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Fazit Türkei und Einreise Syrien

Die Türkei ist ein großartiges Reiseland. Kulturhistorisches und Naturschönes gibt es in der Türkei in ungeahnter Fülle. Trotz ihrer geografischen Lage auf zwei kulturell völlig unterschiedlichen Kontinenten wirkt die Türkei nicht wie ein zweigeteiltes Land: Die Türkei ist ein orientalisches Land, sie ist aber auch ein viel europäischeres Land, als so mancher Europäer sich dies vorstellen wird. Die Kulturen verschmelzen in der multikulturellen Metropole Istanbul auf ganz natürliche Weise zu etwas Neuem. Besonders abends und an den Wochenenden sprudelt die Stadt nur so vor Leben.
Bei der übrigen Türkei muss man zwischen den Küstenregionen und dem Landesinneren unterscheiden. An den Küsten findet sich die ganze Palette von einsamen Sandstränden über gemäßigte Urlaubsgebiete bis hin zu Stränden, wie man sie in berüchtigten Ecken Mallorcas vorfindet. Mit anderen Worten: Für jeden Geschmack ist etwas dabei, und dazu kommen zahlreiche kulturelle und naturelle Sehenswürdigkeiten, die von den Küstenorten aus gut zu erreichen sind. Es ist immer eine Reise wert, hierher zu kommen und sich nicht nur auf einen reinen Strandurlaub einzustellen.
Weiter im Landesinneren kann sich dann mitunter jedoch auch schnell ein leichter Kulturschock einstellen. Die Zeit scheint hier in vielerlei Hinsicht vor 200 Jahren stehen geblieben zu sein. Die meisten Menschen sind einfache Bauern und leben zu einem beträchtlichen Teil noch in ärmlichen Lehmhütten. Es ist ein hartes Leben, wie man den vom Leben gezeichneten Gesichtern entnehmen kann, was kein Wunder ist bei der extremen Trockenheit und Kargheit des Landes, in dem kaum ein Baum wächst. Zudem ist das Bildungsniveau sehr niedrig. Doch die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, wie auch in der ganzen Türkei.
Wie oft sind wir mit einem Lächeln empfangen und mit Geschenken reichlich bedacht worden. Eine wunderschöne Sitte ist das türkische Nationalgetränk, der Chai, ein kräftiger schwarzer Tee, der mit viel Zucker zu jeder Gelegenheit getrunken und als Zeichen der Gastfreundschaft angeboten wird.
Schön waren auch die Begegnungen an den vielen Tankstellen, die wir im Laufe der drei Wochen in diesem Land ansteuerten. Mal gab es eine Flasche Zitronensprudel mit auf den Weg, mal ein paar Päckchen Waschmittel und feuchte Tücher, und selbst an Tankstellen, an denen wir nicht getankt hatten und trotzdem übernachten durften, versorgte man uns mit Chai, spendierte man uns eine kostenlose Wagenwäsche oder einfach nur ein herzerfrischendes Lächeln.
Die schönste Begebenheit in dieser Hinsicht war, als am Ende des Ramadan eine türkische Familie am Strand von Olympos mit zwei großen Stücken „Festival Cake“ auf uns zukam und sie uns feierlich überreichte – einfach so!

„Das Land öffnet sich mehr und mehr für den internationalen Tourismus. Allerdings sollten derzeit die Erwartungen an eine für Touristen erforderliche Infrastruktur noch nicht zu hoch gesteckt werden.“, so steht es in den Informationen des Auswärtigen Amts zu Syrien. Da sind wir doch mal gespannt.
Zunächst mussten wir uns in Istanbul ja erst einmal Visa beschaffen, was nicht gerade für eine Offenheit Syriens gegenüber Touristen spricht. In Jordanien beispielsweise bekommt man das Visum mittlerweile schon an der Grenze. Andererseits bekommt man für Saudi-Arabien praktisch gar kein Visum: Man erhält maximal ein Drei-Tage-Transitvisum, und das aber auch nur, wenn man eine Einladung in das Land vorzuweisen hat, die wiederum man eigentlich nur bekommt, wenn man dort geschäftlich mit einem inländischen Unternehmen zu tun hat. So gesehen wäre es noch vergleichsweise leicht gewesen, ein Visum für Syrien zu bekommen, wenn da nicht der Haken wäre, dass Syrien zusätzlich zum Antrag ein Empfehlungsschreiben verlangt. Dieses Empfehlungsschreiben, das eine deutsche Botschaft oder ein deutsches Konsulat ausstellen muss, erhält man offiziell gar nicht mehr.
Als wir beim Deutschen Konsulat in Istanbul vorsprachen, wollte man uns mit der klaren Aussage wieder fortschicken, dass diese Empfehlungsschreiben nicht mehr ausgestellt würden. Gut, dass ich zuvor beim Konsulat angerufen und anscheinend einen guten Eindruck gemacht hatte, denn die freundliche und hilfsbereite Konsulatsangestellte am anderen Ende der Leitung hatte mir zugesichert, wir würden die Empfehlungsschreiben bekommen, wenn wir den Nachweis erbrächten, dass wir uns von Stuttgart offiziell abgemeldet haben.
Allerdings hatten wir nicht damit gerechnet, dass wir die Abmeldebescheinigung jemals brauchen würden. Was hatten wir nicht alles an Dokumenten eingesteckt, kopiert, gescannt, deponiert und sonst wo hin redundant gespeichert. Aber an unsere Abmeldebescheinigungen hatten wir nicht gedacht. Doch wir konnten von Glück sagen, dass die auf einmal so wichtigen Abmeldebescheinigungen von meinen Eltern schnell gefunden und zugefaxt waren. Auch diese Hürde war also genommen, und der zunächst abweisende, sich dann aber als sehr freundlich und hilfsbereit herausstellende Beamte des Deutschen Konsulats legte uns die durchaus existierenden Formulare zur Beantragung der Empfehlungsschreiben vor.
Wenig später hielten wir tatsächlich die begehrten Empfehlungsschreiben in der Hand, mit denen wir erneut beim Syrischen Konsulat vorstellig wurden. Dort gaben wir unsere Anträge nebst je zweier Passfotos ab. Die westlich gekleidete, junge Dame, die alles entgegen nahm, lachte sich erst einmal schlapp, als sie das Passfoto von Christiane mit Kopftuch sah und zeigte es bei ihren ebenfalls nicht Kopftuch tragenden Kolleginnen herum. Und drei Stunden später hielten wir dann endlich unsere Visa für einen fünfzehntägigen Syrienaufenthalt in der Hand.
Eigentlich hatten wir Visa für vier Wochen beantragt, aber die sollen wir ohnehin nicht brauchen, wie sich nun am syrischen Grenzübergang herausstellt. Zunächst können wir aber erst einmal von Glück sagen, dass wir nicht gleich an der Passkontrolle auf dem heruntergekommenen und unübersichtlichen Grenzgelände scheitern. Nicht etwa wegen eines israelischen Stempels in unseren Pässen, der ein absolutes „No Go“ wäre, sondern weil wir eine Adresse im Land benötigen, über die wir zu erreichen sind. Da wir campen wollen, verweisen wir schließlich auf die Deutsche Botschaft in Damaskus. Die englische Übersetzung „German Embassy“ kann oder will der noch recht junge, hagere Beamte mit dünnem Schnurrbärtchen aber nicht verstehen. Als ein drängelnder Araber seinen Pass mit einem Geldschein darin an mir vorbei reicht, werden mir die Verständnisprobleme schlagartig klar. Allerdings hält der korrupte Beamte unsere Pässe schon in der Hand. Also kann ich kaum noch dezent einen Geldschein hineinlegen, und den Schein einfach offensichtlich hinüber zu reichen, rede ich mir auch aus. Obwohl der feiste Chef des Angestellten, der im Hintergrund herumläuft und seine Autorität zur Schau trägt, im selben Moment in seine Hosentasche greift, ein Geldbündel so dick wie zwei Zigarettenschachteln, herausholt und beginnt, durchzuzählen.
Ich gehe zurück zum Wagen und schreibe aus unseren Informationen des Auswärtigen Amts die Adresse der Deutschen Botschaft in Damaskus ab und werde erneut am Schalter vorstellig. Die Adresse scheint eine Postfachadresse zu sein und sieht mehr nach einer Telefonnummer aus. Prompt fragt mich der Beamte, was das denn sein soll. „Die Adresse!“, beharre ich. Glücklicherweise kommt mir in diesem Moment ein Busfahrer zur Hilfe, der bestätigt, dass es sich um eine ganz normale Adresse und nicht um eine Telefonnummer handelt. Da das Ganze nun wohl schon seit einer viertel Stunde hin und her geht, vergeht dem Beamten dann wohl auch die Lust, und er beginnt endlich unsere Einreiseformalien weiter zu bearbeiten. Noch einmal Probleme gibt es, als er unsere Berufe wissen will. Schlecht vorbereitet antworte ich „IT-Consultant“ und erkläre sodann, dass das „IT“ für „Information Technology“ stehe. Dass er damit genauso wenig anfangen kann, hätte ich mir natürlich denken können. Doch dann kommt mir der rettende Einfall, und ich gebe als meinen Beruf „Computer“ an. Das schluckt er dann endlich.
Doch damit ist die Einreise noch lange nicht durch. Als nächstes müssen wir beim Zoll vorstellig werden. Da sitzen zwei Typen wie Patt und Patterchon, beide kräftig gebaut, der eine vermutlich ein Frauenschwarm, mit klaren, braun-grünen Augen und schelmischem Gesichtsausdruck, und der Andere das genaue Gegenteil mit Eierkopf und Mönchsfrisur, aber ebenfalls mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. Hoffentlich wird das jetzt nicht allzu teuer, denke ich schon, und dann kommt auch prompt die unheilvolle Frage: „Diesel?“ Oh, oh, ich soll rüber zur Bank.
Ein Fettsack mit glasbausteindicken Gläsern in einem Hornbrillengestell und einem dicken Bündel Hundertdollarscheine in der Hand will mir zweihundertfünfzig Dollar abknöpfen. Ich schlucke schwer, als ob ich der Fettsack wäre und den ganzen Tag hier sitzen müsste. Fünfzig Dollar für die Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung, weil Syrien die Grüne Versicherungskarte nicht akzeptiert, und zweihundert Dollar Dieselsteuer für zwei Wochen. Liebes Auswärtiges Amt, wären diese Summen nicht einmal eine Erwähnung wert in euren Informationen? Glücklicherweise kommt mir der Gedanke, dass es bei einem nur einwöchigen Aufenthalt vielleicht billiger werden könnte. An der stattlichen Versicherungssumme ändert sich damit zwar nichts. Aber zumindest halbiert sich tatsächlich die Dieselsteuer.
Gut, bleiben wir in eurem Land eben nur eine Woche und geben weniger Geld aus. Allerdings muss man dazu sagen, dass ein Liter Diesel in Syrien den lächerlichen Betrag von umgerechnet zehn Cent kostet. Ein Liter Milch kostet demgegenüber sage und schreibe das Fünffache. Auf diesem Weg holt sich der Staat von den motorisierten Touristen, was diese sonst gegenüber den heimischen Spritpreisen sparen würden. Andererseits ist Syrien ein kleines Land, und wenn man in einer Woche die Strecke zurücklegt und das vertankt, was man sonst in zwei, drei oder vier Wochen zurücklegen beziehungsweise vertanken würde, dann ist das Resultat lediglich, dass die Touristen in Syrien weniger für Verpflegung und Unterkunft ausgeben.
Hundertfünfzig Dollar leichter gehe ich also zu Patt und Patterchon zurück und lege die Belege vor. Während sie die Dokumente bearbeiten fangen sie eine Diskussion über Fußball mit mir an. „Bayern Munich“ ist ihr Lieblingsverein. Mir ist zwar nicht nach einer Diskussion über Fußball, aber ich habe auch das Gefühl, dass es unklug wäre, nicht auf das Spielchen einzugehen. Spitzenverein sage ich, aber da Christiane und ich zuletzt bekanntlich in Stuttgart gelebt haben, bringe ich natürlich den aktuellen Deutschen Meister Stuttgart ins Spiel. Auch wenn es mir selbst egal wäre, wenn Stuttgart in der Amateurliga spielen würde. „Yes, Stuttgart, German football champion!“ wiederholen sie anerkennend und tuscheln noch ein wenig in Arabisch. Dann verlangen sie zwei Dollar Gebühr für den Stempel unter das Carnet de Passages, ein Zolldokument, das in vielen Ländern Asiens und Afrikas bei der Ein- und Ausreise abgestempelt werden muss. Mit dem Carnet de Passages sollen Autoschiebereien unterbunden werden. Wenn ein eingeführtes Fahrzeug nicht nachweislich wieder ausgeführt wird, gilt es als im jeweiligen Land verhökert, und es werden in der Regel horrende Zollgebühren, oft bis zur Höhe des geschätzten Fahrzeugwertes, erhoben, für die beim Automobilclub des Heimatlandes eine stattliche Kautionssumme hinterlegt werden muss.
Habe ich es mir doch gedacht! Aber zwei Dollar scheinen mir zu günstig, als dass ich eine Diskussion anzetteln würde. Also überreiche ich sie bereitwillig und bin erleichtert.
Die anschließende Zollkontrolle ist auch nicht weiter nennenswert, und nach zwei Stunden sind wir endlich in Syrien!

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Nemrut Dağı ist ein 2.150 Meter hoher Berg im Osten der Türkei und gehört zum Weltkulturerbe, denn der Berg ist gleichzeitig eine Kult- und Grabstätte. Die Stätte wurde im ersten Jahrhundert vor Christus von König Antiochos I. von Kommagene errichtet als Zeichen seines Vertrags mit den Göttern. Sie beeindruckt durch gut erhaltene, mannshohe Köpfe zerbrochener Statuen und andere in Stein gehauene Monumente. Sie liegen verteilt auf zwei von ehemals drei Terrassen, die um einen etwa 30 Meter hohen, aus faustgroßen Steinen aufgehäuften Grabhügel, angeordnet sind. Von hier hat man einen fantastischen Ausblick auf das umgebende Bergpanorama und den weit zerklüfteten Atatürksee. Allerdings ist es zu dieser Jahres- und Tageszeit hier oben auch arschkalt.

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Atatürksee

Weltkulturerbe Göreme

Das Weltkulturerbe Göreme ist eine Tuffsteinlandschaft vulkanischen Ursprungs in Kappadokien. Vor über 1.000 Jahren höhlten die Bewohner der Region die charakteristischen Felstürme aus, die sich über Jahrmillionen durch Erosion aus dem mürben Fels gebildet haben. Sie gruben mehrere Stockwerke hohe und tiefe Wohnhöhlen, um sich vor Überfällen der Muslime zu schützen. Im entstandenen, unterirdischen Labyrinth, das bis über 80 Meter tief in die Erde reicht, finden sich mitunter ganze Kirchen. Die Landschaft an der Erdoberfläche erinnert an einen Schweizer Käse.

Am Morgen ist der Himmel von Göreme voll von Heißluftballons, in denen Touristen über die atemberaubende Landschaft gefahren werden. Wir genießen die spektakuläre Aussicht von einem erhöhten Punkt am Rande des Areals aus, an dem wir in der Nacht zuvor gecampt haben.

Weltkulturerbe Göreme

Weltkulturerbe Göreme

Weltkulturerbe Göreme

Anatolien

Auf dem Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit Göreme geht es hinauf zur Hochebene von Anatolien. Inzwischen sind wir die ersten 10.000 Kilometer gefahren, und die Türkei zeigt hier ein völlig anderes Gesicht, landschaftlich wie kulturell. Eine endlos weite, einsame und karge Ebene, die von Landwirtschaft geprägt ist, erstreckt sich nach allen Seiten. Die Felder sind abgeerntet, die Äcker bestellt. An sich trostlos, aber im herbstlichen Licht bieten sich faszinierende Farbenspiele, und über unseren Köpfen kreisen riesige Vogelschwärme, die sich für die Abreise zu ihren Winterquartieren sammeln.

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Die Menschen hier sind Bauern, in den westlichen Ausläufern Anatoliens Obstbauern, und in den zentralen Regionen Ackerbauern. Sie leben großenteils noch in einfachen Lehmhütten. Sie sind zurückhaltend, aber freundlich und hilfsbereit, wenn wir nach dem Weg fragen. Viele von ihnen haben jahrelang in Deutschland gelebt und mussten später in ihre Heimat zurückkehren, als ihre Asylanträge nach schier endlosem Hin und Her abgelehnt wurden. Manch einer von ihnen war zehn Jahre und länger in Deutschland, bevor er abgewiesen wurde, und kann sich selbst nach so langer Zeit trotzdem kaum in Deutsch verständigen. Sie sind Zeugen einer Einwanderungs- und Integrationspolitik, die auf ganzer Linie versagt hat.

Anatolien

Anatolien

Bevor wir nach Göreme fahren, machen wir einen Schlenker zu einem großen Salzsee im Herzen der Türkei und Anatoliens: dem Tuz Gölü. Der Tuz Gölü ist einer der salzhaltigsten Seen der Erde und mit 1.500 Quadratkilometern Fläche der zweitgrößte Binnensee der Türkei. Er ist 100 Kilometer lang, 50 Kilometer breit und nur 2 Meter tief. Gespeist wird der zu- und abflusslose Tuz Gölü von Niederschlägen und Grundwasser.

Am Vorabend haben wir vergeblich versucht, direkt an den Tuz Gölü zu gelangen. Die einzige Straße, die zum Tuz Gölü hinzuführen schien, endete vor einer Absperrung.
Eine weitere Abzweigung führte uns in ein kleines anatolisches Bauerndorf mit vielleicht einem Dutzend Häusern. Keine gute Idee, hier bei Dunkelheit hinein zu fahren. Das Dorf schien wie ausgestorben, die Menschen waren in ihren Häusern und saßen wohl beim Essen zusammen. Nur zwei große Hunde wurden auf uns aufmerksam und fingen an, wie verrückt und rasend vor Wut zu bellen. Wir kehrten um und sahen zu, dass wir wieder zur Hauptstraße kamen. Wie im Blutrausch hetzten die Hunde noch eine ganze Weile neben unserem Wagen her und versuchten, vor ihn zu springen und uns zum Anhalten zu zwingen. Ich musste kräftig Gas geben. Erst bei 50 Stundenkilometern schafften wir es langsam, sie abzuhängen. Wie Verbrecher kamen wir uns vor.
Wir sind dann noch ein Stück die Hauptstraße weiter entlang gefahren, bis wir schließlich eine Tankstelle gefunden hatten, an der wir übernachten konnten.

Am Morgen unternehmen wir einen weiteren Anlauf, um an den See zu gelangen. Diesmal wollen wir es auf mehr oder weniger direktem Weg über Feldwege versuchen, die von der Hauptstraße abführen. In der Nacht hat es leicht geregnet, aber die Feuchtigkeit scheint im ausgedörrten Boden verpufft zu sein. Wir schalten den Allrad ein und unternehmen einige Versuche, aber die Wege enden entweder irgendwo im Nichts oder an einzelnen Höfen, und wir wollen nicht schon wieder unangenehm auffallen.
Von einem Dorf aus wollen wir es ein letztes Mal versuchen. Irgendwo muss es doch einen Zugang zu diesem verdammten See geben. Wieder erwecken wir die Aufmerksamkeit von zwei frei herumlaufenden und ziemlich aggressiven Hunden, und wieder müssen wir kräftig Gas geben.
Wir kommen an einem einzelnen, etwas vom Dorf abgelegenen Haus vorbei. Ein Mann tritt heraus und scheint freundlich zu winken. Wir winken zurück und fahren weiter, bis unser Sprinter nach einigen hundert Metern in einer leichten Kurve plötzlich geradeaus geht und sich nicht mehr steuern lässt. Ich lenke ein, der Sprinter stellt sich quer, rutscht aber weiter geradeaus, ich lenke gegen, der Sprinter stellt sich in der anderen Richtung quer und rutscht immer noch weiter geradeaus. Im ersten Moment denke ich, jetzt hat sich die Lenkung verabschiedet, aber dann sehen wir, dass der Boden an dieser Stelle vom Regen der Nacht noch ganz matschig ist. Wir befinden uns in einer leichten Senke, in der sich das Wasser gesammelt und den Boden aufgeweicht hat.
Ich bekomme den Wagen mit nun nur noch leichten Lenkbewegungen wieder einigermaßen in den Griff und es geht weiter geradeaus. Aber in 50 Metern kommt eine 90-Grad-Kurve, und dort ist der Matsch ausgerechnet am tiefsten. Wenn wir stehen bleiben, befürchten wir, sinken wir ein. Was jetzt? Vor unserem geistigen Auge sehen wir uns schon reumütig zum Dorf zurück laufen und an den durchdrehenden Hunden vorbei einen Bauern suchen, der uns mit einem Traktor aus dem Matsch zieht. Bloß das nicht. Besonders der Teil mit den Hunden gefällt uns gar nicht, und wir wissen auch nicht, was wir von den Menschen hier zu erwarten haben, wenn wir bei den Tieren schon so unwillkommen sind. Aber es nützt nichts, wir müssen irgendwie versuchen, um diese Kurve herum zu kommen, danach zu drehen und dabei nicht stehen zu bleiben.
Wie zu erwarten war, geschieht aber kein Wunder, und in der Kurve ist Schluss mit dem Vorankommen. Ich steige aus und stehe im Matsch. Die Profile unserer Reifen sind komplett zugeschmiert mit dem lehmigen Matsch. Kein Wunder, dass es sich wie auf Glatteis fuhr. Allerdings ist die matschige Schicht nur wenige Zentimeter tief, und darunter befindet sich fester Untergrund. Der Sprinter ist nicht weiter eingesunken. Vielleicht schaffen wir es rückwärts wieder raus. Ich klemme mich wieder hinter das Lenkrad und versuche langsam anzufahren, was dann auch bei vorsichtigster Dosierung des Gaspedals tatsächlich gelingt. Nun langsam aber stetig zurück, dabei ja auf dem Weg und nicht stehen bleiben, denn neben dem Weg gibt es keinen festgefahrenen Untergrund unter der Schlammschicht, und da wir ja in eine Senke hinein gefahren sind, geht es zurück ganz leicht bergauf. Jeder Meter kommt mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Doch nach 250 endlosen Metern haben wir endlich wieder trockenen Untergrund unter den Rädern.
Der Bauer von vorhin kommt uns entgegen und bedeutet uns, dass es keine gute Idee war, in die Senke hinein zu fahren. Das hatte er uns vorhin also mit seiner Geste sagen wollen. Aber er ist überaus freundlich und zeigt uns mit seinem Wagen eine Abkürzung zurück zur Hauptstraße. Darüber sind wir sehr froh, denn das erspart uns, wieder an den Hunden vorbei zu müssen. Außerdem erklärt er uns, dass wir wieder dorthin zurück müssen, wo wir es am Vorabend schon einmal versucht hatten und vor einer Absperrung geendet waren.
Die Absperrung stellt sich bei Tageslicht als Zugang zum Betriebsgelände eines Salzwerks heraus, und das Salzwerk wiederum bietet weit und breit den einzigen Zugang zum See, sofern man sich nicht den weiten Weg um den See herum ans gegenüberliegende Ufer machen will.

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Soweit, so gut. Die Probleme der letzten beiden Tage sollten für die nächste Zeit gereicht haben, und nun haben wir ja endlich auch den Salzsee gesehen. Also fahren wir weiter Richtung Göreme. Doch noch auf dem Weg dorthin holt uns in gewisser Weise unser Hupenproblem wieder ein. Doch das wird sich erst später herausstellen.
Als wir zwischendurch an einem Geldautomaten halten und den Sprinter abstellen, vernehmen wir plötzlich ein lautes Vibrieren, das wir zunächst nicht lokalisieren können. Es könnte auch von draußen kommen. Also fahren wir weiter. Doch beim nächsten Halt hören wir das Vibrieren wieder. Muss wohl doch etwas am Sprinter sein. Es stellt sich heraus, dass das Vibrieren aus dem Elektrikkasten unter dem Fahrersitz kommt. Eines der Relais vibriert heftig. Was soll das denn?
Wir fahren an eine Tankstelle und erklären das Problem. Dort kann man uns zwar nicht weiterhelfen. Aber man weiß uns eine Boschwerkstatt zu nennen, die uns mit dem Elektrikproblem weiterhelfen kann. Diese finden wir dann auch und wollen unser Problem demonstrieren. Natürlich rührt sich jetzt nichts, aber ich beschreibe das Problem und verweise beharrlich auf das Relais. Ein fachkundiger Elektriker sieht sich das Relais an und stellt fest, dass ein weißes Kabel dorthin führt und es sich um eine Modifikation handeln muss. Alle werksseitig verbauten Kabel sind schwarz oder rot (für Plus und Minus).
Also erkläre ich sämtliche Umbauten elektrischer Natur, was bei uns allein schon wegen der Solaranlage nicht wenige sind. Außerdem fällt mir unsere zusätzliche Pressluftfanfare ein, die ich nach dem Wassereinbruch erfolglos zu reparieren versucht hatte. Sie stellt sich schließlich auch als das Corpus Delicti heraus. Ich beschreibe ausführlich die Funktionsweise der komplizierten Schaltung, denn wir haben oben beim Bett noch einen zusätzlichen Knopf, über den wir die Fanfare betätigen können, wenn sich jemand an unserem Wagen zu schaffen machen sollte, während wir darin schlafen. Die Fanfare geht dann ununterbrochen, bis man den Zündschlüssel ins Schloss steckt und auf Zündung dreht.
Nach zwei Stunden Tüfteln und Testen funktioniert dann unsere Fanfare endlich wieder. Was für ein schönes und lange nicht gehörtes Geräusch! Aber am Relais selbst war anscheinend nichts, oder vielleicht doch?
Alles selbst noch schnell getestet, für gut befunden, bezahlt und endlich nach Göreme. Auf dem dortigen Parkplatz suchen wir uns eine Ecke, stellen den Sprinter ab und machen den Motor aus. Und da ist es auf einmal wieder, das vertraute, weithin deutlich hörbare Geräusch unserer Fanfare – allerdings einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die Touristen ringsum verdrehen die Köpfe und rollen mit den Augen. Wie peinlich, was jetzt? Motor wieder angelassen, und Gott sei dank hört das Hupen auf. Aber lösen tut das unserer Problem natürlich nicht. Ist also doch auch etwas mit dem Relais.
Also zurück zur Werkstatt. Artig schrillt die Fanfare, als wir den Motor abstellen. Wenigstens das. Der Elektriker rauft sich beinahe die Haare und nimmt sich des Relais an. Er vertauscht zwei der Relais und meint, nun müsste es funktionieren. Für wie blöd hält der uns? Er hat wohl keine Lust mehr und möchte endlich Feierabend machen. Wenn tatsächlich etwas mit dem Relais ist, dann müssten wir nun ja an anderer Stelle ein Problem haben.
Nach langer Diskussion kaufen wir ein Ersatzrelais, damit wir uns nicht gleich das nächste Problem ins Haus holen. Aber auch mit dem Ersatzrelais tritt unserer Problem gleich wieder auf, als wir aus der Werkstatt herausfahren und am Straßenrand nochmals testweise den Motor abstellen. Es muss also doch noch etwas anderes ein. Widerwillig muss sich der Elektriker des Problems wieder annehmen, und nach langem Hin und Her findet er tatsächlich die Ursache. Das weiße Kabel war an einer versteckten Stelle von einer Werkstatt in Gingen bei Göppingen („direkt an der B10“) nicht sachgemäß verlötet worden. Im Laufe der Zeit hatte dies zu einem Wackelkontakt und der Fehlfunktion des Relais geführt. Aber immerhin funktioniert unsere Fanfare jetzt endlich wieder, und zwar wenn wir es wollen!

Anatolien

Und am Abend erreichen wir tatsächlich auch noch Göreme.

Ruinenstadt Olympos und Chimaira

Wir befinden uns an der türkischen Riviera, genauer gesagt an der Ostküste Lykiens. Hier findet sich versteckt in den Urwäldern einer kleinen Schlucht, die zur rund drei Kilometer langen Bucht von Çıralı hin ausläuft, die antike Ruinenstadt Olympos.

Da wir keine Lust haben, Eintritt zu zahlen, steigen wir vom Strand aus durch ein Loch im Bretterzaun vor einem inoffiziellen Nebeneingang. Schlagartig finden wir inmitten des Urwalds und der ersten Ruine wieder. Eine Zweimeterschlange spürt unser Auftreten und verkrümelt sich wenige Schritte vor uns ins dichte Gestrüpp. Wir kommen uns vor wie in einem Indiana-Jones-Film, irren und stolpern durch die menschenleeren Ruinen, bis wir auf einen offiziellen Pfad stoßen. Selbst hier treffen wir immer noch auf keine Menschen, da wir uns nach wie vor in einem sehr abgelegenen Teil der Ruinenstadt befinden. Und trotz der nun vorhandenen Beschilderung kommen wir immer wieder vom Weg ab, durch kaum berührte Bereiche, durch ein Flussbett, in dem sich Frösche sonnen, vorbei an einem Theater, einem römischen Bad und steinernen Sarkophagen.

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Ja, und zum Schluss werden wir auch noch mit einem traumhaften Ausblick über die wunderschöne, wenn auch nicht ganz einsame Bucht verwöhnt:

Olympos

Eigentlich wäre das für diesen Tag ja schon genug, aber es soll noch besser kommen, denn es steht ja noch die Chimaira auf dem Programm. Die Chimaira ist seit ewigen Zeiten brennendes Feuer, gespeist durch austretendes Ergas an den Hängen des Olymp. Ja, einen Berg solchen Namens gibt es hier auch, und wie die Türken sagen, gab es ihn hier schon, bevor die Griechen selbst ihren Olymp so benannten und das ewige Feuer zum Symbol der Olympischen Spiele machten. Die Griechen streiten das natürlich ab. Als Türke sollte man das Thema einem Griechen gegenüber besser nicht ansprechen! Wie dem auch sei, es ist ein wahrhaft mystischer Ort, und wir finden es außerordentlich praktisch, dass wir uns hier mal nicht um’s Feuermachen kümmern müssen!

Chimaira

Chimaira

Chimaira

Chimaira

Dünen von Patara

Wer die Dünen von Arcachon in Frankreich beeindruckend, aber touristisch zu überlaufen findet, wird die Dünen von Patara im türkischen Lykien lieben. Wir zweigen vom Weg an den Strand ab, fahren durch den winzigen Ort einen Hügel hinauf, durch ein kleines Wäldchen zurück in Richtung Küste, und landen an einem grandiosen Aussichtspunkt. Von diesem hochgelegenen Platz, auf dem wir in der Nacht auch campen werden, eröffnet sich ein atemberaubender Blick über eine weite Landschaft aus sanft geschwungenen Dünen in der wohl noch unberührtesten Bucht der türkischen Südküste.

Wenn in den achtziger Jahren nicht einige wildentschlossene Naturschützer für die Erhaltung dieses Gebietes wegen der dort ihre Eier ablegenden Meeresschildkröten gekämpft hätten, dann würden hier heute ein Hotel neben dem anderen stehen und die Dünen längst zerstört sein, wie es an vielen anderen Orten der türkischen Südküste geschehen ist. Und Schildkröten würde es hier natürlich auch nicht mehr geben.

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Felsbrocken

Düne

Sprinter

Sinterterrassen von Pamukkale

Die Sinterterrassen von Pamukkale sind für uns das erste der vielen Naturphänomene, die es in der Türkei zu bestaunen gibt. 35 Grad warmes, kalkhaltiges Wasser überströmt einen breiten Hang, kühl dabei ab und bildet durch die Kalkablagerungen poolartige Terrassen, und Wellenmuster wie das Meer im sandigen Untergrund. Das Sonnenlicht taucht den Hang in gleißendes, weißes Licht wie im Winter der Schnee.

Dass wir heute dieses Phänomen wieder in nahezu ursprünglicher Form bestaunen können, verdanken wir den einsichtigen Türken. Mit dem aufkommenden Tourismus waren am oberen Rand des Plateaus Hotels gebaut worden, die den Anblick verschandelten und den Terrassen das Wasser abgruben. Schmutz lagerte sich ab und verwandelte das Weiß der Terrassen in ein schmutziges Grau. Ende der neunziger Jahre setzte dann das Umdenken ein und die Hotels wurden radikal abgerissen. Heute erstrahlen die Terrassen wieder in ihrem alten Glanz.

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Pergamon

Der Name Pergamon ist uns geläufig durch das Pergamonmuseum in Berlin, in dem der namensgebende Pergamonaltar aufgebaut ist. Von der hoch auf einem Bergplateau gelegenen Akropolis stehen heute nur noch einige Säulen, und der gigantische Pergamonaltar befindet sich eben leider nicht dort. Daher beeindruckt uns mehr das riesige und in den steilen Hang gebaute Theater, das rund 10.000 Menschen Platz und einen schwindelerregenden Ausblick bot.

Pergamon

Begegnungen

Ein Stück hinter Troja haben wir am Strand übernachtet und am frühen Morgen eine weitere antike Ruinenstadt besichtigt. Auf dem kleinen Parkplatz sind wir die Einzigen, nutzen die Ruhe für ein Frühstück und sortieren die neuesten Fotos.
Währenddessen fährt ein Wohnmobil mit deutschem Kennzeichen auf den Parkplatz – das erste, das wir seit langer Zeit gesehen haben. Ein Ehepaar mittleren Alters steigt aus und geht die Ruinen besichtigen. Kurz darauf kommt der Mann an unseren Sprinter und verwickelt uns in ein Gespräch. Er fragt uns, ob wir wüssten, was für ein Baum das nebendran sei und klärt sogleich auf, dass es sich um eine Besonderheit der hiesigen Gegend, eine trojanische Eiche handele. Er wisse das, weil er viele Jahre lang Biologielehrer war – ein altes Leiden, alles bestimmen zu müssen.
Schön, denken wir, und unterhalten uns mit ihm und seiner inzwischen hinzugekommenen Frau über dieses und jenes. Mitten im Gespräch drückt er mir unvermittelt eine Bücherliste des WOMO-Verlags in die Hand mit dem Kommentar, hier gebe es mal etwas Anständiges zu lesen. Vor unserer Reise noch sagte uns der Verlag überhaupt nichts. Erst durch andere Womobilisten hatten wir nach und nach erfahren, dass die Wohnmobilreiseführer des Verlags als die besten Stellplatzführer für Europa gelten. Schön denke ich und erkläre knapp, dass wir so ein Ding bisher auch nicht gebraucht und trotzdem fast immer einen schönen Platz gefunden haben, und stecke die Liste weg.
Da kommt ein zweites Wohnmobil auf den Parkplatz gefahren. Ein deutsch-türkisch-italienisches Paar steigt aus und gesellt sich zu uns. Sie haben den Türkeiführer des WOMO-Verlags in der Hand und begrüßen die anderen beiden, die gerade im Gehen begriffen sind. Dabei fällt der Name Schulz, und ständig ist vom WOMO-Verlag die Rede. Schließlich stellt sich heraus, dass sie die Gründer des WOMO-Verlags sind – so klein kann die Welt sein!

Begegnungen

Begegnungen

Begegnungen

Begegnungen

Wir unterhalten uns noch eine Weile, bis wir uns dann einer nach dem anderen verabschieden und auf zu den nächsten Sehenswürdigkeiten machen. Da wir die gleiche Route haben, treffen wir uns nach und nach alle wieder und fahren bis mittags ein Stück in Kolonne. Als es Zeit zum Mittagessen ist, beschließen wir, gemeinsam zu essen und machen uns auf den Weg in ein kleines Hafenstädtchen. Dort essen wir fürstlich und erfahren unter anderem einige interessante Dinge über das Verleger- und Autorendasein.

Schließlich trennen sich unsere Wege dann wieder und wir fahren weiter auf unserer Route, während sich die anderen eine weitere antike Ruinenstadt ansehen. Abends finden wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang wieder ein schönes Plätzchen am Strand. Wir haben uns gerade in den Sand gesetzt und die ersten Schlücke aus der Bierdose genommen, da hören wir eine bekannte Stimme hinter uns – es ist die von Reinhard Schulz, und er hat seine Frau Waltraud und das deutsch/türkisch-italienische Paar mit den wohlklingenden Namen Perin, was übersetzt „Deine Fee“ heißt, und Mario im Schlepptau. Wieder einmal haben wir zufällig einen Stellplatz gefunden, der in den WOMO-Reiseführern beschrieben ist.

Gemeinsam verbringen wir einen unvergesslichen Abend. Perin ist Ärztin der Homöopathie, liebt ihren Beruf und singt leidenschaftlich türkische Lieder und Mantren. Sie hat eine wunderschöne, weiche Stimme. Mario ist ebenfalls Musiker und komponiert seine eigenen Stücke. Die beiden geben uns ein herzergreifendes Konzert, und wir sind voll und ganz gerührt. Diesen Abend werden wir nie vergessen!

Begegnungen

Begegnungen

Begegnungen

Am nächsten Morgen heißt es wieder einmal Abschied nehmen. Doch werden uns die Vier nicht gehen lassen, ohne uns etwas mit auf den Weg zu geben. Reinhard und Waltraud schenken uns eine signierte Ausgabe des WOMO-Reiseführers Türkei, verbunden mit der Einladung, dass wir bei ihnen zu Hause jederzeit herzlich willkommen sind und den hauseigenen, bestens ausgestatteten Wohnmobilstellplatz nutzen dürfen. Von Mario und Perin bekommen wir jeweils eine signierte CD überreicht mit den besten Wünschen für unsere Reise. Wir sind zutiefst gerührt und machen uns schweren Herzens wieder auf den Weg.

Begegnungen

Troja

Das sagenumwobene Troja bildet den Auftakt unserer Rundfahrt durch die zahllosen antiken Stätten der Türkei. Auf dem Weg dorthin halten wir in einem kleinen Ort, um einen türkischen Cai (schwarzen Tee) zu trinken, und damit ich eine Zigarette rauchen kann.
Ich lege meine Tabakdose auf den Tisch und drehe mir eine. Das weckt in fernöstlichen Ländern meist reges Interesse, weil man es dort nicht oder nur vom Rauchen illegaler Substanzen her kennt. So auch hier, denn der Wirt bittet mich, dass ich ihm auch eine drehe. Also drehe ich eine, und das ruft gleich den Nächsten auf den Plan. Also drehe ich auch ihm eine. Wenig später verschwindet er in seinem nebenan befindlichen Reisebüro und kommt mit einer Einkaufstüte voll mit Tabak und einer riesen Packung Zigarettenhülsen zurück. Er macht mir eine fertig und gibt sie mir zu rauchen. Dabei klopft er mit der flachen Hand auf seine Brust, tut dabei so, als ob er husten würde, und macht mit der anderen Hand kreisende Bewegungen um seinen Kopf, um mir klar zu machen, dass sein Tabak stärker ist, als meiner. Das wundert mich nicht, denn ich rauche lieber leichte Tabake und gehe stärkeren nach Möglichkeit aus dem Weg. Geht aber nicht in so einer Situation! Also rauche ich eine von seinen und muss mich wirklich beherrschen, dass ich nach ein paar Zügen nicht das Husten anfange.
Während des Rauchens unterhalten wir uns über Christianes und meine Reise durch die Türkei und wo es noch hingehen soll. Wir zählen ihm Troja und einige andere Orte auf, die uns gerade einfallen. Während dessen macht der Reisebürobesitzer die nächste Zigarette fertig und legt sie mir hin mit dem Kommentar, dass die für Troja ist und ich sie rauchen muss, wenn ich dort bin, und dabei an ihn denken. Ich bin mäßig begeistert, lasse es mir aber nicht anmerken und erzähle weiter.
Während dessen macht er die nächste fertig, legt sie mir ebenfalls hin und erklärt, diese sei für Izmir. Oh Gott denke ich, wir hätten nicht so viele Orte aufzählen sollen! Und er macht dann auch munter weiter. Am Ende habe ich fünf Zigaretten vor mir liegen, die ich unterwegs alle rauchen muss. Vielleicht gewöhne ich mir das Rauchen dann ja ab! Aber jedenfalls werde ich mich auch immer freuen, wenn ich an den Reisebürobesitzer zurückdenke.

Raucher

Im Übrigen haben wir zu den beiden Tees, die wir bestellt und bezahlt hatten, im Laufe der Zeit noch weitere vier hinzugeschenkt bekommen. Soviel zur türkischen Gastfreundschaft. Da können wir Deutsche uns mal ein Beispiel daran nehmen!

Vielen ist es nicht bekannt, aber die Türkei hat eine unglaublich bewegte Kulturgeschichte, und es sind in der ganzen Türkei unzählige Monumente verschiedenster Kulturen erhalten, die davon Zeugen. In deutschen Ohren hat Troja wohl den schillerndsten Namen unter den hiesigen antiken Stätten. Schließlich war es der deutsche Kaufmann Heinrich Schliemann, der seine Lebensaufgabe und seine Finanzen der Entdeckung und Ausgrabung Trojas widmete. Schliemanns archäologische Methoden unterschieden sich jedoch kaum von Grabräuberei. Unter Schliemanns Regie entbehrten die Ausgrabungen jeglicher Systematik, und so wurde Troja weitgehend zerstört. Die Funde wurden nach Berlin entführt. Erst Schliemanns Nachfolger entwickelten nach und nach systematischere, archäologische Methoden und retteten somit das, was von Troja heute noch übrig geblieben ist. Außerdem legten sie damit den methodischen Grundstein heutiger, moderner Archäologie.

Troja

Troja

Troja

Troja

Troja

Obwohl Rauchen in Troja verboten ist, habe ich übrigens natürlich die Zigarette vom Reisebürobesitzer mit hineingeschmuggelt und heimlich geraucht. In so einem Fall muss man ja mal eine Ausnahme machen. Für den Tag hatte ich danach vom Rauchen allerdings genug!

Raucher

Istanbul

Nach stundenlangem Straßenkampf unter annähernd anarchistischen Bedingungen erreichen wir einen von zwei noch übrig gebliebenen Campingplätzen in Istanbul. Wenn man auf den rechtsfreien Raum auf den Straßen von Istanbul vorbereitet ist, kommt man mit dem Verkehr gut klar, aber nicht, wenn man neu in der Stadt ist und noch den Verkehrsregeln Beachtung schenkt. Verkehrsregeln gelten nicht in türkischen Großstädten! Hier gilt das Recht des Entschlosseneren. Soll heißen, wenn man beispielsweise die Spur wechseln will, zieht man einfach rüber, egal ob einer kommt oder nicht.
Wir hatten den Campingplatz schon im Vorbeifahren gesehen. Allerdings gab es keine Möglichkeit mehr, von der beidseitig vierspurigen Hauptverkehrsader, die in das Herz Istanbuls führt, abzufahren. Stattliche anderthalb Stunden und viele Nerven kostete es uns, um wieder an die richtige Abfahrt zurückzukommen.
Wir passieren die Einfahrt des Campingplatzes und landen auf einem kleinen, gewöhnlichen Parkplatz. Keine Spur von Campingplatz weit und breit, aber es stehen vier Wohnmobile dort, umringt von parkenden Autos. Ich steige aus und laufe hinüber zu einem alten Mercedes-Bus mit der Aufschrift „Salzburg-India-Tour 2007“. Ich erkundige mich, wo es hier zum Campingplatz geht und erhalte von einer freundlichen Österreicherin die Auskunft, dass wir uns mitten auf selbigem befinden.
Nun gut, dann ist das hier wohl tatsächlich der Campingplatz. Wir stellen uns neben die Salzburger an eine Mauer. Auf der anderen Seite der Mauer ist eine Privatuniversität. Ständig fahren Autos über den Parkplatz zur selbigen und anders herum wieder heraus. Auf der gegenüberliegenden Seite ist eine Fußballhalle mit drei Plätzen, auf denen leidenschaftlich gekickt wird. Und ein Stück weiter davor ist eine Kartbahn, auf der sich die Hobbypiloten heiße Rennen liefern. Als Toiletten und Duschen sind diejenigen mitzubenutzen, die zur Fußballhalle beziehungsweise Kartbahn gehören. Und wie man sich vorstellen kann, sind sie reichlich heruntergekommen und verdreckt. Na prima, das kann ja heiter werden.
Aber zumindest ist der rund um die Uhr bewachte Campingplatz bei fünfzehn Euro pro Tag für zwei Personen mit Fahrzeug verhältnismäßig günstig, und der andere Campingplatz soll noch schlimmer sein. Außerdem ist es nur ein kurzer Fußweg bis zur Metro. Und wir freunden uns gleich am ersten Abend mit den beiden Salzburgern Eva und Harry an, die seit vielen Jahren über Winter nach Indien fahren, mit Kleidern für die Kinder eines Waisenhauses im Gepäck. Sie lieben das Land über alles und wecken auch in uns die Sehnsucht, Indien endlich kennen zu lernen.

Istanbul

Da wir ohnehin unentschlossen sind, ob wir Afrika oder Asien zuerst bereisen sollen, erkundigen wir uns am folgenden Tag nach den erforderlichen Visa, um nach Indien zu gelangen. Wegen des Ramadan werden für die nächsten gut zwei Wochen jedoch nicht alle Visa zu bekommen sein.
Wir sind hin und her gerissen, entscheiden uns aber, Afrika dann doch vorzuziehen. Das vorerst notwendige Visum für Syrien erhalten wir innerhalb weniger Stunden, nachdem wir uns zuvor ein Empfehlungsschreiben des Deutschen Konsulats in Istanbul besorgt haben. Das hätte man uns beinahe nicht ausgestellt, da man offiziell keine Empfehlungsschreiben mehr herausgibt. Glücklicherweise hatte ich am Tag zuvor jedoch beim Sekretariat des Vizekonsuls angerufen und eine mündliche Zusage erhalten.
Mit dem syrischen Visum in der Tasche kommen wir schon einmal bis Ägypten, denn das jordanische Visum gibt es problemlos an der Grenze. In Kairo sollen dann alle weiteren notwendigen Visa erhältlich sein, um bis nach Südafrika zu kommen. Außer den sudanesischen und äthiopischen Visa bekommt man alle übrigen an der jeweiligen Landesgrenze.

Kommen wir zum Eigentlichen: Istanbul. Die Stadt liegt zu beiden Seiten des Bosporus auf der Landzunge zwischen Schwarzem Meer und Marmarameer, das seinerseits eine Art Nebenbecken des Mittelmeers ist. Der Bosporus ist die natürliche Verbindung der beiden Meere und bildet die Grenze zwischen Europa und Asien. Die Kulturen beider Kontinente mischen sich hier wie an keinem anderen Ort. Wie könnte man die Stadt am besten mit wenigen Attributen beschreiben? Quirlig, multikulturell, traditionell und modern – sehenswert! Die Lebendigkeit dieser Stadt und die einzigartige Mischung fernöstlicher und westlicher Kultur lassen sie jeden Besucher unweigerlich in ihren Bann ziehen. Von Istanbuls Pflichtprogramm sehen wir uns die Blaue Moschee, die Hagia Sophia, den große Basar und den Gewürzbasar an. Ansonsten bewegen wir uns kreuz und quer durch die ganze Stadt.

Die Blaue Moschee verdankt ihren Namen den blauen Mosaiken, die ihr Inneres zieren. Auch bei ihrem Äußeren gibt es eine Besonderheit: Die Blaue Moschee hat sechs Türme beziehungsweise Minarette. Im Allgemeinen haben Moscheen nur ein Minarett und nur selten zwei oder vier. Allerdings bekommt man die sechs Minarette der Blauen Moschee vom Erdboden aus nicht alle ins Bild. Deshalb braucht ihr auf den folgenden Bildern nicht nachzuzählen. Und nach den blauen Mosaiken müsst Ihr auch nicht suchen, denn sie liegen sehr schattig, und man kann sie nur mit Blitz vernünftig fotografieren. Einige machen das, aber aus Respekt vor den Betenden verzichten wir darauf. Wir finden die Fenster und Kuppeln der Blauen Moschee ohnehin beeindruckender.

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Die Hagia Sophia besichtigen wir nur von außen. Sie steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur Blauen Moschee und hebt sich durch ihre rötliche Farbgebung von anderen Moscheen ab. Sie ist von einem kleinen Park umgeben, den die Menschen als Ruheoase nutzen.

Istanbul

Istanbuls Großer Basar ist der größte überdachte Basar der Welt. Der Basar gleicht einer Stadt in der Stadt, die alles für den täglichen Bedarf bietet. Leicht kann man sich hier in den unzähligen, verwinkelten Gängen verlaufen. Da wir in unserem Sprinter ohnehin keinen Platz haben, beschränken wir uns auf ein paar Tassen türkischen Cais, dass heißt herb-aromatischen schwarzen Tees, der das türkische Nationalgetränk ist (Nein, es ist nicht Ayran!), und auf die Nutzung eines offenen Funknetzes zum Lesen unserer E-Mails. Ja, auch die orientalischen Märkte gehen mit der Zeit.

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Der Gewürzbasar bietet, man kann es raten, Gewürze verschiedenster Art und in buntesten Farben. Eine noch größere Versuchung sind allerdings die Berge süßer Leckereien wie türkischer Nougat in allen möglichen Variationen. Wir können nicht widerstehen und decken uns mit einem reichlichen Vorrat davon ein.

Istanbul

Doch die Stadt hat noch viel mehr zu bieten als die ausgewiesenen Sehenswürdigkeiten. Die Angler auf der Galatabrücke und das Handwerkerviertel beispielsweise.

Angeln ist in der Türkei so eine Art Volkssport. Hunderte von Anglern stehen auf und in der Nähe der Galatabrücke, die das Goldene Horn überspannt.

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Besorgungen in Istanbul funktionieren anders, als man es bei uns kennt. Zunächst einmal plant man in Istanbul maximal zwei Dinge pro Tag ein, die man zu erledigen hat, weil die Stadt so riesig ist und es trotz Metro auch schon mal drei Stunden dauern kann, bis man vom einen Ende der Stadt in irgendeinen Winkel des anderen gelangt ist. Außerdem bekommt man in Istanbul zwar grundsätzlich alles, aber außer Lebensmitteln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs sind viele Arten von Geschäften stadtviertelweise konzentriert. So zum Beispiel muss man in das Handwerkerviertel gehen, wenn man irgendwelches Werkzeug braucht. Dort aber gibt es dann alles im Überfluss.

Istanbul

Istanbul

Apotheken gibt es natürlich in der ganzen Stadt. Viele von ihnen entsprechen westlichem Standard und bieten die ganze Bandbreite von Medikamenten, aber zu beinahe paradiesisch günstigen Preisen. Hier kann der Reisende richtig Geld sparen. Man muss lediglich die Wirkstoffe der gesuchten Medikamente kennen, denn die vertrauten Medikamentennamen und -hersteller sucht man oft vergeblich. Außerdem sind die Beipackzettel meist nur in türkischer Sprache verfasst, weshalb man sich vom Apotheker genau beraten lassen sollte, wenn man die Dosierungen und Nebenwirkungen nicht kennt. Wir jedenfalls komplettieren unsere Reiseapotheke mit allem, was wir nicht für so vordringlich hielten, dass wir es schon in Deutschland hätten besorgen müssen.

Kommen wir zu guter letzt noch zu den Schuhputzern. Auch sie verleihen dem Stadtbild ihre Prägung, und ich gehe einem Schlitzohr unter ihnen auf den Leim. Als Vielreisender lernt man ja nach und nach alle möglichen Tricks der Touriabzocke kennen, indem man auf sie hereinfällt. Doch man ist nicht davor gefeit, dass es einen ab und zu doch wieder erwischt.
Vor allem, wenn man gerade auf das Verschlingen eines Döners konzentriert ist. Wie ich so gerade in einen ihrer Artgenossen hinein beiße, kommt ein Schuhputzer vorbei und verliert vor unseren Füßen seine Bürste. Dressiert und höflich wie man ist, ruft man ihm hinterher und macht ihn darauf aufmerksam, dass er sein Handwerkszeug verloren hat, hebt es ihm sogar auf und reicht es ihm noch hin. Ein überglücklicher Schuhputzer strahlt übers ganze Gesicht und bedankt sich ausschweifend dafür, dass es noch so höfliche Menschen gibt und bietet an, jenem dafür die Schuhe zu putzen. Meine sehen ohnehin nicht mehr ganz so aus wie früher, als sie noch von Muttern geputzt wurden. Also lasse ich ihn seiner Berufung nachgehen, als mir dann endlich die Schuppen von den Augen fallen und mir in den Kopf schießt, dass er die Bürste natürlich nicht versehentlich verloren hat.
Aber er hat das Spiel gewonnen, und ich will ihm eine türkische Lira für seinen zweiminütigen Arbeitseinsatz geben. In Istanbul bekommt man für eine türkische Lira immerhin einen Döner. Der Schuhputzer ist sich prinzipiell auch nicht zu schade, Geld anzunehmen. Allerdings will er mir erzählen, dass eine türkische Lira „very very klein“ ist und nur soviel wie 5 Euro-Cent. (Tatsächlich sind es über 60 Cent.) Nach langwierigem Hin- und Herdiskutieren frage ich ihn, was denn seine Preisvorstellung sei. Fünf Euro hielte er für angemessen. Da platzt mir der Kragen, ich drücke ihm die Lira in die Hand und mache ihm klar, dass er sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen soll, bevor ich es mir anders überlege.
Ansonsten bleiben wir aber ziemlich unbehelligt in der Stadt. Wir werden nur gelegentlich von Verkäufern auf die übliche Art angesprochen („How are you?“, „Where are you from?“, „First time in Istanbul?“), die keinem anderen Zweck dient, als einen in ein Gespräch zu verwickeln, das sich dann sehr schnell zum Verkaufsgespräch entwickelt. Wenn man hierzulande klar sagt, dass man nicht interessiert ist, wird man in Ruhe gelassen und nicht weiter belästigt, wie das in anderen Ländern leider manchmal der Fall ist. Nein, vielmehr fühlen wir uns richtig wohl in der Stadt und unter ihren Bewohnern.