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Ausreise Jordanien und Einreise Israel

Die Eindrücke von Petra wirken noch nach und lassen uns unbeschwert in den neuen Tag starten. Heute soll es im wahrsten Sinne über den Jordan gehen, von Jordanien nach Israel.

Unsere Unbeschwertheit allerdings geht bald in höchste Anspannung über. Zwischen den Jordanien und Israel gibt es drei Grenzübergänge, einen im Norden, einen im Süden und einen irgendwo dazwischen am nördlichen Rand des Toten Meers. Da den Informationen des Auswärtigen Amts zu Jordanien und Israel keine Beschränkungen in der Wahl des Grenzübergangs zu entnehmen sind, entscheiden wir uns für den mittleren: die King Hussein Bridge.
Zunächst haben wir größte Schwierigkeiten, den Grenzübergang überhaupt zu finden. Die wenigen Wegweiser, die es gibt, sind ausnahmslos mit Wahlplakaten überklebt, so dass wir uns mühselig durchfragen müssen. Schließlich finden wir den Grenzübergang dann auch, aber dort teilt man uns mit, dass dieser Grenzübergang nur für Diplomaten und Palästinenser geöffnet sei. Der Grenzübergang führt direkt in die palästinensischen Gebiete der Westbank. Aus unserer Karte geht dies leider nicht klar hervor, und in den Informationen des Auswärtigen Amts findet sich keinerlei Hinweis darauf. Manchmal fragt man sich wirklich, wofür die Kollegen eigentlich bezahlt werden.
Wir machen uns also wieder auf und steuern dieses Mal den nördlichen Grenzübergang, die Sheikh Hussein Bridge an, und werden wieder erst nach langem Suchen fündig. Bei der jordanischen Passvorkontrolle macht man uns darauf aufmerksam, dass wir mit dem syrischen Visum im Pass Schwierigkeiten haben dürften, nach Israel einzureisen. Das ist uns bekannt, aber wir haben keine andere Wahl und hoffen, dass die Israelis ein Einsehen haben und keine arabischen Spione in uns sehen werden. Trotzdem macht sich allmählich Nervosität unter uns breit, denn wir wollen unten keinen Umständen zurück in diese trostlosen arabischen Länder. Nein, wir freuen uns sogar richtig, wieder einmal westlichen Boden unter die Füße zu bekommen. Wir fühlen uns wie Nomaden in der Wüste, wenn am Horizont eine Oase auftaucht, diese aber von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben ist.
Doch erst einmal müssen wir durch die jordanische Grenzkontrolle, und hier geschieht es zu ersten Mal, dass wir komplett auseinander genommen werden. Unser Sprinter wird über eine Stunde lang von zeitweilig bis zu fünf Beamten gleichzeitig durchsucht. In unserem Fall gleicht das einer Hausdurchsuchung. Alles wird durchwühlt, und ständig heißt es „What is this?“ und „Open that!“. Währenddessen versuchen wir, wenigstens halbwegs unter Kontrolle zu halten, was die Kollegen da anstellen. Schließlich können wir uns nicht sicher sein, ob da nicht auch einmal etwas in die Hosentasche eines Beamten, oder schlimmer noch, etwas Illegales aus der Hosentasche eines Beamten ins eigene Fahrzeug wandert, um es uns im nächsten Moment triumphal unter diese Nase zu halten. Bei alledem werden wir nahezu wie Kriminelle behandelt. Man kann sich kaum vorstellen, wie unangenehm das tatsächlich ist. Und so unterschiedlich kann es an verschiedenen Grenzübergängen ein und desselben Landes zugehen.
Als die Beamten unser Hab und Gut mittlerweile schon zwei- und teilweise dreimal durchsucht haben, werden wir langsam weich und fragen einen der Beamten, was wir tun könnten, damit das irgendwann aufhört. Es wird uns versichert, bald sei es vorbei. Als es dann schließlich tatsächlich soweit zu sein scheint und wir an den nächsten Schalter fahren, um das Carnet des Passages abstempeln zu lassen, werden wir jedoch zurückbeordert. Nun wollen sich die Beamten den Sprinter auch noch von unten ansehen. Resigniert setzen wir wieder zurück, aber zu unserem Glück lassen die Beamten unerwartet wieder von ihrem Vorhaben ab. Fluchtartig verlassen wir den Grenzposten und suchen das Weite bevor sie es sich noch einmal anders überlegen!

Palmyra und Petra gehören zu den kulturhistorischen Höhepunkten weltweit und haben uns tief beeindruckt. Doch was gibt es sonst über Syrien und Jordanien zu sagen?
Das Leben in beiden Ländern ist geprägt von den Verrichtungen des täglichen Lebens. Die ausgedörrten Böden werden abgesehen vom gelegentlichen Einsatz von Traktoren überwiegend noch in Handarbeit bearbeitet. Diese Arbeit ist vor allem auch Frauensache, während die Kinder außerhalb des Schulalters Spiel und Arbeit miteinander verbinden müssen. Sie treiben allmorgendlich das Vieh auf die Felder – meist Schafe und Ziegen –, und hüten sie dort bis zur Abenddämmerung. Dann treiben sie die Tiere wieder zurück in den Stall, um den Rest des Abends im Kreis der Familie zu verbringen.
Gerne hätten wir etwas mehr Einblicke in das Leben der Menschen hier gewonnen, doch man trat uns meist zurückhaltend, oft reserviert und gelegentlich auch mit mehr oder minder offener Ablehnung gegenüber. Besonders nach den Erfahrungen in Jordanien – zuletzt gerade am jordanischen Grenzposten auf dem Weg nach Israel –, wird es uns so schnell nicht wieder hierher ziehen.

Aber nun muss uns erst einmal die Einreise nach Israel gelingen. Die israelischen Grenzkontrollen sind wegen den zahlreichen Bedrohungen die schärfsten der Welt. Unsere Anspannung wächst weiter, denn wir wollen das Prozedere auf der jordanischen Seite keinesfalls noch einmal über uns ergehen lassen müssen, falls wir an der israelischen Grenze abgewiesen werden.
Zunächst einmal stehen wir vor einer unbemannten Schranke und warten darauf, dass etwas passiert. Fünfzig Meter vor uns steht ein Bus an der Seite und wird mittels Spiegeln auf Sprengstoff untersucht. Doch die Anlage ist begrünt und wirkt nicht so kalt und abweisend wie die Grenzübergänge, die wir zuletzt gesehen haben. Überhaupt empfinden wir Grün nach der Ausgedörrtheit der letzten beiden Länder und Teilen der Türkei als wahre Wonne. Wie sehr man diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zu schätzen lernt, wenn man sie erst einmal eine zeitlang entbehren musste.
Nach einigen Minuten kommt ein Pickup angefahren und geleitet uns zum Security Check. Junge Männer und Frauen in den Zwanzigern führen die Kontrollen durch. Sie tragen lässige Uniformen, bestehend aus schwarzen Hosen, mit weiten Hosenbeinen und aufgenähten Taschen, und weißen Poloshirts. Ein anderer junger Kerl mit Jeans und hellblauem Poloshirt trägt ein Maschinengewehr im Anschlag. Wir sind beeindruckt, dass man hier nicht auf offen zur Schau getragene, militärische Autorität setzt, wie man es sonst gewöhnt ist.
Auch unserer Sprinter wird auf Sprengstoff untersucht. Währenddessen werden unsere Pässe einer Vorkontrolle unterzogen und wir befragt, woher wir gekommen sind. Der Wahrheit entsprechend geben wir auch Syrien zu Protokoll. Da man uns nicht gleich wieder zurückschickt, können wir ein erstes Mal leicht aufatmen. Wir erhalten einen Zettel mit einer Übersicht der vier Stationen, die wir bei den Grenzkontrollen durchlaufen müssen. Er wird, vollständig abgestempelt, später unser Passierschein sein, der uns die Pforten zu Israel öffnet – oder auch nicht. Die erste Hürde wäre damit schon einmal genommen.
Nun heißt es warten auf die Gepäckkontrolle, etwa eine Stunde lang. Das wiederum läst nichts Gutes ahnen. Anscheinend bereitet man sich da auf Größeres vor. So wäre es normalerweise dann auch gekommen. Die Regularien sehen vor, dass jedes, das heißt wirklich jedes Gepäckstück mit Röntgenstrahlen durchleuchtet und durchsucht werden muss – in unserem Fall eine abendfüllende Aufgabe. Doch angesichts der Mengen von Sachen, die wir mit uns herumkarren, haben die Israelis tatsächlich ein Einsehen und beschränken sich nach langer interner Diskussion auf die Durchsuchung unserer Taschen. Sie nehmen sogar Abstriche von der Kameraausrüstung, um sie chemisch, wahrscheinlich auf Sprengstoff und eventuell auch auf Drogen, zu untersuchen.
Wir haben nichts zu verbergen, und so werden wir schließlich zur Passkontrolle gebeten. Den zweiten Stempel auf dem Passierschein haben wir damit in der Tasche. Wenn wir durch die Passkontrolle durch sind, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Auch dort fragt uns eine hübsche, erstaunlich junge Frau nach den Ländern, die wir bereist haben – auch hier antworten wir wahrheitsgemäß. Alles kein Problem. Die regelrechten Verhöre, die so mancher Reisender über sich ergehen lassen muss und so manchen auch schon haben scheitern lassen, bleiben uns erspart. Nur wenige Schritte von uns entfernt wird ein harmlos aussehender Reisender regelrecht auseinander genommen. Hingegen werden wir freundlich gefragt, ob wir den israelischen Einreisestempel gerne in unserem Pass oder auf einem Extrablatt haben möchten. Die Israelis kennen die Schwierigkeiten, die ihr Stempel im Pass bei der Einreise in einige arabische Länder verursacht, sehr genau und erleichtern den Reisenden damit das Leben. Natürlich lassen wir uns den Stempel auf ein Extrablatt geben.
Abgesehen vom Einreisestempel haben wir nun schon den dritten Stempel auf unserem Passierschein und müssen nur noch durch den Zoll. Wir werden von einem jungen Sicherheitsdienstmitarbeiter mit unserem Sprinter zu einer großen Halle mit mehreren haushohen Eingangstoren geleitet. Er klärt die dortigen, ebenfalls noch recht jung aussehenden Kollegen über uns auf. Der Gestik nach zu urteilen diskutieren sie lange, was alles durchsucht werden soll, und was nicht. Obwohl sich auch hier letztere Frage im Normalfall gar nicht stellt, denn auch hier gilt an der israelischen Grenze die Regelung: alles, aber auch absolut alles muss durchsucht werden.
Der Zoll nimmt einen entsprechend großen Bereich auf dem Grenzübergangsgelände ein mit insgesamt mehreren großen Hallen sowie Be- und Entladestationen, ja sogar Silos, in die entsprechendes Transportgut zwecks Durchsuchung umgeladen wird. Überall fahren Gabelstapler und Sicherheitsdienstfahrzeuge geschäftig hin und her. Die ganze Szenerie gleicht mehr der Logistik eines Flug- oder Schiffshafens. Unser Sprinter wird schließlich in eine der Hallen gefahren, und das mächtige Rolltor schließt sich hinter ihm. Wir machen es uns am Randstein gemütlich, warten und freuen uns heimlich, still und leise, dass wir schon mit einem Fuß in Israel sind. Während wir so vor uns hinwarten, kommt wieder einer dieser jungen, völlig untypisch gekleideten Sicherheitsleute mit Maschinengewehr im Anschlag vorbei. Er hat zwei Becher Wasser in der Hand und reicht sie freundlich zu uns herunter. Kaum zu glauben, oder? Der Schluck Wasser kam uns gerade recht. Und nach einer weiteren Stunde öffnet sich dann endlich das Rolltor, und unser Sprinter kommt wieder herausgefahren.
Nun müssen wir beim Zoll nur noch ein paar Formalitäten erledigen, und dann sind wir endlich in Israel. Sie sind dann auch bald problemlos erledigt. Dabei unterhalten wir uns noch sehr nett mit dem, wie könnte es anderes sein, ebenfalls noch recht jungen und erfrischend unverbrauchten Zollbeamten, der nebenbei bemerkt ebenfalls nicht so streng uniformiert war, wie man sich einen Zollbeamten so vorstellt. Innerlich schon unser ganzes Glück hinausschreiend sehen wir zu, wie auch der letzte Stempel seine Verewigung auf unserem Passierschein findet. Gleich haben wir es geschafft. Am letzten Kontrollposten zeigen wir, uns mit Gefühlsausbrüchen immer noch zurückhaltend, aber überglücklich, unseren Passierschein vor. Die Schranke hebt sich, und zum Abschied werden wir von den jungen, hübschen Schrankenwärterinnen in Israel willkommen geheißen. Hallo Israel!

Felsenstadt Petra

Petra, die verlassene Felsenstadt aus dem dritten und bisher letzten Indiana-Jones-Abenteuer „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ hatte es mir seit meiner Jugend angetan. Im Film kämpft der unorthodoxe und schlagfertige Archäologe Dr. Indiana Jones in Petra gegen die Nazis, um ihnen den Heiligen Gral, der ewiges Leben versprechen soll, vor der Nase wegzuschnappen. Auf Pferden geht es galoppierend durch enge Felsschluchten, bis sich die Widersacher plötzlich vor einem riesigen, in Fels gehauenen Portal mit mächtigen Säulen wieder finden: dem Eingang in die mystische Felsenstadt Petra!
Petra ist das bedeutendste Relikt der Nabatäer und ein architektonisches Meisterwerk. Vor allem aber ist Petra ein wahrhaft magischer Ort, dessen Energie förmlich zu spüren ist!

Auf ein Pferd verzichtend, machen wir uns zu Fuß auf den drei Kilometer langen Weg durch die Schlucht, hinunter nach Petra. Es ist noch früh, und nur wenige andere Touristen sind unterwegs, so dass wir immer wieder Momente nur für uns allein haben und uns fühlen dürfen, wie Indiana Jones.

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Die Schattenseite des Filmes ist, dass es hier wenig später von Touristen nur so wimmeln wird. Busweise werden sie von Jordaniens Hauptstadt Amman aus hier angekarrt. Da Petra die Hauptsehenswürdigkeit Jordaniens ist, konzentrieren sich die insgesamt nicht sehr zahlreichen Touristen im Lande hier natürlich.
Aber wir haben es uns zur Regel gemacht, dass wir derartige Sehenswürdigkeiten nach Möglichkeit spätnachmittags bis früh abends ansteuern, wenn nicht mehr so viel los und das Licht am schönsten ist, oder aber morgens in aller Frühe. Zu diesen Zeiten kann man solche Orte noch fast für sich alleine haben. Und da wir nicht an eine touristische Organisation wie die üblichen Busfahrten gebunden sind, sind wir in dieser Hinsicht ziemlich privilegiert.

Hergekommen sind wir denn auch auf einer ganz anderen Route, als die Touristenströme. Sie allein war schon beinahe so abenteuerlich, wie im Film. Statt über die Ostroute, kamen wir von Westen her, durch die dortige Halbwüste. Vom Toten Meer kommend fragten wir an einem der vielen Check Points, nach dem es weiter geradeaus oder links ab ging, welche Richtung wir einschlagen müssten. Links abbiegen sollten wir.
Was wir dort fanden, war zwar eine Straße. Aber sie sollte sich als unbeschilderte Nebenstrecke herausstellen, als wir einige Zeit später feststellten, dass wir uns hoffnungslos verfahren hatten. Wir waren auf einer Schotterpiste gelandet, Beschilderungen nach Petra hatten wir auf dem ganzen Weg noch nicht gesehen, und das einzige Zeichen von Zivilisation war ein Beduinenzelt, etwa fünfzig Meter neben der Straße.

Felsenstadt Petra

Ich lief dorthin, um nach dem Weg zu fragen. Um das Zelt herum spielende Kinder wurden auf mich aufmerksam, als ich mich ihrer etwas zwielichtig anmutenden Behausung näherte. Sie eilten mit skeptischen Minen zu ihren Müttern und klammerten sich an ihnen fest. Die Mütter bedachten mich, um die Zeltecke schauend, ebenfalls mit einem skeptischen Blick, und holten sodann ihre Männer hervor, während sie selbst mit ihren Kindern in den Hintergrund zurücktraten.

Felsenstadt Petra

Vorsichtig hob ich die Hand zum Gruß, um meine guten Absichten zu bekunden. Man erwiderte meinen Gruß, und ich begann, mich nach dem Weg zu erkundigen. Nach etwas Hin und Her kam schließlich ein Pickup mit vier jungen, in unseren westlichen Augen etwas wild aussehenden Beduinen, vorbei. Sie hatten ein paar Kisten Tomaten auf der Ladefläche und waren auf dem Weg in das einzige, kleine Dorf, an dem wir auf dem Hinweg vorbei gekommen waren. Sie bedeuteten uns, ihnen zu folgen. Dort wollten sie uns den weiteren Weg erklären.
Wir folgten ihnen also zurück in ihr Dorf, bis sie vor einer einfachen Hütte hielten. Die dort lebenden und neugierig herüberblickenden, jungen Frauen, wurden von ihren Müttern sofort scharf zurechtgewiesen und ins Haus geschickt. Ein etwas älterer Mann kam zu uns herüber, mit rot-weißem Beduinenkopftuch, wildem Bart und gelb-braunen Zähnen, in etwa so, wie man sich in westlich-naiven Vorstellungen einen typischen Terroristen vorstellen würde. Die vier Männer aus dem Pickup sprachen mit ihm auf Arabisch und standen um ihn herum, als der Ältere auf mich zutrat. Ich war ausgestiegen, was in Anbetracht der fünf mir nun gegenüberstehenden Männer wohl etwas unvorsichtig war. Zumindest war es mir etwas mulmig zumute. Aber der Mann sprach zu meiner Überraschung ein paar Brocken Englisch und erklärte mir den weiteren Weg. Wir könnten dem Pickup noch ein Stück weit folgen und müssten dann noch ein gutes Stück zurück bis zu einer Linksabbiegung.
Als wir aus dem Ort heraus waren, waren wir ziemlich erleichtert. Wenn die fünf Männer uns etwas gewollt hätten, hätten wir keine Chance gehabt, und es würde niemals jemand erfahren, was aus uns geworden wäre. Aber wir möchten die Männer nicht in ein falsches Licht rücken: Sie haben uns lediglich den Weg gezeigt. Doch die Kulturen sind innerlich und äußerlich so unterschiedlich, dass solche Situationen einfach nicht mit Gewissheit einzuschätzen sind.
Schließlich erreichten wir die beschriebene Abzweigung. Es stand dort nur ein Schild, das auf ein Dorf verwies. Nichts dort verriet, dass dies der Weg nach Petra sein konnte. Auch die Straße nicht, an der der Zahn der Zeit genagt hatte, und die kaum noch mehr als eine schlaglochübersähte, sandverwehte Piste war. Über diese Straße ging es nun zwanzig Kilometer lang mitten durch die Halbwüste aus feinem, gelbem Sand und später zunehmend Geröll, während sich zu unserer Linken langsam ein mächtiges Gebirge auftürmte. Bis auf einen Hirten und einen Kleinlaster waren keinerlei Anzeichen von Zivilisation mehr auszumachen. Dann drehte die Straße zum Gebirge hin ab und ging über in eine steile Achterbahnfahrt. Fast eine Stunde lang krochen wir die Berge hinauf, aber wir wurden mit immer atemberaubenderen Aussichten auf die sich unter uns ausbreitende Halbwüste belohnt, und die Felsen nahmen immer schönere Formen mit ausgeprägten Auswaschungen an.

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Dann, auf einmal, kamen wir an grünen Feldern vorbei und stießen wenig später auf eine Straße, die man auch wirklich als solche bezeichnen konnte. Sie hätte uns wesentlich unkomplizierter nach Petra geführt. Wir hatten eine wilde Abkürzung genommen. Aber dadurch konnten wir die einzigartige Natur rund um Petra hautnah erleben wie kein anderer Tourist!

Nachdem wir auf dem Marsch hinunter nach Petra schon langsam gar nicht mehr geglaubt haben, dass die Schlucht irgendwann auch ein Ende hat, sehen wir durch den Spalt vor uns unerwartet eine riesige Säule aufragen, dann eine zweite, dann noch eine, und schließlich das gesamte Portal des tempelähnlichen Felsengrabes „Schatzhaus des Pharao“, das auch im Film zu sehen war. Es ist eines der beeindruckendsten Monumente, die wir je gesehen haben. Einfach unbeschreiblich, majestätisch, prächtig. Minutenlang können wir uns mit offen stehenden Mündern kaum von diesem Anblick lösen.

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Dann gehen wir tiefer hinein in die Stadt, vorbei an einem Amphitheater, an Wohnhöhlen und weiteren Portalen. Sie liegen teilweise in Schwindel erregenden Höhen. Der Fels hier ist rötlich wie der Sand im australischen Outback, durchzogen von weißen Linien. Sie schimmern wie Perlmut und unterstreichen den Glanz der Stadt.

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Der Eintritt ist übrigens ziemlich teuer, genauer gesagt das teuerste, was wir uns auf dieser Reise bisher geleistet haben. Aber Petra ist jeden Cent wert. Außerdem gibt es dort am Ende der Stadt eine Art Restaurant, in dem die Bustouristen sich über ein Buffet hermachen dürfen, für das sie allerdings extra zu zahlen haben. Wir gehen hinein, um zu sehen, was es zu essen gibt und was es kosten soll. Da ein organisatorisches Konzept nicht zu erkennen ist, reihen wir uns einfach die Schlange der Heuschrecken ein und kommen so zu einem üppigen und darüber hinaus kostenlosen Mahl. So relativiert sich der Eintrittpreis doch gleich schon wieder!

Felsenstadt Petra

Übernachtet haben wir übrigens etwa fünf Kilometer vor Petra im Beduine Camp nahe des sogenannten Little Petra. Ein Tor führt in einen von hohen Felsen umgebenen Innenhof. Die Betreiber haben sich mit der Einrichtung sehr viel Mühe gegeben, aber wir sind leider die einzigen Gäste. Außerdem war es nicht ganz billig, aber wir haben es auch verpennt, den Preis zu verhandeln. Wahrscheinlich hätten wir auf die Hälfte herunterhandeln können. Übrigens haben wir später erfahren, dass die Betreiber gar keine echten Beduinen sind. Aber was soll’s, ein schöner Ort ist es trotzdem.

Totes Meer in Jordanien

Das gestrige Ärgernis noch nicht ganz verdaut, erreichen wir nach über 150 verlorenen Kilometern das Tote Meer. Das Tote Meer ist ein rund 800 Quadratkilometer großer, abflussloser Salzsee zwischen Jordanien und Israel, der durch das Wasser des Jordans gespeist wird.
Das Tote Meer liegt im Großen Afrikanischen Grabenbruch und bildet mit rund 400 Metern unter dem Meeresspiegel den tiefsten Punkt der Erdoberfläche. Der Große Afrikanische Grabenbruch ist ein tiefer Graben, der während der letzten rund 35 Millionen Jahre durch die Abspaltung der Arabischen Platte von der Afrikanischen Platte entstanden ist. Von Syrien ausgehend erstreckt sich der Große Afrikanische Grabenbruch über den See Genezareth, das Tote Meer, das Rote Meer und Ostafrika bis nach Mosambik.
Der durchschnittliche Salzgehalt des Toten Meers von über 25 Prozent ist der dritthöchste der Erde. Aufgrund des hohen Salzgehalts existiert im Toten Meer kein Leben, und diesem Umstand verdankt es auch seinen Namen. So lebensfeindlich das Tote Meer einerseits jedoch ist, so heilsam ist es andererseits für Menschen mit Hautkrankheiten wie Neurodermitis. Daraus ist ein boomender Gesundheitstourismus entstanden.

Am Toten Meer angekommen, treffen wir sogleich auf eine Reihe der üblichen Verdächtigen unter den großen Hotelketten, die diese Nachfrage befriedigen. Festungsartig, hinter dicken Mauern und Pforten haben sie sich verschanzt. Maschendrahtzäune am Strand stellen sicher, dass kein Tourist sich in ein benachbartes Hotel verirrt.
Neben den Grundstücken der Hotelketten liegt der öffentlich zugängliche Amman Beach mit einem kleinen Vergnügungspark für Kinder. Auch der Amman Beach ist vollständig eingezäunt, damit kein Einheimischer auf die Idee kommt, seinen Fuß auf den Boden der Hotels zu setzen und die internationalen Gäste zu belästigen.

Glücklicherweise macht dieser Bereich nur einen kleinen Teil des Toten Meers aus. Somit sind wir zunächst noch voller Hoffnung, dass es danach besser wird. Doch erst einmal schließt sich an das Areal eine wilde Müllkippe an. Ein entlaufener oder ausgesetzter Esel mit gebrochenem Bein humpelt durch die Müllberge und sucht nach Essbarem.

Totes Meer in Jordanien

Totes Meer in Jordanien

Totes Meer in Jordanien

Nicht wissend, was noch kommen wird, beschließen wir trotzdem, den kleinen Abhang hinunter zum Toten Meer zu gehen. Wir wollen das Tote Meer schließlich wenigstens auf seinen Salzgehalt testen, wenn wir schon einmal hier sind. Schon der Ufersaum besteht statt Sand oder Kies aus einer Salzkruste. Und das Wasser schmeckt in der Tat ziemlich salzig. Etwa so, wie wenn man einen Haufen Salz aus seiner Hand leckt.

Noch gelegentlich ausspuckend fahren wir weiter die Küste des Toten Meers hinunter nach Süden. Hier gibt es dann doch noch sehr schöne, einsame Küstenabschnitte. Das Ufer fällt hier jedoch so steil ab, dass man nicht hinunter ans Wasser gelangt.

Als die Küste dann endlich flacher und badetauglicher wird, ist das bloße Anhalten strikt verboten, da es sich um militärisches Sperrgebiet handelt. Großartig.

Schon entlang der Küstenstraße wurden wir in kurzen Abständen an zahlreichen Checkpoints kontrolliert, die mit je zwei Soldaten besetzt waren. Einer der Checkpoints war gar mit einem Hummer ausgestattet, also einem der US-amerikanischen Armeegeländefahrzeuge, besetzt mit zwei weiteren Soldaten: einer davon fahrbereit, der andere mit einem auf Ladefläche und Dach montierten Maschinengewehr im Anschlag. Jedes Mal kontrollierte man unsere Pässe, erkundigte sich nach unserem Reiseziel sowie der Anzahl der Sitzplätze in unserem Fahrzeug und warf einen prüfenden Blick auf unsere hintere Sitzreihe. Eingehender kontrolliert wurden wir jedoch nicht.

Totes Meer in Jordanien

Totes Meer in Jordanien

Damaskus und Amman

Von Palmyra geht es weiter nach Damaskus, Syriens Hauptstadt. Den multikulturellen Charme Istanbuls noch lebhaft vor Augen, sehen wir uns dort schon Cocktails schlürfen. Nach den relativ nüchternen letzten sieben Tagen haben wir uns das redlich verdient.

Schon von weitem sichtbar kündigt sich Damaskus durch eine dichte, dunkelgraue Smogschicht an, wie wir sie selbst in Kairo nicht gesehen haben. Man könnte meinen, in den vergangenen Tagen müsse in der Nähe eine Erdölraffinerie abgebrannt sein. Doch dem ist nicht so.
In Damaskus selbst merken wir vom Smog jedoch nichts. Unsere Cocktail-Fantasien allerdings lösen sich schnell in Luft. Damaskus ist bei weitem nicht so multikulturell und westlich, wie wir gehofft hatten, obwohl viele Frauen unverschleiert und westlich gekleidet sind. So schaffen wir uns Ersatzbefriedigung, indem wir uns an einem von vielen Süßwarenständen mit reichlich fett- und kalorienhaltigem Blätterteiggebäck eindecken.

Damaskus

Damaskus

Damaskus

Damaskus

Auf dem großen, aber nicht besonders aufregenden Basar von Damaskus erhandeln wir außerdem ein Backgammon-Spiel für unsere Freundin Simone, nachdem wir zuvor sorgfältig den chinesischen Einheitsschrott von den Originalen getrennt haben. Den stattlichen Rest an Syrischen Pfund, den wir noch haben, tauschen wir in US-Dollar.

Weiter hält uns in Damaskus nichts, und schnell brechen wir auf zur syrisch-jordanischen Grenze. Die Ausreise aus Syrien und die Einreise nach Jordanien gestalten sich überraschen undramatisch.
Die jordanische Seite der Grenze ist überaus gepflegt und geordnet. Von den gut Englisch sprechenden Beamten werden wir anständig behandelt. Das tut gut und lässt auf das Land hoffen, obwohl auch hier unsere Grüne Versicherungskarte nicht anerkannt wird und wir nebst einigen Gebühren dafür tief in die Tasche greifen müssen. Immerhin haben wir das Visum hier ohne Aufhebens und Komplikationen binnen kürzester Zeit an der Grenze erhalten.

Jordanien präsentiert sich von Anfang an etwas wohlhabender und entwickelter als Syrien. Die Straßen sind besser, es gibt einzelne Bäume und alles wirkt etwas gepflegter. Allerdings gibt es überall zur Verlangsamung des Verkehrs Speed Bumps, die man so gut wie nicht sieht und von denen wir mehrere mit viel zu hoher Geschwindigkeit überfahren. Jedes Mal, wenn wir ungebremst über so eine Schwelle rauschen, gibt es einen heftigen Knall und unsere Sachen fliegen durch den ganzen Sprinter.
Doch wir sollen noch einen ganz anderen Dämpfer bekommen. Etwa 70 Kilometer lang fahren wir südwärts bis kurz vor der jordanischen Hauptstadt Amman und wollen von dort ans Tote Meer abzweigen. Das Tote Meer liegt von Amman ungefähr 30 Kilometer entfernt. Die Straße endet jedoch an einer Baustelle, und das Tote Meer ist nicht mehr ausgeschildert. Am Straßenrand steht ein gepflegter Mann mittleren Alters, den wir nach dem Weg fragen. Er sagt, könne er uns den Weg ans Tote Meer zeigen, wenn wir ihn ein Stück mitnähmen.
Prinzipiell sind wir bezüglich des Mitnehmens von Leuten, die wir nicht kennen, äußerst vorsichtig. Genauer gesagt haben wir bisher überhaupt noch niemanden mitgenommen. Aber der Mann macht einen sympathischen Eindruck. Erst kurz zuvor auf der Fahrt haben wir uns noch darüber unterhalten, dass wir uns mehr öffnen müssen, wenn wir mit Menschen in Kontakt kommen wollen.
Wir lassen den Mann also zu uns ins Auto auf den Beifahrersitz steigen, während Christiane sich auf einen der beiden hinteren Sitze begibt. Wir unterhalten uns gut: Er fragt, wir erzählen, er erzählt. Aber irgendwie fahren wir gerade wieder zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind.
Als wir nach zehn Kilometern immer noch nicht in Richtung des Toten Meers abgebogen sind, fragen wir ihn, wo er denn genau hin müsse.
„Etwa eine halbe Stunde von hier.“, sagt er.
„Und wann geht es in Richtung des Toten Meers?“, fragen wir.
Der Ort liege auf dem Weg, von dort sei es die schönste Strecke zum Toten Meer und ganz leicht zu finden. Uns ist klar, dass wir wohl einen ziemlichen Umweg machen werden, aber andererseits haben wir ja Zeit. Trotzdem sind wir unsicher, wie weit es noch gehen soll und ob wir ihn nicht doch lieber an die frische Luft setzen sollen. Er scheint das zu spüren und lockt uns mit einem Abendessen im Kreis seiner Familie. Außerdem habe er ein großes Haus, und wir könnten dort schlafen und eine warme Dusche haben. Dem sind wir nach der zurückliegenden Durststrecke natürlich nicht abgeneigt.
Langsam nähert sich unsere Fahrzeit einer dreiviertel Stunde, und wir wollen nun endlich wissen, wo es genau hingeht. Er antwortet, er habe in Irbit sein Auto in der Werkstatt stehen. Irbit liegt im äußersten Norden Jordaniens, noch ein gutes Stück weiter als der Grenzübergang, von dem wir gekommen sind, und etwa 100 Kilometer entfernt von Amman! Mit einer solchen Dreistigkeit haben wir nicht gerechnet. Wir waren nur 30 Kilometer vom Toten Meer entfernt, und er schickt uns 100 Kilometer in eine völlig andere Richtung, um uns von dort auf einer Parallelstrecke wieder 100 Kilometer zurück zu schicken!
Aber okay, denken wir uns, jetzt sind wir ohnehin bald da, und wenn die Einladung steht, dann soll es uns egal sein. Über sein Zuhause und die Einladung verliert er dann aber kein Wort mehr. Stattdessen versucht er, uns weiter mit Smalltalk bei Laune zu halten. Uns ist inzwischen natürlich auch klar, was da läuft, aber trotzdem bringe ich es nicht nicht fertig, ihn jetzt noch rauszuwerfen. Zu nahe schon sind wir an Irbit. Vielleicht war alles nur ein Missverständnis und er steht zu seinem Wort.
An der Werkstatt in Irbit angekommen, tut er das aber natürlich nicht. Er springt aus dem Sprinter und lässt stattdessen seinen Sohn einsteigen, der uns die richtige Richtung aus Irbit weisen soll. Er selbst verschwindet. Der Sohn führt uns dann noch ein paar Meter zurück von der Werkstatt weg, erklärt uns, in welche Richtung wir fahren müssten, und lässt sich absetzen.
Für uns beginnt nun bei schnell hereinbrechender Dämmerung eine nervenaufreibende Suche nach einem Übernachtungsplatz. Den finden wir bei völliger Dunkelheit dann irgendwann auch an einer Tankstelle. Aber was für eine bittere Erfahrung!

Später in Israel wird Oded, den wir dort kennenlernen werden, es auf den Punkt bringen: „Trust your instinct!“. Hätten wir unserem Gefühl vertraut, hätten wir den Kerl nach einigen Kilometern rausgeschmissen und wären umgekehrt.