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Fazit Türkei und Einreise Syrien

Die Türkei ist ein großartiges Reiseland. Kulturhistorisches und Naturschönes gibt es in der Türkei in ungeahnter Fülle. Trotz ihrer geografischen Lage auf zwei kulturell völlig unterschiedlichen Kontinenten wirkt die Türkei nicht wie ein zweigeteiltes Land: Die Türkei ist ein orientalisches Land, sie ist aber auch ein viel europäischeres Land, als so mancher Europäer sich dies vorstellen wird. Die Kulturen verschmelzen in der multikulturellen Metropole Istanbul auf ganz natürliche Weise zu etwas Neuem. Besonders abends und an den Wochenenden sprudelt die Stadt nur so vor Leben.
Bei der übrigen Türkei muss man zwischen den Küstenregionen und dem Landesinneren unterscheiden. An den Küsten findet sich die ganze Palette von einsamen Sandstränden über gemäßigte Urlaubsgebiete bis hin zu Stränden, wie man sie in berüchtigten Ecken Mallorcas vorfindet. Mit anderen Worten: Für jeden Geschmack ist etwas dabei, und dazu kommen zahlreiche kulturelle und naturelle Sehenswürdigkeiten, die von den Küstenorten aus gut zu erreichen sind. Es ist immer eine Reise wert, hierher zu kommen und sich nicht nur auf einen reinen Strandurlaub einzustellen.
Weiter im Landesinneren kann sich dann mitunter jedoch auch schnell ein leichter Kulturschock einstellen. Die Zeit scheint hier in vielerlei Hinsicht vor 200 Jahren stehen geblieben zu sein. Die meisten Menschen sind einfache Bauern und leben zu einem beträchtlichen Teil noch in ärmlichen Lehmhütten. Es ist ein hartes Leben, wie man den vom Leben gezeichneten Gesichtern entnehmen kann, was kein Wunder ist bei der extremen Trockenheit und Kargheit des Landes, in dem kaum ein Baum wächst. Zudem ist das Bildungsniveau sehr niedrig. Doch die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, wie auch in der ganzen Türkei.
Wie oft sind wir mit einem Lächeln empfangen und mit Geschenken reichlich bedacht worden. Eine wunderschöne Sitte ist das türkische Nationalgetränk, der Chai, ein kräftiger schwarzer Tee, der mit viel Zucker zu jeder Gelegenheit getrunken und als Zeichen der Gastfreundschaft angeboten wird.
Schön waren auch die Begegnungen an den vielen Tankstellen, die wir im Laufe der drei Wochen in diesem Land ansteuerten. Mal gab es eine Flasche Zitronensprudel mit auf den Weg, mal ein paar Päckchen Waschmittel und feuchte Tücher, und selbst an Tankstellen, an denen wir nicht getankt hatten und trotzdem übernachten durften, versorgte man uns mit Chai, spendierte man uns eine kostenlose Wagenwäsche oder einfach nur ein herzerfrischendes Lächeln.
Die schönste Begebenheit in dieser Hinsicht war, als am Ende des Ramadan eine türkische Familie am Strand von Olympos mit zwei großen Stücken „Festival Cake“ auf uns zukam und sie uns feierlich überreichte – einfach so!

„Das Land öffnet sich mehr und mehr für den internationalen Tourismus. Allerdings sollten derzeit die Erwartungen an eine für Touristen erforderliche Infrastruktur noch nicht zu hoch gesteckt werden.“, so steht es in den Informationen des Auswärtigen Amts zu Syrien. Da sind wir doch mal gespannt.
Zunächst mussten wir uns in Istanbul ja erst einmal Visa beschaffen, was nicht gerade für eine Offenheit Syriens gegenüber Touristen spricht. In Jordanien beispielsweise bekommt man das Visum mittlerweile schon an der Grenze. Andererseits bekommt man für Saudi-Arabien praktisch gar kein Visum: Man erhält maximal ein Drei-Tage-Transitvisum, und das aber auch nur, wenn man eine Einladung in das Land vorzuweisen hat, die wiederum man eigentlich nur bekommt, wenn man dort geschäftlich mit einem inländischen Unternehmen zu tun hat. So gesehen wäre es noch vergleichsweise leicht gewesen, ein Visum für Syrien zu bekommen, wenn da nicht der Haken wäre, dass Syrien zusätzlich zum Antrag ein Empfehlungsschreiben verlangt. Dieses Empfehlungsschreiben, das eine deutsche Botschaft oder ein deutsches Konsulat ausstellen muss, erhält man offiziell gar nicht mehr.
Als wir beim Deutschen Konsulat in Istanbul vorsprachen, wollte man uns mit der klaren Aussage wieder fortschicken, dass diese Empfehlungsschreiben nicht mehr ausgestellt würden. Gut, dass ich zuvor beim Konsulat angerufen und anscheinend einen guten Eindruck gemacht hatte, denn die freundliche und hilfsbereite Konsulatsangestellte am anderen Ende der Leitung hatte mir zugesichert, wir würden die Empfehlungsschreiben bekommen, wenn wir den Nachweis erbrächten, dass wir uns von Stuttgart offiziell abgemeldet haben.
Allerdings hatten wir nicht damit gerechnet, dass wir die Abmeldebescheinigung jemals brauchen würden. Was hatten wir nicht alles an Dokumenten eingesteckt, kopiert, gescannt, deponiert und sonst wo hin redundant gespeichert. Aber an unsere Abmeldebescheinigungen hatten wir nicht gedacht. Doch wir konnten von Glück sagen, dass die auf einmal so wichtigen Abmeldebescheinigungen von meinen Eltern schnell gefunden und zugefaxt waren. Auch diese Hürde war also genommen, und der zunächst abweisende, sich dann aber als sehr freundlich und hilfsbereit herausstellende Beamte des Deutschen Konsulats legte uns die durchaus existierenden Formulare zur Beantragung der Empfehlungsschreiben vor.
Wenig später hielten wir tatsächlich die begehrten Empfehlungsschreiben in der Hand, mit denen wir erneut beim Syrischen Konsulat vorstellig wurden. Dort gaben wir unsere Anträge nebst je zweier Passfotos ab. Die westlich gekleidete, junge Dame, die alles entgegen nahm, lachte sich erst einmal schlapp, als sie das Passfoto von Christiane mit Kopftuch sah und zeigte es bei ihren ebenfalls nicht Kopftuch tragenden Kolleginnen herum. Und drei Stunden später hielten wir dann endlich unsere Visa für einen fünfzehntägigen Syrienaufenthalt in der Hand.
Eigentlich hatten wir Visa für vier Wochen beantragt, aber die sollen wir ohnehin nicht brauchen, wie sich nun am syrischen Grenzübergang herausstellt. Zunächst können wir aber erst einmal von Glück sagen, dass wir nicht gleich an der Passkontrolle auf dem heruntergekommenen und unübersichtlichen Grenzgelände scheitern. Nicht etwa wegen eines israelischen Stempels in unseren Pässen, der ein absolutes „No Go“ wäre, sondern weil wir eine Adresse im Land benötigen, über die wir zu erreichen sind. Da wir campen wollen, verweisen wir schließlich auf die Deutsche Botschaft in Damaskus. Die englische Übersetzung „German Embassy“ kann oder will der noch recht junge, hagere Beamte mit dünnem Schnurrbärtchen aber nicht verstehen. Als ein drängelnder Araber seinen Pass mit einem Geldschein darin an mir vorbei reicht, werden mir die Verständnisprobleme schlagartig klar. Allerdings hält der korrupte Beamte unsere Pässe schon in der Hand. Also kann ich kaum noch dezent einen Geldschein hineinlegen, und den Schein einfach offensichtlich hinüber zu reichen, rede ich mir auch aus. Obwohl der feiste Chef des Angestellten, der im Hintergrund herumläuft und seine Autorität zur Schau trägt, im selben Moment in seine Hosentasche greift, ein Geldbündel so dick wie zwei Zigarettenschachteln, herausholt und beginnt, durchzuzählen.
Ich gehe zurück zum Wagen und schreibe aus unseren Informationen des Auswärtigen Amts die Adresse der Deutschen Botschaft in Damaskus ab und werde erneut am Schalter vorstellig. Die Adresse scheint eine Postfachadresse zu sein und sieht mehr nach einer Telefonnummer aus. Prompt fragt mich der Beamte, was das denn sein soll. „Die Adresse!“, beharre ich. Glücklicherweise kommt mir in diesem Moment ein Busfahrer zur Hilfe, der bestätigt, dass es sich um eine ganz normale Adresse und nicht um eine Telefonnummer handelt. Da das Ganze nun wohl schon seit einer viertel Stunde hin und her geht, vergeht dem Beamten dann wohl auch die Lust, und er beginnt endlich unsere Einreiseformalien weiter zu bearbeiten. Noch einmal Probleme gibt es, als er unsere Berufe wissen will. Schlecht vorbereitet antworte ich „IT-Consultant“ und erkläre sodann, dass das „IT“ für „Information Technology“ stehe. Dass er damit genauso wenig anfangen kann, hätte ich mir natürlich denken können. Doch dann kommt mir der rettende Einfall, und ich gebe als meinen Beruf „Computer“ an. Das schluckt er dann endlich.
Doch damit ist die Einreise noch lange nicht durch. Als nächstes müssen wir beim Zoll vorstellig werden. Da sitzen zwei Typen wie Patt und Patterchon, beide kräftig gebaut, der eine vermutlich ein Frauenschwarm, mit klaren, braun-grünen Augen und schelmischem Gesichtsausdruck, und der Andere das genaue Gegenteil mit Eierkopf und Mönchsfrisur, aber ebenfalls mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. Hoffentlich wird das jetzt nicht allzu teuer, denke ich schon, und dann kommt auch prompt die unheilvolle Frage: „Diesel?“ Oh, oh, ich soll rüber zur Bank.
Ein Fettsack mit glasbausteindicken Gläsern in einem Hornbrillengestell und einem dicken Bündel Hundertdollarscheine in der Hand will mir zweihundertfünfzig Dollar abknöpfen. Ich schlucke schwer, als ob ich der Fettsack wäre und den ganzen Tag hier sitzen müsste. Fünfzig Dollar für die Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung, weil Syrien die Grüne Versicherungskarte nicht akzeptiert, und zweihundert Dollar Dieselsteuer für zwei Wochen. Liebes Auswärtiges Amt, wären diese Summen nicht einmal eine Erwähnung wert in euren Informationen? Glücklicherweise kommt mir der Gedanke, dass es bei einem nur einwöchigen Aufenthalt vielleicht billiger werden könnte. An der stattlichen Versicherungssumme ändert sich damit zwar nichts. Aber zumindest halbiert sich tatsächlich die Dieselsteuer.
Gut, bleiben wir in eurem Land eben nur eine Woche und geben weniger Geld aus. Allerdings muss man dazu sagen, dass ein Liter Diesel in Syrien den lächerlichen Betrag von umgerechnet zehn Cent kostet. Ein Liter Milch kostet demgegenüber sage und schreibe das Fünffache. Auf diesem Weg holt sich der Staat von den motorisierten Touristen, was diese sonst gegenüber den heimischen Spritpreisen sparen würden. Andererseits ist Syrien ein kleines Land, und wenn man in einer Woche die Strecke zurücklegt und das vertankt, was man sonst in zwei, drei oder vier Wochen zurücklegen beziehungsweise vertanken würde, dann ist das Resultat lediglich, dass die Touristen in Syrien weniger für Verpflegung und Unterkunft ausgeben.
Hundertfünfzig Dollar leichter gehe ich also zu Patt und Patterchon zurück und lege die Belege vor. Während sie die Dokumente bearbeiten fangen sie eine Diskussion über Fußball mit mir an. „Bayern Munich“ ist ihr Lieblingsverein. Mir ist zwar nicht nach einer Diskussion über Fußball, aber ich habe auch das Gefühl, dass es unklug wäre, nicht auf das Spielchen einzugehen. Spitzenverein sage ich, aber da Christiane und ich zuletzt bekanntlich in Stuttgart gelebt haben, bringe ich natürlich den aktuellen Deutschen Meister Stuttgart ins Spiel. Auch wenn es mir selbst egal wäre, wenn Stuttgart in der Amateurliga spielen würde. „Yes, Stuttgart, German football champion!“ wiederholen sie anerkennend und tuscheln noch ein wenig in Arabisch. Dann verlangen sie zwei Dollar Gebühr für den Stempel unter das Carnet de Passages, ein Zolldokument, das in vielen Ländern Asiens und Afrikas bei der Ein- und Ausreise abgestempelt werden muss. Mit dem Carnet de Passages sollen Autoschiebereien unterbunden werden. Wenn ein eingeführtes Fahrzeug nicht nachweislich wieder ausgeführt wird, gilt es als im jeweiligen Land verhökert, und es werden in der Regel horrende Zollgebühren, oft bis zur Höhe des geschätzten Fahrzeugwertes, erhoben, für die beim Automobilclub des Heimatlandes eine stattliche Kautionssumme hinterlegt werden muss.
Habe ich es mir doch gedacht! Aber zwei Dollar scheinen mir zu günstig, als dass ich eine Diskussion anzetteln würde. Also überreiche ich sie bereitwillig und bin erleichtert.
Die anschließende Zollkontrolle ist auch nicht weiter nennenswert, und nach zwei Stunden sind wir endlich in Syrien!

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Nemrut Dağı ist ein 2.150 Meter hoher Berg im Osten der Türkei und gehört zum Weltkulturerbe, denn der Berg ist gleichzeitig eine Kult- und Grabstätte. Die Stätte wurde im ersten Jahrhundert vor Christus von König Antiochos I. von Kommagene errichtet als Zeichen seines Vertrags mit den Göttern. Sie beeindruckt durch gut erhaltene, mannshohe Köpfe zerbrochener Statuen und andere in Stein gehauene Monumente. Sie liegen verteilt auf zwei von ehemals drei Terrassen, die um einen etwa 30 Meter hohen, aus faustgroßen Steinen aufgehäuften Grabhügel, angeordnet sind. Von hier hat man einen fantastischen Ausblick auf das umgebende Bergpanorama und den weit zerklüfteten Atatürksee. Allerdings ist es zu dieser Jahres- und Tageszeit hier oben auch arschkalt.

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Atatürksee

Weltkulturerbe Göreme

Das Weltkulturerbe Göreme ist eine Tuffsteinlandschaft vulkanischen Ursprungs in Kappadokien. Vor über 1.000 Jahren höhlten die Bewohner der Region die charakteristischen Felstürme aus, die sich über Jahrmillionen durch Erosion aus dem mürben Fels gebildet haben. Sie gruben mehrere Stockwerke hohe und tiefe Wohnhöhlen, um sich vor Überfällen der Muslime zu schützen. Im entstandenen, unterirdischen Labyrinth, das bis über 80 Meter tief in die Erde reicht, finden sich mitunter ganze Kirchen. Die Landschaft an der Erdoberfläche erinnert an einen Schweizer Käse.

Am Morgen ist der Himmel von Göreme voll von Heißluftballons, in denen Touristen über die atemberaubende Landschaft gefahren werden. Wir genießen die spektakuläre Aussicht von einem erhöhten Punkt am Rande des Areals aus, an dem wir in der Nacht zuvor gecampt haben.

Weltkulturerbe Göreme

Weltkulturerbe Göreme

Weltkulturerbe Göreme

Anatolien

Auf dem Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit Göreme geht es hinauf zur Hochebene von Anatolien. Inzwischen sind wir die ersten 10.000 Kilometer gefahren, und die Türkei zeigt hier ein völlig anderes Gesicht, landschaftlich wie kulturell. Eine endlos weite, einsame und karge Ebene, die von Landwirtschaft geprägt ist, erstreckt sich nach allen Seiten. Die Felder sind abgeerntet, die Äcker bestellt. An sich trostlos, aber im herbstlichen Licht bieten sich faszinierende Farbenspiele, und über unseren Köpfen kreisen riesige Vogelschwärme, die sich für die Abreise zu ihren Winterquartieren sammeln.

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Die Menschen hier sind Bauern, in den westlichen Ausläufern Anatoliens Obstbauern, und in den zentralen Regionen Ackerbauern. Sie leben großenteils noch in einfachen Lehmhütten. Sie sind zurückhaltend, aber freundlich und hilfsbereit, wenn wir nach dem Weg fragen. Viele von ihnen haben jahrelang in Deutschland gelebt und mussten später in ihre Heimat zurückkehren, als ihre Asylanträge nach schier endlosem Hin und Her abgelehnt wurden. Manch einer von ihnen war zehn Jahre und länger in Deutschland, bevor er abgewiesen wurde, und kann sich selbst nach so langer Zeit trotzdem kaum in Deutsch verständigen. Sie sind Zeugen einer Einwanderungs- und Integrationspolitik, die auf ganzer Linie versagt hat.

Anatolien

Anatolien

Bevor wir nach Göreme fahren, machen wir einen Schlenker zu einem großen Salzsee im Herzen der Türkei und Anatoliens: dem Tuz Gölü. Der Tuz Gölü ist einer der salzhaltigsten Seen der Erde und mit 1.500 Quadratkilometern Fläche der zweitgrößte Binnensee der Türkei. Er ist 100 Kilometer lang, 50 Kilometer breit und nur 2 Meter tief. Gespeist wird der zu- und abflusslose Tuz Gölü von Niederschlägen und Grundwasser.

Am Vorabend haben wir vergeblich versucht, direkt an den Tuz Gölü zu gelangen. Die einzige Straße, die zum Tuz Gölü hinzuführen schien, endete vor einer Absperrung.
Eine weitere Abzweigung führte uns in ein kleines anatolisches Bauerndorf mit vielleicht einem Dutzend Häusern. Keine gute Idee, hier bei Dunkelheit hinein zu fahren. Das Dorf schien wie ausgestorben, die Menschen waren in ihren Häusern und saßen wohl beim Essen zusammen. Nur zwei große Hunde wurden auf uns aufmerksam und fingen an, wie verrückt und rasend vor Wut zu bellen. Wir kehrten um und sahen zu, dass wir wieder zur Hauptstraße kamen. Wie im Blutrausch hetzten die Hunde noch eine ganze Weile neben unserem Wagen her und versuchten, vor ihn zu springen und uns zum Anhalten zu zwingen. Ich musste kräftig Gas geben. Erst bei 50 Stundenkilometern schafften wir es langsam, sie abzuhängen. Wie Verbrecher kamen wir uns vor.
Wir sind dann noch ein Stück die Hauptstraße weiter entlang gefahren, bis wir schließlich eine Tankstelle gefunden hatten, an der wir übernachten konnten.

Am Morgen unternehmen wir einen weiteren Anlauf, um an den See zu gelangen. Diesmal wollen wir es auf mehr oder weniger direktem Weg über Feldwege versuchen, die von der Hauptstraße abführen. In der Nacht hat es leicht geregnet, aber die Feuchtigkeit scheint im ausgedörrten Boden verpufft zu sein. Wir schalten den Allrad ein und unternehmen einige Versuche, aber die Wege enden entweder irgendwo im Nichts oder an einzelnen Höfen, und wir wollen nicht schon wieder unangenehm auffallen.
Von einem Dorf aus wollen wir es ein letztes Mal versuchen. Irgendwo muss es doch einen Zugang zu diesem verdammten See geben. Wieder erwecken wir die Aufmerksamkeit von zwei frei herumlaufenden und ziemlich aggressiven Hunden, und wieder müssen wir kräftig Gas geben.
Wir kommen an einem einzelnen, etwas vom Dorf abgelegenen Haus vorbei. Ein Mann tritt heraus und scheint freundlich zu winken. Wir winken zurück und fahren weiter, bis unser Sprinter nach einigen hundert Metern in einer leichten Kurve plötzlich geradeaus geht und sich nicht mehr steuern lässt. Ich lenke ein, der Sprinter stellt sich quer, rutscht aber weiter geradeaus, ich lenke gegen, der Sprinter stellt sich in der anderen Richtung quer und rutscht immer noch weiter geradeaus. Im ersten Moment denke ich, jetzt hat sich die Lenkung verabschiedet, aber dann sehen wir, dass der Boden an dieser Stelle vom Regen der Nacht noch ganz matschig ist. Wir befinden uns in einer leichten Senke, in der sich das Wasser gesammelt und den Boden aufgeweicht hat.
Ich bekomme den Wagen mit nun nur noch leichten Lenkbewegungen wieder einigermaßen in den Griff und es geht weiter geradeaus. Aber in 50 Metern kommt eine 90-Grad-Kurve, und dort ist der Matsch ausgerechnet am tiefsten. Wenn wir stehen bleiben, befürchten wir, sinken wir ein. Was jetzt? Vor unserem geistigen Auge sehen wir uns schon reumütig zum Dorf zurück laufen und an den durchdrehenden Hunden vorbei einen Bauern suchen, der uns mit einem Traktor aus dem Matsch zieht. Bloß das nicht. Besonders der Teil mit den Hunden gefällt uns gar nicht, und wir wissen auch nicht, was wir von den Menschen hier zu erwarten haben, wenn wir bei den Tieren schon so unwillkommen sind. Aber es nützt nichts, wir müssen irgendwie versuchen, um diese Kurve herum zu kommen, danach zu drehen und dabei nicht stehen zu bleiben.
Wie zu erwarten war, geschieht aber kein Wunder, und in der Kurve ist Schluss mit dem Vorankommen. Ich steige aus und stehe im Matsch. Die Profile unserer Reifen sind komplett zugeschmiert mit dem lehmigen Matsch. Kein Wunder, dass es sich wie auf Glatteis fuhr. Allerdings ist die matschige Schicht nur wenige Zentimeter tief, und darunter befindet sich fester Untergrund. Der Sprinter ist nicht weiter eingesunken. Vielleicht schaffen wir es rückwärts wieder raus. Ich klemme mich wieder hinter das Lenkrad und versuche langsam anzufahren, was dann auch bei vorsichtigster Dosierung des Gaspedals tatsächlich gelingt. Nun langsam aber stetig zurück, dabei ja auf dem Weg und nicht stehen bleiben, denn neben dem Weg gibt es keinen festgefahrenen Untergrund unter der Schlammschicht, und da wir ja in eine Senke hinein gefahren sind, geht es zurück ganz leicht bergauf. Jeder Meter kommt mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Doch nach 250 endlosen Metern haben wir endlich wieder trockenen Untergrund unter den Rädern.
Der Bauer von vorhin kommt uns entgegen und bedeutet uns, dass es keine gute Idee war, in die Senke hinein zu fahren. Das hatte er uns vorhin also mit seiner Geste sagen wollen. Aber er ist überaus freundlich und zeigt uns mit seinem Wagen eine Abkürzung zurück zur Hauptstraße. Darüber sind wir sehr froh, denn das erspart uns, wieder an den Hunden vorbei zu müssen. Außerdem erklärt er uns, dass wir wieder dorthin zurück müssen, wo wir es am Vorabend schon einmal versucht hatten und vor einer Absperrung geendet waren.
Die Absperrung stellt sich bei Tageslicht als Zugang zum Betriebsgelände eines Salzwerks heraus, und das Salzwerk wiederum bietet weit und breit den einzigen Zugang zum See, sofern man sich nicht den weiten Weg um den See herum ans gegenüberliegende Ufer machen will.

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Soweit, so gut. Die Probleme der letzten beiden Tage sollten für die nächste Zeit gereicht haben, und nun haben wir ja endlich auch den Salzsee gesehen. Also fahren wir weiter Richtung Göreme. Doch noch auf dem Weg dorthin holt uns in gewisser Weise unser Hupenproblem wieder ein. Doch das wird sich erst später herausstellen.
Als wir zwischendurch an einem Geldautomaten halten und den Sprinter abstellen, vernehmen wir plötzlich ein lautes Vibrieren, das wir zunächst nicht lokalisieren können. Es könnte auch von draußen kommen. Also fahren wir weiter. Doch beim nächsten Halt hören wir das Vibrieren wieder. Muss wohl doch etwas am Sprinter sein. Es stellt sich heraus, dass das Vibrieren aus dem Elektrikkasten unter dem Fahrersitz kommt. Eines der Relais vibriert heftig. Was soll das denn?
Wir fahren an eine Tankstelle und erklären das Problem. Dort kann man uns zwar nicht weiterhelfen. Aber man weiß uns eine Boschwerkstatt zu nennen, die uns mit dem Elektrikproblem weiterhelfen kann. Diese finden wir dann auch und wollen unser Problem demonstrieren. Natürlich rührt sich jetzt nichts, aber ich beschreibe das Problem und verweise beharrlich auf das Relais. Ein fachkundiger Elektriker sieht sich das Relais an und stellt fest, dass ein weißes Kabel dorthin führt und es sich um eine Modifikation handeln muss. Alle werksseitig verbauten Kabel sind schwarz oder rot (für Plus und Minus).
Also erkläre ich sämtliche Umbauten elektrischer Natur, was bei uns allein schon wegen der Solaranlage nicht wenige sind. Außerdem fällt mir unsere zusätzliche Pressluftfanfare ein, die ich nach dem Wassereinbruch erfolglos zu reparieren versucht hatte. Sie stellt sich schließlich auch als das Corpus Delicti heraus. Ich beschreibe ausführlich die Funktionsweise der komplizierten Schaltung, denn wir haben oben beim Bett noch einen zusätzlichen Knopf, über den wir die Fanfare betätigen können, wenn sich jemand an unserem Wagen zu schaffen machen sollte, während wir darin schlafen. Die Fanfare geht dann ununterbrochen, bis man den Zündschlüssel ins Schloss steckt und auf Zündung dreht.
Nach zwei Stunden Tüfteln und Testen funktioniert dann unsere Fanfare endlich wieder. Was für ein schönes und lange nicht gehörtes Geräusch! Aber am Relais selbst war anscheinend nichts, oder vielleicht doch?
Alles selbst noch schnell getestet, für gut befunden, bezahlt und endlich nach Göreme. Auf dem dortigen Parkplatz suchen wir uns eine Ecke, stellen den Sprinter ab und machen den Motor aus. Und da ist es auf einmal wieder, das vertraute, weithin deutlich hörbare Geräusch unserer Fanfare – allerdings einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die Touristen ringsum verdrehen die Köpfe und rollen mit den Augen. Wie peinlich, was jetzt? Motor wieder angelassen, und Gott sei dank hört das Hupen auf. Aber lösen tut das unserer Problem natürlich nicht. Ist also doch auch etwas mit dem Relais.
Also zurück zur Werkstatt. Artig schrillt die Fanfare, als wir den Motor abstellen. Wenigstens das. Der Elektriker rauft sich beinahe die Haare und nimmt sich des Relais an. Er vertauscht zwei der Relais und meint, nun müsste es funktionieren. Für wie blöd hält der uns? Er hat wohl keine Lust mehr und möchte endlich Feierabend machen. Wenn tatsächlich etwas mit dem Relais ist, dann müssten wir nun ja an anderer Stelle ein Problem haben.
Nach langer Diskussion kaufen wir ein Ersatzrelais, damit wir uns nicht gleich das nächste Problem ins Haus holen. Aber auch mit dem Ersatzrelais tritt unserer Problem gleich wieder auf, als wir aus der Werkstatt herausfahren und am Straßenrand nochmals testweise den Motor abstellen. Es muss also doch noch etwas anderes ein. Widerwillig muss sich der Elektriker des Problems wieder annehmen, und nach langem Hin und Her findet er tatsächlich die Ursache. Das weiße Kabel war an einer versteckten Stelle von einer Werkstatt in Gingen bei Göppingen („direkt an der B10“) nicht sachgemäß verlötet worden. Im Laufe der Zeit hatte dies zu einem Wackelkontakt und der Fehlfunktion des Relais geführt. Aber immerhin funktioniert unsere Fanfare jetzt endlich wieder, und zwar wenn wir es wollen!

Anatolien

Und am Abend erreichen wir tatsächlich auch noch Göreme.

Ruinenstadt Olympos und Chimaira

Wir befinden uns an der türkischen Riviera, genauer gesagt an der Ostküste Lykiens. Hier findet sich versteckt in den Urwäldern einer kleinen Schlucht, die zur rund drei Kilometer langen Bucht von Çıralı hin ausläuft, die antike Ruinenstadt Olympos.

Da wir keine Lust haben, Eintritt zu zahlen, steigen wir vom Strand aus durch ein Loch im Bretterzaun vor einem inoffiziellen Nebeneingang. Schlagartig finden wir inmitten des Urwalds und der ersten Ruine wieder. Eine Zweimeterschlange spürt unser Auftreten und verkrümelt sich wenige Schritte vor uns ins dichte Gestrüpp. Wir kommen uns vor wie in einem Indiana-Jones-Film, irren und stolpern durch die menschenleeren Ruinen, bis wir auf einen offiziellen Pfad stoßen. Selbst hier treffen wir immer noch auf keine Menschen, da wir uns nach wie vor in einem sehr abgelegenen Teil der Ruinenstadt befinden. Und trotz der nun vorhandenen Beschilderung kommen wir immer wieder vom Weg ab, durch kaum berührte Bereiche, durch ein Flussbett, in dem sich Frösche sonnen, vorbei an einem Theater, einem römischen Bad und steinernen Sarkophagen.

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Ja, und zum Schluss werden wir auch noch mit einem traumhaften Ausblick über die wunderschöne, wenn auch nicht ganz einsame Bucht verwöhnt:

Olympos

Eigentlich wäre das für diesen Tag ja schon genug, aber es soll noch besser kommen, denn es steht ja noch die Chimaira auf dem Programm. Die Chimaira ist seit ewigen Zeiten brennendes Feuer, gespeist durch austretendes Ergas an den Hängen des Olymp. Ja, einen Berg solchen Namens gibt es hier auch, und wie die Türken sagen, gab es ihn hier schon, bevor die Griechen selbst ihren Olymp so benannten und das ewige Feuer zum Symbol der Olympischen Spiele machten. Die Griechen streiten das natürlich ab. Als Türke sollte man das Thema einem Griechen gegenüber besser nicht ansprechen! Wie dem auch sei, es ist ein wahrhaft mystischer Ort, und wir finden es außerordentlich praktisch, dass wir uns hier mal nicht um’s Feuermachen kümmern müssen!

Chimaira

Chimaira

Chimaira

Chimaira

Dünen von Patara

Wer die Dünen von Arcachon in Frankreich beeindruckend, aber touristisch zu überlaufen findet, wird die Dünen von Patara im türkischen Lykien lieben. Wir zweigen vom Weg an den Strand ab, fahren durch den winzigen Ort einen Hügel hinauf, durch ein kleines Wäldchen zurück in Richtung Küste, und landen an einem grandiosen Aussichtspunkt. Von diesem hochgelegenen Platz, auf dem wir in der Nacht auch campen werden, eröffnet sich ein atemberaubender Blick über eine weite Landschaft aus sanft geschwungenen Dünen in der wohl noch unberührtesten Bucht der türkischen Südküste.

Wenn in den achtziger Jahren nicht einige wildentschlossene Naturschützer für die Erhaltung dieses Gebietes wegen der dort ihre Eier ablegenden Meeresschildkröten gekämpft hätten, dann würden hier heute ein Hotel neben dem anderen stehen und die Dünen längst zerstört sein, wie es an vielen anderen Orten der türkischen Südküste geschehen ist. Und Schildkröten würde es hier natürlich auch nicht mehr geben.

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Felsbrocken

Düne

Sprinter

Sinterterrassen von Pamukkale

Die Sinterterrassen von Pamukkale sind für uns das erste der vielen Naturphänomene, die es in der Türkei zu bestaunen gibt. 35 Grad warmes, kalkhaltiges Wasser überströmt einen breiten Hang, kühl dabei ab und bildet durch die Kalkablagerungen poolartige Terrassen, und Wellenmuster wie das Meer im sandigen Untergrund. Das Sonnenlicht taucht den Hang in gleißendes, weißes Licht wie im Winter der Schnee.

Dass wir heute dieses Phänomen wieder in nahezu ursprünglicher Form bestaunen können, verdanken wir den einsichtigen Türken. Mit dem aufkommenden Tourismus waren am oberen Rand des Plateaus Hotels gebaut worden, die den Anblick verschandelten und den Terrassen das Wasser abgruben. Schmutz lagerte sich ab und verwandelte das Weiß der Terrassen in ein schmutziges Grau. Ende der neunziger Jahre setzte dann das Umdenken ein und die Hotels wurden radikal abgerissen. Heute erstrahlen die Terrassen wieder in ihrem alten Glanz.

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Pergamon

Der Name Pergamon ist uns geläufig durch das Pergamonmuseum in Berlin, in dem der namensgebende Pergamonaltar aufgebaut ist. Von der hoch auf einem Bergplateau gelegenen Akropolis stehen heute nur noch einige Säulen, und der gigantische Pergamonaltar befindet sich eben leider nicht dort. Daher beeindruckt uns mehr das riesige und in den steilen Hang gebaute Theater, das rund 10.000 Menschen Platz und einen schwindelerregenden Ausblick bot.

Pergamon

Begegnungen

Ein Stück hinter Troja haben wir am Strand übernachtet und am frühen Morgen eine weitere antike Ruinenstadt besichtigt. Auf dem kleinen Parkplatz sind wir die Einzigen, nutzen die Ruhe für ein Frühstück und sortieren die neuesten Fotos.
Währenddessen fährt ein Wohnmobil mit deutschem Kennzeichen auf den Parkplatz – das erste, das wir seit langer Zeit gesehen haben. Ein Ehepaar mittleren Alters steigt aus und geht die Ruinen besichtigen. Kurz darauf kommt der Mann an unseren Sprinter und verwickelt uns in ein Gespräch. Er fragt uns, ob wir wüssten, was für ein Baum das nebendran sei und klärt sogleich auf, dass es sich um eine Besonderheit der hiesigen Gegend, eine trojanische Eiche handele. Er wisse das, weil er viele Jahre lang Biologielehrer war – ein altes Leiden, alles bestimmen zu müssen.
Schön, denken wir, und unterhalten uns mit ihm und seiner inzwischen hinzugekommenen Frau über dieses und jenes. Mitten im Gespräch drückt er mir unvermittelt eine Bücherliste des WOMO-Verlags in die Hand mit dem Kommentar, hier gebe es mal etwas Anständiges zu lesen. Vor unserer Reise noch sagte uns der Verlag überhaupt nichts. Erst durch andere Womobilisten hatten wir nach und nach erfahren, dass die Wohnmobilreiseführer des Verlags als die besten Stellplatzführer für Europa gelten. Schön denke ich und erkläre knapp, dass wir so ein Ding bisher auch nicht gebraucht und trotzdem fast immer einen schönen Platz gefunden haben, und stecke die Liste weg.
Da kommt ein zweites Wohnmobil auf den Parkplatz gefahren. Ein deutsch-türkisch-italienisches Paar steigt aus und gesellt sich zu uns. Sie haben den Türkeiführer des WOMO-Verlags in der Hand und begrüßen die anderen beiden, die gerade im Gehen begriffen sind. Dabei fällt der Name Schulz, und ständig ist vom WOMO-Verlag die Rede. Schließlich stellt sich heraus, dass sie die Gründer des WOMO-Verlags sind – so klein kann die Welt sein!

Begegnungen

Begegnungen

Begegnungen

Begegnungen

Wir unterhalten uns noch eine Weile, bis wir uns dann einer nach dem anderen verabschieden und auf zu den nächsten Sehenswürdigkeiten machen. Da wir die gleiche Route haben, treffen wir uns nach und nach alle wieder und fahren bis mittags ein Stück in Kolonne. Als es Zeit zum Mittagessen ist, beschließen wir, gemeinsam zu essen und machen uns auf den Weg in ein kleines Hafenstädtchen. Dort essen wir fürstlich und erfahren unter anderem einige interessante Dinge über das Verleger- und Autorendasein.

Schließlich trennen sich unsere Wege dann wieder und wir fahren weiter auf unserer Route, während sich die anderen eine weitere antike Ruinenstadt ansehen. Abends finden wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang wieder ein schönes Plätzchen am Strand. Wir haben uns gerade in den Sand gesetzt und die ersten Schlücke aus der Bierdose genommen, da hören wir eine bekannte Stimme hinter uns – es ist die von Reinhard Schulz, und er hat seine Frau Waltraud und das deutsch/türkisch-italienische Paar mit den wohlklingenden Namen Perin, was übersetzt „Deine Fee“ heißt, und Mario im Schlepptau. Wieder einmal haben wir zufällig einen Stellplatz gefunden, der in den WOMO-Reiseführern beschrieben ist.

Gemeinsam verbringen wir einen unvergesslichen Abend. Perin ist Ärztin der Homöopathie, liebt ihren Beruf und singt leidenschaftlich türkische Lieder und Mantren. Sie hat eine wunderschöne, weiche Stimme. Mario ist ebenfalls Musiker und komponiert seine eigenen Stücke. Die beiden geben uns ein herzergreifendes Konzert, und wir sind voll und ganz gerührt. Diesen Abend werden wir nie vergessen!

Begegnungen

Begegnungen

Begegnungen

Am nächsten Morgen heißt es wieder einmal Abschied nehmen. Doch werden uns die Vier nicht gehen lassen, ohne uns etwas mit auf den Weg zu geben. Reinhard und Waltraud schenken uns eine signierte Ausgabe des WOMO-Reiseführers Türkei, verbunden mit der Einladung, dass wir bei ihnen zu Hause jederzeit herzlich willkommen sind und den hauseigenen, bestens ausgestatteten Wohnmobilstellplatz nutzen dürfen. Von Mario und Perin bekommen wir jeweils eine signierte CD überreicht mit den besten Wünschen für unsere Reise. Wir sind zutiefst gerührt und machen uns schweren Herzens wieder auf den Weg.

Begegnungen

Troja

Das sagenumwobene Troja bildet den Auftakt unserer Rundfahrt durch die zahllosen antiken Stätten der Türkei. Auf dem Weg dorthin halten wir in einem kleinen Ort, um einen türkischen Cai (schwarzen Tee) zu trinken, und damit ich eine Zigarette rauchen kann.
Ich lege meine Tabakdose auf den Tisch und drehe mir eine. Das weckt in fernöstlichen Ländern meist reges Interesse, weil man es dort nicht oder nur vom Rauchen illegaler Substanzen her kennt. So auch hier, denn der Wirt bittet mich, dass ich ihm auch eine drehe. Also drehe ich eine, und das ruft gleich den Nächsten auf den Plan. Also drehe ich auch ihm eine. Wenig später verschwindet er in seinem nebenan befindlichen Reisebüro und kommt mit einer Einkaufstüte voll mit Tabak und einer riesen Packung Zigarettenhülsen zurück. Er macht mir eine fertig und gibt sie mir zu rauchen. Dabei klopft er mit der flachen Hand auf seine Brust, tut dabei so, als ob er husten würde, und macht mit der anderen Hand kreisende Bewegungen um seinen Kopf, um mir klar zu machen, dass sein Tabak stärker ist, als meiner. Das wundert mich nicht, denn ich rauche lieber leichte Tabake und gehe stärkeren nach Möglichkeit aus dem Weg. Geht aber nicht in so einer Situation! Also rauche ich eine von seinen und muss mich wirklich beherrschen, dass ich nach ein paar Zügen nicht das Husten anfange.
Während des Rauchens unterhalten wir uns über Christianes und meine Reise durch die Türkei und wo es noch hingehen soll. Wir zählen ihm Troja und einige andere Orte auf, die uns gerade einfallen. Während dessen macht der Reisebürobesitzer die nächste Zigarette fertig und legt sie mir hin mit dem Kommentar, dass die für Troja ist und ich sie rauchen muss, wenn ich dort bin, und dabei an ihn denken. Ich bin mäßig begeistert, lasse es mir aber nicht anmerken und erzähle weiter.
Während dessen macht er die nächste fertig, legt sie mir ebenfalls hin und erklärt, diese sei für Izmir. Oh Gott denke ich, wir hätten nicht so viele Orte aufzählen sollen! Und er macht dann auch munter weiter. Am Ende habe ich fünf Zigaretten vor mir liegen, die ich unterwegs alle rauchen muss. Vielleicht gewöhne ich mir das Rauchen dann ja ab! Aber jedenfalls werde ich mich auch immer freuen, wenn ich an den Reisebürobesitzer zurückdenke.

Raucher

Im Übrigen haben wir zu den beiden Tees, die wir bestellt und bezahlt hatten, im Laufe der Zeit noch weitere vier hinzugeschenkt bekommen. Soviel zur türkischen Gastfreundschaft. Da können wir Deutsche uns mal ein Beispiel daran nehmen!

Vielen ist es nicht bekannt, aber die Türkei hat eine unglaublich bewegte Kulturgeschichte, und es sind in der ganzen Türkei unzählige Monumente verschiedenster Kulturen erhalten, die davon Zeugen. In deutschen Ohren hat Troja wohl den schillerndsten Namen unter den hiesigen antiken Stätten. Schließlich war es der deutsche Kaufmann Heinrich Schliemann, der seine Lebensaufgabe und seine Finanzen der Entdeckung und Ausgrabung Trojas widmete. Schliemanns archäologische Methoden unterschieden sich jedoch kaum von Grabräuberei. Unter Schliemanns Regie entbehrten die Ausgrabungen jeglicher Systematik, und so wurde Troja weitgehend zerstört. Die Funde wurden nach Berlin entführt. Erst Schliemanns Nachfolger entwickelten nach und nach systematischere, archäologische Methoden und retteten somit das, was von Troja heute noch übrig geblieben ist. Außerdem legten sie damit den methodischen Grundstein heutiger, moderner Archäologie.

Troja

Troja

Troja

Troja

Troja

Obwohl Rauchen in Troja verboten ist, habe ich übrigens natürlich die Zigarette vom Reisebürobesitzer mit hineingeschmuggelt und heimlich geraucht. In so einem Fall muss man ja mal eine Ausnahme machen. Für den Tag hatte ich danach vom Rauchen allerdings genug!

Raucher

Istanbul

Nach stundenlangem Straßenkampf unter annähernd anarchistischen Bedingungen erreichen wir einen von zwei noch übrig gebliebenen Campingplätzen in Istanbul. Wenn man auf den rechtsfreien Raum auf den Straßen von Istanbul vorbereitet ist, kommt man mit dem Verkehr gut klar, aber nicht, wenn man neu in der Stadt ist und noch den Verkehrsregeln Beachtung schenkt. Verkehrsregeln gelten nicht in türkischen Großstädten! Hier gilt das Recht des Entschlosseneren. Soll heißen, wenn man beispielsweise die Spur wechseln will, zieht man einfach rüber, egal ob einer kommt oder nicht.
Wir hatten den Campingplatz schon im Vorbeifahren gesehen. Allerdings gab es keine Möglichkeit mehr, von der beidseitig vierspurigen Hauptverkehrsader, die in das Herz Istanbuls führt, abzufahren. Stattliche anderthalb Stunden und viele Nerven kostete es uns, um wieder an die richtige Abfahrt zurückzukommen.
Wir passieren die Einfahrt des Campingplatzes und landen auf einem kleinen, gewöhnlichen Parkplatz. Keine Spur von Campingplatz weit und breit, aber es stehen vier Wohnmobile dort, umringt von parkenden Autos. Ich steige aus und laufe hinüber zu einem alten Mercedes-Bus mit der Aufschrift „Salzburg-India-Tour 2007“. Ich erkundige mich, wo es hier zum Campingplatz geht und erhalte von einer freundlichen Österreicherin die Auskunft, dass wir uns mitten auf selbigem befinden.
Nun gut, dann ist das hier wohl tatsächlich der Campingplatz. Wir stellen uns neben die Salzburger an eine Mauer. Auf der anderen Seite der Mauer ist eine Privatuniversität. Ständig fahren Autos über den Parkplatz zur selbigen und anders herum wieder heraus. Auf der gegenüberliegenden Seite ist eine Fußballhalle mit drei Plätzen, auf denen leidenschaftlich gekickt wird. Und ein Stück weiter davor ist eine Kartbahn, auf der sich die Hobbypiloten heiße Rennen liefern. Als Toiletten und Duschen sind diejenigen mitzubenutzen, die zur Fußballhalle beziehungsweise Kartbahn gehören. Und wie man sich vorstellen kann, sind sie reichlich heruntergekommen und verdreckt. Na prima, das kann ja heiter werden.
Aber zumindest ist der rund um die Uhr bewachte Campingplatz bei fünfzehn Euro pro Tag für zwei Personen mit Fahrzeug verhältnismäßig günstig, und der andere Campingplatz soll noch schlimmer sein. Außerdem ist es nur ein kurzer Fußweg bis zur Metro. Und wir freunden uns gleich am ersten Abend mit den beiden Salzburgern Eva und Harry an, die seit vielen Jahren über Winter nach Indien fahren, mit Kleidern für die Kinder eines Waisenhauses im Gepäck. Sie lieben das Land über alles und wecken auch in uns die Sehnsucht, Indien endlich kennen zu lernen.

Istanbul

Da wir ohnehin unentschlossen sind, ob wir Afrika oder Asien zuerst bereisen sollen, erkundigen wir uns am folgenden Tag nach den erforderlichen Visa, um nach Indien zu gelangen. Wegen des Ramadan werden für die nächsten gut zwei Wochen jedoch nicht alle Visa zu bekommen sein.
Wir sind hin und her gerissen, entscheiden uns aber, Afrika dann doch vorzuziehen. Das vorerst notwendige Visum für Syrien erhalten wir innerhalb weniger Stunden, nachdem wir uns zuvor ein Empfehlungsschreiben des Deutschen Konsulats in Istanbul besorgt haben. Das hätte man uns beinahe nicht ausgestellt, da man offiziell keine Empfehlungsschreiben mehr herausgibt. Glücklicherweise hatte ich am Tag zuvor jedoch beim Sekretariat des Vizekonsuls angerufen und eine mündliche Zusage erhalten.
Mit dem syrischen Visum in der Tasche kommen wir schon einmal bis Ägypten, denn das jordanische Visum gibt es problemlos an der Grenze. In Kairo sollen dann alle weiteren notwendigen Visa erhältlich sein, um bis nach Südafrika zu kommen. Außer den sudanesischen und äthiopischen Visa bekommt man alle übrigen an der jeweiligen Landesgrenze.

Kommen wir zum Eigentlichen: Istanbul. Die Stadt liegt zu beiden Seiten des Bosporus auf der Landzunge zwischen Schwarzem Meer und Marmarameer, das seinerseits eine Art Nebenbecken des Mittelmeers ist. Der Bosporus ist die natürliche Verbindung der beiden Meere und bildet die Grenze zwischen Europa und Asien. Die Kulturen beider Kontinente mischen sich hier wie an keinem anderen Ort. Wie könnte man die Stadt am besten mit wenigen Attributen beschreiben? Quirlig, multikulturell, traditionell und modern – sehenswert! Die Lebendigkeit dieser Stadt und die einzigartige Mischung fernöstlicher und westlicher Kultur lassen sie jeden Besucher unweigerlich in ihren Bann ziehen. Von Istanbuls Pflichtprogramm sehen wir uns die Blaue Moschee, die Hagia Sophia, den große Basar und den Gewürzbasar an. Ansonsten bewegen wir uns kreuz und quer durch die ganze Stadt.

Die Blaue Moschee verdankt ihren Namen den blauen Mosaiken, die ihr Inneres zieren. Auch bei ihrem Äußeren gibt es eine Besonderheit: Die Blaue Moschee hat sechs Türme beziehungsweise Minarette. Im Allgemeinen haben Moscheen nur ein Minarett und nur selten zwei oder vier. Allerdings bekommt man die sechs Minarette der Blauen Moschee vom Erdboden aus nicht alle ins Bild. Deshalb braucht ihr auf den folgenden Bildern nicht nachzuzählen. Und nach den blauen Mosaiken müsst Ihr auch nicht suchen, denn sie liegen sehr schattig, und man kann sie nur mit Blitz vernünftig fotografieren. Einige machen das, aber aus Respekt vor den Betenden verzichten wir darauf. Wir finden die Fenster und Kuppeln der Blauen Moschee ohnehin beeindruckender.

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Die Hagia Sophia besichtigen wir nur von außen. Sie steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur Blauen Moschee und hebt sich durch ihre rötliche Farbgebung von anderen Moscheen ab. Sie ist von einem kleinen Park umgeben, den die Menschen als Ruheoase nutzen.

Istanbul

Istanbuls Großer Basar ist der größte überdachte Basar der Welt. Der Basar gleicht einer Stadt in der Stadt, die alles für den täglichen Bedarf bietet. Leicht kann man sich hier in den unzähligen, verwinkelten Gängen verlaufen. Da wir in unserem Sprinter ohnehin keinen Platz haben, beschränken wir uns auf ein paar Tassen türkischen Cais, dass heißt herb-aromatischen schwarzen Tees, der das türkische Nationalgetränk ist (Nein, es ist nicht Ayran!), und auf die Nutzung eines offenen Funknetzes zum Lesen unserer E-Mails. Ja, auch die orientalischen Märkte gehen mit der Zeit.

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Der Gewürzbasar bietet, man kann es raten, Gewürze verschiedenster Art und in buntesten Farben. Eine noch größere Versuchung sind allerdings die Berge süßer Leckereien wie türkischer Nougat in allen möglichen Variationen. Wir können nicht widerstehen und decken uns mit einem reichlichen Vorrat davon ein.

Istanbul

Doch die Stadt hat noch viel mehr zu bieten als die ausgewiesenen Sehenswürdigkeiten. Die Angler auf der Galatabrücke und das Handwerkerviertel beispielsweise.

Angeln ist in der Türkei so eine Art Volkssport. Hunderte von Anglern stehen auf und in der Nähe der Galatabrücke, die das Goldene Horn überspannt.

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Besorgungen in Istanbul funktionieren anders, als man es bei uns kennt. Zunächst einmal plant man in Istanbul maximal zwei Dinge pro Tag ein, die man zu erledigen hat, weil die Stadt so riesig ist und es trotz Metro auch schon mal drei Stunden dauern kann, bis man vom einen Ende der Stadt in irgendeinen Winkel des anderen gelangt ist. Außerdem bekommt man in Istanbul zwar grundsätzlich alles, aber außer Lebensmitteln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs sind viele Arten von Geschäften stadtviertelweise konzentriert. So zum Beispiel muss man in das Handwerkerviertel gehen, wenn man irgendwelches Werkzeug braucht. Dort aber gibt es dann alles im Überfluss.

Istanbul

Istanbul

Apotheken gibt es natürlich in der ganzen Stadt. Viele von ihnen entsprechen westlichem Standard und bieten die ganze Bandbreite von Medikamenten, aber zu beinahe paradiesisch günstigen Preisen. Hier kann der Reisende richtig Geld sparen. Man muss lediglich die Wirkstoffe der gesuchten Medikamente kennen, denn die vertrauten Medikamentennamen und -hersteller sucht man oft vergeblich. Außerdem sind die Beipackzettel meist nur in türkischer Sprache verfasst, weshalb man sich vom Apotheker genau beraten lassen sollte, wenn man die Dosierungen und Nebenwirkungen nicht kennt. Wir jedenfalls komplettieren unsere Reiseapotheke mit allem, was wir nicht für so vordringlich hielten, dass wir es schon in Deutschland hätten besorgen müssen.

Kommen wir zu guter letzt noch zu den Schuhputzern. Auch sie verleihen dem Stadtbild ihre Prägung, und ich gehe einem Schlitzohr unter ihnen auf den Leim. Als Vielreisender lernt man ja nach und nach alle möglichen Tricks der Touriabzocke kennen, indem man auf sie hereinfällt. Doch man ist nicht davor gefeit, dass es einen ab und zu doch wieder erwischt.
Vor allem, wenn man gerade auf das Verschlingen eines Döners konzentriert ist. Wie ich so gerade in einen ihrer Artgenossen hinein beiße, kommt ein Schuhputzer vorbei und verliert vor unseren Füßen seine Bürste. Dressiert und höflich wie man ist, ruft man ihm hinterher und macht ihn darauf aufmerksam, dass er sein Handwerkszeug verloren hat, hebt es ihm sogar auf und reicht es ihm noch hin. Ein überglücklicher Schuhputzer strahlt übers ganze Gesicht und bedankt sich ausschweifend dafür, dass es noch so höfliche Menschen gibt und bietet an, jenem dafür die Schuhe zu putzen. Meine sehen ohnehin nicht mehr ganz so aus wie früher, als sie noch von Muttern geputzt wurden. Also lasse ich ihn seiner Berufung nachgehen, als mir dann endlich die Schuppen von den Augen fallen und mir in den Kopf schießt, dass er die Bürste natürlich nicht versehentlich verloren hat.
Aber er hat das Spiel gewonnen, und ich will ihm eine türkische Lira für seinen zweiminütigen Arbeitseinsatz geben. In Istanbul bekommt man für eine türkische Lira immerhin einen Döner. Der Schuhputzer ist sich prinzipiell auch nicht zu schade, Geld anzunehmen. Allerdings will er mir erzählen, dass eine türkische Lira „very very klein“ ist und nur soviel wie 5 Euro-Cent. (Tatsächlich sind es über 60 Cent.) Nach langwierigem Hin- und Herdiskutieren frage ich ihn, was denn seine Preisvorstellung sei. Fünf Euro hielte er für angemessen. Da platzt mir der Kragen, ich drücke ihm die Lira in die Hand und mache ihm klar, dass er sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen soll, bevor ich es mir anders überlege.
Ansonsten bleiben wir aber ziemlich unbehelligt in der Stadt. Wir werden nur gelegentlich von Verkäufern auf die übliche Art angesprochen („How are you?“, „Where are you from?“, „First time in Istanbul?“), die keinem anderen Zweck dient, als einen in ein Gespräch zu verwickeln, das sich dann sehr schnell zum Verkaufsgespräch entwickelt. Wenn man hierzulande klar sagt, dass man nicht interessiert ist, wird man in Ruhe gelassen und nicht weiter belästigt, wie das in anderen Ländern leider manchmal der Fall ist. Nein, vielmehr fühlen wir uns richtig wohl in der Stadt und unter ihren Bewohnern.

Fazit Griechenland

In den vergangenen gut drei Wochen haben wir Teile des Nordwestens und der Insel Peleponnes sowie einen großen Teil der nordöstlichen Küste von Griechenland gesehen. Auf einer der griechischen Inseln waren wir also nicht und können darüber auch kein Urteil fällen.
Der Nordwesten von Griechenland ist geprägt durch das sehr schöne Pindosgebirge. Die Vikosschlucht, die tiefste Schlucht der Erde ist atemberaubend, und eine ausgedehnte Wanderung hätte sich mit Sicherheit gelohnt, war uns aber nicht vergönnt.
Im Westen der Peleponnes gibt es noch natürliche Sandstrände, teilweise mit Dünenlandschaften wie an der Nordsee. Allerdings erobert das Meer seit Jahren die Sandstrände zurück, wie wir erfahren. Die Ursache dafür kennen wir nicht, aber vielleicht wird in ein, zwei Jahrzehnten von einigen Stränden nicht mehr viel übrig sein.
Daneben wird die Landschaft dominiert von endlosen Olivenhainen, die schön anzusehen sind, besonders in den Abendstunden, wenn die Blätter der Olivenbäume in der Sonne silbrig glänzen und mit den in goldenes Licht getauchten, trockenen Grashalmen um die Wette strahlen. Auf die Dauer können Olivenhaine allerdings auch ganz schön eintönig sein. Aufgelockert werden sie auf der Peleponnes nur durch eine etwas abwechslungsreichere Vegetation im Inselinneren. In den dortigen Mittelgebirgen sieht man ab und zu auch Tannen und andere Pflanzen. Teilweise führen noch wilde Schotterpisten als einzige Verbindungen zwischen den weit auseinander liegenden Ortschaften durch das bergige Land, die für das Auge eine wahre Wohltat gegenüber dem gewohnten Asphalt sind. Es wäre schön, wenn man so etwas noch in Deutschland finden würde.
Athen kann man getrost vergessen: Das weiße Häusermeer ist von oben schön anzusehen, aber die Stadt erstickt im Verkehr. Thessaloniki fanden wir etwas entspannter, aber zum Verweilen eingeladen hat auch diese Stadt uns nicht.
Die drei Finger Kassandra, Sithonia und Athos der Halbinsel Chalkidiki, die bei Thessaloniki beginnt, sind noch sehr ursprünglich und unverbaut. In zahlreichen Buchten gibt es feinen, hellgelben Kiessand, durch den das kristallklare Wasser in den schönsten Grün- und Blautönen leuchtet.

Die Griechen sind überwiegend freundlich, teilweise aber auch recht arrogant und desinteressiert. Zumindest sind sie aber nicht ganz so abgestumpft wie die Kroaten. Was die Hilfsbereitschaft angeht, ist das Bild ambivalent. Einige Griechen sind sehr aufmerksam und bieten ihre Hilfe an, andererseits hatte von zehn Autos nur eines gehalten, als wir unsere Panne hatten.
Am Steuer sind die Griechen meist sehr energisch bis aggressiv. Entspanntes Cruisen ist fast nicht möglich, ständig wird man bedrängt.
In den Küstenorten werden die Touristen beim Essen meist ziemlich abgefertigt. Preis und Leistung stimmen nicht. Wenn wir Essen gehen, dann möchten wir nicht nur satt werden, sondern auch genießen. Das betrifft das Essen selbst, vor allem aber auch die Zeit, die wir uns zum Essen nehmen möchten. Selbst die griechischen Salate waren oft lieblos, so dass wir sie uns am Ende lieber selbst gemacht haben.
Außerdem wird beim Brot und beim Wasser mittlerweile abkassiert. Man bekommt es wortlos auf den Tisch gestellt, und selbst wenn man nichts davon nimmt, wird versucht, es dem Gast auf der Rechnung unterzuschieben. Außerdem zahlt man in einigen Tavernen mittlerweile auch für das Gedeck. Da liegen insgesamt schnell bis zu fünf Euro mehr auf dem Tisch, was bei einem Essen für 25 Euro stolze 20 Prozent ausmacht. Es sei aber ausdrücklich erwähnt, dass es natürlich auch noch wohltuende Ausnahmen unter den griechischen Tavernen gibt!
Und wie sieht es bei den Griechen untereinander aus? Wie wir aus mehreren, auch einheimischen Quellen gehört haben, herrschen unter Griechen oftmals Neid und Missgunst. Da werden die Besitzer erfolgreicher Tavernen bis zur Geschäftsaufgabe schikaniert, da werden von Bauern die Olivenbäume des Nachbarn abgefackelt, weil dieser mehr davon hatte.
Und wir finden es sehr bedauerlich, wie die Griechen mit ihrem Müll umgehen: Kein gut erreichbarer, schöner Ort in der Natur, der nicht voller Abfall wäre. Sicher, bei uns wäre das auch so, wenn öffentliche Plätze nicht ständig gereinigt würden, aber zumindest werden sie gereinigt.

Sithonia auf Chalkidiki

Thessaloniki war netter als Athen, aber zum Verweilen eingeladen hat auch diese Stadt uns nicht. Doch bei Thessaloniki beginnt die Halbinsel Chalkidiki, die aus drei Zungen besteht, die die Griechen Finger nennen: Kassandra, Sithonia und Athos. Die drei Finger sind noch sehr ursprünglich und unverbaut. In zahlreichen Buchten gibt es wunderschöne Strände.

Am unteren Ende von Sithonia finden wir eine malerische Bucht mit einer kleinen Insel und feinem, hellgelbem Kiessand, durch den das kristallklare Wasser in den schönsten Grün- und Blautönen leuchtet.

Sithonia auf Chalkidiki

Und um das Glück perfekt zu machen, gibt es dazu auch noch eine richtig coole Strandbar. Die Tarnnetze sehen zwar etwas militant aus, erzeugen aber ein superangenehmes Wechselspiel aus Licht und Schatten. Na ja, und die etwas überteuerten Gin Tonics, die wir uns genehmigt haben, wollen wir natürlich auch nicht verschweigen.

Sithonia auf Chalkidiki

Sithonia auf Chalkidiki

Athen

Auf einer mächtigen Autobahn ging es am Vortag in die riesige Metropole Athen. Auf der Suche nach Athens einzigem Campingplatz nahmen wir eine Ausfahrt zu früh und verirrten uns hoffnungslos in der an sich schon riesigen Hafenstadt Pireas. Die Gelegenheit nutzten wir, um ein paar lange geplante Besorgungen zu erledigen. Dabei erhielten wir auch den ersten Hinweis, in welche Richtung es wohl weiter gehen könnte: ca. 5 km geradeaus, dann bei der zweiten Brücke links abbiegen, dann irgendwann nochmal links und dann wieder rechts, alles klar! Gefunden haben wir den Campingplatz natürlich nicht.
Aber da wir unterwegs an der Autobahn vorbeigekommen waren, hatten wir zumindest einen weiteren Anhaltspunkt. Wir arbeiteten uns mühselig durch das Verkehrschaos zurück zur Autobahn und mussten raten, in welche Richtung wir auffahren mussten. Wir entschieden uns natürlich prompt für die falsche, fuhren die nächste Ausfahrt wieder raus und tüftelten uns zur Autobahnauffahrt der Gegenrichtung. Dann einige Kilometer die Autobahn entlang gewühlt, auf eine lang ersehnte, kreuzende Bundesstraße gewechselt, und nach nur wenigen weiteren Kilometern sahen wir doch tatsächlich rechts den Campingplatz an uns vorbeiziehen. Blöd nur, dass die Bundesstraße in beiden Fahrtrichtungen vierspurig war und wir natürlich ausgerechnet auf der linken Spur (alte Angewohnheit aus Audi-A3-Zeiten). Wir betrachteten das Campingplatzschild noch eine Weile im Rückspiegel, bis wir endlich von der Bundesstraße abfahren konnten. Wir landeten mitten in einem Wohngebiet und wurschtelten uns im Zickzack durch diverse Einbahnstraßen. Hm, eigentlich mussten wir doch jetzt wieder auf der Höhe des Campingplatzes sein. Also zurück Richtung Bundesstraße. Mist, zu früh, das gleiche nochmal! Nun gut, beim zweiten Mal hatte es dann endlich geklappt: Nach nur zwei Stunden hatten wir den Campingplatz erreicht!

Mit dem Bus fahren wir in die Innenstadt, um die Akropolis zu besichtigen und uns über Verschiffungsmöglichkeiten nach Afrika schlau zu machen. Wir haben zwar nicht vor, von Griechenland aus zu verschiffen, denn es wartet ja mindestens noch die Türkei, aber wir wollen herausbekommen, wie Nachforschungen in dieser Hinsicht am besten anzustellen sind, denn im Internet haben wir bisher keine vernünftige Informationsquelle gefunden.
Wie könnte es anders sein, wir steigen zu früh aus dem Bus aus, weil wir einen Hügel sehen, den wir für jenen mit der Akropolis darauf halten. Mühselig kraxeln wir hoch, um dann nach etwa einer Stunde festzustellen, dass es der falsche Hügel ist. Macht aber nix, denn das Ding ist viel höher als der mit der Akropolis, und wir werden für unseren Irrtum mit einem Rundumblick über die ganze Stadt belohnt. So it goes.
In allen Himmelsrichtungen breitet sich ein endloses, weißes Häusermeer vor uns aus, im Süden begrenzt durch das Meer und in den drei anderen Himmelsrichtungen durch einen Mittelgebirgsrücken. Sieht alles ganz toll aus von hier oben, und Blick auf die Akropolis haben wir auch. Dort sind die Touristenmassen in Form lauter kleiner, bunter Punkte zu erahnen.

Athen

Athen

Doch die Stadt an sich ist fad, wie wir feststellen, als wir von unserem Aussichtspunkt wieder heruntergetrabt sind und durch die Häuserschluchten zur Akropolis latschen: keine wirklichen Highlights, nichts wirklich Nettes, das erwähnenswert wäre oder das Bild der Stadt freundlich stimmen könnte.
Irgendwann erreichen wir dann den Akropolishügel. Er ist rundum eingezäunt, damit sich auch ja niemand um das stolze Eintrittsgeld von zwölf Euro pro Person drücken kann. Den Besuch schenken wir uns, denn wir haben die Akropolis im Grunde genommen ja schon gesehen.
Also begeben wir uns auf unsere Verschiffungsmission. In den Reisebüros werden wir bloß ungläubig angeschaut, keiner kann uns weiterhelfen. Also machen wir uns mit dem Bus auf zum Hafen. Wieder keine Highlights in der Stadt zu sehen, und das Meer ist entlang des ganzen Weges komplett zugebaut. Auch der Hafen bietet nichts Schönes. Das ist natürlich in vielen Hafenstädten so, aber Thessaloniki wird ein paar Tage später beweisen, dass es auch anders geht, mit wenigstens ein paar netten Bars und einer, zwar etwas lieblosen, aber immerhin vorhandenen Promeniermeile. Allerdings müssen wir dazu sagen, dass wir nur Athens Fähr- und Containerhafen gesehen haben, aber nicht den Yachthafen. Vermutlich ist der schöner, aber insgesamt würde es für uns am tristen Stadtbild nicht mehr viel ändern.
Leider ist unsere Mission auch im Hafen zum Scheitern verurteilt. Wir kommen einfach nicht weiter und beschließen, das grundsätzliche Thema der Verschiffung erst einmal zu vertagen. Afrika wollen wir auf dem Landweg erreichen, falls unsere Reise nicht irgendwo noch eine gänzlich andere Richtung bekommen sollte.

Athen werden wir morgen den Rücken kehren und keine Träne nachweinen.

Nafplio

Nafplio ist ein kleines, schnuckeliges Städtchen im Nordosten der Peleponnes. Verwinkelte Gässchen und ehrwürdige Häuser zieren die belebte Altstadt. Trotz allen Lebens schon tagsüber, läuft Nafplio erst am Abend zur Hochform auf. Aus den umliegenden Orten strömen dann Müßiggänger aller Altersklassen in die Restaurants und Bars und mischen sich dort mit den Touristen.

Wir essen etwas in einer „Pizzeria“, in der es, wie sich herausstellt, gar keine Pizza gibt! Ganze drei Nudelgerichte und ansonsten griechisches Essen stehen zur Auswahl. Wir haben einen langen Tag hinter uns und keine Lust, ein neues Restaurant zu suchen. Also bestellen wir zwei Nudelgerichte.
In den nächsten fünf Minuten spielt sich ein wahrer Hexenzauber ab: Drei Kellner wirbeln abwechselnd um uns herum, bringen Papiertischtuch, Gedecke, Salz und Pfeffer, Brot, Wasser, unser Bier, den als Vorspeise bestellten Salat und gleich die Nudeln hinterher. Die Rechnung wird auch sofort dazu gereicht. Essen kann so effizient sein!

Um Frust herunter zu spülen, hilft am besten ein Cocktail. Und Cocktailbars gibt es in Nafplio genug. Also machen wir uns auf die Suche nach einer vielversprechenden Cocktailbar. Die Cocktailpreise jedenfalls sind wirklich vielversprechend: neun Euro und mehr. Das müssen aber ziemlich gute Cocktails sein.
Unser Testcocktail in einer neuen Cocktailbar ist eigentlich immer eine Caipirinha. In der ersten Cocktailbar gibt es eine „Kaipirinha“ [sic] für 9,90 Euro. Wenn eine Cocktailbar Caipirinha nicht richtig schreiben kann, wie soll dann erst der Cocktail schmecken? Für knapp 20 Euro ist uns das Risiko eines Reinfalls zu hoch.
Also weiter zur nächsten Cocktailbar. Dort gibt es eine „Caipirinha“ für 8,90 Euro. Also werfen wir einen Blick auf die Zusammensetzung laut Karte: Cachaça, brauner Rohrzucker und – „Lemon Juice“? Zitrone hat in einer Caipirinha absolut nichts zu suchen, sondern Limette (engl. lime), und außerdem sollte es nicht bloßer Saft sein, sondern eine Limette in Achtel gewürfelt und dann zerstampft. Auch hier lassen wir lieber die Finger davon, bevor wir uns nachher über einen schlechten Cocktail und viel verpulvertes Geld ärgern.
Anschließend machen wir noch zwei, drei weitere Anläufe, eine ordentliche Cocktailbar aufzutreiben, aber leider erfolglos. Okay, wir haben ja noch ein paar Flaschen Wein im Sprinter.

In einem etwas abgelegeneren Teil des Hafens suchen wir uns einen Parkplatz und stellen den Sprinter gegenüber einem Brummi auf dem sonst leeren Areal ab. Der Fahrer sitzt in seiner Kabine und winkt uns freundlich zu, als wir ihm gegenüber parken. Also schnappen wir uns den Wein und gehen gleich mal rüber. Er heißt Andreas, ist Ungar und fährt häufig die Strecke über Bulgarien nach Griechenland und ansonsten durch ganz Europa. Diesmal wartet er schon seit fünf Tagen auf seine Ladung und langweilt sich fern von Heimat und Familie zu Tode. Da ist ihm die Abwechslung durch uns gerade recht.
Wir trinken ein paar Gläser von unserem Wein und von seinem Bier und versuchen, uns zu unterhalten. Leider spricht er fast kein Englisch, aber immerhin ein paar Brocken Deutsch. Und wir sprechen natürlich auch kein Ungarisch. Seine Lieblingswörter sind „Chef“, „gut“ und „nix gut“. Auch mit Zeichensprache ist es schwierig, aber wir reimen uns schon irgendwie zusammen, was er wohl meinen könnte, und er umgekehrt. Letztlich sind es der Wille, der zählt, und die Atmosphäre. Ob man tatsächlich alles richtig verstanden hat, ist da beinahe nebensächlich. Jedenfalls haben wir einen netten Abend und er zeigt uns ausführlich seinen Truck. In seiner Kabine hat er neben allen möglichen Annehmlichkeiten sogar einen Kühlschrank und eine Kaffeemaschine. Zum Abschluss verspricht er uns, dass er uns am nächsten Morgen einen richtigen ungarischen Kaffee machen wird. Der wird uns, wie sich dann herausstellt, glatt die Schuhe ausziehen, weil er so stark ist!

Nafplio

Nafplio

Kastro

Wir sind auf dem Weg Richtung Olympia. In den vergangenen Tagen haben griechische Feuerwehrmänner bis zur vollkommenen Erschöpfung gekämpft, um die historischen Sportstätten am Fuße des Olymps vor dem drohenden Flammenmeer der verheerenden Waldbrände zu retten, die bis vor wenigen Tagen Griechenland heimgesucht haben.
Wir sind nicht allein. Auch ein athletischer Pole ist auf dem Weg nach Olympia: joggend mit einem kleinen Anhänger, den er sich mit einer Schlaufe um die Hüfte gebunden hat und hinter sich her zieht. Auf dem Anhänger steht das Wort „PEACE“ geschrieben. Wir sind beeindruckt.

PEACE

Noch etwa 50 Kilometer von unserem Ziel entfernt, biegen wir in Richtung Küste ab, in der Hoffnung, ein schönes Plätzchen für die Nacht zu finden und uns im Meer abkühlen zu können. Zunächst geht es durch Olivenhaine, dann durch den kleinen Ort Kastro und schließlich das letzte Stück abwärts zur Küste. Völlig unerwartet treffen wir auf ein kleines Stück Nordsee am Mittelmeer: bewachsene, helle Sanddünen, ein breiter Strand und eine kräftige Brandung, aber warm und ohne Quallen!

Kastro

Hier ein kleiner Ausschnitt des vielfältigen Dünenbewuchses:

Kastro

Kastro

Kastro

Auf einem großen Parkplatz in den Dünen stehen rund ein Dutzend Wohnmobile wild campend. Die meisten von Ihnen kommen aus allen Ecken Deutschlands, aber auch Österreicher und Holländer sind vertreten. Wir gesellen uns zu ihnen.

Kastro

Dabei fahren wir uns trotz Allradantrieb erst einmal fest. Die beiden hinteren Räder sind wegen des hohen Gewichts unseres Sprinters und wegen der geringen Auflagefläche der Reifen bei vollem Luftdruck im weichen Sand einfach abgesackt. Sandbleche haben wir noch nicht, da wir uns diese erst in der Türkei günstig besorgen wollen.
Eine nette Münchnerin eilt herbei, um uns zu helfen, während ein Österreicher daneben steht und deplatzierte Kommentare abgibt. Er meint, er hätte Sandbleche, aber sein Fahrzeug stünde darauf, und deshalb könne er sie uns nicht geben. Auf eine echte Unterstützung von seiner Seite warten wir vergeblich.
Aber wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen, holen den Klappspaten aus dem Heck und schaufeln die eingegrabenen Räder frei. Dabei stellt sich heraus, dass sich unter den Rädern fester Untergrund befindet. Trotzdem würge ich den Motor bei den darauf folgenden Anfahrversuchen mehrfach ab, bevor ich unseren Sprinter, beherzt mit den Füßen auf Kupplung und Gaspedal, aus den Mulden herausbekomme. Hier zeigt sich, dass der schwere Wagen wegen der fehlenden Untersetzung im Gelände nicht leicht anzufahren sein wird und dass wir darauf werden achten müssen, wenn es irgendwann über unwegsamere Pisten gehen wird. Aber es ist gut, hier schon einmal die ersten Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht zu haben.

Der Parkplatz ist das Reich von Christos, dem „armen Mann – drei Frauen, vier Kinder, mit große Herz, groß wie Wassermelone, aber süß wie Honigmelone!“ Christos ist ein lustiger und liebenswerter griechischer Bauer mittleren Alters. Er ist hier die gute Seele und versorgt die Camper jeden Tag mit allem, was sie brauchen, vorwiegend Brot, Eier, Obst und Gemüse, Wein und Olivenöl. Das meiste davon ist aus seinem eigenen Anbau. Viel daran verdienen tut er allerdings nicht, außer wenn die Camper kanisterweise reines Olivenöl aus seinem Anbau mit zurück in die Heimat nehmen. Ansonsten genießt er es, des Öfteren mit den Leuten abends ein, zwei Gläschen Wein zu trinken, den er stets in großen Plastikflaschen dabei hat und gerne auch mal spendiert.

Kastro

Wir lernen eine Reihe netter Menschen kennen, mit denen wir viel Zeit verbringen: ein holländisches Paar, das zu Hause eine Harley-Werkstatt und auch hierhin eines seiner Motorräder mitgebracht hat,

Kastro

den redseligen und afrikaerfahrenen Münchner Marc, der uns mit zahllosen Tipps zu Afrika versorgt und vor den territorialen Rentnern warnt, die in einer Woche, nach dem Ende der Schulferien, über diesen Ort herfallen und ihn bis hin zur Bürgermeisterwahl bürokratisieren werden, und seine slovakische Frau Slavka, die uns schon zur Seite gestanden hatte, als wir uns festfuhren, samt Sohn Jens (hier beim Spanferkelfest),

Kastro

und die Mannheimer Marc und Silke mit ihrer süßen, bald einjährigen Lilly und Hund Bobby (hier beim gemeinsamen Abendessen in Nicos Taverne).

Kastro

Kastro

Kastro

Sie alle und noch viele andere sorgen dafür, dass wir uns hier in den nächsten Tagen sehr wohl fühlen werden.

A propos Spanferkelfest: Das Spanferkelfest ist eine Art Tag der offenen Tür des hiesigen Klosters, zu dem die Menschen aus der Umgebung einmal im Jahr hinströmen, um für das Kloster zu spenden und sich anschließend mit Spanferkel, Bier und Wein die Bäuche voll zu schlagen. Zu diesem Anlass werden im wahrsten Sinne des Wortes anhängerweise Spanferkel gegrillt! Das vorzügliche, zarte Fleisch wird kiloweise verkauft und dann mit den Händen gegessen. Auf Beilagen wird komplett verzichtet.

Kastro

Kastro

Kastro

Wandern im Pindos

Vom griechischen Gebirgsdorf Monodendri aus wollen wir eine mehrtägige Wanderung durch den nördlichen Pindos unternehmen. Zwischen den Wanderetappen wird in den Dörfern übernachtet. Zelten ist nicht gestattet.
Deshalb erkundigen wir uns in einem der kleinen Hotels zunächst nach den Übernachtungspreisen. Eine Übernachtung kostete überall rund 50 Euro, erfahren wir. Wenn wir die Wanderung machen wollten, könnten wir den Sprinter gegen eine Übernachtung stehen lassen.
Wir sind zögerlich, ob wir uns das leisten möchten und beschließen, zunächst einen Kaffee auf der gemütlichen kleinen Terrasse eines anderen Hotels Trinken zu gehen. Auch dort fragen wir nach dem Übernachtungspreis. Etwas skeptisch betrachtet uns der Hotelbesitzer und nennt ebenfalls einen Preis von 50 Euro. Dann schiebt er leicht verlegen ein „p’r p’rs’n“ nach. Geht’s noch? Gut dass wir noch einmal gefragt haben. Dann hat sich das mit der mehrtägigen Wanderung erledigt, das ist uns eindeutig zu teuer.

Wir bezahlen und gehen nacheinander noch zur Toilette. Ich drücke den Spülknopf, aber er greift ins Leere, und es tut sich überhaupt nichts. So kann ich nicht gehen, der Nachfolger würde im Gesicht bunt anlaufen und in Ohnmacht fallen. Schlau wie ich bin, nehme ich den Spülkastendeckel ab und sehe nach dem Rechten. Hm, sieht ganz anders aus als ich das kenne. Ich drücke und ziehe, wo es mir potenziell sinnvoll erscheint und halte wenig später den Schwimmer in der Hand. Nicht gut! Wer sich mit Toilettenspülungen auskennt weiß, was nun geschieht: Der Spülkasten läuft weiter voll, ohne dass das Wasser abliefe. Ich versuche krampfhaft, den Wasserzulauf zu schließen und gleichzeitig den Schwimmer wieder an seinem angestammten Platz anzubringen. Nach ein paar Versuchen gelingt mir das auch mehr oder weniger, aber richtig festsitzen tut er nicht. Als ich ihn loslasse, sackt er dann auch zu stark zur Seite, und der Spülkasten läuft weiter voll. Mit einer akrobatischen Höchstleistung gelingt es mir aber, den Toilettendeckel zu greifen und wieder aufzusetzen und damit gleichzeitig den Schwimmer in einer Position einzuklemmen, so dass der Kasten nicht weiter volläuft. Geschafft, aber gespült habe ich davon natürlich noch nicht. Ich funktioniere den nebenstehenden Mülleimer kurzer Hand um, fülle ihn am Waschbecken mit Wasser und spüle dann damit. Nachdem ich den Vorgang noch zweimal wiederholt habe, wasche ich mir schnell die Hände und suche das Weite, denn mir ist klar, dass der nur lose aufgesetzte Schwimmer sich jeden Moment wieder ablösen und eine erstklassige Überschwemmung anrichten kann. Das aber doch bitte erst, wenn wir außer Sichtweite des Hotelbesitzers sind!

So einfach unverrichteter Dinge wieder abziehen wollen wir allerdings nicht und beschließen, vom nächsten Ort aus auf den Wanderweg zu stoßen, ihn ein Stück zu gehen und am selben Tag wieder zurück zu laufen. Der nächste Ort stellt sich jedoch als reiner Aussichtspunkt über die grandiose Vikosschlucht heraus. Mit rund 1.000 Metern ist sie die tiefste Schlucht der Erde.

Pindos

Bei dem imposanten Ausblick in die schier unendliche Tiefe bekommen wir tatsächlich etwas wackelige Beine. Von dort auf den Wanderweg stoßen, können wir allerdings nicht. Da der Weg unten durch die Schlucht verläuft und wir keinen Fallschirm dabei, müssen wir wohl oder übel umkehren. Also fahren wir zurück nach Monodendri und gehen es von dort aus noch einmal an. Mit detektivischem Spürsinn gelingt es uns, hinter vielen engen und verschlungenen Gässchen den zentralen Dorfplatz und damit den offiziellen Startpunkt der Wanderung auszumachen, doch schon nach weiteren 200 Metern findet unser Unternehmen ein weiteres jähes Ende, als wir auf eine Absperrung stoßen. Die komplette Wanderung ist gesperrt! Und die schlitzohrigen Griechen hätten uns stillschweigend glatt ein Zimmer angedreht…

Zumindest aber ist ein weiterer, wunderbarer Aussichtspunkt auf die Schlucht ausgeschildert, den wir nach einigen hundert Metern erreichen. Hier verbringen wir den ganzen Nachmittag und vergessen bald unseren Frust, was angesichts dieser atemberaubenden Aussicht wohl auch kein Wunder ist:

Pindos

Pindos

Albanien

Nachdem wir Albanien anfangs kaum einzuordnen wussten, hat sich das Land in den beiden Tagen, die wir hier unterwegs waren, auch von seinen reizvollen Seiten gezeigt. Das gebirgige, südliche Albanien ist landschaftlich wunderschön und abwechslungsreich. Beim Erklimmen des ersten Passes verändert sich das Landschaftsbild schlagartig. Wo zuvor noch karge Landschaft dominierte, tauchen nun die erste Bäume und kleinen Wäldchen auf. Bald schon fährt man durch üppig grüne Täler und dichte Olivenhaine.

Albanien

Albanien

Albanien

Die zunächst hervorragend ausgebaute Straße endet plötzlich und geht in ein schlecht erhaltenes Sträßchen über, das oft kaum breit genug für ein Auto ist und sich steil bergauf und bergab in stetiger Nähe zur Küstenlinie windet.

Albanien

Albanien

An ein schnelleres Vorankommen als mit durchschnittlich etwa 20 Kilometern in der Stunde ist nicht zu denken. Entgegenkommender Verkehr wird hier zum Abenteuer. Aber es gibt nicht viel davon, da die Gegend so abgelegen und derzeit noch schwer erreichbar ist. Dies wird sich in den nächsten schätzungsweise zwei bis drei Jahren erheblich ändern, da die Regierung außerhalb der Reisesaison dabei ist, die Straße weiter auszubauen. Dies erfahren wir von einer jungen Restaurantbesitzerin in Palermo. Mit ihr und ihren Mitarbeitern, die allesamt aus ihrem Verwandten- und Freundeskreis stammen, verbringen wir einen unterhaltsamen Abend, erhalten Tipps und erfahren viel über das Land und seine offenen und freundlichen Menschen. Ein Beispiel dafür sind diese beiden neugierigen Jungen, die neugierig unsere Hupe und alle Hebel am Lenkrad ausprobieren, die sie erreichen können:

Albanien

Albanien

Bevor wir das Land verlassen, kommen wir noch einmal in den Genuss einer besonderen Naturschönheit: Syri i Kaltër. Übersetzt bedeutet es „Blaues Auge“. Syri i Kaltër ist eine kristallklare Gebirgsquelle. Jede Sekunde sprudeln bis zu acht Kubikmeter wohlschmeckendes Mineralwasser aus ihr heraus.

Syri i Kaltër

Syri i Kaltër

Nachdem wir unsere Wasservorräte mit dem kostbaren Nass aufgefüllt haben, machen wir uns voller neuer Eindrücke auf den Weg nach Griechenland.

Albanien

Albanien

Einreise Albanien

Im Norden Montenegros in der Gegend um Kotor war es schön und preiswert. Südlich von Kotor fühlten wir uns wie an der Riviera: große Hotelkomplexe, sauber aufgereihte Sonnenschirme und saftige Preise.

Der Grenzübertritt nach Albanien dauert etwa eine Stunde und verläuft vollkommen problemlos. Lediglich 10 Euro pro Person sind zu entrichten, um nach Albanien einreisen zu dürfen. Wie sich nach und nach herausstellen wird, wird dies wie vorausgesehen der einzige Obolus bleiben, der zu entrichten ist.

Albanien

Albanien ist ein fremdes Land inmitten Europas. Bauern mit Eselkarren kommen uns entgegen, Menschen und Nutztiere laufen kreuz und quer auf der Straße und scheren sich nicht um Autos. Kinder winken uns freundlich zu. Wilde Müllberge ziehen an uns vorbei, und auf mancher Deponie suchen Kinder nach Verwertbarem.. Auch die Flüsse werden gerne für die Entsorgung genutzt.

Albanien

Wir passieren eine nicht sehr Vertrauen erweckende, einspurige Holzbrücke, bei der einige der in Längsrichtung verlegten Bohlen durchgebrochen sind:

Albanien

Generell sind die Straßen teilweise extrem schlecht, mit zerbröckeltem Belag und mit Schlaglöchern gespickt.

Albanien

Die Navigation stellt sich als ziemlich schwierig heraus, da es so gut wie keine Wegweiser gibt. In den letzten Jahren wurden andererseits aber auch viele wichtige Verkehrsadern neu asphaltiert. Die albanische Regierung bemüht sich, eine für den internationalen Tourismus taugliche Infrastruktur aufzubauen.

Der Verkehr ist teilweise chaotisch. Wir werden ständig, oftmals waghalsig überholt. Dazu kündigt der Albaner seine Überholabsicht kurz durch ein Hupen an, und dann überholt er, unabhängig davon, ob der Weg frei gemacht wird oder nicht. Notfalls wird der Gegenverkehr rüde an den Straßenrand gedrängt. Nach einer kurzen Eingewöhnung weiß man jedoch, wie man sich zu verhalten hat. Dem Überholenden ist durch schnellstmögliches Ausweichen an den Straßenrand freie Bahn zu gewähren. Auch das häufige Hupen wird verständlich, wenn bewusst ist, dass die Hupe des albanischen Autofahrers liebstes Kommunikationsmittel ist, mit dem er nicht nur sein Überholvorhaben ankündigt, sondern auch grüßt, sich bedankt oder schimpft.

Überholt wir übrigens auch, wenn es sich staut. Zunächst wird hinter dem Hindernis eine zweite Spur aufgemacht, gerne auch rechts von der eigentlichen Spur. Wenn dann auch auf dieser Spur kein schnelleres Vorarbeiten mehr möglich ist, drängt man sich rüde durch die reguläre Spur und überholt auf der Spur des Gegenverkehrs. Irgendwann geht dann natürlich gar nichts mehr, aber in Ruhe abzuwarten und die wideren Umstände zu akzeptieren liegt dem Albaner eben nicht im Blut!

Albanien

Wir fahren endlos durch eine monotone Ebene, parallel zur Küste in Richtung der Landeshauptstadt Tirana. Die einzige Abwechslung besteht im stetigen Wechsel von Polizeiposten, Tankstellen und Autoschrottplätzen.
Von den Polizeiposten werden wir in Ruhe gelassen. Sie beschränken sich darauf, bei den Einheimischen die Hand aufzuhalten.
Der Dieselpreis liegt bei rund einem Euro je Liter. Wer es noch günstiger haben möchte, kann bei einigen Tankstellen sogar offiziell Heizöl tanken, und dementsprechenden Rußwolken ist der Verkehrsteilnehmer mitunter ausgesetzt.

Albanien

Als wir laut Zapfsäule 45 Liter (Diesel, kein Heizöl!) nachtanken, haben wir nach dem Blick auf unsere Tankanzeige jedoch den Verdacht, dass da wohl eher nur rund 40 Liter durch den Tankrüssel gelaufen sind. Damit hätten wir dann preislich auf deutschem Niveau gelegen.

Die Fahrzeuge stammen überwiegend aus Deutschland. Dies erkennt man an den oftmals noch vorhandenen D-Kennzeichen und Aufdrucken deutscher Firmen auf den Lastwagen. Mercedes aller Altersklassen, aber vorwiegend gebrauchte, dominieren das Straßenbild und die Schrottplätze. Viele der Fahrzeuge auf den teils markenspezialisierten Schrottplätzen sehen so aus, als wären sie noch nicht sehr alt gewesen. Etliche haben erhebliche Unfallschäden.

Albanien

Zum Übernachten biegen wir von der Hauptverkehrsader ab und fahren nach Shen Gjin, einem kleinen Ort an der Küste. Überall entlang des Strands werden neue Hotelkomplexe mit Liegestuhl- und Sonnenschirmreihen nach italienischem Vorbild hochgezogen. Viele Albaner leben in Italien und verbringen ihren Urlaub in ihrem Heimatland. Noch ist aber genügend vom Strand übrig geblieben, der von Ein-Mann-Bunkern mit Schießscharten übersäht ist, die aussehen wie überdimensionale Buzzer. Die Einheimischen machen das Beste daraus und nutzen sie als Sitzgelegenheiten und Mülleimer.

Shen Gjin

Shen Gjin

Shen Gjin

In einem kleinen Restaurant erhalten wir für einen Spottpreis leckeres Piva aus Tirana und einen fantastischen Bauernsalat nach griechischer Art. Beim ebenfalls sehr leckeren Fisch allerdings, der neben dem Salat das einzig Erhältliche ist, bittet man uns für dortige Verhältnisse allerdings ganz schön zur Kasse. Der Fisch ohne jegliche Beilage kostet umgerechnet acht Euro pro Person. Aber was soll man machen, wenn es keine Karte gibt und man sich nur mit Handzeichen verständigen kann?

Weltkulturerbe Kotor

Kroatiens Grillkultur haben wir sehr genossen: leckere Cevapcici, wunderbares Lammfleisch, zart gegrillte Kalmare, abgerundet durch Aivar-Paste mit Gemüsezwiebeln, und dazu erfrischende Tomatensalate, kräftige Weine und hervorragendes Pivo. Beim Einkauf all dieser Leckereien stößt man leider jedoch oftmals auf gelangweilte bis hin zu genervte Bedienungen, sicherlich auch ein Phänomen der späten Reisesaison. Trotzdem fühlten wir uns nicht sonderlich willkommen.
Zudem kann preislich auch nicht mehr von einem Schnäppchen die Rede sein. Die günstigen Nachkriegszeiten, in denen das Land wieder um den Tourismus buhlen musste und es noch als Geheimtipp galt sind vorbei. Unsere Kosten für Lebensmittel und Diesel lagen kaum zehn Prozent niedriger als in Deutschland. Campingplätze mieden wir so gut wir konnten, in Dubrovnik kostete eine Übernachtung stolze 35 Euro.
Die schöne Halbinsel Istrien wird in Richtung Süden gefolgt von einer kargen, felsigen Küste. Von Rijeka bis Sibenik lädt die eintönige Landschaft kaum zum Verweilen ein. Die sich stetig eng an die Wasserlinie anlehnende Küstenstraße lässt nahezu keinen Raum für Erholungssuchende. Die kurzen und flach abfallenden Strände sind kiesbedeckt und entbehren jeglichen Liegekomfort. Im Wasser lauern unzählige Seeigel, um dem Badefreund den weiten Weg ins offene Wasser nicht zu leicht zu machen.
Ab Sibenik wird die Landschaft dann wieder schlagartig schön und abwechslungsreich. Die Vegetation ist viel üppiger und frisches Grün ziert die Hänge. Bademöglichkeiten gibt es reichlich.
Dubrovnik hat eine beeindruckende, prächtige Altstadt. Leider nur wird das Stadtbild viel zu sehr von Touristen dominiert, und dies, wie wir uns sagen ließen, über das ganze Jahr hinweg. So fällt es schwer, den Charme der Stadt zu genießen.

Kotor ist ein weiteres Stück Weltkulturerbe in einer zerklüfteten Bucht der Adriaküste Montenegros, südlich von Dubrovnik. Eine kühn in den Berg gebaute Festungsanlage umschließt das 1.000 Jahre alte Hafenstädtchen. Kotor erinnert an Dubrovnik, ist aber viel kleiner und ruhiger.

Weltkulturerbe Kotor

Weltkulturerbe Kotor

Ich gehe in eine Bank, um Geld in die Landeswährung zu tauschen und lege einen 50-Euro-Schein auf den Tresen des Bankschalters mit Bitte um Wechsel. Die Bankangestellte blickt mich einen Moment lang fragend an, greift dann aber den Schein, fasst in die Kasse unter ihrem Pult und zieht vier Banknoten aus dem Fach. Als sie sie vor meinen Augen abzählt, habe ich das merkwürdige Gefühl, die Scheine schon einmal gesehen zu haben. Es sind ein Zwanziger und drei Zehner – in Euro. Verwirrt blicke ich auf die vor mich hingeblätterten Scheine, dann in die Augen der Angestellten, bis ich endlich wieder Worte finde und mich verlegen erkundige, ob der Euro die hiesige Währung sei. Grinsend bestätigt die hübsche junge Dame. Leicht beschämt stecke ich die Scheine in die Tasche, verabschiede mich ebenfalls grinsend und mache mich davon.
Als wir durch das ruhige Städtchen schlendern, vernehmen wir von irgendwo her ein quietschendes Geräusch, das zunehmend lauter wird. Quietsch, quietsch, quietsch, als ob jemand hingebungsvoll mit einer Quietscheente spielt. Aber merkwürdig, das Geräusch hat einen ganz gleichmäßigen Zweiertakt. So eine Art Synchronquietschen zweier Quietscheentenfetischisten, wie wir vermuten. Doch als wir um die nächste Ecke biegen, ist weit und breit keine Quietscheente zu sehen. Aber das penetrante Geräusch ist ganz nah und kommt irgendwie vom Boden her. Schließlich entdecken wir den Verursacher: Bei jedem Schritt eines kleinen Jungen quietschen seine Schuhe schrill und blinken dazu hektisch. Die Eltern des Jungen flanieren neben ihm her. Unglaublich, was manche Eltern sich und ihrer Umwelt zumuten, um ihre kleinen Racker zu jeder Zeit kontrollieren zu können! Dass sie ihrem Spross damit eine reine Freude machen wollten, schließen wir jedenfalls kategorisch aus. Hätte es auch im Zeitalter des Babyfons nicht eine einfache Kuhglocke getan?
Etwas später treffen wir auf zwei kleine Mädchen, die großes Interesse an unseren Boards zeigen, die wir als Alternative zu Klapprädern für Stadterkundungen mitgenommen haben und unter dem Arm tragen. Sie reißen uns die Boards förmlich aus der Hand und wollen wissen, wie man damit fährt. Wir erklären es ihnen bereitwillig und lassen sie für eine Weile gewähren. Die Kleinere von beiden hat richtig Haare auf den Zähnen und möchte ihrer Freundin das Kickboard am liebsten abnehmen und auf beiden Boards gleichzeitig fahren!

Weltkulturerbe Kotor

Auf einem netten Campingplatz in einem kleinen Ort an der Küste, knapp zehn Kilometer hinter Kotor, finden wir unter uralten Olivenbäumen für zwei Tage ein nettes und günstiges Plätzchen im Schatten. Wir gönnen unserem Sprinter eine Rundumwäsche, um danach unsere Aufkleber anzubringen. Außerdem werken wir noch etwas am Innenausbau, um ihn weiter zu optimieren.

Weltkulturerbe Kotor

Weltkulturerbe Kotor

Zum Abendessen bereiten wir uns Fische vor, die wir in Dubrovnik gekauft haben. Der Haken an der Sache: Sie müssen noch ausgenommen werden, und weder Christiane noch ich haben irgendwelche Erfahrung damit. Wir erhalten den Rat, man müsse beim Ausnehmen lediglich darauf achten, dass man die Gallenblase nicht verletze, weil der ganze Fisch sonst bitter schmecken würde. Also machen wir uns zunächst noch zögerlich, an die Arbeit, aber das Ausnehmen klappt dann doch unerwartet gut, nachdem wir den Ekel erst einmal überwunden haben. Und die Gallenblasen haben wir auch nicht verletzt. Allerdings stellt sich beim Essen heraus, dass wir die Fische wohl besser hätten entschuppen sollen! Ganz stolz waren wir, als wir sie ausgenommen hatten, aber an die Schuppen hatten wir keinen Gedanken verschwendet. Einen Fisch mit Schuppen zu essen, die sich unweigerlich im ganzen Fisch verteilen, ist so, als ob man einen Fisch mit einem dreimal so hohen Grätenanteil wie normal essen würde. Wahrlich kein ungetrübter Genuss!
Außerdem machen wir Bekanntschaft mit dem ersten Plumpsklo unserer Reise. Das ganze sieht in etwa so aus wie eine Körperwaage, mit Stellflächen für die Füße, aber statt der Anzeige einem Loch in der Mitte. Sehr gewöhnungsbedürftig, zumal das Hocken auch ganz schön in die Beine geht!

Weltkulturerbe Kotor

Neben unserem Stellplatz steht ein österreichisches Paar mit ihrem VW LT. Von ihnen erfahren wir, dass es bei der albanischen Regierung ein Umdenken gegeben hat und eine Direktive an die Polizei ausgegeben wurde, ausländische Touristen nicht zu behelligen, um einen internationalen Tourismus aufzubauen. Wir beschließen, den direkten Weg durch Albanien nach Griechenland zu nehmen.

Weltkulturerbe Dubrovnik

Dubrovnik, die um 615 vor Christus gegründete „Perle der Adria“ war eine der wichtigsten Seemächte des Mittelmeeres ab dem 13. Jahrhundert. Die vollständig erhaltene Altstadt mit ihren prächtigen Bauten im romanischen, gotischen und barocken Stil liegt, von einer mächtigen Festungsanlage umgeben, auf einer Halbinsel und ist das Herz Dubrovniks.

Weltkulturerbe Dubrovnik

Zahllose Touristen strömen durch die engen Gassen und prägen das Stadtbild – ein Tribut, den die Stadt ihrem Status als Weltkulturerbe zu zollen hat.

Weltkulturerbe Dubrovnik

Ein weiterer Tribut, den die Stadt zu zahlen hatte, waren die zahlreichen Kriegstoten, die auf Dubrovniks Friedhöfen beerdigt sind:

Weltkulturerbe Dubrovnik

Kriegsschäden sind demgegenüber kaum noch vorhanden. Anblicke, wie diese Hauswand voller Einschusslöcher, sind so gut wie nicht mehr sehen:

Weltkulturerbe Dubrovnik

Nach der Altstadtbesichtigung machen wir noch einige Besorgungen. Dabei treffen wir auf eine kleine Druckerei, die uns die Aufkleber für unseren Sprinter anfertigen soll. Wir verzichten auf ein Logo und beschränken uns, wie ursprünglich überlegt, auf den Text „WORLD TOUR“ und „www.hit-the-road.net“. Aufgrund leichter Verständigungsschwierigkeiten sind wir skeptisch, ob wir das erhalten werden, was wir uns vorstellen. Am nächsten Tag jedoch schon werden wir glücklich unsere Aufkleber, so wie wir sie uns vorgestellt hatten, in den Händen halten.

Der Campingplatz in Dubrovnik ist übrigens nicht gerade eine Perle. Er ist riesig, unpersönlich und unverschämt teuer. Wenn man von Norden nach Dubrovnik hineinfährt, kommt man über eine mächtige Brücke mit Seilkonstruktion, die über die Bucht vor Dubrovnik führt. Wenn man vor oder nach der Brücke zur Bucht hinunter abbiegt und um die Bucht herumfährt, kann man schöne Stellplätze finden und mit dem Bus in die Stadt fahren.

Ansonsten blieben noch die verheerenden Waldbrände rund um Dubrovnik zu erwähnen. Sämtliche Berge rund um die Stadt sind bis an die Ränder der Wohngebiete abgebrannt. Schon auf dem Weg nach Dubrovnik fahren wir durch die ersten verkohlten Mondlandschaften. Bei allem Schrecken der Brände zeigt sich jedoch auch eine ungewöhnliche Schönheit in den farblichen Kontrasten zwischen verkohlten Wäldern und dem türkisfarbenen, kristallklaren Meer:

Weltkulturerbe Dubrovnik

Abschied in Nin

Nach nunmehr knapp zwei Wochen in Nin trennen sich die Wege von uns und Christianes Familie. Wir streben weiter gen Süden, während für die Familie der Urlaub zu Ende ist und die Rückkehr in die Heimat ansteht.

Für uns bedeutet das erstmals wirkliche Freiheit im Sinne terminlicher Ungebundenheit. Wir können uns nun völlig nach eigenem Gusto treiben lassen. Ab hier beginnt das richtige Reisen!

Bootsfahrt in Nin

Für den Tag mieten wir uns in Nin ein kleines, motorisiertes Fischerboot. Bei ruhigem Wasser geht es zu einer kleinen, etwa zehn Kilometer entfernten Insel mit einem Leuchtturm darauf. Dort gehen wir Schnorcheln, essen etwas und legen uns eine Weile in die Sonne.

In der Zwischenzeit frischt der Wind auf und lässt das Meer ziemlich unruhig werden. Und so wird dann auch die Rückfahrt. Jan sitzt zum ersten Mal am Steuer eines Motorboots und hat ganz schön damit zu kämpfen, es auf Kurs zu halten. Das Holzboot ist schwer und der Motor mit fünf PS vollkommen untermotorisiert. Zudem ist der Sprit, den man uns mitgegeben hat, ganz schön knapp bemessen. Auf dem letzten Tropfen und vollkommen durchnässt erreichen wir gerade so den rettenden Hafen.

Baumarktbesuch in Nin

Wir beschließen, uns etwas mehr zu vermarkten, um besser mit Leuten in Kontakt zu kommen. Dazu wollen wir an unserm Sprinter die Schriftzüge „WORLD TOUR“ und „www.hit-the-road.net“ anbringen.

Also suchen wir in Nin einen Baumarkt auf, um nach Klebebuchstaben zu suchen. In dem Moment, als wir den Baumarkt betreten, fällt uns krachend die schwere Blechabdeckung der Schiebetürmechanik vor die Füße. Das war wirklich knapp und hätte uns leicht das Genick brechen können. Mit der kroatischen Handwerkskunst scheint es nicht allzu weit her zu sein – und das ausgerechnet in einem Baumarkt!

Klebebuchstaben haben wir übrigens nicht gefunden, aber wir bleiben dran. Vielleicht lassen wir uns auch T-Shirts bedrucken, oder wir machen beides.

Geburtstagsfeier in Nin

Wir feiern meinen Geburtstag in Nin, sitzen auf der Terrasse und trinken eine von meinem Lieblingsmann gemixte, sehr leckere Caipirinha. Weshalb waren eigentlich alle so auf meinen Geburtstag gespannt? Dabei ist es doch nur der dreiunddreißigste. Zugegebenermaßen ist es nicht der erste 33. Geburtstag, den ich feiere, aber wen interessiert das schon? Und doch ist es ein ganz besonderer Geburtstag, denn spätestens seit 0:00 Uhr weiß ich: Die Welt liegt mir zu Füßen!

Geburtstagsfeier in Nin

Geburtstagsfeier in Nin

Und nicht nur das. Viele liebe Menschen denken an mich, gratulieren mir per SMS oder Handy und heißen mich im Club der Schwaben willkommen. Was das allerdings bedeutet, weiß ich nicht. Hallo ihr Schwaben, die ich kenne, kann mir das jemand erklären?

Egal wie viele Kerzen auf dem Kuchen sind, egal welchem Club ich beigetreten bin, ich bin einfach nur sehr, sehr glücklich!

Von Rijeka nach Nin

Von Rijeka geht es weiter nach Nin. Wir wollen uns dort mit einem Teil von Christianes Familie treffen. Sie haben für zwei Wochen eine Ferienwohnung gemietet, um gemeinsam mit Christiane ihren vierzigsten Geburtstag zu feiern.

Die Landschaft auf diesen rund 400 Kilometern entlang der Mittelmeerküste ist schön, aber eintönig. Endlos und kurvenreich folgt die Straße immer unmittelbar dem Küstenverlauf. Das ist schön für Autofahrer, aber nicht, wenn man ein ruhiges Plätzchen sucht.
Auch die vielen Raser tragen nicht zur Entspannung bei. Als wir wegen einem Frontalzusammenstoß von einem Auto mit einem Lieferwagen im Stau stehen, wundert uns das nicht.

Von Rijeka nach Nin

Nachdem wir am Vortag bereits die rechte Scheinwerferbirne auswechseln mussten, bemerken wir bei einem Zwischenstopp, dass nun auch die linke Birne das Zeitliche gesegnet hat und tauschen sie ebenfalls aus. Die besonders leuchtstarken Scheinwerferbirnen, die wir eingesetzt haben und die in Deutschland gar nicht zugelassen sind, werden ziemlich heiß und scheinen ganz schön empfindlich zu sein.

Von Rijeka nach Nin

Durch die Dolomiten nach Grado

Noch vor dem Frühstück machen wir uns auf den Weg nach Grado. Unsere Route führt zunächst über Bozen und durch die schwindelerregende Eggenschlucht hinauf in die beeindruckende Bergwelt der Dolomiten.

Dolomiten

Bei dieser grandiosen Aussicht holen wir unser Frühstück nach und fahren durch das nordostitalienische Landesinnere nach Grado, einem beliebten Ferien- und Wochenendausflugsziel der Italiener an der Ostküste.

Unterwegs machen wir eine Toilettenpause an einer verlassenen Raststätte. Während ich mir im angrenzenden Maisfeld ein stilles Örtchen suche, halten nacheinander zwei Italiener mit Ihren Autos und machen Christiane eindeutige Angebote. Nur energisch lassen sie sich abschütteln. Nicht mal in Ruhe auf’s Klo gehen kann man.

Als wir in Grado hineinfahren holt uns wieder einmal der Regen ein, als wir wegen eines, dem Blaulichtaufgebot nach zu urteilen schweren Verkehrsunfalls eine halbe Ewigkeit im Stau stehen. Einziger Lichtblick ist eine kurze Regenpause, die für wenige Momente den Blick auf einen pastellfarbenen Sonnenuntergang freigibt.

Grado

Später finden wir einen großen, aber noch nicht offiziell in Betrieb genommenen Parkplatz für Wohnmobile, nur 50 Meter vom Meer entfernt. Der geplante Abendspaziergang ans Meer endet allerdings vor einem großen Zaun mit verschlossenem Tor. Dahinter liegt ein schmaler Sandstreifen mit den üblichen Liegestuhl- und Sonnenschirmreihen. Als Entschädigung werden wir in der Nacht durch das musikalische Programm eines angrenzenden House-Clubs unterhalten. Bella Italia!

Wandern zu den Spronser Seen in Südtirol

Am Morgen brechen wir zu unserer ersten Wanderung auf mit dem Ziel Spronser Seen. Nach einem beschwerlichen Aufstieg über 1.500 Höhenmeter erreichen wir den höchsten Punkt unserer Wanderung und kehren im Gasthof Oberkaser ein.

Oberkaser

Wandern zu den Spronser Seen in Südtirol

Wir

Wandern zu den Spronser Seen in Südtirol

Wandern zu den Spronser Seen in Südtirol

Wie das bei Rundwanderungen so ist, müssen wir jeden Meter, den wir den Berg hinauf gekraxelt sind, nun wieder hinunter. Gegen späten Nachmittag werden wir noch einmal von einer grandiosen Aussicht über Dorf Tirol und Meran verwöhnt, bevor es anschließend steil hinab ins Tal geht.

Meran

Über den Passo di Rombo nach Südtirol

Nach einer regenreichen Nacht im Allgäu verlassen wir Deutschland und machen uns auf den Weg nach Südtirol. Bei strömendem Regen überqueren wir den Passo di Rombo. Der Passo di Rombo ist ein bis zu 15 Prozent steiler, sich in 180-Grad-Serpentinen windender Pass auf knapp 2.500 Metern. Für den Motor unseres Sprinters ist der Passo di Rombo die erste Bewährungsprobe, die er reibungslos meistert.

Passo di Rombo

Unterwegs überholen wir mehrere unerschrockene Radfahrer, die sich den Pass hinauf quälen. Allein bei dem Gedanken daran bekommen wir Schweißausbrüche, nicht nur wegen der körperlichen Anstrengung, sondern auch wegen der Gefahren, denen sie sich auf solchen Straßen aussetzen. Auch in den Tagen danach beobachten wir immer wieder anscheinend lebensmüde Radfahrer auf unmöglichsten Straßen, die teilweise auch davor nicht zurückschrecken, mit dem Rennrad ohne Licht durch dunkle, enge und lang gezogene Straßentunnels hindurch zu fahren.

Am Abend erreichen wir unser Ziel Dorf Tirol bei Meran und quälen uns auf der Suche nach einem Stellplatz für die Nacht durch enge Gassen den steilen Berg hinauf. Das sind natürlich keine guten Aussichten auf einen Stellplatz, und wir sind zu allem Überfluss auch noch mitten in eine Gewitterfront hineingeraten. Als wir am Waldrand anhalten und überlegen, was wir machen sollen, schlägt direkt neben uns ein heftiger Blitz ein, und wir können die Druckwelle des Donners deutlich spüren. Nicht gerade die angenehmsten Bedingungen für die Stellplatzsuche. Letztendlich finden wir dann doch noch eine Parkmöglichkeit, wenn auch ziemlich abschüssig. Trotzdem schlafen wir sehr gut in dieser Nacht.

Zweiter Boxenstopp

Wir bringen den Sprinter planmäßig zum zweiten Boxenstopp in eine uns bekannte Mercedes-Werkstatt bei meiner Familie im Sauerland. Geplant sind zwei Tage für neue Bremsen, Reifen, einige andere Kleinigkeiten und der Einbau einer Standheizung.

Die Zeit werden wir für einige Formalitäten nutzen, die wegen unserer heißen Endphase in der Reisevorbereitung liegen geblieben waren, insbesondere unsere Testamente, Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen – eine Notwendigkeit, da wir ja nicht verheiratet sind.

Aus den geplanten zwei Tagen Werkstattaufenthalt sind letztendlich ganze fünf geworden, da sich nach und nach herausstellt hat, wo die Autowerkstatt in Gingen bei Göppingen („direkt an der B10“), von der wir während der Reisevorbereitung einige Umbauten wie das Hochdach hatten machen lassen, überall geschlampt und gepfuscht hat. So zum Beispiel beim Einbau einer neuen Starterbatterie, bei der ein Stopfen vergessen wurde. Dadurch war bereits eine erhebliche Menge Säure ausgetreten und auf die darunter liegenden Kabel und Schläuche getropft. Betroffen waren davon verschiedene Systeme wie für unter anderem den Allradantrieb wichtige Unterdruckleitungen. Aussage der Mercedes-Werkstatt:
„Damit wäret ihr nicht bis München gekommen.“

Immerhin sind Testamente, Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen am Ende fertig. Man glaubt gar nicht, wie viele Gedanken man sich dabei machen muss.

Documenta 12 in Kassel

Wir besuchen unsere sehr gute Freundin Maike in Kassel und nutzen die Gelegenheit zu einer Besichtigung der Documenta 12. Seit eh und je ist das Museum Fridericianum Dreh- und Angelpunkt der weltweit größten Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die alle fünf Jahre in Kassel stattfindet.

Auf dem Platz vor dem Museum hat eine Künstlerin ein Mohnblumenfeld angelegt – ein erfrischender Anblick im Vergleich zum Alltag städtischer Parks. Trotzdem fällt uns auf, dass das Feld an einigen Stellen doch recht spärlich wirkt. Wie wir von Maike später erfahren, waren leichte Anfangsschwierigkeiten beim Anlegen dieses Kunstwerks aufgetreten. Das Feld war nach den Vorgaben der Künstlerin angelegt und ausgesät worden. Die Vorgaben enthielten jedoch nicht den Auftrag, das Feld auch zu wässern. Das Resultat: Während überall sonst die Mohnblumen blühten, konnte man vor dem Fridericianum noch die tiefen Risse im trockenen Boden bei Ihrer Ausdehnung bestaunen!

Documenta 12 in Kassel

Im Fridericianum gefällt uns die Installation eines südamerikanischen Künstlers aus elegant geschwungenen Edelstahlstangen und darauf montierten Plexiglasscheiben, die sich außerhalb des Gebäudes fortsetzt.

Documenta 12 in Kassel

Außerdem sehen wir die erste von vielen, über alle Documenta-Ausstellungsflächen verteilten Sitzgruppen chinesischer Holzstühle, die, keiner wie der andere, von einem Sammler zusammengetragen wurden und zum Verweilen einladen. Wie wir hören, sind die Stühle käuflich und sollen am Ende der Documenta für je 3.000 Euro das Stück angeboten werden. Bei insgesamt 1.000 Stühlen ein lohnendes Geschäft für den Sammler.

Documenta 12 in Kassel

Ein Beispiel, wie Kunst durch bloßen Zufall eine enorme Wertsteigerung erfahren kann, liefert das Kunstwerk eines chinesischen Künstlers, der Türen und Fenster aus zwei chinesischen Epochen zu einem sternförmigen Kunstwerk zusammengezimmert hat. Schöne Türen und Fenster, aber ansonsten nicht sonderlich spektakulär, stürzte das Werk bei einem Sturm in sich zusammen und entfaltet nun derart verwunden erst seine volle Wirkung. Gleichzeitig erfuhr es dadurch eine Wertsteigerung auf das Doppelte des vorherigen Wertes!

Documenta 12 in Kassel

Alles in allem lavierte die Documenta aus unserer Sicht wieder einmal zwischen Kunst und Trash. Insgesamt war sie aber ein lohnender Besuch, wegen der Kunst und wegen der schönen Geschichten darum herum. Zum Abschluss noch ein paar unserer Lieblingsfotos von der Documenta 12:

Documenta 12 in Kassel

Documenta 12 in Kassel

Documenta 12 in Kassel

Dresden

Spätnachmittags am Tag zuvor sind wir in Dresden angekommen und haben ein Stück flussaufwärts einen schönen Stellplatz am Fuß des „Blauen Wunders“ gefunden. Die blaue Stahlbrücke, die sich ohne Zwischenpfeiler über die Elbe spannt, verdankt ihren Namen dem blauen Schutzanstrich und war zu ihrer Zeit eine technische Meisterleistung.
Während Christiane sich in die Büsche schlug und anschließend einen kleinen Spaziergang machte, landete eine Gruppe Flusswanderer aus Thüringen mit ihren Kajaks in der Nähe unseres Sprinters an. Sie fragten, ob sie die Boote über Nacht im Schutz unseres Sprinters liegen lassen könnten und spendierten uns dafür eine Flasche Rotwein.

Blaues Wunder in Dresden

Blaues Wunder in Dresden

Bei zunächst mäßigem Regen laufen wir entlang der ausgedehnten, naturbelassenen Elbaue in die Stadt. Trotz des Regens wimmelt es von Touristen. Dresdens „Skyline“ entlang des linken Elbufers beeindruckt, aber der Massentourismus und der nicht nachlassende Regen trüben den Genuss. Entfernt man sich außerdem von den Prunkbauten weg aus dem Zentrum, stößt man schnell auf immer noch klaffende Wunden aus dem Weltkrieg sowie ausgedehnte Plattenbausiedlungen aus der DDR-Zeit.
Auf der anderen Elbseite läuft man zunächst durch eine wenig ansprechende Einkaufsstraße, bevor man endlich in Stadtteile gelangt, die einen wirklichen, allerdings auch sehr alternativen Charme ausstrahlen.
Da der Regen weiter anhält, kehren wir jedoch bald um und setzen uns in die Straßenbahn zurück zum Blauen Wunder. Die Radiowettervorhersage für die nächsten Tage: „Der Regen wird wärmer.“

Bergwerk F60 in der Lausitz

Nachdem wir vier Wochen lang bei viel Regen über Darmstadt, Mainz, Essen, Düsseldorf, Paderborn, Bremen und Berlin durch halb Deutschland getingelt sind, um noch einmal die meisten unserer Freunde zu sehen, fahren wir auf Ostdeutschlands Landstraßen Richtung Dresden. Dresden soll unsere Station ohne Besuchstermin im Hintergrund werden.

Auf halber Strecke nach Dresden suchen wir uns eine Übernachtungsmöglichkeit in der Lausitz und stoßen auf den stillgelegten Tagebau des ehemaligen Bergwerks F60. Die Stellplatzsuche im stillgelegten Tagebau wird die erste Herausforderung für den Allradantrieb unseres Sprinters. Belohnt werden wir mit einem netten Plätzchen und Aussicht auf die gigantische Förderbrücke. Die Förderbrücke sieht aus wie ein auf die Seite gelegter Eifelturm, aber sie ist viel länger und wird nachts von Schweinwerfern bunt angestrahlt. Diesen Anblick genießend werfen wir erstmals den Grill an und verbringen einen romantischen Abend und eine romantische Nacht bei absoluter Stille – ein großartiges und kaum mehr gekanntes Gefühl!

Bergwerk F60 in der Lausitz

Bergwerk F60 in der Lausitz

Erster Boxenstopp

Nachdem wir zunächst Christianes Verwandtschaft abgeklappert haben, um uns bei ihnen zu verabschieden, fahren wir am Abend zu Helmut, einem alten Freund von Christiane, um bei ihm unseren ersten Boxenstopp einzulegen. Helmut ist Kfz-Mechaniker, und er opfert seinen Sonntagabend, um einen Ölwechsel und etliche andere Inspektionen an unserem Sprinter durchzuführen. Seine Frau Antje verwöhnt uns derweil mit riesigen Essensbergen aus ihrem Geburtstagsfrühstück.

Boxenstopp

Reisevorbereitung und Reisebeginn

Mit reichlich Verspätung erscheint der erste Bericht unseres Reisetagebuchs. Idealistisch, wie wir sind, wollten wir unseren Bericht über die ganze Reisevorbereitung natürlich schon zu unserer Abreise geschrieben haben, aber die letzten Tage verliefen dann doch ganz anders, als wir es uns vorgestellt hatten.

Bis zum Beginn der letzten Vorbereitungswoche vor der großen Reise waren wir noch bestens im Zeitplan. Seit dem Entschluss zu unserem Vorhaben im Juni 2006 hatten wir fast jeden Tag daran getan, unseren Traum zu verwirklichen. Nachdem die Idee geboren und der Entschluss gefasst waren, fingen wir erst einmal mit einem großen Brainstorming an und kamen auf immer mehr Dinge, die zu tun waren. Verschiedene alternative, grobe Reiserouten wollten überlegt und gegeneinander abgewogen sein, Ein- und Ausreisebestimmungen der Länder beschafft und gesichtet und lauernde Gefahren und Krankheiten aufgespürt werden, ein nicht endender Prozess, da sich die Bedingungen jederzeit ändern können. So zum Beispiel zuletzt durch verschiedene politische und religiöse Konflikte. Für Syrien und Jordanien sind im Moment wegen des Konflikts im Libanon keine Visa mehr erhältlich. Unsere Tour ist dem entsprechend mit einigen Fragezeichen versehen.

Parallel zur Routenplanung begannen wir die Auswahl des Fahrzeugs und die Suche danach. Wir entschieden uns für einen allradgetriebenen Kastenwagen, also einen Kompromiss aus Platzangebot und Geländegängigkeit. Ein Wohnmobil wäre uns zu geländeuntauglich und ein Geländewagen in Pickup-Ausführung mit einem Kabinenaufbau über einen Zeitraum von mehreren Jahren zu unkomfortabel gewesen. Letztlich wurde es ein mittellanger Mercedes-Benz Sprinter 312 D 4×4, das heißt mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 3,5 t und einem 120 PS starken Turbodiesel sowie Allradantrieb.

Reisevorbereitung

Den Motor hatte uns Frau Breymayer, Teamleiterin in der Dieselmotorenentwicklung im Mercedes-Motorenwerk in Untertürkheim als unschlagbar robust empfohlen. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an sie für ihre bereitwillige Unterstützung.

Das serienmäßige Dach ließen wir durch die Werkstatt eines Bekannten heraustrennen und durch ein 85 cm hohes Hochdach ersetzen. Das Hochdach gibt uns großzügige Stehhöhe hinten im Küchenbereich, der uns gleichzeitig als Bad dient, und beim Kleiderschrank. Im vorderen Bereich des Fahrzeugs über der Sitzecke, die aus einer Zweiersitzbank, Fahrer- und Beifahrersitz, die wir in den Raum drehen können, und einem Tisch besteht, haben wir einen Boden einlegen lassen, auf dem sich unser festes Bett befindet. Somit müssen wir nicht jeden Abend die Sitzgruppe umbauen, um darauf schlafen zu können.

Das Heraustrennen des Seriendachs und das Aufsetzen des Hochdachs waren der Auftakt zu einer monatelangen Aus- und Umbauaktion. Das Dach wurde isoliert, eine Dachhaube eingebaut und eine Solaranlage installiert. Die Isolation erfolgte mit Styrofoam-Platten, einer Art festerem Styropor. Die Dachhaube befindet sich in der Mitte des Dachs über unseren Schlafplätzen, so dass wir nachts vom Bett aus den Sternenhimmel beobachten können. An den Dachenden, vor und hinter der Dachhaube wurden zwei moderne CIS-Solarpanele mit je 55 Wp aufgeklebt, die auch bei Teilabschattung und bedecktem Himmel noch eine relativ hohe Lichtausbeute haben. Die Panele speisen eine 60 Kg schwere Solarblock-Gelbatterie mit 185 Ah Kapazität und extrem hoher Zyklenfestigkeit. Die Batterie kann bei mittlerer Entladung ca. 5.000 Mal ge- und entladen werden und versorgt unseren Kompressorkühlschrank sowie diverse Akkus für Notebook, Kameraausrüstung, Weltempfänger, Taschenlampen etc.

Reisevorbereitung

Nach den Umbauten durch die Werkstatt begannen wir mit der Detailplanung des Innenausbaus, im einzelnen Kleiderschrank, Küche/Bad und Heckaufbau. Der Ausbau durch einen Schreiner erwies sich als zu kostspielig, so dass wir beschlossen, ihn selbst durchzuführen. Wir erhielten bezüglich des Materials jedoch Beratung vom Schreiner und bestellten die Tischlerplatten schließlich auch bei ihm. Unsere Wahl fiel auf 13 mm dicke Stäbchenplatten der Firma Moralt, die im Ladenbau verwendet werden und wegen der vertikalen Anordnung der Holzfasern zur Grundfläche durch große Stabilität bei gleichzeitig minimalem Gewicht und hoher Feuchtigkeitsbeständigkeit gekennzeichnet sind. Diese bauten wir mittels Winkeln zu einzelnen Modulen zusammen, die wir untereinander mittels großer Durchgangschrauben verschraubten. Optisch gibt es sicherlich elegantere Lösungen, aber so kommen wir an jede Schraube, ohne zuvor ganze Module ausbauen zu müssen.

Nach wochenlangem Schrauben fuhren wir unseren Sprinter beim TÜV in Stuttgart vor. Es war zwar bereits ein Vollgutachten erstellt worden, und unser Sprinter wies keine Mängel auf, aber das war noch vor dem Innenausbau, und wir hätten den Wagen nach der neuen Gesetzgebung, die unter anderem einen fest mit dem Fahrzeug verbundenen Schlafplatz, einen Kleiderschrank, eine Kochmöglichkeit sowie Zu- und Abwasser vorschreibt, nur als LkW und nicht als Wohnmobil zulassen können. Als wir beim TÜV vorfuhren, wurden wir mit großer Verwunderung empfangen: Ein Ingenieur, der die Abnahme durchführen müsse, sei nicht im Hause, und Termine gebe es erst wieder eine Woche später, genauer gesagt zwei Tage vor unserer geplanten Abreise. Vormittags war uns noch zugesichert worden, ein Termin sei nicht erforderlich und der Wagen könne bis zum späten Nachmittag unangemeldet vorgeführt werden. Nach all der Arbeit und der Hektik in den Wochen zuvor, um den Innenausbau fertig zu stellen, einem kleinen Nervenzusammenbruch nahe, ließ sich die Dame doch noch einen Termin zwei Tage früher entlocken. Das war uns bei den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens mit deutscher und ausländischer Bürokratie gemacht haben, trotzdem zu knapp. Wir hatten Bedenken, dass der Wagen nicht ohne weiteres als Wohnmobil durch den TÜV kommen, und dass auch die Zulassung nicht reibungslos von statten gehen könnte. Mit diesen Vorahnungen sollten wir Recht behalten.

Tags darauf telefonierten wir alle TÜV-Niederlassungen des Umkreises ab und hatten Glück. Wir erhielten einen weiteren Tag später einen Termin bei der Niederlassung in Sindelfingen. Also fuhren wir dorthin und führten den Sprinter vor. Obwohl es sich bei unserem Fahrzeug unverkennbar um ein Wohnmobil handelte, fand der junge TÜV-Mitarbeiter dennoch einige Details, wegen der er unseren Sprinter nicht als Wohnmobil anerkennen könne. Die Spüle sei nicht fest mit dem Fahrzeug verbunden, da sie in den Holzrahmen nur lose eingehängt war, und auch die Kocher müssten so mit dem Fahrzeug verbunden sein, dass man sie nur mit einem Werkzeug entfernen könne. Wir erklärten ihm, dass wir die Kocher auch auf unseren Wanderungen mitnehmen wollten und sie deshalb absichtlich nicht fest eingebaut hätten, aber Erklärungsversuche und Diskussionen über die Definition des Festigkeits- und Verbundenheitsbegriffs nützten nichts, er ließ sich nicht erweichen.

Aus uns im Nachhinein unerfindlichen Gründen hatten wir außerdem darauf verzichtet, Zu- und Abwasserkanister mitzunehmen. Ein Fehler, aber deswegen wollten wir uns noch nicht geschlagen geben und unverrichteter Dinge nach Stuttgart zurückfahren. Werkzeug und Schrauben hatten wir dabei, und glücklicherweise gab es neben dem TÜV einen Campingausstatter. Dort erhielten wir die Kanister und verschraubten sie mit dem Fahrzeug, da wir so kurzfristig keine andere Lösung hatten, eine feste, nur mit einem Werkzeug zu lösende Verbindung mit dem Fahrzeug herzustellen. Dass die Kanister mit den Löchern nicht besonders lange dicht sein würden, war offensichtlich, aber die gesetzlichen Anforderungen waren damit zumindest erfüllt. In die Spüle sägten wir schnell ein Loch für den Abfluss zum Abwasserkanister. Die Einzelteile des Abflusses hatten wir zuvor ebenfalls in dem Campingladen erhalten. Die Spüle und den Kocher verschraubten wir fest mit dem Rahmen.

Als wir nach rund einer Stunde erneut beim TÜV-Mitarbeiter vorstellig wurden, war dessen Verwunderung groß. Ungläubig betrachtete er unser Werk. Auch ihm behagten die mit Schrauben befestigten und durchlöcherten Kanister zwar nicht, aber er musste widerstrebend einräumen, dass alles, wenn schon nicht sinnvoll, zumindest gesetzeskonform war und es sich bei unserem Sprinter nun eindeutig um ein Wohnmobil handelte. Das Kapitel TÜV war damit abgehakt, aber es sollte ja noch die Zulassung kommen…

Reisevorbereitung

Reisevorbereitung

Reisevorbereitung

Am Montag unserer letzten Vorbereitungswoche begaben wir uns in die Zulassungsstelle, bereits mit schlechtem Gefühl im Bauch. Es wäre ja zu einfach gewesen, wenn nun alles glatt gegangen wäre, zumal wir nur noch in dieser Woche in Stuttgart und Deutschland gemeldet waren und nach der neuen Gesetzgebung auch nur noch in dieser Woche überhaupt ein Fahrzeug in Deutschland zulassen konnten. Zudem stand uns noch die Renovierung unserer Wohnung bevor.

Und es kam, wie es kommen musste, dunkle Wolken brauten sich über unseren Köpfen zusammen. Der Blitz, der uns traf, ging in Form der Feststellung auf uns nieder, dass unser Sprinter, der zuletzt in Österreich zugelassen war, zuvor schon einmal in Deutschland angemeldet war, und dass der Verbleib des alten deutschen Fahrzeugbriefs unklar war. Irgendwie wussten wir da schon, was uns nun bevorstehen würde…

Es folgte tagelanges Hin- und Hertelefonieren mit den Zulassungsstellen in Österreich und in Stuttgart, dem Händler, bei dem wir den Sprinter gekauft hatten, mehreren Vorbesitzern des Fahrzeugs und verschiedenen Stellen der österreichischen und Deutschen Post. Die österreichische Zulassungsstelle hatte entgegen der geltenden europäischen Richtlinie zum innereuropäischen Fahrzeughandel den alten deutschen Fahrzeugbrief nicht eingezogen. Der Brief musste sich also noch in Händen eines der Vorbesitzer befinden. Diese machten wir nach und nach ausfindig, und wir hatten Glück. Auf nachdrückliches Nachfragen hin stellte sich bei einem der Vorbesitzer aus Linz in Österreich tatsächlich heraus, dass sich der Fahrzeugbrief dort noch befand. Wir erklärten der Dame unsere Situation, und dass wir den Brief unter allen Umständen bis Donnerstag bräuchten, denn Freitag war die Zulassungsstelle geschlossen. Sie solle den Fahrzeugbrief bitte sofort per Express an uns senden. Den Versand bestätigte sie uns dann auch.

Als am Mittwoch kein Brief bei uns einging, wurden wir nervös. Wir versuchten über die österreichische und Deutsche Post herauszufinden, wo sich die Expresssendung befand. Erst nach langem Hin und Her, da die Sendung noch keine deutsche Sendungsnummer erhalten hatte, stellte sich endlich heraus, dass sie sich irgendwo im Zentraldepot der Deutschen Post in Frankfurt am Main befand. So weit, so gut.

Es stellte sich aber auch heraus, dass der Fahrzeugbrief als Einschreiben statt per Express versendet worden war. Die Zustellung bis Donnerstag war unwahrscheinlich. Wir wären augenblicklich nach Frankfurt gefahren, um die Sendung abzuholen. Der genaue Verbleib des Fahrzeugbriefs im Zentrallager war jedoch nicht zu ermitteln. Es blieb uns also nichts Weiteres übrig, als abzuwarten.

Als die Sendung am Donnerstag dann tatsächlich nicht bei uns eintraf, hatten wir keine andere Wahl, als bei der Zulassungsstelle vorstellig zu werden in der Hoffnung, dass es dem bürokratischen Apparat vielleicht doch möglich sein könnte, eine Ausnahme zu machen. Vor Anspannung zitternd saßen wir am Donnerstagnachmittag bei der Zulassungsstelle, warteten, bis wir an der Reihe waren und hofften auf ein Wunder. Und irgendwie sollte es wohl sein, dass wir unsere lang vorbereitete Reise wie geplant antreten sollten. Die Zulassungsstelle drückte tatsächlich beide Augen zu und ermöglichte uns, unseren Sprinter anzumelden und den Fahrzeugbrief nachzureichen.

Als wir dann endlich die beiden Nummernschilder in den Händen hielten, hätten wir weinen können vor Glück. All die Strapazen waren nicht umsonst gewesen, und es konnte endlich losgehen!

Natürlich bestand unsere Reisevorbereitung nicht nur darin, ein Fahrzeug zu finden, aus- und umzubauen und zuzulassen. Ausrüstung, Werkzeuge und Ersatzteile mussten beschafft, Pkw und Motorrad verkauft, der Haushalt auf das Wesentliche reduziert und eingelagert und der Rest auf Flohmärkten verscherbelt werden. Selbst unsere Plattensammlung lösten wir auf. Unsere Jobs und unsere Wohnung kündigten wir, unseren Wohnsitz und unsere freiberuflichen Tätigkeiten meldeten wir ab. Unsere Steuererklärungen für das laufende Jahr bereiteten wir so weit wie möglich vor. Für die Reisekasse eröffneten wir ein gemeinsames Online-Konto mit EC- und Kreditkarten.

An Versicherungen schlossen wir weltweit geltende Auslandskranken-, Haftpflicht-, Rechtsschutz- und Unfallversicherungen ab. Unsere Inlandskrankenversicherungen kündigten wir. Stattdessen schlossen wir so genannte Anwartschaftsversicherungen ab, die uns garantieren, jederzeit zu alten Konditionen und ohne neuerlichen Gesundheitstest wieder in unsere alten Krankenversicherungen aufgenommen zu werden. Somit sind wir auch für denjenigen Fall abgesichert, dass uns bei der Reise gesundheitlich etwas zustößt. Während der Reise haben wir lediglich die vergleichsweise geringen Kosten der Anwartschaftsversicherungen zu tragen.
Abonnements, Mitgliedschaften und Verträge reduzierten wir auf das Notwendigste. Als harte Nüsse erwiesen sich dabei die verschiedenen Telekommunikationsverträge. Am einfachsten war es noch, den Telefonanschluss bei der Telekom zu kündigen. Wesentlich mehr Nerven kostete es, bei anderen Anbietern für Internet-Zugang und Mobilfunk aus den Verträgen herauszukommen. Bei 1&1, unserem Internet-Provider waren etliche Anrufe, E-Mails und deutliche Worte erforderlich, bis man unsere Kündigung aus wichtigem Grund akzeptierte. Bei Debitel, unserem Mobilfunkanbieter halfen auch deutliche Worte nichts. Nachdem unsere zweijährige Mindestvertragslaufzeit abgelaufen war, machte man uns nicht etwa darauf aufmerksam, dass wir gegen Vertragsverlängerung Anspruch auf ein neues Mobiltelefon hatten. Nein, man wies uns wie selbstverständlich darauf hin, dass sich der Vertrag, da nicht gekündigt, gemäß den in den Filialen ausliegenden allgemeinen Geschäftsbedingungen (die wir dort noch nie ausliegen gesehen haben), um ein Jahr verlängert habe, und das wohlgemerkt ohne jegliche Gegenleistung! Unser Tipp: Mobilfunkverträge nach Vertragsabschluss vorsorglich am besten gleich zum Ende der Mindestvertragslaufzeit kündigen und später bei Bedarf einen neuen Vertrag abschließen!
Insgesamt konnten wir so unsere gemeinsamen monatlichen Fixkosten trotzdem auf unter 400 Euro reduzieren.

Über Monate hinweg ließen wir uns gegen alle erdenklichen Krankheiten, auch solche, von denen wir nie etwas gehört hatten, impfen. Neben den Standardimpfungen Diphtherie, Polio und Tetanus gehörten dazu Frühsommer-Meningo-Enzephalitis, Gelbfieber, Hepatitis A und B, Japanische Enzephalitis, Meningokokken-Meningitis, Tollwut und Typhus.

All unsere wichtigen Dokumente kopierten wir mehrfach und scannten sie zusätzlich, um sie als PDF-Dateien auf Memorysticks immer bei uns tragen zu können. Von all unseren sonstigen Daten machten wir Sicherheitskopien. Für das Reisetagebuch überlegten wir uns eine Internet-Adresse, reservierten sie, besorgten Speicherplatz und richteten es ein.

All das liegt nun hinter uns, denn wir sind endlich unterwegs!

HIT THE ROAD!!!