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Wandern im Sämen-Nationalpark

Von Gonder sind wir nach Debark gefahren, dem Eingangstor zum Sämen-Nationalpark. Wanderungen im Park zählen dank des sich tief hindurch windenden Großen Afrikanischen Grabenbruchs zu den schönsten Afrikas. Als Ausgangspunkt unserer Wanderung wählen wir das Simien Hotel, da sein ummauerter Innenhof die einzige Möglichkeit in Debark ist, ein Fahrzeug für ein paar Tage sicher abzustellen.

Der Weg nach Debark erwies sich als reifenmordende Schotterpiste – doch nicht nur damit sahen wir uns konfrontiert. Viele der Menschen im Hochland Äthiopiens sind wesentlich ärmer als diejenigen in den niedriger gelegenen, fruchtbareren Regionen. Wir bekamen das hautnah zu spüren: immer seltener ein herzliches Lächeln, immer häufiger bettelnde Kinder. Wenn wir nicht anhielten, quittierten einige es mit Steinwürfen. Eine Delle in unserem Sprinter zeugt davon.
Ein Teil der Probleme ist hausgemacht. Die männliche Bevölkerung treibt meist träge das Vieh vor sich her oder sitzt einfach nur herum, während die weibliche Bevölkerung Schwerstarbeiten verrichtet. Tief gebeugt und mit gekrümmten Rücken sieht man Frauen wie Mädchen unvorstellbare Lasten tragen. Darüber hinaus bekommen die Äthiopier mehr Kinder, als ihr Land versorgen kann. Deshalb müssen sie in Landstriche ausweichen, die regelmäßig von Dürreperioden heimgesucht werden.
In der Konsequenz reiht sich in den Dörfern des Hochlands nun Hilfsorganisation an Hilfsorganisation. Es gibt Projekte zum Bau von Bildungseinrichtungen, Kindergärten und Waisenhäusern, Projekte zum Aufbau einer touristischen Infrastruktur, Projekte zur Einrichtung einer medizinischen Versorgung und zur Aufklärung über AIDS, Projekte für ertragreichere Landwirtschaft, Projekte gegen und Prostitution, Projekte zum Schutz der Frauenrechte und viele andere mehr. Äthiopien ist eines der Länder, die weltweit am meisten Entwicklungshilfe erhalten haben und immer noch erhalten.
Doch die Entwicklungshilfe war in der Vergangenheit meist reine Symptombekämpfung und hat die Menschen abhängig und unselbständig gemacht. Sie nahm den Äthiopiern mit kostenlosen Hilfsgütern aus westlicher Herstellung und Überschussproduktion die Eigenverantwortung und den Bauern sowie anderen Unternehmern einen Teil ihrer Lebensgrundlage. Äthiopien wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten derart mit Geldern und Hilfsgütern überschüttet, dass die Hilfsorganisationen gar nicht mehr wussten, wohin sie damit sollten. Was nicht in den Taschen und Lagern korrupter Regierungsmitglieder oder gar Entwicklungshelfer landete, wurde zwangsweise ausgeteilt und ausgegeben, egal ob notwendig und sinnvoll oder nicht. Das Wirtschaftssystem Äthiopiens wurde in weiten Teilen aus den Angeln gehoben, und korrupte Regierungsmitglieder profitierten davon auch noch. So ist es kein Wunder, dass sich an der Situation in Äthiopien kaum etwas ändert: sie ist von einigen Profiteuren in Schlüsselpositionen gewollt.
Inzwischen geht die Entwicklungshilfe mehr und mehr zur Anleitung zur Selbsthilfe über. Das ist auch dringend notwendig. Aber das Ziel muss sein, Äthiopien mittelfristig wieder sich selbst zu überlassen, damit das Land zu einem Gleichgewicht finden kann.
Unsere Hilfe sollte sich auf Bildung und die nicht selbst von den Entwicklungsländern verschuldeten Probleme wie die Folgen der Globalisierung beschränken. Genau genommen dürften wir es zu diesen Problemen gar nicht erst kommen lassen. Darüber hinaus müssen wir den Entwicklungsländern fairen Zutritt zu unseren Märkten gewähren und die Spekulation mit Lebensmitteln verbieten. Gerade letztere hat in letzter Zeit die Preise auf Grundnahrungsmittel in Afrika vervielfacht. Selbst für uns als Europäer sind die hiesigen Nahrungsmittelpreise hoch. Wenn die westlichen Nationen weiter nicht handeln und vom Elend der Entwicklungsländer profitieren, steht die nächste Hungerkatastrophe bald bevor – und es wird keine Dürre die Ursache sein, sondern wir.
Dabei gibt es jedoch ein Problem: Entwicklungshilfe hat die Tendenz, sich selbst zu erhalten. Sie ist für viele Entwicklungshelfer Berufung, Lebensunterhalt oder Karriere. Andere Entwicklungshelfer und -organisationen sind religiöse Eiferer, die unter dem Deckmantel von Entwicklungshilfe Missionierung betreiben. Sie alle haben kein natürliches Interesse an einer Beendigung von Entwicklungsprojekten.

Ein Beispiel für ein sinnvolles und erfolgreiches Entwicklungsprojekt ist der Von Gonder sind wir nach Debark gefahren, dem Eingangstor zum Sämen-Nationalpark. Wanderungen im Park zählen dank des sich tief hindurch windenden Großen Afrikanischen Grabenbruchs zu den schönsten in Afrika. Als Ausgangspunkt unserer Wanderung wählen wir das Simien Hotel, da sein ummauerter Innenhof die einzige Möglichkeit in Debark ist, ein Fahrzeug für ein paar Tage sicher abzustellen. unseres Nachbarlandes Österreich. Durch integrierte Entwicklungsprojekte wie dieses lassen sich die Lebensbedingungen von Menschen verbessern und gleichzeitig die Umwelt schützen. Der Park schützt nicht nur die einzigartige Natur, sondern bietet den Rangern, Guides, Scouts, Mulitreibern, Sack- und Leinenherstellern, Lebensmittelverkäufern, Unterkunftsbetreibern und Fahrdienstleistern ein Auskommen. Außerdem erhalten die ansässigen Bauern Wissen zu einer effektiveren Bewirtschaftung ihrer Felder.

Früh am Morgen rüsten wir uns für eine viertägige Wanderung durch den Park. Die Rucksäcke sind gepackt: Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Kochgeschirr und Klamotten lasten schwer auf unseren Schultern, während unsere Essens- und Wasservorräte auf einem Pferd festgezurrt werden. Ja, das Wandern hat hier richtigen Expeditionscharakter mit Esel oder Pferd, Treiber und einem Scout. Unser Scout ist nur mit einem Gewehr ausgerüstet wird uns in den nächsten vier Tagen leichtfüßig vorauseilen, während wir hinter ächzen werden. Eigentlich bevorzugen wir es, alleine zu wandern, aber die Wasserversorgung entlang der Strecke ist nicht sichergestellt, und tragen könnten wir das zusätzliche Gewicht alleine nicht. Außerdem ist der Scout obligatorisch, weil der Weg nicht markiert ist und um uns vor eventuellen Zwischenfällen mit Wildtieren zu schützen. Immerhin können wir auf einen Guide verzichten, der uns den ganzen Weg über mit Informationen versorgen würde.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Nachdem das Pferd bepackt ist, geht es endlich los. Wir erwarten eine leichte erste Tagesetappe und einen gemächlichen Anstieg von 3.000 auf 3.500 Meter Höhe zum eigentlichen Parkeingang. Diese Vorstellung soll sich im Verlauf des Tages jedoch als ziemlich naiv herausstellen. Über 30 Kilometer geht es auf und ab, auf und ab, auf und ab.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Wir haben die Höhe unterschätzt und sind nicht ausreichend akklimatisiert. Schon nach der Hälfte der Strecke wird jeder Schritt zur Qual und zerrt an unseren Nerven. Wir fühlen uns schwach, physisch und mental, und wegen einer Lappalie geraten wir in einen scheinbar überflüssigen Streit. Die lange Reise fordert ihren Tribut. Seit Anatolien hatten wir mit Ausnahme von Israel kaum eine Erholungsmöglichkeit: kein Feldweg, der in ein verstecktes kleines Wäldchen geführt hätte, kein Baum, der einen Sichtschutz gewährt hätte, kein Café, das zum Regenerieren eingeladen hätte, überall neugierige Menschen, die uns kaum zur Ruhe kommen ließen. Und wenn wir einmal auf einem Campingplatz Station machen konnten, dann war es entweder kein schöner Ort, oder wir hatten zuviel zu tun, als dass wir unsere Batterien hätten aufladen können. Außerdem haben wir das Lariam, das wir seit dem Sudan als Malariaprophylaxe nehmen, im Verdacht, dass es unsere Physis und Psyche schwächt.
Wir sind vollkommen ausgelaugt, und durch die physische Anstrengung auf dieser Wanderung und den Streit kommt nun alles an die Oberfläche. Der Streit soll sich jedoch als reinigendes Gewitter erweisen. Wir werden uns unseres Zustandes mit aller Deutlichkeit bewusst und fangen an, die Weichen für unsere Reise in den nächsten Tagen neu zu stellen. Wir beschließen, nicht jeder Sehenswürdigkeit hinterherzujagen und noch weniger Zeit an Orten zu verbringen, die uns keine Energie geben können oder uns gar die Energie rauben. Wir werden länger an denjenigen Orten verweilen, die uns Energie geben können. Das werden verstärkt auch Orte sein, an denen nicht zu viele Menschen um uns herum sind. So schön das Zusammensein mit Einheimischen und anderen Afrikafahrern ist, so schnell können wir uns dabei selbst aus den Augen verlieren. Privat zu sein und wirklich Zeit füreinander zu haben auf einer solchen Reise ist ein nicht zu unterschätzender Luxus, den wir uns zukünftig aktiver verschaffen müssen. Das Lariam werden wir obendrein absetzen und stattdessen den Wirkstoff Doxycyclin nehmen, der nicht viel weniger effektiv ist, aber weniger Nebenwirkungen hat und außerdem günstiger ist.

Doch all das hilft uns in unserem gegenwärtigen Elend wenig. Endlos zieht sich der Tag. Einzig die ersten Ausblicke auf den Großen Afrikanischen Grabenbruch und eine Gruppe Paviane können uns ein wenig aufmuntern.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Viel Zeit dafür haben wir jedoch nicht, denn laut unseres Scouts hinken wir dem Zeitplan mächtig hinterher, und wir müssen noch bei Tageslicht im ersten Camp ankommen. So schleppen wir uns denn weiter – irgendwann müssten wir doch endlich dort sein. In diesem Glauben quälen wir uns noch Stunden, bis in die Dämmerung hinein, als wir schließlich, am Ende unserer Kräfte, dem Kriechen näher als dem Gehen, endlich im Camp ankommen. Völlig erschöpft lassen wir unsere Rucksäcke ins Gras fallen, bauen das Zelt auf, und kochen uns mit letzter Kraft eine Nudelsuppe zum Essen. Gierig und zitternd verschlingen wir das freudlose Mahl, lassen die Löffel fallen und sinken in einen tiefen, traumlosen Schlaf – im gegenseitigen Einvernehmen, dass wir nicht weiter-, sondern am nächsten Tag zurücklaufen werden.

Aber es kommt anders. Nach einem einigermaßen erholsamen Schlaf schöpfen wir neuen Mut und ringen uns dazu durch, es doch zu versuchen. Weitere 500 Meter Höhenunterschied stehen auf dem Programm, aber nur ein größeres Tal dazwischen, das es zu durchschreiten gilt. Und wir werden für unsere Entscheidung belohnt mit dem schwindelerregenden Ausblick auf einen tiefen Wasserfall und einer Gruppe einiger hundert Paviane.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Zum Schluss müssen wir allerdings doch noch einmal die Zähne zusammenbeißen. Der finale Anstieg aus dem Tal heraus bis auf Höhe des Camps ist steil und hat es in sich. Zwei Stunden mühen wir uns, bis das Camp endlich in Sicht ist. Erneut sind wir vollkommen erschöpft, als wir unser Tagesziel erreichen.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Für den nächsten Tag steht der Aufstieg zum knapp 4.000 Meter hohen Imet Gogo auf dem Programm – und anschließend der Rückweg zurück zum ersten Camp. Wieder nehmen wir uns vor, dass wir uns das nicht antun und gleich zum ersten Camp zurücklaufen werden. Und wieder kommt es anders. Aufgeben fällt manchmal schwerer, als sich weiter zu schinden. Doch schließlich sind wir wegen der versprochenen Aussicht vom Imet Gogo auf den Großen Afrikanischen Grabenbruch hier. Also bauen wir früh morgens unser vom Raureif überzogenes Zelt ab und packen unsere Rucksäcke, bereit, die nächsten Qualen auf uns zu nehmen.

Sämen-Nationalpark

Mittlerweile sind wir jedoch schon viel besser an die Höhe gewöhnt, und der Aufstieg fällt leichter als erwartet. Und wir werden für unsere Mühen fürstlich belohnt: Die Aussicht ist fulminant, und endlich kommt das Fischaugenobjektiv zum richtigen Einsatz.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Eigentlich haben wir es ja eilig, denn es wartet ja noch der lange Abstieg mit anschließendem, knackigem Aufstieg zurück zum ersten Camp. Doch die Aussicht ist so fantastisch, dass wir sie in vollen Zügen auskosten und uns erst nach einer Stunde wieder auf den Weg machen.

Mit jedem Meter bergab fällt uns das Laufen zunehmend leichter. Relativ schnell sind wir unten im Tal meistern die erste Hälfte des abschließenden Aufstieg. In der zweiten Hälfte müssen wir dann allerdings doch noch einmal leiden. Aber selbst unserem Scout geht es nicht besser. Er setzt sich unvermittelt an den Straßenrand und klagt über starke Kopfschmerzen. Das wundert uns nicht, wenn er den ganzen Tag nichts trinkt. Also geben wir ihm von unserem Wasser und eine Orange, um ihn wieder aufzupäppeln. So schnell kann sich das Blatt wenden: An den ersten beiden Tagen ist er uns noch ständig davongelaufen, nun müssen wir auf ihn Rücksicht nehmen. Glücklicherweise erholt er sich schnell, und wir gehen das letzte Stück Seite an Seite.

Am letzten Tag schließlich laufen wir den Weg vom ersten Tag wieder zurück. Obwohl es nun tendenziell bergab geht, zieht sich die Strecke wieder endlos. Es ist natürlich auch nicht sonderlich motivierend, dieselbe Route noch einmal zu laufen, wenn auch in umgekehrter Richtung. Aber immerhin können wir nun mitleidig auf diejenigen blicken, die uns entgegenkommen und die Tortur noch vor sich haben. Da fühlt man sich doch gleich schon besser!

Äthiopien

Wenn man an Äthiopien denkt, hat man unweigerlich Bilder hungernder, bis auf die Knochen abgemagerter Kinder mit aufgeblähten Bäuchen in den Armen ihrer hilflosen Mütter vor Augen – Kinder, die zu schwach sind, sich die Fliegen aus dem Gesicht zu vertreiben. Diese Bilder gingen unzählige Male um die Welt und haben eine nie dagewesene Spenden- und Hilfsbereitschaft ausgelöst. In den letzten Jahrzehnten hat Äthiopien mehrere verheerende Dürreperioden und Hungersnöte erlitten.

Doch Äthiopien verdient Aufmerksamkeit auch unter ganz anderen Gesichtspunkten: Äthiopien gilt als die Wiege der Menschheit. Lucy, das älteste bisher gefundene menschliche Skelett, ist 3,2 Millionen Jahre alt und entstammt einer Region in der Danakilwüste im Nordosten Äthiopiens. Auch für die Christen hat Äthiopien eine herausragende historische Bedeutung: In Lalibela stehen die ältesten Kirchen der Welt, tief in den Fels gehauen und in das Erdreich gegraben. Und in Aksum soll sich die Bundeslade befinden, der Schrein, in dem Moses von Gott die zehn Gebote empfangen haben soll.

Zunächst einmal heißt es für uns jedoch wieder einen Grenzübergang zu überwinden. Die Ausreise aus dem Sudan verläuft problemlos und ohne Durchsuchung. Nach nur 20 Minuten ist alles erledigt.
Auf der äthiopischen Seite ist der Grenzposten kaum als solcher zu erkennen. Er besteht aus einer einzelnen, runden und strohgedeckten Lehmhütte, die genauso gut Teil des Dorfes sein könnte, das die Lehmhütte umgibt und voller geschäftigen Treibens ist. Die Straße ist über und über bevölkert mit Menschen, die ihren täglichen Geschäften nachgehen.
In der Hütte ist es angenehm kühl. Werbekalender diverser Brauereien zieren die Wände und den Schreibtisch des wortkargen, aber nicht unfreundlichen Beamten. Nach dem offiziell alkoholfreien Sudan ist es eine Wohltat, in einem Land wieder frei Bier kaufen zu können. Und in Äthiopien gibt es tatsächlich mehrere Brauereien, die sehr gutes Bier brauen.
Doch die Kalender verdienen noch unter einem ganz anderen Gesichtspunkt eine genauere Betrachtung, denn in Äthiopien schreibt man das Jahr 2000. Noch im Mai vergangenen Jahres wurde hier der Beginn des neuen Milleniums gefeiert. Die Geburt Christie, auf der unser gregorianischer Kalender beruht, wurde nachweislich falsch berechnet. Die Äthiopier waren diesbezüglich konsequent und haben ihren Kalender nach den neuen Erkenntnissen korrigiert, während die Zeitrechnung in der restlichen Welt weiterhin auf falschen Annahmen beruht.
Der Beamte nimmt die Pässe entgegen und beginnt bedächtig, in einem dicken, DIN-A4-großen Heft zu blättern. Nach ein paar Minuten legt er es zur Seite und holt ein weiteres Heft hervor. Die Prozedur wiederholt sich mehrmals, und auch dieselben Hefter nimmt er mehrmals in die Hand. Dann schließlich scheint er keinen Zweifel mehr zu haben, dass nichts vorliegt, was unserer Einreise entgegensprechen könnte. Er trägt unsere Namen in einen weiteren Hefter ein, drückt den Einreisestempel in unsere Pässe und erklärt, dass wir nun nur noch unser Carnet im nächsten, rund 35 Kilometer entfernten Ort abstempeln lassen müssen.
Dies geschieht dann auch erstaunlich unbürokratisch binnen weniger Minuten. Zum Schluss werden noch schnell ein paar Kopien angefertigt, die wir nicht einmal bezahlen müssen, und nach insgesamt nur einer guten halben Stunde sind alle Formalitäten erledigt. Es tut gut, dass es auch noch ohne Abzocke geht, und so fahren wir mit einem guten Gefühl weiter in das unbekannte Land hinein.

An Dörfer aus Lehmhütten konnten wir uns schon auf den letzten Kilometern bei der Ausreise aus dem Sudan gewöhnen. Dort führte durch sie allerdings eine geteerte Straße hindurch. Hier auf dem Weg von der Grenze nach Gonder, dem Camelot Afrikas, das seinen Namen den zahlreichen Burgen und Schlössern verdankt, die die ehemaligen britischen Kolonialherren hinterlassen haben, gibt es lediglich eine teils ruppige Schotterpiste, die viel weniger im Kontrast zur natürlichen Umgebung steht. Dörfer, Felder und Landschaft gehen eine natürliche, harmonische Symbiose ein. Noch stärker als im Sudan haben wir das Gefühl, nun wirklich in Afrika zu sein.

Äthiopien

Äthiopien

Die Menschen am Straßenrand winken uns fröhlich zu, und die Kinder rufen immerzu „You, you!“, um unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Wo immer wir anhalten werden wir sofort von ihnen umringt und neugierig beäugt.

Äthiopien

Die Frauen sind farbenprächtig gekleidet und tragen stolz ihre bunten Sonnenschirme. Ihr umwerfendes Lächeln ist so offenherzig, dass in unseren Gemütern die Sonne aufgeht. Diese einfachen, aber glücklichen Menschen strahlen von innen heraus in einer Weise, wie wir es noch nie erlebt haben. Gewaschen werden die farbenfrohen Kleider und Tücher auf traditionelle Weise im Fluss. Hier wird gebadet, hier holen die Frauen das Wasser zum Trinken und Kochen und tragen es in traditionellen Tonkrügen akrobatisch auf ihren Köpfen zurück in die Dörfer, hier wird das Vieh getränkt. Die Flüsse sind die Dreh- und Angelpunkte des hiesigen Lebens.

Äthiopien

Dennoch ist die Landschaft erstaunlich grün auch dort, wo die nächsten Flüsse weit entfernt sind, und wo sie sich zum äthiopischen Hochland aufschwingt. Das Hochland im Norden nimmt ein Drittel der äthiopischen Gesamtfläche ein und ragt bis über 4.000 Meter auf. Der Ras Dashen ist mit rund 4.500 Metern der höchste Berg Äthiopiens und der vierthöchste Berg Afrikas. Er liegt im Sämen-Nationalpark, der vom Großen Afrikanischen Grabenbruch durchzogen wird. Die entstandenen Gebirge und das gebietsweise sehr fruchtbare Land haben Äthiopien den Beinamen „Die Schweiz Afrikas“ eingebracht.

Äthiopien

Äthiopien

Wüste Negev bei Eilat

Von Small Makhtesh in der Wüste Negev sind wir zurück an den Großen Afrikanischen Grabenbruch im israelisch-jordanischen Grenzgebiet und weiter Richtung Süden gefahren. Über all sahen wir auf der israelischen Seite riesige Palmenplantagen – dabei fließt der Jordan dort gar nicht mehr. Die Plantagen müssen komplett künstlich bewässert werden. Dabei ist Wasser in Israel und Jordanien so knapp – was für ein ökologischer Wahnsinn!

Im äußersten Süden Israels und im äußersten Norden des Roten Meers liegt Eilat. Von Eilat aus wird es für uns über die Grenze nach Taba im Sinai gehen. Über Eilat selbst muss man nicht viele Worte verlieren. Eilat ist der israelische Ballermann: Restaurants, Bars, Diskotheken, Stände mit Ramsch, Edelboutiquen, Liegestühle, Sonnenschirme und dazwischen wenig Strand. Doch wir können hier noch einige Erledigungen machen.

Nördlich von Eilat besteht die Wüste Negev aus Gebirgszügen verschiedenster Erdtönungen, engen Schluchten und Tälern. Hierhin ziehen wir uns für die Nacht zurück und stellen unseren Sprinter neben einem knorrigen, abgestorbenen Baum.

Wüste Negev bei Eilat

Wüste Negev bei Eilat

Wüste Negev bei Eilat

Wüste Negev bei Eilat

Später bei Dämmerung treffen unerwartet auf die beiden Berliner Ari und Uta. Sie sind in die Wüste gekommen, um den aufgehenden Vollmond zu genießen. Wir kommen ins Gespräch und verbringen so bei Vollmond und einigen Gläsern Wein ganz unverhofft einen wunderbaren, geselligen Abend. Der Himmel ist glasklar, und das Mondlicht wird vom hellen Boden so stark reflektiert, das die gesamte Umgebung hell erleuchtet ist. Noch nie haben wir eine solche Helligkeit bei Nacht erlebt. So verzichten wir auf jede künstliche Lichtquelle und genießen das Naturschauspiel. Zu meiner größten Freude rauchen Ari und Uta auch noch denselben Tabak wie ich, und ich drehe mir voller Genuss eine nach der anderen. Nur leider vergesse ich dabei das Fotografieren…

Totes Meer in Israel

Nachdem die jordanische Seite des Toten Meers eher ernüchternd war, sind wir sehr gespannt, welchen Unterschied einige Kilometer Luftlinie machen können. Und der Unterschied ist tatsächlich groß. Landschaftlich viel schöner und abwechslungsreicher gestaltet sich die israelische Seite des Toten Meers.

Die meisten Uferzonen können aus Sicherheitsgründen jedoch nicht betreten werden. Überall stehen große Warntafeln und Absperrzäune aus Maschendraht. Da der Jordan heute nur noch ein Rinnsal ist, fließt weniger Wasser ins Tote Meer als verdunstet. In der Konsequenz sinkt der Wasserspiegel des Toten Meers mit atemberaubender Geschwindigkeit um etwa einen Meter pro Jahr. Die zurückbleibenden Uferzonen erodieren und bilden lebensgefährliche Einsturztrichter: Der feinsandige und von grobem Kies durchsetzte Boden sackt urplötzlich in sich zusammen und reist alles in die Tiefe, was darauf steht.

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Nur eine Reihe von Badeanstalten bietet einen einigermaßen sicheren Zugang zum Toten Meer. Alle paar Jahre müssen sie jedoch aufgegeben werden, da das Tote Meer sich so rasend schnell zurückzieht. Überall sieht man Ruinen, die davon zeugen.

Wir besuchen eine der noch intakten Badeanstalten und gönnen uns ein ausgedehntes Bad im Toten Meer. Das Schwimmen im Toten Meer ist wirklich ein Erlebnis. Der hohe Salzgehalt macht das Wasser schwer und uns im Verhältnis dazu leichter. Wie ein Korken treibt man auf dem Toten Meer – ein wirklich einzigartiges Gefühl und ein großartiger Spaß!

Baden im Toten Meer

Baden im Toten Meer

Baden im Toten Meer

Als wir schließlich weiterfahren, müssen wir feststellen, dass das Tote Meer heute gar kein zusammenhängender See mehr ist. Das Tote Meer ist geteilt in einen nördlichen und einen südlichen Teil, die durch einen Kanal miteinander verbunden sind. Der Nördliche Teil macht etwa zwei Drittel, der südliche Teil etwa ein Drittel des Toten Meers aus. Während der nördliche Teil mehr oder weniger natürlich geblieben ist, wurde der südliche Teil des Toten Meers komplett von Menschenhand umgestaltet. In riesigen, flachen Becken wird dort das Wasser des Toten Meers künstlich verdunstet, so dass noch das Salz und die Mineralien aus dem Toten Meer zurückbleiben. Das Tote Meer hat nicht nur einen der weltweit höchsten Salzgehalte, sondern es hat auch den höchsten Gehalt an Mineralien wie Brom, Kalium, Magnesium und Jod. Diese Mineralien werden sowohl auf israelischer als auch auf jordanischer Seite ohne Rücksicht auf das Tote Meer ausgebeutet.

Zu Gast in Bet Yannay

Nach dem Stress der letzten Tage und einiger Zeit ohne die Möglichkeit, auch einmal nur für sich zu sein, sind wir reif für einen Urlaub vom Reisen. Unser Ziel ist das Meer. Dort möchten wir ein paar Tage entspannen und uns ausschließlich dem Nichtstun widmen.

Den See Genezareth haben wir rechts und Nazareth links liegen gelassen. Der See Genezareth ist wie das Tote Meer Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs. Mit über 200 Metern unter dem Meeresspiegel ist der See Genezareth der tiefstgelegene Süßwassersee der Erde. Der See Genezareth hat nicht nur eine historische Bedeutung für die Christen wegen vieler Wirkungsstätten von Jesus von Nazareth an seinen Ufern, sondern er ist auch Israels Wasserreservoir. Gespeist wird der See Genezareth durch den Jordan. Der Jordan fließt dann weiter entlang der israelisch-jordanischen Grenze und mündet schließlich im Toten Meer. Nach dem See Genezareth fließt der Jordan heute jedoch nur noch als Rinnsal weiter. Darin besteht ein großes Konfliktpotenzial zwischen den beiden Ländern. Wasser ist in Wüstenstaaten die wichtigste Ressource, denn ohne Wasser gibt es kein Leben.

See Genezareth

Nazareth

Durch Haifa sind wir durchgefahren und haben einen kurzen Abstecher an das bisschen Strand gemacht, das die Stadt übrig gelassen hat.

Strand in Haifa

Immerhin sahen wir seit der Türkei zum ersten Mal wieder ein Wohnmobil, wenngleich es nach einem fest eingerichteten Domizil aussah. Da fühlten wir uns doch gleich nicht mehr ganz so als einsame Streiter. Aber es schien leider niemand zu Hause zu sein.

Strand in Haifa

Da wir der Haifa sonst auf den ersten Blick nicht viel abgewinnen konnten, fuhren wir weiter nach Süden mit Kurs auf Tel Aviv. Und kaum waren wir aus Haifa heraus, kamen wir auch schon an wunderschönen Stränden vorbei, die teils spärlich frequentiert, teils menschenleer waren.

Strand bei Haifa

Nur hin und wieder stießen wir auf einen kleinen Küstenort. Erstaunlich, dass es bei der geringen Ausdehnung und dichten Besiedlung des Landes gelungen ist, kilometerlange Küstenabschnitte vor der Zersiedlung zu bewahren und die Natur zu schützen. Doch so schön die unberührte Natur anzusehen war, uns war es nach einem netten Café und einer Dusche am Strand. Irgendwo musste hier so etwas doch zu finden sein. Also fuhren wir weiter und bewiesen wieder einmal den richtigen Riecher.

Auf etwa halber Strecke zwischen Haifa und Tel Aviv stoßen wir in Bet Yannay schließlich auf genau das, was wir gesucht haben: einen wunderschönen Strandabschnitt mit Dünen, feinem hellem Sand, einer kräftigen Brandung, einem Café, Duschen, Toiletten und einem Parkplatz davor, den wir für die nächsten Tage zu unserem Stellplatz machen werden. Außerdem liegen am Strand einige Gleichgesinnte, und ein paar Kitesurfer sind auch da.

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

An einem der nächsten Morgen sitzen wir im Strandcafé von Bet Yannay und gönnen uns ein opulentes Frühstück, für das wir halb soviel zahlen, als es in Deutschland kosten würde. Da kommt eine junge Israelin, so Mitte, Ende zwanzig, vorbei und spricht uns an, ob der große Wagen auf dem Parkplatz uns gehöre. Wir bejahen und sehen uns umgehend in ein Gespräch verwickelt. Ihr Name ist Michal, und sie ist von unserer Unternehmung, die Welt zu umrunden, ganz begeistert. Um genau zu sein, ist sie ganz schön überdreht und redselig. Vermutlich liegt das auch daran, dass sie in den letzten acht Jahren in Frankreich gelebt hat und gerade erst zurückgekehrt ist. Sie hat diese typische, übertriebene französische Art an sich. Aber sie ist uns sympathisch und lädt uns für den Abend zu sich nach Hause zum Essen ein.

Am Abend holt sie uns dann auch wie verabredet am Strand ab und fährt mit uns zu sich nach Hause. Wir parken den Sprinter in dem kleinen Wohngebiet am Straßenrand und folgen ihr vorbei an einem luxuriösen Haus über einen Hinterhof zu einem Holzhäuschen mit kleiner Veranda, das etwa so groß ist wie eine bessere Einzimmerwohnung. Aber es ist alles da, was man braucht, ein mittelgroßer Raum mit Kochzeile, ein kleines Bad und ein kleines Schlafzimmer. Außerdem gibt es ja noch die Veranda, auf der wir es uns gemütlich machen. In Israel ist es selbst um diese Jahreszeit noch warm genug, um den Abend draußen zu verbringen.
Michal hat noch einen Freund eingeladen. Er heißt Oded, ist in unserem Alter, und nicht minder gesprächig als Michal, zumindest nach den ersten ein, zwei Gläsern vom Rotwein, den wir mitgebracht haben. Das Essen hat er gekocht und mitgebracht: für jeden ein butterzartes Steak mit einer Art Couscous und dazu Weißkohlsalat. Tahina ist etwas Ähnliches wie Bulgur und wird wie Reis gegessen. Es schmeckt vorzüglich, und wir verbringen einen unterhaltsamen Abend. Im Gegensatz zu Oded ist Michal allerdings nicht mehr so gesprächig. Sie verträgt den Wein nicht so gut und muss am nächsten Tag früh arbeiten. So verabschiedet sie sich dann auch vorzeitig ins Bett, während Oded nun, nach den nächsten Weingläsern, erst so richtig zur Höchstform aufgelaufen ist. Er bietet uns an, mit zu sich nach Hause zu kommen, um den Abend dort gebührend ausklingen zu lassen. Außerdem könnten wir seine Dusche benutzen, und ein Bett habe er auch für uns. Diese Offenheit gegenüber quasi Fremden ist uns fast peinlich, aber auch wir möchten den Abend nicht so abrupt beenden und genüsslich ausklingen lassen. Wir verabschieden uns von Michal und folgen Oded zu seinem Heim, das im Nachbarort liegt.

So setzen wir den feuchtfröhlichen Abend bei Oded fort. Wir schleppen alles an Weinreserven herbei, was wir noch auftreiben können, trinken und rauchen gemeinsam, und werden das am nächsten Tag dank gehöriger Kopfschmerzen und einer kräftigen Erkältung bei Christiane auch nicht so schnell vergessen. Aber es ist ein richtig schöner, langer Abend, für den man den nächsten, verkaterten Tag gerne in Kauf nimmt.
Außerdem erfahren wir sehr viel über Oded. Er ist in einem Kibbuz aufgewachsen, hat zehn Jahre lang bei seinem Vater in London gelebt, dann zwei Jahre in Amsterdam und ist schließlich nach Israel zurückgekehrt. Kibbuze sind ein in Israel populäres, gesellschaftliches Gegenmodell zum westlichen Modell von Familie und Arbeit. Im Grunde genommen handelt es sich um Kommunen mit kommunistischem Wirtschaften. Alles in der Kommune ist Gemeinschaftsbesitz und wird geteilt. Die Kinder werden nicht bei ihren Eltern groß, denn die Familie ist der Kibbuz. Sie leben die meiste Zeit von ihren Eltern getrennt und sehen sie für nur etwa zwei Stunden am Tag. Die Erwachsenen kümmern sich unterdessen um die Verrichtungen des täglichen Bedarfs. Wirtschaftlich beschränkten sich die Kibbuze in früheren Zeiten weitgehend auf die Agrar- und Subsistenzwirtschaft. Heute verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend hin zum industriellen Wirtschaften. Kibbuze sind der lebende Beweis dafür, dass Kommunismus doch funktionieren kann, allerdings nur innerhalb überschaubarer Gruppen.
Oded allerdings bevorzugt die Freiheiten des Einzelnen und würde nie in einen Kibbuz zurückkehren. Zu sehr hat er seine Privatsphäre in den Jahren nach dem Auszug schätzen gelernt. Doch etwas vom Kibbuzgedanken lebt in ihm weiter, denn er wird seine Wohnung und sein Leben für die nächsten zwei Wochen mit uns teilen, als wären wir alte Freunde. Wir dürfen uns bei ihm wie zu Hause fühlen.

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

In seinem bisherigen Leben hat Oded schon alles Erdenkliche gemacht. Er war wie alle Israelis – Männer und Frauen – in der Armee, gehörte einer Spezialeinheit an und hatte unter anderem Kampfeinsätze hinter den feindlichen Linien im Libanon. Mit nur achtzehn Jahren hatte er schon im Helikopter auf dem Weg in den ersten Golfkrieg gesessen, als Israel inoffiziell dabei war, an der Seite der US-Amerikaner in das Kampfgeschehen einzugreifen. Zu seinem Glück wurde das gesamte Vorhaben abgebrochen, und die Helikopter kehrten unverrichteter Dinge an ihren Stützpunkt zurück.
Unglaubliche 80 Prozent des israelischen Etats fließen in die Verteidigung. Israels Grenzen sind so hermetisch abgeriegelt, wie es ansonsten nur die US-Amerikaner seit den terroristischen Anschlägen im eigenen Lande vom 11. September tun. An vielen Tagen patrouillieren modernste Apache- und Commanche-Kampfhubschrauber im Halbstundentakt entlang der Küste. Vor allen öffentlichen Einrichtungen wie Bahnhöfen, Geschäften, Hotels, Parkplätzen und Synagogen gibt es Sicherheitskontrollen. Israels Geheimdienst Mossad gilt als der beste der Welt. Bei der Sicherheitslage des Landes ist dies nur allzu nachvollziehbar. Die Drohung der iranischen Regierung, die Atombombe entwickeln und Israel von der Landkarte tilgen zu wollen, macht dies überdeutlich.
Israelis und Palästinenser haben aus unterschiedlichen geschichtlichen Epochen gleichermaßen ihre Wurzeln in dem Land, auf dem der Staat Israel gegründet wurde. Alle Länder der Erde sind aus Verteilungskämpfen und kriegerischen Auseinandersetzungen hervorgegangen. Die heutige Weltkarte, einschließlich des Staates Israel, ist ein Ergebnis davon. Das Existenzrecht Israels steht insofern nicht in Frage, aber es ist eine Form der Einigung mit der palästinensischen Bevölkerung erforderlich, die langfristigen Frieden gewährt.
Der derzeitige Status in Israel stellt sich so dar, dass es neben dem palästinensisch verwalteten und gesicherten Gazastreifen an der Mittelmeerküste im äußersten Südwesten Israels über das ganze Land verteilt kleinere und mittlere Gebiete unter palästinensischer Führung gibt, teils mit eigenen und teils mit israelischen Sicherheitskräften. Dazu gehören beispielsweise auch die biblischen Orte Bethlehem und Jericho. Vor einer wirklichen Gleichbehandlung der Palästinenser schrecken die Israelis zurück. Abgesehen von den großen kulturellen Unterschieden zwischen der abendländischen Kultur der Israelis und der morgenländischen Kultur der Palästinenser gibt es dafür einen sehr konkreten Grund: die unterschiedlichen Geburtenraten. Die Geburtenrate der Israelis ist vergleichbar mit den niedrigen europäischen Raten, die der Palästinenser ist typisch nahöstlich hoch. Die Israelis fürchten, dass sie binnen weniger Generationen zu einer kulturellen Randgruppe im eigenen Lande werden, ihre Rechte verlieren und im Extremfall erneut vertrieben werden könnten. Das macht eine Einigung so schwierig.
Die überaus liberale Einwanderungspolitik ohne Integrationskonzept, das den Namen auch verdient hätte, die jahrzehntelang in Deutschland und Europa, betrieben wurde, halten die Israelis übrigens für naiv. Interessant, so etwas aus dem Munde eines Volkes zu hören, das vor dem Hintergrund der uns verbindenden, tragischen Historie, allen Grund dazu hat, bei einer solchen Einschätzung größtmögliche Vorsicht walten zu lassen.
Nach seiner Zeit bei der Armee hat Oded Sozialpädagogik studiert und betreut heute Kinder und Jungendliche mit Entwicklungsdefiziten. In Amsterdam war er der Geschäftsführer eines italienischen Restaurants, und er hat eine zeitlang einen Farmbetrieb mit Spezialisierung auf den Kartoffelanbau geleitet. Vor bald fünf Jahren war Oded einer derjenigen, die das Kitesurfen nach Israel gebracht haben. Er war kurz davor, sein Hobby zum Beruf zu machen und am Strand eine Surfschule zu gründen. Jedoch gab es aus seinem Freundeskreis einen zweiten Bewerber um die Exklusivlizenz, einen ehemaligen Windsurfweltmeister, der letztendlich auch den Vorzug erhielt. Als der Sport schließlich immer weiter kommerzialisiert wurde und irgendwann zuviel Geld im Spiel den Geist des Sports veränderte, verlor Oded das Interesse und beschränkte sich auf das Kitesurfen als Hobby. Jedoch mit einer Ausnahme: Er nutzt das Kitesurfen mit großem Erfolg als therapeutisches Mittel, um den von ihm betreuten Kindern und Jugendlichen Selbstvertrauen zu geben und wieder auf die Beine zu helfen.

Durch Oded lernen wir in den nächsten zwei Wochen die hiesige Kitesurferszene kennen. Es ist ein bunter Haufen, der unterschiedlicher kaum sein könnte. Lediglich das Kitesurfen und ihre Freundschaft scheint sie zu verbinden.
Einer von ihnen ist der aus den USA stammende Anon. Er ist Mitte vierzig, Berufspilot und fliegt fast alles bis hin zu den größten Maschinen, die Airbus und Boeing bisher gebaut haben. Nur den Airbus A380 hat er noch nicht geflogen. Zuletzt flog er für Cathey Pacific. Doch sein Leben hat er dem Kitesurfen verschrieben. Seit einiger Zeit hat er vom Surfen einen angebrochenen Rückenwirbel, und neuerdings kommen auch noch starke Nackenschmerzen dazu. Aber beim Surfen merkt er nichts davon, und aufhören kann er sowieso nicht mehr: Er ist süchtig danach; das Kitesurfen ist seine Droge. Lieber würde er sterben, als mit dem Kitesurfen aufzuhören. Jedenfalls würde er selbst im Rollstuhl noch weitersurfen. Wenn er so weiter macht, dann ist es auch bald soweit, denn es stellt sich bald heraus, dass er seine Nackenschmerzen einem zweiten angebrochenen Wirbel verdankt.

Bet Yannay

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Seine ständige Begleiterin ist übrigens die exzentrische Papageiendame China, die selbst beim Kitesurfen oft auf seiner Schulter sitzt. Und wehe demjenigen, dem sie nicht wohl gesonnen ist: der sollte sich vor ihrem kräftigen Schnabel in Acht nehmen!

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Die durchtrainierte und quirlige Tamari ist mit ihren gut Mitte zwanzig Jahren schon viel gereist, war unter anderem lange in Neuseeland, wo sie Verwandte hat, und in Brasilien. Aus Brasilien hat sie den Capueira mit nach Israel gebracht. Capueira ist eine Mischung aus Tanz und Kampfsport. Für die Jugendlichen aus den brasilianischen Armenvierteln ist Capueira eine spielerische Möglichkeit, ihre Konflikte auszutragen und Aggressionen abzubauen. Vor allen Dingen hält Capueira aber auch enorm fit und trainiert die Koordination. Tamari unterrichtet Capueira seit mehreren Jahren für Interessenten aller Altersgruppen. Dementsprechend durchtrainiert ist sie. Überhaupt ist sie ein wahres Energiebündel. Sie spricht so schnell, dass sie uns ein ums andere Mal abhängt und wir des Öfteren nachfragen müssen. Und sie verbringt jede freie Minute beim Kitesurfen, vorausgesetzt es gibt genügend Wind.

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Tamaris Großeltern stammen ursprünglich aus Deutschland. Was sie nach Israel getrieben hat, wissen wir Deutschen natürlich allzu gut. Grundsätzlich ist der Holocaust natürlich auch in Israel nach wie vor ein großes Thema, aber nicht mehr und nicht weniger als bei uns. Es gibt zahlreiche Gedenkstätten, die häufige Ausflugsziele von Schulklassen sind. Uns begegnet man offen und herzlich und nicht mit Zurückhaltung oder gar Feindseligkeit.
Die beiden Frischvermählten Mahon und Yaron geben auf den ersten Blick ein ungleiches Paar ab. Sie, Mahon, ist eher kräftig gebaut und vertritt mit Leib und Seele ihre Standpunkte, mit denen sie der saloppen Art ihrer surfenden Freunde von Zeit zu Zeit kontra gibt. Er, Yaron ist ein schmaler Typ mit blonder Rastamähne. Er ist der Gründer, Besitzer und Geschäftsführer des Kiteherstellers Blade, der seine Kites außerhalb Israels sehr stark auch nach Deutschland und Österreich verkauft.

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Und dann ist da noch der große Oded, der ebenfalls surft und deutsche Vorfahren hat. Er fährt ein liebevoll gepflegtes, wenn auch teilweise etwas rustikal restauriertes Motorrad: eine wunderschöne alte Enfield, die er so stark frisiert hat, dass sie Krach macht wie eine Harley Davidson. Die ständigen Fehlzündungen tun ihr Übriges dazu.

Bet Yannay

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Außerdem hat Oded natürlich auch noch nicht surfende Freunde, namentlich Odeds neue Freundin Dana,

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sein liebenswerter Nachbar Aviv,

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und last but not least Aric, der Spaßvogel, mit dem Oded gemeinsam im Kibbuz aufgewachsen ist, und der immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hat. Zu unserer Schande haben wir es verpennt, ein Bild von ihm zu machen…

Mit ihnen allen zusammen, in wechselnden Besetzungen, machen wir jeden Tag zum Festival Day: das Buba-Festival – Buba ist Odeds Schäferhündin, die seit einem Autounfall nur noch ein Auge hat und die meiste Zeit des Tages verschläft –, dann das German Festival, das Festival Festival und so weiter und so weiter. Mit anderen Worten: Wir haben aus jedem Tag einen Festtag gemacht und es uns zwei Wochen lang so richtig gut gehen lassen!

Bet Yannay

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Totes Meer in Jordanien

Das gestrige Ärgernis noch nicht ganz verdaut, erreichen wir nach über 150 verlorenen Kilometern das Tote Meer. Das Tote Meer ist ein rund 800 Quadratkilometer großer, abflussloser Salzsee zwischen Jordanien und Israel, der durch das Wasser des Jordans gespeist wird.
Das Tote Meer liegt im Großen Afrikanischen Grabenbruch und bildet mit rund 400 Metern unter dem Meeresspiegel den tiefsten Punkt der Erdoberfläche. Der Große Afrikanische Grabenbruch ist ein tiefer Graben, der während der letzten rund 35 Millionen Jahre durch die Abspaltung der Arabischen Platte von der Afrikanischen Platte entstanden ist. Von Syrien ausgehend erstreckt sich der Große Afrikanische Grabenbruch über den See Genezareth, das Tote Meer, das Rote Meer und Ostafrika bis nach Mosambik.
Der durchschnittliche Salzgehalt des Toten Meers von über 25 Prozent ist der dritthöchste der Erde. Aufgrund des hohen Salzgehalts existiert im Toten Meer kein Leben, und diesem Umstand verdankt es auch seinen Namen. So lebensfeindlich das Tote Meer einerseits jedoch ist, so heilsam ist es andererseits für Menschen mit Hautkrankheiten wie Neurodermitis. Daraus ist ein boomender Gesundheitstourismus entstanden.

Am Toten Meer angekommen, treffen wir sogleich auf eine Reihe der üblichen Verdächtigen unter den großen Hotelketten, die diese Nachfrage befriedigen. Festungsartig, hinter dicken Mauern und Pforten haben sie sich verschanzt. Maschendrahtzäune am Strand stellen sicher, dass kein Tourist sich in ein benachbartes Hotel verirrt.
Neben den Grundstücken der Hotelketten liegt der öffentlich zugängliche Amman Beach mit einem kleinen Vergnügungspark für Kinder. Auch der Amman Beach ist vollständig eingezäunt, damit kein Einheimischer auf die Idee kommt, seinen Fuß auf den Boden der Hotels zu setzen und die internationalen Gäste zu belästigen.

Glücklicherweise macht dieser Bereich nur einen kleinen Teil des Toten Meers aus. Somit sind wir zunächst noch voller Hoffnung, dass es danach besser wird. Doch erst einmal schließt sich an das Areal eine wilde Müllkippe an. Ein entlaufener oder ausgesetzter Esel mit gebrochenem Bein humpelt durch die Müllberge und sucht nach Essbarem.

Totes Meer in Jordanien

Totes Meer in Jordanien

Totes Meer in Jordanien

Nicht wissend, was noch kommen wird, beschließen wir trotzdem, den kleinen Abhang hinunter zum Toten Meer zu gehen. Wir wollen das Tote Meer schließlich wenigstens auf seinen Salzgehalt testen, wenn wir schon einmal hier sind. Schon der Ufersaum besteht statt Sand oder Kies aus einer Salzkruste. Und das Wasser schmeckt in der Tat ziemlich salzig. Etwa so, wie wenn man einen Haufen Salz aus seiner Hand leckt.

Noch gelegentlich ausspuckend fahren wir weiter die Küste des Toten Meers hinunter nach Süden. Hier gibt es dann doch noch sehr schöne, einsame Küstenabschnitte. Das Ufer fällt hier jedoch so steil ab, dass man nicht hinunter ans Wasser gelangt.

Als die Küste dann endlich flacher und badetauglicher wird, ist das bloße Anhalten strikt verboten, da es sich um militärisches Sperrgebiet handelt. Großartig.

Schon entlang der Küstenstraße wurden wir in kurzen Abständen an zahlreichen Checkpoints kontrolliert, die mit je zwei Soldaten besetzt waren. Einer der Checkpoints war gar mit einem Hummer ausgestattet, also einem der US-amerikanischen Armeegeländefahrzeuge, besetzt mit zwei weiteren Soldaten: einer davon fahrbereit, der andere mit einem auf Ladefläche und Dach montierten Maschinengewehr im Anschlag. Jedes Mal kontrollierte man unsere Pässe, erkundigte sich nach unserem Reiseziel sowie der Anzahl der Sitzplätze in unserem Fahrzeug und warf einen prüfenden Blick auf unsere hintere Sitzreihe. Eingehender kontrolliert wurden wir jedoch nicht.

Totes Meer in Jordanien

Totes Meer in Jordanien