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Ein mieser Tag

Der Tag hat gut angefangen. Nach knapp zwei herrlich entspannenden Wochen verlassen wir die kleine Wohnmobilkolonie und machen uns auf den Weg, die Insel Peloponnes zu umrunden. Zuvor waschen wir noch unseren Sprinter, der es bitter nötig hat. Er bekommt auch gleich eine Unterboden- und Motorwäsche mit dazu und erstrahlt danach wieder in altem Glanz. Doch der Schein trügt, wie sich kurz hinter Kastro herausstellen soll. Auf einmal fängt unsere Hupe an, ihren Job zu tun, allerdings ungefragt, und sie hört auch nicht mehr damit auf! Unsere Fanfare hingegen gibt keinen Mucks von sich.
Wir stellen den Motor ab, um unter der Motorhaube nach dem Rechten zu sehen. Wir vermuten, dass durch die Motorwäsche irgendwohin Feuchtigkeit gelangt ist, wo sie nicht hingehört. Bis auf den Stecker des Kabels, das unsere Starterbatterie mit Strom von den Solarpanelen versorgt, wenn die Bordbatterie voll ist, der eine Ladung Wasser abbekommen hat, ist nichts zu sehen. Das Kabel kann doch eigentlich nichts mit der Hupe zu tun haben, oder? Wir machen den Stecker so gut es geht trocken, und versuchen es noch einmal. Sofort meldet sich die Hupe wieder mit lautem Getöse.
Gut, denken wir, solange es nur die Hupe ist, können wir ja die betreffende Sicherung herausziehen und dann erst einmal in Ruhe weiterfahren, bis uns entweder eine Idee kommt oder wir bei einer Werkstatt vorbeischauen können. Gedacht, getan, ich drehe den Zündschlüssel, die Hupe gibt wie gewünscht keinen Mucks von sich, der Anlasser macht die Geräusche, die er auch sonst so zu tun pflegt, der Motor springt an – und geht wieder aus! Nochmal das Ganze, gleiches Ergebnis. Nochmal. Sch****! Muss vielleicht doch etwas mit dem Stecker zu tun haben, der immer noch nicht ganz trocken ist.
Wir versuchen es noch einmal, den Stecker trockener zu bekommen, aber immer noch mit nicht ganz zufrieden stellendem Ergebnis, und der Motor will auch weiterhin nicht anspringen. Okay, bevor wir heute Abend noch hier stehen, rufen wir lieber mal beim ADAC an. Etwa eine Stunde soll es dauern. Wir versüßen uns die Wartezeit mit weiteren Nachforschungen im Motorraum. Dann meint Christiane, wir sollten die Sicherung der Hupe wieder einstecken und es noch einmal versuchen, den Motor zu starten. Wäre das einzige, was mir im Moment noch einfiele, aber was die Sicherung der Hupe mit dem Motor zu tun haben soll? Trotzdem steckt Christiane die Sicherung wieder ein, und siehe da, der Motor läuft, aber jetzt schrillt natürlich auch die ganze Zeit wieder die Hupe! Und wie überhaupt kann die Sicherung der Hupe den ganzen Motor lahm legen?
Hm, vielleicht sollten wir einfach mal das schon erwähnte Kabel abklemmen. Tatsächlich, es hupt nicht mehr! Ich werde noch verrückt, was kann denn dieses blöde Kabel mit der Hupe zu tun haben? Wir unternehmen noch einmal einen Anlauf, den Stecker richtig trocken zu bekommen.
In der Zwischenzeit trifft die angeforderte Hilfe bei uns ein. Der Grieche, der praktischer Weise weder Englisch noch Deutsch spricht, kommt hinzu, sieht uns am Kabel herumoperieren, betrachtet es kurz, steckt die Stecker wieder zusammen und bittet uns zu versuchen, den Motor zu starten. Dass dies funktioniert, wissen wir bereits, aber nun ertönt auf einmal auch die Hupe nicht mehr! Okay, wir verstehen wohl doch zu wenig von Autos und werden es wohl auch nie so richtig. Der Grieche freut sich über seine gelungene Reparatur, lässt uns über den freundlichen Mann des ADAC aber raten, doch sicherheitshalber eine Werkstatt aufzusuchen. Es könnte noch woanders ein Problem geben. Den Verdacht haben wir den Gesetzen der Logik folgend ohnehin. Dass die Hupe nicht mehr ertönt, nachdem wir den Stecker des Kabels abgetrocknet haben, erscheint uns nicht unbedingt plausibel, sondern eher ein Zufall.
Als wir einsteigen, fällt uns auf, dass rostiges Wasser vorne rechts an der Naht zwischen Karosse und Hochdach ausgetreten ist. Das ist doch wie verhext! Das erste Problem wahrscheinlich nur augenscheinlich gelöst, und schon wieder ein neues Problem, oder hängt beides irgendwie zusammen?
Wenn Wasser austritt, muss es auch irgendwo her kommen. Wir klettern ins Hochdach und nehmen es unter die Lupe. Tatsächlich, ganz vorne zwischen dem Hochdach und dem Reststück des alten Dachs über der Fahrerkabine hat sich Wasser gesammelt. Und genau dort befindet sich auch der kleine Kompressor unserer Fanfare. Dort hat es offensichtlich einen Kurschluss gegeben, und erst als das Wasser abgelaufen ist, tönte auch die normale Hupe nicht mehr. Mit dem Kabel hatte es überhaupt nichts zu tun! Aber den Zusammenhang zwischen der Sicherung der Hupe und dem Laufen des Motors verstehen wir immer noch nicht.
Na ja, und jetzt muss natürlich auch noch das Dach abgedichtet werden. Die Naht ist direkt oberhalb der schmalen, umlaufenden Regenrinne, die sich auf dieser Höhe befindet. Der Sprinter war bei den letzten beiden heftigen Regengüssen schräg gestanden, und wahrscheinlich war das Regenwasser, das sich dort gesammelt hatte, von da auch ins Innere gelangt. Bei der ersten Kurvenfahrt war es dann wieder heraus gelaufen. Wenn dem nicht so ist, dann haben wir zwei undichte Stellen. Das werden wir nach dem nächsten Regenguss merken, wenn wieder Wasser im Dach steht und dann nicht mehr abläuft!

Wenn ein Tag schon einmal so angefangen hat, hält er oft noch weitere böse Überraschungen bereit. Als wir gemütlich dahinfahren, stets die immer eiligen Griechen vorbei lassend, werden wir auf einmal von hinten zusammengehupt. Ein offener Honda 2000 hängt uns auf der Stoßstange und bedrängt uns. Dass einmal kurz gehupt wird, wenn man nicht gleich bemerkt, dass einer überholen will, sind wir ja schon gewöhnt, aber solche Aggression nicht. Wir sehen es auch nicht ein, ständig den Bordstein zu kratzen, um nicht als Verkehrshindernis wahrgenommen zu werden. Ich fahre näher an den Fahrbahnrand, obwohl die Straße nach den beiden unmittelbar vorbeifahrenden Autos sowieso vollkommen frei wäre, und mache dem Drängler ein international verständliches Handzeichen mit gestrecktem Mittelfinger.
Der junge Typ mit verkehrt herum aufgesetzter Baseballkappe und seiner Tussi nebendran gibt Gas, schert ruckartig aus, fährt auf unsere Höhe und bremst dann wild gestikulierend ab. Ich bekräftige meine Meinung von ihm verbal. Er regt sich tierisch auf, brüllt und fuchtelt weiter mit seinen Händen herum. Dass es mich ziemlich kalt lässt, macht ihn nur noch wütender, und schließlich muss er vor seiner Ische ja auch den starken Mann markieren.
Ich habe schließlich keine Lust mehr, meine Fahrbahn mit ihm zu teilen und ziehe langsam wieder auf die Mitte der Fahrbahn. Wenn er doch nicht überholen möchte, dann soll er es halt bleiben lassen. Er fällt kurz zurück, um dann noch rasanter an uns vorbei zu fahren, scharf vor uns herüber zu ziehen und sich knapp vor uns zu setzen. Dann tritt er heftig auf die Bremse und versucht uns zum Anhalten zu zwingen. Dabei macht er eindeutige Zeichen, dass er den Konflikt auf altbewährte Weise mit den Fäusten klären will. Er gehört zu den Typen, die es geradezu darauf anlegen und nach Gelegenheiten suchen, sich mit irgendwem prügeln zu können.
Ich muss ziemlich in die Eisen gehen, ziehe dann aber meinerseits links raus und fahre an ihm vorbei. Er gibt wieder Gas, überholt wieder, weiterhin wild fluchend, und fährt weiter, ohne einen weiteren Versuch zu unternehmen, mich zum Boxkampf herauszufordern.
Als er sich schon etwas entfernt hat, sehe ich eine Kreuzung kommen und die Ampel auf Rot springen. Wir würden die einzigen an der Ampel sein. Ich will nicht, dass das ganze weiter eskaliert und beschließe, in sicherem Abstand rechts ran zu fahren und zu warten, bis die Ampel wieder grün und er weitergefahren ist. Eine Konfrontation würde sicherlich nicht gut ausgehen, da ich inzwischen natürlich auch auf hundertachtzig bin – für welche Seite auch immer.

Die weitere Fahrt verläuft unbehelligt, und wir erreichen kurz vor Dunkelheit den Ort Pylos im Süden der Peleponnes. Nach diesem Tag haben wir uns ein schönes Abendessen verdient. Wir finden ein einfaches Restaurant und setzen uns. Es ist nicht viel los, nicht einmal die Hälfte der Tische ist besetzt. Wie es in Griechenland üblich ist, stellt die Bedienung uns sogleich Wasser und Brot auf den Tisch. Wir bestellen erst einmal zwei Bier und lassen uns bei der Auswahl des Essens Zeit. Da wir ziemlich ausgehungert sind, essen wir dabei gleich schon mal ein paar Scheiben Brot.
Das schmeckt dem Restaurantbesitzer allerdings gar nicht, da er wohl befürchtet, wir könnten uns an dem Brot satt essen. Er kommt an den Tisch und bittet resolut um die Bestellung. Wir bestellen einen Bauernsalat vorweg, frittierte Sardinen und einen Teller weiterer, frittierter Fische, die auch wie Sardinen aussehen, aber noch kleiner sind. Man isst Sie mit Haut und Haar, oder vielleicht sollte man besser sagen mit Flosse und Schuppe – inklusive Kopf und Augen! Dazu bestellen wir noch eine Portion Pommes.
Keine zwei Minuten später steht der Salat auf dem Tisch. Christiane hat kaum zum Salzstreuer gegriffen, um ihn nachzuwürzen, als auch schon die Pommes kommen. Waren wohl gerade übrig. Keine weiteren zwei Minuten, und auch der Fisch ist da. Muss wohl auch gerade übrig gewesen sein. Dazu bekommen wir die Rechnung gereicht. Dem Essen nachfolgende Getränkebestellungen sind zwar möglich, aber unerwünscht, wie es scheint, denn viele schlaue griechische Restaurantbesitzer wissen: Wer nach dem Essen nur noch trinkt, bringt dann weniger ein, und es gibt ja noch genügend doofe Touristen, die abgefertigt werden wollen. Sind wir hier in der Imbissbude oder im Restaurant? Uns jedenfalls ruiniert es völlig unnötig auch noch den Abend.

Was für ein mieser Tag!

Kastro

Wir sind auf dem Weg Richtung Olympia. In den vergangenen Tagen haben griechische Feuerwehrmänner bis zur vollkommenen Erschöpfung gekämpft, um die historischen Sportstätten am Fuße des Olymps vor dem drohenden Flammenmeer der verheerenden Waldbrände zu retten, die bis vor wenigen Tagen Griechenland heimgesucht haben.
Wir sind nicht allein. Auch ein athletischer Pole ist auf dem Weg nach Olympia: joggend mit einem kleinen Anhänger, den er sich mit einer Schlaufe um die Hüfte gebunden hat und hinter sich her zieht. Auf dem Anhänger steht das Wort „PEACE“ geschrieben. Wir sind beeindruckt.

PEACE

Noch etwa 50 Kilometer von unserem Ziel entfernt, biegen wir in Richtung Küste ab, in der Hoffnung, ein schönes Plätzchen für die Nacht zu finden und uns im Meer abkühlen zu können. Zunächst geht es durch Olivenhaine, dann durch den kleinen Ort Kastro und schließlich das letzte Stück abwärts zur Küste. Völlig unerwartet treffen wir auf ein kleines Stück Nordsee am Mittelmeer: bewachsene, helle Sanddünen, ein breiter Strand und eine kräftige Brandung, aber warm und ohne Quallen!

Kastro

Hier ein kleiner Ausschnitt des vielfältigen Dünenbewuchses:

Kastro

Kastro

Kastro

Auf einem großen Parkplatz in den Dünen stehen rund ein Dutzend Wohnmobile wild campend. Die meisten von Ihnen kommen aus allen Ecken Deutschlands, aber auch Österreicher und Holländer sind vertreten. Wir gesellen uns zu ihnen.

Kastro

Dabei fahren wir uns trotz Allradantrieb erst einmal fest. Die beiden hinteren Räder sind wegen des hohen Gewichts unseres Sprinters und wegen der geringen Auflagefläche der Reifen bei vollem Luftdruck im weichen Sand einfach abgesackt. Sandbleche haben wir noch nicht, da wir uns diese erst in der Türkei günstig besorgen wollen.
Eine nette Münchnerin eilt herbei, um uns zu helfen, während ein Österreicher daneben steht und deplatzierte Kommentare abgibt. Er meint, er hätte Sandbleche, aber sein Fahrzeug stünde darauf, und deshalb könne er sie uns nicht geben. Auf eine echte Unterstützung von seiner Seite warten wir vergeblich.
Aber wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen, holen den Klappspaten aus dem Heck und schaufeln die eingegrabenen Räder frei. Dabei stellt sich heraus, dass sich unter den Rädern fester Untergrund befindet. Trotzdem würge ich den Motor bei den darauf folgenden Anfahrversuchen mehrfach ab, bevor ich unseren Sprinter, beherzt mit den Füßen auf Kupplung und Gaspedal, aus den Mulden herausbekomme. Hier zeigt sich, dass der schwere Wagen wegen der fehlenden Untersetzung im Gelände nicht leicht anzufahren sein wird und dass wir darauf werden achten müssen, wenn es irgendwann über unwegsamere Pisten gehen wird. Aber es ist gut, hier schon einmal die ersten Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht zu haben.

Der Parkplatz ist das Reich von Christos, dem „armen Mann – drei Frauen, vier Kinder, mit große Herz, groß wie Wassermelone, aber süß wie Honigmelone!“ Christos ist ein lustiger und liebenswerter griechischer Bauer mittleren Alters. Er ist hier die gute Seele und versorgt die Camper jeden Tag mit allem, was sie brauchen, vorwiegend Brot, Eier, Obst und Gemüse, Wein und Olivenöl. Das meiste davon ist aus seinem eigenen Anbau. Viel daran verdienen tut er allerdings nicht, außer wenn die Camper kanisterweise reines Olivenöl aus seinem Anbau mit zurück in die Heimat nehmen. Ansonsten genießt er es, des Öfteren mit den Leuten abends ein, zwei Gläschen Wein zu trinken, den er stets in großen Plastikflaschen dabei hat und gerne auch mal spendiert.

Kastro

Wir lernen eine Reihe netter Menschen kennen, mit denen wir viel Zeit verbringen: ein holländisches Paar, das zu Hause eine Harley-Werkstatt und auch hierhin eines seiner Motorräder mitgebracht hat,

Kastro

den redseligen und afrikaerfahrenen Münchner Marc, der uns mit zahllosen Tipps zu Afrika versorgt und vor den territorialen Rentnern warnt, die in einer Woche, nach dem Ende der Schulferien, über diesen Ort herfallen und ihn bis hin zur Bürgermeisterwahl bürokratisieren werden, und seine slovakische Frau Slavka, die uns schon zur Seite gestanden hatte, als wir uns festfuhren, samt Sohn Jens (hier beim Spanferkelfest),

Kastro

und die Mannheimer Marc und Silke mit ihrer süßen, bald einjährigen Lilly und Hund Bobby (hier beim gemeinsamen Abendessen in Nicos Taverne).

Kastro

Kastro

Kastro

Sie alle und noch viele andere sorgen dafür, dass wir uns hier in den nächsten Tagen sehr wohl fühlen werden.

A propos Spanferkelfest: Das Spanferkelfest ist eine Art Tag der offenen Tür des hiesigen Klosters, zu dem die Menschen aus der Umgebung einmal im Jahr hinströmen, um für das Kloster zu spenden und sich anschließend mit Spanferkel, Bier und Wein die Bäuche voll zu schlagen. Zu diesem Anlass werden im wahrsten Sinne des Wortes anhängerweise Spanferkel gegrillt! Das vorzügliche, zarte Fleisch wird kiloweise verkauft und dann mit den Händen gegessen. Auf Beilagen wird komplett verzichtet.

Kastro

Kastro

Kastro