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Damaskus und Amman

Von Palmyra geht es weiter nach Damaskus, Syriens Hauptstadt. Den multikulturellen Charme Istanbuls noch lebhaft vor Augen, sehen wir uns dort schon Cocktails schlürfen. Nach den relativ nüchternen letzten sieben Tagen haben wir uns das redlich verdient.

Schon von weitem sichtbar kündigt sich Damaskus durch eine dichte, dunkelgraue Smogschicht an, wie wir sie selbst in Kairo nicht gesehen haben. Man könnte meinen, in den vergangenen Tagen müsse in der Nähe eine Erdölraffinerie abgebrannt sein. Doch dem ist nicht so.
In Damaskus selbst merken wir vom Smog jedoch nichts. Unsere Cocktail-Fantasien allerdings lösen sich schnell in Luft. Damaskus ist bei weitem nicht so multikulturell und westlich, wie wir gehofft hatten, obwohl viele Frauen unverschleiert und westlich gekleidet sind. So schaffen wir uns Ersatzbefriedigung, indem wir uns an einem von vielen Süßwarenständen mit reichlich fett- und kalorienhaltigem Blätterteiggebäck eindecken.

Damaskus

Damaskus

Damaskus

Damaskus

Auf dem großen, aber nicht besonders aufregenden Basar von Damaskus erhandeln wir außerdem ein Backgammon-Spiel für unsere Freundin Simone, nachdem wir zuvor sorgfältig den chinesischen Einheitsschrott von den Originalen getrennt haben. Den stattlichen Rest an Syrischen Pfund, den wir noch haben, tauschen wir in US-Dollar.

Weiter hält uns in Damaskus nichts, und schnell brechen wir auf zur syrisch-jordanischen Grenze. Die Ausreise aus Syrien und die Einreise nach Jordanien gestalten sich überraschen undramatisch.
Die jordanische Seite der Grenze ist überaus gepflegt und geordnet. Von den gut Englisch sprechenden Beamten werden wir anständig behandelt. Das tut gut und lässt auf das Land hoffen, obwohl auch hier unsere Grüne Versicherungskarte nicht anerkannt wird und wir nebst einigen Gebühren dafür tief in die Tasche greifen müssen. Immerhin haben wir das Visum hier ohne Aufhebens und Komplikationen binnen kürzester Zeit an der Grenze erhalten.

Jordanien präsentiert sich von Anfang an etwas wohlhabender und entwickelter als Syrien. Die Straßen sind besser, es gibt einzelne Bäume und alles wirkt etwas gepflegter. Allerdings gibt es überall zur Verlangsamung des Verkehrs Speed Bumps, die man so gut wie nicht sieht und von denen wir mehrere mit viel zu hoher Geschwindigkeit überfahren. Jedes Mal, wenn wir ungebremst über so eine Schwelle rauschen, gibt es einen heftigen Knall und unsere Sachen fliegen durch den ganzen Sprinter.
Doch wir sollen noch einen ganz anderen Dämpfer bekommen. Etwa 70 Kilometer lang fahren wir südwärts bis kurz vor der jordanischen Hauptstadt Amman und wollen von dort ans Tote Meer abzweigen. Das Tote Meer liegt von Amman ungefähr 30 Kilometer entfernt. Die Straße endet jedoch an einer Baustelle, und das Tote Meer ist nicht mehr ausgeschildert. Am Straßenrand steht ein gepflegter Mann mittleren Alters, den wir nach dem Weg fragen. Er sagt, könne er uns den Weg ans Tote Meer zeigen, wenn wir ihn ein Stück mitnähmen.
Prinzipiell sind wir bezüglich des Mitnehmens von Leuten, die wir nicht kennen, äußerst vorsichtig. Genauer gesagt haben wir bisher überhaupt noch niemanden mitgenommen. Aber der Mann macht einen sympathischen Eindruck. Erst kurz zuvor auf der Fahrt haben wir uns noch darüber unterhalten, dass wir uns mehr öffnen müssen, wenn wir mit Menschen in Kontakt kommen wollen.
Wir lassen den Mann also zu uns ins Auto auf den Beifahrersitz steigen, während Christiane sich auf einen der beiden hinteren Sitze begibt. Wir unterhalten uns gut: Er fragt, wir erzählen, er erzählt. Aber irgendwie fahren wir gerade wieder zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind.
Als wir nach zehn Kilometern immer noch nicht in Richtung des Toten Meers abgebogen sind, fragen wir ihn, wo er denn genau hin müsse.
„Etwa eine halbe Stunde von hier.“, sagt er.
„Und wann geht es in Richtung des Toten Meers?“, fragen wir.
Der Ort liege auf dem Weg, von dort sei es die schönste Strecke zum Toten Meer und ganz leicht zu finden. Uns ist klar, dass wir wohl einen ziemlichen Umweg machen werden, aber andererseits haben wir ja Zeit. Trotzdem sind wir unsicher, wie weit es noch gehen soll und ob wir ihn nicht doch lieber an die frische Luft setzen sollen. Er scheint das zu spüren und lockt uns mit einem Abendessen im Kreis seiner Familie. Außerdem habe er ein großes Haus, und wir könnten dort schlafen und eine warme Dusche haben. Dem sind wir nach der zurückliegenden Durststrecke natürlich nicht abgeneigt.
Langsam nähert sich unsere Fahrzeit einer dreiviertel Stunde, und wir wollen nun endlich wissen, wo es genau hingeht. Er antwortet, er habe in Irbit sein Auto in der Werkstatt stehen. Irbit liegt im äußersten Norden Jordaniens, noch ein gutes Stück weiter als der Grenzübergang, von dem wir gekommen sind, und etwa 100 Kilometer entfernt von Amman! Mit einer solchen Dreistigkeit haben wir nicht gerechnet. Wir waren nur 30 Kilometer vom Toten Meer entfernt, und er schickt uns 100 Kilometer in eine völlig andere Richtung, um uns von dort auf einer Parallelstrecke wieder 100 Kilometer zurück zu schicken!
Aber okay, denken wir uns, jetzt sind wir ohnehin bald da, und wenn die Einladung steht, dann soll es uns egal sein. Über sein Zuhause und die Einladung verliert er dann aber kein Wort mehr. Stattdessen versucht er, uns weiter mit Smalltalk bei Laune zu halten. Uns ist inzwischen natürlich auch klar, was da läuft, aber trotzdem bringe ich es nicht nicht fertig, ihn jetzt noch rauszuwerfen. Zu nahe schon sind wir an Irbit. Vielleicht war alles nur ein Missverständnis und er steht zu seinem Wort.
An der Werkstatt in Irbit angekommen, tut er das aber natürlich nicht. Er springt aus dem Sprinter und lässt stattdessen seinen Sohn einsteigen, der uns die richtige Richtung aus Irbit weisen soll. Er selbst verschwindet. Der Sohn führt uns dann noch ein paar Meter zurück von der Werkstatt weg, erklärt uns, in welche Richtung wir fahren müssten, und lässt sich absetzen.
Für uns beginnt nun bei schnell hereinbrechender Dämmerung eine nervenaufreibende Suche nach einem Übernachtungsplatz. Den finden wir bei völliger Dunkelheit dann irgendwann auch an einer Tankstelle. Aber was für eine bittere Erfahrung!

Später in Israel wird Oded, den wir dort kennenlernen werden, es auf den Punkt bringen: „Trust your instinct!“. Hätten wir unserem Gefühl vertraut, hätten wir den Kerl nach einigen Kilometern rausgeschmissen und wären umgekehrt.

Ruinenstadt Palmyra

Von der türkisch-syrischen Grenze waren wir – froh, das überwiegend kurdisch besiedelte Grenzgebiet hinter uns zu lassen –, am Vortag zunächst nach Aleppo hinein gefahren und hatten uns syrische Pfund am Geldautomaten geholt. Der Verkehr in der grenznahen Stadt Şanlıurfa war ein einziges Hupkonzert, und eine unangenehme Begegnung mit ein paar Straßen-Kids vor einem kleinen Supermarkt hatten wir auch.
Die Straßen-Kids lungerten vor dem Markt herum und wurden natürlich auf uns aufmerksam, als wir hielten. Wir trauten der Sache nicht, so dass wir zunächst im Auto blieben und abwarteten. Einer der Jungs fing dann an, vor unserem Auto herumzuschleichen und uns zu provozieren. Als ich ausstieg und ihm hinterherrief, zog er ein Butterfly-Messer aus der Hose. Es war kein Angriff, aber doch ein deutliches Signal, so dass wir auf unseren Einkauf verzichteten und unverrichteter Dinge weiterfuhren.
Der Gegenwert von 150 Euro war am Geldautomaten in Aleppo der Höchstbetrag, den wir – europäische Verhältnisse gewöhnt und die Treibstoffpreise noch nicht kennend –, sogleich abhoben. Später sollten wir gar nicht wissen, wie wir das ganze Geld ausgeben sollten.

Von Aleppo fahren wir nun ein Stück auf der berühmten Seidenstraße, die von hier nach Bagdad führt und erst viel später in Ostchina endet. Die Seidenstraße ist zumindest hier und heute jedoch nichts weiter als eine gewöhnliche Teerstraße mit zwei Fahrspuren in jeder Richtung. Statt von Kamelen wird sie von Blechkarawanen bevölkert: von 1001-Nacht-Romantik keine Spur.
Zu beiden Seiten der Seidenstraße findet sich erst einmal lange nichts als unfruchtbares, verstepptes Land. Kein Baum weit und breit, kein Ort, der zum Verweilen einlädt. Das Leben der Menschen hier ist geprägt von den Verrichtungen des täglichen Bedarfs. Ihre Behausungen sind einfache Lehmhütten und Zelte.

Seidenstraße in Syrien

Seidenstraße in Syrien

Seidenstraße in Syrien

Seidenstraße in Syrien

An einer Tankstelle machen wir einen Zwischenstopp und füllen unseren Dieselvorrat auf. Ein Liter Diesel kostet umgerechnet paradiesische 7 Cent, während ein Liter Milch in Syrien das Fünffache kostet – verkehrte Welt! Dementsprechend wird aber auch mit Treibstoff umgegangen: Niemand achtet darauf, dass nichts daneben geht. Ein kräftiger Mann mit hochdekorierter Uniform und selbstgefälliger Körpersprache steht neben einer großen Treibstofflache und raucht eine Zigarette. Hoffentlich ist das nur Diesel und kein Benzin!

Vom Assad-Stausee zur Linken ist fast nichts zu sehen. Ein Abstecher dorthin findet sein jähes Ende vor einer militärischen Absperrung.
Der See wird aus dem Euphrat gespeist, dem größten Strom Vorderasiens, der in der Türkei entspringt, durch Syrien und den Irak fließt, und in den Persischen Golf mündet. Der Euphrat ist die Lebensader Syriens. Ohne ihn wäre keine Landwirtschaft, und ohne Landwirtschaft kein Leben möglich, denn Syrien ist nicht gerade mit Bodenschätzen oder anderen Naturgütern gesegnet. Dementsprechend liegt hier die Achillesverse des Landes, und die Türken, in deren Land der Euphrat entspringt, wissen das als Machtquelle zu nutzen. Sie haben Staustufen in den Euphrat gebaut, mit denen sie Syrien den Wasserzufluss sperren können.
Für Syrien ist das Wasserreservoir des Assad-Stausees die einzige Reserve. Außerdem dient der Assadstaudamm der Energiegewinnung. Er ist ein dementsprechend strategisch wichtiges Objekt und mit dementsprechenden Schutzvorkehrungen abgesichert.

Wenig später tangiert die Seidenstraße den Euphrat für wenige Augenblicke, und wir können einen kurzen Blick auf ihn erhaschen. Der Euphrat zeigt sich hier als ein mittlerer Fluss, wie er überall fließen könnte.
Sodann drängen sich jedoch Felder zwischen Euphrat und Seidenstraße. Es sollte der erste und einzige Blick auf den Euphrat sein, der uns vergönnt war, bevor wir bei Deir Al Zor nach Südwesten abbogen und durch die Syrische Wüste nach Palmyra fuhren.

Palmyra ist eine viertausend Jahre alte Ruinenstadt, die zu Zeiten der römischen Vorherrschaft in Vorderasien ein bedeutender Handelsknoten war. Sie liegt mitten im geografischen Zentrum Syriens.

Ruinenstadt Palmyra

Ruinenstadt Palmyra

Ruinenstadt Palmyra

Ruinenstadt Palmyra

Ruinenstadt Palmyra

Die Sitten der arabischen Länder achtend hat Christiane sich heute übrigens richtig in Schale geworfen. Allerdings erinnert sie in ihrem Haar bedeckenden Outfit eher an einen Schlumpf. Ich fand es eh schon immer albern, dass es unter den Schlümpfen nur eine einzige Frau gab, und die war in der ansonsten reinen Männerwelt der Schlümpfe natürlich eine Blondine. Wird also höchste Zeit, dass wir hiermit endlich offiziell eine neue, brünette Schlümpfin einführen, und sie hört auf den Namen Schlumpfiane:

Ruinenstadt Palmyra

Fazit Türkei und Einreise Syrien

Die Türkei ist ein großartiges Reiseland. Kulturhistorisches und Naturschönes gibt es in der Türkei in ungeahnter Fülle. Trotz ihrer geografischen Lage auf zwei kulturell völlig unterschiedlichen Kontinenten wirkt die Türkei nicht wie ein zweigeteiltes Land: Die Türkei ist ein orientalisches Land, sie ist aber auch ein viel europäischeres Land, als so mancher Europäer sich dies vorstellen wird. Die Kulturen verschmelzen in der multikulturellen Metropole Istanbul auf ganz natürliche Weise zu etwas Neuem. Besonders abends und an den Wochenenden sprudelt die Stadt nur so vor Leben.
Bei der übrigen Türkei muss man zwischen den Küstenregionen und dem Landesinneren unterscheiden. An den Küsten findet sich die ganze Palette von einsamen Sandstränden über gemäßigte Urlaubsgebiete bis hin zu Stränden, wie man sie in berüchtigten Ecken Mallorcas vorfindet. Mit anderen Worten: Für jeden Geschmack ist etwas dabei, und dazu kommen zahlreiche kulturelle und naturelle Sehenswürdigkeiten, die von den Küstenorten aus gut zu erreichen sind. Es ist immer eine Reise wert, hierher zu kommen und sich nicht nur auf einen reinen Strandurlaub einzustellen.
Weiter im Landesinneren kann sich dann mitunter jedoch auch schnell ein leichter Kulturschock einstellen. Die Zeit scheint hier in vielerlei Hinsicht vor 200 Jahren stehen geblieben zu sein. Die meisten Menschen sind einfache Bauern und leben zu einem beträchtlichen Teil noch in ärmlichen Lehmhütten. Es ist ein hartes Leben, wie man den vom Leben gezeichneten Gesichtern entnehmen kann, was kein Wunder ist bei der extremen Trockenheit und Kargheit des Landes, in dem kaum ein Baum wächst. Zudem ist das Bildungsniveau sehr niedrig. Doch die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, wie auch in der ganzen Türkei.
Wie oft sind wir mit einem Lächeln empfangen und mit Geschenken reichlich bedacht worden. Eine wunderschöne Sitte ist das türkische Nationalgetränk, der Chai, ein kräftiger schwarzer Tee, der mit viel Zucker zu jeder Gelegenheit getrunken und als Zeichen der Gastfreundschaft angeboten wird.
Schön waren auch die Begegnungen an den vielen Tankstellen, die wir im Laufe der drei Wochen in diesem Land ansteuerten. Mal gab es eine Flasche Zitronensprudel mit auf den Weg, mal ein paar Päckchen Waschmittel und feuchte Tücher, und selbst an Tankstellen, an denen wir nicht getankt hatten und trotzdem übernachten durften, versorgte man uns mit Chai, spendierte man uns eine kostenlose Wagenwäsche oder einfach nur ein herzerfrischendes Lächeln.
Die schönste Begebenheit in dieser Hinsicht war, als am Ende des Ramadan eine türkische Familie am Strand von Olympos mit zwei großen Stücken „Festival Cake“ auf uns zukam und sie uns feierlich überreichte – einfach so!

„Das Land öffnet sich mehr und mehr für den internationalen Tourismus. Allerdings sollten derzeit die Erwartungen an eine für Touristen erforderliche Infrastruktur noch nicht zu hoch gesteckt werden.“, so steht es in den Informationen des Auswärtigen Amts zu Syrien. Da sind wir doch mal gespannt.
Zunächst mussten wir uns in Istanbul ja erst einmal Visa beschaffen, was nicht gerade für eine Offenheit Syriens gegenüber Touristen spricht. In Jordanien beispielsweise bekommt man das Visum mittlerweile schon an der Grenze. Andererseits bekommt man für Saudi-Arabien praktisch gar kein Visum: Man erhält maximal ein Drei-Tage-Transitvisum, und das aber auch nur, wenn man eine Einladung in das Land vorzuweisen hat, die wiederum man eigentlich nur bekommt, wenn man dort geschäftlich mit einem inländischen Unternehmen zu tun hat. So gesehen wäre es noch vergleichsweise leicht gewesen, ein Visum für Syrien zu bekommen, wenn da nicht der Haken wäre, dass Syrien zusätzlich zum Antrag ein Empfehlungsschreiben verlangt. Dieses Empfehlungsschreiben, das eine deutsche Botschaft oder ein deutsches Konsulat ausstellen muss, erhält man offiziell gar nicht mehr.
Als wir beim Deutschen Konsulat in Istanbul vorsprachen, wollte man uns mit der klaren Aussage wieder fortschicken, dass diese Empfehlungsschreiben nicht mehr ausgestellt würden. Gut, dass ich zuvor beim Konsulat angerufen und anscheinend einen guten Eindruck gemacht hatte, denn die freundliche und hilfsbereite Konsulatsangestellte am anderen Ende der Leitung hatte mir zugesichert, wir würden die Empfehlungsschreiben bekommen, wenn wir den Nachweis erbrächten, dass wir uns von Stuttgart offiziell abgemeldet haben.
Allerdings hatten wir nicht damit gerechnet, dass wir die Abmeldebescheinigung jemals brauchen würden. Was hatten wir nicht alles an Dokumenten eingesteckt, kopiert, gescannt, deponiert und sonst wo hin redundant gespeichert. Aber an unsere Abmeldebescheinigungen hatten wir nicht gedacht. Doch wir konnten von Glück sagen, dass die auf einmal so wichtigen Abmeldebescheinigungen von meinen Eltern schnell gefunden und zugefaxt waren. Auch diese Hürde war also genommen, und der zunächst abweisende, sich dann aber als sehr freundlich und hilfsbereit herausstellende Beamte des Deutschen Konsulats legte uns die durchaus existierenden Formulare zur Beantragung der Empfehlungsschreiben vor.
Wenig später hielten wir tatsächlich die begehrten Empfehlungsschreiben in der Hand, mit denen wir erneut beim Syrischen Konsulat vorstellig wurden. Dort gaben wir unsere Anträge nebst je zweier Passfotos ab. Die westlich gekleidete, junge Dame, die alles entgegen nahm, lachte sich erst einmal schlapp, als sie das Passfoto von Christiane mit Kopftuch sah und zeigte es bei ihren ebenfalls nicht Kopftuch tragenden Kolleginnen herum. Und drei Stunden später hielten wir dann endlich unsere Visa für einen fünfzehntägigen Syrienaufenthalt in der Hand.
Eigentlich hatten wir Visa für vier Wochen beantragt, aber die sollen wir ohnehin nicht brauchen, wie sich nun am syrischen Grenzübergang herausstellt. Zunächst können wir aber erst einmal von Glück sagen, dass wir nicht gleich an der Passkontrolle auf dem heruntergekommenen und unübersichtlichen Grenzgelände scheitern. Nicht etwa wegen eines israelischen Stempels in unseren Pässen, der ein absolutes „No Go“ wäre, sondern weil wir eine Adresse im Land benötigen, über die wir zu erreichen sind. Da wir campen wollen, verweisen wir schließlich auf die Deutsche Botschaft in Damaskus. Die englische Übersetzung „German Embassy“ kann oder will der noch recht junge, hagere Beamte mit dünnem Schnurrbärtchen aber nicht verstehen. Als ein drängelnder Araber seinen Pass mit einem Geldschein darin an mir vorbei reicht, werden mir die Verständnisprobleme schlagartig klar. Allerdings hält der korrupte Beamte unsere Pässe schon in der Hand. Also kann ich kaum noch dezent einen Geldschein hineinlegen, und den Schein einfach offensichtlich hinüber zu reichen, rede ich mir auch aus. Obwohl der feiste Chef des Angestellten, der im Hintergrund herumläuft und seine Autorität zur Schau trägt, im selben Moment in seine Hosentasche greift, ein Geldbündel so dick wie zwei Zigarettenschachteln, herausholt und beginnt, durchzuzählen.
Ich gehe zurück zum Wagen und schreibe aus unseren Informationen des Auswärtigen Amts die Adresse der Deutschen Botschaft in Damaskus ab und werde erneut am Schalter vorstellig. Die Adresse scheint eine Postfachadresse zu sein und sieht mehr nach einer Telefonnummer aus. Prompt fragt mich der Beamte, was das denn sein soll. „Die Adresse!“, beharre ich. Glücklicherweise kommt mir in diesem Moment ein Busfahrer zur Hilfe, der bestätigt, dass es sich um eine ganz normale Adresse und nicht um eine Telefonnummer handelt. Da das Ganze nun wohl schon seit einer viertel Stunde hin und her geht, vergeht dem Beamten dann wohl auch die Lust, und er beginnt endlich unsere Einreiseformalien weiter zu bearbeiten. Noch einmal Probleme gibt es, als er unsere Berufe wissen will. Schlecht vorbereitet antworte ich „IT-Consultant“ und erkläre sodann, dass das „IT“ für „Information Technology“ stehe. Dass er damit genauso wenig anfangen kann, hätte ich mir natürlich denken können. Doch dann kommt mir der rettende Einfall, und ich gebe als meinen Beruf „Computer“ an. Das schluckt er dann endlich.
Doch damit ist die Einreise noch lange nicht durch. Als nächstes müssen wir beim Zoll vorstellig werden. Da sitzen zwei Typen wie Patt und Patterchon, beide kräftig gebaut, der eine vermutlich ein Frauenschwarm, mit klaren, braun-grünen Augen und schelmischem Gesichtsausdruck, und der Andere das genaue Gegenteil mit Eierkopf und Mönchsfrisur, aber ebenfalls mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. Hoffentlich wird das jetzt nicht allzu teuer, denke ich schon, und dann kommt auch prompt die unheilvolle Frage: „Diesel?“ Oh, oh, ich soll rüber zur Bank.
Ein Fettsack mit glasbausteindicken Gläsern in einem Hornbrillengestell und einem dicken Bündel Hundertdollarscheine in der Hand will mir zweihundertfünfzig Dollar abknöpfen. Ich schlucke schwer, als ob ich der Fettsack wäre und den ganzen Tag hier sitzen müsste. Fünfzig Dollar für die Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung, weil Syrien die Grüne Versicherungskarte nicht akzeptiert, und zweihundert Dollar Dieselsteuer für zwei Wochen. Liebes Auswärtiges Amt, wären diese Summen nicht einmal eine Erwähnung wert in euren Informationen? Glücklicherweise kommt mir der Gedanke, dass es bei einem nur einwöchigen Aufenthalt vielleicht billiger werden könnte. An der stattlichen Versicherungssumme ändert sich damit zwar nichts. Aber zumindest halbiert sich tatsächlich die Dieselsteuer.
Gut, bleiben wir in eurem Land eben nur eine Woche und geben weniger Geld aus. Allerdings muss man dazu sagen, dass ein Liter Diesel in Syrien den lächerlichen Betrag von umgerechnet zehn Cent kostet. Ein Liter Milch kostet demgegenüber sage und schreibe das Fünffache. Auf diesem Weg holt sich der Staat von den motorisierten Touristen, was diese sonst gegenüber den heimischen Spritpreisen sparen würden. Andererseits ist Syrien ein kleines Land, und wenn man in einer Woche die Strecke zurücklegt und das vertankt, was man sonst in zwei, drei oder vier Wochen zurücklegen beziehungsweise vertanken würde, dann ist das Resultat lediglich, dass die Touristen in Syrien weniger für Verpflegung und Unterkunft ausgeben.
Hundertfünfzig Dollar leichter gehe ich also zu Patt und Patterchon zurück und lege die Belege vor. Während sie die Dokumente bearbeiten fangen sie eine Diskussion über Fußball mit mir an. „Bayern Munich“ ist ihr Lieblingsverein. Mir ist zwar nicht nach einer Diskussion über Fußball, aber ich habe auch das Gefühl, dass es unklug wäre, nicht auf das Spielchen einzugehen. Spitzenverein sage ich, aber da Christiane und ich zuletzt bekanntlich in Stuttgart gelebt haben, bringe ich natürlich den aktuellen Deutschen Meister Stuttgart ins Spiel. Auch wenn es mir selbst egal wäre, wenn Stuttgart in der Amateurliga spielen würde. „Yes, Stuttgart, German football champion!“ wiederholen sie anerkennend und tuscheln noch ein wenig in Arabisch. Dann verlangen sie zwei Dollar Gebühr für den Stempel unter das Carnet de Passages, ein Zolldokument, das in vielen Ländern Asiens und Afrikas bei der Ein- und Ausreise abgestempelt werden muss. Mit dem Carnet de Passages sollen Autoschiebereien unterbunden werden. Wenn ein eingeführtes Fahrzeug nicht nachweislich wieder ausgeführt wird, gilt es als im jeweiligen Land verhökert, und es werden in der Regel horrende Zollgebühren, oft bis zur Höhe des geschätzten Fahrzeugwertes, erhoben, für die beim Automobilclub des Heimatlandes eine stattliche Kautionssumme hinterlegt werden muss.
Habe ich es mir doch gedacht! Aber zwei Dollar scheinen mir zu günstig, als dass ich eine Diskussion anzetteln würde. Also überreiche ich sie bereitwillig und bin erleichtert.
Die anschließende Zollkontrolle ist auch nicht weiter nennenswert, und nach zwei Stunden sind wir endlich in Syrien!