Scout obligatorisch, weil der Weg nicht markiert ist und um uns vor eventuellen Zwischenfällen mit Wildtieren zu schützen. Immerhin können wir auf einen Guide verzichten, der uns den ganzen Weg über mit Informationen versorgen würde.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Nachdem das Pferd bepackt ist, geht es endlich los. Wir erwarten eine leichte erste Tagesetappe und einen gemächlichen Anstieg von 3.000 auf 3.500 Meter Höhe zum eigentlichen Parkeingang. Diese Vorstellung soll sich im Verlauf des Tages jedoch als ziemlich naiv herausstellen. Über 30 Kilometer geht es auf und ab, auf und ab, auf und ab.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Wir haben die Höhe unterschätzt und sind nicht ausreichend akklimatisiert. Schon nach der Hälfte der Strecke wird jeder Schritt zur Qual und zerrt an unseren Nerven. Wir fühlen uns schwach, physisch und mental, und wegen einer Lappalie geraten wir in einen scheinbar überflüssigen Streit. Die lange Reise fordert ihren Tribut. Seit Anatolien hatten wir mit Ausnahme von Israel kaum eine Erholungsmöglichkeit: kein Feldweg, der in ein verstecktes kleines Wäldchen geführt hätte, kein Baum, der einen Sichtschutz gewährt hätte, kein Café, das zum Regenerieren eingeladen hätte, überall neugierige Menschen, die uns kaum zur Ruhe kommen ließen. Und wenn wir einmal auf einem Campingplatz Station machen konnten, dann war es entweder kein schöner Ort, oder wir hatten zuviel zu tun, als dass wir unsere Batterien hätten aufladen können. Außerdem haben wir das Lariam, das wir seit dem Sudan als Malariaprophylaxe nehmen, im Verdacht, dass es unsere Physis und Psyche schwächt.
Wir sind vollkommen ausgelaugt, und durch die physische Anstrengung auf dieser Wanderung und den Streit kommt nun alles an die Oberfläche. Der Streit soll sich jedoch als reinigendes Gewitter erweisen. Wir werden uns unseres Zustandes mit aller Deutlichkeit bewusst und fangen an, die Weichen für unsere Reise in den nächsten Tagen neu zu stellen. Wir beschließen, nicht jeder Sehenswürdigkeit hinterherzujagen und noch weniger Zeit an Orten zu verbringen, die uns keine Energie geben können oder uns gar die Energie rauben. Wir werden länger an denjenigen Orten verweilen, die uns Energie geben können. Das werden verstärkt auch Orte sein, an denen nicht zu viele Menschen um uns herum sind. So schön das Zusammensein mit Einheimischen und anderen Afrikafahrern ist, so schnell können wir uns dabei selbst aus den Augen verlieren. Privat zu sein und wirklich Zeit füreinander zu haben auf einer solchen Reise ist ein nicht zu unterschätzender Luxus, den wir uns zukünftig aktiver verschaffen müssen. Das Lariam werden wir obendrein absetzen und stattdessen den Wirkstoff Doxycyclin nehmen, der nicht viel weniger effektiv ist, aber weniger Nebenwirkungen hat und außerdem günstiger ist.

Doch all das hilft uns in unserem gegenwärtigen Elend wenig. Endlos zieht sich der Tag. Einzig die ersten Ausblicke auf den Großen Afrikanischen Grabenbruch und eine Gruppe Paviane können uns ein wenig aufmuntern.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Viel Zeit dafür haben wir jedoch nicht, denn laut unseres Scouts hinken wir dem Zeitplan mächtig hinterher, und wir müssen noch bei Tageslicht im ersten Camp ankommen. So schleppen wir uns denn weiter – irgendwann müssten wir doch endlich dort sein. In diesem Glauben quälen wir uns noch Stunden, bis in die Dämmerung hinein, als wir schließlich, am Ende unserer Kräfte, dem Kriechen näher als dem Gehen, endlich im Camp ankommen. Völlig erschöpft lassen wir unsere Rucksäcke ins Gras fallen, bauen das Zelt auf, und kochen uns mit letzter Kraft eine Nudelsuppe zum Essen. Gierig und zitternd verschlingen wir das freudlose Mahl, lassen die Löffel fallen und sinken in einen tiefen, traumlosen Schlaf – im gegenseitigen Einvernehmen, dass wir nicht weiter-, sondern am nächsten Tag zurücklaufen werden.

Aber es kommt anders. Nach einem einigermaßen erholsamen Schlaf schöpfen wir neuen Mut und ringen uns dazu durch, es doch zu versuchen. Weitere 500 Meter Höhenunterschied stehen auf dem Programm, aber nur ein größeres Tal dazwischen, das es zu durchschreiten gilt. Und wir werden für unsere Entscheidung belohnt mit dem schwindelerregenden Ausblick auf einen tiefen Wasserfall und einer Gruppe einiger hundert Paviane.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Zum Schluss müssen wir allerdings doch noch einmal die Zähne zusammenbeißen. Der finale Anstieg aus dem Tal heraus bis auf Höhe des Camps ist steil und hat es in sich. Zwei Stunden mühen wir uns, bis das Camp endlich in Sicht ist. Erneut sind wir vollkommen erschöpft, als wir unser Tagesziel erreichen.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Für den nächsten Tag steht der Aufstieg zum knapp 4.000 Meter hohen Imet Gogo auf dem Programm – und anschließend der Rückweg zurück zum ersten Camp. Wieder nehmen wir uns vor, dass wir uns das nicht antun und gleich zum ersten Camp zurücklaufen werden. Und wieder kommt es anders. Aufgeben fällt manchmal schwerer, als sich weiter zu schinden. Doch schließlich sind wir wegen der versprochenen Aussicht vom Imet Gogo auf den Großen Afrikanischen Grabenbruch hier. Also bauen wir früh morgens unser vom Raureif überzogenes Zelt ab und packen unsere Rucksäcke, bereit, die nächsten Qualen auf uns zu nehmen.

Sämen-Nationalpark

Mittlerweile sind wir jedoch schon viel besser an die Höhe gewöhnt, und der Aufstieg fällt leichter als erwartet. Und wir werden für unsere Mühen fürstlich belohnt: Die Aussicht ist fulminant, und endlich kommt das Fischaugenobjektiv zum richtigen Einsatz.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Eigentlich haben wir es ja eilig, denn es wartet ja noch der lange Abstieg mit anschließendem, knackigem Aufstieg zurück zum ersten Camp. Doch die Aussicht ist so fantastisch, dass wir sie in vollen Zügen auskosten und uns erst nach einer Stunde wieder auf den Weg machen.

Mit jedem Meter bergab fällt uns das Laufen zunehmend leichter. Relativ schnell sind wir unten im Tal meistern die erste Hälfte des abschließenden Aufstieg. In der zweiten Hälfte müssen wir dann allerdings doch noch einmal leiden. Aber selbst unserem Scout geht es nicht besser. Er setzt sich unvermittelt an den Straßenrand und klagt über starke Kopfschmerzen. Das wundert uns nicht, wenn er den ganzen Tag nichts trinkt. Also geben wir ihm von unserem Wasser und eine Orange, um ihn wieder aufzupäppeln. So schnell kann sich das Blatt wenden: An den ersten beiden Tagen ist er uns noch ständig davongelaufen, nun müssen wir auf ihn Rücksicht nehmen. Glücklicherweise erholt er sich schnell, und wir gehen das letzte Stück Seite an Seite.

Am letzten Tag schließlich laufen wir den Weg vom ersten Tag wieder zurück. Obwohl es nun tendenziell bergab geht, zieht sich die Strecke wieder endlos. Es ist natürlich auch nicht sonderlich motivierend, dieselbe Route noch einmal zu laufen, wenn auch in umgekehrter Richtung. Aber immerhin können wir nun mitleidig auf diejenigen blicken, die uns entgegenkommen und die Tortur noch vor sich haben. Da fühlt man sich doch gleich schon besser!

Von Karima nach Adbara

Es sind noch 600 km bis Khartum. Wir hoffen, dort im Blue Nile Sailing Club andere Afrikafahrer zu treffen und gemeinsam Silvester feiern zu können. Und der Tag fängt gut an in Karima, wo es Pyramiden zu sehen gibt. Sie sind zwar nicht so gigantisch wie die Pyramiden von Gizeh, dafür müssen wir sie aber auch nicht mit anderen Touristen und Kameltreibern teilen. Und sie wurden nicht mit soviel Blut erbaut, wie ihre großen Geschwister in Kairo.

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Dann allerdings fängt die Misere an. Wir müssen zum ersten Mal mit der Fähre über den Nil. Nebendran steht zwar schon eine fertige Brücke. Aber sie wird erst in einer Woche eröffnet. Da hilft auch kein Bakshish. Die Fähre kostet uns gleich mal einen halben Tag. Die Überfahrt selbst dauert zehn Minuten, das Warten davor vier Stunden. Willkommen in Afrika!

Fähre über den Nil

Fähre über den Nil

Und weil’s so schön ist, steht uns am Abend haargenau das gleiche Drama noch einmal bevor – inklusive im Bau befindlicher Brücke:

Fähre über den Nil

Fähre über den Nil

Am Ende sind wir froh, dass wir gerade noch kurz vor Mitternacht von der Fähre herunterkommen und bei Adbara – noch ganze 300 km vor Khartum –, in der Wüste ein Plätzchen zum Anstoßen finden. Fulco und Marielle haben zu diesem Anlass eine Flasche Sekt aufgehoben, und sogar Wunderkerzen gibt es als Feuerwerk!

Adbara

Camp Salma in Kairo und die Pyramiden von Gizeh

In Kairo gibt es ein Camp mit Blick auf die Pyramiden von Gizeh: Camp Salma. Camp Salma wird von einer gleichnamigen, etwas resoluten Ägypterin geführt und ist ein Treffpunkt für Afrikafahrer.
Allerdings sollte man einen festen Schlaf haben oder zumindest Ohropax mitbringen, denn gelegentlich gibt es  kleine Detonationen bei der Müllverbrennung, die hier rustikal in Eigenregie durchgeführt wird, und der Muezzin der benachbarten Moschee gibt alles, wenn er zum Gebet ruft. Außerdem weht vom angrenzenden, offenen Kanal, in dem aufgedunsene Rinderkadaver schwimmen, das eine oder andere Lüftchen herüber.
Die Gemüsehändler an der Straße mit ihren Eselkarren voll frisch aussehenden Gemüses beobachten wir dabei, wie sie das verseuchte Wasser aus dem Kanal schöpfen und damit das Gemüse bespritzen, um es frischer aussehen zu lassen. Guten Appetit!

Im Camp treffen wir zwar nicht auf so viele Afrikafahrer wie erwartet, aber wir haben die große Freude, eine fünfköpfige deutsch-südafrikanische Familie kennen zu lernen: Dennis und Maike mit ihren drei großartigen Kindern Jasmin, Jona und Janek. Sie erfüllen sich einen lange gehegten Traum und besuchen Maikes Eltern in Deutschland auf dem Landweg. Mit Geländewagen, Offroad-Anhänger und jeweils einem Dachzelt oben drauf sind sie den ganzen Weg von Johannesburg bis nach Ägypten gekommen und versorgen uns mit unzähligen Informationen, die uns für die nächsten Monate in Afrika viel Mut machen. Nun hängt für uns nicht mehr ein ganz so dickes Fragezeichen über dem schwarzen Kontinent.

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Allerdings haben wir in Dennis und Maike auch ein Exempel, wie lange es unter Umständen dauern kann, ein Visum zu bekommen. In ihrem Fall sind es die Visa für Libyen und Tunesien, auf die sie über vier Wochen warten müssen. Das zerrt an den Nerven und ist den Beiden auch unweigerlich anzumerken. Aber sie sind stark und halten durch, bis wir uns nach einer wunderbaren gemeinsamen Woche im Camp mit ihnen über die erhaltenen Visa freuen können!

Schon am nächsten Tag allerdings vermissen wir sie sehr. Die Woche mit ihnen war einfach großartig. Jeden Abend haben wir ein Lagerfeuer gemacht, darauf gekocht und uns daran gewärmt. Das Kochen auf dem Lagerfeuer ist eine Philosophie für sich, und Dennis bringt uns alles bei, was wir wissen müssen.

Camp Salma

Auch in den Tagen danach pflegen wir die Tradition und geben sie an andere Afrikafahrer weiter. Später in Assuan erfahren wir, dass man noch lange nach unserer Zeit die Spuren sehen konnte – nur Feuerholz war keines mehr da…
Wenn Maike, Dennis, Jasmin, Jona und Janek in ein paar Wochen in ihr neues Haus in Kapstadt eingezogen sein werden, dürfen wir sie besuchen kommen. Wir freuen uns schon riesig auf das Wiedersehen und weitere gemütliche Abende am Lagerfeuer. In ihrem Garten haben sie drei Feuerstellen. Das hat doch Stil!

Ach ja, und noch etwas: Meine Haare sind ab! Sie wurden langsam lästig, also habe ich Hand angelegt. Die selbstgebastelte Frisur sieht anfangs zwar noch scheiße aus, wird in den nächsten Tagen aber weiteren Optimierungen unterzogen. Am Ende wird sie sogar wirklich ansehnlich aussehen, wie dann auf späteren Bildern zu sehen sein wird. Auch Christianes Haare habe ich ganz gut hinbekommen – im nächsten Leben werde ich Friseur!

Camp Salma

Camp Salma

Auch sonst haben wir in Kairo eine gute Zeit. Mit dem Taxi fahren wir einige Male in die Innenstadt, weil wir uns für den Sudan und Äthiopien vorab Visa besorgen müssen. Schnell lernen wir beim Taxifahren das Herunterhandeln auf den richtigen Preis und sind überrascht, dass nicht alle Taxifahrer versuchen, Touristenpreise abzukassieren. So genießen wir es, uns mit den schwarz-weißen Taxis quer durch die halbe Stadt fahren und das Stadtbild an uns vorbeiziehen zu lassen. Und da wir nicht selbst am Steuer sitzen müssen, sind uns auch der abartige Verkehr und die vielen Staus egal. Nur die Abgase sind teilweise ganz schön heftig. Teilweise sitzt man inmitten blauer Abgaswolken, denn die Taxis – meist uralte, französische Fabrikate – haben keine Klimaanlage. Bei der Hitze helfen da nur offene Fenster.

Für die Visa brauchen wir wieder einmal ein Empfehlungsschreiben von der deutschen Botschaft. Wir bekommen es problemlos, wenn auch erst am nächsten Werktag, nach dem Wochenende. Man wundert sich, wie eine deutsche Behörde einen ganzen Tag benötigen kann, Namen und Anschrift in ein Formular einzugeben, auszudrucken und einen Stempel und eine Unterschrift darauf zu setzen. Noch toller: Als wir das Schreiben abholen wollen, will man uns weismachen, dass das eine ganze Woche dauert! Und dafür zahlen wir auch noch zwanzig Euro pro Person…
Wir bekommen das Schreiben dann aber doch gleich und gehen damit zur sudanesischen Botschaft. Nach dem Wochenende ist hier die Hölle los und die Botschaft quillt über vor Antragstellern. Als wir die Anträge schließlich fertig haben und überreichen, heißt es, wir sollen in einer Woche wiederkommen. In den folgenden Tagen bekommen wir jedoch mit, dass andere Traveller, die nicht gleich am Wochenanfang in die Botschaft gegangen sind, das Visum noch am selben Tag erhalten haben. So gehen wir wieder hin und sind hartnäckig. Unsere Anträge werden bewilligt, aber erst am nächsten Tag können wir unsere Visa abholen. Als wir am nächsten Tag dann tatsächlich unsere Pässe mit den Stempeln in den Händen halten, fällt uns ein riesiger Stein vom Herzen.
Das Äthiopienvisum bekommen wir übrigens problemlos. Die äthiopische Botschaft in Kairo darf sich mit der freundlichsten und hilfsbereitesten Angestellten rühmen, die wir auf unserer Reise bisher getroffen haben. Sogar in bequemen Ledersessel sitzen wir, als wir unsere Anträge ausfüllen.

Christiane sieht seit ein paar Wochen übrigens beängstigend schlecht und kann kaum noch Verkehrsschilder erkennen. Mehrere Male gehen wir zu einem Augenarzt, den uns die deutsche Botschaft empfohlen hat. Er stellt sich als ausgesprochen fachkundig heraus. In Bonn und Tübingen hat er studiert ist dann zurück nach Kairo gegangen. Er spricht hervorragend Deutsch, so dass Christiane ihm ohne Sprachbarriere erklären kann, was mit ihren Augen los ist, und er stellt auch gleich die richtige Diagnose: Christianes Hornhaut ist extrem trocken und sehr stark angegriffen. Beim Augentest liest sie aus drei Metern Entfernung 10 cm große Buchstaben als Zahlen vor!
In den nächsten Tagen muss Christiane eine Augenkur machen und soll die Augen so viel wie möglich geschlossen halten. Außerdem muss sie ein neuartiges Feuchtigkeitsgel und anfangs auch Kortisontropfen in die Augen machen. Glücklicherweise schlägt die Behandlung schnell an, und nach einigen Tagen kann Christiane endlich wieder normal sehen.

Da wir uns allmählich den Malariagebieten nähern, die ab dem Sudan langsam beginnen, besorgen wir uns Lariam. Lariam ist deutlich günstiger als das weit verbreitete Malarone und bietet einen wirksamen Schutz gegen die meisten Malariaerreger. Allerdings kann Lariam erhebliche Nebenwirkungen auf die Psyche und das Immunsystem haben. Wir werden sehen müssen, ob wir Lariam vertragen. Viele Traveller berichten, dass sie Lariam probiert haben und wieder absetzen mussten.
Für ägyptische Verhältnisse ist Lariam sehr teuer, und es gibt noch keine Generika. Die Beschaffung ist deshalb nicht leicht. Erst nach einigen Anläufen finden wir eine Apotheke, die Lariam bestellen kann.

Sightseeing steht natürlich auch auf dem Programm. Wir laufen zu den Pyramiden von Gizeh, denn von Camp Salma ist es nicht weit. Je näher wir den Pyramiden kommen, desto mehr gehen uns Taxifahrer auf die Nerven, die uns dorthin fahren wollen und Lügengeschichten erzählen. Auf unserer Route gebe es keinen Eingang und wir müssten kilometerlang um das Gelände herumlaufen, wenn wir nicht ihr Taxi nähmen. Ganz so naiv sind wir allerdings nicht mehr, und wir lassen uns nicht beirren.
Wenig später stehen wir dann auch auf dem Gelände und haben die Pyramiden in Lebensgröße vor uns. Doch lange genießen können wir den Anblick nicht. Schon wieder kommt einer an, der uns eine Lügengeschichte auftischt, weshalb wir ihn als Führer bräuchten. Und weil er einfach nicht lockerlassen will, brülle ich ihm dann irgendwann ein weithin hörbares „Fuck off!“ entgegen. Das versteht er dann.
Wenig später im Sichtschatten der zweiten großen Pyramide, wo nichts los ist, kommt ein Junge auf einem Esel angeritten. Er erzählt keine Lügengeschichte, sondern hält gleich die Hand und ruft mir frech „Money, money!“ ins Gesicht. Ich bin inzwischen so sauer, dass ich einfach nur noch meine flache Hand über die Schulter hebe und im eine Ohrfeige androhe. Wahrscheinlich gucke ich dabei auch noch ziemlich böse. Jedenfalls hinterlässt das offensichtlich ziemlichen Eindruck, denn der Rotzlöffel tritt mit seinem Esel blitzartig die Flucht an. Erstaunlich, wie schnell Esel rennen können.
Man fragt sich, weshalb mittlerweile zwischen 50 und 100 Mitarbeitern der Tourist Police über das ganze Areal verteilt sind, wenn die Touristen trotzdem ständig belästigt werden. Aber die Ägypter selbst sind nicht die einzigen Ärgernisse an den Pyramiden. Da wären zum Beispiel der nicht zu übersehende Parkplatz, den große Ästheten mitten zwischen die beiden ersten Pyramiden gesetzt haben, und die Straße, die an allen Pyramiden entlang führt. Nur wenn man hinter den Pyramiden ein ordentliches Stück in die Wüste hinausläuft, hat man überhaupt noch ungestörte Anblicke dieser großartigen Bauwerke.
Gestört werden wir dort allerdings dann von der Tourist Police selbst. Ein Polizist kommt auf einem Kamel angeritten und bietet an, dass wir ihn gegen einen kleinen Obolus fotografieren dürfen. Obwohl er uns nicht ganz geheuer vorkommt, gehen wir darauf ein. Weil das erste Foto nichts wird, mache ich gleich ein zweites, was ihn zu stören scheint, aber wir verstehen ihn nicht richtig und treten den Rückweg an. Einige Meter weiter ist ein zweites Kamel angebunden, dass ich schließlich auch noch fotografiere. Daraufhin kommt der Polizist angeritten und macht komische Andeutungen, die wir als Androhung einer Nacht im Gefängnis interpretieren. Und dieses Mal sind wir es, die sich schnell aus dem Staub machen.

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Nemrut Dağı ist ein 2.150 Meter hoher Berg im Osten der Türkei und gehört zum Weltkulturerbe, denn der Berg ist gleichzeitig eine Kult- und Grabstätte. Die Stätte wurde im ersten Jahrhundert vor Christus von König Antiochos I. von Kommagene errichtet als Zeichen seines Vertrags mit den Göttern. Sie beeindruckt durch gut erhaltene, mannshohe Köpfe zerbrochener Statuen und andere in Stein gehauene Monumente. Sie liegen verteilt auf zwei von ehemals drei Terrassen, die um einen etwa 30 Meter hohen, aus faustgroßen Steinen aufgehäuften Grabhügel, angeordnet sind. Von hier hat man einen fantastischen Ausblick auf das umgebende Bergpanorama und den weit zerklüfteten Atatürksee. Allerdings ist es zu dieser Jahres- und Tageszeit hier oben auch arschkalt.

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Atatürksee

Weltkulturerbe Göreme

Das Weltkulturerbe Göreme ist eine Tuffsteinlandschaft vulkanischen Ursprungs in Kappadokien. Vor über 1.000 Jahren höhlten die Bewohner der Region die charakteristischen Felstürme aus, die sich über Jahrmillionen durch Erosion aus dem mürben Fels gebildet haben. Sie gruben mehrere Stockwerke hohe und tiefe Wohnhöhlen, um sich vor Überfällen der Muslime zu schützen. Im entstandenen, unterirdischen Labyrinth, das bis über 80 Meter tief in die Erde reicht, finden sich mitunter ganze Kirchen. Die Landschaft an der Erdoberfläche erinnert an einen Schweizer Käse.

Am Morgen ist der Himmel von Göreme voll von Heißluftballons, in denen Touristen über die atemberaubende Landschaft gefahren werden. Wir genießen die spektakuläre Aussicht von einem erhöhten Punkt am Rande des Areals aus, an dem wir in der Nacht zuvor gecampt haben.

Weltkulturerbe Göreme

Weltkulturerbe Göreme

Weltkulturerbe Göreme

Sinterterrassen von Pamukkale

Die Sinterterrassen von Pamukkale sind für uns das erste der vielen Naturphänomene, die es in der Türkei zu bestaunen gibt. 35 Grad warmes, kalkhaltiges Wasser überströmt einen breiten Hang, kühl dabei ab und bildet durch die Kalkablagerungen poolartige Terrassen, und Wellenmuster wie das Meer im sandigen Untergrund. Das Sonnenlicht taucht den Hang in gleißendes, weißes Licht wie im Winter der Schnee.

Dass wir heute dieses Phänomen wieder in nahezu ursprünglicher Form bestaunen können, verdanken wir den einsichtigen Türken. Mit dem aufkommenden Tourismus waren am oberen Rand des Plateaus Hotels gebaut worden, die den Anblick verschandelten und den Terrassen das Wasser abgruben. Schmutz lagerte sich ab und verwandelte das Weiß der Terrassen in ein schmutziges Grau. Ende der neunziger Jahre setzte dann das Umdenken ein und die Hotels wurden radikal abgerissen. Heute erstrahlen die Terrassen wieder in ihrem alten Glanz.

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Weltkulturerbe Kotor

Kroatiens Grillkultur haben wir sehr genossen: leckere Cevapcici, wunderbares Lammfleisch, zart gegrillte Kalmare, abgerundet durch Aivar-Paste mit Gemüsezwiebeln, und dazu erfrischende Tomatensalate, kräftige Weine und hervorragendes Pivo. Beim Einkauf all dieser Leckereien stößt man leider jedoch oftmals auf gelangweilte bis hin zu genervte Bedienungen, sicherlich auch ein Phänomen der späten Reisesaison. Trotzdem fühlten wir uns nicht sonderlich willkommen.
Zudem kann preislich auch nicht mehr von einem Schnäppchen die Rede sein. Die günstigen Nachkriegszeiten, in denen das Land wieder um den Tourismus buhlen musste und es noch als Geheimtipp galt sind vorbei. Unsere Kosten für Lebensmittel und Diesel lagen kaum zehn Prozent niedriger als in Deutschland. Campingplätze mieden wir so gut wir konnten, in Dubrovnik kostete eine Übernachtung stolze 35 Euro.
Die schöne Halbinsel Istrien wird in Richtung Süden gefolgt von einer kargen, felsigen Küste. Von Rijeka bis Sibenik lädt die eintönige Landschaft kaum zum Verweilen ein. Die sich stetig eng an die Wasserlinie anlehnende Küstenstraße lässt nahezu keinen Raum für Erholungssuchende. Die kurzen und flach abfallenden Strände sind kiesbedeckt und entbehren jeglichen Liegekomfort. Im Wasser lauern unzählige Seeigel, um dem Badefreund den weiten Weg ins offene Wasser nicht zu leicht zu machen.
Ab Sibenik wird die Landschaft dann wieder schlagartig schön und abwechslungsreich. Die Vegetation ist viel üppiger und frisches Grün ziert die Hänge. Bademöglichkeiten gibt es reichlich.
Dubrovnik hat eine beeindruckende, prächtige Altstadt. Leider nur wird das Stadtbild viel zu sehr von Touristen dominiert, und dies, wie wir uns sagen ließen, über das ganze Jahr hinweg. So fällt es schwer, den Charme der Stadt zu genießen.

Kotor ist ein weiteres Stück Weltkulturerbe in einer zerklüfteten Bucht der Adriaküste Montenegros, südlich von Dubrovnik. Eine kühn in den Berg gebaute Festungsanlage umschließt das 1.000 Jahre alte Hafenstädtchen. Kotor erinnert an Dubrovnik, ist aber viel kleiner und ruhiger.

Weltkulturerbe Kotor

Weltkulturerbe Kotor

Ich gehe in eine Bank, um Geld in die Landeswährung zu tauschen und lege einen 50-Euro-Schein auf den Tresen des Bankschalters mit Bitte um Wechsel. Die Bankangestellte blickt mich einen Moment lang fragend an, greift dann aber den Schein, fasst in die Kasse unter ihrem Pult und zieht vier Banknoten aus dem Fach. Als sie sie vor meinen Augen abzählt, habe ich das merkwürdige Gefühl, die Scheine schon einmal gesehen zu haben. Es sind ein Zwanziger und drei Zehner – in Euro. Verwirrt blicke ich auf die vor mich hingeblätterten Scheine, dann in die Augen der Angestellten, bis ich endlich wieder Worte finde und mich verlegen erkundige, ob der Euro die hiesige Währung sei. Grinsend bestätigt die hübsche junge Dame. Leicht beschämt stecke ich die Scheine in die Tasche, verabschiede mich ebenfalls grinsend und mache mich davon.
Als wir durch das ruhige Städtchen schlendern, vernehmen wir von irgendwo her ein quietschendes Geräusch, das zunehmend lauter wird. Quietsch, quietsch, quietsch, als ob jemand hingebungsvoll mit einer Quietscheente spielt. Aber merkwürdig, das Geräusch hat einen ganz gleichmäßigen Zweiertakt. So eine Art Synchronquietschen zweier Quietscheentenfetischisten, wie wir vermuten. Doch als wir um die nächste Ecke biegen, ist weit und breit keine Quietscheente zu sehen. Aber das penetrante Geräusch ist ganz nah und kommt irgendwie vom Boden her. Schließlich entdecken wir den Verursacher: Bei jedem Schritt eines kleinen Jungen quietschen seine Schuhe schrill und blinken dazu hektisch. Die Eltern des Jungen flanieren neben ihm her. Unglaublich, was manche Eltern sich und ihrer Umwelt zumuten, um ihre kleinen Racker zu jeder Zeit kontrollieren zu können! Dass sie ihrem Spross damit eine reine Freude machen wollten, schließen wir jedenfalls kategorisch aus. Hätte es auch im Zeitalter des Babyfons nicht eine einfache Kuhglocke getan?
Etwas später treffen wir auf zwei kleine Mädchen, die großes Interesse an unseren Boards zeigen, die wir als Alternative zu Klapprädern für Stadterkundungen mitgenommen haben und unter dem Arm tragen. Sie reißen uns die Boards förmlich aus der Hand und wollen wissen, wie man damit fährt. Wir erklären es ihnen bereitwillig und lassen sie für eine Weile gewähren. Die Kleinere von beiden hat richtig Haare auf den Zähnen und möchte ihrer Freundin das Kickboard am liebsten abnehmen und auf beiden Boards gleichzeitig fahren!

Weltkulturerbe Kotor

Auf einem netten Campingplatz in einem kleinen Ort an der Küste, knapp zehn Kilometer hinter Kotor, finden wir unter uralten Olivenbäumen für zwei Tage ein nettes und günstiges Plätzchen im Schatten. Wir gönnen unserem Sprinter eine Rundumwäsche, um danach unsere Aufkleber anzubringen. Außerdem werken wir noch etwas am Innenausbau, um ihn weiter zu optimieren.

Weltkulturerbe Kotor

Weltkulturerbe Kotor

Zum Abendessen bereiten wir uns Fische vor, die wir in Dubrovnik gekauft haben. Der Haken an der Sache: Sie müssen noch ausgenommen werden, und weder Christiane noch ich haben irgendwelche Erfahrung damit. Wir erhalten den Rat, man müsse beim Ausnehmen lediglich darauf achten, dass man die Gallenblase nicht verletze, weil der ganze Fisch sonst bitter schmecken würde. Also machen wir uns zunächst noch zögerlich, an die Arbeit, aber das Ausnehmen klappt dann doch unerwartet gut, nachdem wir den Ekel erst einmal überwunden haben. Und die Gallenblasen haben wir auch nicht verletzt. Allerdings stellt sich beim Essen heraus, dass wir die Fische wohl besser hätten entschuppen sollen! Ganz stolz waren wir, als wir sie ausgenommen hatten, aber an die Schuppen hatten wir keinen Gedanken verschwendet. Einen Fisch mit Schuppen zu essen, die sich unweigerlich im ganzen Fisch verteilen, ist so, als ob man einen Fisch mit einem dreimal so hohen Grätenanteil wie normal essen würde. Wahrlich kein ungetrübter Genuss!
Außerdem machen wir Bekanntschaft mit dem ersten Plumpsklo unserer Reise. Das ganze sieht in etwa so aus wie eine Körperwaage, mit Stellflächen für die Füße, aber statt der Anzeige einem Loch in der Mitte. Sehr gewöhnungsbedürftig, zumal das Hocken auch ganz schön in die Beine geht!

Weltkulturerbe Kotor

Neben unserem Stellplatz steht ein österreichisches Paar mit ihrem VW LT. Von ihnen erfahren wir, dass es bei der albanischen Regierung ein Umdenken gegeben hat und eine Direktive an die Polizei ausgegeben wurde, ausländische Touristen nicht zu behelligen, um einen internationalen Tourismus aufzubauen. Wir beschließen, den direkten Weg durch Albanien nach Griechenland zu nehmen.

Weltkulturerbe Dubrovnik

Dubrovnik, die um 615 vor Christus gegründete „Perle der Adria“ war eine der wichtigsten Seemächte des Mittelmeeres ab dem 13. Jahrhundert. Die vollständig erhaltene Altstadt mit ihren prächtigen Bauten im romanischen, gotischen und barocken Stil liegt, von einer mächtigen Festungsanlage umgeben, auf einer Halbinsel und ist das Herz Dubrovniks.

Weltkulturerbe Dubrovnik

Zahllose Touristen strömen durch die engen Gassen und prägen das Stadtbild – ein Tribut, den die Stadt ihrem Status als Weltkulturerbe zu zollen hat.

Weltkulturerbe Dubrovnik

Ein weiterer Tribut, den die Stadt zu zahlen hatte, waren die zahlreichen Kriegstoten, die auf Dubrovniks Friedhöfen beerdigt sind:

Weltkulturerbe Dubrovnik

Kriegsschäden sind demgegenüber kaum noch vorhanden. Anblicke, wie diese Hauswand voller Einschusslöcher, sind so gut wie nicht mehr sehen:

Weltkulturerbe Dubrovnik

Nach der Altstadtbesichtigung machen wir noch einige Besorgungen. Dabei treffen wir auf eine kleine Druckerei, die uns die Aufkleber für unseren Sprinter anfertigen soll. Wir verzichten auf ein Logo und beschränken uns, wie ursprünglich überlegt, auf den Text „WORLD TOUR“ und „www.hit-the-road.net“. Aufgrund leichter Verständigungsschwierigkeiten sind wir skeptisch, ob wir das erhalten werden, was wir uns vorstellen. Am nächsten Tag jedoch schon werden wir glücklich unsere Aufkleber, so wie wir sie uns vorgestellt hatten, in den Händen halten.

Der Campingplatz in Dubrovnik ist übrigens nicht gerade eine Perle. Er ist riesig, unpersönlich und unverschämt teuer. Wenn man von Norden nach Dubrovnik hineinfährt, kommt man über eine mächtige Brücke mit Seilkonstruktion, die über die Bucht vor Dubrovnik führt. Wenn man vor oder nach der Brücke zur Bucht hinunter abbiegt und um die Bucht herumfährt, kann man schöne Stellplätze finden und mit dem Bus in die Stadt fahren.

Ansonsten blieben noch die verheerenden Waldbrände rund um Dubrovnik zu erwähnen. Sämtliche Berge rund um die Stadt sind bis an die Ränder der Wohngebiete abgebrannt. Schon auf dem Weg nach Dubrovnik fahren wir durch die ersten verkohlten Mondlandschaften. Bei allem Schrecken der Brände zeigt sich jedoch auch eine ungewöhnliche Schönheit in den farblichen Kontrasten zwischen verkohlten Wäldern und dem türkisfarbenen, kristallklaren Meer:

Weltkulturerbe Dubrovnik