Schlagwort-Archive: Israel

Ausreise Israel und Einreise Ägypten

Ohne konkrete Erwartungen waren wir nach Israel gekommen, doch das Land hat uns von Anfang an in seinen Bann gezogen. Es begann schon an der Grenze, also uns die freundlichen Grenzbeamten die Einreise so leicht wie möglich machten, und das, obwohl wir zuvor auch durch Syrien gereist waren. Nicht einmal eines der gefürchteten Interviews mussten wir über uns ergehen lassen, und nur ein vernachlässig kleiner Teil unseres Gepäcks wurde den normalerweise extensiven Sicherheitskontrollen unterzogen.
Von den Surfern in Bet Yannay wurden wir wie Freunde aufgenommen. Wir konnten zwei Wochen lang an ihrem Leben teilhaben und von ihnen viel über das Land erfahren. Sie gaben uns zahlreiche Tipps und halfen uns bei der Organisation der Weiterreise. Unser großer Dank geht hier vor allem an Oded und Tamari. Besonders Oded können wir gar nicht genug danken. Wir durften uns bei ihm wie zuhause fühlen, unsere Wäsche waschen, und er half uns, unseren Wagen für die nächsten 10.000 Kilometer fit zu machen. Und auch sonst können wir gar nicht genug betonen, wie freundlich und vorurteilsfrei wir überall aufgenommen wurden trotz der tragischen Geschichte, die unsere Völker verbindet.
Darüber hinaus bietet Israel mit dem quirligen Tel Aviv und dem kulturell zutiefst beeindruckenden Jerusalem zwei Städte, die man einfach gesehen und erlebt haben muss. Das Land selbst ist trocken, aber von großer Schönheit: so zum Beispiel die in weiten Teilen noch unberührte Mittelmeerküste, das leider nicht mehr unberührte aber trotzdem wunderschöne Tote Meer, das Rote Meer und die Felswüsten im Süden.
Eines Tages werden wir nach Israel zurückkehren und hoffentlich Oded und die anderen wiedersehen. Und wir würden gerne den Israel Trail laufen – einen knapp 1.000 Kilometer langen Wanderweg kreuz und quer durch das ganze Land.

Mit einem guten Gefühl und ohne lästige Durchsuchung verlassen wir Israel. Entgegen der Einreiseformalitäten können wir den Ausreisestempel jedoch nicht auf ein Extrablatt bekommen. Der israelische Zoll musste uns schon bei der Einreise einen kleinen Zusatzstempel mit einer Codierung an einer unauffälligen Stelle in den Pass drucken – aber zumindest ohne hebräische Schriftzeichen. Diesen hatten wir noch nicht als Problem betrachtet. Nun stellt sich jedoch heraus, dass auf derselben Passseite auch der Ausreisestempel platziert werden muss. Der Ausreisestempel enthält zwar ebenfalls keine hebräischen Schriftzeichen, aber es ist ein dickes schwarzes Dreieck, das kaum zu übersehen ist.
Außerdem mussten wir uns in Eilat ein Visum für Ägypten besorgen. Während Fluggäste es problemlos bei der Einreise erhalten, erhalten Überlandreisende an der israelisch-ägyptischen Grenze lediglich ein Visum für den Sinai, da der Sinai, obwohl Ägypten zugehörig, diesbezüglich souverän verwaltet wird. Eine Grenze zwischen Sinai und Ägypten oder eine Dienststelle, an der man das Visum für das Ägypten westlich des Suezkanals und des Roten Meeres erhalten könnte, existiert nicht.
Das ägyptische Konsulat in Istanbul hatte uns mitgeteilt, auch bei der Einreise über den Sinai werde an der Grenze ein für ganz Ägypten gültiges Visum ausgestellt. Infolge dieser Fehlinformation mussten wir uns das Visum im ägyptischen Konsulat in Eilat besorgen, und „Eilat“ steht nicht zu übersehen in der ersten Zeile des Visumstempels. Wenn das mal gut geht, denn die Durchreise durch den Israel nicht gesonnenen Sudan ist die einzige Möglichkeit, mit vertretbarem Aufwand in das südliche Afrika zu gelangen.

In Taba an der Grenze zu Ägypten müssen wir wieder eine Durchsuchung über uns ergehen lassen. Zwei Zollbeamte nehmen unseren Sprinter in Augenschein. Immerhin sind sie im Gegensatz zu den jordanischen Kollegen recht höflich. Ihr besonderes Interesse gilt unserer großen Bücherkiste, dem vollgestopften Medizinschränkchen und Christianes Handtasche.
Genüsslich durchstöbert einer der Beamten jeden Winkel der Tasche, zieht jedes Döschen oder Fläschchen vorsichtig heraus und hält es mit einem fragenden Blick in die Höhe. Genauestens lässt er sich von Christiane erklären, wofür das jeweilige Wässerchen da ist und ob es denn auch gut rieche.
Aus unserer Medizinbox fischt der andere Kollege unterdessen zielsicher zwei allseits bekannte blaue Tabletten in Rautenform heraus, die wir zum Ausprobieren und vergleichsweise günstig in der Türkei gekauft haben. Mit einem wohlwissenden Grinsen hält er die Packung in die Höhe und fragt mich, wofür die denn seien. Das ist für noch mehr Spaß im Bett, erkläre ich verlegen. „You wanna try?“ Tatsächlich lässt er die Packung nach kurzer Rückversicherung freudig in seiner Tasche verschwinden. Und sein Gesichtsausdruck verrät, dass er die folgende Nacht kaum erwarten kann…
Als nächstes steht uns der Behördengang bevor: Zoll, Versicherung und Verkehrsamt. Und sie wollen alle nur unser Bestes: unser Geld. Dem schmierigen, feisten Typ vom Zoll sieht man schon von weitem an, dass er den ganzen Tag kaum einen Finger krumm macht, und wenn er sich doch einmal bewegen muss, muss er sich vor Anstrengung sofort die Schweißperlen von der Stirn wischen. Das, obwohl selbst wir es bei den moderaten Temperaturen gut aushalten können und es in seinem Büro angenehm kühl ist. Er erklärt uns, dass er aus meinem Pass und aus dem Carnet des Passages von insgesamt vier Seiten je drei Kopien benötigt. Schwer atmend geleitet er uns ein Stockwerk höher zu einem anderen Büro, in dem einvorzeitliches Kopiergerät steht.
Während er entschwindet, eröffnen uns die Kollegen aus dem Büro, dass jede Kopie zwei Ägyptische Pfund koste. Das sind umgerechnet 25 Cent – für ägyptische und selbst deutsche Verhältnisse ziemlich viel Geld. Das geben wir ihm dann auch zu verstehen, und tatsächlich ist er bereit, die Summe auf zwanzig Pfund abzurunden. Doch wir sind immer noch nicht begeistert und lamentieren weiter. Dann geht plötzlich alles ganz schnell: „Fourtyeight.“, lautet sein nächstes Angebot. So läuft das hier also.
Christiane protestiert lautstark, und im nächsten Moment sind wir schon bei 96 Pfund. Das wären schon zwölf Euro für ein Duzend Kopien. „Mensch, halt die Klappe!“ gebe ich Christiane höchst unfein aber wohlwissend, dass jeder weitere Nachsatz den Preis weiter verdoppeln würde, zu verstehen. Christiane ist verständlicherweise kaum zu beruhigen, und auch ich koche innerlich. Ich würde dem Kerl am liebsten an die Kehle gehen, aber ich beherrsche mich natürlich.
Durch schnelles Zurückrudern und besänftigende Töne können wir uns aber immerhin wieder auf den Normalpreis verständigen. Mangels Alternativen akzeptieren wir, schließlich sitzen wir hier im Niemandsland und haben keine Chance, woanders Kopien herzubekommen. Wie wir später aus Gesprächen mit anderen Afrikafahrern erfahren, wird auf diese Weise an vielen Grenzen abgezockt, und auch das Mitbringen eigener Kopien ist in der Regel zwecklos, da sie von den Behörden nicht akzeptiert werden.
Mit den teuer bezahlten Kopien und – was noch viel schlimmer ist –, einem zutiefst verunsicherten Gefühl gehen wir zurück ins Büro des Zollbeamten und legen ihm die Kopien vor. Er erklärt uns nun das weitere Prozedere. Bei ihm sollen wir fünfhundert Pfund Zollgebühren zahlen, noch einmal fünfhundert Pfund soll die Versicherung kosten, und die Verkehrsbehörde verlangt noch einmal einen, im Vergleich zu den anderen Summen nicht weiter ins Gewicht fallenden Betrag. Insgesamt sind es rund tausendzweihundert Pfund beziehungsweise hundertfünfzig Euro. Da die Deutsche Botschaft in Kairo keinerlei Informationen zu den Kosten an der Grenze nennt, können wir überhaupt nicht einschätzen, ob wir hier abgezockt werden oder nicht. Nach der Erfahrung mit den Kopien fühlen wir uns ziemlich ausgeliefert. Im Büro des Zollbeamten hängt eine Preistafel für Zoll, Versicherung und Verkehrsbehörde. Seine Angaben zu Versicherung und Verkehrsbehörde stimmen, aber die fünfhundert Pfund für den Zoll sind viermal so hoch wie der Preis auf der Tafel. Wir verlangen eine Erklärung, und nach langwieriger Diskussion meinen wir aus dem miserablen Englisch herauszuhören, dass der Preis auf der Tafel nur für den Sinai gelte und nicht für das übrige Ägypten.
Wir glauben ihm nicht, müssen die Situation aber erst einmal in Ruhe besprechen. Da wir in Eilat ohnehin nicht genügend Geld gewechselt hatten – Gott sei Dank, denn wie wir jetzt erfahren, haben wir bei dem Halsabschneider nur 75 Prozent des tatsächlichen Werts erhalten –, nutzen wir die Gelegenheit, um zum Geldautomaten zu laufen. Der Geldautomat befindet sich in einem anderen Gebäude. So haben wir genügend Zeit, uns einen Plan auszudenken. Wir beschließen, alle Register zu ziehen und zu versuchen, mit dem Chef des Zolls zu sprechen oder anderenfalls in Gegenwart des Zollbeamten ein Telefonat mit der Deutschen Botschaft in Kairo zu simulieren.
Zum Chef des Zolls werden wir erwartungsgemäß nicht durchgelassen. Die Obrigkeitshörigkeit in Ägypten wie auch anderen arabischen und afrikanischen Ländern ist sehr ausgeprägt, der Führungsstil patriarchalisch, und es gibt wohl keine größere Horrorvorstellung für die hiesigen Beamten, als sich vor seinem Vorgesetzten verantworten zu müssen. Dementsprechend versetzen wir die ganze Behörde in Aufregung, auch wenn man versucht, es vor uns zu verbergen. Allerdings kann das auch nach hinten losgehen und sich nachteilig für uns auswirken. Wir sind skeptisch, ob es eine gute Idee war, halten aber an unserer Einschüchterungstaktik fest. Wenn man mit neuen Situationen konfrontiert ist, muss man auch einmal die Grenzen ausloten.
So simuliere ich dann schließlich, zurück im Büro des Zollbeamten und nach weiterer fruchtloser Diskussion, ein Telefonat mit unserer Botschaft. Der Beamte bleibt aber äußerlich gelassen. Entweder ist er ziemlich abgebrüht, oder seine Erklärung zum veranschlagten Geldbetrag entsprach doch der Wahrheit. Da wir jetzt nur noch die Möglichkeit hätten, die Zahlung zu verweigern und für unbestimmte Zeit abzuwarten, was passiert, entscheiden wir uns, zu zahlen. Später erfahren wir wiederum von anderen Travellern, dass sie den gleichen Betrag gezahlt haben. Wir hätten also nichts erreicht.
Der Aufruhr hat aber auch sein Gutes. Im Versicherungsbüro und bei der Verkehrsbehörde werden wir schnellstens und ohne weitere Probleme abgefertigt. Als Extraservice schraubt man uns sogar die ägyptischen Nummernschilder, mit denen wir nun herumfahren müssen, in unsere Nummernschildhalterungen. Dieser Service blieb allen anderen Afrikafahrern, mit denen wir in Ägypten gesprochen haben, verwehrt. Sie mussten ihre Nummernschilder selbst mit Panzerband befestigen. Alles in allem dürfen wir vergleichsweise nach nur weniger als drei Stunden weiterfahren. „Welcome to Egypt!“

Ausreise Israel und Einreise Ägypten

Ausreise Israel und Einreise Ägypten

Wüste Negev bei Eilat

Von Small Makhtesh in der Wüste Negev sind wir zurück an den Großen Afrikanischen Grabenbruch im israelisch-jordanischen Grenzgebiet und weiter Richtung Süden gefahren. Über all sahen wir auf der israelischen Seite riesige Palmenplantagen – dabei fließt der Jordan dort gar nicht mehr. Die Plantagen müssen komplett künstlich bewässert werden. Dabei ist Wasser in Israel und Jordanien so knapp – was für ein ökologischer Wahnsinn!

Im äußersten Süden Israels und im äußersten Norden des Roten Meers liegt Eilat. Von Eilat aus wird es für uns über die Grenze nach Taba im Sinai gehen. Über Eilat selbst muss man nicht viele Worte verlieren. Eilat ist der israelische Ballermann: Restaurants, Bars, Diskotheken, Stände mit Ramsch, Edelboutiquen, Liegestühle, Sonnenschirme und dazwischen wenig Strand. Doch wir können hier noch einige Erledigungen machen.

Nördlich von Eilat besteht die Wüste Negev aus Gebirgszügen verschiedenster Erdtönungen, engen Schluchten und Tälern. Hierhin ziehen wir uns für die Nacht zurück und stellen unseren Sprinter neben einem knorrigen, abgestorbenen Baum.

Wüste Negev bei Eilat

Wüste Negev bei Eilat

Wüste Negev bei Eilat

Wüste Negev bei Eilat

Später bei Dämmerung treffen unerwartet auf die beiden Berliner Ari und Uta. Sie sind in die Wüste gekommen, um den aufgehenden Vollmond zu genießen. Wir kommen ins Gespräch und verbringen so bei Vollmond und einigen Gläsern Wein ganz unverhofft einen wunderbaren, geselligen Abend. Der Himmel ist glasklar, und das Mondlicht wird vom hellen Boden so stark reflektiert, das die gesamte Umgebung hell erleuchtet ist. Noch nie haben wir eine solche Helligkeit bei Nacht erlebt. So verzichten wir auf jede künstliche Lichtquelle und genießen das Naturschauspiel. Zu meiner größten Freude rauchen Ari und Uta auch noch denselben Tabak wie ich, und ich drehe mir voller Genuss eine nach der anderen. Nur leider vergesse ich dabei das Fotografieren…

Small Makhtesh in der Wüste Negev

Vom Toten Meer machen wir einen Abstecher in die Wüste Negev im Landesinneren Israels. Mit einem Gebiet von etwa 12.000 Quadratkilometern nimmt die Wüste Negev rund 60 Prozent von Israel ein. Ähnlich der Einsturztrichter in den Uferzonen des Toten Meers sind in der Wüste Negev durch Erosion in Jahrmillionen drei riesige Krater entstanden. Der kleinste und schönste der drei großen Krater in der Wüste Negev ist Small Makhtesh. Small Makhtesh ist nahezu kreisrund und hat einen Durchmesser von mehreren Kilometern. Der Ausblick vom Kraterrand ist schlichtweg gigantisch. Dazu herrscht absolute Stille, die nur gelegentlich von einzelnen Vögeln durchbrochen wird. Was für ein erhabenes Gefühl!

Small Makhtesh in der Wüste Negev

Small Makhtesh in der Wüste Negev

Totes Meer in Israel

Nachdem die jordanische Seite des Toten Meers eher ernüchternd war, sind wir sehr gespannt, welchen Unterschied einige Kilometer Luftlinie machen können. Und der Unterschied ist tatsächlich groß. Landschaftlich viel schöner und abwechslungsreicher gestaltet sich die israelische Seite des Toten Meers.

Die meisten Uferzonen können aus Sicherheitsgründen jedoch nicht betreten werden. Überall stehen große Warntafeln und Absperrzäune aus Maschendraht. Da der Jordan heute nur noch ein Rinnsal ist, fließt weniger Wasser ins Tote Meer als verdunstet. In der Konsequenz sinkt der Wasserspiegel des Toten Meers mit atemberaubender Geschwindigkeit um etwa einen Meter pro Jahr. Die zurückbleibenden Uferzonen erodieren und bilden lebensgefährliche Einsturztrichter: Der feinsandige und von grobem Kies durchsetzte Boden sackt urplötzlich in sich zusammen und reist alles in die Tiefe, was darauf steht.

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Nur eine Reihe von Badeanstalten bietet einen einigermaßen sicheren Zugang zum Toten Meer. Alle paar Jahre müssen sie jedoch aufgegeben werden, da das Tote Meer sich so rasend schnell zurückzieht. Überall sieht man Ruinen, die davon zeugen.

Wir besuchen eine der noch intakten Badeanstalten und gönnen uns ein ausgedehntes Bad im Toten Meer. Das Schwimmen im Toten Meer ist wirklich ein Erlebnis. Der hohe Salzgehalt macht das Wasser schwer und uns im Verhältnis dazu leichter. Wie ein Korken treibt man auf dem Toten Meer – ein wirklich einzigartiges Gefühl und ein großartiger Spaß!

Baden im Toten Meer

Baden im Toten Meer

Baden im Toten Meer

Als wir schließlich weiterfahren, müssen wir feststellen, dass das Tote Meer heute gar kein zusammenhängender See mehr ist. Das Tote Meer ist geteilt in einen nördlichen und einen südlichen Teil, die durch einen Kanal miteinander verbunden sind. Der Nördliche Teil macht etwa zwei Drittel, der südliche Teil etwa ein Drittel des Toten Meers aus. Während der nördliche Teil mehr oder weniger natürlich geblieben ist, wurde der südliche Teil des Toten Meers komplett von Menschenhand umgestaltet. In riesigen, flachen Becken wird dort das Wasser des Toten Meers künstlich verdunstet, so dass noch das Salz und die Mineralien aus dem Toten Meer zurückbleiben. Das Tote Meer hat nicht nur einen der weltweit höchsten Salzgehalte, sondern es hat auch den höchsten Gehalt an Mineralien wie Brom, Kalium, Magnesium und Jod. Diese Mineralien werden sowohl auf israelischer als auch auf jordanischer Seite ohne Rücksicht auf das Tote Meer ausgebeutet.

Jerusalem

Was haben wir als Atheisten von einem Besuch in der heiligen Stadt Jerusalem zu erwarten? Diese Frage stellten wir, die wir nur einen geringen bis gar keinen Bezug zu Religion haben, uns natürlich.
Man kennt Jerusalem von Bildern aus den Nachrichten. Wenn in Israel politische Entscheidungen getroffen werden, dann geschieht das in der Hauptstadt – Jerusalem. Den Tempelberg mit der gold-glänzenden Kuppel des Felsendoms und dem schlichten Antlitz der El-Aksa-Moschee sowie die Grabeskirche hat man schon hunderte Male gesehen, doch scheint alles unendlich weit entfernt und unwirklich.

Auf dem Weg zur Altstadt kommen wir durch einen kleinen, gepflegten Park und finden ein Restaurant mit idyllischem Lustgärtchen davor. In der Mitte steht ein alter Olivenbaum, um den herum vier Tische mit ein paar Stühlen aufgestellt sind. Singvögel zwitschern, sonst ist es ganz still. Ein Kellner kommt zu uns an den Tisch. Er ist die Gelassenheit in Person. Wir erklären ihm, dass wir gerne einen Kaffee mit viel Milch hätten.
„Den machen wir Ihnen sehr gerne. Wünschen Sie ihn mit aufgeschäumter Milch?“
„Ja, wunderbar!“, und fünf Minuten später steht ein perfekter Latte Macchiato vor uns auf dem Tisch.
Wir kommen mit dem Kellner ins Gespräch und erzählen ihm, dass wir auf dem Landweg nach Israel gekommen sind und eine Weltreise machen. Er ist ganz begeistert und verschwindet nach kurzer Unterhaltung in der Küche. Zurück kommt er mit zwei Tellern Brot und Butter als Geschenk des Hauses für die Reisenden. Sind wir hier schon im Paradies angelangt?

Jerusalem

Bestens eingestimmt und gesättigt verlassen wir das kleine Paradies und begeben uns in die Altstadt.

Jerusalem

Jerusalem

Kein übertriebenes Sicherheitsaufgebot, keine Leibesvisitationen oder Ähnliches. Wir sind angenehm überrascht und gehen hinüber zum Davidturm. Von oben hat man einen der besten Ausblicke auf die Altstadt und den Ölberg. Und was soll man sagen, wir sind von dem Anblick der Altstadt und all den uns vertrauten Gebäuden ergriffen. Da liegt sie nun vor uns, die Stadt, die wir schon so oft gesehen haben und die doch immer so unerreichbar fern schien. Da ist er, der Tempelberg mit dem Felsendom und der El-Aksa-Moschee, zwei der wichtigsten Heiligtümer des Islam, da ist sie, die Grabeskirche, gebaut um die Stätte, an der Jesus nach seiner Kreuzigung begraben worden sein soll. Die Gebeine hat man natürlich weder dort noch sonst irgendwo gefunden, schließlich ist Jesus dem Glauben nach auferstanden.

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Doch die Stadt offenbart auch sichtbar ihre Schattenseiten. In der Ferne deutlich zu sehen ist die hohe Mauer, die Israelis gebaut haben, um die dortigen Wohngebiete vor Beschuss aus den palästinensischen Gebieten hinter der Mauer zu schützen. Aber nicht überall gibt es solche Übergriffe, nicht überall sind solche drastischen Maßnahmen erforderlich. In weiten Teilen des Landes leben Israelis und Palästinenser trotz des Konflikts friedlich miteinander.

Jerusalem

Anblicke erfreulicherer Natur finden wir im Hof des Davidturms vor, in dem die Kunstwerke eines Glasbläsers ausgestellt sind. Neue Kunst geht hier eine harmonische Symbiose mit alten Steinen ein. Ein Zeichen für die Toleranz und Aufgeschlossenheit der Stadt, nicht nur gegenüber der Tradition, sondern auch der Moderne.

Jerusalem

Jerusalem

Die Grabeskirche, deren zwei anthrazitfarbenen Kuppeln kaum weniger an, wenngleich unterschiedlich große, weibliche Brüste erinnern, als die Frauenkirche in München, ist unser nächstes Ziel. Es ist noch früh, und der Andrang der Gläubigen hält sich erstaunlich in Grenzen. In der Mitte der kleinen Eingangshalle ist die vermeintliche Grabplatte von Jesus ausgestellt. Dort liegt sie einfach so, kein Panzerglas, keine Alarmanlagen. Allerdings wäre sie wohl auch nur schwer zu tragen, denn sie sieht ziemlich massiv aus. Sie ist aus einem beige-rötlich marmorierten Stein, die Oberfläche grob bearbeitet und rau. Die Gläubigen knien vor ihr nieder, berühren und küssen sie. Und auch wir lassen es uns nicht nehmen, wenigstens einmal unsere Hand auf die Platte gelegt zu haben.

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Ansonsten passiert allerdings nichts, keine Erleuchtung, keine Erscheinung, kein Wunder. Oder vielleicht doch? Als wir später am Abend die Fotos des Tages sichten, fällt uns auf einem der Fotos ein dunkelhäutiger Mann mit weißem Gewand im Hintergrund auf, der im Sonnenlicht erstrahlt und erhaben den Arm ausstreckt.

Jerusalem

Von dieser Erscheinung jedoch noch nichts ahnend schreiten wir beinahe enttäuscht weiter in die große und verwinkelte, ansonsten aber eher schlichte Kirche hinein. Den Besucher erwarten keine architektonischen, keine pompösen Übertreibungen, keine unermesslichen Kunstschätze. Aber gerade ihre Schlichtheit verleiht der Kirche ihre Ehrwürdigkeit. Sehr sympathisch.
Und dann stehen wir plötzlich vor einem großen Schrein, unter einer gelblich schimmernden Kuppel, die den hohen Raum in ein erhabenes Licht taucht. Eine Schlange Gläubiger hat sich neben dem Schrein versammelt und windet sich hin zu einem kleinen Durchgang, der in den Schrein hineinführt. Hier soll es also gewesen sein, hier soll der Ort sein, an dem Jesus nach seiner Kreuzigung und bis zu seiner Auferstehung seine nur kurz währende Ruhe gefunden haben soll. Nur jeweils fünf Personen werden in die kleine Kammer eingelassen, und obwohl die Besichtigenden eine halbe Stunde warten müssen, drängelt niemand. Alle warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Auch wir reihen auch wir uns in die Schlange der Wartenden ein und besichtigen den heiligen Ort. Gebückt zwängen wir uns durch den niedrigen Durchgang in die winzige Kammer, in der ein kleiner Altar aufgebaut ist. Neben dem Altar hängt ein Marienbild, und von der Decke baumeln lauter kleine Öllämpchen. Christiane zündet für ihren frühzeitig verstorbenen und in manchem Augenblick schmerzlich vermissten Vater eine Kerze an.

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Dann verlassen wir die Grabeskirche wieder, und gehen ein Stück auf dem Kreuzweg, die Via Dolorosa entlang, die quer durch die Altstadt in Richtung des Ölbergs führt.

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Der halbe Ölberg ist übersät mit jüdischen Gräbern. Es sind schlichte, quaderförmige Sarkophage mit Inschriften auf den Grabplatten, teils von der Verwitterung gezeichnet, teils nur geringen Alters, und aus allen Blickwinkeln bietet das Meer der Sarkophage immer wieder beeindruckende Bilder. Von der Spitze des Ölbergs genießen wir den, in den Nachrichten meist gesehenen, Ausblick auf die Altstadt, mit dem Tempelberg und darauf dem Felsendom und der El-Aksa-Moschee im Vordergrund.

Vom Ölberg gehen wir wieder zurück zur Altstadt, ein Stück der Stadtmauer entlang und um den Tempelberg herum. Der Weg führt uns am Fuße der El-Aksa-Moschee vorbei. Sie wurde in die Stadtmauer hineingebaut und ist im Vergleich zu anderen Moscheen schmucklos und unscheinbar, ähnlich der Grabeskirche. Wie es in ihrem Inneren aussieht, das erfahren wir leider nicht, denn seit einigen Jahren sind Moschee und Felsendom für Nichtmuslime nicht mehr zugänglich.

Am Rande des Tempelbergs, unmittelbar unterhalb der El-Aksa-Moschee, befindet sich auch die Klagemauer, an die Juden ihr Leid gen Himmel wenden und kleine Zettelchen mit ihren Wünschen in die Ritzen stecken. Hier treffen wir zum ersten Mal auf eine nennenswerte Anzahl orthodoxer Juden, dieser doch etwas weltfremd erscheinenden Menschen mit ihrer schwarzen Kleidung, den großen Hüten und Pelzmützen und den vor den Ohren herabhängenden Locken, die das Bild der Juden in unseren Köpfen so sehr prägen.

Inzwischen ist es dämmrig geworden, und wir machen uns langsam auf den Weg zurück zum Sprinter. An die Klagemauer grenzt unmittelbar das muslimische Viertel. Lediglich ein Tunnel trennt beides voneinander, und an seinem Ende angelangt könnte man meinen, man befinde sich plötzlich in einer anderen Stadt. Während die jüdischen und christlichen Viertel sehr gepflegt und ruhig sind, bewegt man sich hier schlagartig auf klebrigem, verdrecktem Boden, überall liegt Müll herum, Menschenmassen schieben sich durch die engen Gassen, und kreischende Kinder spielen aggressive Spiele, schlagen mit Holzstöcken aufeinander ein. Hier vollzieht sich für den Besucher ein wahrer Kulturschock von Stadtviertel zu Stadtviertel, hier koexistieren auf engstem Raum vier Kulturen, die jüdische, die christliche, die islamische und die armenische. Vier Stadtviertel und viele Religionen beziehungsweise religiöse Richtungen.

Uns ist der Trubel ein wenig zuviel, und da wir zu dieser Zeit nach Einbruch der Dämmerung beinahe die einzigen Touristen im muslimischen Viertel sind, sehen wir zu, dass wir schleunigst wieder herauskommen. Wir verlassen Jerusalem und ziehen uns in ein kleines Wäldchen etwa zwanzig Kilometer vor der Stadt zurück. Den Wald verwenden wir am nächsten Tag als Ausgangspunkt zu einem weiteren Streifzug durch Jerusalem, und danach werden wir hier einfach ein paar Tage abspannen und unser Leben mit Füchsen und Iltissen teilen.

Tel Aviv

Tel Aviv ist eine Stadt im Aufbruch. Die unruhige Vergangenheit mit den allgegenwärtigen Bombenattentaten durch palästinensische Selbstmordattentäter auf öffentliche Plätze, öffentliche Verkehrsmittel, Restaurants, Bars und Diskotheken vor allem in den Neunzigerjahren merkt man Tel Aviv heute kaum noch an. Lediglich die allgegenwärtigen Sicherheitsdienste erinnern daran, dass die Probleme zwischen Israelis und Palästinensern noch nicht gelöst sind. Noch wurde keine Einigung erzielt, noch schwebt das Damoklesschwert von Krieg und Terror über dem Land, noch immer zucken die Menschen zutiefst erschrocken zusammen, wenn irgendwo der Luftballon eines Kindes zerplatzt. Zu viele Israelis haben durch Attentate Freunde und Familie verloren. Auch Oded verlor durch einen Bombenanschlag einen Freund, und er selbst erlebte, wie sich ein flüchtender Selbstmordattentäter in seiner Nähe in die Luft sprengte, nachdem man ihn zuvor vom Versuch abgehalten hatte, mit anliegendem Bombengürtel in ein ein Kaufhaus einzudringen.

Doch das Volk der Israelis ist leidgeprüft. Das Leben geht für sie weiter, und sie versuchen, das Beste daraus zu machen. Sie leben ihr Leben weit intensiver, als viele andere Völker. Sie gehen gerne an den Strand, genießen Kaffee, Wein und gutes Essen, treiben Sport mit Freunden, picknicken mit der Familie und machen ausgedehnte Wanderungen, oft in großen Gruppen.

Tel Aviv kommt diesem Drang nach intensivem Leben entgegen wie keine zweite Stadt in Israel. Deshalb zieht Tel Aviv viele junge Menschen an, die in die Stadt strömen, um hier zu studieren, zu arbeiten und einfach eine gute Zeit zu haben. Am großen, hotelgesäumten Strand, der ein wenig an Miami erinnert, verbringen sie jede freie Minute.

Tel Aviv

Tel Aviv

Tel Aviv

Tel Aviv

Tel Aviv

In der Stadt drängt sich Café an Café, Restaurant an Restaurant und Bar an Bar. Uns gefallen am besten ein Pizza- und ein Sushi-Imbiss, und außerdem eine Burger-Bar, in der wir die besten Burger unseres Lebens. Dazu bekommen wir noch einen gehaltvollen Schokokuchen auf Kosten des Hauses serviert, nur weil wir unseren Vierertisch zum Tausch gegen einen Zweier angeboten hatten, als alle anderen Tische voll waren und eine Vierergruppe keinen Platz mehr fand.

Tel Aviv

Tel Aviv

Außerdem hat Tamari für uns organisiert, dass wir bei ihrer älteren Schwester in Tel Aviv übernachten können. Das macht einen Stadtbesuch ziemlich entspannt, und so haben auch wir hier zwei Tage lang eine ziemlich gute Zeit!

Zu Gast in Bet Yannay

Nach dem Stress der letzten Tage und einiger Zeit ohne die Möglichkeit, auch einmal nur für sich zu sein, sind wir reif für einen Urlaub vom Reisen. Unser Ziel ist das Meer. Dort möchten wir ein paar Tage entspannen und uns ausschließlich dem Nichtstun widmen.

Den See Genezareth haben wir rechts und Nazareth links liegen gelassen. Der See Genezareth ist wie das Tote Meer Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs. Mit über 200 Metern unter dem Meeresspiegel ist der See Genezareth der tiefstgelegene Süßwassersee der Erde. Der See Genezareth hat nicht nur eine historische Bedeutung für die Christen wegen vieler Wirkungsstätten von Jesus von Nazareth an seinen Ufern, sondern er ist auch Israels Wasserreservoir. Gespeist wird der See Genezareth durch den Jordan. Der Jordan fließt dann weiter entlang der israelisch-jordanischen Grenze und mündet schließlich im Toten Meer. Nach dem See Genezareth fließt der Jordan heute jedoch nur noch als Rinnsal weiter. Darin besteht ein großes Konfliktpotenzial zwischen den beiden Ländern. Wasser ist in Wüstenstaaten die wichtigste Ressource, denn ohne Wasser gibt es kein Leben.

See Genezareth

Nazareth

Durch Haifa sind wir durchgefahren und haben einen kurzen Abstecher an das bisschen Strand gemacht, das die Stadt übrig gelassen hat.

Strand in Haifa

Immerhin sahen wir seit der Türkei zum ersten Mal wieder ein Wohnmobil, wenngleich es nach einem fest eingerichteten Domizil aussah. Da fühlten wir uns doch gleich nicht mehr ganz so als einsame Streiter. Aber es schien leider niemand zu Hause zu sein.

Strand in Haifa

Da wir der Haifa sonst auf den ersten Blick nicht viel abgewinnen konnten, fuhren wir weiter nach Süden mit Kurs auf Tel Aviv. Und kaum waren wir aus Haifa heraus, kamen wir auch schon an wunderschönen Stränden vorbei, die teils spärlich frequentiert, teils menschenleer waren.

Strand bei Haifa

Nur hin und wieder stießen wir auf einen kleinen Küstenort. Erstaunlich, dass es bei der geringen Ausdehnung und dichten Besiedlung des Landes gelungen ist, kilometerlange Küstenabschnitte vor der Zersiedlung zu bewahren und die Natur zu schützen. Doch so schön die unberührte Natur anzusehen war, uns war es nach einem netten Café und einer Dusche am Strand. Irgendwo musste hier so etwas doch zu finden sein. Also fuhren wir weiter und bewiesen wieder einmal den richtigen Riecher.

Auf etwa halber Strecke zwischen Haifa und Tel Aviv stoßen wir in Bet Yannay schließlich auf genau das, was wir gesucht haben: einen wunderschönen Strandabschnitt mit Dünen, feinem hellem Sand, einer kräftigen Brandung, einem Café, Duschen, Toiletten und einem Parkplatz davor, den wir für die nächsten Tage zu unserem Stellplatz machen werden. Außerdem liegen am Strand einige Gleichgesinnte, und ein paar Kitesurfer sind auch da.

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

An einem der nächsten Morgen sitzen wir im Strandcafé von Bet Yannay und gönnen uns ein opulentes Frühstück, für das wir halb soviel zahlen, als es in Deutschland kosten würde. Da kommt eine junge Israelin, so Mitte, Ende zwanzig, vorbei und spricht uns an, ob der große Wagen auf dem Parkplatz uns gehöre. Wir bejahen und sehen uns umgehend in ein Gespräch verwickelt. Ihr Name ist Michal, und sie ist von unserer Unternehmung, die Welt zu umrunden, ganz begeistert. Um genau zu sein, ist sie ganz schön überdreht und redselig. Vermutlich liegt das auch daran, dass sie in den letzten acht Jahren in Frankreich gelebt hat und gerade erst zurückgekehrt ist. Sie hat diese typische, übertriebene französische Art an sich. Aber sie ist uns sympathisch und lädt uns für den Abend zu sich nach Hause zum Essen ein.

Am Abend holt sie uns dann auch wie verabredet am Strand ab und fährt mit uns zu sich nach Hause. Wir parken den Sprinter in dem kleinen Wohngebiet am Straßenrand und folgen ihr vorbei an einem luxuriösen Haus über einen Hinterhof zu einem Holzhäuschen mit kleiner Veranda, das etwa so groß ist wie eine bessere Einzimmerwohnung. Aber es ist alles da, was man braucht, ein mittelgroßer Raum mit Kochzeile, ein kleines Bad und ein kleines Schlafzimmer. Außerdem gibt es ja noch die Veranda, auf der wir es uns gemütlich machen. In Israel ist es selbst um diese Jahreszeit noch warm genug, um den Abend draußen zu verbringen.
Michal hat noch einen Freund eingeladen. Er heißt Oded, ist in unserem Alter, und nicht minder gesprächig als Michal, zumindest nach den ersten ein, zwei Gläsern vom Rotwein, den wir mitgebracht haben. Das Essen hat er gekocht und mitgebracht: für jeden ein butterzartes Steak mit einer Art Couscous und dazu Weißkohlsalat. Tahina ist etwas Ähnliches wie Bulgur und wird wie Reis gegessen. Es schmeckt vorzüglich, und wir verbringen einen unterhaltsamen Abend. Im Gegensatz zu Oded ist Michal allerdings nicht mehr so gesprächig. Sie verträgt den Wein nicht so gut und muss am nächsten Tag früh arbeiten. So verabschiedet sie sich dann auch vorzeitig ins Bett, während Oded nun, nach den nächsten Weingläsern, erst so richtig zur Höchstform aufgelaufen ist. Er bietet uns an, mit zu sich nach Hause zu kommen, um den Abend dort gebührend ausklingen zu lassen. Außerdem könnten wir seine Dusche benutzen, und ein Bett habe er auch für uns. Diese Offenheit gegenüber quasi Fremden ist uns fast peinlich, aber auch wir möchten den Abend nicht so abrupt beenden und genüsslich ausklingen lassen. Wir verabschieden uns von Michal und folgen Oded zu seinem Heim, das im Nachbarort liegt.

So setzen wir den feuchtfröhlichen Abend bei Oded fort. Wir schleppen alles an Weinreserven herbei, was wir noch auftreiben können, trinken und rauchen gemeinsam, und werden das am nächsten Tag dank gehöriger Kopfschmerzen und einer kräftigen Erkältung bei Christiane auch nicht so schnell vergessen. Aber es ist ein richtig schöner, langer Abend, für den man den nächsten, verkaterten Tag gerne in Kauf nimmt.
Außerdem erfahren wir sehr viel über Oded. Er ist in einem Kibbuz aufgewachsen, hat zehn Jahre lang bei seinem Vater in London gelebt, dann zwei Jahre in Amsterdam und ist schließlich nach Israel zurückgekehrt. Kibbuze sind ein in Israel populäres, gesellschaftliches Gegenmodell zum westlichen Modell von Familie und Arbeit. Im Grunde genommen handelt es sich um Kommunen mit kommunistischem Wirtschaften. Alles in der Kommune ist Gemeinschaftsbesitz und wird geteilt. Die Kinder werden nicht bei ihren Eltern groß, denn die Familie ist der Kibbuz. Sie leben die meiste Zeit von ihren Eltern getrennt und sehen sie für nur etwa zwei Stunden am Tag. Die Erwachsenen kümmern sich unterdessen um die Verrichtungen des täglichen Bedarfs. Wirtschaftlich beschränkten sich die Kibbuze in früheren Zeiten weitgehend auf die Agrar- und Subsistenzwirtschaft. Heute verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend hin zum industriellen Wirtschaften. Kibbuze sind der lebende Beweis dafür, dass Kommunismus doch funktionieren kann, allerdings nur innerhalb überschaubarer Gruppen.
Oded allerdings bevorzugt die Freiheiten des Einzelnen und würde nie in einen Kibbuz zurückkehren. Zu sehr hat er seine Privatsphäre in den Jahren nach dem Auszug schätzen gelernt. Doch etwas vom Kibbuzgedanken lebt in ihm weiter, denn er wird seine Wohnung und sein Leben für die nächsten zwei Wochen mit uns teilen, als wären wir alte Freunde. Wir dürfen uns bei ihm wie zu Hause fühlen.

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

In seinem bisherigen Leben hat Oded schon alles Erdenkliche gemacht. Er war wie alle Israelis – Männer und Frauen – in der Armee, gehörte einer Spezialeinheit an und hatte unter anderem Kampfeinsätze hinter den feindlichen Linien im Libanon. Mit nur achtzehn Jahren hatte er schon im Helikopter auf dem Weg in den ersten Golfkrieg gesessen, als Israel inoffiziell dabei war, an der Seite der US-Amerikaner in das Kampfgeschehen einzugreifen. Zu seinem Glück wurde das gesamte Vorhaben abgebrochen, und die Helikopter kehrten unverrichteter Dinge an ihren Stützpunkt zurück.
Unglaubliche 80 Prozent des israelischen Etats fließen in die Verteidigung. Israels Grenzen sind so hermetisch abgeriegelt, wie es ansonsten nur die US-Amerikaner seit den terroristischen Anschlägen im eigenen Lande vom 11. September tun. An vielen Tagen patrouillieren modernste Apache- und Commanche-Kampfhubschrauber im Halbstundentakt entlang der Küste. Vor allen öffentlichen Einrichtungen wie Bahnhöfen, Geschäften, Hotels, Parkplätzen und Synagogen gibt es Sicherheitskontrollen. Israels Geheimdienst Mossad gilt als der beste der Welt. Bei der Sicherheitslage des Landes ist dies nur allzu nachvollziehbar. Die Drohung der iranischen Regierung, die Atombombe entwickeln und Israel von der Landkarte tilgen zu wollen, macht dies überdeutlich.
Israelis und Palästinenser haben aus unterschiedlichen geschichtlichen Epochen gleichermaßen ihre Wurzeln in dem Land, auf dem der Staat Israel gegründet wurde. Alle Länder der Erde sind aus Verteilungskämpfen und kriegerischen Auseinandersetzungen hervorgegangen. Die heutige Weltkarte, einschließlich des Staates Israel, ist ein Ergebnis davon. Das Existenzrecht Israels steht insofern nicht in Frage, aber es ist eine Form der Einigung mit der palästinensischen Bevölkerung erforderlich, die langfristigen Frieden gewährt.
Der derzeitige Status in Israel stellt sich so dar, dass es neben dem palästinensisch verwalteten und gesicherten Gazastreifen an der Mittelmeerküste im äußersten Südwesten Israels über das ganze Land verteilt kleinere und mittlere Gebiete unter palästinensischer Führung gibt, teils mit eigenen und teils mit israelischen Sicherheitskräften. Dazu gehören beispielsweise auch die biblischen Orte Bethlehem und Jericho. Vor einer wirklichen Gleichbehandlung der Palästinenser schrecken die Israelis zurück. Abgesehen von den großen kulturellen Unterschieden zwischen der abendländischen Kultur der Israelis und der morgenländischen Kultur der Palästinenser gibt es dafür einen sehr konkreten Grund: die unterschiedlichen Geburtenraten. Die Geburtenrate der Israelis ist vergleichbar mit den niedrigen europäischen Raten, die der Palästinenser ist typisch nahöstlich hoch. Die Israelis fürchten, dass sie binnen weniger Generationen zu einer kulturellen Randgruppe im eigenen Lande werden, ihre Rechte verlieren und im Extremfall erneut vertrieben werden könnten. Das macht eine Einigung so schwierig.
Die überaus liberale Einwanderungspolitik ohne Integrationskonzept, das den Namen auch verdient hätte, die jahrzehntelang in Deutschland und Europa, betrieben wurde, halten die Israelis übrigens für naiv. Interessant, so etwas aus dem Munde eines Volkes zu hören, das vor dem Hintergrund der uns verbindenden, tragischen Historie, allen Grund dazu hat, bei einer solchen Einschätzung größtmögliche Vorsicht walten zu lassen.
Nach seiner Zeit bei der Armee hat Oded Sozialpädagogik studiert und betreut heute Kinder und Jungendliche mit Entwicklungsdefiziten. In Amsterdam war er der Geschäftsführer eines italienischen Restaurants, und er hat eine zeitlang einen Farmbetrieb mit Spezialisierung auf den Kartoffelanbau geleitet. Vor bald fünf Jahren war Oded einer derjenigen, die das Kitesurfen nach Israel gebracht haben. Er war kurz davor, sein Hobby zum Beruf zu machen und am Strand eine Surfschule zu gründen. Jedoch gab es aus seinem Freundeskreis einen zweiten Bewerber um die Exklusivlizenz, einen ehemaligen Windsurfweltmeister, der letztendlich auch den Vorzug erhielt. Als der Sport schließlich immer weiter kommerzialisiert wurde und irgendwann zuviel Geld im Spiel den Geist des Sports veränderte, verlor Oded das Interesse und beschränkte sich auf das Kitesurfen als Hobby. Jedoch mit einer Ausnahme: Er nutzt das Kitesurfen mit großem Erfolg als therapeutisches Mittel, um den von ihm betreuten Kindern und Jugendlichen Selbstvertrauen zu geben und wieder auf die Beine zu helfen.

Durch Oded lernen wir in den nächsten zwei Wochen die hiesige Kitesurferszene kennen. Es ist ein bunter Haufen, der unterschiedlicher kaum sein könnte. Lediglich das Kitesurfen und ihre Freundschaft scheint sie zu verbinden.
Einer von ihnen ist der aus den USA stammende Anon. Er ist Mitte vierzig, Berufspilot und fliegt fast alles bis hin zu den größten Maschinen, die Airbus und Boeing bisher gebaut haben. Nur den Airbus A380 hat er noch nicht geflogen. Zuletzt flog er für Cathey Pacific. Doch sein Leben hat er dem Kitesurfen verschrieben. Seit einiger Zeit hat er vom Surfen einen angebrochenen Rückenwirbel, und neuerdings kommen auch noch starke Nackenschmerzen dazu. Aber beim Surfen merkt er nichts davon, und aufhören kann er sowieso nicht mehr: Er ist süchtig danach; das Kitesurfen ist seine Droge. Lieber würde er sterben, als mit dem Kitesurfen aufzuhören. Jedenfalls würde er selbst im Rollstuhl noch weitersurfen. Wenn er so weiter macht, dann ist es auch bald soweit, denn es stellt sich bald heraus, dass er seine Nackenschmerzen einem zweiten angebrochenen Wirbel verdankt.

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Seine ständige Begleiterin ist übrigens die exzentrische Papageiendame China, die selbst beim Kitesurfen oft auf seiner Schulter sitzt. Und wehe demjenigen, dem sie nicht wohl gesonnen ist: der sollte sich vor ihrem kräftigen Schnabel in Acht nehmen!

Bet Yannay

Die durchtrainierte und quirlige Tamari ist mit ihren gut Mitte zwanzig Jahren schon viel gereist, war unter anderem lange in Neuseeland, wo sie Verwandte hat, und in Brasilien. Aus Brasilien hat sie den Capueira mit nach Israel gebracht. Capueira ist eine Mischung aus Tanz und Kampfsport. Für die Jugendlichen aus den brasilianischen Armenvierteln ist Capueira eine spielerische Möglichkeit, ihre Konflikte auszutragen und Aggressionen abzubauen. Vor allen Dingen hält Capueira aber auch enorm fit und trainiert die Koordination. Tamari unterrichtet Capueira seit mehreren Jahren für Interessenten aller Altersgruppen. Dementsprechend durchtrainiert ist sie. Überhaupt ist sie ein wahres Energiebündel. Sie spricht so schnell, dass sie uns ein ums andere Mal abhängt und wir des Öfteren nachfragen müssen. Und sie verbringt jede freie Minute beim Kitesurfen, vorausgesetzt es gibt genügend Wind.

Bet Yannay

Tamaris Großeltern stammen ursprünglich aus Deutschland. Was sie nach Israel getrieben hat, wissen wir Deutschen natürlich allzu gut. Grundsätzlich ist der Holocaust natürlich auch in Israel nach wie vor ein großes Thema, aber nicht mehr und nicht weniger als bei uns. Es gibt zahlreiche Gedenkstätten, die häufige Ausflugsziele von Schulklassen sind. Uns begegnet man offen und herzlich und nicht mit Zurückhaltung oder gar Feindseligkeit.
Die beiden Frischvermählten Mahon und Yaron geben auf den ersten Blick ein ungleiches Paar ab. Sie, Mahon, ist eher kräftig gebaut und vertritt mit Leib und Seele ihre Standpunkte, mit denen sie der saloppen Art ihrer surfenden Freunde von Zeit zu Zeit kontra gibt. Er, Yaron ist ein schmaler Typ mit blonder Rastamähne. Er ist der Gründer, Besitzer und Geschäftsführer des Kiteherstellers Blade, der seine Kites außerhalb Israels sehr stark auch nach Deutschland und Österreich verkauft.

Bet Yannay

Und dann ist da noch der große Oded, der ebenfalls surft und deutsche Vorfahren hat. Er fährt ein liebevoll gepflegtes, wenn auch teilweise etwas rustikal restauriertes Motorrad: eine wunderschöne alte Enfield, die er so stark frisiert hat, dass sie Krach macht wie eine Harley Davidson. Die ständigen Fehlzündungen tun ihr Übriges dazu.

Bet Yannay

Bet Yannay

Außerdem hat Oded natürlich auch noch nicht surfende Freunde, namentlich Odeds neue Freundin Dana,

Bet Yannay

sein liebenswerter Nachbar Aviv,

Bet Yannay

und last but not least Aric, der Spaßvogel, mit dem Oded gemeinsam im Kibbuz aufgewachsen ist, und der immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hat. Zu unserer Schande haben wir es verpennt, ein Bild von ihm zu machen…

Mit ihnen allen zusammen, in wechselnden Besetzungen, machen wir jeden Tag zum Festival Day: das Buba-Festival – Buba ist Odeds Schäferhündin, die seit einem Autounfall nur noch ein Auge hat und die meiste Zeit des Tages verschläft –, dann das German Festival, das Festival Festival und so weiter und so weiter. Mit anderen Worten: Wir haben aus jedem Tag einen Festtag gemacht und es uns zwei Wochen lang so richtig gut gehen lassen!

Bet Yannay

Bet Yannay

Ausreise Jordanien und Einreise Israel

Die Eindrücke von Petra wirken noch nach und lassen uns unbeschwert in den neuen Tag starten. Heute soll es im wahrsten Sinne über den Jordan gehen, von Jordanien nach Israel.

Unsere Unbeschwertheit allerdings geht bald in höchste Anspannung über. Zwischen den Jordanien und Israel gibt es drei Grenzübergänge, einen im Norden, einen im Süden und einen irgendwo dazwischen am nördlichen Rand des Toten Meers. Da den Informationen des Auswärtigen Amts zu Jordanien und Israel keine Beschränkungen in der Wahl des Grenzübergangs zu entnehmen sind, entscheiden wir uns für den mittleren: die King Hussein Bridge.
Zunächst haben wir größte Schwierigkeiten, den Grenzübergang überhaupt zu finden. Die wenigen Wegweiser, die es gibt, sind ausnahmslos mit Wahlplakaten überklebt, so dass wir uns mühselig durchfragen müssen. Schließlich finden wir den Grenzübergang dann auch, aber dort teilt man uns mit, dass dieser Grenzübergang nur für Diplomaten und Palästinenser geöffnet sei. Der Grenzübergang führt direkt in die palästinensischen Gebiete der Westbank. Aus unserer Karte geht dies leider nicht klar hervor, und in den Informationen des Auswärtigen Amts findet sich keinerlei Hinweis darauf. Manchmal fragt man sich wirklich, wofür die Kollegen eigentlich bezahlt werden.
Wir machen uns also wieder auf und steuern dieses Mal den nördlichen Grenzübergang, die Sheikh Hussein Bridge an, und werden wieder erst nach langem Suchen fündig. Bei der jordanischen Passvorkontrolle macht man uns darauf aufmerksam, dass wir mit dem syrischen Visum im Pass Schwierigkeiten haben dürften, nach Israel einzureisen. Das ist uns bekannt, aber wir haben keine andere Wahl und hoffen, dass die Israelis ein Einsehen haben und keine arabischen Spione in uns sehen werden. Trotzdem macht sich allmählich Nervosität unter uns breit, denn wir wollen unten keinen Umständen zurück in diese trostlosen arabischen Länder. Nein, wir freuen uns sogar richtig, wieder einmal westlichen Boden unter die Füße zu bekommen. Wir fühlen uns wie Nomaden in der Wüste, wenn am Horizont eine Oase auftaucht, diese aber von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben ist.
Doch erst einmal müssen wir durch die jordanische Grenzkontrolle, und hier geschieht es zu ersten Mal, dass wir komplett auseinander genommen werden. Unser Sprinter wird über eine Stunde lang von zeitweilig bis zu fünf Beamten gleichzeitig durchsucht. In unserem Fall gleicht das einer Hausdurchsuchung. Alles wird durchwühlt, und ständig heißt es „What is this?“ und „Open that!“. Währenddessen versuchen wir, wenigstens halbwegs unter Kontrolle zu halten, was die Kollegen da anstellen. Schließlich können wir uns nicht sicher sein, ob da nicht auch einmal etwas in die Hosentasche eines Beamten, oder schlimmer noch, etwas Illegales aus der Hosentasche eines Beamten ins eigene Fahrzeug wandert, um es uns im nächsten Moment triumphal unter diese Nase zu halten. Bei alledem werden wir nahezu wie Kriminelle behandelt. Man kann sich kaum vorstellen, wie unangenehm das tatsächlich ist. Und so unterschiedlich kann es an verschiedenen Grenzübergängen ein und desselben Landes zugehen.
Als die Beamten unser Hab und Gut mittlerweile schon zwei- und teilweise dreimal durchsucht haben, werden wir langsam weich und fragen einen der Beamten, was wir tun könnten, damit das irgendwann aufhört. Es wird uns versichert, bald sei es vorbei. Als es dann schließlich tatsächlich soweit zu sein scheint und wir an den nächsten Schalter fahren, um das Carnet des Passages abstempeln zu lassen, werden wir jedoch zurückbeordert. Nun wollen sich die Beamten den Sprinter auch noch von unten ansehen. Resigniert setzen wir wieder zurück, aber zu unserem Glück lassen die Beamten unerwartet wieder von ihrem Vorhaben ab. Fluchtartig verlassen wir den Grenzposten und suchen das Weite bevor sie es sich noch einmal anders überlegen!

Palmyra und Petra gehören zu den kulturhistorischen Höhepunkten weltweit und haben uns tief beeindruckt. Doch was gibt es sonst über Syrien und Jordanien zu sagen?
Das Leben in beiden Ländern ist geprägt von den Verrichtungen des täglichen Lebens. Die ausgedörrten Böden werden abgesehen vom gelegentlichen Einsatz von Traktoren überwiegend noch in Handarbeit bearbeitet. Diese Arbeit ist vor allem auch Frauensache, während die Kinder außerhalb des Schulalters Spiel und Arbeit miteinander verbinden müssen. Sie treiben allmorgendlich das Vieh auf die Felder – meist Schafe und Ziegen –, und hüten sie dort bis zur Abenddämmerung. Dann treiben sie die Tiere wieder zurück in den Stall, um den Rest des Abends im Kreis der Familie zu verbringen.
Gerne hätten wir etwas mehr Einblicke in das Leben der Menschen hier gewonnen, doch man trat uns meist zurückhaltend, oft reserviert und gelegentlich auch mit mehr oder minder offener Ablehnung gegenüber. Besonders nach den Erfahrungen in Jordanien – zuletzt gerade am jordanischen Grenzposten auf dem Weg nach Israel –, wird es uns so schnell nicht wieder hierher ziehen.

Aber nun muss uns erst einmal die Einreise nach Israel gelingen. Die israelischen Grenzkontrollen sind wegen den zahlreichen Bedrohungen die schärfsten der Welt. Unsere Anspannung wächst weiter, denn wir wollen das Prozedere auf der jordanischen Seite keinesfalls noch einmal über uns ergehen lassen müssen, falls wir an der israelischen Grenze abgewiesen werden.
Zunächst einmal stehen wir vor einer unbemannten Schranke und warten darauf, dass etwas passiert. Fünfzig Meter vor uns steht ein Bus an der Seite und wird mittels Spiegeln auf Sprengstoff untersucht. Doch die Anlage ist begrünt und wirkt nicht so kalt und abweisend wie die Grenzübergänge, die wir zuletzt gesehen haben. Überhaupt empfinden wir Grün nach der Ausgedörrtheit der letzten beiden Länder und Teilen der Türkei als wahre Wonne. Wie sehr man diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zu schätzen lernt, wenn man sie erst einmal eine zeitlang entbehren musste.
Nach einigen Minuten kommt ein Pickup angefahren und geleitet uns zum Security Check. Junge Männer und Frauen in den Zwanzigern führen die Kontrollen durch. Sie tragen lässige Uniformen, bestehend aus schwarzen Hosen, mit weiten Hosenbeinen und aufgenähten Taschen, und weißen Poloshirts. Ein anderer junger Kerl mit Jeans und hellblauem Poloshirt trägt ein Maschinengewehr im Anschlag. Wir sind beeindruckt, dass man hier nicht auf offen zur Schau getragene, militärische Autorität setzt, wie man es sonst gewöhnt ist.
Auch unserer Sprinter wird auf Sprengstoff untersucht. Währenddessen werden unsere Pässe einer Vorkontrolle unterzogen und wir befragt, woher wir gekommen sind. Der Wahrheit entsprechend geben wir auch Syrien zu Protokoll. Da man uns nicht gleich wieder zurückschickt, können wir ein erstes Mal leicht aufatmen. Wir erhalten einen Zettel mit einer Übersicht der vier Stationen, die wir bei den Grenzkontrollen durchlaufen müssen. Er wird, vollständig abgestempelt, später unser Passierschein sein, der uns die Pforten zu Israel öffnet – oder auch nicht. Die erste Hürde wäre damit schon einmal genommen.
Nun heißt es warten auf die Gepäckkontrolle, etwa eine Stunde lang. Das wiederum läst nichts Gutes ahnen. Anscheinend bereitet man sich da auf Größeres vor. So wäre es normalerweise dann auch gekommen. Die Regularien sehen vor, dass jedes, das heißt wirklich jedes Gepäckstück mit Röntgenstrahlen durchleuchtet und durchsucht werden muss – in unserem Fall eine abendfüllende Aufgabe. Doch angesichts der Mengen von Sachen, die wir mit uns herumkarren, haben die Israelis tatsächlich ein Einsehen und beschränken sich nach langer interner Diskussion auf die Durchsuchung unserer Taschen. Sie nehmen sogar Abstriche von der Kameraausrüstung, um sie chemisch, wahrscheinlich auf Sprengstoff und eventuell auch auf Drogen, zu untersuchen.
Wir haben nichts zu verbergen, und so werden wir schließlich zur Passkontrolle gebeten. Den zweiten Stempel auf dem Passierschein haben wir damit in der Tasche. Wenn wir durch die Passkontrolle durch sind, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Auch dort fragt uns eine hübsche, erstaunlich junge Frau nach den Ländern, die wir bereist haben – auch hier antworten wir wahrheitsgemäß. Alles kein Problem. Die regelrechten Verhöre, die so mancher Reisender über sich ergehen lassen muss und so manchen auch schon haben scheitern lassen, bleiben uns erspart. Nur wenige Schritte von uns entfernt wird ein harmlos aussehender Reisender regelrecht auseinander genommen. Hingegen werden wir freundlich gefragt, ob wir den israelischen Einreisestempel gerne in unserem Pass oder auf einem Extrablatt haben möchten. Die Israelis kennen die Schwierigkeiten, die ihr Stempel im Pass bei der Einreise in einige arabische Länder verursacht, sehr genau und erleichtern den Reisenden damit das Leben. Natürlich lassen wir uns den Stempel auf ein Extrablatt geben.
Abgesehen vom Einreisestempel haben wir nun schon den dritten Stempel auf unserem Passierschein und müssen nur noch durch den Zoll. Wir werden von einem jungen Sicherheitsdienstmitarbeiter mit unserem Sprinter zu einer großen Halle mit mehreren haushohen Eingangstoren geleitet. Er klärt die dortigen, ebenfalls noch recht jung aussehenden Kollegen über uns auf. Der Gestik nach zu urteilen diskutieren sie lange, was alles durchsucht werden soll, und was nicht. Obwohl sich auch hier letztere Frage im Normalfall gar nicht stellt, denn auch hier gilt an der israelischen Grenze die Regelung: alles, aber auch absolut alles muss durchsucht werden.
Der Zoll nimmt einen entsprechend großen Bereich auf dem Grenzübergangsgelände ein mit insgesamt mehreren großen Hallen sowie Be- und Entladestationen, ja sogar Silos, in die entsprechendes Transportgut zwecks Durchsuchung umgeladen wird. Überall fahren Gabelstapler und Sicherheitsdienstfahrzeuge geschäftig hin und her. Die ganze Szenerie gleicht mehr der Logistik eines Flug- oder Schiffshafens. Unser Sprinter wird schließlich in eine der Hallen gefahren, und das mächtige Rolltor schließt sich hinter ihm. Wir machen es uns am Randstein gemütlich, warten und freuen uns heimlich, still und leise, dass wir schon mit einem Fuß in Israel sind. Während wir so vor uns hinwarten, kommt wieder einer dieser jungen, völlig untypisch gekleideten Sicherheitsleute mit Maschinengewehr im Anschlag vorbei. Er hat zwei Becher Wasser in der Hand und reicht sie freundlich zu uns herunter. Kaum zu glauben, oder? Der Schluck Wasser kam uns gerade recht. Und nach einer weiteren Stunde öffnet sich dann endlich das Rolltor, und unser Sprinter kommt wieder herausgefahren.
Nun müssen wir beim Zoll nur noch ein paar Formalitäten erledigen, und dann sind wir endlich in Israel. Sie sind dann auch bald problemlos erledigt. Dabei unterhalten wir uns noch sehr nett mit dem, wie könnte es anderes sein, ebenfalls noch recht jungen und erfrischend unverbrauchten Zollbeamten, der nebenbei bemerkt ebenfalls nicht so streng uniformiert war, wie man sich einen Zollbeamten so vorstellt. Innerlich schon unser ganzes Glück hinausschreiend sehen wir zu, wie auch der letzte Stempel seine Verewigung auf unserem Passierschein findet. Gleich haben wir es geschafft. Am letzten Kontrollposten zeigen wir, uns mit Gefühlsausbrüchen immer noch zurückhaltend, aber überglücklich, unseren Passierschein vor. Die Schranke hebt sich, und zum Abschied werden wir von den jungen, hübschen Schrankenwärterinnen in Israel willkommen geheißen. Hallo Israel!