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Ausreise Israel und Einreise Ägypten

Ohne konkrete Erwartungen waren wir nach Israel gekommen, doch das Land hat uns von Anfang an in seinen Bann gezogen. Es begann schon an der Grenze, also uns die freundlichen Grenzbeamten die Einreise so leicht wie möglich machten, und das, obwohl wir zuvor auch durch Syrien gereist waren. Nicht einmal eines der gefürchteten Interviews mussten wir über uns ergehen lassen, und nur ein vernachlässig kleiner Teil unseres Gepäcks wurde den normalerweise extensiven Sicherheitskontrollen unterzogen.
Von den Surfern in Bet Yannay wurden wir wie Freunde aufgenommen. Wir konnten zwei Wochen lang an ihrem Leben teilhaben und von ihnen viel über das Land erfahren. Sie gaben uns zahlreiche Tipps und halfen uns bei der Organisation der Weiterreise. Unser großer Dank geht hier vor allem an Oded und Tamari. Besonders Oded können wir gar nicht genug danken. Wir durften uns bei ihm wie zuhause fühlen, unsere Wäsche waschen, und er half uns, unseren Wagen für die nächsten 10.000 Kilometer fit zu machen. Und auch sonst können wir gar nicht genug betonen, wie freundlich und vorurteilsfrei wir überall aufgenommen wurden trotz der tragischen Geschichte, die unsere Völker verbindet.
Darüber hinaus bietet Israel mit dem quirligen Tel Aviv und dem kulturell zutiefst beeindruckenden Jerusalem zwei Städte, die man einfach gesehen und erlebt haben muss. Das Land selbst ist trocken, aber von großer Schönheit: so zum Beispiel die in weiten Teilen noch unberührte Mittelmeerküste, das leider nicht mehr unberührte aber trotzdem wunderschöne Tote Meer, das Rote Meer und die Felswüsten im Süden.
Eines Tages werden wir nach Israel zurückkehren und hoffentlich Oded und die anderen wiedersehen. Und wir würden gerne den Israel Trail laufen – einen knapp 1.000 Kilometer langen Wanderweg kreuz und quer durch das ganze Land.

Mit einem guten Gefühl und ohne lästige Durchsuchung verlassen wir Israel. Entgegen der Einreiseformalitäten können wir den Ausreisestempel jedoch nicht auf ein Extrablatt bekommen. Der israelische Zoll musste uns schon bei der Einreise einen kleinen Zusatzstempel mit einer Codierung an einer unauffälligen Stelle in den Pass drucken – aber zumindest ohne hebräische Schriftzeichen. Diesen hatten wir noch nicht als Problem betrachtet. Nun stellt sich jedoch heraus, dass auf derselben Passseite auch der Ausreisestempel platziert werden muss. Der Ausreisestempel enthält zwar ebenfalls keine hebräischen Schriftzeichen, aber es ist ein dickes schwarzes Dreieck, das kaum zu übersehen ist.
Außerdem mussten wir uns in Eilat ein Visum für Ägypten besorgen. Während Fluggäste es problemlos bei der Einreise erhalten, erhalten Überlandreisende an der israelisch-ägyptischen Grenze lediglich ein Visum für den Sinai, da der Sinai, obwohl Ägypten zugehörig, diesbezüglich souverän verwaltet wird. Eine Grenze zwischen Sinai und Ägypten oder eine Dienststelle, an der man das Visum für das Ägypten westlich des Suezkanals und des Roten Meeres erhalten könnte, existiert nicht.
Das ägyptische Konsulat in Istanbul hatte uns mitgeteilt, auch bei der Einreise über den Sinai werde an der Grenze ein für ganz Ägypten gültiges Visum ausgestellt. Infolge dieser Fehlinformation mussten wir uns das Visum im ägyptischen Konsulat in Eilat besorgen, und „Eilat“ steht nicht zu übersehen in der ersten Zeile des Visumstempels. Wenn das mal gut geht, denn die Durchreise durch den Israel nicht gesonnenen Sudan ist die einzige Möglichkeit, mit vertretbarem Aufwand in das südliche Afrika zu gelangen.

In Taba an der Grenze zu Ägypten müssen wir wieder eine Durchsuchung über uns ergehen lassen. Zwei Zollbeamte nehmen unseren Sprinter in Augenschein. Immerhin sind sie im Gegensatz zu den jordanischen Kollegen recht höflich. Ihr besonderes Interesse gilt unserer großen Bücherkiste, dem vollgestopften Medizinschränkchen und Christianes Handtasche.
Genüsslich durchstöbert einer der Beamten jeden Winkel der Tasche, zieht jedes Döschen oder Fläschchen vorsichtig heraus und hält es mit einem fragenden Blick in die Höhe. Genauestens lässt er sich von Christiane erklären, wofür das jeweilige Wässerchen da ist und ob es denn auch gut rieche.
Aus unserer Medizinbox fischt der andere Kollege unterdessen zielsicher zwei allseits bekannte blaue Tabletten in Rautenform heraus, die wir zum Ausprobieren und vergleichsweise günstig in der Türkei gekauft haben. Mit einem wohlwissenden Grinsen hält er die Packung in die Höhe und fragt mich, wofür die denn seien. Das ist für noch mehr Spaß im Bett, erkläre ich verlegen. „You wanna try?“ Tatsächlich lässt er die Packung nach kurzer Rückversicherung freudig in seiner Tasche verschwinden. Und sein Gesichtsausdruck verrät, dass er die folgende Nacht kaum erwarten kann…
Als nächstes steht uns der Behördengang bevor: Zoll, Versicherung und Verkehrsamt. Und sie wollen alle nur unser Bestes: unser Geld. Dem schmierigen, feisten Typ vom Zoll sieht man schon von weitem an, dass er den ganzen Tag kaum einen Finger krumm macht, und wenn er sich doch einmal bewegen muss, muss er sich vor Anstrengung sofort die Schweißperlen von der Stirn wischen. Das, obwohl selbst wir es bei den moderaten Temperaturen gut aushalten können und es in seinem Büro angenehm kühl ist. Er erklärt uns, dass er aus meinem Pass und aus dem Carnet des Passages von insgesamt vier Seiten je drei Kopien benötigt. Schwer atmend geleitet er uns ein Stockwerk höher zu einem anderen Büro, in dem einvorzeitliches Kopiergerät steht.
Während er entschwindet, eröffnen uns die Kollegen aus dem Büro, dass jede Kopie zwei Ägyptische Pfund koste. Das sind umgerechnet 25 Cent – für ägyptische und selbst deutsche Verhältnisse ziemlich viel Geld. Das geben wir ihm dann auch zu verstehen, und tatsächlich ist er bereit, die Summe auf zwanzig Pfund abzurunden. Doch wir sind immer noch nicht begeistert und lamentieren weiter. Dann geht plötzlich alles ganz schnell: „Fourtyeight.“, lautet sein nächstes Angebot. So läuft das hier also.
Christiane protestiert lautstark, und im nächsten Moment sind wir schon bei 96 Pfund. Das wären schon zwölf Euro für ein Duzend Kopien. „Mensch, halt die Klappe!“ gebe ich Christiane höchst unfein aber wohlwissend, dass jeder weitere Nachsatz den Preis weiter verdoppeln würde, zu verstehen. Christiane ist verständlicherweise kaum zu beruhigen, und auch ich koche innerlich. Ich würde dem Kerl am liebsten an die Kehle gehen, aber ich beherrsche mich natürlich.
Durch schnelles Zurückrudern und besänftigende Töne können wir uns aber immerhin wieder auf den Normalpreis verständigen. Mangels Alternativen akzeptieren wir, schließlich sitzen wir hier im Niemandsland und haben keine Chance, woanders Kopien herzubekommen. Wie wir später aus Gesprächen mit anderen Afrikafahrern erfahren, wird auf diese Weise an vielen Grenzen abgezockt, und auch das Mitbringen eigener Kopien ist in der Regel zwecklos, da sie von den Behörden nicht akzeptiert werden.
Mit den teuer bezahlten Kopien und – was noch viel schlimmer ist –, einem zutiefst verunsicherten Gefühl gehen wir zurück ins Büro des Zollbeamten und legen ihm die Kopien vor. Er erklärt uns nun das weitere Prozedere. Bei ihm sollen wir fünfhundert Pfund Zollgebühren zahlen, noch einmal fünfhundert Pfund soll die Versicherung kosten, und die Verkehrsbehörde verlangt noch einmal einen, im Vergleich zu den anderen Summen nicht weiter ins Gewicht fallenden Betrag. Insgesamt sind es rund tausendzweihundert Pfund beziehungsweise hundertfünfzig Euro. Da die Deutsche Botschaft in Kairo keinerlei Informationen zu den Kosten an der Grenze nennt, können wir überhaupt nicht einschätzen, ob wir hier abgezockt werden oder nicht. Nach der Erfahrung mit den Kopien fühlen wir uns ziemlich ausgeliefert. Im Büro des Zollbeamten hängt eine Preistafel für Zoll, Versicherung und Verkehrsbehörde. Seine Angaben zu Versicherung und Verkehrsbehörde stimmen, aber die fünfhundert Pfund für den Zoll sind viermal so hoch wie der Preis auf der Tafel. Wir verlangen eine Erklärung, und nach langwieriger Diskussion meinen wir aus dem miserablen Englisch herauszuhören, dass der Preis auf der Tafel nur für den Sinai gelte und nicht für das übrige Ägypten.
Wir glauben ihm nicht, müssen die Situation aber erst einmal in Ruhe besprechen. Da wir in Eilat ohnehin nicht genügend Geld gewechselt hatten – Gott sei Dank, denn wie wir jetzt erfahren, haben wir bei dem Halsabschneider nur 75 Prozent des tatsächlichen Werts erhalten –, nutzen wir die Gelegenheit, um zum Geldautomaten zu laufen. Der Geldautomat befindet sich in einem anderen Gebäude. So haben wir genügend Zeit, uns einen Plan auszudenken. Wir beschließen, alle Register zu ziehen und zu versuchen, mit dem Chef des Zolls zu sprechen oder anderenfalls in Gegenwart des Zollbeamten ein Telefonat mit der Deutschen Botschaft in Kairo zu simulieren.
Zum Chef des Zolls werden wir erwartungsgemäß nicht durchgelassen. Die Obrigkeitshörigkeit in Ägypten wie auch anderen arabischen und afrikanischen Ländern ist sehr ausgeprägt, der Führungsstil patriarchalisch, und es gibt wohl keine größere Horrorvorstellung für die hiesigen Beamten, als sich vor seinem Vorgesetzten verantworten zu müssen. Dementsprechend versetzen wir die ganze Behörde in Aufregung, auch wenn man versucht, es vor uns zu verbergen. Allerdings kann das auch nach hinten losgehen und sich nachteilig für uns auswirken. Wir sind skeptisch, ob es eine gute Idee war, halten aber an unserer Einschüchterungstaktik fest. Wenn man mit neuen Situationen konfrontiert ist, muss man auch einmal die Grenzen ausloten.
So simuliere ich dann schließlich, zurück im Büro des Zollbeamten und nach weiterer fruchtloser Diskussion, ein Telefonat mit unserer Botschaft. Der Beamte bleibt aber äußerlich gelassen. Entweder ist er ziemlich abgebrüht, oder seine Erklärung zum veranschlagten Geldbetrag entsprach doch der Wahrheit. Da wir jetzt nur noch die Möglichkeit hätten, die Zahlung zu verweigern und für unbestimmte Zeit abzuwarten, was passiert, entscheiden wir uns, zu zahlen. Später erfahren wir wiederum von anderen Travellern, dass sie den gleichen Betrag gezahlt haben. Wir hätten also nichts erreicht.
Der Aufruhr hat aber auch sein Gutes. Im Versicherungsbüro und bei der Verkehrsbehörde werden wir schnellstens und ohne weitere Probleme abgefertigt. Als Extraservice schraubt man uns sogar die ägyptischen Nummernschilder, mit denen wir nun herumfahren müssen, in unsere Nummernschildhalterungen. Dieser Service blieb allen anderen Afrikafahrern, mit denen wir in Ägypten gesprochen haben, verwehrt. Sie mussten ihre Nummernschilder selbst mit Panzerband befestigen. Alles in allem dürfen wir vergleichsweise nach nur weniger als drei Stunden weiterfahren. „Welcome to Egypt!“

Ausreise Israel und Einreise Ägypten

Ausreise Israel und Einreise Ägypten

Wüste Negev bei Eilat

Von Small Makhtesh in der Wüste Negev sind wir zurück an den Großen Afrikanischen Grabenbruch im israelisch-jordanischen Grenzgebiet und weiter Richtung Süden gefahren. Über all sahen wir auf der israelischen Seite riesige Palmenplantagen – dabei fließt der Jordan dort gar nicht mehr. Die Plantagen müssen komplett künstlich bewässert werden. Dabei ist Wasser in Israel und Jordanien so knapp – was für ein ökologischer Wahnsinn!

Im äußersten Süden Israels und im äußersten Norden des Roten Meers liegt Eilat. Von Eilat aus wird es für uns über die Grenze nach Taba im Sinai gehen. Über Eilat selbst muss man nicht viele Worte verlieren. Eilat ist der israelische Ballermann: Restaurants, Bars, Diskotheken, Stände mit Ramsch, Edelboutiquen, Liegestühle, Sonnenschirme und dazwischen wenig Strand. Doch wir können hier noch einige Erledigungen machen.

Nördlich von Eilat besteht die Wüste Negev aus Gebirgszügen verschiedenster Erdtönungen, engen Schluchten und Tälern. Hierhin ziehen wir uns für die Nacht zurück und stellen unseren Sprinter neben einem knorrigen, abgestorbenen Baum.

Wüste Negev bei Eilat

Wüste Negev bei Eilat

Wüste Negev bei Eilat

Wüste Negev bei Eilat

Später bei Dämmerung treffen unerwartet auf die beiden Berliner Ari und Uta. Sie sind in die Wüste gekommen, um den aufgehenden Vollmond zu genießen. Wir kommen ins Gespräch und verbringen so bei Vollmond und einigen Gläsern Wein ganz unverhofft einen wunderbaren, geselligen Abend. Der Himmel ist glasklar, und das Mondlicht wird vom hellen Boden so stark reflektiert, das die gesamte Umgebung hell erleuchtet ist. Noch nie haben wir eine solche Helligkeit bei Nacht erlebt. So verzichten wir auf jede künstliche Lichtquelle und genießen das Naturschauspiel. Zu meiner größten Freude rauchen Ari und Uta auch noch denselben Tabak wie ich, und ich drehe mir voller Genuss eine nach der anderen. Nur leider vergesse ich dabei das Fotografieren…

Small Makhtesh in der Wüste Negev

Vom Toten Meer machen wir einen Abstecher in die Wüste Negev im Landesinneren Israels. Mit einem Gebiet von etwa 12.000 Quadratkilometern nimmt die Wüste Negev rund 60 Prozent von Israel ein. Ähnlich der Einsturztrichter in den Uferzonen des Toten Meers sind in der Wüste Negev durch Erosion in Jahrmillionen drei riesige Krater entstanden. Der kleinste und schönste der drei großen Krater in der Wüste Negev ist Small Makhtesh. Small Makhtesh ist nahezu kreisrund und hat einen Durchmesser von mehreren Kilometern. Der Ausblick vom Kraterrand ist schlichtweg gigantisch. Dazu herrscht absolute Stille, die nur gelegentlich von einzelnen Vögeln durchbrochen wird. Was für ein erhabenes Gefühl!

Small Makhtesh in der Wüste Negev

Small Makhtesh in der Wüste Negev

Totes Meer in Israel

Nachdem die jordanische Seite des Toten Meers eher ernüchternd war, sind wir sehr gespannt, welchen Unterschied einige Kilometer Luftlinie machen können. Und der Unterschied ist tatsächlich groß. Landschaftlich viel schöner und abwechslungsreicher gestaltet sich die israelische Seite des Toten Meers.

Die meisten Uferzonen können aus Sicherheitsgründen jedoch nicht betreten werden. Überall stehen große Warntafeln und Absperrzäune aus Maschendraht. Da der Jordan heute nur noch ein Rinnsal ist, fließt weniger Wasser ins Tote Meer als verdunstet. In der Konsequenz sinkt der Wasserspiegel des Toten Meers mit atemberaubender Geschwindigkeit um etwa einen Meter pro Jahr. Die zurückbleibenden Uferzonen erodieren und bilden lebensgefährliche Einsturztrichter: Der feinsandige und von grobem Kies durchsetzte Boden sackt urplötzlich in sich zusammen und reist alles in die Tiefe, was darauf steht.

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Nur eine Reihe von Badeanstalten bietet einen einigermaßen sicheren Zugang zum Toten Meer. Alle paar Jahre müssen sie jedoch aufgegeben werden, da das Tote Meer sich so rasend schnell zurückzieht. Überall sieht man Ruinen, die davon zeugen.

Wir besuchen eine der noch intakten Badeanstalten und gönnen uns ein ausgedehntes Bad im Toten Meer. Das Schwimmen im Toten Meer ist wirklich ein Erlebnis. Der hohe Salzgehalt macht das Wasser schwer und uns im Verhältnis dazu leichter. Wie ein Korken treibt man auf dem Toten Meer – ein wirklich einzigartiges Gefühl und ein großartiger Spaß!

Baden im Toten Meer

Baden im Toten Meer

Baden im Toten Meer

Als wir schließlich weiterfahren, müssen wir feststellen, dass das Tote Meer heute gar kein zusammenhängender See mehr ist. Das Tote Meer ist geteilt in einen nördlichen und einen südlichen Teil, die durch einen Kanal miteinander verbunden sind. Der Nördliche Teil macht etwa zwei Drittel, der südliche Teil etwa ein Drittel des Toten Meers aus. Während der nördliche Teil mehr oder weniger natürlich geblieben ist, wurde der südliche Teil des Toten Meers komplett von Menschenhand umgestaltet. In riesigen, flachen Becken wird dort das Wasser des Toten Meers künstlich verdunstet, so dass noch das Salz und die Mineralien aus dem Toten Meer zurückbleiben. Das Tote Meer hat nicht nur einen der weltweit höchsten Salzgehalte, sondern es hat auch den höchsten Gehalt an Mineralien wie Brom, Kalium, Magnesium und Jod. Diese Mineralien werden sowohl auf israelischer als auch auf jordanischer Seite ohne Rücksicht auf das Tote Meer ausgebeutet.

Jerusalem

Was haben wir als Atheisten von einem Besuch in der heiligen Stadt Jerusalem zu erwarten? Diese Frage stellten wir, die wir nur einen geringen bis gar keinen Bezug zu Religion haben, uns natürlich.
Man kennt Jerusalem von Bildern aus den Nachrichten. Wenn in Israel politische Entscheidungen getroffen werden, dann geschieht das in der Hauptstadt – Jerusalem. Den Tempelberg mit der gold-glänzenden Kuppel des Felsendoms und dem schlichten Antlitz der El-Aksa-Moschee sowie die Grabeskirche hat man schon hunderte Male gesehen, doch scheint alles unendlich weit entfernt und unwirklich.

Auf dem Weg zur Altstadt kommen wir durch einen kleinen, gepflegten Park und finden ein Restaurant mit idyllischem Lustgärtchen davor. In der Mitte steht ein alter Olivenbaum, um den herum vier Tische mit ein paar Stühlen aufgestellt sind. Singvögel zwitschern, sonst ist es ganz still. Ein Kellner kommt zu uns an den Tisch. Er ist die Gelassenheit in Person. Wir erklären ihm, dass wir gerne einen Kaffee mit viel Milch hätten.
„Den machen wir Ihnen sehr gerne. Wünschen Sie ihn mit aufgeschäumter Milch?“
„Ja, wunderbar!“, und fünf Minuten später steht ein perfekter Latte Macchiato vor uns auf dem Tisch.
Wir kommen mit dem Kellner ins Gespräch und erzählen ihm, dass wir auf dem Landweg nach Israel gekommen sind und eine Weltreise machen. Er ist ganz begeistert und verschwindet nach kurzer Unterhaltung in der Küche. Zurück kommt er mit zwei Tellern Brot und Butter als Geschenk des Hauses für die Reisenden. Sind wir hier schon im Paradies angelangt?

Jerusalem

Bestens eingestimmt und gesättigt verlassen wir das kleine Paradies und begeben uns in die Altstadt.

Jerusalem

Jerusalem

Kein übertriebenes Sicherheitsaufgebot, keine Leibesvisitationen oder Ähnliches. Wir sind angenehm überrascht und gehen hinüber zum Davidturm. Von oben hat man einen der besten Ausblicke auf die Altstadt und den Ölberg. Und was soll man sagen, wir sind von dem Anblick der Altstadt und all den uns vertrauten Gebäuden ergriffen. Da liegt sie nun vor uns, die Stadt, die wir schon so oft gesehen haben und die doch immer so unerreichbar fern schien. Da ist er, der Tempelberg mit dem Felsendom und der El-Aksa-Moschee, zwei der wichtigsten Heiligtümer des Islam, da ist sie, die Grabeskirche, gebaut um die Stätte, an der Jesus nach seiner Kreuzigung begraben worden sein soll. Die Gebeine hat man natürlich weder dort noch sonst irgendwo gefunden, schließlich ist Jesus dem Glauben nach auferstanden.

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Doch die Stadt offenbart auch sichtbar ihre Schattenseiten. In der Ferne deutlich zu sehen ist die hohe Mauer, die Israelis gebaut haben, um die dortigen Wohngebiete vor Beschuss aus den palästinensischen Gebieten hinter der Mauer zu schützen. Aber nicht überall gibt es solche Übergriffe, nicht überall sind solche drastischen Maßnahmen erforderlich. In weiten Teilen des Landes leben Israelis und Palästinenser trotz des Konflikts friedlich miteinander.

Jerusalem

Anblicke erfreulicherer Natur finden wir im Hof des Davidturms vor, in dem die Kunstwerke eines Glasbläsers ausgestellt sind. Neue Kunst geht hier eine harmonische Symbiose mit alten Steinen ein. Ein Zeichen für die Toleranz und Aufgeschlossenheit der Stadt, nicht nur gegenüber der Tradition, sondern auch der Moderne.

Jerusalem

Jerusalem

Die Grabeskirche, deren zwei anthrazitfarbenen Kuppeln kaum weniger an, wenngleich unterschiedlich große, weibliche Brüste erinnern, als die Frauenkirche in München, ist unser nächstes Ziel. Es ist noch früh, und der Andrang der Gläubigen hält sich erstaunlich in Grenzen. In der Mitte der kleinen Eingangshalle ist die vermeintliche Grabplatte von Jesus ausgestellt. Dort liegt sie einfach so, kein Panzerglas, keine Alarmanlagen. Allerdings wäre sie wohl auch nur schwer zu tragen, denn sie sieht ziemlich massiv aus. Sie ist aus einem beige-rötlich marmorierten Stein, die Oberfläche grob bearbeitet und rau. Die Gläubigen knien vor ihr nieder, berühren und küssen sie. Und auch wir lassen es uns nicht nehmen, wenigstens einmal unsere Hand auf die Platte gelegt zu haben.

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Ansonsten passiert allerdings nichts, keine Erleuchtung, keine Erscheinung, kein Wunder. Oder vielleicht doch? Als wir später am Abend die Fotos des Tages sichten, fällt uns auf einem der Fotos ein dunkelhäutiger Mann mit weißem Gewand im Hintergrund auf, der im Sonnenlicht erstrahlt und erhaben den Arm ausstreckt.

Jerusalem

Von dieser Erscheinung jedoch noch nichts ahnend schreiten wir beinahe enttäuscht weiter in die große und verwinkelte, ansonsten aber eher schlichte Kirche hinein. Den Besucher erwarten keine architektonischen, keine pompösen Übertreibungen, keine unermesslichen Kunstschätze. Aber gerade ihre Schlichtheit verleiht der Kirche ihre Ehrwürdigkeit. Sehr sympathisch.
Und dann stehen wir plötzlich vor einem großen Schrein, unter einer gelblich schimmernden Kuppel, die den hohen Raum in ein erhabenes Licht taucht. Eine Schlange Gläubiger hat sich neben dem Schrein versammelt und windet sich hin zu einem kleinen Durchgang, der in den Schrein hineinführt. Hier soll es also gewesen sein, hier soll der Ort sein, an dem Jesus nach seiner Kreuzigung und bis zu seiner Auferstehung seine nur kurz währende Ruhe gefunden haben soll. Nur jeweils fünf Personen werden in die kleine Kammer eingelassen, und obwohl die Besichtigenden eine halbe Stunde warten müssen, drängelt niemand. Alle warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Auch wir reihen auch wir uns in die Schlange der Wartenden ein und besichtigen den heiligen Ort. Gebückt zwängen wir uns durch den niedrigen Durchgang in die winzige Kammer, in der ein kleiner Altar aufgebaut ist. Neben dem Altar hängt ein Marienbild, und von der Decke baumeln lauter kleine Öllämpchen. Christiane zündet für ihren frühzeitig verstorbenen und in manchem Augenblick schmerzlich vermissten Vater eine Kerze an.

Jerusalem

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Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

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Dann verlassen wir die Grabeskirche wieder, und gehen ein Stück auf dem Kreuzweg, die Via Dolorosa entlang, die quer durch die Altstadt in Richtung des Ölbergs führt.

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

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Der halbe Ölberg ist übersät mit jüdischen Gräbern. Es sind schlichte, quaderförmige Sarkophage mit Inschriften auf den Grabplatten, teils von der Verwitterung gezeichnet, teils nur geringen Alters, und aus allen Blickwinkeln bietet das Meer der Sarkophage immer wieder beeindruckende Bilder. Von der Spitze des Ölbergs genießen wir den, in den Nachrichten meist gesehenen, Ausblick auf die Altstadt, mit dem Tempelberg und darauf dem Felsendom und der El-Aksa-Moschee im Vordergrund.

Vom Ölberg gehen wir wieder zurück zur Altstadt, ein Stück der Stadtmauer entlang und um den Tempelberg herum. Der Weg führt uns am Fuße der El-Aksa-Moschee vorbei. Sie wurde in die Stadtmauer hineingebaut und ist im Vergleich zu anderen Moscheen schmucklos und unscheinbar, ähnlich der Grabeskirche. Wie es in ihrem Inneren aussieht, das erfahren wir leider nicht, denn seit einigen Jahren sind Moschee und Felsendom für Nichtmuslime nicht mehr zugänglich.

Am Rande des Tempelbergs, unmittelbar unterhalb der El-Aksa-Moschee, befindet sich auch die Klagemauer, an die Juden ihr Leid gen Himmel wenden und kleine Zettelchen mit ihren Wünschen in die Ritzen stecken. Hier treffen wir zum ersten Mal auf eine nennenswerte Anzahl orthodoxer Juden, dieser doch etwas weltfremd erscheinenden Menschen mit ihrer schwarzen Kleidung, den großen Hüten und Pelzmützen und den vor den Ohren herabhängenden Locken, die das Bild der Juden in unseren Köpfen so sehr prägen.

Inzwischen ist es dämmrig geworden, und wir machen uns langsam auf den Weg zurück zum Sprinter. An die Klagemauer grenzt unmittelbar das muslimische Viertel. Lediglich ein Tunnel trennt beides voneinander, und an seinem Ende angelangt könnte man meinen, man befinde sich plötzlich in einer anderen Stadt. Während die jüdischen und christlichen Viertel sehr gepflegt und ruhig sind, bewegt man sich hier schlagartig auf klebrigem, verdrecktem Boden, überall liegt Müll herum, Menschenmassen schieben sich durch die engen Gassen, und kreischende Kinder spielen aggressive Spiele, schlagen mit Holzstöcken aufeinander ein. Hier vollzieht sich für den Besucher ein wahrer Kulturschock von Stadtviertel zu Stadtviertel, hier koexistieren auf engstem Raum vier Kulturen, die jüdische, die christliche, die islamische und die armenische. Vier Stadtviertel und viele Religionen beziehungsweise religiöse Richtungen.

Uns ist der Trubel ein wenig zuviel, und da wir zu dieser Zeit nach Einbruch der Dämmerung beinahe die einzigen Touristen im muslimischen Viertel sind, sehen wir zu, dass wir schleunigst wieder herauskommen. Wir verlassen Jerusalem und ziehen uns in ein kleines Wäldchen etwa zwanzig Kilometer vor der Stadt zurück. Den Wald verwenden wir am nächsten Tag als Ausgangspunkt zu einem weiteren Streifzug durch Jerusalem, und danach werden wir hier einfach ein paar Tage abspannen und unser Leben mit Füchsen und Iltissen teilen.

Tel Aviv

Tel Aviv ist eine Stadt im Aufbruch. Die unruhige Vergangenheit mit den allgegenwärtigen Bombenattentaten durch palästinensische Selbstmordattentäter auf öffentliche Plätze, öffentliche Verkehrsmittel, Restaurants, Bars und Diskotheken vor allem in den Neunzigerjahren merkt man Tel Aviv heute kaum noch an. Lediglich die allgegenwärtigen Sicherheitsdienste erinnern daran, dass die Probleme zwischen Israelis und Palästinensern noch nicht gelöst sind. Noch wurde keine Einigung erzielt, noch schwebt das Damoklesschwert von Krieg und Terror über dem Land, noch immer zucken die Menschen zutiefst erschrocken zusammen, wenn irgendwo der Luftballon eines Kindes zerplatzt. Zu viele Israelis haben durch Attentate Freunde und Familie verloren. Auch Oded verlor durch einen Bombenanschlag einen Freund, und er selbst erlebte, wie sich ein flüchtender Selbstmordattentäter in seiner Nähe in die Luft sprengte, nachdem man ihn zuvor vom Versuch abgehalten hatte, mit anliegendem Bombengürtel in ein ein Kaufhaus einzudringen.

Doch das Volk der Israelis ist leidgeprüft. Das Leben geht für sie weiter, und sie versuchen, das Beste daraus zu machen. Sie leben ihr Leben weit intensiver, als viele andere Völker. Sie gehen gerne an den Strand, genießen Kaffee, Wein und gutes Essen, treiben Sport mit Freunden, picknicken mit der Familie und machen ausgedehnte Wanderungen, oft in großen Gruppen.

Tel Aviv kommt diesem Drang nach intensivem Leben entgegen wie keine zweite Stadt in Israel. Deshalb zieht Tel Aviv viele junge Menschen an, die in die Stadt strömen, um hier zu studieren, zu arbeiten und einfach eine gute Zeit zu haben. Am großen, hotelgesäumten Strand, der ein wenig an Miami erinnert, verbringen sie jede freie Minute.

Tel Aviv

Tel Aviv

Tel Aviv

Tel Aviv

Tel Aviv

In der Stadt drängt sich Café an Café, Restaurant an Restaurant und Bar an Bar. Uns gefallen am besten ein Pizza- und ein Sushi-Imbiss, und außerdem eine Burger-Bar, in der wir die besten Burger unseres Lebens. Dazu bekommen wir noch einen gehaltvollen Schokokuchen auf Kosten des Hauses serviert, nur weil wir unseren Vierertisch zum Tausch gegen einen Zweier angeboten hatten, als alle anderen Tische voll waren und eine Vierergruppe keinen Platz mehr fand.

Tel Aviv

Tel Aviv

Außerdem hat Tamari für uns organisiert, dass wir bei ihrer älteren Schwester in Tel Aviv übernachten können. Das macht einen Stadtbesuch ziemlich entspannt, und so haben auch wir hier zwei Tage lang eine ziemlich gute Zeit!

Zu Gast in Bet Yannay

Nach dem Stress der letzten Tage und einiger Zeit ohne die Möglichkeit, auch einmal nur für sich zu sein, sind wir reif für einen Urlaub vom Reisen. Unser Ziel ist das Meer. Dort möchten wir ein paar Tage entspannen und uns ausschließlich dem Nichtstun widmen.

Den See Genezareth haben wir rechts und Nazareth links liegen gelassen. Der See Genezareth ist wie das Tote Meer Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs. Mit über 200 Metern unter dem Meeresspiegel ist der See Genezareth der tiefstgelegene Süßwassersee der Erde. Der See Genezareth hat nicht nur eine historische Bedeutung für die Christen wegen vieler Wirkungsstätten von Jesus von Nazareth an seinen Ufern, sondern er ist auch Israels Wasserreservoir. Gespeist wird der See Genezareth durch den Jordan. Der Jordan fließt dann weiter entlang der israelisch-jordanischen Grenze und mündet schließlich im Toten Meer. Nach dem See Genezareth fließt der Jordan heute jedoch nur noch als Rinnsal weiter. Darin besteht ein großes Konfliktpotenzial zwischen den beiden Ländern. Wasser ist in Wüstenstaaten die wichtigste Ressource, denn ohne Wasser gibt es kein Leben.

See Genezareth

Nazareth

Durch Haifa sind wir durchgefahren und haben einen kurzen Abstecher an das bisschen Strand gemacht, das die Stadt übrig gelassen hat.

Strand in Haifa

Immerhin sahen wir seit der Türkei zum ersten Mal wieder ein Wohnmobil, wenngleich es nach einem fest eingerichteten Domizil aussah. Da fühlten wir uns doch gleich nicht mehr ganz so als einsame Streiter. Aber es schien leider niemand zu Hause zu sein.

Strand in Haifa

Da wir der Haifa sonst auf den ersten Blick nicht viel abgewinnen konnten, fuhren wir weiter nach Süden mit Kurs auf Tel Aviv. Und kaum waren wir aus Haifa heraus, kamen wir auch schon an wunderschönen Stränden vorbei, die teils spärlich frequentiert, teils menschenleer waren.

Strand bei Haifa

Nur hin und wieder stießen wir auf einen kleinen Küstenort. Erstaunlich, dass es bei der geringen Ausdehnung und dichten Besiedlung des Landes gelungen ist, kilometerlange Küstenabschnitte vor der Zersiedlung zu bewahren und die Natur zu schützen. Doch so schön die unberührte Natur anzusehen war, uns war es nach einem netten Café und einer Dusche am Strand. Irgendwo musste hier so etwas doch zu finden sein. Also fuhren wir weiter und bewiesen wieder einmal den richtigen Riecher.

Auf etwa halber Strecke zwischen Haifa und Tel Aviv stoßen wir in Bet Yannay schließlich auf genau das, was wir gesucht haben: einen wunderschönen Strandabschnitt mit Dünen, feinem hellem Sand, einer kräftigen Brandung, einem Café, Duschen, Toiletten und einem Parkplatz davor, den wir für die nächsten Tage zu unserem Stellplatz machen werden. Außerdem liegen am Strand einige Gleichgesinnte, und ein paar Kitesurfer sind auch da.

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

An einem der nächsten Morgen sitzen wir im Strandcafé von Bet Yannay und gönnen uns ein opulentes Frühstück, für das wir halb soviel zahlen, als es in Deutschland kosten würde. Da kommt eine junge Israelin, so Mitte, Ende zwanzig, vorbei und spricht uns an, ob der große Wagen auf dem Parkplatz uns gehöre. Wir bejahen und sehen uns umgehend in ein Gespräch verwickelt. Ihr Name ist Michal, und sie ist von unserer Unternehmung, die Welt zu umrunden, ganz begeistert. Um genau zu sein, ist sie ganz schön überdreht und redselig. Vermutlich liegt das auch daran, dass sie in den letzten acht Jahren in Frankreich gelebt hat und gerade erst zurückgekehrt ist. Sie hat diese typische, übertriebene französische Art an sich. Aber sie ist uns sympathisch und lädt uns für den Abend zu sich nach Hause zum Essen ein.

Am Abend holt sie uns dann auch wie verabredet am Strand ab und fährt mit uns zu sich nach Hause. Wir parken den Sprinter in dem kleinen Wohngebiet am Straßenrand und folgen ihr vorbei an einem luxuriösen Haus über einen Hinterhof zu einem Holzhäuschen mit kleiner Veranda, das etwa so groß ist wie eine bessere Einzimmerwohnung. Aber es ist alles da, was man braucht, ein mittelgroßer Raum mit Kochzeile, ein kleines Bad und ein kleines Schlafzimmer. Außerdem gibt es ja noch die Veranda, auf der wir es uns gemütlich machen. In Israel ist es selbst um diese Jahreszeit noch warm genug, um den Abend draußen zu verbringen.
Michal hat noch einen Freund eingeladen. Er heißt Oded, ist in unserem Alter, und nicht minder gesprächig als Michal, zumindest nach den ersten ein, zwei Gläsern vom Rotwein, den wir mitgebracht haben. Das Essen hat er gekocht und mitgebracht: für jeden ein butterzartes Steak mit einer Art Couscous und dazu Weißkohlsalat. Tahina ist etwas Ähnliches wie Bulgur und wird wie Reis gegessen. Es schmeckt vorzüglich, und wir verbringen einen unterhaltsamen Abend. Im Gegensatz zu Oded ist Michal allerdings nicht mehr so gesprächig. Sie verträgt den Wein nicht so gut und muss am nächsten Tag früh arbeiten. So verabschiedet sie sich dann auch vorzeitig ins Bett, während Oded nun, nach den nächsten Weingläsern, erst so richtig zur Höchstform aufgelaufen ist. Er bietet uns an, mit zu sich nach Hause zu kommen, um den Abend dort gebührend ausklingen zu lassen. Außerdem könnten wir seine Dusche benutzen, und ein Bett habe er auch für uns. Diese Offenheit gegenüber quasi Fremden ist uns fast peinlich, aber auch wir möchten den Abend nicht so abrupt beenden und genüsslich ausklingen lassen. Wir verabschieden uns von Michal und folgen Oded zu seinem Heim, das im Nachbarort liegt.

So setzen wir den feuchtfröhlichen Abend bei Oded fort. Wir schleppen alles an Weinreserven herbei, was wir noch auftreiben können, trinken und rauchen gemeinsam, und werden das am nächsten Tag dank gehöriger Kopfschmerzen und einer kräftigen Erkältung bei Christiane auch nicht so schnell vergessen. Aber es ist ein richtig schöner, langer Abend, für den man den nächsten, verkaterten Tag gerne in Kauf nimmt.
Außerdem erfahren wir sehr viel über Oded. Er ist in einem Kibbuz aufgewachsen, hat zehn Jahre lang bei seinem Vater in London gelebt, dann zwei Jahre in Amsterdam und ist schließlich nach Israel zurückgekehrt. Kibbuze sind ein in Israel populäres, gesellschaftliches Gegenmodell zum westlichen Modell von Familie und Arbeit. Im Grunde genommen handelt es sich um Kommunen mit kommunistischem Wirtschaften. Alles in der Kommune ist Gemeinschaftsbesitz und wird geteilt. Die Kinder werden nicht bei ihren Eltern groß, denn die Familie ist der Kibbuz. Sie leben die meiste Zeit von ihren Eltern getrennt und sehen sie für nur etwa zwei Stunden am Tag. Die Erwachsenen kümmern sich unterdessen um die Verrichtungen des täglichen Bedarfs. Wirtschaftlich beschränkten sich die Kibbuze in früheren Zeiten weitgehend auf die Agrar- und Subsistenzwirtschaft. Heute verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend hin zum industriellen Wirtschaften. Kibbuze sind der lebende Beweis dafür, dass Kommunismus doch funktionieren kann, allerdings nur innerhalb überschaubarer Gruppen.
Oded allerdings bevorzugt die Freiheiten des Einzelnen und würde nie in einen Kibbuz zurückkehren. Zu sehr hat er seine Privatsphäre in den Jahren nach dem Auszug schätzen gelernt. Doch etwas vom Kibbuzgedanken lebt in ihm weiter, denn er wird seine Wohnung und sein Leben für die nächsten zwei Wochen mit uns teilen, als wären wir alte Freunde. Wir dürfen uns bei ihm wie zu Hause fühlen.

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

In seinem bisherigen Leben hat Oded schon alles Erdenkliche gemacht. Er war wie alle Israelis – Männer und Frauen – in der Armee, gehörte einer Spezialeinheit an und hatte unter anderem Kampfeinsätze hinter den feindlichen Linien im Libanon. Mit nur achtzehn Jahren hatte er schon im Helikopter auf dem Weg in den ersten Golfkrieg gesessen, als Israel inoffiziell dabei war, an der Seite der US-Amerikaner in das Kampfgeschehen einzugreifen. Zu seinem Glück wurde das gesamte Vorhaben abgebrochen, und die Helikopter kehrten unverrichteter Dinge an ihren Stützpunkt zurück.
Unglaubliche 80 Prozent des israelischen Etats fließen in die Verteidigung. Israels Grenzen sind so hermetisch abgeriegelt, wie es ansonsten nur die US-Amerikaner seit den terroristischen Anschlägen im eigenen Lande vom 11. September tun. An vielen Tagen patrouillieren modernste Apache- und Commanche-Kampfhubschrauber im Halbstundentakt entlang der Küste. Vor allen öffentlichen Einrichtungen wie Bahnhöfen, Geschäften, Hotels, Parkplätzen und Synagogen gibt es Sicherheitskontrollen. Israels Geheimdienst Mossad gilt als der beste der Welt. Bei der Sicherheitslage des Landes ist dies nur allzu nachvollziehbar. Die Drohung der iranischen Regierung, die Atombombe entwickeln und Israel von der Landkarte tilgen zu wollen, macht dies überdeutlich.
Israelis und Palästinenser haben aus unterschiedlichen geschichtlichen Epochen gleichermaßen ihre Wurzeln in dem Land, auf dem der Staat Israel gegründet wurde. Alle Länder der Erde sind aus Verteilungskämpfen und kriegerischen Auseinandersetzungen hervorgegangen. Die heutige Weltkarte, einschließlich des Staates Israel, ist ein Ergebnis davon. Das Existenzrecht Israels steht insofern nicht in Frage, aber es ist eine Form der Einigung mit der palästinensischen Bevölkerung erforderlich, die langfristigen Frieden gewährt.
Der derzeitige Status in Israel stellt sich so dar, dass es neben dem palästinensisch verwalteten und gesicherten Gazastreifen an der Mittelmeerküste im äußersten Südwesten Israels über das ganze Land verteilt kleinere und mittlere Gebiete unter palästinensischer Führung gibt, teils mit eigenen und teils mit israelischen Sicherheitskräften. Dazu gehören beispielsweise auch die biblischen Orte Bethlehem und Jericho. Vor einer wirklichen Gleichbehandlung der Palästinenser schrecken die Israelis zurück. Abgesehen von den großen kulturellen Unterschieden zwischen der abendländischen Kultur der Israelis und der morgenländischen Kultur der Palästinenser gibt es dafür einen sehr konkreten Grund: die unterschiedlichen Geburtenraten. Die Geburtenrate der Israelis ist vergleichbar mit den niedrigen europäischen Raten, die der Palästinenser ist typisch nahöstlich hoch. Die Israelis fürchten, dass sie binnen weniger Generationen zu einer kulturellen Randgruppe im eigenen Lande werden, ihre Rechte verlieren und im Extremfall erneut vertrieben werden könnten. Das macht eine Einigung so schwierig.
Die überaus liberale Einwanderungspolitik ohne Integrationskonzept, das den Namen auch verdient hätte, die jahrzehntelang in Deutschland und Europa, betrieben wurde, halten die Israelis übrigens für naiv. Interessant, so etwas aus dem Munde eines Volkes zu hören, das vor dem Hintergrund der uns verbindenden, tragischen Historie, allen Grund dazu hat, bei einer solchen Einschätzung größtmögliche Vorsicht walten zu lassen.
Nach seiner Zeit bei der Armee hat Oded Sozialpädagogik studiert und betreut heute Kinder und Jungendliche mit Entwicklungsdefiziten. In Amsterdam war er der Geschäftsführer eines italienischen Restaurants, und er hat eine zeitlang einen Farmbetrieb mit Spezialisierung auf den Kartoffelanbau geleitet. Vor bald fünf Jahren war Oded einer derjenigen, die das Kitesurfen nach Israel gebracht haben. Er war kurz davor, sein Hobby zum Beruf zu machen und am Strand eine Surfschule zu gründen. Jedoch gab es aus seinem Freundeskreis einen zweiten Bewerber um die Exklusivlizenz, einen ehemaligen Windsurfweltmeister, der letztendlich auch den Vorzug erhielt. Als der Sport schließlich immer weiter kommerzialisiert wurde und irgendwann zuviel Geld im Spiel den Geist des Sports veränderte, verlor Oded das Interesse und beschränkte sich auf das Kitesurfen als Hobby. Jedoch mit einer Ausnahme: Er nutzt das Kitesurfen mit großem Erfolg als therapeutisches Mittel, um den von ihm betreuten Kindern und Jugendlichen Selbstvertrauen zu geben und wieder auf die Beine zu helfen.

Durch Oded lernen wir in den nächsten zwei Wochen die hiesige Kitesurferszene kennen. Es ist ein bunter Haufen, der unterschiedlicher kaum sein könnte. Lediglich das Kitesurfen und ihre Freundschaft scheint sie zu verbinden.
Einer von ihnen ist der aus den USA stammende Anon. Er ist Mitte vierzig, Berufspilot und fliegt fast alles bis hin zu den größten Maschinen, die Airbus und Boeing bisher gebaut haben. Nur den Airbus A380 hat er noch nicht geflogen. Zuletzt flog er für Cathey Pacific. Doch sein Leben hat er dem Kitesurfen verschrieben. Seit einiger Zeit hat er vom Surfen einen angebrochenen Rückenwirbel, und neuerdings kommen auch noch starke Nackenschmerzen dazu. Aber beim Surfen merkt er nichts davon, und aufhören kann er sowieso nicht mehr: Er ist süchtig danach; das Kitesurfen ist seine Droge. Lieber würde er sterben, als mit dem Kitesurfen aufzuhören. Jedenfalls würde er selbst im Rollstuhl noch weitersurfen. Wenn er so weiter macht, dann ist es auch bald soweit, denn es stellt sich bald heraus, dass er seine Nackenschmerzen einem zweiten angebrochenen Wirbel verdankt.

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Seine ständige Begleiterin ist übrigens die exzentrische Papageiendame China, die selbst beim Kitesurfen oft auf seiner Schulter sitzt. Und wehe demjenigen, dem sie nicht wohl gesonnen ist: der sollte sich vor ihrem kräftigen Schnabel in Acht nehmen!

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Die durchtrainierte und quirlige Tamari ist mit ihren gut Mitte zwanzig Jahren schon viel gereist, war unter anderem lange in Neuseeland, wo sie Verwandte hat, und in Brasilien. Aus Brasilien hat sie den Capueira mit nach Israel gebracht. Capueira ist eine Mischung aus Tanz und Kampfsport. Für die Jugendlichen aus den brasilianischen Armenvierteln ist Capueira eine spielerische Möglichkeit, ihre Konflikte auszutragen und Aggressionen abzubauen. Vor allen Dingen hält Capueira aber auch enorm fit und trainiert die Koordination. Tamari unterrichtet Capueira seit mehreren Jahren für Interessenten aller Altersgruppen. Dementsprechend durchtrainiert ist sie. Überhaupt ist sie ein wahres Energiebündel. Sie spricht so schnell, dass sie uns ein ums andere Mal abhängt und wir des Öfteren nachfragen müssen. Und sie verbringt jede freie Minute beim Kitesurfen, vorausgesetzt es gibt genügend Wind.

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Tamaris Großeltern stammen ursprünglich aus Deutschland. Was sie nach Israel getrieben hat, wissen wir Deutschen natürlich allzu gut. Grundsätzlich ist der Holocaust natürlich auch in Israel nach wie vor ein großes Thema, aber nicht mehr und nicht weniger als bei uns. Es gibt zahlreiche Gedenkstätten, die häufige Ausflugsziele von Schulklassen sind. Uns begegnet man offen und herzlich und nicht mit Zurückhaltung oder gar Feindseligkeit.
Die beiden Frischvermählten Mahon und Yaron geben auf den ersten Blick ein ungleiches Paar ab. Sie, Mahon, ist eher kräftig gebaut und vertritt mit Leib und Seele ihre Standpunkte, mit denen sie der saloppen Art ihrer surfenden Freunde von Zeit zu Zeit kontra gibt. Er, Yaron ist ein schmaler Typ mit blonder Rastamähne. Er ist der Gründer, Besitzer und Geschäftsführer des Kiteherstellers Blade, der seine Kites außerhalb Israels sehr stark auch nach Deutschland und Österreich verkauft.

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Und dann ist da noch der große Oded, der ebenfalls surft und deutsche Vorfahren hat. Er fährt ein liebevoll gepflegtes, wenn auch teilweise etwas rustikal restauriertes Motorrad: eine wunderschöne alte Enfield, die er so stark frisiert hat, dass sie Krach macht wie eine Harley Davidson. Die ständigen Fehlzündungen tun ihr Übriges dazu.

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Außerdem hat Oded natürlich auch noch nicht surfende Freunde, namentlich Odeds neue Freundin Dana,

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sein liebenswerter Nachbar Aviv,

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und last but not least Aric, der Spaßvogel, mit dem Oded gemeinsam im Kibbuz aufgewachsen ist, und der immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hat. Zu unserer Schande haben wir es verpennt, ein Bild von ihm zu machen…

Mit ihnen allen zusammen, in wechselnden Besetzungen, machen wir jeden Tag zum Festival Day: das Buba-Festival – Buba ist Odeds Schäferhündin, die seit einem Autounfall nur noch ein Auge hat und die meiste Zeit des Tages verschläft –, dann das German Festival, das Festival Festival und so weiter und so weiter. Mit anderen Worten: Wir haben aus jedem Tag einen Festtag gemacht und es uns zwei Wochen lang so richtig gut gehen lassen!

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Ausreise Jordanien und Einreise Israel

Die Eindrücke von Petra wirken noch nach und lassen uns unbeschwert in den neuen Tag starten. Heute soll es im wahrsten Sinne über den Jordan gehen, von Jordanien nach Israel.

Unsere Unbeschwertheit allerdings geht bald in höchste Anspannung über. Zwischen den Jordanien und Israel gibt es drei Grenzübergänge, einen im Norden, einen im Süden und einen irgendwo dazwischen am nördlichen Rand des Toten Meers. Da den Informationen des Auswärtigen Amts zu Jordanien und Israel keine Beschränkungen in der Wahl des Grenzübergangs zu entnehmen sind, entscheiden wir uns für den mittleren: die King Hussein Bridge.
Zunächst haben wir größte Schwierigkeiten, den Grenzübergang überhaupt zu finden. Die wenigen Wegweiser, die es gibt, sind ausnahmslos mit Wahlplakaten überklebt, so dass wir uns mühselig durchfragen müssen. Schließlich finden wir den Grenzübergang dann auch, aber dort teilt man uns mit, dass dieser Grenzübergang nur für Diplomaten und Palästinenser geöffnet sei. Der Grenzübergang führt direkt in die palästinensischen Gebiete der Westbank. Aus unserer Karte geht dies leider nicht klar hervor, und in den Informationen des Auswärtigen Amts findet sich keinerlei Hinweis darauf. Manchmal fragt man sich wirklich, wofür die Kollegen eigentlich bezahlt werden.
Wir machen uns also wieder auf und steuern dieses Mal den nördlichen Grenzübergang, die Sheikh Hussein Bridge an, und werden wieder erst nach langem Suchen fündig. Bei der jordanischen Passvorkontrolle macht man uns darauf aufmerksam, dass wir mit dem syrischen Visum im Pass Schwierigkeiten haben dürften, nach Israel einzureisen. Das ist uns bekannt, aber wir haben keine andere Wahl und hoffen, dass die Israelis ein Einsehen haben und keine arabischen Spione in uns sehen werden. Trotzdem macht sich allmählich Nervosität unter uns breit, denn wir wollen unten keinen Umständen zurück in diese trostlosen arabischen Länder. Nein, wir freuen uns sogar richtig, wieder einmal westlichen Boden unter die Füße zu bekommen. Wir fühlen uns wie Nomaden in der Wüste, wenn am Horizont eine Oase auftaucht, diese aber von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben ist.
Doch erst einmal müssen wir durch die jordanische Grenzkontrolle, und hier geschieht es zu ersten Mal, dass wir komplett auseinander genommen werden. Unser Sprinter wird über eine Stunde lang von zeitweilig bis zu fünf Beamten gleichzeitig durchsucht. In unserem Fall gleicht das einer Hausdurchsuchung. Alles wird durchwühlt, und ständig heißt es „What is this?“ und „Open that!“. Währenddessen versuchen wir, wenigstens halbwegs unter Kontrolle zu halten, was die Kollegen da anstellen. Schließlich können wir uns nicht sicher sein, ob da nicht auch einmal etwas in die Hosentasche eines Beamten, oder schlimmer noch, etwas Illegales aus der Hosentasche eines Beamten ins eigene Fahrzeug wandert, um es uns im nächsten Moment triumphal unter diese Nase zu halten. Bei alledem werden wir nahezu wie Kriminelle behandelt. Man kann sich kaum vorstellen, wie unangenehm das tatsächlich ist. Und so unterschiedlich kann es an verschiedenen Grenzübergängen ein und desselben Landes zugehen.
Als die Beamten unser Hab und Gut mittlerweile schon zwei- und teilweise dreimal durchsucht haben, werden wir langsam weich und fragen einen der Beamten, was wir tun könnten, damit das irgendwann aufhört. Es wird uns versichert, bald sei es vorbei. Als es dann schließlich tatsächlich soweit zu sein scheint und wir an den nächsten Schalter fahren, um das Carnet des Passages abstempeln zu lassen, werden wir jedoch zurückbeordert. Nun wollen sich die Beamten den Sprinter auch noch von unten ansehen. Resigniert setzen wir wieder zurück, aber zu unserem Glück lassen die Beamten unerwartet wieder von ihrem Vorhaben ab. Fluchtartig verlassen wir den Grenzposten und suchen das Weite bevor sie es sich noch einmal anders überlegen!

Palmyra und Petra gehören zu den kulturhistorischen Höhepunkten weltweit und haben uns tief beeindruckt. Doch was gibt es sonst über Syrien und Jordanien zu sagen?
Das Leben in beiden Ländern ist geprägt von den Verrichtungen des täglichen Lebens. Die ausgedörrten Böden werden abgesehen vom gelegentlichen Einsatz von Traktoren überwiegend noch in Handarbeit bearbeitet. Diese Arbeit ist vor allem auch Frauensache, während die Kinder außerhalb des Schulalters Spiel und Arbeit miteinander verbinden müssen. Sie treiben allmorgendlich das Vieh auf die Felder – meist Schafe und Ziegen –, und hüten sie dort bis zur Abenddämmerung. Dann treiben sie die Tiere wieder zurück in den Stall, um den Rest des Abends im Kreis der Familie zu verbringen.
Gerne hätten wir etwas mehr Einblicke in das Leben der Menschen hier gewonnen, doch man trat uns meist zurückhaltend, oft reserviert und gelegentlich auch mit mehr oder minder offener Ablehnung gegenüber. Besonders nach den Erfahrungen in Jordanien – zuletzt gerade am jordanischen Grenzposten auf dem Weg nach Israel –, wird es uns so schnell nicht wieder hierher ziehen.

Aber nun muss uns erst einmal die Einreise nach Israel gelingen. Die israelischen Grenzkontrollen sind wegen den zahlreichen Bedrohungen die schärfsten der Welt. Unsere Anspannung wächst weiter, denn wir wollen das Prozedere auf der jordanischen Seite keinesfalls noch einmal über uns ergehen lassen müssen, falls wir an der israelischen Grenze abgewiesen werden.
Zunächst einmal stehen wir vor einer unbemannten Schranke und warten darauf, dass etwas passiert. Fünfzig Meter vor uns steht ein Bus an der Seite und wird mittels Spiegeln auf Sprengstoff untersucht. Doch die Anlage ist begrünt und wirkt nicht so kalt und abweisend wie die Grenzübergänge, die wir zuletzt gesehen haben. Überhaupt empfinden wir Grün nach der Ausgedörrtheit der letzten beiden Länder und Teilen der Türkei als wahre Wonne. Wie sehr man diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zu schätzen lernt, wenn man sie erst einmal eine zeitlang entbehren musste.
Nach einigen Minuten kommt ein Pickup angefahren und geleitet uns zum Security Check. Junge Männer und Frauen in den Zwanzigern führen die Kontrollen durch. Sie tragen lässige Uniformen, bestehend aus schwarzen Hosen, mit weiten Hosenbeinen und aufgenähten Taschen, und weißen Poloshirts. Ein anderer junger Kerl mit Jeans und hellblauem Poloshirt trägt ein Maschinengewehr im Anschlag. Wir sind beeindruckt, dass man hier nicht auf offen zur Schau getragene, militärische Autorität setzt, wie man es sonst gewöhnt ist.
Auch unserer Sprinter wird auf Sprengstoff untersucht. Währenddessen werden unsere Pässe einer Vorkontrolle unterzogen und wir befragt, woher wir gekommen sind. Der Wahrheit entsprechend geben wir auch Syrien zu Protokoll. Da man uns nicht gleich wieder zurückschickt, können wir ein erstes Mal leicht aufatmen. Wir erhalten einen Zettel mit einer Übersicht der vier Stationen, die wir bei den Grenzkontrollen durchlaufen müssen. Er wird, vollständig abgestempelt, später unser Passierschein sein, der uns die Pforten zu Israel öffnet – oder auch nicht. Die erste Hürde wäre damit schon einmal genommen.
Nun heißt es warten auf die Gepäckkontrolle, etwa eine Stunde lang. Das wiederum läst nichts Gutes ahnen. Anscheinend bereitet man sich da auf Größeres vor. So wäre es normalerweise dann auch gekommen. Die Regularien sehen vor, dass jedes, das heißt wirklich jedes Gepäckstück mit Röntgenstrahlen durchleuchtet und durchsucht werden muss – in unserem Fall eine abendfüllende Aufgabe. Doch angesichts der Mengen von Sachen, die wir mit uns herumkarren, haben die Israelis tatsächlich ein Einsehen und beschränken sich nach langer interner Diskussion auf die Durchsuchung unserer Taschen. Sie nehmen sogar Abstriche von der Kameraausrüstung, um sie chemisch, wahrscheinlich auf Sprengstoff und eventuell auch auf Drogen, zu untersuchen.
Wir haben nichts zu verbergen, und so werden wir schließlich zur Passkontrolle gebeten. Den zweiten Stempel auf dem Passierschein haben wir damit in der Tasche. Wenn wir durch die Passkontrolle durch sind, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Auch dort fragt uns eine hübsche, erstaunlich junge Frau nach den Ländern, die wir bereist haben – auch hier antworten wir wahrheitsgemäß. Alles kein Problem. Die regelrechten Verhöre, die so mancher Reisender über sich ergehen lassen muss und so manchen auch schon haben scheitern lassen, bleiben uns erspart. Nur wenige Schritte von uns entfernt wird ein harmlos aussehender Reisender regelrecht auseinander genommen. Hingegen werden wir freundlich gefragt, ob wir den israelischen Einreisestempel gerne in unserem Pass oder auf einem Extrablatt haben möchten. Die Israelis kennen die Schwierigkeiten, die ihr Stempel im Pass bei der Einreise in einige arabische Länder verursacht, sehr genau und erleichtern den Reisenden damit das Leben. Natürlich lassen wir uns den Stempel auf ein Extrablatt geben.
Abgesehen vom Einreisestempel haben wir nun schon den dritten Stempel auf unserem Passierschein und müssen nur noch durch den Zoll. Wir werden von einem jungen Sicherheitsdienstmitarbeiter mit unserem Sprinter zu einer großen Halle mit mehreren haushohen Eingangstoren geleitet. Er klärt die dortigen, ebenfalls noch recht jung aussehenden Kollegen über uns auf. Der Gestik nach zu urteilen diskutieren sie lange, was alles durchsucht werden soll, und was nicht. Obwohl sich auch hier letztere Frage im Normalfall gar nicht stellt, denn auch hier gilt an der israelischen Grenze die Regelung: alles, aber auch absolut alles muss durchsucht werden.
Der Zoll nimmt einen entsprechend großen Bereich auf dem Grenzübergangsgelände ein mit insgesamt mehreren großen Hallen sowie Be- und Entladestationen, ja sogar Silos, in die entsprechendes Transportgut zwecks Durchsuchung umgeladen wird. Überall fahren Gabelstapler und Sicherheitsdienstfahrzeuge geschäftig hin und her. Die ganze Szenerie gleicht mehr der Logistik eines Flug- oder Schiffshafens. Unser Sprinter wird schließlich in eine der Hallen gefahren, und das mächtige Rolltor schließt sich hinter ihm. Wir machen es uns am Randstein gemütlich, warten und freuen uns heimlich, still und leise, dass wir schon mit einem Fuß in Israel sind. Während wir so vor uns hinwarten, kommt wieder einer dieser jungen, völlig untypisch gekleideten Sicherheitsleute mit Maschinengewehr im Anschlag vorbei. Er hat zwei Becher Wasser in der Hand und reicht sie freundlich zu uns herunter. Kaum zu glauben, oder? Der Schluck Wasser kam uns gerade recht. Und nach einer weiteren Stunde öffnet sich dann endlich das Rolltor, und unser Sprinter kommt wieder herausgefahren.
Nun müssen wir beim Zoll nur noch ein paar Formalitäten erledigen, und dann sind wir endlich in Israel. Sie sind dann auch bald problemlos erledigt. Dabei unterhalten wir uns noch sehr nett mit dem, wie könnte es anderes sein, ebenfalls noch recht jungen und erfrischend unverbrauchten Zollbeamten, der nebenbei bemerkt ebenfalls nicht so streng uniformiert war, wie man sich einen Zollbeamten so vorstellt. Innerlich schon unser ganzes Glück hinausschreiend sehen wir zu, wie auch der letzte Stempel seine Verewigung auf unserem Passierschein findet. Gleich haben wir es geschafft. Am letzten Kontrollposten zeigen wir, uns mit Gefühlsausbrüchen immer noch zurückhaltend, aber überglücklich, unseren Passierschein vor. Die Schranke hebt sich, und zum Abschied werden wir von den jungen, hübschen Schrankenwärterinnen in Israel willkommen geheißen. Hallo Israel!

Felsenstadt Petra

Petra, die verlassene Felsenstadt aus dem dritten und bisher letzten Indiana-Jones-Abenteuer „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ hatte es mir seit meiner Jugend angetan. Im Film kämpft der unorthodoxe und schlagfertige Archäologe Dr. Indiana Jones in Petra gegen die Nazis, um ihnen den Heiligen Gral, der ewiges Leben versprechen soll, vor der Nase wegzuschnappen. Auf Pferden geht es galoppierend durch enge Felsschluchten, bis sich die Widersacher plötzlich vor einem riesigen, in Fels gehauenen Portal mit mächtigen Säulen wieder finden: dem Eingang in die mystische Felsenstadt Petra!
Petra ist das bedeutendste Relikt der Nabatäer und ein architektonisches Meisterwerk. Vor allem aber ist Petra ein wahrhaft magischer Ort, dessen Energie förmlich zu spüren ist!

Auf ein Pferd verzichtend, machen wir uns zu Fuß auf den drei Kilometer langen Weg durch die Schlucht, hinunter nach Petra. Es ist noch früh, und nur wenige andere Touristen sind unterwegs, so dass wir immer wieder Momente nur für uns allein haben und uns fühlen dürfen, wie Indiana Jones.

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Die Schattenseite des Filmes ist, dass es hier wenig später von Touristen nur so wimmeln wird. Busweise werden sie von Jordaniens Hauptstadt Amman aus hier angekarrt. Da Petra die Hauptsehenswürdigkeit Jordaniens ist, konzentrieren sich die insgesamt nicht sehr zahlreichen Touristen im Lande hier natürlich.
Aber wir haben es uns zur Regel gemacht, dass wir derartige Sehenswürdigkeiten nach Möglichkeit spätnachmittags bis früh abends ansteuern, wenn nicht mehr so viel los und das Licht am schönsten ist, oder aber morgens in aller Frühe. Zu diesen Zeiten kann man solche Orte noch fast für sich alleine haben. Und da wir nicht an eine touristische Organisation wie die üblichen Busfahrten gebunden sind, sind wir in dieser Hinsicht ziemlich privilegiert.

Hergekommen sind wir denn auch auf einer ganz anderen Route, als die Touristenströme. Sie allein war schon beinahe so abenteuerlich, wie im Film. Statt über die Ostroute, kamen wir von Westen her, durch die dortige Halbwüste. Vom Toten Meer kommend fragten wir an einem der vielen Check Points, nach dem es weiter geradeaus oder links ab ging, welche Richtung wir einschlagen müssten. Links abbiegen sollten wir.
Was wir dort fanden, war zwar eine Straße. Aber sie sollte sich als unbeschilderte Nebenstrecke herausstellen, als wir einige Zeit später feststellten, dass wir uns hoffnungslos verfahren hatten. Wir waren auf einer Schotterpiste gelandet, Beschilderungen nach Petra hatten wir auf dem ganzen Weg noch nicht gesehen, und das einzige Zeichen von Zivilisation war ein Beduinenzelt, etwa fünfzig Meter neben der Straße.

Felsenstadt Petra

Ich lief dorthin, um nach dem Weg zu fragen. Um das Zelt herum spielende Kinder wurden auf mich aufmerksam, als ich mich ihrer etwas zwielichtig anmutenden Behausung näherte. Sie eilten mit skeptischen Minen zu ihren Müttern und klammerten sich an ihnen fest. Die Mütter bedachten mich, um die Zeltecke schauend, ebenfalls mit einem skeptischen Blick, und holten sodann ihre Männer hervor, während sie selbst mit ihren Kindern in den Hintergrund zurücktraten.

Felsenstadt Petra

Vorsichtig hob ich die Hand zum Gruß, um meine guten Absichten zu bekunden. Man erwiderte meinen Gruß, und ich begann, mich nach dem Weg zu erkundigen. Nach etwas Hin und Her kam schließlich ein Pickup mit vier jungen, in unseren westlichen Augen etwas wild aussehenden Beduinen, vorbei. Sie hatten ein paar Kisten Tomaten auf der Ladefläche und waren auf dem Weg in das einzige, kleine Dorf, an dem wir auf dem Hinweg vorbei gekommen waren. Sie bedeuteten uns, ihnen zu folgen. Dort wollten sie uns den weiteren Weg erklären.
Wir folgten ihnen also zurück in ihr Dorf, bis sie vor einer einfachen Hütte hielten. Die dort lebenden und neugierig herüberblickenden, jungen Frauen, wurden von ihren Müttern sofort scharf zurechtgewiesen und ins Haus geschickt. Ein etwas älterer Mann kam zu uns herüber, mit rot-weißem Beduinenkopftuch, wildem Bart und gelb-braunen Zähnen, in etwa so, wie man sich in westlich-naiven Vorstellungen einen typischen Terroristen vorstellen würde. Die vier Männer aus dem Pickup sprachen mit ihm auf Arabisch und standen um ihn herum, als der Ältere auf mich zutrat. Ich war ausgestiegen, was in Anbetracht der fünf mir nun gegenüberstehenden Männer wohl etwas unvorsichtig war. Zumindest war es mir etwas mulmig zumute. Aber der Mann sprach zu meiner Überraschung ein paar Brocken Englisch und erklärte mir den weiteren Weg. Wir könnten dem Pickup noch ein Stück weit folgen und müssten dann noch ein gutes Stück zurück bis zu einer Linksabbiegung.
Als wir aus dem Ort heraus waren, waren wir ziemlich erleichtert. Wenn die fünf Männer uns etwas gewollt hätten, hätten wir keine Chance gehabt, und es würde niemals jemand erfahren, was aus uns geworden wäre. Aber wir möchten die Männer nicht in ein falsches Licht rücken: Sie haben uns lediglich den Weg gezeigt. Doch die Kulturen sind innerlich und äußerlich so unterschiedlich, dass solche Situationen einfach nicht mit Gewissheit einzuschätzen sind.
Schließlich erreichten wir die beschriebene Abzweigung. Es stand dort nur ein Schild, das auf ein Dorf verwies. Nichts dort verriet, dass dies der Weg nach Petra sein konnte. Auch die Straße nicht, an der der Zahn der Zeit genagt hatte, und die kaum noch mehr als eine schlaglochübersähte, sandverwehte Piste war. Über diese Straße ging es nun zwanzig Kilometer lang mitten durch die Halbwüste aus feinem, gelbem Sand und später zunehmend Geröll, während sich zu unserer Linken langsam ein mächtiges Gebirge auftürmte. Bis auf einen Hirten und einen Kleinlaster waren keinerlei Anzeichen von Zivilisation mehr auszumachen. Dann drehte die Straße zum Gebirge hin ab und ging über in eine steile Achterbahnfahrt. Fast eine Stunde lang krochen wir die Berge hinauf, aber wir wurden mit immer atemberaubenderen Aussichten auf die sich unter uns ausbreitende Halbwüste belohnt, und die Felsen nahmen immer schönere Formen mit ausgeprägten Auswaschungen an.

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

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Dann, auf einmal, kamen wir an grünen Feldern vorbei und stießen wenig später auf eine Straße, die man auch wirklich als solche bezeichnen konnte. Sie hätte uns wesentlich unkomplizierter nach Petra geführt. Wir hatten eine wilde Abkürzung genommen. Aber dadurch konnten wir die einzigartige Natur rund um Petra hautnah erleben wie kein anderer Tourist!

Nachdem wir auf dem Marsch hinunter nach Petra schon langsam gar nicht mehr geglaubt haben, dass die Schlucht irgendwann auch ein Ende hat, sehen wir durch den Spalt vor uns unerwartet eine riesige Säule aufragen, dann eine zweite, dann noch eine, und schließlich das gesamte Portal des tempelähnlichen Felsengrabes „Schatzhaus des Pharao“, das auch im Film zu sehen war. Es ist eines der beeindruckendsten Monumente, die wir je gesehen haben. Einfach unbeschreiblich, majestätisch, prächtig. Minutenlang können wir uns mit offen stehenden Mündern kaum von diesem Anblick lösen.

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Dann gehen wir tiefer hinein in die Stadt, vorbei an einem Amphitheater, an Wohnhöhlen und weiteren Portalen. Sie liegen teilweise in Schwindel erregenden Höhen. Der Fels hier ist rötlich wie der Sand im australischen Outback, durchzogen von weißen Linien. Sie schimmern wie Perlmut und unterstreichen den Glanz der Stadt.

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Der Eintritt ist übrigens ziemlich teuer, genauer gesagt das teuerste, was wir uns auf dieser Reise bisher geleistet haben. Aber Petra ist jeden Cent wert. Außerdem gibt es dort am Ende der Stadt eine Art Restaurant, in dem die Bustouristen sich über ein Buffet hermachen dürfen, für das sie allerdings extra zu zahlen haben. Wir gehen hinein, um zu sehen, was es zu essen gibt und was es kosten soll. Da ein organisatorisches Konzept nicht zu erkennen ist, reihen wir uns einfach die Schlange der Heuschrecken ein und kommen so zu einem üppigen und darüber hinaus kostenlosen Mahl. So relativiert sich der Eintrittpreis doch gleich schon wieder!

Felsenstadt Petra

Übernachtet haben wir übrigens etwa fünf Kilometer vor Petra im Beduine Camp nahe des sogenannten Little Petra. Ein Tor führt in einen von hohen Felsen umgebenen Innenhof. Die Betreiber haben sich mit der Einrichtung sehr viel Mühe gegeben, aber wir sind leider die einzigen Gäste. Außerdem war es nicht ganz billig, aber wir haben es auch verpennt, den Preis zu verhandeln. Wahrscheinlich hätten wir auf die Hälfte herunterhandeln können. Übrigens haben wir später erfahren, dass die Betreiber gar keine echten Beduinen sind. Aber was soll’s, ein schöner Ort ist es trotzdem.

Totes Meer in Jordanien

Das gestrige Ärgernis noch nicht ganz verdaut, erreichen wir nach über 150 verlorenen Kilometern das Tote Meer. Das Tote Meer ist ein rund 800 Quadratkilometer großer, abflussloser Salzsee zwischen Jordanien und Israel, der durch das Wasser des Jordans gespeist wird.
Das Tote Meer liegt im Großen Afrikanischen Grabenbruch und bildet mit rund 400 Metern unter dem Meeresspiegel den tiefsten Punkt der Erdoberfläche. Der Große Afrikanische Grabenbruch ist ein tiefer Graben, der während der letzten rund 35 Millionen Jahre durch die Abspaltung der Arabischen Platte von der Afrikanischen Platte entstanden ist. Von Syrien ausgehend erstreckt sich der Große Afrikanische Grabenbruch über den See Genezareth, das Tote Meer, das Rote Meer und Ostafrika bis nach Mosambik.
Der durchschnittliche Salzgehalt des Toten Meers von über 25 Prozent ist der dritthöchste der Erde. Aufgrund des hohen Salzgehalts existiert im Toten Meer kein Leben, und diesem Umstand verdankt es auch seinen Namen. So lebensfeindlich das Tote Meer einerseits jedoch ist, so heilsam ist es andererseits für Menschen mit Hautkrankheiten wie Neurodermitis. Daraus ist ein boomender Gesundheitstourismus entstanden.

Am Toten Meer angekommen, treffen wir sogleich auf eine Reihe der üblichen Verdächtigen unter den großen Hotelketten, die diese Nachfrage befriedigen. Festungsartig, hinter dicken Mauern und Pforten haben sie sich verschanzt. Maschendrahtzäune am Strand stellen sicher, dass kein Tourist sich in ein benachbartes Hotel verirrt.
Neben den Grundstücken der Hotelketten liegt der öffentlich zugängliche Amman Beach mit einem kleinen Vergnügungspark für Kinder. Auch der Amman Beach ist vollständig eingezäunt, damit kein Einheimischer auf die Idee kommt, seinen Fuß auf den Boden der Hotels zu setzen und die internationalen Gäste zu belästigen.

Glücklicherweise macht dieser Bereich nur einen kleinen Teil des Toten Meers aus. Somit sind wir zunächst noch voller Hoffnung, dass es danach besser wird. Doch erst einmal schließt sich an das Areal eine wilde Müllkippe an. Ein entlaufener oder ausgesetzter Esel mit gebrochenem Bein humpelt durch die Müllberge und sucht nach Essbarem.

Totes Meer in Jordanien

Totes Meer in Jordanien

Totes Meer in Jordanien

Nicht wissend, was noch kommen wird, beschließen wir trotzdem, den kleinen Abhang hinunter zum Toten Meer zu gehen. Wir wollen das Tote Meer schließlich wenigstens auf seinen Salzgehalt testen, wenn wir schon einmal hier sind. Schon der Ufersaum besteht statt Sand oder Kies aus einer Salzkruste. Und das Wasser schmeckt in der Tat ziemlich salzig. Etwa so, wie wenn man einen Haufen Salz aus seiner Hand leckt.

Noch gelegentlich ausspuckend fahren wir weiter die Küste des Toten Meers hinunter nach Süden. Hier gibt es dann doch noch sehr schöne, einsame Küstenabschnitte. Das Ufer fällt hier jedoch so steil ab, dass man nicht hinunter ans Wasser gelangt.

Als die Küste dann endlich flacher und badetauglicher wird, ist das bloße Anhalten strikt verboten, da es sich um militärisches Sperrgebiet handelt. Großartig.

Schon entlang der Küstenstraße wurden wir in kurzen Abständen an zahlreichen Checkpoints kontrolliert, die mit je zwei Soldaten besetzt waren. Einer der Checkpoints war gar mit einem Hummer ausgestattet, also einem der US-amerikanischen Armeegeländefahrzeuge, besetzt mit zwei weiteren Soldaten: einer davon fahrbereit, der andere mit einem auf Ladefläche und Dach montierten Maschinengewehr im Anschlag. Jedes Mal kontrollierte man unsere Pässe, erkundigte sich nach unserem Reiseziel sowie der Anzahl der Sitzplätze in unserem Fahrzeug und warf einen prüfenden Blick auf unsere hintere Sitzreihe. Eingehender kontrolliert wurden wir jedoch nicht.

Totes Meer in Jordanien

Totes Meer in Jordanien

Damaskus und Amman

Von Palmyra geht es weiter nach Damaskus, Syriens Hauptstadt. Den multikulturellen Charme Istanbuls noch lebhaft vor Augen, sehen wir uns dort schon Cocktails schlürfen. Nach den relativ nüchternen letzten sieben Tagen haben wir uns das redlich verdient.

Schon von weitem sichtbar kündigt sich Damaskus durch eine dichte, dunkelgraue Smogschicht an, wie wir sie selbst in Kairo nicht gesehen haben. Man könnte meinen, in den vergangenen Tagen müsse in der Nähe eine Erdölraffinerie abgebrannt sein. Doch dem ist nicht so.
In Damaskus selbst merken wir vom Smog jedoch nichts. Unsere Cocktail-Fantasien allerdings lösen sich schnell in Luft. Damaskus ist bei weitem nicht so multikulturell und westlich, wie wir gehofft hatten, obwohl viele Frauen unverschleiert und westlich gekleidet sind. So schaffen wir uns Ersatzbefriedigung, indem wir uns an einem von vielen Süßwarenständen mit reichlich fett- und kalorienhaltigem Blätterteiggebäck eindecken.

Damaskus

Damaskus

Damaskus

Damaskus

Auf dem großen, aber nicht besonders aufregenden Basar von Damaskus erhandeln wir außerdem ein Backgammon-Spiel für unsere Freundin Simone, nachdem wir zuvor sorgfältig den chinesischen Einheitsschrott von den Originalen getrennt haben. Den stattlichen Rest an Syrischen Pfund, den wir noch haben, tauschen wir in US-Dollar.

Weiter hält uns in Damaskus nichts, und schnell brechen wir auf zur syrisch-jordanischen Grenze. Die Ausreise aus Syrien und die Einreise nach Jordanien gestalten sich überraschen undramatisch.
Die jordanische Seite der Grenze ist überaus gepflegt und geordnet. Von den gut Englisch sprechenden Beamten werden wir anständig behandelt. Das tut gut und lässt auf das Land hoffen, obwohl auch hier unsere Grüne Versicherungskarte nicht anerkannt wird und wir nebst einigen Gebühren dafür tief in die Tasche greifen müssen. Immerhin haben wir das Visum hier ohne Aufhebens und Komplikationen binnen kürzester Zeit an der Grenze erhalten.

Jordanien präsentiert sich von Anfang an etwas wohlhabender und entwickelter als Syrien. Die Straßen sind besser, es gibt einzelne Bäume und alles wirkt etwas gepflegter. Allerdings gibt es überall zur Verlangsamung des Verkehrs Speed Bumps, die man so gut wie nicht sieht und von denen wir mehrere mit viel zu hoher Geschwindigkeit überfahren. Jedes Mal, wenn wir ungebremst über so eine Schwelle rauschen, gibt es einen heftigen Knall und unsere Sachen fliegen durch den ganzen Sprinter.
Doch wir sollen noch einen ganz anderen Dämpfer bekommen. Etwa 70 Kilometer lang fahren wir südwärts bis kurz vor der jordanischen Hauptstadt Amman und wollen von dort ans Tote Meer abzweigen. Das Tote Meer liegt von Amman ungefähr 30 Kilometer entfernt. Die Straße endet jedoch an einer Baustelle, und das Tote Meer ist nicht mehr ausgeschildert. Am Straßenrand steht ein gepflegter Mann mittleren Alters, den wir nach dem Weg fragen. Er sagt, könne er uns den Weg ans Tote Meer zeigen, wenn wir ihn ein Stück mitnähmen.
Prinzipiell sind wir bezüglich des Mitnehmens von Leuten, die wir nicht kennen, äußerst vorsichtig. Genauer gesagt haben wir bisher überhaupt noch niemanden mitgenommen. Aber der Mann macht einen sympathischen Eindruck. Erst kurz zuvor auf der Fahrt haben wir uns noch darüber unterhalten, dass wir uns mehr öffnen müssen, wenn wir mit Menschen in Kontakt kommen wollen.
Wir lassen den Mann also zu uns ins Auto auf den Beifahrersitz steigen, während Christiane sich auf einen der beiden hinteren Sitze begibt. Wir unterhalten uns gut: Er fragt, wir erzählen, er erzählt. Aber irgendwie fahren wir gerade wieder zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind.
Als wir nach zehn Kilometern immer noch nicht in Richtung des Toten Meers abgebogen sind, fragen wir ihn, wo er denn genau hin müsse.
„Etwa eine halbe Stunde von hier.“, sagt er.
„Und wann geht es in Richtung des Toten Meers?“, fragen wir.
Der Ort liege auf dem Weg, von dort sei es die schönste Strecke zum Toten Meer und ganz leicht zu finden. Uns ist klar, dass wir wohl einen ziemlichen Umweg machen werden, aber andererseits haben wir ja Zeit. Trotzdem sind wir unsicher, wie weit es noch gehen soll und ob wir ihn nicht doch lieber an die frische Luft setzen sollen. Er scheint das zu spüren und lockt uns mit einem Abendessen im Kreis seiner Familie. Außerdem habe er ein großes Haus, und wir könnten dort schlafen und eine warme Dusche haben. Dem sind wir nach der zurückliegenden Durststrecke natürlich nicht abgeneigt.
Langsam nähert sich unsere Fahrzeit einer dreiviertel Stunde, und wir wollen nun endlich wissen, wo es genau hingeht. Er antwortet, er habe in Irbit sein Auto in der Werkstatt stehen. Irbit liegt im äußersten Norden Jordaniens, noch ein gutes Stück weiter als der Grenzübergang, von dem wir gekommen sind, und etwa 100 Kilometer entfernt von Amman! Mit einer solchen Dreistigkeit haben wir nicht gerechnet. Wir waren nur 30 Kilometer vom Toten Meer entfernt, und er schickt uns 100 Kilometer in eine völlig andere Richtung, um uns von dort auf einer Parallelstrecke wieder 100 Kilometer zurück zu schicken!
Aber okay, denken wir uns, jetzt sind wir ohnehin bald da, und wenn die Einladung steht, dann soll es uns egal sein. Über sein Zuhause und die Einladung verliert er dann aber kein Wort mehr. Stattdessen versucht er, uns weiter mit Smalltalk bei Laune zu halten. Uns ist inzwischen natürlich auch klar, was da läuft, aber trotzdem bringe ich es nicht nicht fertig, ihn jetzt noch rauszuwerfen. Zu nahe schon sind wir an Irbit. Vielleicht war alles nur ein Missverständnis und er steht zu seinem Wort.
An der Werkstatt in Irbit angekommen, tut er das aber natürlich nicht. Er springt aus dem Sprinter und lässt stattdessen seinen Sohn einsteigen, der uns die richtige Richtung aus Irbit weisen soll. Er selbst verschwindet. Der Sohn führt uns dann noch ein paar Meter zurück von der Werkstatt weg, erklärt uns, in welche Richtung wir fahren müssten, und lässt sich absetzen.
Für uns beginnt nun bei schnell hereinbrechender Dämmerung eine nervenaufreibende Suche nach einem Übernachtungsplatz. Den finden wir bei völliger Dunkelheit dann irgendwann auch an einer Tankstelle. Aber was für eine bittere Erfahrung!

Später in Israel wird Oded, den wir dort kennenlernen werden, es auf den Punkt bringen: „Trust your instinct!“. Hätten wir unserem Gefühl vertraut, hätten wir den Kerl nach einigen Kilometern rausgeschmissen und wären umgekehrt.

Ruinenstadt Palmyra

Von der türkisch-syrischen Grenze waren wir – froh, das überwiegend kurdisch besiedelte Grenzgebiet hinter uns zu lassen –, am Vortag zunächst nach Aleppo hinein gefahren und hatten uns syrische Pfund am Geldautomaten geholt. Der Verkehr in der grenznahen Stadt Şanlıurfa war ein einziges Hupkonzert, und eine unangenehme Begegnung mit ein paar Straßen-Kids vor einem kleinen Supermarkt hatten wir auch.
Die Straßen-Kids lungerten vor dem Markt herum und wurden natürlich auf uns aufmerksam, als wir hielten. Wir trauten der Sache nicht, so dass wir zunächst im Auto blieben und abwarteten. Einer der Jungs fing dann an, vor unserem Auto herumzuschleichen und uns zu provozieren. Als ich ausstieg und ihm hinterherrief, zog er ein Butterfly-Messer aus der Hose. Es war kein Angriff, aber doch ein deutliches Signal, so dass wir auf unseren Einkauf verzichteten und unverrichteter Dinge weiterfuhren.
Der Gegenwert von 150 Euro war am Geldautomaten in Aleppo der Höchstbetrag, den wir – europäische Verhältnisse gewöhnt und die Treibstoffpreise noch nicht kennend –, sogleich abhoben. Später sollten wir gar nicht wissen, wie wir das ganze Geld ausgeben sollten.

Von Aleppo fahren wir nun ein Stück auf der berühmten Seidenstraße, die von hier nach Bagdad führt und erst viel später in Ostchina endet. Die Seidenstraße ist zumindest hier und heute jedoch nichts weiter als eine gewöhnliche Teerstraße mit zwei Fahrspuren in jeder Richtung. Statt von Kamelen wird sie von Blechkarawanen bevölkert: von 1001-Nacht-Romantik keine Spur.
Zu beiden Seiten der Seidenstraße findet sich erst einmal lange nichts als unfruchtbares, verstepptes Land. Kein Baum weit und breit, kein Ort, der zum Verweilen einlädt. Das Leben der Menschen hier ist geprägt von den Verrichtungen des täglichen Bedarfs. Ihre Behausungen sind einfache Lehmhütten und Zelte.

Seidenstraße in Syrien

Seidenstraße in Syrien

Seidenstraße in Syrien

Seidenstraße in Syrien

An einer Tankstelle machen wir einen Zwischenstopp und füllen unseren Dieselvorrat auf. Ein Liter Diesel kostet umgerechnet paradiesische 7 Cent, während ein Liter Milch in Syrien das Fünffache kostet – verkehrte Welt! Dementsprechend wird aber auch mit Treibstoff umgegangen: Niemand achtet darauf, dass nichts daneben geht. Ein kräftiger Mann mit hochdekorierter Uniform und selbstgefälliger Körpersprache steht neben einer großen Treibstofflache und raucht eine Zigarette. Hoffentlich ist das nur Diesel und kein Benzin!

Vom Assad-Stausee zur Linken ist fast nichts zu sehen. Ein Abstecher dorthin findet sein jähes Ende vor einer militärischen Absperrung.
Der See wird aus dem Euphrat gespeist, dem größten Strom Vorderasiens, der in der Türkei entspringt, durch Syrien und den Irak fließt, und in den Persischen Golf mündet. Der Euphrat ist die Lebensader Syriens. Ohne ihn wäre keine Landwirtschaft, und ohne Landwirtschaft kein Leben möglich, denn Syrien ist nicht gerade mit Bodenschätzen oder anderen Naturgütern gesegnet. Dementsprechend liegt hier die Achillesverse des Landes, und die Türken, in deren Land der Euphrat entspringt, wissen das als Machtquelle zu nutzen. Sie haben Staustufen in den Euphrat gebaut, mit denen sie Syrien den Wasserzufluss sperren können.
Für Syrien ist das Wasserreservoir des Assad-Stausees die einzige Reserve. Außerdem dient der Assadstaudamm der Energiegewinnung. Er ist ein dementsprechend strategisch wichtiges Objekt und mit dementsprechenden Schutzvorkehrungen abgesichert.

Wenig später tangiert die Seidenstraße den Euphrat für wenige Augenblicke, und wir können einen kurzen Blick auf ihn erhaschen. Der Euphrat zeigt sich hier als ein mittlerer Fluss, wie er überall fließen könnte.
Sodann drängen sich jedoch Felder zwischen Euphrat und Seidenstraße. Es sollte der erste und einzige Blick auf den Euphrat sein, der uns vergönnt war, bevor wir bei Deir Al Zor nach Südwesten abbogen und durch die Syrische Wüste nach Palmyra fuhren.

Palmyra ist eine viertausend Jahre alte Ruinenstadt, die zu Zeiten der römischen Vorherrschaft in Vorderasien ein bedeutender Handelsknoten war. Sie liegt mitten im geografischen Zentrum Syriens.

Ruinenstadt Palmyra

Ruinenstadt Palmyra

Ruinenstadt Palmyra

Ruinenstadt Palmyra

Ruinenstadt Palmyra

Die Sitten der arabischen Länder achtend hat Christiane sich heute übrigens richtig in Schale geworfen. Allerdings erinnert sie in ihrem Haar bedeckenden Outfit eher an einen Schlumpf. Ich fand es eh schon immer albern, dass es unter den Schlümpfen nur eine einzige Frau gab, und die war in der ansonsten reinen Männerwelt der Schlümpfe natürlich eine Blondine. Wird also höchste Zeit, dass wir hiermit endlich offiziell eine neue, brünette Schlümpfin einführen, und sie hört auf den Namen Schlumpfiane:

Ruinenstadt Palmyra

Fazit Türkei und Einreise Syrien

Die Türkei ist ein großartiges Reiseland. Kulturhistorisches und Naturschönes gibt es in der Türkei in ungeahnter Fülle. Trotz ihrer geografischen Lage auf zwei kulturell völlig unterschiedlichen Kontinenten wirkt die Türkei nicht wie ein zweigeteiltes Land: Die Türkei ist ein orientalisches Land, sie ist aber auch ein viel europäischeres Land, als so mancher Europäer sich dies vorstellen wird. Die Kulturen verschmelzen in der multikulturellen Metropole Istanbul auf ganz natürliche Weise zu etwas Neuem. Besonders abends und an den Wochenenden sprudelt die Stadt nur so vor Leben.
Bei der übrigen Türkei muss man zwischen den Küstenregionen und dem Landesinneren unterscheiden. An den Küsten findet sich die ganze Palette von einsamen Sandstränden über gemäßigte Urlaubsgebiete bis hin zu Stränden, wie man sie in berüchtigten Ecken Mallorcas vorfindet. Mit anderen Worten: Für jeden Geschmack ist etwas dabei, und dazu kommen zahlreiche kulturelle und naturelle Sehenswürdigkeiten, die von den Küstenorten aus gut zu erreichen sind. Es ist immer eine Reise wert, hierher zu kommen und sich nicht nur auf einen reinen Strandurlaub einzustellen.
Weiter im Landesinneren kann sich dann mitunter jedoch auch schnell ein leichter Kulturschock einstellen. Die Zeit scheint hier in vielerlei Hinsicht vor 200 Jahren stehen geblieben zu sein. Die meisten Menschen sind einfache Bauern und leben zu einem beträchtlichen Teil noch in ärmlichen Lehmhütten. Es ist ein hartes Leben, wie man den vom Leben gezeichneten Gesichtern entnehmen kann, was kein Wunder ist bei der extremen Trockenheit und Kargheit des Landes, in dem kaum ein Baum wächst. Zudem ist das Bildungsniveau sehr niedrig. Doch die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, wie auch in der ganzen Türkei.
Wie oft sind wir mit einem Lächeln empfangen und mit Geschenken reichlich bedacht worden. Eine wunderschöne Sitte ist das türkische Nationalgetränk, der Chai, ein kräftiger schwarzer Tee, der mit viel Zucker zu jeder Gelegenheit getrunken und als Zeichen der Gastfreundschaft angeboten wird.
Schön waren auch die Begegnungen an den vielen Tankstellen, die wir im Laufe der drei Wochen in diesem Land ansteuerten. Mal gab es eine Flasche Zitronensprudel mit auf den Weg, mal ein paar Päckchen Waschmittel und feuchte Tücher, und selbst an Tankstellen, an denen wir nicht getankt hatten und trotzdem übernachten durften, versorgte man uns mit Chai, spendierte man uns eine kostenlose Wagenwäsche oder einfach nur ein herzerfrischendes Lächeln.
Die schönste Begebenheit in dieser Hinsicht war, als am Ende des Ramadan eine türkische Familie am Strand von Olympos mit zwei großen Stücken „Festival Cake“ auf uns zukam und sie uns feierlich überreichte – einfach so!

„Das Land öffnet sich mehr und mehr für den internationalen Tourismus. Allerdings sollten derzeit die Erwartungen an eine für Touristen erforderliche Infrastruktur noch nicht zu hoch gesteckt werden.“, so steht es in den Informationen des Auswärtigen Amts zu Syrien. Da sind wir doch mal gespannt.
Zunächst mussten wir uns in Istanbul ja erst einmal Visa beschaffen, was nicht gerade für eine Offenheit Syriens gegenüber Touristen spricht. In Jordanien beispielsweise bekommt man das Visum mittlerweile schon an der Grenze. Andererseits bekommt man für Saudi-Arabien praktisch gar kein Visum: Man erhält maximal ein Drei-Tage-Transitvisum, und das aber auch nur, wenn man eine Einladung in das Land vorzuweisen hat, die wiederum man eigentlich nur bekommt, wenn man dort geschäftlich mit einem inländischen Unternehmen zu tun hat. So gesehen wäre es noch vergleichsweise leicht gewesen, ein Visum für Syrien zu bekommen, wenn da nicht der Haken wäre, dass Syrien zusätzlich zum Antrag ein Empfehlungsschreiben verlangt. Dieses Empfehlungsschreiben, das eine deutsche Botschaft oder ein deutsches Konsulat ausstellen muss, erhält man offiziell gar nicht mehr.
Als wir beim Deutschen Konsulat in Istanbul vorsprachen, wollte man uns mit der klaren Aussage wieder fortschicken, dass diese Empfehlungsschreiben nicht mehr ausgestellt würden. Gut, dass ich zuvor beim Konsulat angerufen und anscheinend einen guten Eindruck gemacht hatte, denn die freundliche und hilfsbereite Konsulatsangestellte am anderen Ende der Leitung hatte mir zugesichert, wir würden die Empfehlungsschreiben bekommen, wenn wir den Nachweis erbrächten, dass wir uns von Stuttgart offiziell abgemeldet haben.
Allerdings hatten wir nicht damit gerechnet, dass wir die Abmeldebescheinigung jemals brauchen würden. Was hatten wir nicht alles an Dokumenten eingesteckt, kopiert, gescannt, deponiert und sonst wo hin redundant gespeichert. Aber an unsere Abmeldebescheinigungen hatten wir nicht gedacht. Doch wir konnten von Glück sagen, dass die auf einmal so wichtigen Abmeldebescheinigungen von meinen Eltern schnell gefunden und zugefaxt waren. Auch diese Hürde war also genommen, und der zunächst abweisende, sich dann aber als sehr freundlich und hilfsbereit herausstellende Beamte des Deutschen Konsulats legte uns die durchaus existierenden Formulare zur Beantragung der Empfehlungsschreiben vor.
Wenig später hielten wir tatsächlich die begehrten Empfehlungsschreiben in der Hand, mit denen wir erneut beim Syrischen Konsulat vorstellig wurden. Dort gaben wir unsere Anträge nebst je zweier Passfotos ab. Die westlich gekleidete, junge Dame, die alles entgegen nahm, lachte sich erst einmal schlapp, als sie das Passfoto von Christiane mit Kopftuch sah und zeigte es bei ihren ebenfalls nicht Kopftuch tragenden Kolleginnen herum. Und drei Stunden später hielten wir dann endlich unsere Visa für einen fünfzehntägigen Syrienaufenthalt in der Hand.
Eigentlich hatten wir Visa für vier Wochen beantragt, aber die sollen wir ohnehin nicht brauchen, wie sich nun am syrischen Grenzübergang herausstellt. Zunächst können wir aber erst einmal von Glück sagen, dass wir nicht gleich an der Passkontrolle auf dem heruntergekommenen und unübersichtlichen Grenzgelände scheitern. Nicht etwa wegen eines israelischen Stempels in unseren Pässen, der ein absolutes „No Go“ wäre, sondern weil wir eine Adresse im Land benötigen, über die wir zu erreichen sind. Da wir campen wollen, verweisen wir schließlich auf die Deutsche Botschaft in Damaskus. Die englische Übersetzung „German Embassy“ kann oder will der noch recht junge, hagere Beamte mit dünnem Schnurrbärtchen aber nicht verstehen. Als ein drängelnder Araber seinen Pass mit einem Geldschein darin an mir vorbei reicht, werden mir die Verständnisprobleme schlagartig klar. Allerdings hält der korrupte Beamte unsere Pässe schon in der Hand. Also kann ich kaum noch dezent einen Geldschein hineinlegen, und den Schein einfach offensichtlich hinüber zu reichen, rede ich mir auch aus. Obwohl der feiste Chef des Angestellten, der im Hintergrund herumläuft und seine Autorität zur Schau trägt, im selben Moment in seine Hosentasche greift, ein Geldbündel so dick wie zwei Zigarettenschachteln, herausholt und beginnt, durchzuzählen.
Ich gehe zurück zum Wagen und schreibe aus unseren Informationen des Auswärtigen Amts die Adresse der Deutschen Botschaft in Damaskus ab und werde erneut am Schalter vorstellig. Die Adresse scheint eine Postfachadresse zu sein und sieht mehr nach einer Telefonnummer aus. Prompt fragt mich der Beamte, was das denn sein soll. „Die Adresse!“, beharre ich. Glücklicherweise kommt mir in diesem Moment ein Busfahrer zur Hilfe, der bestätigt, dass es sich um eine ganz normale Adresse und nicht um eine Telefonnummer handelt. Da das Ganze nun wohl schon seit einer viertel Stunde hin und her geht, vergeht dem Beamten dann wohl auch die Lust, und er beginnt endlich unsere Einreiseformalien weiter zu bearbeiten. Noch einmal Probleme gibt es, als er unsere Berufe wissen will. Schlecht vorbereitet antworte ich „IT-Consultant“ und erkläre sodann, dass das „IT“ für „Information Technology“ stehe. Dass er damit genauso wenig anfangen kann, hätte ich mir natürlich denken können. Doch dann kommt mir der rettende Einfall, und ich gebe als meinen Beruf „Computer“ an. Das schluckt er dann endlich.
Doch damit ist die Einreise noch lange nicht durch. Als nächstes müssen wir beim Zoll vorstellig werden. Da sitzen zwei Typen wie Patt und Patterchon, beide kräftig gebaut, der eine vermutlich ein Frauenschwarm, mit klaren, braun-grünen Augen und schelmischem Gesichtsausdruck, und der Andere das genaue Gegenteil mit Eierkopf und Mönchsfrisur, aber ebenfalls mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. Hoffentlich wird das jetzt nicht allzu teuer, denke ich schon, und dann kommt auch prompt die unheilvolle Frage: „Diesel?“ Oh, oh, ich soll rüber zur Bank.
Ein Fettsack mit glasbausteindicken Gläsern in einem Hornbrillengestell und einem dicken Bündel Hundertdollarscheine in der Hand will mir zweihundertfünfzig Dollar abknöpfen. Ich schlucke schwer, als ob ich der Fettsack wäre und den ganzen Tag hier sitzen müsste. Fünfzig Dollar für die Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung, weil Syrien die Grüne Versicherungskarte nicht akzeptiert, und zweihundert Dollar Dieselsteuer für zwei Wochen. Liebes Auswärtiges Amt, wären diese Summen nicht einmal eine Erwähnung wert in euren Informationen? Glücklicherweise kommt mir der Gedanke, dass es bei einem nur einwöchigen Aufenthalt vielleicht billiger werden könnte. An der stattlichen Versicherungssumme ändert sich damit zwar nichts. Aber zumindest halbiert sich tatsächlich die Dieselsteuer.
Gut, bleiben wir in eurem Land eben nur eine Woche und geben weniger Geld aus. Allerdings muss man dazu sagen, dass ein Liter Diesel in Syrien den lächerlichen Betrag von umgerechnet zehn Cent kostet. Ein Liter Milch kostet demgegenüber sage und schreibe das Fünffache. Auf diesem Weg holt sich der Staat von den motorisierten Touristen, was diese sonst gegenüber den heimischen Spritpreisen sparen würden. Andererseits ist Syrien ein kleines Land, und wenn man in einer Woche die Strecke zurücklegt und das vertankt, was man sonst in zwei, drei oder vier Wochen zurücklegen beziehungsweise vertanken würde, dann ist das Resultat lediglich, dass die Touristen in Syrien weniger für Verpflegung und Unterkunft ausgeben.
Hundertfünfzig Dollar leichter gehe ich also zu Patt und Patterchon zurück und lege die Belege vor. Während sie die Dokumente bearbeiten fangen sie eine Diskussion über Fußball mit mir an. „Bayern Munich“ ist ihr Lieblingsverein. Mir ist zwar nicht nach einer Diskussion über Fußball, aber ich habe auch das Gefühl, dass es unklug wäre, nicht auf das Spielchen einzugehen. Spitzenverein sage ich, aber da Christiane und ich zuletzt bekanntlich in Stuttgart gelebt haben, bringe ich natürlich den aktuellen Deutschen Meister Stuttgart ins Spiel. Auch wenn es mir selbst egal wäre, wenn Stuttgart in der Amateurliga spielen würde. „Yes, Stuttgart, German football champion!“ wiederholen sie anerkennend und tuscheln noch ein wenig in Arabisch. Dann verlangen sie zwei Dollar Gebühr für den Stempel unter das Carnet de Passages, ein Zolldokument, das in vielen Ländern Asiens und Afrikas bei der Ein- und Ausreise abgestempelt werden muss. Mit dem Carnet de Passages sollen Autoschiebereien unterbunden werden. Wenn ein eingeführtes Fahrzeug nicht nachweislich wieder ausgeführt wird, gilt es als im jeweiligen Land verhökert, und es werden in der Regel horrende Zollgebühren, oft bis zur Höhe des geschätzten Fahrzeugwertes, erhoben, für die beim Automobilclub des Heimatlandes eine stattliche Kautionssumme hinterlegt werden muss.
Habe ich es mir doch gedacht! Aber zwei Dollar scheinen mir zu günstig, als dass ich eine Diskussion anzetteln würde. Also überreiche ich sie bereitwillig und bin erleichtert.
Die anschließende Zollkontrolle ist auch nicht weiter nennenswert, und nach zwei Stunden sind wir endlich in Syrien!

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Nemrut Dağı ist ein 2.150 Meter hoher Berg im Osten der Türkei und gehört zum Weltkulturerbe, denn der Berg ist gleichzeitig eine Kult- und Grabstätte. Die Stätte wurde im ersten Jahrhundert vor Christus von König Antiochos I. von Kommagene errichtet als Zeichen seines Vertrags mit den Göttern. Sie beeindruckt durch gut erhaltene, mannshohe Köpfe zerbrochener Statuen und andere in Stein gehauene Monumente. Sie liegen verteilt auf zwei von ehemals drei Terrassen, die um einen etwa 30 Meter hohen, aus faustgroßen Steinen aufgehäuften Grabhügel, angeordnet sind. Von hier hat man einen fantastischen Ausblick auf das umgebende Bergpanorama und den weit zerklüfteten Atatürksee. Allerdings ist es zu dieser Jahres- und Tageszeit hier oben auch arschkalt.

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Atatürksee

Weltkulturerbe Göreme

Das Weltkulturerbe Göreme ist eine Tuffsteinlandschaft vulkanischen Ursprungs in Kappadokien. Vor über 1.000 Jahren höhlten die Bewohner der Region die charakteristischen Felstürme aus, die sich über Jahrmillionen durch Erosion aus dem mürben Fels gebildet haben. Sie gruben mehrere Stockwerke hohe und tiefe Wohnhöhlen, um sich vor Überfällen der Muslime zu schützen. Im entstandenen, unterirdischen Labyrinth, das bis über 80 Meter tief in die Erde reicht, finden sich mitunter ganze Kirchen. Die Landschaft an der Erdoberfläche erinnert an einen Schweizer Käse.

Am Morgen ist der Himmel von Göreme voll von Heißluftballons, in denen Touristen über die atemberaubende Landschaft gefahren werden. Wir genießen die spektakuläre Aussicht von einem erhöhten Punkt am Rande des Areals aus, an dem wir in der Nacht zuvor gecampt haben.

Weltkulturerbe Göreme

Weltkulturerbe Göreme

Weltkulturerbe Göreme

Anatolien

Auf dem Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit Göreme geht es hinauf zur Hochebene von Anatolien. Inzwischen sind wir die ersten 10.000 Kilometer gefahren, und die Türkei zeigt hier ein völlig anderes Gesicht, landschaftlich wie kulturell. Eine endlos weite, einsame und karge Ebene, die von Landwirtschaft geprägt ist, erstreckt sich nach allen Seiten. Die Felder sind abgeerntet, die Äcker bestellt. An sich trostlos, aber im herbstlichen Licht bieten sich faszinierende Farbenspiele, und über unseren Köpfen kreisen riesige Vogelschwärme, die sich für die Abreise zu ihren Winterquartieren sammeln.

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Die Menschen hier sind Bauern, in den westlichen Ausläufern Anatoliens Obstbauern, und in den zentralen Regionen Ackerbauern. Sie leben großenteils noch in einfachen Lehmhütten. Sie sind zurückhaltend, aber freundlich und hilfsbereit, wenn wir nach dem Weg fragen. Viele von ihnen haben jahrelang in Deutschland gelebt und mussten später in ihre Heimat zurückkehren, als ihre Asylanträge nach schier endlosem Hin und Her abgelehnt wurden. Manch einer von ihnen war zehn Jahre und länger in Deutschland, bevor er abgewiesen wurde, und kann sich selbst nach so langer Zeit trotzdem kaum in Deutsch verständigen. Sie sind Zeugen einer Einwanderungs- und Integrationspolitik, die auf ganzer Linie versagt hat.

Anatolien

Anatolien

Bevor wir nach Göreme fahren, machen wir einen Schlenker zu einem großen Salzsee im Herzen der Türkei und Anatoliens: dem Tuz Gölü. Der Tuz Gölü ist einer der salzhaltigsten Seen der Erde und mit 1.500 Quadratkilometern Fläche der zweitgrößte Binnensee der Türkei. Er ist 100 Kilometer lang, 50 Kilometer breit und nur 2 Meter tief. Gespeist wird der zu- und abflusslose Tuz Gölü von Niederschlägen und Grundwasser.

Am Vorabend haben wir vergeblich versucht, direkt an den Tuz Gölü zu gelangen. Die einzige Straße, die zum Tuz Gölü hinzuführen schien, endete vor einer Absperrung.
Eine weitere Abzweigung führte uns in ein kleines anatolisches Bauerndorf mit vielleicht einem Dutzend Häusern. Keine gute Idee, hier bei Dunkelheit hinein zu fahren. Das Dorf schien wie ausgestorben, die Menschen waren in ihren Häusern und saßen wohl beim Essen zusammen. Nur zwei große Hunde wurden auf uns aufmerksam und fingen an, wie verrückt und rasend vor Wut zu bellen. Wir kehrten um und sahen zu, dass wir wieder zur Hauptstraße kamen. Wie im Blutrausch hetzten die Hunde noch eine ganze Weile neben unserem Wagen her und versuchten, vor ihn zu springen und uns zum Anhalten zu zwingen. Ich musste kräftig Gas geben. Erst bei 50 Stundenkilometern schafften wir es langsam, sie abzuhängen. Wie Verbrecher kamen wir uns vor.
Wir sind dann noch ein Stück die Hauptstraße weiter entlang gefahren, bis wir schließlich eine Tankstelle gefunden hatten, an der wir übernachten konnten.

Am Morgen unternehmen wir einen weiteren Anlauf, um an den See zu gelangen. Diesmal wollen wir es auf mehr oder weniger direktem Weg über Feldwege versuchen, die von der Hauptstraße abführen. In der Nacht hat es leicht geregnet, aber die Feuchtigkeit scheint im ausgedörrten Boden verpufft zu sein. Wir schalten den Allrad ein und unternehmen einige Versuche, aber die Wege enden entweder irgendwo im Nichts oder an einzelnen Höfen, und wir wollen nicht schon wieder unangenehm auffallen.
Von einem Dorf aus wollen wir es ein letztes Mal versuchen. Irgendwo muss es doch einen Zugang zu diesem verdammten See geben. Wieder erwecken wir die Aufmerksamkeit von zwei frei herumlaufenden und ziemlich aggressiven Hunden, und wieder müssen wir kräftig Gas geben.
Wir kommen an einem einzelnen, etwas vom Dorf abgelegenen Haus vorbei. Ein Mann tritt heraus und scheint freundlich zu winken. Wir winken zurück und fahren weiter, bis unser Sprinter nach einigen hundert Metern in einer leichten Kurve plötzlich geradeaus geht und sich nicht mehr steuern lässt. Ich lenke ein, der Sprinter stellt sich quer, rutscht aber weiter geradeaus, ich lenke gegen, der Sprinter stellt sich in der anderen Richtung quer und rutscht immer noch weiter geradeaus. Im ersten Moment denke ich, jetzt hat sich die Lenkung verabschiedet, aber dann sehen wir, dass der Boden an dieser Stelle vom Regen der Nacht noch ganz matschig ist. Wir befinden uns in einer leichten Senke, in der sich das Wasser gesammelt und den Boden aufgeweicht hat.
Ich bekomme den Wagen mit nun nur noch leichten Lenkbewegungen wieder einigermaßen in den Griff und es geht weiter geradeaus. Aber in 50 Metern kommt eine 90-Grad-Kurve, und dort ist der Matsch ausgerechnet am tiefsten. Wenn wir stehen bleiben, befürchten wir, sinken wir ein. Was jetzt? Vor unserem geistigen Auge sehen wir uns schon reumütig zum Dorf zurück laufen und an den durchdrehenden Hunden vorbei einen Bauern suchen, der uns mit einem Traktor aus dem Matsch zieht. Bloß das nicht. Besonders der Teil mit den Hunden gefällt uns gar nicht, und wir wissen auch nicht, was wir von den Menschen hier zu erwarten haben, wenn wir bei den Tieren schon so unwillkommen sind. Aber es nützt nichts, wir müssen irgendwie versuchen, um diese Kurve herum zu kommen, danach zu drehen und dabei nicht stehen zu bleiben.
Wie zu erwarten war, geschieht aber kein Wunder, und in der Kurve ist Schluss mit dem Vorankommen. Ich steige aus und stehe im Matsch. Die Profile unserer Reifen sind komplett zugeschmiert mit dem lehmigen Matsch. Kein Wunder, dass es sich wie auf Glatteis fuhr. Allerdings ist die matschige Schicht nur wenige Zentimeter tief, und darunter befindet sich fester Untergrund. Der Sprinter ist nicht weiter eingesunken. Vielleicht schaffen wir es rückwärts wieder raus. Ich klemme mich wieder hinter das Lenkrad und versuche langsam anzufahren, was dann auch bei vorsichtigster Dosierung des Gaspedals tatsächlich gelingt. Nun langsam aber stetig zurück, dabei ja auf dem Weg und nicht stehen bleiben, denn neben dem Weg gibt es keinen festgefahrenen Untergrund unter der Schlammschicht, und da wir ja in eine Senke hinein gefahren sind, geht es zurück ganz leicht bergauf. Jeder Meter kommt mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Doch nach 250 endlosen Metern haben wir endlich wieder trockenen Untergrund unter den Rädern.
Der Bauer von vorhin kommt uns entgegen und bedeutet uns, dass es keine gute Idee war, in die Senke hinein zu fahren. Das hatte er uns vorhin also mit seiner Geste sagen wollen. Aber er ist überaus freundlich und zeigt uns mit seinem Wagen eine Abkürzung zurück zur Hauptstraße. Darüber sind wir sehr froh, denn das erspart uns, wieder an den Hunden vorbei zu müssen. Außerdem erklärt er uns, dass wir wieder dorthin zurück müssen, wo wir es am Vorabend schon einmal versucht hatten und vor einer Absperrung geendet waren.
Die Absperrung stellt sich bei Tageslicht als Zugang zum Betriebsgelände eines Salzwerks heraus, und das Salzwerk wiederum bietet weit und breit den einzigen Zugang zum See, sofern man sich nicht den weiten Weg um den See herum ans gegenüberliegende Ufer machen will.

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

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Soweit, so gut. Die Probleme der letzten beiden Tage sollten für die nächste Zeit gereicht haben, und nun haben wir ja endlich auch den Salzsee gesehen. Also fahren wir weiter Richtung Göreme. Doch noch auf dem Weg dorthin holt uns in gewisser Weise unser Hupenproblem wieder ein. Doch das wird sich erst später herausstellen.
Als wir zwischendurch an einem Geldautomaten halten und den Sprinter abstellen, vernehmen wir plötzlich ein lautes Vibrieren, das wir zunächst nicht lokalisieren können. Es könnte auch von draußen kommen. Also fahren wir weiter. Doch beim nächsten Halt hören wir das Vibrieren wieder. Muss wohl doch etwas am Sprinter sein. Es stellt sich heraus, dass das Vibrieren aus dem Elektrikkasten unter dem Fahrersitz kommt. Eines der Relais vibriert heftig. Was soll das denn?
Wir fahren an eine Tankstelle und erklären das Problem. Dort kann man uns zwar nicht weiterhelfen. Aber man weiß uns eine Boschwerkstatt zu nennen, die uns mit dem Elektrikproblem weiterhelfen kann. Diese finden wir dann auch und wollen unser Problem demonstrieren. Natürlich rührt sich jetzt nichts, aber ich beschreibe das Problem und verweise beharrlich auf das Relais. Ein fachkundiger Elektriker sieht sich das Relais an und stellt fest, dass ein weißes Kabel dorthin führt und es sich um eine Modifikation handeln muss. Alle werksseitig verbauten Kabel sind schwarz oder rot (für Plus und Minus).
Also erkläre ich sämtliche Umbauten elektrischer Natur, was bei uns allein schon wegen der Solaranlage nicht wenige sind. Außerdem fällt mir unsere zusätzliche Pressluftfanfare ein, die ich nach dem Wassereinbruch erfolglos zu reparieren versucht hatte. Sie stellt sich schließlich auch als das Corpus Delicti heraus. Ich beschreibe ausführlich die Funktionsweise der komplizierten Schaltung, denn wir haben oben beim Bett noch einen zusätzlichen Knopf, über den wir die Fanfare betätigen können, wenn sich jemand an unserem Wagen zu schaffen machen sollte, während wir darin schlafen. Die Fanfare geht dann ununterbrochen, bis man den Zündschlüssel ins Schloss steckt und auf Zündung dreht.
Nach zwei Stunden Tüfteln und Testen funktioniert dann unsere Fanfare endlich wieder. Was für ein schönes und lange nicht gehörtes Geräusch! Aber am Relais selbst war anscheinend nichts, oder vielleicht doch?
Alles selbst noch schnell getestet, für gut befunden, bezahlt und endlich nach Göreme. Auf dem dortigen Parkplatz suchen wir uns eine Ecke, stellen den Sprinter ab und machen den Motor aus. Und da ist es auf einmal wieder, das vertraute, weithin deutlich hörbare Geräusch unserer Fanfare – allerdings einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die Touristen ringsum verdrehen die Köpfe und rollen mit den Augen. Wie peinlich, was jetzt? Motor wieder angelassen, und Gott sei dank hört das Hupen auf. Aber lösen tut das unserer Problem natürlich nicht. Ist also doch auch etwas mit dem Relais.
Also zurück zur Werkstatt. Artig schrillt die Fanfare, als wir den Motor abstellen. Wenigstens das. Der Elektriker rauft sich beinahe die Haare und nimmt sich des Relais an. Er vertauscht zwei der Relais und meint, nun müsste es funktionieren. Für wie blöd hält der uns? Er hat wohl keine Lust mehr und möchte endlich Feierabend machen. Wenn tatsächlich etwas mit dem Relais ist, dann müssten wir nun ja an anderer Stelle ein Problem haben.
Nach langer Diskussion kaufen wir ein Ersatzrelais, damit wir uns nicht gleich das nächste Problem ins Haus holen. Aber auch mit dem Ersatzrelais tritt unserer Problem gleich wieder auf, als wir aus der Werkstatt herausfahren und am Straßenrand nochmals testweise den Motor abstellen. Es muss also doch noch etwas anderes ein. Widerwillig muss sich der Elektriker des Problems wieder annehmen, und nach langem Hin und Her findet er tatsächlich die Ursache. Das weiße Kabel war an einer versteckten Stelle von einer Werkstatt in Gingen bei Göppingen („direkt an der B10“) nicht sachgemäß verlötet worden. Im Laufe der Zeit hatte dies zu einem Wackelkontakt und der Fehlfunktion des Relais geführt. Aber immerhin funktioniert unsere Fanfare jetzt endlich wieder, und zwar wenn wir es wollen!

Anatolien

Und am Abend erreichen wir tatsächlich auch noch Göreme.

Ruinenstadt Olympos und Chimaira

Wir befinden uns an der türkischen Riviera, genauer gesagt an der Ostküste Lykiens. Hier findet sich versteckt in den Urwäldern einer kleinen Schlucht, die zur rund drei Kilometer langen Bucht von Çıralı hin ausläuft, die antike Ruinenstadt Olympos.

Da wir keine Lust haben, Eintritt zu zahlen, steigen wir vom Strand aus durch ein Loch im Bretterzaun vor einem inoffiziellen Nebeneingang. Schlagartig finden wir inmitten des Urwalds und der ersten Ruine wieder. Eine Zweimeterschlange spürt unser Auftreten und verkrümelt sich wenige Schritte vor uns ins dichte Gestrüpp. Wir kommen uns vor wie in einem Indiana-Jones-Film, irren und stolpern durch die menschenleeren Ruinen, bis wir auf einen offiziellen Pfad stoßen. Selbst hier treffen wir immer noch auf keine Menschen, da wir uns nach wie vor in einem sehr abgelegenen Teil der Ruinenstadt befinden. Und trotz der nun vorhandenen Beschilderung kommen wir immer wieder vom Weg ab, durch kaum berührte Bereiche, durch ein Flussbett, in dem sich Frösche sonnen, vorbei an einem Theater, einem römischen Bad und steinernen Sarkophagen.

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Ja, und zum Schluss werden wir auch noch mit einem traumhaften Ausblick über die wunderschöne, wenn auch nicht ganz einsame Bucht verwöhnt:

Olympos

Eigentlich wäre das für diesen Tag ja schon genug, aber es soll noch besser kommen, denn es steht ja noch die Chimaira auf dem Programm. Die Chimaira ist seit ewigen Zeiten brennendes Feuer, gespeist durch austretendes Ergas an den Hängen des Olymp. Ja, einen Berg solchen Namens gibt es hier auch, und wie die Türken sagen, gab es ihn hier schon, bevor die Griechen selbst ihren Olymp so benannten und das ewige Feuer zum Symbol der Olympischen Spiele machten. Die Griechen streiten das natürlich ab. Als Türke sollte man das Thema einem Griechen gegenüber besser nicht ansprechen! Wie dem auch sei, es ist ein wahrhaft mystischer Ort, und wir finden es außerordentlich praktisch, dass wir uns hier mal nicht um’s Feuermachen kümmern müssen!

Chimaira

Chimaira

Chimaira

Chimaira

Dünen von Patara

Wer die Dünen von Arcachon in Frankreich beeindruckend, aber touristisch zu überlaufen findet, wird die Dünen von Patara im türkischen Lykien lieben. Wir zweigen vom Weg an den Strand ab, fahren durch den winzigen Ort einen Hügel hinauf, durch ein kleines Wäldchen zurück in Richtung Küste, und landen an einem grandiosen Aussichtspunkt. Von diesem hochgelegenen Platz, auf dem wir in der Nacht auch campen werden, eröffnet sich ein atemberaubender Blick über eine weite Landschaft aus sanft geschwungenen Dünen in der wohl noch unberührtesten Bucht der türkischen Südküste.

Wenn in den achtziger Jahren nicht einige wildentschlossene Naturschützer für die Erhaltung dieses Gebietes wegen der dort ihre Eier ablegenden Meeresschildkröten gekämpft hätten, dann würden hier heute ein Hotel neben dem anderen stehen und die Dünen längst zerstört sein, wie es an vielen anderen Orten der türkischen Südküste geschehen ist. Und Schildkröten würde es hier natürlich auch nicht mehr geben.

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Felsbrocken

Düne

Sprinter

Sinterterrassen von Pamukkale

Die Sinterterrassen von Pamukkale sind für uns das erste der vielen Naturphänomene, die es in der Türkei zu bestaunen gibt. 35 Grad warmes, kalkhaltiges Wasser überströmt einen breiten Hang, kühl dabei ab und bildet durch die Kalkablagerungen poolartige Terrassen, und Wellenmuster wie das Meer im sandigen Untergrund. Das Sonnenlicht taucht den Hang in gleißendes, weißes Licht wie im Winter der Schnee.

Dass wir heute dieses Phänomen wieder in nahezu ursprünglicher Form bestaunen können, verdanken wir den einsichtigen Türken. Mit dem aufkommenden Tourismus waren am oberen Rand des Plateaus Hotels gebaut worden, die den Anblick verschandelten und den Terrassen das Wasser abgruben. Schmutz lagerte sich ab und verwandelte das Weiß der Terrassen in ein schmutziges Grau. Ende der neunziger Jahre setzte dann das Umdenken ein und die Hotels wurden radikal abgerissen. Heute erstrahlen die Terrassen wieder in ihrem alten Glanz.

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Pergamon

Der Name Pergamon ist uns geläufig durch das Pergamonmuseum in Berlin, in dem der namensgebende Pergamonaltar aufgebaut ist. Von der hoch auf einem Bergplateau gelegenen Akropolis stehen heute nur noch einige Säulen, und der gigantische Pergamonaltar befindet sich eben leider nicht dort. Daher beeindruckt uns mehr das riesige und in den steilen Hang gebaute Theater, das rund 10.000 Menschen Platz und einen schwindelerregenden Ausblick bot.

Pergamon

Begegnungen

Ein Stück hinter Troja haben wir am Strand übernachtet und am frühen Morgen eine weitere antike Ruinenstadt besichtigt. Auf dem kleinen Parkplatz sind wir die Einzigen, nutzen die Ruhe für ein Frühstück und sortieren die neuesten Fotos.
Währenddessen fährt ein Wohnmobil mit deutschem Kennzeichen auf den Parkplatz – das erste, das wir seit langer Zeit gesehen haben. Ein Ehepaar mittleren Alters steigt aus und geht die Ruinen besichtigen. Kurz darauf kommt der Mann an unseren Sprinter und verwickelt uns in ein Gespräch. Er fragt uns, ob wir wüssten, was für ein Baum das nebendran sei und klärt sogleich auf, dass es sich um eine Besonderheit der hiesigen Gegend, eine trojanische Eiche handele. Er wisse das, weil er viele Jahre lang Biologielehrer war – ein altes Leiden, alles bestimmen zu müssen.
Schön, denken wir, und unterhalten uns mit ihm und seiner inzwischen hinzugekommenen Frau über dieses und jenes. Mitten im Gespräch drückt er mir unvermittelt eine Bücherliste des WOMO-Verlags in die Hand mit dem Kommentar, hier gebe es mal etwas Anständiges zu lesen. Vor unserer Reise noch sagte uns der Verlag überhaupt nichts. Erst durch andere Womobilisten hatten wir nach und nach erfahren, dass die Wohnmobilreiseführer des Verlags als die besten Stellplatzführer für Europa gelten. Schön denke ich und erkläre knapp, dass wir so ein Ding bisher auch nicht gebraucht und trotzdem fast immer einen schönen Platz gefunden haben, und stecke die Liste weg.
Da kommt ein zweites Wohnmobil auf den Parkplatz gefahren. Ein deutsch-türkisch-italienisches Paar steigt aus und gesellt sich zu uns. Sie haben den Türkeiführer des WOMO-Verlags in der Hand und begrüßen die anderen beiden, die gerade im Gehen begriffen sind. Dabei fällt der Name Schulz, und ständig ist vom WOMO-Verlag die Rede. Schließlich stellt sich heraus, dass sie die Gründer des WOMO-Verlags sind – so klein kann die Welt sein!

Begegnungen

Begegnungen

Begegnungen

Begegnungen

Wir unterhalten uns noch eine Weile, bis wir uns dann einer nach dem anderen verabschieden und auf zu den nächsten Sehenswürdigkeiten machen. Da wir die gleiche Route haben, treffen wir uns nach und nach alle wieder und fahren bis mittags ein Stück in Kolonne. Als es Zeit zum Mittagessen ist, beschließen wir, gemeinsam zu essen und machen uns auf den Weg in ein kleines Hafenstädtchen. Dort essen wir fürstlich und erfahren unter anderem einige interessante Dinge über das Verleger- und Autorendasein.

Schließlich trennen sich unsere Wege dann wieder und wir fahren weiter auf unserer Route, während sich die anderen eine weitere antike Ruinenstadt ansehen. Abends finden wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang wieder ein schönes Plätzchen am Strand. Wir haben uns gerade in den Sand gesetzt und die ersten Schlücke aus der Bierdose genommen, da hören wir eine bekannte Stimme hinter uns – es ist die von Reinhard Schulz, und er hat seine Frau Waltraud und das deutsch/türkisch-italienische Paar mit den wohlklingenden Namen Perin, was übersetzt „Deine Fee“ heißt, und Mario im Schlepptau. Wieder einmal haben wir zufällig einen Stellplatz gefunden, der in den WOMO-Reiseführern beschrieben ist.

Gemeinsam verbringen wir einen unvergesslichen Abend. Perin ist Ärztin der Homöopathie, liebt ihren Beruf und singt leidenschaftlich türkische Lieder und Mantren. Sie hat eine wunderschöne, weiche Stimme. Mario ist ebenfalls Musiker und komponiert seine eigenen Stücke. Die beiden geben uns ein herzergreifendes Konzert, und wir sind voll und ganz gerührt. Diesen Abend werden wir nie vergessen!

Begegnungen

Begegnungen

Begegnungen

Am nächsten Morgen heißt es wieder einmal Abschied nehmen. Doch werden uns die Vier nicht gehen lassen, ohne uns etwas mit auf den Weg zu geben. Reinhard und Waltraud schenken uns eine signierte Ausgabe des WOMO-Reiseführers Türkei, verbunden mit der Einladung, dass wir bei ihnen zu Hause jederzeit herzlich willkommen sind und den hauseigenen, bestens ausgestatteten Wohnmobilstellplatz nutzen dürfen. Von Mario und Perin bekommen wir jeweils eine signierte CD überreicht mit den besten Wünschen für unsere Reise. Wir sind zutiefst gerührt und machen uns schweren Herzens wieder auf den Weg.

Begegnungen

Troja

Das sagenumwobene Troja bildet den Auftakt unserer Rundfahrt durch die zahllosen antiken Stätten der Türkei. Auf dem Weg dorthin halten wir in einem kleinen Ort, um einen türkischen Cai (schwarzen Tee) zu trinken, und damit ich eine Zigarette rauchen kann.
Ich lege meine Tabakdose auf den Tisch und drehe mir eine. Das weckt in fernöstlichen Ländern meist reges Interesse, weil man es dort nicht oder nur vom Rauchen illegaler Substanzen her kennt. So auch hier, denn der Wirt bittet mich, dass ich ihm auch eine drehe. Also drehe ich eine, und das ruft gleich den Nächsten auf den Plan. Also drehe ich auch ihm eine. Wenig später verschwindet er in seinem nebenan befindlichen Reisebüro und kommt mit einer Einkaufstüte voll mit Tabak und einer riesen Packung Zigarettenhülsen zurück. Er macht mir eine fertig und gibt sie mir zu rauchen. Dabei klopft er mit der flachen Hand auf seine Brust, tut dabei so, als ob er husten würde, und macht mit der anderen Hand kreisende Bewegungen um seinen Kopf, um mir klar zu machen, dass sein Tabak stärker ist, als meiner. Das wundert mich nicht, denn ich rauche lieber leichte Tabake und gehe stärkeren nach Möglichkeit aus dem Weg. Geht aber nicht in so einer Situation! Also rauche ich eine von seinen und muss mich wirklich beherrschen, dass ich nach ein paar Zügen nicht das Husten anfange.
Während des Rauchens unterhalten wir uns über Christianes und meine Reise durch die Türkei und wo es noch hingehen soll. Wir zählen ihm Troja und einige andere Orte auf, die uns gerade einfallen. Während dessen macht der Reisebürobesitzer die nächste Zigarette fertig und legt sie mir hin mit dem Kommentar, dass die für Troja ist und ich sie rauchen muss, wenn ich dort bin, und dabei an ihn denken. Ich bin mäßig begeistert, lasse es mir aber nicht anmerken und erzähle weiter.
Während dessen macht er die nächste fertig, legt sie mir ebenfalls hin und erklärt, diese sei für Izmir. Oh Gott denke ich, wir hätten nicht so viele Orte aufzählen sollen! Und er macht dann auch munter weiter. Am Ende habe ich fünf Zigaretten vor mir liegen, die ich unterwegs alle rauchen muss. Vielleicht gewöhne ich mir das Rauchen dann ja ab! Aber jedenfalls werde ich mich auch immer freuen, wenn ich an den Reisebürobesitzer zurückdenke.

Raucher

Im Übrigen haben wir zu den beiden Tees, die wir bestellt und bezahlt hatten, im Laufe der Zeit noch weitere vier hinzugeschenkt bekommen. Soviel zur türkischen Gastfreundschaft. Da können wir Deutsche uns mal ein Beispiel daran nehmen!

Vielen ist es nicht bekannt, aber die Türkei hat eine unglaublich bewegte Kulturgeschichte, und es sind in der ganzen Türkei unzählige Monumente verschiedenster Kulturen erhalten, die davon Zeugen. In deutschen Ohren hat Troja wohl den schillerndsten Namen unter den hiesigen antiken Stätten. Schließlich war es der deutsche Kaufmann Heinrich Schliemann, der seine Lebensaufgabe und seine Finanzen der Entdeckung und Ausgrabung Trojas widmete. Schliemanns archäologische Methoden unterschieden sich jedoch kaum von Grabräuberei. Unter Schliemanns Regie entbehrten die Ausgrabungen jeglicher Systematik, und so wurde Troja weitgehend zerstört. Die Funde wurden nach Berlin entführt. Erst Schliemanns Nachfolger entwickelten nach und nach systematischere, archäologische Methoden und retteten somit das, was von Troja heute noch übrig geblieben ist. Außerdem legten sie damit den methodischen Grundstein heutiger, moderner Archäologie.

Troja

Troja

Troja

Troja

Troja

Obwohl Rauchen in Troja verboten ist, habe ich übrigens natürlich die Zigarette vom Reisebürobesitzer mit hineingeschmuggelt und heimlich geraucht. In so einem Fall muss man ja mal eine Ausnahme machen. Für den Tag hatte ich danach vom Rauchen allerdings genug!

Raucher

Istanbul

Nach stundenlangem Straßenkampf unter annähernd anarchistischen Bedingungen erreichen wir einen von zwei noch übrig gebliebenen Campingplätzen in Istanbul. Wenn man auf den rechtsfreien Raum auf den Straßen von Istanbul vorbereitet ist, kommt man mit dem Verkehr gut klar, aber nicht, wenn man neu in der Stadt ist und noch den Verkehrsregeln Beachtung schenkt. Verkehrsregeln gelten nicht in türkischen Großstädten! Hier gilt das Recht des Entschlosseneren. Soll heißen, wenn man beispielsweise die Spur wechseln will, zieht man einfach rüber, egal ob einer kommt oder nicht.
Wir hatten den Campingplatz schon im Vorbeifahren gesehen. Allerdings gab es keine Möglichkeit mehr, von der beidseitig vierspurigen Hauptverkehrsader, die in das Herz Istanbuls führt, abzufahren. Stattliche anderthalb Stunden und viele Nerven kostete es uns, um wieder an die richtige Abfahrt zurückzukommen.
Wir passieren die Einfahrt des Campingplatzes und landen auf einem kleinen, gewöhnlichen Parkplatz. Keine Spur von Campingplatz weit und breit, aber es stehen vier Wohnmobile dort, umringt von parkenden Autos. Ich steige aus und laufe hinüber zu einem alten Mercedes-Bus mit der Aufschrift „Salzburg-India-Tour 2007“. Ich erkundige mich, wo es hier zum Campingplatz geht und erhalte von einer freundlichen Österreicherin die Auskunft, dass wir uns mitten auf selbigem befinden.
Nun gut, dann ist das hier wohl tatsächlich der Campingplatz. Wir stellen uns neben die Salzburger an eine Mauer. Auf der anderen Seite der Mauer ist eine Privatuniversität. Ständig fahren Autos über den Parkplatz zur selbigen und anders herum wieder heraus. Auf der gegenüberliegenden Seite ist eine Fußballhalle mit drei Plätzen, auf denen leidenschaftlich gekickt wird. Und ein Stück weiter davor ist eine Kartbahn, auf der sich die Hobbypiloten heiße Rennen liefern. Als Toiletten und Duschen sind diejenigen mitzubenutzen, die zur Fußballhalle beziehungsweise Kartbahn gehören. Und wie man sich vorstellen kann, sind sie reichlich heruntergekommen und verdreckt. Na prima, das kann ja heiter werden.
Aber zumindest ist der rund um die Uhr bewachte Campingplatz bei fünfzehn Euro pro Tag für zwei Personen mit Fahrzeug verhältnismäßig günstig, und der andere Campingplatz soll noch schlimmer sein. Außerdem ist es nur ein kurzer Fußweg bis zur Metro. Und wir freunden uns gleich am ersten Abend mit den beiden Salzburgern Eva und Harry an, die seit vielen Jahren über Winter nach Indien fahren, mit Kleidern für die Kinder eines Waisenhauses im Gepäck. Sie lieben das Land über alles und wecken auch in uns die Sehnsucht, Indien endlich kennen zu lernen.

Istanbul

Da wir ohnehin unentschlossen sind, ob wir Afrika oder Asien zuerst bereisen sollen, erkundigen wir uns am folgenden Tag nach den erforderlichen Visa, um nach Indien zu gelangen. Wegen des Ramadan werden für die nächsten gut zwei Wochen jedoch nicht alle Visa zu bekommen sein.
Wir sind hin und her gerissen, entscheiden uns aber, Afrika dann doch vorzuziehen. Das vorerst notwendige Visum für Syrien erhalten wir innerhalb weniger Stunden, nachdem wir uns zuvor ein Empfehlungsschreiben des Deutschen Konsulats in Istanbul besorgt haben. Das hätte man uns beinahe nicht ausgestellt, da man offiziell keine Empfehlungsschreiben mehr herausgibt. Glücklicherweise hatte ich am Tag zuvor jedoch beim Sekretariat des Vizekonsuls angerufen und eine mündliche Zusage erhalten.
Mit dem syrischen Visum in der Tasche kommen wir schon einmal bis Ägypten, denn das jordanische Visum gibt es problemlos an der Grenze. In Kairo sollen dann alle weiteren notwendigen Visa erhältlich sein, um bis nach Südafrika zu kommen. Außer den sudanesischen und äthiopischen Visa bekommt man alle übrigen an der jeweiligen Landesgrenze.

Kommen wir zum Eigentlichen: Istanbul. Die Stadt liegt zu beiden Seiten des Bosporus auf der Landzunge zwischen Schwarzem Meer und Marmarameer, das seinerseits eine Art Nebenbecken des Mittelmeers ist. Der Bosporus ist die natürliche Verbindung der beiden Meere und bildet die Grenze zwischen Europa und Asien. Die Kulturen beider Kontinente mischen sich hier wie an keinem anderen Ort. Wie könnte man die Stadt am besten mit wenigen Attributen beschreiben? Quirlig, multikulturell, traditionell und modern – sehenswert! Die Lebendigkeit dieser Stadt und die einzigartige Mischung fernöstlicher und westlicher Kultur lassen sie jeden Besucher unweigerlich in ihren Bann ziehen. Von Istanbuls Pflichtprogramm sehen wir uns die Blaue Moschee, die Hagia Sophia, den große Basar und den Gewürzbasar an. Ansonsten bewegen wir uns kreuz und quer durch die ganze Stadt.

Die Blaue Moschee verdankt ihren Namen den blauen Mosaiken, die ihr Inneres zieren. Auch bei ihrem Äußeren gibt es eine Besonderheit: Die Blaue Moschee hat sechs Türme beziehungsweise Minarette. Im Allgemeinen haben Moscheen nur ein Minarett und nur selten zwei oder vier. Allerdings bekommt man die sechs Minarette der Blauen Moschee vom Erdboden aus nicht alle ins Bild. Deshalb braucht ihr auf den folgenden Bildern nicht nachzuzählen. Und nach den blauen Mosaiken müsst Ihr auch nicht suchen, denn sie liegen sehr schattig, und man kann sie nur mit Blitz vernünftig fotografieren. Einige machen das, aber aus Respekt vor den Betenden verzichten wir darauf. Wir finden die Fenster und Kuppeln der Blauen Moschee ohnehin beeindruckender.

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Die Hagia Sophia besichtigen wir nur von außen. Sie steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur Blauen Moschee und hebt sich durch ihre rötliche Farbgebung von anderen Moscheen ab. Sie ist von einem kleinen Park umgeben, den die Menschen als Ruheoase nutzen.

Istanbul

Istanbuls Großer Basar ist der größte überdachte Basar der Welt. Der Basar gleicht einer Stadt in der Stadt, die alles für den täglichen Bedarf bietet. Leicht kann man sich hier in den unzähligen, verwinkelten Gängen verlaufen. Da wir in unserem Sprinter ohnehin keinen Platz haben, beschränken wir uns auf ein paar Tassen türkischen Cais, dass heißt herb-aromatischen schwarzen Tees, der das türkische Nationalgetränk ist (Nein, es ist nicht Ayran!), und auf die Nutzung eines offenen Funknetzes zum Lesen unserer E-Mails. Ja, auch die orientalischen Märkte gehen mit der Zeit.

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Der Gewürzbasar bietet, man kann es raten, Gewürze verschiedenster Art und in buntesten Farben. Eine noch größere Versuchung sind allerdings die Berge süßer Leckereien wie türkischer Nougat in allen möglichen Variationen. Wir können nicht widerstehen und decken uns mit einem reichlichen Vorrat davon ein.

Istanbul

Doch die Stadt hat noch viel mehr zu bieten als die ausgewiesenen Sehenswürdigkeiten. Die Angler auf der Galatabrücke und das Handwerkerviertel beispielsweise.

Angeln ist in der Türkei so eine Art Volkssport. Hunderte von Anglern stehen auf und in der Nähe der Galatabrücke, die das Goldene Horn überspannt.

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Besorgungen in Istanbul funktionieren anders, als man es bei uns kennt. Zunächst einmal plant man in Istanbul maximal zwei Dinge pro Tag ein, die man zu erledigen hat, weil die Stadt so riesig ist und es trotz Metro auch schon mal drei Stunden dauern kann, bis man vom einen Ende der Stadt in irgendeinen Winkel des anderen gelangt ist. Außerdem bekommt man in Istanbul zwar grundsätzlich alles, aber außer Lebensmitteln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs sind viele Arten von Geschäften stadtviertelweise konzentriert. So zum Beispiel muss man in das Handwerkerviertel gehen, wenn man irgendwelches Werkzeug braucht. Dort aber gibt es dann alles im Überfluss.

Istanbul

Istanbul

Apotheken gibt es natürlich in der ganzen Stadt. Viele von ihnen entsprechen westlichem Standard und bieten die ganze Bandbreite von Medikamenten, aber zu beinahe paradiesisch günstigen Preisen. Hier kann der Reisende richtig Geld sparen. Man muss lediglich die Wirkstoffe der gesuchten Medikamente kennen, denn die vertrauten Medikamentennamen und -hersteller sucht man oft vergeblich. Außerdem sind die Beipackzettel meist nur in türkischer Sprache verfasst, weshalb man sich vom Apotheker genau beraten lassen sollte, wenn man die Dosierungen und Nebenwirkungen nicht kennt. Wir jedenfalls komplettieren unsere Reiseapotheke mit allem, was wir nicht für so vordringlich hielten, dass wir es schon in Deutschland hätten besorgen müssen.

Kommen wir zu guter letzt noch zu den Schuhputzern. Auch sie verleihen dem Stadtbild ihre Prägung, und ich gehe einem Schlitzohr unter ihnen auf den Leim. Als Vielreisender lernt man ja nach und nach alle möglichen Tricks der Touriabzocke kennen, indem man auf sie hereinfällt. Doch man ist nicht davor gefeit, dass es einen ab und zu doch wieder erwischt.
Vor allem, wenn man gerade auf das Verschlingen eines Döners konzentriert ist. Wie ich so gerade in einen ihrer Artgenossen hinein beiße, kommt ein Schuhputzer vorbei und verliert vor unseren Füßen seine Bürste. Dressiert und höflich wie man ist, ruft man ihm hinterher und macht ihn darauf aufmerksam, dass er sein Handwerkszeug verloren hat, hebt es ihm sogar auf und reicht es ihm noch hin. Ein überglücklicher Schuhputzer strahlt übers ganze Gesicht und bedankt sich ausschweifend dafür, dass es noch so höfliche Menschen gibt und bietet an, jenem dafür die Schuhe zu putzen. Meine sehen ohnehin nicht mehr ganz so aus wie früher, als sie noch von Muttern geputzt wurden. Also lasse ich ihn seiner Berufung nachgehen, als mir dann endlich die Schuppen von den Augen fallen und mir in den Kopf schießt, dass er die Bürste natürlich nicht versehentlich verloren hat.
Aber er hat das Spiel gewonnen, und ich will ihm eine türkische Lira für seinen zweiminütigen Arbeitseinsatz geben. In Istanbul bekommt man für eine türkische Lira immerhin einen Döner. Der Schuhputzer ist sich prinzipiell auch nicht zu schade, Geld anzunehmen. Allerdings will er mir erzählen, dass eine türkische Lira „very very klein“ ist und nur soviel wie 5 Euro-Cent. (Tatsächlich sind es über 60 Cent.) Nach langwierigem Hin- und Herdiskutieren frage ich ihn, was denn seine Preisvorstellung sei. Fünf Euro hielte er für angemessen. Da platzt mir der Kragen, ich drücke ihm die Lira in die Hand und mache ihm klar, dass er sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen soll, bevor ich es mir anders überlege.
Ansonsten bleiben wir aber ziemlich unbehelligt in der Stadt. Wir werden nur gelegentlich von Verkäufern auf die übliche Art angesprochen („How are you?“, „Where are you from?“, „First time in Istanbul?“), die keinem anderen Zweck dient, als einen in ein Gespräch zu verwickeln, das sich dann sehr schnell zum Verkaufsgespräch entwickelt. Wenn man hierzulande klar sagt, dass man nicht interessiert ist, wird man in Ruhe gelassen und nicht weiter belästigt, wie das in anderen Ländern leider manchmal der Fall ist. Nein, vielmehr fühlen wir uns richtig wohl in der Stadt und unter ihren Bewohnern.