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Von Kapstadt zurück nach Deutschland

Unseren Gedanken und Erinnerungen nachhängend sitzen wir nun nach 373 Tagen und rund 35.000 Kilometern im Flugzeug von Kapstadt zurück nach Deutschland. Unseren Sprinter werden wir im Open-Top-Container nach Deutschland verschiffen. Die Investition der rund 4.000 Euro hätte sich eigentlich nicht mehr gelohnt, aber sonst bekämen wir unsere für das Carnet de Passages hinterlegten 5.000 Euro nicht zurück.
Es war eine lange Zeit, aber sie ist vergangen wie im Flug, und sie war aufregend, aber auch strapaziös. Einerseits freuen wir uns nun auf die Rückkehr nach Deutschland, andererseits bedrückt uns das Ende unserer großen Reise.

In Kapstadt haben wir acht Wochen lang gelebt, und die Stadt wäre ein so perfekter Ort zum Leben gewesen, wenn die sozialen Probleme dort nicht wären. Trotzdem wären wir gerne noch eine Weile geblieben. Wir hatten sogar versucht, Jobs zu finden. Doch wegen des Black Economic Empowerment Act gibt es kaum Jobs für Weiße. Viele junge, weiße Südafrikaner verlassen das Land in Richtung Australien oder Neuseeland. Schon gar keine Jobs gibt es für weiße Ausländer, es sei denn, sie verfügen über Kompetenzen, deren Bedarf Südafrika nicht aus dem Inland decken kann. Sprachkompetenz wäre da allen voran zu nennen, und in Kapstadt gibt es auch tatsächlich eine große deutschstämmige Gemeinde. Trotzdem reicht es meist nicht, Deutsch und Englisch zu sprechen, denn die Amtssprache der Buren ist ja Afrikaans.
Tatsächlich hätten wir die Möglichkeit gehabt, für Lufthansa oder Swiss Air in einem Callcenter zu arbeiten. Von den 500 Euro im Monat hätten wir uns aber kaum mehr als eine Wellblechhütte leisten können.

So freuen wir uns nun auch auf die Rückkehr nach Deutschland. Und wir sind gespannt, welche Abenteuer uns in unserer alten Heimat erwarten…

HIT THE ROAD!!!

Zu Gast in Hout Bay und Kapstadt

Hout Bay ist ein weiterer Vor- und Badeort von Kapstadt, gelegen in einer malerischen Bucht und umgeben von markanten Bergen:

Hout Bay, Kapstadt

Dennis, Maike und die drei Kids, die wir im Camp in Kairo kennen gelernt und die uns zu sich nachhause in Hout Bay eingeladen hatten, sind von Johannesburg hierher gezogen. Zu unserer Überraschung treffen wir jedoch nur Maike und die Kids an – Dennis ist nicht da. Aber erst einmal ist die Freude über das Wiedersehen riesig, und das feiern wir bei einem Glas Wein!

Maike und Christiane

Jasmin

Jona

Janek

Es stellt sich heraus, dass Dennis tatsächlich nicht mehr bei der Familie ist. Maike hat sich von ihm getrennt. Einige Tage später sehen wir ihn noch einmal kurz, doch es gibt nicht mehr viel zu sagen.

Zu Maikes Haus gehört ein kleines Cottage, das sie uns in den kommenden acht Wochen für unsere Erkundungen Kapstadts großzügig zur Verfügung stellt. Wir revanchieren uns dafür ein wenig, indem wir im Haushalt helfen und auch für sie eine Website machen, denn Maike ist Goldschmiedin:

Maike Valcarcel

Kapstadt selbst ist eine Stadt wie andere auch und nicht zu vergleichen mit dem Charme manch europäischer Stadt. Was Kapstadt besonders macht, sind die einzigartige Lage am Fuß des Tafelbergs mit seinem namensgebenden Plateau, die traumhaft schöne Küstenlinie und deren viele Strände. Das macht Kapstadt zu einem wahren Paradies – wären da nicht die riesigen sozialen Probleme Südafrikas.

Waterfront, Kapstadt

Waterfront, Kapstadt

Waterfront, Kapstadt

Wir hatten es bereits angesprochen: Das Leben hier hat etwas vom Leben im goldenen Käfig. Maikes Haus beispielsweise befindet sich wie fast alle Anwesen hier in einer umzäunten und bewachten Neighbourhood. Überall hängen Schilder des hier wachhabenden Sicherheitsdienstes. Die einzelnen Anwesen sind zusätzlich durch Alarmanlagen, hohe Mauern und teilweise Elektrozäune obendrauf geschützt. Man kommt sich vor, wie im Hochsicherheitstrakt.
Und so ist es auch: Als wir eines Tages einen kleinen Spaziergang auf den kleinen Berg hinauf machen wollen, an dessen Hang sich Maikes Neighbourhood befindet, schaffen wir es gar nicht erst aus dem Wohngebiet heraus – bis auf den Eingang ist es zu allen Seiten hin hermetisch abgeriegelt. Überall schlagen Hunde an – keine kleinen Kläffer, sondern richtige, scharfe Wachhunde –, und wir können die zahlreichen Augenpaare, die auf und ruhen müssen, förmlich spüren.
Wenn man in Südafrika zur Oberschicht gehört – und dazu gehört man als Weißer praktisch automatisch –, läuft man nicht: Man fährt mit dem Auto. Man fährt mit dem Auto zur Arbeit, man fährt mit dem Auto zum Einkaufen, man fährt mit dem Auto an den Strand. Weiße Kinder fahren nicht mit dem Bus, sondern weiße Kinder werden von Ihren Eltern mit dem Auto zum Kindergarten, zur Schule und zu sämtlichen Freizeitaktivitäten gefahren.

In Hout Bay ist ein Grund dafür auch das Township, das sich unweit neben Maikes Wohngebiet befindet. Während unseres Aufenthalts in Hout Bay schwappt die Welle an Ausschreitungen gegenüber schwarzafrikanischen Ausländern auch in die Kapstadter Townships herüber, nachdem es zuvor schon im Johannesburger Township Alexandra zu Ausschreitungen gegen Wirtschaftsflüchtlinge aus Simbabwe gekommen war. Hütten wurden niedergebrannt, und in Johannesburg kamen bei den Ausschreitungen mehrere Menschen ums Leben.

Unser Sprinter hat auf dem langen und beschwerlichen Weg durch Afrika übrigens ganz schön gelitten. Die Servolenkung funktioniert nicht mehr, und auch ein Ölwechsel ist mal wieder fällig. Die Mercedes-Werkstatt in Kapstadt hat Terminvorlaufzeiten von stolzen drei Wochen, daher beschließen wir, den Sprinter in eine offene Werkstatt in Hout Bay zu bringen. Die Lenkung lassen wir generalüberholen, doch später in Deutschland wird sich herausstellen, dass der Sprinter so nicht mehr zulassungsfähig ist: 1.700 Euro in den Sand gesetzt, für einige hundert Euro mehr hätten wir eine komplett neue Lenkung bekommen. Außerdem wird sich der Turbo verabschieden, denn die Leute von der Werkstatt füllen beim Ölwechsel mehrere Liter zuviel neues Öl ein – das hat sich gelohnt. Am Schloss der Hecktür macht sich auch jemand zu schaffen, denn wegen seiner Größe passt der Sprinter nicht in die Werkstatt und steht tagelang draußen.
Noch ein weiterer kurzer Blick in die Zukunft: Das wird längst noch nicht alles gewesen sein. Inklusive neuer Lenkung werden wir bei Mercedes in Berlin 4.500 Euro für die erste Reparatur nach Afrika auf den Tisch legen. Wenig später auf einer von Brandenburgs Kopfsteinpflasterstraßen wird uns dann ein Stoßdämpfer durch die Karosserie brechen – sie ist auf Afrikas Pisten einfach zu sehr beansprucht worden. Selbst ein Sprinter mit Allradantrieb ist eben immer noch ein gewöhnlicher Sprinter und nicht wirklich für das Gelände geschaffen. Auf den ersten 10.000 Kilometern in Deutschland werden wir insgesamt einen Reparaturaufwand von 10.000 Euro haben – einen Euro pro gefahrenem Kilometer. Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir den Sprinter natürlich nicht mehr nach Deutschland verschifft und reparieren lassen, aber dass es so schlimm werden würde, ahnten wir nicht.
Es soll aber auch nicht unerwähnt bleiben, dass wir noch nie einen so schlechten Service wie bei der Mercedes-Nutzfahrzeugwerkstatt in Berlin erlebt haben – der Mercedes-Vorzeigewerkstatt für Nutzfahrzeuge in Deutschland überhaupt. Jedes Mal habe ich gebeten, sie sollen den Wagen genau durchchecken und alles reparieren, was in nächster Zeit notwendig werden wird. Trotzdem schaffen wir kaum eine längere Fahrt ohne Panne. Nach einer der vielen Reparaturen haben wir es mit dem Sprinter nicht einmal vom Hof der Werkstatt geschafft. Lapidare Antwort von Mercedes: „Das ist eben ein altes Auto.“

Boxenstopp bei Jungle Junction in Nairobi

Nairobis Ruf ist nicht viel besser als der der Mojale-Route. Nicht umsonst trägt Nairobi auch den spöttischen Namen „Nairobbery“. Umso mehr sind wir erstaunt, dass Nairobi abgesehen vom Verkehrschaos im Zentrum eine durchaus schöne Stadt mit viel Grün ist. Und einkaufen kann man hier weltklasse. Zumindest kommt es uns nach der langen Supermarktabstinenz seit Kairo so vor. Wir kaufen den halben Supermarkt leer: Bier, Wein, Gin, Tonic Water, Salt & Vinegar Chips, Haribos, Schokolade und was es sonst noch so gibt. Auch ein paar gesunde Sachen verirren sich in den Einlaufskorb, aber sie sind deutlich in der Unterzahl.

Nachdem wir uns noch am westlichen Angebot des angegliederten Cafés gütlich getan und das offene Funknetzwerkverbindung des Cafés in Anspruch genommen haben, schleppen wir unsere Beute zurück zu Jungle Junction, einem festungsartig gesicherten, aber schönen Camp, in dem wir uns einquartiert haben und wo wir uns mit Fulco und Marielle verabredet hatten. Hohe Mauern, versehen mit Glasscherben und Stacheldraht umgeben das Camp, zwei Wachhunde liegen faul in der Sonne. Soll uns das ein Gefühl von Sicherheit geben, oder sollte uns das nicht eher verunsichern? Aber solche Mauern sind in afrikanischen Städten leider völlig normal. Mit ihnen schützen die Weißen und die wohlhabenden Schwarzen sich und ihr Hab und Gut vor den armen Schwarzen. Anfangs irritierend, gewöhnt man sich doch schnell daran. Außerdem ist es in den augenblicklichen unsicheren Zeiten vielleicht gar nicht so verkehrt. Nur wenige Wochen zuvor kam es vor Jungle Junction noch zu einer Straßenschlacht und Schießereien. Die Camper waren innerhalb der beeindruckenden Mauern in Sicherheit.

Chris ist Deutscher und betreibt Jungle Junction seit etlichen Jahren. Er hat das Camp vorbildlich organisiert und kümmert sich hervorragend um seine Gäste. Freitags gibt es Barbecue vom Feinsten – da entpuppt er sich als wahrer Grillmeister. Eigentlich ist Chris gelernter Kfz-Mechaniker. Er war Werkstattleiter bei BMW-Motorrad in Nairobi. Motorräder sind seine Leidenschaft, und er hat seinem Camp eine kleine, aber feine Motorradwerkstatt angegliedert. In Afrika kann man nicht nur auf einem Bein stehen, sagt er. So heißen die Afrikafahrer auch die Gelegenheit willkommen, ihre Motorräder und Autos bei Chris zu reparieren oder reparieren zu lassen. So auch wir, denn wir hatten ja einen Platten. In Nairobi bekommt man so ziemlich alles, was für eine Reparatur notwendig ist. Chris nennt uns zwei Reifenflicker, die sich das Malheur ansehen können. Leider stellt sich heraus, dass an einer Stelle die Gummischichten begonnen haben, sich voneinander zu lösen – irreparabel. So müssen wir wohl oder übel zwei neue Reifen bestellen, denn nur einen zu wechseln, wäre bei dem bereits stark abgefahrenen Profil des gegenüberliegenden Reifens nicht möglich. Der Spaß kostet uns runde dreihundert Euro.

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Safari im Samburu National Reserve

Etwa vierzig Kilometer vor Isiolo kommt man am Samburu National Reserve vorbei. Dennis und Maike in Kairo hatten es uns empfohlen. Es ist das erste Naturreservat, das wir uns ansehen werden. Fulco und Marielle sind unschlüssig, da sie Sorge um ihren Bus haben und außerdem organisieren müssten, dass Doerak und Djennis, ihre beiden Niederländischen Schäferhunde, irgendwo versorgt wären. Da es bis Isiolo nicht mehr weit ist, trennen wir uns unbesorgt. Wir wollen uns in zwei Tagen in Nairobi treffen.

Das Samburu National Reserve ist ein vergleichsweise kleines Naturreservat, aber man kommt auf vielen kleinen Wegen sehr nahe an die Tiere heran. Es ist durchzogen von einer ursprünglichen Flusslandschaft. Hier sehen wir unsere ersten Elefanten, Büffel, Giraffen, Zebras, Gazellen und Emus in freier Wildbahn. Raubtiere bekommen wir leider nicht zu sehen, obwohl es Löwen, Leoparden und Krokodile geben soll.

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Nach einer Nacht auf dem ungesicherten Camp-Gelände des Samburu National Reserve, wo uns eine Horde Affen einen Besuch abgestattet und versucht hat, in unseren Sprinter einzudringen, machen wir uns glücklich und tief beeindruckt auf den restlichen Weg nach Isiolo. Die paar Kilometer ohne Fulco und Marielle sollten wir nun auch noch unbeschadet überstehen. Aber nein, Irrtum, wir treffen noch einmal auf eine richtig üble Piste. Und, wie könnte es anders sein, wir fangen uns auch gleich einen Platten ein. Ein dicker, langer Dorn hat sich durch einen unserer Reifen gebohrt und für einen schleichenden Platten gesorgt. Diese Büsche mit Dornen so lang wie Messer gibt es hier überall in Kenia. Nun ist es also so weit, der erste Reifenwechsel an unserem Sprinter steht an. Natürlich ist es nicht unser erster Reifenwechsel, aber es ist der erste an einem so großen und schweren Fahrzeug. Wir machen uns aber gut, und nach einer halben Stunde können wir weiterfahren.

Da wir im Gegensatz zu fast allen anderen Afrikafahrern aus Platzmangel nur ein Ersatzrad haben, wäre ein weiterer Platten jetzt schlecht. Und ein Platten kommt auf solchen Pisten selten allein. Aber wir haben Glück und erreichen ohne weitere Zwischenfälle Isiolo. Ab Isiolo gibt es eine Teerstraße, die bis nach Nairobi führt. Mit ungewohntem Komfort gleiten wir nun dahin. Da es noch nicht so spät ist, fahren wir gleich weiter bis nach Timau, das nur wenige Kilometer vor dem Äquator am Fuß des Mount Kenia liegt, dem zweithöchsten Berg Afrikas. Hier gibt es ein wunderschönes, natürlich gelegenes Camp mit Blick auf den Berg: das Timau Camp.

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Vorgestern haben wir uns in Yabello wieder mit Fulco und Marielle getroffen. Erneut steht uns ein schwieriger und dieses Mal auch gefährlicher Streckenabschnitt bevor: die berüchtigte Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia. In Yabello haben wir uns mit reichlich zusätzlichen Wasser- und Dieselvorräten in großen Plastikkanistern eingedeckt, die wir günstig erstanden haben.

Yabello

Yabello

Am Abend haben wir uns dann auf der Terrasse des zu unserem Camp gehörenden Restaurants mit einer Portion Injera gestärkt – dem äthiopischen Nationalgericht. Injera ist ein weiches, gesäuertes Fladenbrot, das in mundgerechte Stücke gerissen und in Fleischragout und andere Zubereitungen getunkt wird. Fulco bestellte dazu eine Flasche Cola, aber es war keine Kohlensäure darin. Als er den Kellner darauf aufmerksam machte, nahm dieser die Flasche und goss von deren Inhalt auf den Boden der Terrasse neben Fulco. Aus der aufschäumenden Cola auf dem Terrassenboden schloss er schließlich, es müsse doch Kohlensäure darin sein. Kann man da widersprechen?

Die Mojale-Route ist benannt nach der äthiopisch-kenianischen Grenzstadt und führt quer durch Nordkenia über Marsabit nach Isiolo. Berüchtigt ist die Mojale-Route wegen der seit Jahren dort immer wieder stattfindenden Überfälle durch somalische Banden – teils mit tödlichem Ausgang –, und sie ist ein wilder Ritt über so genannte Waschbrett- beziehungsweise Wellblechpisten. Diese Pisten verdanken ihre Namen dem knochenharten Muster, das durch die Befahrung mit der Zeit entsteht. Halsbrecherische Geschwindigkeiten sind eine Möglichkeit, solche Pisten einigermaßen heil zu überstehen – wenn alles gut geht. Man saust dabei über die Wellenkämme hinweg. Diese Fahrweise ist aber auch mit hohem Risiko verbunden, denn ein Schlagloch kann genügen, um ein Fahrzeug auszuheben und abfliegen zu lassen. Bremsen ist bei dem geringen Bodenkontakt kaum noch möglich. Deshalb empfiehlt sich diese Fahrweise nur für diejenigen, die die Strecke sehr gut kennen. Für uns bleibt nur, mit 10–20 Stundenkilometern durch die Wellentäler zu schleichen.
Für Fahrzeuge wie unsere Busse ist die Mojale-Route die einzige Möglichkeit, nach Kenia zu gelangen. Für geländegängige Fahrzeuge gibt es eine Alternative, die Turmi-Route. Sie führt durch das äthiopische Dorf Turmi und das Grenzdorf Omorate im Omotal und dann über die grüne Grenze nach Kenia, entlang der Ostseite des Turkanasees nach Isiolo. In Omorate bekommt man den äthiopischen Ausgangsstempel in den Pass. Eine Zollabfertigung gibt es dort allerdings nicht, das heißt den Carnet-Stempel muss man sich schon vorab beim Zollamt in Addis Abeba besorgen. Das Ausreisedatum trägt man bei der Grenzüberquerung selbst ein. Auf kenianischer Seite gibt es keinerlei Grenzabfertigung. Visa muss man sich vorab besorgen und dann bei Ankunft in Nairobi von der Einwanderungsbehörde abstempeln lassen. Den Carnet-Eingangsstempel bekommt man ebenfalls in Nairobi beim Zoll. Wichtig ist, dass man auf die Strecke genügend Treibstoff für rund 1.500 Kilometer, Verpflegung und vor allem Wasser für mindestens zehn Tage mitnimmt. Bis auf wenige Dörfer gibt es entlang der Turmi-Route nichts als Wildnis. Die ganze Mühe soll sich aber lohnen. Die Landschaften im Omotal und am Turkanasee müssen traumhaft sein und noch bewohnt von Urvölkern. Da aber auch einige Flussdurchfahrten zu meistern sind mit steilen Ufern, die für unsere Busse ein Problem darstellen würden, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf das Abenteuer Mojale-Route einzulassen.

Gestern auf dem Weg von Yabello nach Mojale haben wir die allgegenwärtigen Termitenhügel sowie das Schauspiel der kleinen Wirbelstürme bestaunt, die sich bei der Hitze hier überall bilden.

Von Yabello nach Mojale

Von Yabello nach Mojale

Von Yabello nach Mojale

Von Yabello nach Mojale

Bei der Grenzabfertigung in Mojale staunten wir dann, wie unkompliziert alles verlief. Mit einem freundlichen Karibu wurden wir von den kenianischen Beamten begrüßt und sogleich darüber aufgeklärt, dass man darauf mit Ashante antwortet.
Vielleicht war die unkomplizierte Grenzabfertigung auch eine positive Begleiterscheinung der Unruhen, die nach den Wahlen im Dezember in Kenia ausgebrochen waren. Die Opposition hat die Wahl gewonnen, aber Präsident Kibaki denkt gar nicht daran, seinen Posten zu räumen. Daraufhin kam es landesweit zu Protesten und Eskalationen, besonders in den Elendsvierteln Nairobis, den so genannten Townships. Polizei und Militär gingen gewaltsam gegen die Proteste vor. Straßenschlachten, Brandschatzungen, Raubüberfälle und Tote waren die Folge. Die Volksstämme des Präsidenten und des Oppositionsführers, die beide am Turkanasee beheimatet sind, bekriegten sich. Hunderttausende Menschen flohen in das Grenzgebiet zwischen Kenia und Uganda. Mittlerweile sitzen Regierung und Opposition unter internationaler Aufsicht, allen voran des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan, aber auch der US-amerikanischen Außenministerin Condoleca Rice, an einem Tisch und sollen sich auf einen Kompromiss einigen. Der Kompromissvorschlag sieht eine geteilte Übergangsregierung für zwei Jahre und dann Neuwahlen vor.
Auf den Straßen ist es seitdem vorübergehend ruhig. Solange Kibaki nicht einlenkt, kann es jedoch jederzeit zu einer erneuten Eskalation kommen. Mittlerweile haben beinahe alle Reiseveranstalter ihre Reisen nach Kenia abgesagt, und der für Kenia so wichtige Tourismus liegt praktisch vollständig am Boden. Kein Wunder also, dass wir mit Kusshand in Kenia willkommen geheißen wurden.

All das sind keine wirklich guten Umstände. Mit flauen Mägen brechen wir früh morgens auf und machen uns auf den abenteuerlichen Weg nach Isiolo. Die ersten Kilometer der Mojale-Route verlaufen noch problemlos. Wenn das so bliebe, wäre die Welt in Ordnung. Doch es bleibt nicht so. Schon bald tauchen die ersten großen Schlaglöcher auf, und es werden immer mehr. Dann wird die Piste immer härter, da der Boden immer trockener wird. Das Fahren erfordert permanente Höchstkonzentration. Nur ein bisschen zu schnell, schon bekommen Fahrer und Fahrzeuge sofort harte Schläge ab.

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Nach nur zwei Stunden ist es dann auch so weit: Fulcos und Marielles Bus wird im Rückspiegel immer kleiner. Sie sind stehen geblieben. Wir fahren ebenfalls an den Straßenrand und warten, denn kurze Pausen sind bei der pausenlosen Beanspruchung von Mensch und Material häufig. Nur wenig später kommen Fulco und Marielle langsam angeruckelt. Sie geben uns Handzeichen, dass sie ein Problem haben.
Die Bremse hinten links hat sich festgesetzt und löst sich nicht mehr. Also heißt es unter den Wagen robben und nach dem Rechten schauen. Die Bremse selbst stellt sich schnell als nicht das eigentliche Problem heraus. Nein, viel schlimmer: Die komplette Hinterachse hat sich auf der linken Seite nach hinten verschoben. Wie sollen wir das nur reparieren? Ratlosigkeit droht sich breit zu machen, würde uns aber nicht weiterhelfen. Wir nehmen die Aufhängung der Hinterachse genauer unter die Lupe, denn auf den ersten Blick ist gar nicht erkennbar, wie die Hinterachse überhaupt mit dem Rahmen verbunden ist und was die tragenden Teile sind. Schließlich stellt sich heraus, das die Achse im wesentlichen an der Blattfederung und diese wiederum am Rahmen befestigt ist. Oben auf der Blattfederung liegt ein kleiner Metallblock, eine Art Schlitten mit zwei Mulden an dessen Enden, in denen zwei große, u-förmige Schrauben aufliegen und von dort quasi herunterhängen. Sie umschließen das gesamt Packet an Federblättern und führen schließlich durch vier Bohrungen in der Achse. Unter der Achse sitzen Muttern auf den Schrauben, die das ganze zusammenhalten. Und diese Muttern haben sich durch das stetige Gerüttel gelockert. Dadurch ist der ganze Schlitten samt Schrauben, der normalerweise mittig auf dem obersten Federblatt aufliegen sollte, nach hinten gerutscht und mit ihm die komplette Hinterachse.
Problem erkannt, aber wie sollen wir die Hinterachse ohne Hebebühne bloß wieder in Position bringen? Es bleibt uns nichts anderes übrig, als es mit Wagenhebern zu versuchen. Fulco besitzt deren gleich zwei. Nachdem wir das hinderliche Reserverad abmontiert haben, gelingt es uns so, das Heck weit genug anzuheben, um das linke Zwillingsrad freizubekommen. Mit vereinter Kraft zerren Fulco und ich an dem Rad, um die Achse zu bewegen. Sie rührt sich keinen Millimeter. Erneut versuchen wir es. Wieder nichts. So kommen wir nicht weiter. Wenn du mit Körperkraft nicht weiterkommst, dann lass Werkzeuge für Dich arbeiten. Bloß welches? Natürlich, wir können es mit einem Stemmeisen versuchen. Das Eisen ist schnell herbeigeholt und am Rad angesetzt. Fulco betätigt den Hebel, während ich weiter am Rad ziehe. Und tatsächlich, so gelingt es uns, Rad und Achse zu bewegen. Stück für Stück bewegt sich die Achse zurück in ihre angestammte Position.
Doch der Schlitten auf der Blattfederung ist nicht mitgerutscht. Wenn wir das so lassen würden, bräuchte Fulco nur ein wenig anzufahren, und die Achse würde einfach stehen bleiben, das heißt sofort wieder nach hinten rutschen. Also nehmen wir uns den Schlitten mit dem Gummihammer vor, doch wir richten damit nicht das geringste aus. Er sitzt zu fest auf der Federung. Es ist uns gelungen, die gesamte Achse zu bewegen, und jetzt sollen wir an diesem Schlitten scheitern? Im ersten Moment denken wir daran, die vier Muttern unter der Achse weiter zu lockern, um die Spannung vom Schlitten zu nehmen, doch würde es das wirklich bewirken? Da das Rad immer noch in der Luft steht und somit Zug auf die Blattfederung ausübt, würden die Federblätter nur weiter auseinander gebogen und sie den Schlitten noch unbeweglicher machen. Nein, wir müssen das Rad ablassen, denn dann wird die Federung auf Druck belastet und die Federblätter gestrafft. Dann müsste sich der Schlitten hoffentlich bewegen lassen.
Wieder nehmen wir uns den Schlitten mit dem Gummihammer vor, und tatsächlich, diesmal scheint er sich bewegt zu haben. Also machen wir weiter, Millimeter für Millimeter, bis der Schlitten schließlich wieder dort liegt, wo er hingehört. Jetzt müssen wir noch die vier Muttern wieder festziehen, und das sollte es dann gewesen sein – hoffen wir zumindest…

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Vorzeigbare zwei Stunden haben wir gebraucht, aber die werden uns jetzt für den Rest der Strecke nach Marsabit fehlen. Zu allem Überfluss wird das Wellblech noch schlimmer. Brettharte Schläge sind unvermeidbar, wenn wir heute noch angekommen wollen. Zwischen Mojale und Marsabit gibt es keine Übernachtungsmöglichkeiten, es sei denn, wir stellen uns irgendwo an den Straßenrand und machen ein Bushcamp. Beim Ruf der Mojale-Route wollen wir das aber unter allen Umständen vermeiden. So können wir auf das Material nun nicht mehr viel Rücksicht nehmen, obwohl wir nicht wissen, ob die reparierte Achse halten wird. Dementsprechend groß ist jetzt die Anspannung.
Das wird auch nicht besser, als das Buschland langsam in eine öde, hitzeflirrende Steinwüste übergeht. Das Wellblech ist von immer größeren Steinen durchsetzt. So geht es Stunden, bis die Piste schließlich in tiefen Schotter übergeht. Wäre der Schotter nicht so tief, wäre das ja beinahe angenehm, aber die alle paar Stunden durchfahrenden Laster haben tiefe Furchen hinterlassen. Sie sind so tief, dass wir nicht in diesen Spuren fahren können, denn unsere Achsen sind zu niedrig über dem Boden, so dass wir ständig aufsetzen würden. So müssen wir am Rand der Rinnen entlang balancieren.
Aber unser Heck rutscht immer wieder ab, und ständig haben wir harte Bodenkontakte mit der Vorderachse. Als es wieder einmal ziemlich knallt, halten wir an, um den Schaden zu begutachten. Es ist nichts gebrochen, aber auf der Seite des rechten Vorderrads ist eine ölige Flüssigkeit auf den Achsschutz getropft, die wir nicht genau identifizieren können. Sie kann nur aus der Lenkmanschette ausgetreten sein, die die Lenkstange vor Staub schützt. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass die Manschette vollkommen durchlöchert ist. Wir befürchten, dass es sich um Lenkflüssigkeit handeln könnte, doch wir können den Schaden jetzt nicht reparieren. Auch so schon werden wir erst bei Dunkelheit in Marsabit ankommen.

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Also geht es weiter. Die hochstehende Sonne stürzt unaufhaltsam dem Horizont entgegen, und das Dunkel der Dämmerung bricht über uns herein. Und wir sind noch lange nicht in Marsabit. Glücklicherweise haben wir Zusatzscheinwerfer.
So fahren wir durch die Dämmerung hindurch in die Nacht hinein. Es wird dunkel, und außer der Piste und den Büschen an der Seite sehen wir nichts mehr. Noch zwei Stunden, schätzen wir, sind es bis nach Marsabit. Sehr unangenehm in einer Gegend, die für Raubüberfälle berüchtigt ist. Aber es gehört auch immer eine gute Portion Pech dazu, wenn so etwas passiert. Es gibt keine Regelmäßigkeit in diesen Überfällen. Sie treten alle paar Monate auf. Allerdings weiß man auch nie, welche Überfälle real sind und welche von Wichtigtuern erfunden.
Nach einer schier unendlich lang scheinenden Fahrt treffen wir irgendwann schließlich doch noch, totmüde zwar, ansonsten aber quicklebendig, in Marsabit ein. Achse und Lenkung haben gehalten. Beim sympathischen Schweizer Henry The Swiss, der schon seit dreißig Jahren in Kenia lebt und einen Bauernhof und ein Camp betreibt, kommen wir bestens aufgehoben unter, genehmigen uns ein kühles kenianisches Bier mit kenianischem Käse und von Henrys kenianischer Frau selbstgebackenem Brot und fallen in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

Den nächsten Tag bleiben wir bei Henry, um uns von der anstrengenden Fahrt zu erholen und die Lenkung genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Lenkflüssigkeitsstand ist in Ordnung, also kann es nicht allzu schlimm sein. Wir reinigen das Lenkgestänge unter der Gummimuffe und die Muffe selbst so gut es geht vom Staub und dichten alles mit einem aufgeschnittenen Frischhaltebeutel ab, den wir um die Muffe herumwickeln, mit Isolierband abkleben und mit Kabelbindern befestigen.

Herny The Swiss, Marsabit

Herny The Swiss, Marsabit

Herny The Swiss, Marsabit

So kann es am nächsten Tag guter Dinge weiter gehen nach Isiolo, obwohl dieser Streckenabschnitt einen noch schlechteren Ruf genießt als der erste. Bei langsamer Fahrt ist die Piste nach Isiolo gar nicht so schlimm. Zumindest erwartet uns nicht wieder tiefer, ausgefahrener Kies, und die Umgebung wechselt wieder in eine grüne Buschlandschaft, die ab und zu sogar den Blick auf Berge freigibt.

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

 

 

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Von Karima nach Adbara

Es sind noch 600 km bis Khartum. Wir hoffen, dort im Blue Nile Sailing Club andere Afrikafahrer zu treffen und gemeinsam Silvester feiern zu können. Und der Tag fängt gut an in Karima, wo es Pyramiden zu sehen gibt. Sie sind zwar nicht so gigantisch wie die Pyramiden von Gizeh, dafür müssen wir sie aber auch nicht mit anderen Touristen und Kameltreibern teilen. Und sie wurden nicht mit soviel Blut erbaut, wie ihre großen Geschwister in Kairo.

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Dann allerdings fängt die Misere an. Wir müssen zum ersten Mal mit der Fähre über den Nil. Nebendran steht zwar schon eine fertige Brücke. Aber sie wird erst in einer Woche eröffnet. Da hilft auch kein Bakshish. Die Fähre kostet uns gleich mal einen halben Tag. Die Überfahrt selbst dauert zehn Minuten, das Warten davor vier Stunden. Willkommen in Afrika!

Fähre über den Nil

Fähre über den Nil

Und weil’s so schön ist, steht uns am Abend haargenau das gleiche Drama noch einmal bevor – inklusive im Bau befindlicher Brücke:

Fähre über den Nil

Fähre über den Nil

Am Ende sind wir froh, dass wir gerade noch kurz vor Mitternacht von der Fähre herunterkommen und bei Adbara – noch ganze 300 km vor Khartum –, in der Wüste ein Plätzchen zum Anstoßen finden. Fulco und Marielle haben zu diesem Anlass eine Flasche Sekt aufgehoben, und sogar Wunderkerzen gibt es als Feuerwerk!

Adbara

Von Wadi Halfa nach Dongola

Nach einem aufreibenden Nervenkrieg, der die Richtigkeit unseres Israelbesuchs zeitweilig in Frage gestellt hat, haben wir es am Vortag durch die sudanesische Zollkontrolle geschafft. Das Problem waren letztlich nicht die israelischen Stempel in unseren Pässen, die unbemerkt blieben, und es war auch nicht die Palette Bier im Auto, die unentdeckt blieb, sondern vielmehr die Identifikationsnummer unseres Motors, die ich zum Abgleich mit unseren Fahrzeugpapieren am Motor einfach nicht finden konnte. Am Ende hat der Zollbeamte – einer von der Sorte, die nicht mit sich spaßen lässt –, unerwartet ein Auge zugedrückt und uns durchgewunken. Unser Glück waren wohl die anderen Afrikafahrer, die auch noch abgefertigt werden mussten.

Der erste Weihnachtsabend wird genauso ungewöhnlich wie der Heiligabend zuvor. Gemeinsam mit den beiden Niederländern Fulco und Marielle und ihren quirligen Niederländischen Schäferhunden Djennis und Doerak, mit den Franzosen Alain und Jacques und mit den Deutschen Uwe und Ulrike verbringen wir den Abend des ersten und den Morgen des zweiten Weihnachtstags in der sudanesischen Wüste, bevor wir uns auf den abenteuerlichen Weg von Wadi Halfa nach Dongola machen.

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Um von Wadi Halfa nach Dongola zu kommen, gibt es zwei Möglichkeiten. Die kürzere Route verläuft entlang der Bahnlinie von Wadi Halfa nach Dongola, doch es soll mehrere versandete Stellen geben, die für unseren Sprinter vermutlich unpassierbar wären. Die von uns gewählte Alternativroute führt durch die Wüste und entlang des Nils über knüppelhartes Wellblech, durch knietiefen Staub und dicken Schlamm.

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Kurz vorm zweiten Weihnachtsabend heißt es dann auch erstmals Schaufeln auspacken und Marielles und Fulcos schweren, alten Bus aus dem Sand graben. Gut, dass die Beiden Sandbleche dabei haben. So arbeiten wir uns Meter für Meter vor, bis wir das 5-Tonnen-Gefährt schließlich mit unserem Sprinter heraus ziehen können.

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Wir sind froh, dass wir die Strecke gemeinsam fahren und die ersten Erfahrungen unter solchen Bedingungen nicht allein machen müssen. Das nimmt die Anspannung, und nach und nach kommen wir immer besser mit den Straßenverhältnissen zurecht. Unser Vertrauen in die eigenen Fahrkünste und die Fähigkeiten des Sprinters wächst von Tag zu Tag, und wir können die endlos weiten Ausblicke, die uns die Wüste hier bietet, mehr und mehr genießen.

Außerdem haben wir erste Kontakte zu den Einheimischen, auch wenn wir uns nach den anstrengenden Etappen manchmal gerne auch einfach nur zurückziehen und für uns sein würden. Doch wo immer wir anhalten versammeln sich die Menschen um uns herum und beobachten uns neugierig. Sie sind überaus freundlich, die Money-Money-Fraktion ist kaum vertreten. Und wenn wir durch die Dörfer fahren, dürfen wir uns endlich einmal fühlen wie der Papst. Alle winken uns freundlich zu und ermuntern uns zum Anhalten. Wir winken freundlich zurück, fahren aber weiter, denn wenn wir jedes Mal anhielten, würden wir noch weniger als die maximal 100 Kilometer schaffen, die wir bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von maximal 10–20 Kilometern in der Stunde ohnehin nur schaffen.

Über den Nassersee von Assuan nach Wadi Halfa

Um von Ägypten in den Sudan zu gelangen, steht nur der Wasserweg über den Nassersee offen. Die Grenzüberschreitung auf dem Landweg ist selbst mit einem Geländewagen nicht zu empfehlen, da es keinen offiziellen Grenzübergang gibt, sondern lediglich einen schwer bewachten Militärposten, und das Gebiet vermint ist. Von Assuan geht eine Fähre über den Nassersee zum Wüstenort Wadi Halfa, dem Eingangstor zum Sudan. Die Überfahrt dauert 24 Stunden und kostet stolze 500 Euro. Na prima. Die Visa für den Sudan hatten schon mit je 100 US-Dollar zu Buche geschlagen, und im Sudan werden weitere Einreise- und Registrierungsgebühren anfallen, insgesamt nochmals über 100 US-Dollar. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fähre nur wenige Autos transportieren kann und nur einmal pro Woche verkehrt.

Da wir Silvester gerne im Blue Nile Sailing Club, einem weiteren Treffpunkt der Afrikafahrer, feiern möchten, machen wir uns von Hamata schnellstmöglich auf den Weg nach Assuan. Doch unser Weg nach Assuan steht unter keinem guten Stern. Um vom Roten Meer an den Nil und von dort nach Assuan zu gelangen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Die erste Abzweigung geht von Marsa Alam ab. Dank einer Fehlinformation stellen wir jedoch erst 60 km später am Flughafen von Marsa Alam fest, dass wir viel zu weit gefahren sind. Also fahren wir weiter nach El Quesir zur nächsten möglichen Abzweigung. An einem Checkpoint werden wir jedoch gestoppt: die Strecke sei zu gefährlich, wir müssten weiterfahren bis Safaga.
In Safaga können wir dann endlich hinüber zum Nil queren. Die ganze Aktion hat uns jedoch einen Umweg von mindestens 250 km beschert und einen ganzen Tag gekostet. An diesem Tag schaffen wir es nur noch bis Luxor. Dort hält ein Anruf im Fährbüro eine schlechte Nachricht für uns bereit: Wegen eines muslimischen Feiertags fällt die Fähre am 17. Dezember. aus, und die Fähre eine Woche später sei auch schon ausgebucht. Die nächste Fähre ginge dann erst am 30. Dezember.
Aber so einfach wollen wir uns nicht geschlagen geben. Frank, ein knochentrockener Deutscher mit britischem Humor, den wir schon im Camp in in Kairo kennen gelernt haben, kommt zufälligerweise auch am selben Abend im Camp in Luxor an und vermittelt uns den Kontakt zu zwei Südafrikanern, die gemeinsam mit ihrem querschnittsgelähmten Vater auf dem Weg von Ägypten nach Südafrika sind. Sie wollen für sich und einige andere eine Extrafähre organisieren.
Am nächsten Morgen heißt es somit trotzdem „Auf nach Assuan!“, früh aufstehen und bei Dunkelheit um 5 Uhr losfahren, um es noch rechtzeitig bis zum Fährbüro zu schaffen. Doch es soll schon wieder nicht sein. Anfangs kommen wir noch recht gut durch, da wir uns an einen Reisebus dranhängen. Hinter dem Bus können wir uns verstecken und ungesehen mit durch die zahllosen Checkpoints hindurch schlüpfen. Immer wenn wir uns einem Checkpoint nähern, warnt uns der Busfahrer mit dreimal Warnblinker vor. Außerdem zeigt er mit Blinker recht und Blinker links die engen Kurven an. Nach Bedarf kombiniert er die Zeichen auch gekonnt. So heißt zum Beispiel Blinker links, rechts, links plus Warnblinker: „Vorsicht, S-Kurve mit anschließendem Checkpoint!“
Leider trennen sich unsere Wege aber nach halber Strecke, und tatsächlich werden wir gleich am nächsten Checkpoint heraus gewunken. Zwielichtige Gestalten in Militäruniform nehmen uns die Pässe ab und beordern uns in einen abgezäunten Bereich neben dem Checkpoint.
Während wir auf unsere Pässe warten, beobachten wir, wie die Locals im Vorbeifahren Geldscheine aus dem Fenster halten, um ungehindert zu passieren. Das kann ja heiter werden. Die Soldaten, oder was auch immer sie sein mögen, sprechen kein Wort Englisch und quatschen mich auf Arabisch voll. Es geht um Bakshish, aber ich gebe mich ahnungslos.
Nach fünf Minuten bekommen wir schließlich tatsächlich unsere Pässe zurück, aber der Absperrzaun bleibt geschlossen. Wie sehe es denn nun mit einem Bakshish aus, werde ich gefragt. Ein Würstchen, das daneben steht und nicht besonders helle wirkt, malt mit dem Finger eine hundert in seine Handinnenfläche. Ist wohl die größte Zahl, die er kennt und richtig schreiben kann. Da er wahrlich nicht so wirkt, als ob er etwas zu sagen hätte, ignoriere ich ihn und drücke dem Anderen fünf Ägyptische Pfund in die Hand, also fast nichts. Aber er scheint damit zufrieden zu sein und gibt das Zeichen, den Absperrzaun zur Seite zu schieben. Der Andere macht eine Geste, als ob er frieren würde und sich wärmen müsste. „Ja, ziemlich kalt hier.“ sage ich und gebe Gas, bevor die es sich noch einmal anders überlegen.
Am nächsten Checkpoint werden wir gleich wieder heraus gewunken. Man erklärt uns, wir müssten auf den nächsten Konvoi warten. Der käme in anderthalb Stunden. Das musste ja irgendwann kommen. Bisher hatten wir Glück. So werden wir es aber nicht mehr rechtzeitig bis ins Fährbüro schaffen.
Drei der Gestalten stehen vor unserem Fahrzeug und teilen dicke Geldbündel untereinander auf. Nach einiger Zeit werden wir mürbe, und ich frage einen von Ihnen, ob ein Bakshish den Prozess eventuell beschleunigen könnte. Er grinst uneindeutig und zeigt mir eine zehn an. Das könnte 10 Pfund heißen, könnte aber auch heißen, dass wir auf den Konvoi um 10 Uhr warten müssen. Ich halte ihm eine Zehn-Pfund-Note hin, doch er schüttelt den Kopf und deutet mit seinen Fingern eine Drei an. Es soll wohl bedeuten, dass sie zu dritt sind und jeder 10 Pfund haben will. Dreißig Pfund sind mir aber eindeutig zu viel, und so warten wir weiter auf den Konvoi.
Nach zwei Stunden kommen tatsächlich zwei Reisebusse vorbei, doch bei den Gestalten rührt sich nichts. Da keine weiteren Busse kommen, steige ich aus dem Wagen und frage, was da los ist, da wäre eben doch ein Konvoi vorbeigekommen. Ich solle mich noch ein paar Minuten gedulden, wird mir bedeutet. Ich setze mich wieder in den Wagen und lasse schon mal den Motor an. Wenn wir nicht bald weiterfahren können, dann fahren wir eben so los.
Doch so weit kommt es nicht. Nach ein paar Minuten bekommen wir endlich das Zeichen, weiterfahren zu dürfen. Kein Konvoi weit und breit, das Ganze war reine Schikane. Und es ist ihnen wirklich geglückt, uns zu schikanieren, denn das Fährbüro können wir für heute vergessen.

In den nächsten Tagen in Assuan ist die Fähre das absolute Hauptthema, denn die Anmietung einer Extrafähre scheint nicht möglich zu sein. Im Camp Adam’s Home in Assuan, der von einem etwas eigenwilligen Nubier Namens Jahjah betrieben wird und auf dem sich nach und nach ein Duzend Afrikafahrer einfinden, kursieren ständig neue Gerüchte. Insgesamt dreißig Leute sollen für die Fähre reserviert haben, doch es passen maximal sechs Autos darauf. Außerdem heißt es, wer es bis zum Dreißigsten nicht auf die Fähre schafft, der müsse bis Februar warten, denn im Januar verkehre keine Fähre. Einige Leute, die ihre Visa in Assuan beantragt hatten und wochenlang darauf warten mussten, brechen ihre Reise vorzeitig ab und fahren zurück in die Heimat.
Die Atmosphäre im Camp ist angespannt. Es entsteht eine regelrechte Konkurrenzsituation, auch wenn niemand dies offen anspricht. Wenn die und die ihre Visa nicht rechtzeitig bekommen, dann könnten sie und wir noch mit auf die Fähre passen, vorausgesetzt, man ist an der entsprechenden Position in der Nachrückerliste. Und die Liste wird von Mr. Salah, dem Mann des Ticket-Office, im Kopf geführt. Bei dreißig Leuten kann man sich leicht vorstellen, dass sich diese Liste stetig in einem höchst fragilen Zustand befindet und man sich von Zeit zu Zeit ins Gedächtnis von Mr. Salah zurückrufen muss, dass heißt alle zwei Tage bei Herrn Salah auf der Matte zu stehen und deutlich vor der Öffnungszeit möglichst der Erste in der Reihe zu sein.
Trotzdem machen wir alle das Beste aus der Situation und verbringen die Abende gemeinsam am Lagerfeuer. Besonders freuen wir uns, dass wir auch die beiden Neuseeländer John und seine krebskranke Frau June wiedersehen, die wir auch schon auf dem Campingplatz in Kairo kennengelernt und mit denen wir dort schon viele lustige Abende verbracht haben.

Adam's Home in Assuan

Adam's Home in Assuan

Adam's Home in Assuan

Frank ist auch wieder mit von der Partie – leider zum letzten Mal, denn für ihn ist Assuan der Wendepunkt seiner Reise, die ihn danach wieder langsam in Richtung Heimat führen wird.

Adam's Home in Assuan

John, Frank und ich sind es auch, die die ganze Truppe bei Laune halten, Feuerholz organisieren und das Lagerfeuer auf die Beine stellen.

Adam's Home in Assuan

Schließlich gelingt es Mr. Salah dann doch noch, eine Extrafähre für alle Fahrzeuge zu organisieren. Bei der Einklarierung für die Fähre fällt dem jungen und umgänglichen Zollbeamten zwar auf, dass wir über Taba nach Ägypten eingereist sind, und er fragt, ob wir in Israel waren. Aber als wir beteuern, dass wir von Jordanien gekommen sind, drückt er beide Augen zu und entlässt uns mit einem wissenden Grinsen. Damit wäre die vorletzte Hürde geschafft, jetzt kann uns nur noch die sudanesische Passkontrolle stoppen.

Adam's Home in Assuan

Adam's Home in Assuan

Doch zuvor heißt es für uns erst einmal, Mr. Salahs Nichte eine Stunde Deutschunterricht zu geben. Das kommt zwar ziemlich ungelegen, weil wir noch einige Dinge für den Sudan vorzubereiten haben. Aber was tut man nicht alles für einen Platz auf der Fähre, wenn es die einzige ist. Immerhin gibt es als Entschädigung ein feudales ägyptisches Mahl, das wir nach ägyptischer Sitte in Gedanken laut schmatzend genießen.

Am 24. ist es dann endlich so weit. Alle sitzen gemeinsam auf dem Oberdeck der Fähre und beobachten, wie riesige Kartons und Säcke von turmhoch beladenen Lastwagen in das Beiboot der Fähre gekippt und darin verstaut werden. Die Fähre selbst stellt sich übrigens als altes Rheinschiff heraus – das schafft Vertrauen…

Adam's Home in Assuan

Adam's Home in Assuan

Adam's Home in Assuan

Adam's Home in Assuan

Am Abend stoßen wir dann alle im Schein des Vollmonds mit geschmuggeltem Gin und Tonic auf den Heiligabend und unser gemeinsames Präsent, alle auf der Fähre sein zu können, an. Ja, sogar einen kleinen Weihnachtsbaum haben wir, den die beiden Schweizer und Swiss-Air-Piloten Marco und Danielle mitgebracht haben. Ein seltsamer Heiligabend zwar, aber Heiligabend bei Vollmond auf dem Nassersee hat man immerhin auch nicht alle Tage!

Adam's Home in Assuan

Anatolien

Auf dem Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit Göreme geht es hinauf zur Hochebene von Anatolien. Inzwischen sind wir die ersten 10.000 Kilometer gefahren, und die Türkei zeigt hier ein völlig anderes Gesicht, landschaftlich wie kulturell. Eine endlos weite, einsame und karge Ebene, die von Landwirtschaft geprägt ist, erstreckt sich nach allen Seiten. Die Felder sind abgeerntet, die Äcker bestellt. An sich trostlos, aber im herbstlichen Licht bieten sich faszinierende Farbenspiele, und über unseren Köpfen kreisen riesige Vogelschwärme, die sich für die Abreise zu ihren Winterquartieren sammeln.

Anatolien

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Anatolien

Anatolien

Anatolien

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Die Menschen hier sind Bauern, in den westlichen Ausläufern Anatoliens Obstbauern, und in den zentralen Regionen Ackerbauern. Sie leben großenteils noch in einfachen Lehmhütten. Sie sind zurückhaltend, aber freundlich und hilfsbereit, wenn wir nach dem Weg fragen. Viele von ihnen haben jahrelang in Deutschland gelebt und mussten später in ihre Heimat zurückkehren, als ihre Asylanträge nach schier endlosem Hin und Her abgelehnt wurden. Manch einer von ihnen war zehn Jahre und länger in Deutschland, bevor er abgewiesen wurde, und kann sich selbst nach so langer Zeit trotzdem kaum in Deutsch verständigen. Sie sind Zeugen einer Einwanderungs- und Integrationspolitik, die auf ganzer Linie versagt hat.

Anatolien

Anatolien

Bevor wir nach Göreme fahren, machen wir einen Schlenker zu einem großen Salzsee im Herzen der Türkei und Anatoliens: dem Tuz Gölü. Der Tuz Gölü ist einer der salzhaltigsten Seen der Erde und mit 1.500 Quadratkilometern Fläche der zweitgrößte Binnensee der Türkei. Er ist 100 Kilometer lang, 50 Kilometer breit und nur 2 Meter tief. Gespeist wird der zu- und abflusslose Tuz Gölü von Niederschlägen und Grundwasser.

Am Vorabend haben wir vergeblich versucht, direkt an den Tuz Gölü zu gelangen. Die einzige Straße, die zum Tuz Gölü hinzuführen schien, endete vor einer Absperrung.
Eine weitere Abzweigung führte uns in ein kleines anatolisches Bauerndorf mit vielleicht einem Dutzend Häusern. Keine gute Idee, hier bei Dunkelheit hinein zu fahren. Das Dorf schien wie ausgestorben, die Menschen waren in ihren Häusern und saßen wohl beim Essen zusammen. Nur zwei große Hunde wurden auf uns aufmerksam und fingen an, wie verrückt und rasend vor Wut zu bellen. Wir kehrten um und sahen zu, dass wir wieder zur Hauptstraße kamen. Wie im Blutrausch hetzten die Hunde noch eine ganze Weile neben unserem Wagen her und versuchten, vor ihn zu springen und uns zum Anhalten zu zwingen. Ich musste kräftig Gas geben. Erst bei 50 Stundenkilometern schafften wir es langsam, sie abzuhängen. Wie Verbrecher kamen wir uns vor.
Wir sind dann noch ein Stück die Hauptstraße weiter entlang gefahren, bis wir schließlich eine Tankstelle gefunden hatten, an der wir übernachten konnten.

Am Morgen unternehmen wir einen weiteren Anlauf, um an den See zu gelangen. Diesmal wollen wir es auf mehr oder weniger direktem Weg über Feldwege versuchen, die von der Hauptstraße abführen. In der Nacht hat es leicht geregnet, aber die Feuchtigkeit scheint im ausgedörrten Boden verpufft zu sein. Wir schalten den Allrad ein und unternehmen einige Versuche, aber die Wege enden entweder irgendwo im Nichts oder an einzelnen Höfen, und wir wollen nicht schon wieder unangenehm auffallen.
Von einem Dorf aus wollen wir es ein letztes Mal versuchen. Irgendwo muss es doch einen Zugang zu diesem verdammten See geben. Wieder erwecken wir die Aufmerksamkeit von zwei frei herumlaufenden und ziemlich aggressiven Hunden, und wieder müssen wir kräftig Gas geben.
Wir kommen an einem einzelnen, etwas vom Dorf abgelegenen Haus vorbei. Ein Mann tritt heraus und scheint freundlich zu winken. Wir winken zurück und fahren weiter, bis unser Sprinter nach einigen hundert Metern in einer leichten Kurve plötzlich geradeaus geht und sich nicht mehr steuern lässt. Ich lenke ein, der Sprinter stellt sich quer, rutscht aber weiter geradeaus, ich lenke gegen, der Sprinter stellt sich in der anderen Richtung quer und rutscht immer noch weiter geradeaus. Im ersten Moment denke ich, jetzt hat sich die Lenkung verabschiedet, aber dann sehen wir, dass der Boden an dieser Stelle vom Regen der Nacht noch ganz matschig ist. Wir befinden uns in einer leichten Senke, in der sich das Wasser gesammelt und den Boden aufgeweicht hat.
Ich bekomme den Wagen mit nun nur noch leichten Lenkbewegungen wieder einigermaßen in den Griff und es geht weiter geradeaus. Aber in 50 Metern kommt eine 90-Grad-Kurve, und dort ist der Matsch ausgerechnet am tiefsten. Wenn wir stehen bleiben, befürchten wir, sinken wir ein. Was jetzt? Vor unserem geistigen Auge sehen wir uns schon reumütig zum Dorf zurück laufen und an den durchdrehenden Hunden vorbei einen Bauern suchen, der uns mit einem Traktor aus dem Matsch zieht. Bloß das nicht. Besonders der Teil mit den Hunden gefällt uns gar nicht, und wir wissen auch nicht, was wir von den Menschen hier zu erwarten haben, wenn wir bei den Tieren schon so unwillkommen sind. Aber es nützt nichts, wir müssen irgendwie versuchen, um diese Kurve herum zu kommen, danach zu drehen und dabei nicht stehen zu bleiben.
Wie zu erwarten war, geschieht aber kein Wunder, und in der Kurve ist Schluss mit dem Vorankommen. Ich steige aus und stehe im Matsch. Die Profile unserer Reifen sind komplett zugeschmiert mit dem lehmigen Matsch. Kein Wunder, dass es sich wie auf Glatteis fuhr. Allerdings ist die matschige Schicht nur wenige Zentimeter tief, und darunter befindet sich fester Untergrund. Der Sprinter ist nicht weiter eingesunken. Vielleicht schaffen wir es rückwärts wieder raus. Ich klemme mich wieder hinter das Lenkrad und versuche langsam anzufahren, was dann auch bei vorsichtigster Dosierung des Gaspedals tatsächlich gelingt. Nun langsam aber stetig zurück, dabei ja auf dem Weg und nicht stehen bleiben, denn neben dem Weg gibt es keinen festgefahrenen Untergrund unter der Schlammschicht, und da wir ja in eine Senke hinein gefahren sind, geht es zurück ganz leicht bergauf. Jeder Meter kommt mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Doch nach 250 endlosen Metern haben wir endlich wieder trockenen Untergrund unter den Rädern.
Der Bauer von vorhin kommt uns entgegen und bedeutet uns, dass es keine gute Idee war, in die Senke hinein zu fahren. Das hatte er uns vorhin also mit seiner Geste sagen wollen. Aber er ist überaus freundlich und zeigt uns mit seinem Wagen eine Abkürzung zurück zur Hauptstraße. Darüber sind wir sehr froh, denn das erspart uns, wieder an den Hunden vorbei zu müssen. Außerdem erklärt er uns, dass wir wieder dorthin zurück müssen, wo wir es am Vorabend schon einmal versucht hatten und vor einer Absperrung geendet waren.
Die Absperrung stellt sich bei Tageslicht als Zugang zum Betriebsgelände eines Salzwerks heraus, und das Salzwerk wiederum bietet weit und breit den einzigen Zugang zum See, sofern man sich nicht den weiten Weg um den See herum ans gegenüberliegende Ufer machen will.

Anatolien

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Soweit, so gut. Die Probleme der letzten beiden Tage sollten für die nächste Zeit gereicht haben, und nun haben wir ja endlich auch den Salzsee gesehen. Also fahren wir weiter Richtung Göreme. Doch noch auf dem Weg dorthin holt uns in gewisser Weise unser Hupenproblem wieder ein. Doch das wird sich erst später herausstellen.
Als wir zwischendurch an einem Geldautomaten halten und den Sprinter abstellen, vernehmen wir plötzlich ein lautes Vibrieren, das wir zunächst nicht lokalisieren können. Es könnte auch von draußen kommen. Also fahren wir weiter. Doch beim nächsten Halt hören wir das Vibrieren wieder. Muss wohl doch etwas am Sprinter sein. Es stellt sich heraus, dass das Vibrieren aus dem Elektrikkasten unter dem Fahrersitz kommt. Eines der Relais vibriert heftig. Was soll das denn?
Wir fahren an eine Tankstelle und erklären das Problem. Dort kann man uns zwar nicht weiterhelfen. Aber man weiß uns eine Boschwerkstatt zu nennen, die uns mit dem Elektrikproblem weiterhelfen kann. Diese finden wir dann auch und wollen unser Problem demonstrieren. Natürlich rührt sich jetzt nichts, aber ich beschreibe das Problem und verweise beharrlich auf das Relais. Ein fachkundiger Elektriker sieht sich das Relais an und stellt fest, dass ein weißes Kabel dorthin führt und es sich um eine Modifikation handeln muss. Alle werksseitig verbauten Kabel sind schwarz oder rot (für Plus und Minus).
Also erkläre ich sämtliche Umbauten elektrischer Natur, was bei uns allein schon wegen der Solaranlage nicht wenige sind. Außerdem fällt mir unsere zusätzliche Pressluftfanfare ein, die ich nach dem Wassereinbruch erfolglos zu reparieren versucht hatte. Sie stellt sich schließlich auch als das Corpus Delicti heraus. Ich beschreibe ausführlich die Funktionsweise der komplizierten Schaltung, denn wir haben oben beim Bett noch einen zusätzlichen Knopf, über den wir die Fanfare betätigen können, wenn sich jemand an unserem Wagen zu schaffen machen sollte, während wir darin schlafen. Die Fanfare geht dann ununterbrochen, bis man den Zündschlüssel ins Schloss steckt und auf Zündung dreht.
Nach zwei Stunden Tüfteln und Testen funktioniert dann unsere Fanfare endlich wieder. Was für ein schönes und lange nicht gehörtes Geräusch! Aber am Relais selbst war anscheinend nichts, oder vielleicht doch?
Alles selbst noch schnell getestet, für gut befunden, bezahlt und endlich nach Göreme. Auf dem dortigen Parkplatz suchen wir uns eine Ecke, stellen den Sprinter ab und machen den Motor aus. Und da ist es auf einmal wieder, das vertraute, weithin deutlich hörbare Geräusch unserer Fanfare – allerdings einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die Touristen ringsum verdrehen die Köpfe und rollen mit den Augen. Wie peinlich, was jetzt? Motor wieder angelassen, und Gott sei dank hört das Hupen auf. Aber lösen tut das unserer Problem natürlich nicht. Ist also doch auch etwas mit dem Relais.
Also zurück zur Werkstatt. Artig schrillt die Fanfare, als wir den Motor abstellen. Wenigstens das. Der Elektriker rauft sich beinahe die Haare und nimmt sich des Relais an. Er vertauscht zwei der Relais und meint, nun müsste es funktionieren. Für wie blöd hält der uns? Er hat wohl keine Lust mehr und möchte endlich Feierabend machen. Wenn tatsächlich etwas mit dem Relais ist, dann müssten wir nun ja an anderer Stelle ein Problem haben.
Nach langer Diskussion kaufen wir ein Ersatzrelais, damit wir uns nicht gleich das nächste Problem ins Haus holen. Aber auch mit dem Ersatzrelais tritt unserer Problem gleich wieder auf, als wir aus der Werkstatt herausfahren und am Straßenrand nochmals testweise den Motor abstellen. Es muss also doch noch etwas anderes ein. Widerwillig muss sich der Elektriker des Problems wieder annehmen, und nach langem Hin und Her findet er tatsächlich die Ursache. Das weiße Kabel war an einer versteckten Stelle von einer Werkstatt in Gingen bei Göppingen („direkt an der B10“) nicht sachgemäß verlötet worden. Im Laufe der Zeit hatte dies zu einem Wackelkontakt und der Fehlfunktion des Relais geführt. Aber immerhin funktioniert unsere Fanfare jetzt endlich wieder, und zwar wenn wir es wollen!

Anatolien

Und am Abend erreichen wir tatsächlich auch noch Göreme.

Ein mieser Tag

Der Tag hat gut angefangen. Nach knapp zwei herrlich entspannenden Wochen verlassen wir die kleine Wohnmobilkolonie und machen uns auf den Weg, die Insel Peloponnes zu umrunden. Zuvor waschen wir noch unseren Sprinter, der es bitter nötig hat. Er bekommt auch gleich eine Unterboden- und Motorwäsche mit dazu und erstrahlt danach wieder in altem Glanz. Doch der Schein trügt, wie sich kurz hinter Kastro herausstellen soll. Auf einmal fängt unsere Hupe an, ihren Job zu tun, allerdings ungefragt, und sie hört auch nicht mehr damit auf! Unsere Fanfare hingegen gibt keinen Mucks von sich.
Wir stellen den Motor ab, um unter der Motorhaube nach dem Rechten zu sehen. Wir vermuten, dass durch die Motorwäsche irgendwohin Feuchtigkeit gelangt ist, wo sie nicht hingehört. Bis auf den Stecker des Kabels, das unsere Starterbatterie mit Strom von den Solarpanelen versorgt, wenn die Bordbatterie voll ist, der eine Ladung Wasser abbekommen hat, ist nichts zu sehen. Das Kabel kann doch eigentlich nichts mit der Hupe zu tun haben, oder? Wir machen den Stecker so gut es geht trocken, und versuchen es noch einmal. Sofort meldet sich die Hupe wieder mit lautem Getöse.
Gut, denken wir, solange es nur die Hupe ist, können wir ja die betreffende Sicherung herausziehen und dann erst einmal in Ruhe weiterfahren, bis uns entweder eine Idee kommt oder wir bei einer Werkstatt vorbeischauen können. Gedacht, getan, ich drehe den Zündschlüssel, die Hupe gibt wie gewünscht keinen Mucks von sich, der Anlasser macht die Geräusche, die er auch sonst so zu tun pflegt, der Motor springt an – und geht wieder aus! Nochmal das Ganze, gleiches Ergebnis. Nochmal. Sch****! Muss vielleicht doch etwas mit dem Stecker zu tun haben, der immer noch nicht ganz trocken ist.
Wir versuchen es noch einmal, den Stecker trockener zu bekommen, aber immer noch mit nicht ganz zufrieden stellendem Ergebnis, und der Motor will auch weiterhin nicht anspringen. Okay, bevor wir heute Abend noch hier stehen, rufen wir lieber mal beim ADAC an. Etwa eine Stunde soll es dauern. Wir versüßen uns die Wartezeit mit weiteren Nachforschungen im Motorraum. Dann meint Christiane, wir sollten die Sicherung der Hupe wieder einstecken und es noch einmal versuchen, den Motor zu starten. Wäre das einzige, was mir im Moment noch einfiele, aber was die Sicherung der Hupe mit dem Motor zu tun haben soll? Trotzdem steckt Christiane die Sicherung wieder ein, und siehe da, der Motor läuft, aber jetzt schrillt natürlich auch die ganze Zeit wieder die Hupe! Und wie überhaupt kann die Sicherung der Hupe den ganzen Motor lahm legen?
Hm, vielleicht sollten wir einfach mal das schon erwähnte Kabel abklemmen. Tatsächlich, es hupt nicht mehr! Ich werde noch verrückt, was kann denn dieses blöde Kabel mit der Hupe zu tun haben? Wir unternehmen noch einmal einen Anlauf, den Stecker richtig trocken zu bekommen.
In der Zwischenzeit trifft die angeforderte Hilfe bei uns ein. Der Grieche, der praktischer Weise weder Englisch noch Deutsch spricht, kommt hinzu, sieht uns am Kabel herumoperieren, betrachtet es kurz, steckt die Stecker wieder zusammen und bittet uns zu versuchen, den Motor zu starten. Dass dies funktioniert, wissen wir bereits, aber nun ertönt auf einmal auch die Hupe nicht mehr! Okay, wir verstehen wohl doch zu wenig von Autos und werden es wohl auch nie so richtig. Der Grieche freut sich über seine gelungene Reparatur, lässt uns über den freundlichen Mann des ADAC aber raten, doch sicherheitshalber eine Werkstatt aufzusuchen. Es könnte noch woanders ein Problem geben. Den Verdacht haben wir den Gesetzen der Logik folgend ohnehin. Dass die Hupe nicht mehr ertönt, nachdem wir den Stecker des Kabels abgetrocknet haben, erscheint uns nicht unbedingt plausibel, sondern eher ein Zufall.
Als wir einsteigen, fällt uns auf, dass rostiges Wasser vorne rechts an der Naht zwischen Karosse und Hochdach ausgetreten ist. Das ist doch wie verhext! Das erste Problem wahrscheinlich nur augenscheinlich gelöst, und schon wieder ein neues Problem, oder hängt beides irgendwie zusammen?
Wenn Wasser austritt, muss es auch irgendwo her kommen. Wir klettern ins Hochdach und nehmen es unter die Lupe. Tatsächlich, ganz vorne zwischen dem Hochdach und dem Reststück des alten Dachs über der Fahrerkabine hat sich Wasser gesammelt. Und genau dort befindet sich auch der kleine Kompressor unserer Fanfare. Dort hat es offensichtlich einen Kurschluss gegeben, und erst als das Wasser abgelaufen ist, tönte auch die normale Hupe nicht mehr. Mit dem Kabel hatte es überhaupt nichts zu tun! Aber den Zusammenhang zwischen der Sicherung der Hupe und dem Laufen des Motors verstehen wir immer noch nicht.
Na ja, und jetzt muss natürlich auch noch das Dach abgedichtet werden. Die Naht ist direkt oberhalb der schmalen, umlaufenden Regenrinne, die sich auf dieser Höhe befindet. Der Sprinter war bei den letzten beiden heftigen Regengüssen schräg gestanden, und wahrscheinlich war das Regenwasser, das sich dort gesammelt hatte, von da auch ins Innere gelangt. Bei der ersten Kurvenfahrt war es dann wieder heraus gelaufen. Wenn dem nicht so ist, dann haben wir zwei undichte Stellen. Das werden wir nach dem nächsten Regenguss merken, wenn wieder Wasser im Dach steht und dann nicht mehr abläuft!

Wenn ein Tag schon einmal so angefangen hat, hält er oft noch weitere böse Überraschungen bereit. Als wir gemütlich dahinfahren, stets die immer eiligen Griechen vorbei lassend, werden wir auf einmal von hinten zusammengehupt. Ein offener Honda 2000 hängt uns auf der Stoßstange und bedrängt uns. Dass einmal kurz gehupt wird, wenn man nicht gleich bemerkt, dass einer überholen will, sind wir ja schon gewöhnt, aber solche Aggression nicht. Wir sehen es auch nicht ein, ständig den Bordstein zu kratzen, um nicht als Verkehrshindernis wahrgenommen zu werden. Ich fahre näher an den Fahrbahnrand, obwohl die Straße nach den beiden unmittelbar vorbeifahrenden Autos sowieso vollkommen frei wäre, und mache dem Drängler ein international verständliches Handzeichen mit gestrecktem Mittelfinger.
Der junge Typ mit verkehrt herum aufgesetzter Baseballkappe und seiner Tussi nebendran gibt Gas, schert ruckartig aus, fährt auf unsere Höhe und bremst dann wild gestikulierend ab. Ich bekräftige meine Meinung von ihm verbal. Er regt sich tierisch auf, brüllt und fuchtelt weiter mit seinen Händen herum. Dass es mich ziemlich kalt lässt, macht ihn nur noch wütender, und schließlich muss er vor seiner Ische ja auch den starken Mann markieren.
Ich habe schließlich keine Lust mehr, meine Fahrbahn mit ihm zu teilen und ziehe langsam wieder auf die Mitte der Fahrbahn. Wenn er doch nicht überholen möchte, dann soll er es halt bleiben lassen. Er fällt kurz zurück, um dann noch rasanter an uns vorbei zu fahren, scharf vor uns herüber zu ziehen und sich knapp vor uns zu setzen. Dann tritt er heftig auf die Bremse und versucht uns zum Anhalten zu zwingen. Dabei macht er eindeutige Zeichen, dass er den Konflikt auf altbewährte Weise mit den Fäusten klären will. Er gehört zu den Typen, die es geradezu darauf anlegen und nach Gelegenheiten suchen, sich mit irgendwem prügeln zu können.
Ich muss ziemlich in die Eisen gehen, ziehe dann aber meinerseits links raus und fahre an ihm vorbei. Er gibt wieder Gas, überholt wieder, weiterhin wild fluchend, und fährt weiter, ohne einen weiteren Versuch zu unternehmen, mich zum Boxkampf herauszufordern.
Als er sich schon etwas entfernt hat, sehe ich eine Kreuzung kommen und die Ampel auf Rot springen. Wir würden die einzigen an der Ampel sein. Ich will nicht, dass das ganze weiter eskaliert und beschließe, in sicherem Abstand rechts ran zu fahren und zu warten, bis die Ampel wieder grün und er weitergefahren ist. Eine Konfrontation würde sicherlich nicht gut ausgehen, da ich inzwischen natürlich auch auf hundertachtzig bin – für welche Seite auch immer.

Die weitere Fahrt verläuft unbehelligt, und wir erreichen kurz vor Dunkelheit den Ort Pylos im Süden der Peleponnes. Nach diesem Tag haben wir uns ein schönes Abendessen verdient. Wir finden ein einfaches Restaurant und setzen uns. Es ist nicht viel los, nicht einmal die Hälfte der Tische ist besetzt. Wie es in Griechenland üblich ist, stellt die Bedienung uns sogleich Wasser und Brot auf den Tisch. Wir bestellen erst einmal zwei Bier und lassen uns bei der Auswahl des Essens Zeit. Da wir ziemlich ausgehungert sind, essen wir dabei gleich schon mal ein paar Scheiben Brot.
Das schmeckt dem Restaurantbesitzer allerdings gar nicht, da er wohl befürchtet, wir könnten uns an dem Brot satt essen. Er kommt an den Tisch und bittet resolut um die Bestellung. Wir bestellen einen Bauernsalat vorweg, frittierte Sardinen und einen Teller weiterer, frittierter Fische, die auch wie Sardinen aussehen, aber noch kleiner sind. Man isst Sie mit Haut und Haar, oder vielleicht sollte man besser sagen mit Flosse und Schuppe – inklusive Kopf und Augen! Dazu bestellen wir noch eine Portion Pommes.
Keine zwei Minuten später steht der Salat auf dem Tisch. Christiane hat kaum zum Salzstreuer gegriffen, um ihn nachzuwürzen, als auch schon die Pommes kommen. Waren wohl gerade übrig. Keine weiteren zwei Minuten, und auch der Fisch ist da. Muss wohl auch gerade übrig gewesen sein. Dazu bekommen wir die Rechnung gereicht. Dem Essen nachfolgende Getränkebestellungen sind zwar möglich, aber unerwünscht, wie es scheint, denn viele schlaue griechische Restaurantbesitzer wissen: Wer nach dem Essen nur noch trinkt, bringt dann weniger ein, und es gibt ja noch genügend doofe Touristen, die abgefertigt werden wollen. Sind wir hier in der Imbissbude oder im Restaurant? Uns jedenfalls ruiniert es völlig unnötig auch noch den Abend.

Was für ein mieser Tag!

Weltkulturerbe Kotor

Kroatiens Grillkultur haben wir sehr genossen: leckere Cevapcici, wunderbares Lammfleisch, zart gegrillte Kalmare, abgerundet durch Aivar-Paste mit Gemüsezwiebeln, und dazu erfrischende Tomatensalate, kräftige Weine und hervorragendes Pivo. Beim Einkauf all dieser Leckereien stößt man leider jedoch oftmals auf gelangweilte bis hin zu genervte Bedienungen, sicherlich auch ein Phänomen der späten Reisesaison. Trotzdem fühlten wir uns nicht sonderlich willkommen.
Zudem kann preislich auch nicht mehr von einem Schnäppchen die Rede sein. Die günstigen Nachkriegszeiten, in denen das Land wieder um den Tourismus buhlen musste und es noch als Geheimtipp galt sind vorbei. Unsere Kosten für Lebensmittel und Diesel lagen kaum zehn Prozent niedriger als in Deutschland. Campingplätze mieden wir so gut wir konnten, in Dubrovnik kostete eine Übernachtung stolze 35 Euro.
Die schöne Halbinsel Istrien wird in Richtung Süden gefolgt von einer kargen, felsigen Küste. Von Rijeka bis Sibenik lädt die eintönige Landschaft kaum zum Verweilen ein. Die sich stetig eng an die Wasserlinie anlehnende Küstenstraße lässt nahezu keinen Raum für Erholungssuchende. Die kurzen und flach abfallenden Strände sind kiesbedeckt und entbehren jeglichen Liegekomfort. Im Wasser lauern unzählige Seeigel, um dem Badefreund den weiten Weg ins offene Wasser nicht zu leicht zu machen.
Ab Sibenik wird die Landschaft dann wieder schlagartig schön und abwechslungsreich. Die Vegetation ist viel üppiger und frisches Grün ziert die Hänge. Bademöglichkeiten gibt es reichlich.
Dubrovnik hat eine beeindruckende, prächtige Altstadt. Leider nur wird das Stadtbild viel zu sehr von Touristen dominiert, und dies, wie wir uns sagen ließen, über das ganze Jahr hinweg. So fällt es schwer, den Charme der Stadt zu genießen.

Kotor ist ein weiteres Stück Weltkulturerbe in einer zerklüfteten Bucht der Adriaküste Montenegros, südlich von Dubrovnik. Eine kühn in den Berg gebaute Festungsanlage umschließt das 1.000 Jahre alte Hafenstädtchen. Kotor erinnert an Dubrovnik, ist aber viel kleiner und ruhiger.

Weltkulturerbe Kotor

Weltkulturerbe Kotor

Ich gehe in eine Bank, um Geld in die Landeswährung zu tauschen und lege einen 50-Euro-Schein auf den Tresen des Bankschalters mit Bitte um Wechsel. Die Bankangestellte blickt mich einen Moment lang fragend an, greift dann aber den Schein, fasst in die Kasse unter ihrem Pult und zieht vier Banknoten aus dem Fach. Als sie sie vor meinen Augen abzählt, habe ich das merkwürdige Gefühl, die Scheine schon einmal gesehen zu haben. Es sind ein Zwanziger und drei Zehner – in Euro. Verwirrt blicke ich auf die vor mich hingeblätterten Scheine, dann in die Augen der Angestellten, bis ich endlich wieder Worte finde und mich verlegen erkundige, ob der Euro die hiesige Währung sei. Grinsend bestätigt die hübsche junge Dame. Leicht beschämt stecke ich die Scheine in die Tasche, verabschiede mich ebenfalls grinsend und mache mich davon.
Als wir durch das ruhige Städtchen schlendern, vernehmen wir von irgendwo her ein quietschendes Geräusch, das zunehmend lauter wird. Quietsch, quietsch, quietsch, als ob jemand hingebungsvoll mit einer Quietscheente spielt. Aber merkwürdig, das Geräusch hat einen ganz gleichmäßigen Zweiertakt. So eine Art Synchronquietschen zweier Quietscheentenfetischisten, wie wir vermuten. Doch als wir um die nächste Ecke biegen, ist weit und breit keine Quietscheente zu sehen. Aber das penetrante Geräusch ist ganz nah und kommt irgendwie vom Boden her. Schließlich entdecken wir den Verursacher: Bei jedem Schritt eines kleinen Jungen quietschen seine Schuhe schrill und blinken dazu hektisch. Die Eltern des Jungen flanieren neben ihm her. Unglaublich, was manche Eltern sich und ihrer Umwelt zumuten, um ihre kleinen Racker zu jeder Zeit kontrollieren zu können! Dass sie ihrem Spross damit eine reine Freude machen wollten, schließen wir jedenfalls kategorisch aus. Hätte es auch im Zeitalter des Babyfons nicht eine einfache Kuhglocke getan?
Etwas später treffen wir auf zwei kleine Mädchen, die großes Interesse an unseren Boards zeigen, die wir als Alternative zu Klapprädern für Stadterkundungen mitgenommen haben und unter dem Arm tragen. Sie reißen uns die Boards förmlich aus der Hand und wollen wissen, wie man damit fährt. Wir erklären es ihnen bereitwillig und lassen sie für eine Weile gewähren. Die Kleinere von beiden hat richtig Haare auf den Zähnen und möchte ihrer Freundin das Kickboard am liebsten abnehmen und auf beiden Boards gleichzeitig fahren!

Weltkulturerbe Kotor

Auf einem netten Campingplatz in einem kleinen Ort an der Küste, knapp zehn Kilometer hinter Kotor, finden wir unter uralten Olivenbäumen für zwei Tage ein nettes und günstiges Plätzchen im Schatten. Wir gönnen unserem Sprinter eine Rundumwäsche, um danach unsere Aufkleber anzubringen. Außerdem werken wir noch etwas am Innenausbau, um ihn weiter zu optimieren.

Weltkulturerbe Kotor

Weltkulturerbe Kotor

Zum Abendessen bereiten wir uns Fische vor, die wir in Dubrovnik gekauft haben. Der Haken an der Sache: Sie müssen noch ausgenommen werden, und weder Christiane noch ich haben irgendwelche Erfahrung damit. Wir erhalten den Rat, man müsse beim Ausnehmen lediglich darauf achten, dass man die Gallenblase nicht verletze, weil der ganze Fisch sonst bitter schmecken würde. Also machen wir uns zunächst noch zögerlich, an die Arbeit, aber das Ausnehmen klappt dann doch unerwartet gut, nachdem wir den Ekel erst einmal überwunden haben. Und die Gallenblasen haben wir auch nicht verletzt. Allerdings stellt sich beim Essen heraus, dass wir die Fische wohl besser hätten entschuppen sollen! Ganz stolz waren wir, als wir sie ausgenommen hatten, aber an die Schuppen hatten wir keinen Gedanken verschwendet. Einen Fisch mit Schuppen zu essen, die sich unweigerlich im ganzen Fisch verteilen, ist so, als ob man einen Fisch mit einem dreimal so hohen Grätenanteil wie normal essen würde. Wahrlich kein ungetrübter Genuss!
Außerdem machen wir Bekanntschaft mit dem ersten Plumpsklo unserer Reise. Das ganze sieht in etwa so aus wie eine Körperwaage, mit Stellflächen für die Füße, aber statt der Anzeige einem Loch in der Mitte. Sehr gewöhnungsbedürftig, zumal das Hocken auch ganz schön in die Beine geht!

Weltkulturerbe Kotor

Neben unserem Stellplatz steht ein österreichisches Paar mit ihrem VW LT. Von ihnen erfahren wir, dass es bei der albanischen Regierung ein Umdenken gegeben hat und eine Direktive an die Polizei ausgegeben wurde, ausländische Touristen nicht zu behelligen, um einen internationalen Tourismus aufzubauen. Wir beschließen, den direkten Weg durch Albanien nach Griechenland zu nehmen.

Baumarktbesuch in Nin

Wir beschließen, uns etwas mehr zu vermarkten, um besser mit Leuten in Kontakt zu kommen. Dazu wollen wir an unserm Sprinter die Schriftzüge „WORLD TOUR“ und „www.hit-the-road.net“ anbringen.

Also suchen wir in Nin einen Baumarkt auf, um nach Klebebuchstaben zu suchen. In dem Moment, als wir den Baumarkt betreten, fällt uns krachend die schwere Blechabdeckung der Schiebetürmechanik vor die Füße. Das war wirklich knapp und hätte uns leicht das Genick brechen können. Mit der kroatischen Handwerkskunst scheint es nicht allzu weit her zu sein – und das ausgerechnet in einem Baumarkt!

Klebebuchstaben haben wir übrigens nicht gefunden, aber wir bleiben dran. Vielleicht lassen wir uns auch T-Shirts bedrucken, oder wir machen beides.

Von Rijeka nach Nin

Von Rijeka geht es weiter nach Nin. Wir wollen uns dort mit einem Teil von Christianes Familie treffen. Sie haben für zwei Wochen eine Ferienwohnung gemietet, um gemeinsam mit Christiane ihren vierzigsten Geburtstag zu feiern.

Die Landschaft auf diesen rund 400 Kilometern entlang der Mittelmeerküste ist schön, aber eintönig. Endlos und kurvenreich folgt die Straße immer unmittelbar dem Küstenverlauf. Das ist schön für Autofahrer, aber nicht, wenn man ein ruhiges Plätzchen sucht.
Auch die vielen Raser tragen nicht zur Entspannung bei. Als wir wegen einem Frontalzusammenstoß von einem Auto mit einem Lieferwagen im Stau stehen, wundert uns das nicht.

Von Rijeka nach Nin

Nachdem wir am Vortag bereits die rechte Scheinwerferbirne auswechseln mussten, bemerken wir bei einem Zwischenstopp, dass nun auch die linke Birne das Zeitliche gesegnet hat und tauschen sie ebenfalls aus. Die besonders leuchtstarken Scheinwerferbirnen, die wir eingesetzt haben und die in Deutschland gar nicht zugelassen sind, werden ziemlich heiß und scheinen ganz schön empfindlich zu sein.

Von Rijeka nach Nin

Zweiter Boxenstopp

Wir bringen den Sprinter planmäßig zum zweiten Boxenstopp in eine uns bekannte Mercedes-Werkstatt bei meiner Familie im Sauerland. Geplant sind zwei Tage für neue Bremsen, Reifen, einige andere Kleinigkeiten und der Einbau einer Standheizung.

Die Zeit werden wir für einige Formalitäten nutzen, die wegen unserer heißen Endphase in der Reisevorbereitung liegen geblieben waren, insbesondere unsere Testamente, Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen – eine Notwendigkeit, da wir ja nicht verheiratet sind.

Aus den geplanten zwei Tagen Werkstattaufenthalt sind letztendlich ganze fünf geworden, da sich nach und nach herausstellt hat, wo die Autowerkstatt in Gingen bei Göppingen („direkt an der B10“), von der wir während der Reisevorbereitung einige Umbauten wie das Hochdach hatten machen lassen, überall geschlampt und gepfuscht hat. So zum Beispiel beim Einbau einer neuen Starterbatterie, bei der ein Stopfen vergessen wurde. Dadurch war bereits eine erhebliche Menge Säure ausgetreten und auf die darunter liegenden Kabel und Schläuche getropft. Betroffen waren davon verschiedene Systeme wie für unter anderem den Allradantrieb wichtige Unterdruckleitungen. Aussage der Mercedes-Werkstatt:
„Damit wäret ihr nicht bis München gekommen.“

Immerhin sind Testamente, Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen am Ende fertig. Man glaubt gar nicht, wie viele Gedanken man sich dabei machen muss.

Erster Boxenstopp

Nachdem wir zunächst Christianes Verwandtschaft abgeklappert haben, um uns bei ihnen zu verabschieden, fahren wir am Abend zu Helmut, einem alten Freund von Christiane, um bei ihm unseren ersten Boxenstopp einzulegen. Helmut ist Kfz-Mechaniker, und er opfert seinen Sonntagabend, um einen Ölwechsel und etliche andere Inspektionen an unserem Sprinter durchzuführen. Seine Frau Antje verwöhnt uns derweil mit riesigen Essensbergen aus ihrem Geburtstagsfrühstück.

Boxenstopp

Reisevorbereitung und Reisebeginn

Mit reichlich Verspätung erscheint der erste Bericht unseres Reisetagebuchs. Idealistisch, wie wir sind, wollten wir unseren Bericht über die ganze Reisevorbereitung natürlich schon zu unserer Abreise geschrieben haben, aber die letzten Tage verliefen dann doch ganz anders, als wir es uns vorgestellt hatten.

Bis zum Beginn der letzten Vorbereitungswoche vor der großen Reise waren wir noch bestens im Zeitplan. Seit dem Entschluss zu unserem Vorhaben im Juni 2006 hatten wir fast jeden Tag daran getan, unseren Traum zu verwirklichen. Nachdem die Idee geboren und der Entschluss gefasst waren, fingen wir erst einmal mit einem großen Brainstorming an und kamen auf immer mehr Dinge, die zu tun waren. Verschiedene alternative, grobe Reiserouten wollten überlegt und gegeneinander abgewogen sein, Ein- und Ausreisebestimmungen der Länder beschafft und gesichtet und lauernde Gefahren und Krankheiten aufgespürt werden, ein nicht endender Prozess, da sich die Bedingungen jederzeit ändern können. So zum Beispiel zuletzt durch verschiedene politische und religiöse Konflikte. Für Syrien und Jordanien sind im Moment wegen des Konflikts im Libanon keine Visa mehr erhältlich. Unsere Tour ist dem entsprechend mit einigen Fragezeichen versehen.

Parallel zur Routenplanung begannen wir die Auswahl des Fahrzeugs und die Suche danach. Wir entschieden uns für einen allradgetriebenen Kastenwagen, also einen Kompromiss aus Platzangebot und Geländegängigkeit. Ein Wohnmobil wäre uns zu geländeuntauglich und ein Geländewagen in Pickup-Ausführung mit einem Kabinenaufbau über einen Zeitraum von mehreren Jahren zu unkomfortabel gewesen. Letztlich wurde es ein mittellanger Mercedes-Benz Sprinter 312 D 4×4, das heißt mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 3,5 t und einem 120 PS starken Turbodiesel sowie Allradantrieb.

Reisevorbereitung

Den Motor hatte uns Frau Breymayer, Teamleiterin in der Dieselmotorenentwicklung im Mercedes-Motorenwerk in Untertürkheim als unschlagbar robust empfohlen. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an sie für ihre bereitwillige Unterstützung.

Das serienmäßige Dach ließen wir durch die Werkstatt eines Bekannten heraustrennen und durch ein 85 cm hohes Hochdach ersetzen. Das Hochdach gibt uns großzügige Stehhöhe hinten im Küchenbereich, der uns gleichzeitig als Bad dient, und beim Kleiderschrank. Im vorderen Bereich des Fahrzeugs über der Sitzecke, die aus einer Zweiersitzbank, Fahrer- und Beifahrersitz, die wir in den Raum drehen können, und einem Tisch besteht, haben wir einen Boden einlegen lassen, auf dem sich unser festes Bett befindet. Somit müssen wir nicht jeden Abend die Sitzgruppe umbauen, um darauf schlafen zu können.

Das Heraustrennen des Seriendachs und das Aufsetzen des Hochdachs waren der Auftakt zu einer monatelangen Aus- und Umbauaktion. Das Dach wurde isoliert, eine Dachhaube eingebaut und eine Solaranlage installiert. Die Isolation erfolgte mit Styrofoam-Platten, einer Art festerem Styropor. Die Dachhaube befindet sich in der Mitte des Dachs über unseren Schlafplätzen, so dass wir nachts vom Bett aus den Sternenhimmel beobachten können. An den Dachenden, vor und hinter der Dachhaube wurden zwei moderne CIS-Solarpanele mit je 55 Wp aufgeklebt, die auch bei Teilabschattung und bedecktem Himmel noch eine relativ hohe Lichtausbeute haben. Die Panele speisen eine 60 Kg schwere Solarblock-Gelbatterie mit 185 Ah Kapazität und extrem hoher Zyklenfestigkeit. Die Batterie kann bei mittlerer Entladung ca. 5.000 Mal ge- und entladen werden und versorgt unseren Kompressorkühlschrank sowie diverse Akkus für Notebook, Kameraausrüstung, Weltempfänger, Taschenlampen etc.

Reisevorbereitung

Nach den Umbauten durch die Werkstatt begannen wir mit der Detailplanung des Innenausbaus, im einzelnen Kleiderschrank, Küche/Bad und Heckaufbau. Der Ausbau durch einen Schreiner erwies sich als zu kostspielig, so dass wir beschlossen, ihn selbst durchzuführen. Wir erhielten bezüglich des Materials jedoch Beratung vom Schreiner und bestellten die Tischlerplatten schließlich auch bei ihm. Unsere Wahl fiel auf 13 mm dicke Stäbchenplatten der Firma Moralt, die im Ladenbau verwendet werden und wegen der vertikalen Anordnung der Holzfasern zur Grundfläche durch große Stabilität bei gleichzeitig minimalem Gewicht und hoher Feuchtigkeitsbeständigkeit gekennzeichnet sind. Diese bauten wir mittels Winkeln zu einzelnen Modulen zusammen, die wir untereinander mittels großer Durchgangschrauben verschraubten. Optisch gibt es sicherlich elegantere Lösungen, aber so kommen wir an jede Schraube, ohne zuvor ganze Module ausbauen zu müssen.

Nach wochenlangem Schrauben fuhren wir unseren Sprinter beim TÜV in Stuttgart vor. Es war zwar bereits ein Vollgutachten erstellt worden, und unser Sprinter wies keine Mängel auf, aber das war noch vor dem Innenausbau, und wir hätten den Wagen nach der neuen Gesetzgebung, die unter anderem einen fest mit dem Fahrzeug verbundenen Schlafplatz, einen Kleiderschrank, eine Kochmöglichkeit sowie Zu- und Abwasser vorschreibt, nur als LkW und nicht als Wohnmobil zulassen können. Als wir beim TÜV vorfuhren, wurden wir mit großer Verwunderung empfangen: Ein Ingenieur, der die Abnahme durchführen müsse, sei nicht im Hause, und Termine gebe es erst wieder eine Woche später, genauer gesagt zwei Tage vor unserer geplanten Abreise. Vormittags war uns noch zugesichert worden, ein Termin sei nicht erforderlich und der Wagen könne bis zum späten Nachmittag unangemeldet vorgeführt werden. Nach all der Arbeit und der Hektik in den Wochen zuvor, um den Innenausbau fertig zu stellen, einem kleinen Nervenzusammenbruch nahe, ließ sich die Dame doch noch einen Termin zwei Tage früher entlocken. Das war uns bei den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens mit deutscher und ausländischer Bürokratie gemacht haben, trotzdem zu knapp. Wir hatten Bedenken, dass der Wagen nicht ohne weiteres als Wohnmobil durch den TÜV kommen, und dass auch die Zulassung nicht reibungslos von statten gehen könnte. Mit diesen Vorahnungen sollten wir Recht behalten.

Tags darauf telefonierten wir alle TÜV-Niederlassungen des Umkreises ab und hatten Glück. Wir erhielten einen weiteren Tag später einen Termin bei der Niederlassung in Sindelfingen. Also fuhren wir dorthin und führten den Sprinter vor. Obwohl es sich bei unserem Fahrzeug unverkennbar um ein Wohnmobil handelte, fand der junge TÜV-Mitarbeiter dennoch einige Details, wegen der er unseren Sprinter nicht als Wohnmobil anerkennen könne. Die Spüle sei nicht fest mit dem Fahrzeug verbunden, da sie in den Holzrahmen nur lose eingehängt war, und auch die Kocher müssten so mit dem Fahrzeug verbunden sein, dass man sie nur mit einem Werkzeug entfernen könne. Wir erklärten ihm, dass wir die Kocher auch auf unseren Wanderungen mitnehmen wollten und sie deshalb absichtlich nicht fest eingebaut hätten, aber Erklärungsversuche und Diskussionen über die Definition des Festigkeits- und Verbundenheitsbegriffs nützten nichts, er ließ sich nicht erweichen.

Aus uns im Nachhinein unerfindlichen Gründen hatten wir außerdem darauf verzichtet, Zu- und Abwasserkanister mitzunehmen. Ein Fehler, aber deswegen wollten wir uns noch nicht geschlagen geben und unverrichteter Dinge nach Stuttgart zurückfahren. Werkzeug und Schrauben hatten wir dabei, und glücklicherweise gab es neben dem TÜV einen Campingausstatter. Dort erhielten wir die Kanister und verschraubten sie mit dem Fahrzeug, da wir so kurzfristig keine andere Lösung hatten, eine feste, nur mit einem Werkzeug zu lösende Verbindung mit dem Fahrzeug herzustellen. Dass die Kanister mit den Löchern nicht besonders lange dicht sein würden, war offensichtlich, aber die gesetzlichen Anforderungen waren damit zumindest erfüllt. In die Spüle sägten wir schnell ein Loch für den Abfluss zum Abwasserkanister. Die Einzelteile des Abflusses hatten wir zuvor ebenfalls in dem Campingladen erhalten. Die Spüle und den Kocher verschraubten wir fest mit dem Rahmen.

Als wir nach rund einer Stunde erneut beim TÜV-Mitarbeiter vorstellig wurden, war dessen Verwunderung groß. Ungläubig betrachtete er unser Werk. Auch ihm behagten die mit Schrauben befestigten und durchlöcherten Kanister zwar nicht, aber er musste widerstrebend einräumen, dass alles, wenn schon nicht sinnvoll, zumindest gesetzeskonform war und es sich bei unserem Sprinter nun eindeutig um ein Wohnmobil handelte. Das Kapitel TÜV war damit abgehakt, aber es sollte ja noch die Zulassung kommen…

Reisevorbereitung

Reisevorbereitung

Reisevorbereitung

Am Montag unserer letzten Vorbereitungswoche begaben wir uns in die Zulassungsstelle, bereits mit schlechtem Gefühl im Bauch. Es wäre ja zu einfach gewesen, wenn nun alles glatt gegangen wäre, zumal wir nur noch in dieser Woche in Stuttgart und Deutschland gemeldet waren und nach der neuen Gesetzgebung auch nur noch in dieser Woche überhaupt ein Fahrzeug in Deutschland zulassen konnten. Zudem stand uns noch die Renovierung unserer Wohnung bevor.

Und es kam, wie es kommen musste, dunkle Wolken brauten sich über unseren Köpfen zusammen. Der Blitz, der uns traf, ging in Form der Feststellung auf uns nieder, dass unser Sprinter, der zuletzt in Österreich zugelassen war, zuvor schon einmal in Deutschland angemeldet war, und dass der Verbleib des alten deutschen Fahrzeugbriefs unklar war. Irgendwie wussten wir da schon, was uns nun bevorstehen würde…

Es folgte tagelanges Hin- und Hertelefonieren mit den Zulassungsstellen in Österreich und in Stuttgart, dem Händler, bei dem wir den Sprinter gekauft hatten, mehreren Vorbesitzern des Fahrzeugs und verschiedenen Stellen der österreichischen und Deutschen Post. Die österreichische Zulassungsstelle hatte entgegen der geltenden europäischen Richtlinie zum innereuropäischen Fahrzeughandel den alten deutschen Fahrzeugbrief nicht eingezogen. Der Brief musste sich also noch in Händen eines der Vorbesitzer befinden. Diese machten wir nach und nach ausfindig, und wir hatten Glück. Auf nachdrückliches Nachfragen hin stellte sich bei einem der Vorbesitzer aus Linz in Österreich tatsächlich heraus, dass sich der Fahrzeugbrief dort noch befand. Wir erklärten der Dame unsere Situation, und dass wir den Brief unter allen Umständen bis Donnerstag bräuchten, denn Freitag war die Zulassungsstelle geschlossen. Sie solle den Fahrzeugbrief bitte sofort per Express an uns senden. Den Versand bestätigte sie uns dann auch.

Als am Mittwoch kein Brief bei uns einging, wurden wir nervös. Wir versuchten über die österreichische und Deutsche Post herauszufinden, wo sich die Expresssendung befand. Erst nach langem Hin und Her, da die Sendung noch keine deutsche Sendungsnummer erhalten hatte, stellte sich endlich heraus, dass sie sich irgendwo im Zentraldepot der Deutschen Post in Frankfurt am Main befand. So weit, so gut.

Es stellte sich aber auch heraus, dass der Fahrzeugbrief als Einschreiben statt per Express versendet worden war. Die Zustellung bis Donnerstag war unwahrscheinlich. Wir wären augenblicklich nach Frankfurt gefahren, um die Sendung abzuholen. Der genaue Verbleib des Fahrzeugbriefs im Zentrallager war jedoch nicht zu ermitteln. Es blieb uns also nichts Weiteres übrig, als abzuwarten.

Als die Sendung am Donnerstag dann tatsächlich nicht bei uns eintraf, hatten wir keine andere Wahl, als bei der Zulassungsstelle vorstellig zu werden in der Hoffnung, dass es dem bürokratischen Apparat vielleicht doch möglich sein könnte, eine Ausnahme zu machen. Vor Anspannung zitternd saßen wir am Donnerstagnachmittag bei der Zulassungsstelle, warteten, bis wir an der Reihe waren und hofften auf ein Wunder. Und irgendwie sollte es wohl sein, dass wir unsere lang vorbereitete Reise wie geplant antreten sollten. Die Zulassungsstelle drückte tatsächlich beide Augen zu und ermöglichte uns, unseren Sprinter anzumelden und den Fahrzeugbrief nachzureichen.

Als wir dann endlich die beiden Nummernschilder in den Händen hielten, hätten wir weinen können vor Glück. All die Strapazen waren nicht umsonst gewesen, und es konnte endlich losgehen!

Natürlich bestand unsere Reisevorbereitung nicht nur darin, ein Fahrzeug zu finden, aus- und umzubauen und zuzulassen. Ausrüstung, Werkzeuge und Ersatzteile mussten beschafft, Pkw und Motorrad verkauft, der Haushalt auf das Wesentliche reduziert und eingelagert und der Rest auf Flohmärkten verscherbelt werden. Selbst unsere Plattensammlung lösten wir auf. Unsere Jobs und unsere Wohnung kündigten wir, unseren Wohnsitz und unsere freiberuflichen Tätigkeiten meldeten wir ab. Unsere Steuererklärungen für das laufende Jahr bereiteten wir so weit wie möglich vor. Für die Reisekasse eröffneten wir ein gemeinsames Online-Konto mit EC- und Kreditkarten.

An Versicherungen schlossen wir weltweit geltende Auslandskranken-, Haftpflicht-, Rechtsschutz- und Unfallversicherungen ab. Unsere Inlandskrankenversicherungen kündigten wir. Stattdessen schlossen wir so genannte Anwartschaftsversicherungen ab, die uns garantieren, jederzeit zu alten Konditionen und ohne neuerlichen Gesundheitstest wieder in unsere alten Krankenversicherungen aufgenommen zu werden. Somit sind wir auch für denjenigen Fall abgesichert, dass uns bei der Reise gesundheitlich etwas zustößt. Während der Reise haben wir lediglich die vergleichsweise geringen Kosten der Anwartschaftsversicherungen zu tragen.
Abonnements, Mitgliedschaften und Verträge reduzierten wir auf das Notwendigste. Als harte Nüsse erwiesen sich dabei die verschiedenen Telekommunikationsverträge. Am einfachsten war es noch, den Telefonanschluss bei der Telekom zu kündigen. Wesentlich mehr Nerven kostete es, bei anderen Anbietern für Internet-Zugang und Mobilfunk aus den Verträgen herauszukommen. Bei 1&1, unserem Internet-Provider waren etliche Anrufe, E-Mails und deutliche Worte erforderlich, bis man unsere Kündigung aus wichtigem Grund akzeptierte. Bei Debitel, unserem Mobilfunkanbieter halfen auch deutliche Worte nichts. Nachdem unsere zweijährige Mindestvertragslaufzeit abgelaufen war, machte man uns nicht etwa darauf aufmerksam, dass wir gegen Vertragsverlängerung Anspruch auf ein neues Mobiltelefon hatten. Nein, man wies uns wie selbstverständlich darauf hin, dass sich der Vertrag, da nicht gekündigt, gemäß den in den Filialen ausliegenden allgemeinen Geschäftsbedingungen (die wir dort noch nie ausliegen gesehen haben), um ein Jahr verlängert habe, und das wohlgemerkt ohne jegliche Gegenleistung! Unser Tipp: Mobilfunkverträge nach Vertragsabschluss vorsorglich am besten gleich zum Ende der Mindestvertragslaufzeit kündigen und später bei Bedarf einen neuen Vertrag abschließen!
Insgesamt konnten wir so unsere gemeinsamen monatlichen Fixkosten trotzdem auf unter 400 Euro reduzieren.

Über Monate hinweg ließen wir uns gegen alle erdenklichen Krankheiten, auch solche, von denen wir nie etwas gehört hatten, impfen. Neben den Standardimpfungen Diphtherie, Polio und Tetanus gehörten dazu Frühsommer-Meningo-Enzephalitis, Gelbfieber, Hepatitis A und B, Japanische Enzephalitis, Meningokokken-Meningitis, Tollwut und Typhus.

All unsere wichtigen Dokumente kopierten wir mehrfach und scannten sie zusätzlich, um sie als PDF-Dateien auf Memorysticks immer bei uns tragen zu können. Von all unseren sonstigen Daten machten wir Sicherheitskopien. Für das Reisetagebuch überlegten wir uns eine Internet-Adresse, reservierten sie, besorgten Speicherplatz und richteten es ein.

All das liegt nun hinter uns, denn wir sind endlich unterwegs!

HIT THE ROAD!!!