Archiv des Autors: Jan

Von Kapstadt zurück nach Deutschland

Unseren Gedanken und Erinnerungen nachhängend sitzen wir nun nach 373 Tagen und rund 35.000 Kilometern im Flugzeug von Kapstadt zurück nach Deutschland. Unseren Sprinter werden wir im Open-Top-Container nach Deutschland verschiffen. Die Investition der rund 4.000 Euro hätte sich eigentlich nicht mehr gelohnt, aber sonst bekämen wir unsere für das Carnet de Passages hinterlegten 5.000 Euro nicht zurück.
Es war eine lange Zeit, aber sie ist vergangen wie im Flug, und sie war aufregend, aber auch strapaziös. Einerseits freuen wir uns nun auf die Rückkehr nach Deutschland, andererseits bedrückt uns das Ende unserer großen Reise.

In Kapstadt haben wir acht Wochen lang gelebt, und die Stadt wäre ein so perfekter Ort zum Leben gewesen, wenn die sozialen Probleme dort nicht wären. Trotzdem wären wir gerne noch eine Weile geblieben. Wir hatten sogar versucht, Jobs zu finden. Doch wegen des Black Economic Empowerment Act gibt es kaum Jobs für Weiße. Viele junge, weiße Südafrikaner verlassen das Land in Richtung Australien oder Neuseeland. Schon gar keine Jobs gibt es für weiße Ausländer, es sei denn, sie verfügen über Kompetenzen, deren Bedarf Südafrika nicht aus dem Inland decken kann. Sprachkompetenz wäre da allen voran zu nennen, und in Kapstadt gibt es auch tatsächlich eine große deutschstämmige Gemeinde. Trotzdem reicht es meist nicht, Deutsch und Englisch zu sprechen, denn die Amtssprache der Buren ist ja Afrikaans.
Tatsächlich hätten wir die Möglichkeit gehabt, für Lufthansa oder Swiss Air in einem Callcenter zu arbeiten. Von den 500 Euro im Monat hätten wir uns aber kaum mehr als eine Wellblechhütte leisten können.

So freuen wir uns nun auch auf die Rückkehr nach Deutschland. Und wir sind gespannt, welche Abenteuer uns in unserer alten Heimat erwarten…

HIT THE ROAD!!!

Abschied von den AfricanDreamers

Auf einem Weingut in Stellenbosch treffen wir uns zum Abschied mit Fulco und Marielle, den „AfricanDreamers“.

Stellenbosch

Stellenbosch

Auch Fulco und Marielle sind bis nach Kapstadt gefahren, und Kapstadt bedeutet für sie das Ende ihrer Reise durch Afrika – ihres Traums von Afrika.

AfricanDreamers

Der Bus unserer niederländischen Freunde ist schon in einem 40-Fuß-Open-Top-Container unterwegs zurück in die Heimat, und auch sie werden nun den Heimflug antreten. Kennengelernt hatten wir Fulco und Marielle im Camp in Assuan, als wir gemeinsam mit den vielen anderen Afrikafahrern auf die Fähre über den Nassersee in den Sudan warteten. Den Weg durch die sudanesische Wüste haben wir gemeinsam bestritten und die gefährliche Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia gemeinsam überstanden. Wir haben Silvester im Nirgendwo der sudanesischen Wüste und meinen Geburtstag am tansanischen Strand gefeiert. Daraus ist eine Freundschaft geworden, und wir werden sie und ihre beiden niederländischen Schäferhunde Doerak und Djennis vermissen. Aber wir werden sie wiedersehen.

Christiane mit Fulco und Marielle

Fulco

Marielle

Fulco

Auch Benedikt kommt mit seiner Lebensgefährtin Amanda zur Verabschiedung. Wir hatten Benedikt im Blue Nile Sailing Club in Karthum kennengelernt. Benedikt ist ein deutschstämmiger Südafrikaner und lebt in Kapstadt. Er hat uns dort ein wenig in die Gesellschaft eingeführt.

Christiane mit Benedikt und Amanda

Zu Gast in Hout Bay und Kapstadt

Hout Bay ist ein weiterer Vor- und Badeort von Kapstadt, gelegen in einer malerischen Bucht und umgeben von markanten Bergen:

Hout Bay, Kapstadt

Dennis, Maike und die drei Kids, die wir im Camp in Kairo kennen gelernt und die uns zu sich nachhause in Hout Bay eingeladen hatten, sind von Johannesburg hierher gezogen. Zu unserer Überraschung treffen wir jedoch nur Maike und die Kids an – Dennis ist nicht da. Aber erst einmal ist die Freude über das Wiedersehen riesig, und das feiern wir bei einem Glas Wein!

Maike und Christiane

Jasmin

Jona

Janek

Es stellt sich heraus, dass Dennis tatsächlich nicht mehr bei der Familie ist. Maike hat sich von ihm getrennt. Einige Tage später sehen wir ihn noch einmal kurz, doch es gibt nicht mehr viel zu sagen.

Zu Maikes Haus gehört ein kleines Cottage, das sie uns in den kommenden acht Wochen für unsere Erkundungen Kapstadts großzügig zur Verfügung stellt. Wir revanchieren uns dafür ein wenig, indem wir im Haushalt helfen und auch für sie eine Website machen, denn Maike ist Goldschmiedin:

Maike Valcarcel

Kapstadt selbst ist eine Stadt wie andere auch und nicht zu vergleichen mit dem Charme manch europäischer Stadt. Was Kapstadt besonders macht, sind die einzigartige Lage am Fuß des Tafelbergs mit seinem namensgebenden Plateau, die traumhaft schöne Küstenlinie und deren viele Strände. Das macht Kapstadt zu einem wahren Paradies – wären da nicht die riesigen sozialen Probleme Südafrikas.

Waterfront, Kapstadt

Waterfront, Kapstadt

Waterfront, Kapstadt

Wir hatten es bereits angesprochen: Das Leben hier hat etwas vom Leben im goldenen Käfig. Maikes Haus beispielsweise befindet sich wie fast alle Anwesen hier in einer umzäunten und bewachten Neighbourhood. Überall hängen Schilder des hier wachhabenden Sicherheitsdienstes. Die einzelnen Anwesen sind zusätzlich durch Alarmanlagen, hohe Mauern und teilweise Elektrozäune obendrauf geschützt. Man kommt sich vor, wie im Hochsicherheitstrakt.
Und so ist es auch: Als wir eines Tages einen kleinen Spaziergang auf den kleinen Berg hinauf machen wollen, an dessen Hang sich Maikes Neighbourhood befindet, schaffen wir es gar nicht erst aus dem Wohngebiet heraus – bis auf den Eingang ist es zu allen Seiten hin hermetisch abgeriegelt. Überall schlagen Hunde an – keine kleinen Kläffer, sondern richtige, scharfe Wachhunde –, und wir können die zahlreichen Augenpaare, die auf und ruhen müssen, förmlich spüren.
Wenn man in Südafrika zur Oberschicht gehört – und dazu gehört man als Weißer praktisch automatisch –, läuft man nicht: Man fährt mit dem Auto. Man fährt mit dem Auto zur Arbeit, man fährt mit dem Auto zum Einkaufen, man fährt mit dem Auto an den Strand. Weiße Kinder fahren nicht mit dem Bus, sondern weiße Kinder werden von Ihren Eltern mit dem Auto zum Kindergarten, zur Schule und zu sämtlichen Freizeitaktivitäten gefahren.

In Hout Bay ist ein Grund dafür auch das Township, das sich unweit neben Maikes Wohngebiet befindet. Während unseres Aufenthalts in Hout Bay schwappt die Welle an Ausschreitungen gegenüber schwarzafrikanischen Ausländern auch in die Kapstadter Townships herüber, nachdem es zuvor schon im Johannesburger Township Alexandra zu Ausschreitungen gegen Wirtschaftsflüchtlinge aus Simbabwe gekommen war. Hütten wurden niedergebrannt, und in Johannesburg kamen bei den Ausschreitungen mehrere Menschen ums Leben.

Unser Sprinter hat auf dem langen und beschwerlichen Weg durch Afrika übrigens ganz schön gelitten. Die Servolenkung funktioniert nicht mehr, und auch ein Ölwechsel ist mal wieder fällig. Die Mercedes-Werkstatt in Kapstadt hat Terminvorlaufzeiten von stolzen drei Wochen, daher beschließen wir, den Sprinter in eine offene Werkstatt in Hout Bay zu bringen. Die Lenkung lassen wir generalüberholen, doch später in Deutschland wird sich herausstellen, dass der Sprinter so nicht mehr zulassungsfähig ist: 1.700 Euro in den Sand gesetzt, für einige hundert Euro mehr hätten wir eine komplett neue Lenkung bekommen. Außerdem wird sich der Turbo verabschieden, denn die Leute von der Werkstatt füllen beim Ölwechsel mehrere Liter zuviel neues Öl ein – das hat sich gelohnt. Am Schloss der Hecktür macht sich auch jemand zu schaffen, denn wegen seiner Größe passt der Sprinter nicht in die Werkstatt und steht tagelang draußen.
Noch ein weiterer kurzer Blick in die Zukunft: Das wird längst noch nicht alles gewesen sein. Inklusive neuer Lenkung werden wir bei Mercedes in Berlin 4.500 Euro für die erste Reparatur nach Afrika auf den Tisch legen. Wenig später auf einer von Brandenburgs Kopfsteinpflasterstraßen wird uns dann ein Stoßdämpfer durch die Karosserie brechen – sie ist auf Afrikas Pisten einfach zu sehr beansprucht worden. Selbst ein Sprinter mit Allradantrieb ist eben immer noch ein gewöhnlicher Sprinter und nicht wirklich für das Gelände geschaffen. Auf den ersten 10.000 Kilometern in Deutschland werden wir insgesamt einen Reparaturaufwand von 10.000 Euro haben – einen Euro pro gefahrenem Kilometer. Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir den Sprinter natürlich nicht mehr nach Deutschland verschifft und reparieren lassen, aber dass es so schlimm werden würde, ahnten wir nicht.
Es soll aber auch nicht unerwähnt bleiben, dass wir noch nie einen so schlechten Service wie bei der Mercedes-Nutzfahrzeugwerkstatt in Berlin erlebt haben – der Mercedes-Vorzeigewerkstatt für Nutzfahrzeuge in Deutschland überhaupt. Jedes Mal habe ich gebeten, sie sollen den Wagen genau durchchecken und alles reparieren, was in nächster Zeit notwendig werden wird. Trotzdem schaffen wir kaum eine längere Fahrt ohne Panne. Nach einer der vielen Reparaturen haben wir es mit dem Sprinter nicht einmal vom Hof der Werkstatt geschafft. Lapidare Antwort von Mercedes: „Das ist eben ein altes Auto.“

Zu Gast bei Planet Kids in Muizenberg

Auf dem Weg ans Kap sind wir bereits an der False Bay entlang gefahren, die für die dort häufig gesichteten Weißen Haie berühmt ist, und dorthin sind wir nun noch einmal zurückgekehrt. In Muizenberg, einem Vor- und Badeort Kapstadts in der False Bay, leben Christianes Freunde Andreas und Benita mit ihrem Sohn Luca, die vor mehreren Jahren nach Südafrika ausgewandert sind. Luca hat eine schwere Form von Autismus, einer geistigen Entwicklungsstörung. Er spricht nicht und hat hochgradig stereotypisierte Verhaltensweisen. Abweichungen von seinen bis ins Kleinste ausgeprägten Routinen haben schwere Schrei- und Wutanfälle zur Folge, bei denen er teilweise auch um sich schlägt – ein schwierige Situation für Andreas und Benita, mit der sie tapfer umgehen.

Andreas, genannt Andy, hat einen Weg gesucht, wie er sich um Luca kümmern und gleichzeitig Geld verdienen kann. Dabei kam er auf die Idee eines Indoor-Spielplatzes für behinderte und nichtbehinderte Kinder. Als wir ankommen, hat Planet Kids gerade eröffnet.

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Besuch bei Planet Kids in Muizenberg

Indoor-Spielplätze sind ein großer Trend in Südafrika, der wohl auch der Sicherheitslage hier geschuldet ist. Trotz des Endes der Apartheit sind die Unterschiede zwischen weiß und schwarz, arm und reich nach wie vor extrem. Nur eine kleine schwarze Oberschicht hat von den Umwälzungen profitiert, der Rest ist arm geblieben und verrichtet schlecht bezahlte Tätigkeiten für die Oberschicht. Das ist nichts anderes als eine moderne Form der Sklaverei. Schon auf dem Weg nach Muizenberg waren wir an Khayelitsha vorbei gefahren, dem drittgrößten Township Südafrikas und größten Township Kapstadts. Townships sind Elendsviertel. Kilometerweit bis zum Horizont erstreckt sich das Meer einfachster Behausungen. Man schätzt, das über eineinhalb Millionen Menschen in diesen zusammengezimmerten Hütten aus Wellblech, Holz, Pappe und Plastikplanen leben – eine umso erstaunlichere Zahl, wenn man bedenkt, dass Kapstadt insgesamt dreieinhalb Millionen Einwohner hat. Südafrika gilt als zweite Welt: Das bedeutet nichts anderes als die Koexistenz von erster und dritter Welt. Dementsprechend hoch ist die Kriminalitätsrate, und die weiß-schwarze Oberschicht schottet sich geradezu hermetisch von der Außenwelt ab. Das Leben spielt sich ab zwischen festungsartig gesichertem Eigenheim, Arbeitsplatz, Shopping Mall und bewachtem Strand. Die Strecken dazwischen werden ausschließlich mit dem Auto zurückgelegt. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es kaum und werden allein von der schwarzen Unterschicht genutzt. Das Leben in Kapstadt hat etwas vom Leben im goldenen Käfig.

Doch zurück zu Planet Kids. Andreas und Benita haben wirklich viel Liebe und Hingabe in dieses Projekt gesteckt. In den kommenden Wochen dürfen wir mitverfolgen, wie sich Planet Kids prächtig entwickelt. Einen kleinen Beitrag dazu leisten auch wir, denn wir machen die Website:

Planet Kids

Außerdem versuche ich, die Reisekasse aufzubessern, indem ich mich als Geburtstagsfotograf betätige. Geburtstage in Indoor-Spielplätzen zu feiern liegt in Südafrika genauso im Trend wie Indoor-Spielplätze selbst. Kinder in Aktion zu fotografieren ist eine echte Herausforderung – man muss unheimlich schnell sein, denn kaum eine Gelegenheit bietet sich länger als Bruchteile von Sekunden. Trotzdem können meine Ergebnisse sich sehen lassen – aus mir ist im Verlauf der Reise ein ganz passabler Fotograf geworden. Auch die Eltern lassen mitunter kaum eine Gelegenheit aus, vor der Kamera zu posieren. Tatsächlich verkaufen tue ich beim ersten Mal aber kein einziges Foto. Beim zweiten Mal habe ich dann mehr Glück, die Eltern kaufen alle 120 Fotos pauschal für umgerechnet 120 Euro. Dafür würde in Deutschland allerdings kein Fotograf auch nur einen Finger krumm machen, zumal das Aussortieren und Nachbearbeiten der Bilder mindestens genauso lange dauert wie der Fototermin selbst. Wenn man außerdem bedenkt, dass die Lebenshaltungskosten in Kapstadt mit denjenigen in Berlin vergleichbar sind, wird deutlich, wie schwer dieses Geld verdient ist. Daher werden wir uns in Kapstadt nach anderen Verdienstmöglichkeiten umsehen, um die Reisekasse aufzubessern.

Kap der Guten Hoffnung

Es ist ergreifend, nach einer so langen Reise an einem magischen Ort wie dem Kap der Guten Hoffnung anzukommen, auf den Klippen zu stehen und auf die Weite des Ozeans zu blicken. 313 erlebnisreiche Tage und rund 35.000 strapaziöse Kilometer auf Straßen und Pisten liegen hinter uns. Wir haben wahnsinnig viel erlebt, wahnsinnig viel gesehen, aber auch gelitten unter den Strapazen. Das sicherheitsbedingte Fahren von Camp zu Camp war zermürbend und lag wie ein Schatten über der gesamten Reise durch Afrika. Außerdem erschwerte es den Kontakt mit der lokalen Bevölkerung. Erschöpft genießen wir nun diesen bewegenden Moment des Ankommens und stoßen mit einem Gläschen Jägermeister an, das wir uns für diesen Anlass aufgehoben haben.

Kap der Guten Hoffnung

Bucht

Bucht

Welle

Welle

Kap der Guten Hoffnung

Weinprobe bei Ernie Els in Stellenbosch

Kurz vor Kapstadt liegt Stellenbosch, die größte Weinregion Südafrikas und nach Kapstadt die zweitälteste von Europäern gegründete Siedlung im heutigen Südafrika. Malerisch gelegen in einer Gebirgslandschaft präsentieren sich die Weinberge und Weingüter rund um Stellenbosch.

Stellenbosch

Eines der zahlreichen Weingüter besuchen wir und machen eine Weinprobe: das des ehemaligen Golfprofis Ernie Els. Ernie selbst treffen wir zwar nicht an, aber das tut unserem Genuss keinen Abbruch. In stilvollem Ambiente verköstigen wir wunderbare Weine und genießen den traumhaften Ausblick über Stellenbosch. Ja, da kann man schon mal neidisch werden!

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Weinprobe bei Ernie Els

Ronnies Sex Shop und Kap Agulhas

Von den Cango Caves aus sind wir einer weiteren berühmten Route Südafrikas gefolgt, der Route 62. Die Route 62 verbindet Kapstadt mit Port Elisabeth und führt durch überwiegend ländliche Regionen. Bis zum Bau der N2 im Jahr 1958 war sie die wichtigste Verbindung zwischen den beiden Städten. Sie ist weit weniger frequentiert als die bei den Touristen beliebte Garden Route, aber nicht minder sehenswert. Die insgesamt rund 850 Kilometer lange Route verläuft durch zahlreiche Weinbauregionen und ist die längste Weinstraße der Welt. Dabei führt die Route 62 auch durch die Karoo, eine Halbwüste in der Hochebene Südafrikas, nördlich der Großen Randstufe – und vorbei an Ronnies Sex Shop.
Ronnies Sex Shop ist ein weltberühmter Pub und hat mit einem Sex Shop eigentlich gar nichts zu tun. Nachdem Ronny, inzwischen ein älterer Herr geworden mit weißem Rauschebart und gutmütiger Erscheinung, vor vielen Jahren eröffnete und Ronnies Shop an die Außenwand schrieb, erlaubten sich seine Kumpels einen Scherz und machten daraus Ronnies Sex Shop. Anfangs war Ronny ziemlich sauer, doch dann konnte er sich vor Kundschaft kaum noch retten. Jeder, der vorbei fuhr, war neugierig auf den Sex Shop mitten in der Wüste – mitten im Nirgendwo. Und viele hinterließen ein Souvenir: Unzählige BH’s hängen von der Decke und zeugen von fröhlichen Abenden.

Ronnies Sex Shop

Auf dem Weg zu unserem großen Ziel Kapstadt und dem Kap der Guten Hoffnung weichen wir noch einmal von der direkten Route ab und fahren erneut an die Küste. Wer an das Kap der Guten Hoffnung denkt, denkt dabei meist auch an den südlichsten Punkt Afrikas. Doch nicht das Kap der Guten Hoffnung ist der südlichste Punkt Afrikas, sondern Kap Agulhas. Kap Agulhas ist es auch, das die Ozeane teilt in den Atlantischen Ozean im Westen und in den Indischen Ozean im Osten, der uns bisher auf dem Weg durch Südafrika begleitet hat.

Kap Agulhas

Kap Agulhas

Kap Agulhas

Kap Agulhas

Kap Agulhas

Rust en Vrede und Cango Caves

Nur einen kurzen Abstecher von der Garden Route entfernt liegen Rust en Vrede und die Cango Caves. Beides liegt inmitten einer wunderschönen Gebirgslandschaft, die sich uns in leuchtendsten Herbstfarben präsentiert.

Rust en Vrede

Afrikaans ist eine der elf Amtssprachen in Südafrika und die Sprache der Buren – eine eigenwillig, aber freundlich klingende Sprache, die sich aus dem Neuniederländischen des 17. Jahrhunderts entwickelt hat. Charakteristisch sind das rollende R und das A, das langgezogen und beinahe wie ein O gesprochen wird. Rust en Vrede ist Afrikaans und bedeutet Ruhe und Erholung, und die finden wir hier an einem netten kleinen Wasserfall.

Rust en Vrede

Nach der kurzen Verschnaufpause geht es weiter zu den Cango Caves bei Oudtshoorn. Die Cango Caves gehören zu den größten Tropfsteinhöhlen der Erde.

Cango Caves

Die Cango Caves wurden 1780 von einem Farmer entdeckt, als eines seiner Schafe in einer Felsspalte feststeckte und er sich an einem Seil herunterließ. Richtig erforscht wurde das weit verzweigte Höhlensystem jedoch erst rund 200 Jahre später, noch bis 1975 wurden immer neue Höhlenbereiche entdeckt.

Cango Caves

Cango Caves

Cango Caves

Wandern im Goukamma Nature Reserve

Und weiter geht es zur nächsten Naturschönheit an der Küste, dem Goukamma Nature Reserve bei Knysna und Lake Pleasant. Es liegt im Herzen der berühmten Garden Route, einem der schönsten und beliebtesten Reiseziele Südafrikas. Die Garden Route ist der Streckenabschnitt der N2 zwischen Humansdorp kurz hinter Port Elizabeth und Swellendam, wobei ihr Herzstück der Abschnitt zwischen Mossel Bay und der Storms River Mündung im Tsitsikamma National Park ist.
Eigentlich wollten wir im Tsitsikamma National Park den weltberühmten Otter Trail laufen, doch als wir dort ankamen mussten wir feststellen, dass wir ein Jahr im Voraus hätten buchen müssen – na toll. Der Otter Trail läuft 5 Tage und 80 Kilometer entlang der Küste parallel zur Garden Route.
Historisch betrachtet verläuft die Garden Route übrigens in der Gegenrichtung, denn entlang dieser Route verlief eine der ersten Siedlungsbewegungen der Buren. Die Buren, die sich selbst Afrikaners nennen und im Deutschen früher auch als Kapholländer oder Weißafrikaner bezeichnet wurden, sind die europäisch stämmigen Einwohner Südafrikas und Namibias. Sie stammen von den zumeist niederländischen, aber auch deutschen und französischen Siedlern ab, die sich seit Mitte des 17. Jahrhunderts am Kap der Guten Hoffnung niederließen.

Als Ersatz für den Otter Trail machen wir nun zumindest eine Tageswanderung im Goukamma Nature Reserve. Sie führt kilometerlang durch eine weitläufige, unberührte Dünenlandschaft mit traumhaften Ausblicken auf das Meer und den natürlichen Sandstrand, auf dem wir dann auch zurück laufen. Allerdings kommt die Flut, und der Strand wird immer schmaler. Zurück in die Dünen führt kein Weg, und wegen ihrer steilen und hohen Abbruchkanten besteht keine Chance, vom Strand weg zu kommen. Am Ende wird es ganz schön knapp, und wir sind froh, keine nassen Füße zu bekommen oder gar den Rest in der rauen See schwimmen zu müssen.

Goukamma Nature Reserve

Goukamma Nature Reserve

Goukamma Nature Reserve

Goukamma Nature Reserve

Goukamma Nature Reserve

Goukamma Nature Reserve

Goukamma Nature Reserve

Hole in the Wall und Port Alfred

Zurück auf der N2 haben wir weiter Kurs auf Kapstadt genommen. Nachdem die N2 zunächst unmittelbar entlang der Küstenlinie verlaufen war, führte sie zuletzt für eine ganze Weile weiter durch das Landesinnere in einem Abstand von 50 bis 100 Kilometern zur Küste. Die Küste ist dort nur über Stichstraßen erreichbar, und einen solchen Abstecher haben wir zur Coffee Bay gemacht, Südafrikas bestem Surfspot. Die Saison ist allerdings schon vorüber, so dass der kleine Badeort ziemlich verlassen ist. Trotzdem genießen wir von unserem hoch auf den Klippen gelegenen Camp aus den grandiosen Blick auf die Bucht und das tosende Schauspiel hineinrollender Wellen.

Auf eine Empfehlung hin fahren wir ein Stück weiter über Schotterpisten zum Hole in the Wall. Das Hole in the Wall ist ein großes, von Wellen ausgehöhltes und durchspültes Loch in der Mitte eines riesigen, freistehenden Monolithen. Für das dort ansässige Volk der Xhosas spielt es eine große, mythologische Rolle – was wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wissen und auch nicht ahnen.
Einige hundert Meter entfernt vom Felsen erreichen wir einen kleinen, natürlichen Parkplatz am Ende der Straße. Ein paar jugendliche Xhosas verschiedenen Alters hängen auf dem Parkplatz herum, und mir ist die Situation nicht ganz geheuer. Einer der Jüngeren soll uns zum Felsen führen, doch wir geben ihnen zu verstehen, dass wir alleine gehen möchten. Zunächst folgt er uns dennoch, aber nach einer erneuten Zurückweisung lässt er uns dann schließlich doch in Ruhe. Geld gebe ich ihm keines. Dass wir uns auf dem Land der Xhosas befinden und das ihr Weg ist, ein klein wenig Geld aus ihrem Eigentum zu machen, kommt mir in diesem Moment nicht in den Sinn.
Als wir zum Parkplatz zurückkehren und in den Sprinter einsteigen, kommt einer der Älteren zu mir ans Fenster und fordert Geld dafür, dass er auf den Wagen aufgepasst habe. Das hat für uns natürlich einen Beigeschmack, denn vor wem, wenn nicht vor ihm und den anderen selbst, hätte er unser Eigentum schützen sollen?
Dass diesbezüglich in Südafrika aufgrund der gesellschaftlichen Probleme eine Art stillschweigendes Übereinkommen besteht, werden wir erst später in Kapstadt mitbekommen. Wenn jemand seinen Wagen irgendwo öffentlich parkt, ist da immer auch ein Schwarzafrikaner, der etwas Trinkgeld dafür erhält, dass er auf das Fahrzeug aufpasst. Das ermöglicht denjenigen, abseits der Kriminalität zumindest ein klein wenig Geld zu verdienen.
In dieser Situation weiß ich allerdings noch nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich entscheide mich falsch, weigere mich zu zahlen, und wir brausen davon. Aufgebracht rennt der so Geprellte uns hinterher, kürzt durch das anliegende Dorf ab und versucht uns den Weg abzuschneiden. Mich langsam sichtlich bedroht fühlend und ohnehin angespannt gebe ich Gas, so dass er zur Seite springen muss. Im Nachhinein schäme ich mich für die ganze Aktion, im Sinne der Völkerverständigung war das sicher nicht.

Nach dieser unerfreulichen Episode erreichen wir am Spätnachmittag Port Alfred. Hier gibt es einen kleinen Leuchtturm wie aus dem Bilderbuch auf einer Anhöhe vor der Küste, und man hat einen wunderbaren Blick über die Dünenlandschaft der weitläufigen Küste. Die Gelegenheit nutzen wir, um auch ein paar Fotos von uns zu machen.

Port Alfred

Port Alfred

Port Alfred

Port Alfred

Port Alfred

Port Alfred

Port Alfred

Drakensberge

Wir haben von der N2 einen Abstecher in die Drakensberge im Landesinneren am Rande Lesothos gemacht. Geologisch betrachtet ist Südafrika ein Binnenhochland, das in Süden, Westen und Osten von Randschwellengebirgen begrenzt ist. Zum östlichen Rand gehören die Drakensberge, die höchste Gebirgskette Südafrikas mit einer Höhe von bis zu knapp 3.500 Metern. Ein Teil der Drakensberge wurde zum Nationalpark und im Jahr 2000 von der UNESCO zum Welterbe erklärt.

Südafrika liegt ähnlich weit vom Äquator entfernt wie Europa, die meteorologischen Jahreszeiten sind daher ähnlich ausgeprägt, aber entgegengesetzt. Während in Europa der Frühling herrscht, ist hier der Herbst eingezogen, und in den vergangenen Tagen hat es viel geregnet. Was in den niedrig gelegenen Küstenregionen als Regen herunter gekommen ist, hat in den höheren Lagen der Drakensberge eine erste, dünne Schneeschicht hinterlassen. Dazu scheint die Sonne, die Drakensberge und ihr landwirtschaftlich geprägtes Umland zeigen sich von ihrer schönsten Seite.

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Fünf Tage verbringen wir in den Drakensbergen und übernachten auf einer Farm. Das noch recht junge Paar hat sie frisch übernommen, und wir sind ihre ersten Gäste. Den Platz für unseren Sprinter dürfen wir uns aussuchen. Vor dem Haus ist eine große Rasenfläche, die an einen kleinen See angrenzt. In großem Bogen kurve ich am Ufer vorbei über den Rasen, bis sich plötzlich nichts mehr bewegt. Peinlich, der Sprinter steckt tief im durchfeuchteten Boden einer flachen Senke. Wo eben noch gepflegter Rasen war, ist nun eine meterlange Spur der Verwüstung, und sie endet genau dort, wo unser Sprinter steht. Doch unsere Gastgeber nehmen es gelassen. Sie rufen einen benachbarten Farmer, der den Sprinter mit seinem Traktor aus der misslichen Lage befreit.

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Mit zur Familie gehören zwei Jack Russell Terrier, der eine schon etwas betagt und behäbig, aber eine echte Seele, der andere ein Energiebündel, wie die Welt es noch nicht gesehen hat. Das liebste Spielzeug von Jack, dem Energiebündel ist ein Tennisball, dem er wie ein geölter Blitz hinterher jagt, wenn man ihn wirft oder noch besser kickt. Das macht er stundenlang, ohne müde zu werden. Und wenn der Mensch dann nicht mehr kann, setzt er sich mit dem Ball vor ihn hin und wartet. Hin und wieder rollt er den Ball dann mit der Schnauze ein Stück näher, um seiner Motivation Ausdruck zu verleihen. Wer kann da noch widerstehen?

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Ganz so heil ist die Welt dann allerdings doch nicht, denn ein menschliches Familienmitglied kann nicht bei uns sein. Unsere Gastgeber haben einen Sohn, der nun in Australien lebt, nachdem er nach seiner Ausbildung in Südafrika keinen Arbeitsplatz finden konnte. So ergeht es immer mehr weißen Südafrikanern seit der Abschaffung der Apartheit und aufgrund diverser Bemühungen zur Gleichstellung der schwarzen Bevölkerung – zuletzt durch den Black Economic Empowerment Act (BBE) von 2003. Das soll für uns selbst später noch zum Problem werden, als wir versuchen, in Kapstadt Jobs zu finden.

Aber noch einmal zurück zu den Drakensbergen, denn sie sind bekannt für die klare Luft abseits dichter Besiedlung, die Vielfalt ihrer Gebirgsformationen, die zahlreichen Wasserfälle, die Vogelwelt und die vielen Wildblumenarten. Obwohl es Herbst und das Grasland schon braun ist, finden wir eine beeindruckende Pflanzenvielfalt vor, darunter verschiedene Distel- und Proteenarten. Die Königsprotea, deren Blüte einen Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern erreichen kann, ist Südafrikas Nationalblume, ihre Farbenpracht einzigartig in der Pflanzenwelt.

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Drakensberge

Rocky Bay bei Durban

Vom Krüger National Park aus haben wir Johannesburg, mit rund vier Millionen Einwohnern größte Stadt Südafrikas, aber auch die Stadt mit der weltweit höchsten Kriminalitätsrate, rechts liegen lassen und Swasiland durchquert. Nun sind wir mit Fernziel Kapstadt unterwegs auf der N2, Südafrikas wichtigster Nationalstraße entlang der Küste des Indischen Ozeans.

In den vergangenen Tagen hat es viel geregnet, so dass es in Swasiland für uns keinen Anlass zum Verweilen gab. Swasiland hält einen traurigen Rekord: Es ist das Land mit der weltweit höchsten AIDS-Rate von über 40 Prozent. Generell hat das südliche Afrika die weltweit höchsten AIDS-Raten. Südafrika selbst hat eine AIDS-Rate von rund 20 Prozent.

In St. Lucia, einem kleinen Ort auf einer schmalen Landzunge an der Mündung der Lake St. Lucia Lagune, haben wir uns ein paar Tage erholt, die weitläufigen Strände genossen und dabei aufgepasst, dass wir den Flusspferden und Krokodilen in der Lagune nicht zu nahe zu kamen. Der Hafenstadt Durban, nach Johannesburg mit rund drei Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt und der wichtigste Industriehafen Südafrikas, haben wir nur einen kurzen Besuch abgestattet, denn das industriell geprägte Stadtbild außerhalb des Zentrums ließ uns vorzeitig umkehren und weiterfahren.

Schließlich campen wir südwestlich von Durban auf einem Campingplatz in der Rocky Bay. Die Naturgewalten haben freien Lauf, und die Bucht bietet uns dramatische Ausblicke auf stürmische See.

Rocky Bay bei Durban

Rocky Bay bei Durban

Rocky Bay bei Durban

Rocky Bay bei Durban

Rocky Bay bei Durban

Safari im Krüger Nationalpark

Wer durch Afrika reist, hat meist vor allem eines im Sinn: die Big Five zu sehen. Die Big Five, das sind Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard. Unverständlich, weshalb der Gepard nicht dazugehört. Der Gepard, der in Afrika auch Cheetah genannt wird, ist das schnellste Tier der Erde. Auf kurze Distanz erreicht er unglaubliche Geschwindigkeiten von über 100 bis 120 Stundenkilometern.

Uns war es bisher leider noch nicht vergönnt, einen Gepard zu sehen, und auch von den Big Five fehlt uns noch das Nashorn. Unsere Löwensichtung war auch nur aus der Ferne, und hat den Bedarf noch nicht gedeckt. Doch wir haben beste Chancen, alles noch zu sehen, denn wir haben Südafrika erreicht, und der Krüger Nationalpark lockt mit seiner einzigartigen Flora und Fauna. Mit einer Fläche von über 20.000 Quadratkilometern ist der Krüger Nationalpark etwa so groß wie Wales und nur unwesentlich kleiner als Kenias Tsavo. Aus dem Verbund mit weiteren, riesigen Naturschutzgebieten in Mosambik und Simbabwe ist eines der größten Wildschutzgebiete in Afrika entstanden: der Limpopo Transfrontierpark.

Der Krüger Nationalpark an der Grenze zu Mosambik beheimatet so ziemlich alles, was es in Afrika an Tieren zu sehen gibt – unter anderen die Big Five und den Geparden. Insgesamt sind es etwa 150 Säugetier-, 500 Vogel-, 100 Reptilien-, 50 Fisch- und 30 Amphibienarten. Dazu kommen über 300 Arten von Bäumen und unzählige weitere Pflanzenarten. Offiziell gegründet wurde der Park schon 1926 aus zwei Wildschutzgebieten, die schon um die Jahrhundertwende zu solchen erklärt worden waren. Die dort lebenden Menschen wurden damals zwangsumgesiedelt. Heute schafft der Park zahlreiche Arbeitsplätze, und der Tourismus bringt viel Geld in die Region.

Krüger Nationalpark

Landschaftlich erweist sich der Krüger Nationalpark subjektiv dennoch als weit weniger abwechslungsreich, als erwartet. Es dominiert flaches Buschland, das nur gelegentlich von Flusslandschaften und kleinen Erhöhungen durchzogen wird. Tiere sieht man mitunter stundenlang nicht, besonders während der heißen Mittagsstunden, wenn sie sich irgendwo im Schatten oder im hohen Gras ausruhen. Der Park ist also eher nichts für einen Kurztrip. Ein paar Tage sollte man sich schon Zeit nehmen. Und das ist das Schöne am Krüger Nationalpark: Die portemonnaiefreundliche Preispolitik erlaubt es so gut wie jedem Geldbeutel, sich fast beliebig lange im Park aufzuhalten. Voraussetzung ist lediglich der Erwerb einer Wildcard, die ein ganzes Jahr lang die unbegrenzte Nutzung dieses und unzähliger weiterer Nationalparks und Naturreservate in Südafrika erlaubt. Zum Vergleich: Für den Kaufpreis der Wildcard, kann man in Kenia gerade einmal zwei Tage lang einen Park der niedrigsten Preiskategorie besuchen, in Tansania sogar nur einen Tag lang. In Südafrika steht dem ungetrübten Naturgenuss also nichts im Wege, denn der Besucher muss nicht permanent mit einer imaginären Stoppuhr herumlaufen und kann sich stundenlang für ein Tier Zeit nehmen, wenn er möchte. Auch die Camps innerhalb des Parks machen den Besucher nicht über Nacht arm. Ungetrübt können sich Touristen und Einheimische allabendlich ihrem geliebten Braai hingeben, dem Grillen.

Besonders genießen wir das nicht existierende Zeitlimit an den Ausstiegspunkten, die sich meist an den Flusslandschaften befinden, um in aller Ruhe Flusspferde und Krokodile zu beobachten. Eine ganze Stunde lang folgen wir fasziniert dem wilden Treiben einer Gruppe Paviane, die hier Baboons genannt werden. Aus allernächster Nähe können wir ein großes Rudel von Löwinnen beobachten. Wir sehen unser erstes Löwenmännchen mit seiner majestätischen Mähne und endlich auch die ersten, lang ersehnten Nashörner, Breit- und Spitzmaulnashörner in freier Wildbahn. Wie mächtig und gleichzeitig sanftmütig ihre urzeitliche Erscheinung ist mit den gewaltigen Hörnern und den gutmütigen Augen. Eine Begegnung mit einer Nashornmutter und ihrem Jungen wird uns für immer besonders lebhaft in Erinnerung bleiben, als das Junge sich von seiner Mutter davonstiehlt, um, noch etwas tollpatschig, unserem Sprinter nachzulaufen, ihn für einen prima Spielkameraden haltend. Entsetzt eilt die Mutter ihrem Nachwuchs hinterher, doch bei ihrem Körpergewicht hat sie es schwer, mit ihm mitzuhalten. Schließlich gelingt es ihr aber doch, den Ausreißer einzuholen und ihn in den Busch zurückzubeordern, wo beide nach wenigen Metern im Dickicht verschwinden. Tierherz, was willst Du mehr. Nur die Geparde weigern sich standhaft, sich blicken lassen.

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Safari im Krüger Nationalpark

Wandern im Blyde River Canyon

Von Tofo sind wir nach Maputo, Mosambiks Hauptstadt im äußersten Süden des Landes, gefahren und haben einen kurzen Zwischenstop gemacht. Dann haben wir Richtung Westen die Grenze zu Südafrika überquert. Im grenznahen Städtchen Nelspruit treffen wir seit langer Zeit auf den ersten Supermarkt – eine richtige Shopping Mall –, und unsere Begeisterung über volle Regale ist riesig. Zu Hause ist das Einkaufen im Supermarkt eine lästige Pflicht, nach Monaten in Afrika ist es eine wahre Wonne. Weiß und Schwarz gehen hier in Nelspruit wie selbstverständlich im selben Supermarkt einkaufen.

Von Nelspruit geht es dann allerdings auf kleinen Straßen weiter Richtung Norden um den Krüger Nationalpark herum, und es ist nichts mehr zu sehen von schwarz-weißer Einheit. Nur wenige Schwarze haben es in den Städten zu Wohlstand gebracht. Die ländlichen Gebiete sind meist im Besitz weniger weißer Farmer, für die die schwarze Bevölkerung arbeitet. Entsprechend argwöhnisch werden wir beäugt, während wir uns unseren Weg zum nördlichen Eingang des Krüger Nationalparks bei Olifants suchen.

Auf halber Strecke erreichen wir das Blyde River Canyon Nature Reserve, um dort zu übernachten und am nächsten Tag zu wandern. Zu unserer Wanderung am nächsten Tag kommt es allerdings nicht, denn der Weg ist derzeit nicht begehbar. Schade, denn der Blyde River Canyon liegt in einer wunderschönen Landschaft, die Lust auf mehr von Südafrika macht.

Blyde River Canyon

Blyde River Canyon

Tauchen in Tofo

300 Kilometer südlich von Vilankulo liegt Tofo, ein Aussteigerort in einer Bucht mit kräftiger Brandung. Das pulsierende Herz des kleinen Fischerdorfs ist ein quirliger Markt mit Obst- und Gemüseständen und kleinen Lebensmittelbuden. Es duftet nach gegrillten Köstlichkeiten aus Fisch und Fleisch, die auf kleinen selbstgebauten Holzkohlegrills zubereitet werden. 
Lange haben wir uns auf das Tauchen in Tofo gefreut, denn mehr noch als Vilankulo ist Tofo berühmt für weltklasse Tauchen. Es soll hier ein schier endloses Angebot unterschiedlichster Riffe geben. Die Perle dieses Tauchparadieses ist das Manta Reef, an dem man Mantarochen so gut beobachten kann wie nirgendwo sonst. Und Walhaie soll es auch geben.

Bei Einbruch der Dunkelheit kommen wir in Tofo an und fahren uns auf dem Camp-Gelände der Bamboozi Beach Lodge gleich einmal im weichen Sand fest. Wieder einmal heißt es Spaten und Sandbleche auspacken und schaufeln.

Bamboozi Beach Lodge

Müde schälen wir uns aus dem Bett und gehen hinüber zu Liquid Adventures, der Tauchbasis des Bamboozi und buchen ein Paket mit zehn Tauchgängen.

Liquid Adventures

Dann präparieren wir unsere Ausrüstung und legen sie auf die Ladefläche eines total verrosteten Pickups. Die Karre macht einen Höllenlärm und hört sich an wie ein Dragster. Das Tauchboot – ein Zodiac-Schlauchboot mit Festrumpf und zwei monströsen Außenbordmotoren –, wird hinten angehängt, und über eine steile Rampe geht es hinunter an den Strand. Das Boot wird zu Wasser gelassen und die Ausrüstung darin verstaut. Dann heißt es alle Mann ins Wasser, das Boot über die ersten Kämme der hereinbrechenden Wellen ziehen, schnell hineinspringen und mit Vollgas los, bevor das Boot aus der Richtung gedreht und an den Strand zurückgespült wird.
Mit rasantem Tempo geht es hinaus zum Giants Castle, und wir lassen uns mit einer Rückwärtsrolle über die Schlauchbootswand in das angenehm warme Wasser fallen. Wir sind noch nicht einmal bis zum Grund abgetaucht, als unser Tauchführer Will schon mit ausgestrecktem Arm an uns vorbei deutet: Ein großer Mantarochen gleitet erhaben durch das klare Azurblau! Das Wasser ist fast vollkommen frei von Schwebepartikeln, die Sicht ist exzellent. Erst als die Konturen des Mantas in der Ferne langsam verschwimmen, nehmen wir die tausenden, schwarz-blauen Drückerfische wahr, die sich um uns verteilt haben. Der karge Grund ist übersäht mit einzeln stehenden, schwammartigen Korallen, die ihn wie eine Mondlandschaft aussehen lassen. Wir fühlen uns buchstäblich wie im Aquarium.
Während wir langsam über den Grund gleiten, entdecken wir ständig Neues: einen perfekt getarnten Skorpionsfisch, Sepien, Seesterne, einen rot-weißen Federstern, eine blau-gelbe Seescheide, farbenprächtige Langusten und diverse Weichkorallenarten. Solche Tauchgänge sind es, die uns am liebsten alles vergessen und für immer unten bleiben lassen würden. Doch schließlich holt uns das Piepsen des Computers aus der Märchenwelt zurück in die Realität.

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Giants Castle

Die nächsten Tauchgänge sind einer so schön wie der andere.

So zum Beispiel Sherwood Forest: Ein Weißbauch-Zackenbarsch und die Schwärme von Blaustreifen-Schnappern gefallen uns hier besonders. Der Weißbauch-Zackenbarsch döst neben einem roten Seestern auf dem felsigen Untergrund und lässt sich geduldig fotografieren. Sein im bewegten Wasser flimmerndes Wabenmuster hebt ihn derart von seiner Umgebung ab, dass es vollkommen surreal aussieht.

Sherwood Forest

Sherwood Forest

Sherwood Forest

Sherwood Forest

Oder Mikey’s Cupbard: Mikey’s Cupbard ist ein verspielter Tauchplatz in fünf bis zehn Metern Tiefe mit vielen kleinen Gängen und Winkeln, in denen es unzählige Meeresbewohner zu entdecken gibt: Muränen, Annemonenfische, Kraken, Rotfeuerfische, Seesterne, Trompetenfische, Krokodilsfische, Sandhaie und vieles mehr.

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Mikey’s Cupbard

Der Höhepunkt aller Tauchgänge ist natürlich das Manta Reef. Das Riff verdankt seinen Namen den Mantas, die die hier befindlichen Putzerstationen ansteuern. Auf einem großen Plateau in 20 Metern Tiefe liegen mehrere solcher „Waschstraßen“. Die Mantas umkreisen die Putzerstationen und lassen die Putzfische die Parasiten von ihrer Haut knabbern.
Mit Jay, unserem Tauchführer, der sich trotz seiner Erfahrung bei jedem Tauchgang immer noch begeistern kann wie beim ersten Mal, hocken wir auf dem Grund eines sandigen Grabens und beobachten andächtig das Schauspiel, das sich uns bietet. Wie Raumschiffe umkreisen uns die sanften Riesen zum Greifen nah, und wir müssen aufpassen, das wir vor Staunen nicht unsere Atemregler aus dem Mund verlieren. Alles um uns herum gerät in Vergessenheit, und wir werden eins mit dem Element – bis uns wieder einmal das warnende Piepsen des Tauchcomputers aus unserer Trance holt.

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Manta Reef in Tofo, Mosambik

Als wäre das nicht schon genug, haben wir auf dem Rückweg von unserer Tauchexkursion dann auch noch das Glück, einen Walhai zu sehen. Mit Maske, Schnorchel und Flossen springen wir ins Wasser und können ihm ein paar Minuten lang folgen. Etwa fünf Meter ist er lang und damit noch recht klein, aber trotzdem schon beeindruckend groß. Er schwimmt zum Greifen nahe unter uns, dicht unter der Wasseroberfläche.
Einmal einen Walhai zu sehen, das war Christianes sehnlichster Reisewunsch. Nun muss sie sich einen neuen Wunsch ausdenken. Wie wäre es, mit einem Eisbären zu flirten?

Eine kurze Rückkehr in die Realität gibt es nach einem unserer Tauchgänge übrigens, als uns an der Wasseroberfläche ein Anblick ganz anderer Art erwartet: dicke Rauchschwaden, die hinter einer der Dünen in der Nähe des Bamboozi emporsteigen. Sofort machen wir uns auf den Weg zurück. Bange Minuten vergehen, in denen niemand sagen kann, ob es sich tatsächlich um das Bamboozi handelt. Beim Näherkommen gibt es dann endlich Entwarnung, aber das Nachbarresort steht lichterloh in Flammen. Die Gebäude bestehen hier meist aus einfachen Holzkonstruktionen und Strohdächern. Ein Feuer breitet sich blitzschnell aus und macht in Windeseile alles dem Erdboden gleich. Eine Feuerwehr gibt es ebenso wenig wie ein Krankenhaus, wobei ohnehin zweifelhaft ist, ob sie etwas hätte ausrichten können. Das sind die Schattenseiten des Lebens im Paradies.

Tauchen in Vilankulo

Allseits ist zu hören, wie schön die Landschaft Mosambiks sei. Auf dem Weg von Mocuba nach Vilankulo war davon allerdings nicht viel zu sehen. Einziger Höhepunkt war das Gorongosagebirge, das auf knapp halber Strecke majestätisch aus dem ansonsten flachen und öden Buschland aufragt. Dort allerdings fanden wir dort kein Camp, in dem wir hätten übernachten können. So mussten wir in die Dunkelheit hinein fahren, bis wir einen sicheren Ort für die Nacht gefunden hatten. Von Nachtfahrten ist in Afrika generell abzuraten. Wir hatten Glück, als wir durch einen Ort fuhren, dass wir jemanden, der unvermittelt auf der Straße saß und sich dort vermutlich auf dem Asphalt wärmte, nicht überfahren haben. Nicht auszudenken, was sonst passiert wäre.
Die Schönheit Mosambiks liegt eher an der Küste und im subtropisch-wilden Norden, den wir wegen der von heftigen Regenfällen hinfortgespülten Straßen umfahren mussten. Auch weiter unten im Süden wird es dann wieder schöner, topografisch abwechslungsreicher und mit Palmenhainen so weit das Auge reicht.

Vilankulo ist ein kleines Fischerdorf an der Schwelle zum beliebten Ferienort. Noch hat es jedoch eher den Status eines Geheimtipps. Malerisch liegt vor uns die flache Bucht, aus der sich das Wasser bei Ebbe kilometerweit zurückzieht. Durch dieses Phänomen entsteht ein schier endloser Strand, auf dem verstreut die bunten Dhows – einmastige Fischerboote mit einfachen dreieckigen Segeln, – liegen wie angespülte und in Vergessenheit geratene Wracks. Zurück bleiben vom Wasser nur einzelne große Priele, in denen man schwimmen oder die man umwandern kann. Allzu weit hinauswandern sollte man allerdings nicht, denn die Flut kommt ebenso schnell wie die Ebbe geht, und urplötzlich sieht man sich kilometerweit draußen von geschlossenen Wassermassen umringt, die sich von allen Seiten nähern.

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Noch ist die Straße, die nach Vilankulo führt, zu schlecht, um größere Scharen Touristen hierher zu locken. Am Straßenrand stehen immer wieder Kinder, werfen eine Schippe Sand auf eines der unzähligen Schlaglöcher und wollen Geld dafür. Ferien machen in Mosambik vor allem Südafrikaner. Für sie ist Mosambik bequem mit dem Auto zu erreichen, die Küste ist subtropisch malerisch und die Preise verhältnismäßig niedrig. Verglichen mit Kenia und Tansania sind die Preise allerdings schon erschreckend hoch.
Eine tourismusgeeignete Infrastruktur gibt es in Vilankulo bereits, wenngleich der Ort vor einem Jahr einen herben Rückschlag wegstecken musste. Ein Zyklon mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 240 km/h fegte fünf Tage lang unbarmherzig über den kleinen Ort hinweg und machte ihn nahezu dem Erdboden gleich. Die meisten Zyklone bleiben an Madagaskar hängen oder treffen auf den Norden Mosambiks. Doch alle paar Jahre ereignet es sich, dass ein Zyklon an Madagaskar vorbeizieht, seine Richtung ändert und Kurs auf Vilankulo nimmt. Auch heute, ein Jahr nach dem letzten Zyklon, der sich genau so verhalten hat, sieht man noch überall in Vilankulo die stummen Zeugen der Verwüstung, dächerlose Grundmauern ehemals stattlicher Gebäude, bizarr verbogene Stahlskelette einstmaliger Lagerhallen und zerschmetterte Dhows.

Vor der Küste Vilankulos liegen der Bazaruto-Archipel und ein Riff von Weltklasseformat, Cabo San Sebastian. Es zu betauchen, dazu sind wir hergekommen. Leider haben wir jedoch einen schlechten Zeitpunkt erwischt. Aufgrund der dortigen Gezeiten- und Strömungsverhältnisse kann das Riff nur in einem Zwei-Wochen-Zyklus betaucht werden. In den kommenden zwei Wochen wird es zu gefährlich sein, zum Riff hinaus zu fahren. Das Riff liegt – von der Küste aus gesehen – hinter zwei vorgelagerten Inseln und bildet dazwischen einen Kanal, durch den die Wassermassen mit enormem Druck gepresst werden. Dadurch bilden sich extrem starke Strömungen, und die Wellen türmen und brechen sich so hoch über dem Riff, dass sie selbst für ein Speedboot unpassierbar werden. So nehmen wir schweren Herzens mit der zweiten Wahl vorlieb, dem 2-Mile-Reef. 2-Mile-Reef liegt ebenfalls hinter zwei Inseln, bildet aber einen geschlossenen Komplex. So kommt es dort nicht zu einer Düsenwirkung, und das Riff kann meistens betaucht werden.

Doch erst einmal werden wir in die Gesellschaft Vilankulos eingeführt. Auf der an und für sich heruntergewirtschafteten, aber dennoch netten Campsite Baobab Beach, die ihren Namen dem mächtigen, altehrwürdigen Baobab-Baum verdankt, unter dem nun unser Sprinter steht, lernen wir den Südafrikaner Barry kennen.

Tauchen in Vilankulo

Seit nunmehr zwölf Jahren begeleitet Barry Reisegruppen in großen Overland-Trucks kreuz und quer durch Afrika. Sein Traum ist es, eines Tages die Antarktis zu bereisen. Sein unterbezahlter, aber erfüllender Job bringt es mit sich, dass Barry zu fremden Menschen schnell eine gute Beziehung aufbauen kann. Er schließt uns und wir ihn sofort ins Herz. Noch am selben Abend lädt er uns ein, mit ihm und seinen Freunden ins Smugglers zu kommen.
Das Smugglers ist der beliebteste Treffpunkt in Vilankulo, eine Kneipe im Stil eines englischen Pubs, dunkel und verraucht, aber mit Seele. Drinnen gibt es eine lange, gut sortierte Bar, Stehtische mit Barhockern und einen Billardtisch, der pausenlos in Beschlag genommen ist. Die Decke ist vollgekritzelt mit zahllosen Sprüchen. Am besten gefällt uns ein Spruch, der das Leben in Afrika und Europa auf geniale Weise verbildlicht:

Europe has the clock, Africa has the time.

Aktuelle Musik und moderne Klassiker tönen aus den Lautsprechern und machen Lust, das Tanzbein zu schwingen. Draußen, auf der Veranda, stehen weitere Tische, an denen man gemütlich sitzen, essen und klönen kann.
Barry führt uns in seinen Freundeskreis ein wie alte Freunde. Renoir und Dennis betreiben die beiden Diveshops am Ort und sind demnach Konkurrenten. Doch bis auf kleine Neckereien ist davon nichts zu spüren. Renoir kommt aus Südafrika und ist schon vor zehn Jahren in Vilankulo hängen geblieben. Er liebt das Tauchen an diesem Ort und die feuchtfröhlichen Abende im Smugglers. Dennis, den Franzosen, hat es nach fünfjähriger Weltreise, die ihn nach Barcelona, Südostasien und Madagaskar geführt hat, ebenfalls zum Tauchen nach Vilankulo verschlagen. Am besten gefallen hat ihm eigentlich Madagaskar, aber die Infrastruktur auf der Insel sei einfach zu schlecht. Vor knapp einem Jahr hat er sich dann entschieden, den Diveshop, der an Baobab Beach angegliedert ist, zu übernehmen. 100.000,- Euro hat er in den Shop, Ausrüstung, Geländewagen und zwei Schnellboote investiert.
Baobab als Standort hat sich jedoch schnell als Problem herausgestellt. Nach dem Zyklon wurde Baobab nur halbherzig wiederaufgebaut, und es wird seitdem auch nur noch halbherzig betrieben. Der Besitzer sitzt irgendwo in Südafrika und kümmert sich kaum noch ums Geschäft. Wahrscheinlich spekuliert er auf einen Verkauf des Grundstücks, denn die Preise in Vilankulo steigen derzeit enorm. Unterdessen wirtschaften seine Angestellten den Laden mit atemberaubendem Tempo herunter. Einzig die Küche gibt sich noch wirklich Mühe, während die Bar langsam den Bach hinunter geht und der gesamte Ort verwahrlost. Nur Dennis Generator ist es zu verdanken, dass es an der Bar seit langer Zeit überhaupt einmal wieder kalte Getränke gibt. Trotzdem vergammeln die Spirituosen im Regal, denn die Angestellten sind zu bequem, für Eis zu sorgen. Überhaupt machen die meisten Angestellten kaum einen Finger krumm und hängen stattdessen lieber an der Bar herum. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass die meisten Gäste nicht lange bleiben – und mit ihnen gehen in persona die potenziellen Kunden des Diveshops.
Gerade ist Dennis dabei, weitere 30.000,- Euro in ein eigenes Grundstück weiter außerhalb des Ortskerns zu investieren. Durch den Berliner Ulf, der im Smugglers zu unserer Gesellschaft hinzu stößt, erfahren wir auch, wie der Grundstückhandel in Mosambik funktioniert. Ulf ist Stadtplaner und war nach seinem Studium in Deutschland zwei Jahre arbeitslos. Dann ist er auf ein Jobangebot des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) in Mosambik gestoßen. Seither ist er als Assessor dos Municípios zuständig für Catandica und Manica.

Wir: „Wir hätten gar nicht vermutet, dass in einem Land wie Mosambik auf Stadtplanung Wert gelegt wird. Wenn man zum Beispiel Mocuba nimmt: Das sieht nicht gerade nach Stadtplanung aus.“

Ulf: „Doch, doch, auf Stadtplanung wird durchaus Wert gelegt. Allerdings hat Stadtplanung hier mehr den Aspekt der Konfliktbewältigung. Dabei muss man grundsätzlich mit allem rechnen. Stellt Euch vor, jemand installiert an einer öffentlichen Straße eine Schranke und fängt an, Wegzoll zu erheben. So etwas kommt hier durchaus vor. Oder ein Anwohner beschließt, dass auf der Straße doch genügend Platz sei, um seine Latrine dort aufzustellen. Dies sind Fälle, mit denen wir uns hier beschäftigen müssen. Und genau das macht für mich den Reiz aus. Ich bin hier mehr Konfliktbewältiger als Planer.“

Wir: „Das ist ja kurios. Über mangelnden Unterhaltungswert kannst Du Dich dann ja nicht beklagen. Wie funktioniert eigentlich der Grundstücksmarkt in Mosambik?“

Ulf: „Offiziell gibt es in Mosambik keinen Grundstücksmarkt. Jedes Stück Land, das vom Staat zur Vergabe ausgeschrieben wird, kann grundsätzlich gegen eine geringe Gebühr auf den eigenen Namen registriert werden, auch auf Ausländer. Damit erhält derjenige eine 99 Jahre währende Pacht. In der Praxis stellt es sich allerdings so dar, dass sich erst einmal Amtsträger und Lokalprominenz an den besten Grundstücken bedienen: Bürgermeister, Stadtrat, hohe Beamte und Vorsitzende wichtiger gesellschaftlicher Institutionen sowie deren Brüder, Vettern und sonstige Verwandte. Die Pacht kann aber auf eine andere Person umgeschrieben werden. In der Realität funktioniert der Grundstückshandel dann so: Da die Grundstücke selbst nicht verkauft werden dürfen, sondern nur darauf befindliche Gebäude, und ungenutzte Grundstücke außerdem an den Staat zurückgehen, baut man darauf eine Behausung jedweder Art, im einfachsten Fall eine Strohhütte, die nicht einmal dem nächsten Sturm standhalten würde. Dann lässt man Verwandtschaft oder Freunde darin wohnen. Wenn man dann irgendwann verkaufen möchte, verkauft man die Hütte zum Schwarzmarktwert des Grundstücks und überschreibt letzteres auf den Käufer.“

In der Praxis gibt es für den Käufer allerdings zusätzlich zu berücksichtigen, dass alles Land, wenn auch nicht offiziell vom Staat, aber inoffiziell von den ansässigen Stämmen verteilt wurde. Das bedeutet, jedes Stück Land hat bereits einen inoffiziellen Besitzer mit vielen Brüdern, Schwestern, Cousins und Cousinen. So muss der weiße Interessent sich zunächst an diesen wenden und ihm die Registrierungsgebühr entrichten. Der inoffizielle Besitzer lässt das Land dann offiziell auf sich registrieren und überträgt es beim späteren Kauf auf den Anwärter.

Kuriositäten kann man hier allerdings auch auf anderen Märkten erleben, so zum Beispiel dem Obst- und Gemüsemarkt. Als wir an einen Stand gehen und uns umsehen, kommt ein Afrikaner herbeigeeilt und beginnt uns zu bedienen. Bananen und Avocados liegen bereits in unserem Einkaufskorb, als ein zweiter Afrikaner dazukommt und sich zwischen ersteren und uns stellt. Es entwickelt sich eine heftige Diskussion zwischen den beiden. Wir bekommen allmählich ein wirklich schlechtes Gefühl und drängen darauf zu zahlen. Beide drehen sich zu uns um und halten die Hand auf. Uns ist noch nicht klar was da gerade abläuft, und wir drücken demjenigen, der uns bedient hatte, einen Geldschein in die Hand. Er entschuldigt sich, um das Wechselgeld zu besorgen. Unterdessen erklärt uns der andere, dass er der Besitzer des Marktstands sei. Die Preise seien auch geringer, als die vom ersten verlangten. Der sei nur darauf aus, auf seine Kosten ein Geschäft zu machen.
Während wir ein paar Minuten auf die Rückkehr des Betrügers warten, haben wir uns in der Zwischenzeit von unserem Wechselgeld bereits verabschiedet. Doch tatsächlich taucht der Typ doch noch auf. Er kann nicht passend herausgeben und offeriert uns einen Schein, auf den wiederum wir Wechselgeld herausgeben sollen. Als wir den Schein nehmen, geraten die Verkäufer erneut in eine heftige Diskussion. In der Zwischenzeit scharen sich mehr und mehr Schaulustige um uns herum. Schließlich ruft uns der Besitzer zu, wir sollten den Schein einstecken – er werde das regeln – und sehen, dass wir wegkommen.
Wir machen uns wie geheißen aus dem Staub und gehen ein paar hundert Meter. Als wir uns umdrehen, müssen wir erschrocken feststellen, dass uns der Scheinverkäufer mit einem Kumpel im Schlepptau dicht auf den Fersen gefolgt ist.
„Give me my money!“
„As far as we’ve seen that was not your shop!“
„We have a deal, give me my money!“
„Your are not the owner, so we don’t have a deal!“
Glücklicherweise kommt in dem Moment der Besitzer angelaufen und hält den Scheinverkäufer zurück.
„Go, it’s allright!“
„Allright“ ist hier gar nichts, aber es bleibt uns nichts anderes übrig als erneut Land zu gewinnen. Sich in Afrika auf offener Straße in einen Konflikt verwickeln zu lassen, kann unter Umständen böse enden. Schwarzafrikaner können eine unberechenbare Gruppendynamik entwickeln. In Dar es Salaam war nur wenige Tage vor unserem Aufenthalt ein Junge von einem wütendem Mob auf offener Straße mit Benzin übergossen und verbrannt worden, weil er ein Mobiltelefon gestohlen hatte. Per Gesetz darf Dieben in Tansania noch heute die Hand abgeschlagen werden. Dies im Hinterkopf, beschleunigen wir dieses Mal unsere Schritte, und alle paar Meter drehen wir uns um und vergewissern uns, dass der Typ uns nicht wieder gefolgt ist. Er ist es nicht, und nach ein paar hundert Metern können wir aufatmen. Langsam wird uns klar, weshalb man die weißen Einwohner hier nie auf offener Straße, sondern immer nur in ihren Geländewagen antrifft. Vielleicht ist es auch Bequemlichkeit, wie wir immer vermutet hatten, aber es gibt noch einen triftigeren Grund: die eigene Sicherheit.

Nun gut, eigentlich sind wir ja zum Tauchen hier. Aber auch da läuft es nicht ganz so, wie wir uns das vorgestellt haben. Normalerweise fährt man mit dem Boot gemütlich raus, macht einen Tauchgang, Mittagspause und dann noch einen Tauchgang und fährt dann gemütlich wieder zurück. Fahren tun wir allerdings erst einmal gar nicht. Einer der beiden Motoren will nicht anspringen. Eine Sicherung ist durchgebrannt. Der Mechaniker tauscht sie aus und der Motor startet. Aber beim ersten Test will er wieder nicht anspringen. Die Sicherung ist erneut durchgebrannt. Die Sicherung wird nochmals ausgetauscht. Der Motor lässt sich starten – ein erstes, ein zweites Mal. Anscheinend genug getestet – los geht’s mit der ersten Stunde Verspätung.
Um wenigstens einen Teil davon wieder aufzuholen, gibt der Steuermann die ganze Fahrt von einer halben Stunde über Vollgas. Mit 50 km/h Höchstgeschwindigkeit fliegen wir über die glücklicherweise noch recht sanften Wellen. Trotzdem müssen wir uns verkrampft an den Halteleinen festhalten. Wer schon einmal in einem Schnellboot gesessen hat weiß, dass 50 km/h auf dem Wasser nicht wenig sind. Die beiden PS-Boliden und die Leichtbauweise des Schlauchboots machen es möglich.

Tauchen in Vilankulo

Schließlich kommen wir an der Insel an, an der die Schnorchler abgesetzt werden und von der die Taucher dann zum Riff hinaus fahren. Wieder gibt es Probleme mit dem Motor, wieder wird nur etwas an den Symptomen repariert. Dann geht es durch raue See in Richtung Riff, und erneut streikt der Motor – aber dieses Mal auf offener See. Wir Taucher machen deutlich, dass wir so nicht zum Riff fahren wollen. Es wäre zu gefährlich. Wenn der andere Motor dann auch noch streiken würde, würden wir reaktionsunfähig auf das Riff geworfen und an den scharfkantigen Felsen zerschellen. So fahren wir schließlich mit nur einem Motor zurück zur Insel.
Dort treffen wir auf ein anderes Boot, und die Besatzung sieht sich das Problem an. Nach nur wenigen Minuten scheinen sie den Schaden repariert zu haben. Wie sich später herausstellt, haben sie tatsächlich jedoch lediglich die Sicherungen überbrückt.
Dies aber noch nicht wissend, geht es erneut raus, und tatsächlich kommen wir auch zu unserem ersten Tauchgang. Es ist ein schöner Drifttauchgang. Wie schwerelos hängen wir im Wasser und lassen uns von der Strömung wie in einem Fahrstuhl mitreißen. Zum ersten Mal in unserem Leben sehen wir Teufelsrochen.

Tauchen in Vilankulo

Dann geht es zurück zur Insel, um die Schnorchler einzusammeln – jedoch nicht ohne weitere Zwischenfälle. Durch das Überbrücken der Sicherung hat der Anlasser des schadhaften Motors eine Überspannung abbekommen, die wahrscheinlich von einem Kurzschluss verursacht worden ist – der eigentlichen Ursache des ganzen Malheurs. Immerhin lässt sich der Motor nach einigen Versuchen manuell starten. Der zweite Tauchgang hat sich damit nun jedoch endgültig erledigt, und nachdem wir die Schnorchler eingesammelt haben, geht es auf direktem Weg und wieder mit Höchstgeschwindigkeit zurück nach Vilankulo. Da die Wellen in der Zwischenzeit auch hier erheblich aufgefrischt haben, geht es dem einen oder anderen Bootsinsassen die ganze Fahrt über bemitleidenswert schlecht. Aber es lässt sich auch noch etwas Positives aus diesem Tauchtrip berichten: Die Insel war wunderschön, denn Bazaruto wird im Süden von einer gewaltigen Sanddüne flankiert, von der man einen Rundumblick über den malerischen Archipel hat.

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Tauchen in Vilankulo

Als wir auf der Düne saßen, kamen wir außerdem mit einem der anderen Taucher ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er in einem Landminenräumkommando arbeitete. Zu den Hinterlassenschaften des Bürgerkriegs in Mosambik zählen landesweit minenverseuchte Landstriche. Der Norden Mosambiks gilt inzwischen als minenfrei. Fünf Jahre intensiver Arbeit von Hundertschaften Freiwilliger hat es gekostet. Der Einsatz von Maschinen ist bei den hiesigen Treibstoffpreisen auf europäischem Niveau zu teuer (der Sprit muss aus Südafrika importiert werden). Außerdem zerstört das schwere Gerät die Oberflächenstruktur der Böden und macht sie auf Jahre hinaus unfruchtbar. Glücklicherweise handelt es sich bei den in Mosambik gelegten Minen um ehemalige sowjetische Armeebestände, alte Modelle mit Metallapplikationen, die mittels Detektoren zuverlässig entdeckt werden können. Was die Arbeit trotzdem enorm aufwändig macht ist das Problem, dass neben den Minen unzählige weitere Metallrückstände im Boden verborgen sind, die bei der Ausgrabung die gleiche vorsichtige Vorgehensweise erfordern wie diese diabolischen Waffen selbst. Weitere fünf Jahre wird es dauern, den Süden Mosambiks wieder zu einer sicheren Umgebung zu machen. Noch sind viele Ortschaften von 50 m breiten Minengürteln umgeben, die sie an einer Expansion hindern sollten. Circa 2.500 Minenfelder werden alleine in der Urlaubsregion um Inhambane vermutet. Und ausgerechnet da wollen wir hin.

Zu Gast bei ADRA in Mocuba

Wir sind völlig erschöpft, als wir Mocuba in Mosambik erreichen. Den ganzen Tag lang wurden wir auf einer schlaglochübersähten Piste durchgeschüttelt, die über 200 km von der malawisch-mosambikanischen Grenze ins Landesinnere führt. Manche der Löcher waren so breit wie die Piste selbst und so tief, dass wir bis zur Motorhaube in die erdige Brühe eintauchten. Wir konnten nur erahnen, wo genau wir da eigentlich gerade hinein fuhren und wie tief es gehen konnte. Allzu vorsichtig hinein fahren konnten wir auch nicht, sonst hätten wir riskiert, auf der anderen Seite nicht wieder heraus zu kommen. Und wer will schon hilflos dabei zusehen, wie das Auto langsam mit rotbraunem Wasser voll läuft?

Der Tag hatte schon schlecht angefangen am malawischen Grenzposten, nachdem der Beamte vom Immigration Office den Einreisestempel in meinem Pass mit einem kurzen Blick geprüft hatte.
„Was glauben Sie, welcher Tag heute ist? Sie haben die maximale Aufenthaltsdauer des Transitvisums weit überschritten!“
„Es ist noch keine Woche her, seit wir nach Malawi eingereist sind. Wir haben ein Transitvisum für eine Woche bekommen.“
„Ist das da in Ihrem Pass etwa eine Sieben?“, fragt er mich provozierend und zeigt dabei auf eine nicht zu verkennende Zwei.
Im Pass steht ein nicht zu entziffernder, handschriftlicher Code, so etwas Ähnliches wie ‚TIP20-Y‘.
„Nein, das ist offenkundig eine Zwei.“
Der Beamte sieht sich triumpfierend bestätigt.
„Mich interessiert nicht, was da steht. Das ist ein für mich nicht zu entziffernder Code, und die Aussage des Einreisebeamten, wir hätten eine Woche, war unmissverständlich.“, entgegne ich aufgebracht.
„Im Pass steht ‚Transit Immigration Permit, 2 DAYS‘, und es steht absolut in Ihrer Verantwortung, sich über die Bedeutung zu informieren.“
„Es ist mir egal, was dort steht, solange es dort nicht im Klartext steht und mir unmissverständlich erklärt wurde, wir hätten eine Woche. Es ist gar nicht möglich, Malawi in zwei Tagen zu durchqueren.“
„Das ist sogar in nur einem Tag möglich.“, prahlt er.
„Wohl kaum!“, denke ich.
Selbst in zwei Tagen müsste man schon sämtliche Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen missachten und dabei die Gefährdung von Menschenleben in Kauf nehmen.
„Mag schon sein, aber nicht mit unserem Auto!“, zeige ich nach draußen.
Er überlegt einen Moment und nimmt wortlos Christianes Pass in Augenschein.
„Hier ist es richtig eingetragen: sieben Tage.“
„Na also, habe ich doch gleich gesagt.“, doch ich werde das Gefühl nicht los, dass das kein Versehen war.

Wenn wir erst einmal Mocuba erreicht haben, haben wir die Schlaglöcher hinter uns, dachten wir. Weit gefehlt. Von den ehemaligen Straßen sind eigentlich nur noch Schlaglöcher übrig. Keine Chance, sie zu umfahren. Dabei sieht Mocuba so aus, als ob es unter der portugiesischen Kolonialherrschaft eine wahre Blüte erlebt hatte. Koloniale Promenaden und Gebäude zeugen davon. Doch die Promenaden sehen aus, als ob Splitterbomben darüber niedergegangen wären. Anstelle von Straßen mit Schlaglöchern wäre es treffender, von Schlaglöchern mit gelegentlicher Teerumrandung zu sprechen. Zwei Promenaden führen annähernd parallel ins Zentrum. Die erste, für die wir uns entscheiden, endet jäh vor einem ehemals prunkvoll angelegten Kreisverkehr mit einem Monument in der Mitte und einem roten, fünfzackigen Stern darauf. Die Zufahrt zum Kreisverkehr ist auf beiden Straßenseiten durch tiefe, regenwassergefüllte Bombenkrater versperrt. Selbst ein Geländewagen würde darin vollkommen versinken. Seit dem Bürgerkrieg in den achtziger und frühen neunziger Jahren scheint hier nichts wiederaufgebaut worden zu sein. Die verfallenen Gebäude außerhalb des Stadtzentrums scheinen leblos. Wir haben das Gefühl, in eine Geisterstadt hinein zu fahren.

So verfallen sich die Stadt präsentiert, haben wir wenig Hoffnung, eine für unser Auto geeignete Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Niemand scheint Englisch zu sprechen, ausschließlich Portugiesisch. Beinahe haben wir die Suche schon aufgegeben, als wir auf Claudinei treffen, einen Brasilianer mit breitem Lächeln, der in Mocuba arbeitet.
Claudinei engagiert sich im Hilfsprojekt ADRA. ADRA betreibt Aufklärung zur Vorbeugung gegen Malaria und entsendet Mitarbeiter ins Umland Mocubas. Auch Claudinei ist einer von ihnen und sorgt außerdem für den seelischen Beistand bei ADRA.

ADRA

Für uns nimmt Claudinei sich alle Zeit der Welt, um uns bei ADRA herumzuführen und die Arbeit der Organisation vorzustellen. Wir sind erstaunt zu erfahren, dass die ansässigen Ärzte nur Malaria Tropica erkennen können. Wenn ein Patient mit einem anderen Malariaerreger infiziert war, wurde dies nicht erkannt. Heute verabreicht man sicherheitshalber Antimalaria-Cocktails, die sowohl Antibiotika als auch Chloroquine enthalten, um gegen alle Malariaerreger wirksam zu sein. Die Realität steht hier im krassen Widerspruch zu der häufigen, auch von Ärzten zu hörenden Aussage, in den betroffenen Ländern selbst könne dem Patienten stets am besten gegen Malaria geholfen werden. Im Zweifelsfall sollte man sich darauf nicht verlassen.

Besuch bei ADRA in Mocuba

Besuch bei ADRA in Mocuba

Besuch bei ADRA in Mocuba

Besuch bei ADRA in Mocuba

Durch Claudinei kommen wir auch zu einer Übernachtungsmöglichkeit. Er verschafft uns die Erlaubnis, auf dem Innenhof von ADRA zwischen all den Motorrädern und Geländewagen, mit denen die Mitarbeiter hinausfahren, übernachten zu dürfen. Wir danken ihm dafür herzlich, und so hat der Tag doch noch ein versöhnliches Ende genommen.

Besuch bei ADRA in Mocuba

Besuch bei ADRA in Mocuba

Entlang des Malawisees zur Monkey Bay

Die letzten Tage sind wir am Westufer des Malawisees entlang quer durch Malawi gefahren. Malawi gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, die Kindersterblichkeitsrate ist die weltweit höchste. Jetzt am Ende der Regenzeit präsentiert Malawi sich uns in voller Schönheit: grün, natürlich, bergig und nicht zu vergessen der tiefblaue Malawisee.
Der Malawisee erstreckt sich von Nord nach Süd durch fast ganz Malawi. Die Landschaft entlang des Malawisees wird agrarwirtschaftlich genutzt. Mais- und Reisfelder wechseln sich ab. Hinter Mzuzu folgen große Kautschukplantagen; Kinder und Jugendliche stehen überall am Straßenrand und verkaufen einfach gearbeitete Gummibälle aus Kautschuk. Unten im Süden dann schließlich gibt es viele Teeplantagen, die noch aus der britischen Kolonialzeit stammen.
Berühmt ist der Malawisee für seine farbenfrohen Fischarten. 80 Prozent davon sind endemisch – sie kommen nirgendwo sonst vor auf der Erde. Wer ein Süßwasseraquarium sein Eigen nennt, hat darin sehr wahrscheinlich auch Fische, die ursprünglich aus dem Malawisee stammen. Der See ist deshalb auch dafür berühmt, das beste Süßwassertauchrevier der Welt zu sein. Wir machen davon allerdings keinen Gebrauch, denn wir haben nur ein Transitvisum für sieben Tage.

Malawisee

Malawisee

An der Grenze wollte man von uns eine feste Adresse in Malawi, an der wir uns aufhalten würden. Als wir erklärten, dass wir eigentlich mehr oder weniger durch Malawi durchfahren und an wechselnden Orten campen würden, hat man uns kurzer Hand ein Transitvisum verpasst. Aber immerhin ist es kostenlos. Und wir haben Glück gehabt, dass wir überhaupt in Malawi einreisen durften. Wie viele afrikanische Länder verlangt Malawi von den Einreisenden eine Gelbfieberimpfung. Wir beide haben uns diese Impfung vor Reiseantritt geben lassen, und in Christianes Impfpass ist sie auch ordnungsgemäß eingetragen. In meinem Impfpass jedoch herrscht auf der für die Gelbfieberimpfung vorgesehenen Seite gähnende Leere. Glücklicherweise drückte die Kontrolleurin ein Auge zu. Später haben wir mit etwas mehr Ruhe festgestellt, dass die Gelbfieberimpfung bei mir lediglich auf einer falschen Seite im Impfpass eingetragen war.

Unterwegs entlang des Malawisees haben wir bereits mehrere Male gecampt. Die Camps am Malawisee sind schwer zu finden, da sie nur auf engen, sandigen, dicht bewachsenen Pfaden zu erreichen sind, die man kaum als Wege erkennt. Gut, dass wir das GPS haben, sonst wären wir auf der Suche nach den Camps ein ums andere Mal vorzeitig umgekehrt.
In den malawischen Camps soll viel geklaut werden. Und tatsächlich ist es uns zum ersten Mal auf unserer Reise passiert: Ausgerechnet das GPS ist weg. Nach langer erfolgloser Suche mussten wir uns eingestehen, dass das GPS nur geklaut worden sein konnte, denn bei der Ankunft im Camp hatten wir es noch. Keine zehn Meter vom Sprinter entfernt und in Sichtlinie hatten wir nur fünf Minuten lang Wäsche aufgehängt. Dabei hatten wir wegen der Hitze ausnahmsweise die Türen des Sprinters offen gelassen. Es muss jedoch kein Einheimischer gewesen sein, denn auch ein großer Overland-Truck mit zahlreichen Backpackern hatte im Camp sein Lager aufgeschlagen. Man hört, dass auf diesen Touren viel geklaut wird.

Nach dem Diebstahl hat uns natürlich nicht mehr viel in diesem Camp gehalten. Deshalb fahren wir weiter zum Camp Fat Monkeys in der Monkey Bay am südwestlichen Zipfel des Malawisees.

Malawi

Malawi

Malawi

Die Monkey Bay ist eine wunderschöne, friedliche Bucht mit vorgelagerten, baumbewachsenen Inseln. Hier machen wir es uns nun gemütlich, um den Diebstahl zu verdauen.
Doch die Ruhe währt nicht lange, denn urplötzlich sehen wir uns Auge in Auge mit einem Einbrecher: Eine Ratte ist in unserem Sprinter! Sie muss von einem Ast des Baums, unter dem wir stehen, auf unser Dach und durch die offene Dachluke auf das zugezogene Insektenrollo gesprungen sein. Das Rollo ist dabei wie ein Blitz aufgesprungen, und unversehens fand sich die Ratte im Inneren unseres Sprinters wieder. Das war ihr erster Fehler, denn Ratten in unserem Zuhause mögen wir überhaupt nicht.
Ihr zweiter Fehler ist, dass die Ratte sich ausgerechnet in den Spalt zwischen unserem Bett und unserem Kleiderschrank verkriecht. Unser Bett besteht im Grunde genommen aus drei schweren Sperrholzplatten, die links und rechts auf Schienen aufliegen. Wenn man die Platten auf einer Seite anhebt, knallen sie auf der anderen Seite herunter – in unserem Fall auf den Schrank und somit die Ratte. Die Ratte ist eingeklemmt und quiekt Mitleid erregend. Eigentlich möchte ich sie nicht töten, aber wenn sie uns entwischt, kann sie sich irgendwo unerreichbar im Sprinter verkriechen. Schweren Herzens gebe ich einen donnernden Schlag auf die Platte – dann ist die Ratte still.

Fat Monkeys in der Monkey Bay

Fat Monkeys in der Monkey Bay

Für die Aufregung entschädigt werden wir durch die einzigartigen Abendstimmungen hier in der Bucht – allerdings erst nachdem wir den Strandverkäufern nachdrücklich klar gemacht haben, dass wir allein sein möchten. Frühzeitig verschwindet die Sonne hinter dicken, dicht über dem Horizont hängenden Wolken und taucht die Bucht in tiefblaue Töne. Dazu wogt der Malawisee sanft und friedlich an seine Ufer.

Fat Monkeys in der Monkey Bay

Fat Monkeys in der Monkey Bay

Fazit Tansania

Heute wollen wir einmal mit der Tradition brechen, nur über das zu schreiben, was wir alles gesehen und erlebt haben: Heute wollen wir auch einmal über das schreiben, was wir in Tansania alles nicht gesehen und nicht erlebt haben.

Zu nennen wären da allem voran drei Nationalparks: der Serengeti, der Ngorongoro und der Kilimandscharo. Der Serengeti ist wie sein kenianisches Pendant Masai Mara berühmt für die großen Büffelherden, die zweimal jährlich auf der Suche nach Wasser vom einen Park in den anderen ziehen. Der Ngorongoro ist ein riesiger Krater, in dem die Big Five in einer einzigartigen Vielzahl und Dichte vertreten sind. Und der Kilimandscharo ist Afrikas höchster Berg – ein Bilderbuchberg, der die weltweit einzige Möglichkeit darstellt, ohne Kletterei auf knapp sechstausend Meter Höhe zu kommen. Die ersteren beiden hätten uns mehrere hundert US-Dollar pro Tag gekostet, der letzte gar runde tausend – pro Person! Die tansanische Regierung hat es sich in den Kopf gesetzt, einzig auf Luxustourismus zu setzen. Midrange- und Low-Budget-Tourismus sind ungern gesehen. Die Eintrittpreise für die Parks wurden in den vergangenen Jahren immer wieder verdoppelt. Mittlerweile ist Tansania dabei, die wirtschaftlichen Impulse aus dem Tourismus zu vernichten. Die Lodge-Betreiber außerhalb des Luxussegments leiden bereits erheblich darunter. Selbst aus der politischen Krise Kenias konnte Tansania kaum Profit schlagen. Auch wenn derzeit nicht Hauptsaison ist, haben viele Lodges unverhältnismäßig wenige Gäste. Wir sind sicher, dass es in absehbarer Zeit ein Einlenken der tansanischen Regierung geben muss. Bis dahin sparen wir uns das Geld und holen unseren Bedarf vielleicht irgendwann einmal nach.

Auf Sansibar waren wir übrigens auch nicht. Der Grund war hier allerdings weniger das Geld. Nach und nach wurden uns immer häufiger Berichte über penetrante Strandverkäufer zugetragen. Nach unseren Erlebnissen am Tiwi Beach in Kenia brauchen wir das erst einmal nicht mehr.

Natürlich haben wir trotzdem das eine oder andere gesehen in Tansania, auch einen der Nationalparks. Der Mikumi National Park ist der einzige Nationalpark in Tansania, für den man nicht bezahlen muss, wenn man ihn durchquert, und es gibt selbst von der Straße aus viele Elefanten, Giraffen und Zebras zu sehen. Für uns liegt er auf dem Weg nach Malawi, durch das wir den von verheerenden Stürmen und sintflutartigen Regenfällen verwüsteten Norden Mosambiks umfahren wollen.

Außerdem sehen wir auf dem Weg unzählige wildgewordene Bus- und Lastwagenfahrer. Überall liegen verunfallte Fahrzeuge am Straßenrand. Oft sehen sie nicht so aus, als ob die Insassen noch lebend aus ihnen herausgekommen wären. Die Fahrweise der bisher noch auf der Straße verbliebenen Fahrer lässt auch nicht zwingend den Wunsch aufkommen, dass es ihren verunfallten Kollegen gelungen sein könnte – aus Gründen der eigenen Sicherheit. Dennoch ist es einigen gelungen. Sie sind leicht zu erkennen an den sichtbaren Schäden ihrer Fahrzeuge. Völlig verbogene und verzogene Fahrzeuge kommen uns entgegen. Oftmals haben sie nicht einmal mehr eine Windschutzscheibe. Die Fahrer tragen stattdessen Staubmasken und Sonnenbrillen und sehen aus wie die Banditen in alten Clint-Eastwood-Western.

Ebenfalls bemerkenswert ist die Fahrweise einiger Radfahrer. Generell ist das Fahrrad das verbreitetste Verkehrsmittel in Afrika. In der Mitte der Strecke zwischen Dar es Salaam und Mbeya, nahe der Grenze zu Malawi, gibt es eine ziemlich steile Gebirgskette mit engen Haarnadelkurven. Auf dem Weg nach oben sieht das ungeübte Auge gelegentlich etwas an sich vorbeiflitzen, das sich bei genauerem Hinsehen als Radfahrer entpuppt. Mit weit über sechzig Stundenkilometern schießen Verrückte auf klapprigen und vollbeladenen Fahrrädern die Berge hinab. Der Clou an der Sache ist, dass sie keine Bremsen haben! Zumindest haben sie keine Bremsen im herkömmlichen Sinn, denn sie bremsen, indem sie eine ihrer Sandalen über den rauen Asphalt schleifen lassen. Dazu haben sie die Sohle mit einem dicken Gummi verstärkt, das wahrscheinlich von alten Autoreifen stammt. Genau konnten wir es nicht erkennen, dafür sind sie zu schnell an uns vorbeigeflitzt. Zieht man nun die Fahrweise der motorisierten Verkehrsteilnehmer ins Kalkül, kann man sich nur schwer vorstellen, dass die Lebenserwartung der Unmotorisierten auch nur in die Nähe des tansanischen Durchschnitts gelangen könnte. Die schwer beladenen Lastwagen kriechen förmlich bergauf, so dass sie immer wieder von ihren weniger beladenen Kollegen überholt werden. Dann bleibt kein Raum mehr für Radfahrer, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen sich zur falschen Zeit in die falsche Kurve legt.

Sunrise Beach Resort bei Dar es Salaam

Auf dem Weg nach Dar es Salaam kommen wir erstmals mit der Polizei in Konflikt. Wir sind zu schnell gefahren. 61 km/h stehen statt der erlaubten Fünfzig Rot auf Schwarz in der Digitalanzeige der Radarpistole, die mir der blütenweiß uniformierte Polizist unter die Nase hält. Mit einer derart modernen technischen Ausstattung hätten wir nicht gerechnet. Vielleicht haben wir das ja auch der Entwicklungshilfe zu verdanken.
Jedenfalls fordert der Beamte 20.000 Tansanische Schillinge. Das wären umgerechnet knapp 20 US-Dollar. Doch wir haben kaum noch Schillinge dabei.
„We haven’t got any Shillings. Can we pay in US-Dollars as well?“
„Yes, that’s possible. How much do you pay?“
Die Frage ist uns suspekt.
„Five Dollars?“
„Give me ten.“
Das sind immer noch deutlich weniger als 20.000 Tansanische Schillinge.
„Okay.“
„Do you need a receipt?“, fragt er mit wenig Vertrauen erweckendem Grinsen.
Lieber nicht. Wenn Bußgelder Verhandlungssache sind, sollte man nicht auf eine Quittung bestehen. Das könnte den Preis rückwirkend in die Höhe treiben!
„No, thank you. Bye!“, sagen wir schnell, bevor er es sich noch einmal anders überlegt.

Auch wenn das kein guter Auftakt zu meinem Geburtstag war: trotzdem, endlich ist es so weit, endlich habe ich Geburtstag! Jedes Jahr freue ich mich auf’s Neue auf meinen Geburtstag und meine Geschenke. Nachdem ich in meiner Geburtstagsnacht schon Christiane auspacken durfte, überraschen mich Fulco und Marielle mit einem kleinen Präsent aus ihrer Schatztruhe: einem Beachball-Spiel, das wir in den nächsten Tagen ausgiebig bemühen werden!

Sunrise Beach Resort bei Dar es Salaam

Sunrise Beach Resort bei Dar es Salaam

Sunrise Beach Resort bei Dar es Salaam

Sunrise Beach Resort bei Dar es Salaam

Das Sunrise Beach Resort hier am Stadtstrand von Dar es Salaam ist zwar nicht gerade ein Traum, eher ein ziemlich großer, unpersönlicher Laden. Aber immerhin ist es gut für eine Runde Cocktails zum Anstoßen und ein ordentliches Geburtstagsmahl. Wir wissen schon gar nicht mehr, wo wir unsere letzten Cocktails genießen durften. Den nächsten Geburtstag können können wir jetzt schon kaum erwarten!

Peponi Beach Resort und The BeachCrab Resort

Nachdem wir vorzeitig aus dem vermeintlichen Paradies Tiwi Beach geflüchtet sind, ist unser Strandurlaubsbedarf noch nicht gedeckt. Wir fahren deshalb weiter die Küste entlang hinein nach Tansania.
Der Grenzübertritt gestaltet sich wieder erfreulich unkompliziert. Einzig zu erwähnen wäre, wie überraschend fortgeschritten die tansanischen Grenzbeamten sind. Nachdem wir binnen fünf Minuten unsere Visa erhalten haben, begeben wir uns ins Zollbüro. Dort werden wir freundlich empfangen und mit unseren Vornamen begrüßt. Einen langen Augenblick schweben sichtbar Fragezeichen über unseren Köpfen. Mit einem Lächeln fragen wir überrascht, woher sie denn jetzt schon unsere Namen haben, und mit allem Selbstverständnis der Welt erhalten wir die Antwort „Wir haben hit-the-road.net auf eurem Auto gesehen und gleich im Internet recherchiert.“ Schwer beeindruckt nehmen wir unseren Carnet-Stempel in Empfang. Dann werden wir ins Nebenbüro beordert, um unsere Road Tax, eine Art Maut zu entrichten. Und was sehen wir dort an der Wand hängen: ein modernes Prozessdiagramm, das die Arbeitsabläufe und Entscheidungswege des Beamten beschreibt. Fehlt eigentlich nur noch die ISO-Zertifizierung!

Da fühlt man sich doch gleich zu Hause. Aber wir wollen ja an den Strand und haben uns dafür als erstes das Peponi Beach Resort zwischen Tanga und Pangani ausgesucht. Im Peponi Beach Resort machen auch viele Afrikafahrer Station.

Peponi Beach Resort

Peponi Beach Resort

Das Camp ist wie ein Dschungel, aber Strand und Ufer sind leider extrem flach. Selbst bei Flut ist das Wasser kaum tief genug zum Schwimmen, und es ist brackig.
Dafür gibt es aber einen kleinen Swimming Pool. Im Übereifer stößt Christiane sich zu kräftig vom Beckenrand ab und knallt volle Wucht mit der Nase auf den gegenüberliegenden Beckenrand. Wahrscheinlich ist die Nase angebrochen.

Im Peponi Beach Resort treffen wir auf mehrere alte Bekannte. Darunter sind zufällig auch wieder Fulco und Marielle, die von Namanga aus nach einem Besuch im Amboseli National Park die Grenze hinüber nach Arusha genommen hatten.
Nahe des Arusha National Park gibt es die berühmte Hatari Lodge, die von Hardy Krüger aufgebaut und vor mehreren Jahren von einem deutschen Ehepaar übernommen wurde. Die Luxus-Lodge soll diverse infrastrukturelle und servicetechnische Probleme haben und die Gelegenheit zur Mitarbeit gegen Kost, Logis und ein ansehnliches Taschengeld bieten. Wir hatten auch darüber nachgedacht. Allerdings hatten wir schon in Khartum von einem deutschen Afrikafahrer, der vor einigen Jahren als Zimmermann unter der alten Regie in der Lodge gearbeitet hatte, gehört, dass er damals um einen Teil seines Geldes geprellt worden und das wohl auch kein Einzelfall gewesen war. Das kann heute völlig anders sein, aber da die Luxusurlaubsklientel ohnehin nicht unsere Welt ist, hatten wir uns gegen eine Mitarbeit entschieden, wenngleich die Nähe zum Nationalpark und das Leben inmitten der wilden Tierwelt reizvoll gewesen wären. Verpasst haben aber wir wohl nichts, denn wie Fulco und Marielle uns berichten, ist die Mitarbeit nur mit einem Arbeitsvisum möglich, das in Tansania wie in anderen afrikanischen Ländern nur sehr schwer zu bekommen ist.

Das Peponi Beach Resort hat unseren Strandurlaubsbedarf noch nicht decken können. Aber wir haben noch von einem anderen Resort weiter südlich in Pangani gehört, das in den letzten drei Jahren von den Deutschen Sonja und Alex liebevoll aufgebaut und vor einigen Wochen offiziell eröffnet wurde: The BeachCrab Resort.

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

Die beiden sympathischen Aussteiger und Hund Bobby waren mit ihrem Auswanderungsprojekt mehrere Male in Good-bye Germany auf VOX zu sehen. Statt von Aussteigern sollte man vielleicht besser von Umsteigern sprechen. Als Aussteiger stellen sich die Meisten wohl eher langhaarige Robinsons vor, die faul auf einer einsamen Insel hocken und ständig bekifft sind. Diesem Klischee entsprechen Sonja uns Alex nicht im Geringsten. Drei Jahre lang haben sie geschuftet und ein idyllisches Refugium aus dem Nichts gezaubert, das sich sehen lassen kann. Auf einer Fläche von fünf Hektar bietet es alles, was man braucht: einen wunderschönen, natürlichen Sandstrand, klares Wasser, riesige Kokospalmen und dazwischen schöne Bungalows, ein Restaurant mit exzellenter Küche, eine Bar, eine Sportsbar und vielfältige Möglichkeiten für den Aktivurlaub. Tauchen, Windsurfen, Mountainbiken und ein professioneller Beach-Volleyball-Platz lassen kaum noch Wünsche offen. Ausflüge in Tansanias berühmte Nationalparks wie den Serengeti und den Ngorongoro stehen natürlich auch auf dem Programm.

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

Die drei Tage, die wir im BeachCrab verbringen, sind eigentlich viel zu kurz. Aber wir haben uns mit Fulco und Marielle in einem Resort am Stadtstrand von Dar es Salaam verabredet, um dort gemeinsam meinen Geburtstag zu feiern. Sonja und Alex wünschen wir alles Gute für das BeachCrab, und dass es sich schnell zu dem geschäftlichen Erfolg entwickelt, den es verdient hat!

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

Und noch eine Geschichte solle nicht unerzählt bleiben: Im BeachCrab haben wir zwei Österreicher kennengelernt, die die letzten Jahre in Simbabwe gelebt haben und gerade aus dem Land geflüchtet sind.
Seit den frühen Achtzigern hat Simbabwe seine erste schwarze Regierung unter der Präsidentschaft Mugabes, und seit nunmehr einigen Jahren geht es mit dem Land in schier atemberaubender Geschwindigkeit bergab. Wie es zuvor in Südafrika nach der Abschaffung der Apartheid geschehen war, enteignete man die weißen Großgrundbesitzer und damit die größten Arbeitgeber. Viele Ländereien wurden in die Hände von Personen aus Mugabes Dunstkreis gelegt, die mit der Führung einer Farm oder dem Abbau einer Mine überfordert waren. So gingen unzählige Arbeitsplätze verloren. Die Entwicklung gipfelte in einer Inflation von unglaublichen 100.000 Prozent – pro Jahr. Die meisten Menschen waren binnen kürzester Zeit bettelarm. Die Geschäfte sind leer und die Schwarzmärkte blühen. Viele Menschen sind verhungert. Die durchschnittliche Lebenserwartung fiel binnen weniger Jahre von über fünfzig auf unter vierzig.
Wer ein Devisenkonto hat und zur Bank geht, erhält stapelweise Geldbündel, die nur noch mit großen Plastiktüten oder Koffern zu tragen und trotzdem praktisch nichts wert sind. Da sich die Preise dreimal täglich vervielfachen, muss man das soeben abgehobene Geld innerhalb von ein bis zwei Stunden ausgegeben haben, sonst hat man plötzlich nur noch einen Bruchteil des vorherigen Wertes unter dem Arm.
Unterdessen blüht der Devisenhandel auf dem Schwarzmarkt. Mugabes Günstlinge haben das Privileg, inländische Währung zum – dem Realkurs hinterherhinkenden – Nominalkurs gegen Devisen einzutauschen. Die Devisen tauschen sie auf dem Schwarzmarkt zum Realkurs gegen die inländische Währung zurück. Mit jedem Mal verzigfachen sie so ihr Vermögen und haben auf diese weise unglaubliche Reichtümer angerafft. Die teuersten Luxusfahrzeuge, die man sich vorzustellen vermag, trifft man auf Harares Straßen an. Dazu findet man gigantische Anwesen, die den Refugien berühmter Hollywood-Schauspieler in Beverly Hills in nichts nachstehen.
In vier Wochen sind Wahlen in Simbabwe. Bleibt nur zu hoffen, dass es nach 25 Jahren endlich zu einem Regierungswechsel kommt und sich nicht das gleiche Drama wie in Kenia abspielt.

The BeachCrab Resort

The BeachCrab Resort

Tiwi Beach bei Mombasa

Wenn man durch den Tsavo durch ist, ist Mombasa nicht mehr weit. Wir sind gespannt auf die kenianische Großstadt an der Küste, werden aber enttäuscht. Außer durch chaotischen Verkehr scheint sie sich auf den ersten Blick durch nichts auszuzeichnen. Deshalb riskieren wir auch keinen zweiten Blick und fahren gleich weiter nach Tiwi Beach, Mombasas Wochenendausflugsstrand rund 30 Kilometer südlich der Stadt.

Ja, und was soll man sagen? Tiwi Beach kommt dem Paradies verdammt nahe. Vor uns breitet sich eine südseeähnliche Idylle aus: strahlender Sonnenschein, erhabene Kokospalmen, weißer Sandstrand und türkisfarbenes, klares Wasser. Bei Ebbe bilden sich Pools, deren Wasser sich in der Sonne auf beinahe Körpertemperatur aufheizt und zum stundenlangen Bad einlädt. Dazu gibt es jeden Tag frischen Fisch und frisches Obst. Was will man mehr?

Tiwi Beach

Tiwi Beach

Na ja, vielleicht nicht andauernd angesprochen werden, ob man Schnitzereien oder Kokosnüsse oder kaufen will. Die Strände sind leer, und die Touristen bleiben wegen der instabilen politischen Lage Kenias zu Hause oder buchen um. Nach nunmehr zwei Monaten ohne Touristen gehen die Strandhändler hier langsam auf dem Zahnfleisch. Wie die meisten Afrikaner kennen sie keine Vorsorge für schlechte Zeiten. Wenn sie Geld haben, geben sie es aus. Schon in guten Zeiten fällt es ihnen schwer zu glauben, dass der Tourist nicht die fünfte Kokosnuss des Tages kaufen und auch nicht das x-te Mal seinen Namen auf einen Schlüsselanhänger geschnitzt haben möchte. Ein typischer Strandtag sieht ungefähr so aus:

Man geht morgens am Strand spazieren, unterhält sich angeregt und wird jäh unterbrochen:
„Hello my friend, how are you?“
„Fine. How are you?“
„What a nice day! Where are you from?“
„Germany.“
„Ah, aus Deutschland! Willkommen! Germans are nice people! First time in Kenia?“
„Yes.“
„Where do you stay?“
„Sorry, but we won’t tell you.“
„When you come back, please have a look at my shop!“
„What kind of shop do you have?“
„I sell nice carvings.“
„Maybe later.“

Einige identische Gespräche später ändert sich der Gesprächsverlauf um die Mittagszeit herum dann ungefähr wie folgt:
„Hello my friend, how are you?“
„You are not really interested in this.“
„What a nice day! Where are you from?“
„From The Netherlands.“
„First time in Kenia?“
„Maybe.“
„Where do you stay?“
„Somewhere.“
„When you come back, please have a look at my shop!“
„Let’s guess: You sell carvings?“
„How do you know?“
„Because everybody here sells carvings.“

Und wiederum einige identische Gespräche später gegen Abend ändert sich der Gesprächsverlauf erneut:
„Hello my friend, how are you?“
„Could be better.“
„What a nice day! Where are you from?“
„From Mars.“
„First time in Kenia?“
„No.“
„Where do you stay?“
„That’s not your business.“
„When you come back, please have a look at my shop!“
„No.“
„Why?“
„Because we don’t like carvings.“

So lustig das gerade geklungen hat: Manche der Strandverkäufer sind nicht nur nervig. Einer aus einer Gruppe von drei jungen Männern, die gemeinsam am Strand hocken, bietet uns beim Spazieren Kokosnüsse an. Wir sagen ihm, dass wir im Moment keinen Bedarf haben, aber vielleicht auf dem Rückweg welche kaufen werden. Das tun wir dann auch, allerdings unwissentlich bei einem seiner beiden Kumpel. Es saßen aber immer noch alle drei gemeinsam am Strand. Dann kommt derjenige vom ersten Mal angelaufen und beschwert sich, dass wir die Kokosnüsse bei ihm kaufen wollten. Dabei wird er ziemlich aufbrausend. Ob nun aus mangelnder Kollegialität untereinander oder purer Dreistigkeit uns gegenüber: Wir haben das Gefühl, es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert. Deshalb ziehen wir es vor, das vermeintliche Paradies nach nur wenigen Tagen wieder zu verlassen. Wirklich schade.

Bevor wir Tiwi Beach den Rücken kehren, wollen wir allerdings erst noch die beiden liebenswürdigen und immer lustigen Tessiner Antonietta und Marco erwähnen, mit denen wir uns das wunderschöne Camp geteilt haben. Sie reisen seit sage und schreibe neun Jahren in ihrem 33 Jahre alten VW-Bus durch die Welt und sind ab sofort unsere neuen Vorbilder!

Tiwi Beach

Safari im Tsavo National Park

Der Amboseli National Park und der Tsavo National Park liegen nur siebzig Kilometer auseinander. Man kann vom einen praktisch gleich in den nächsten fahren. Morgens noch im Amboseli, mittags schon im Tsavo. Der Tsavo ist der größte Nationalpark Afrikas. Er ist stolze 21.000 Quadratkilometer groß. Demgegenüber kommt der Amboseli auf gerade einmal knapp 400 Quadratkilometer. Mit anderen Worten: Der Tsavo ist über fünfzigmal so groß wie der Amboseli. Er beheimatet 10.000 Elefanten und die weltweit größte Kolonie der seltenen schwarzen Nashörner. Wir haben zwar nicht das Glück, eines von ihnen zu sehen. Aber dafür sehen wir zwei große Gruppen von Flusspferden aus nächster Nähe nebst eines Krokodils und eines Leoparden. Außerdem ist die weite und abwechslungsreiche Landschaft des Tsavo einfach fantastisch.

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Tsavo National Park

Safari im Amboseli National Park

Nachdem wir uns ein paar Tage bei Chris erholt haben, haben wir uns gestern gemeinsam mit Fulco und Marielle wieder auf den Weg gemacht. Wir wollen dem Amboseli National Park einen Besuch abstatten. In Namanga, hoffen die beiden, können sie Doerak und Djennis für einen Tag zurücklassen, während sie sich den Park ansehen gehen. Der Amboseli ist berühmt für die atemberaubenden Ausblicke auf den Kilimandscharo. Rund 6.000 Meter ist er hoch. Vor seiner Silhouette wirken die Elefanten und die vielen anderen Tiere, Löwen, Büffel, Flusspferde, Giraffen, Zebras, Gazellen, Hyänen und Warzenschweine, die auf den Wiesen der ausgedehnten Savannenlandschaft grasen, wie Spielzeugfiguren. Leider versteckt sich der Kili, wie er liebevoll genannt wird, jedoch meistens hinter einer dicken Wolkendecke. Nur früh morgens bei Sonnenaufgang hat man gute Chancen, ihn in seiner ganzen Pracht zu sehen.

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Safari im Amboseli National Park

Boxenstopp bei Jungle Junction in Nairobi

Nairobis Ruf ist nicht viel besser als der der Mojale-Route. Nicht umsonst trägt Nairobi auch den spöttischen Namen „Nairobbery“. Umso mehr sind wir erstaunt, dass Nairobi abgesehen vom Verkehrschaos im Zentrum eine durchaus schöne Stadt mit viel Grün ist. Und einkaufen kann man hier weltklasse. Zumindest kommt es uns nach der langen Supermarktabstinenz seit Kairo so vor. Wir kaufen den halben Supermarkt leer: Bier, Wein, Gin, Tonic Water, Salt & Vinegar Chips, Haribos, Schokolade und was es sonst noch so gibt. Auch ein paar gesunde Sachen verirren sich in den Einlaufskorb, aber sie sind deutlich in der Unterzahl.

Nachdem wir uns noch am westlichen Angebot des angegliederten Cafés gütlich getan und das offene Funknetzwerkverbindung des Cafés in Anspruch genommen haben, schleppen wir unsere Beute zurück zu Jungle Junction, einem festungsartig gesicherten, aber schönen Camp, in dem wir uns einquartiert haben und wo wir uns mit Fulco und Marielle verabredet hatten. Hohe Mauern, versehen mit Glasscherben und Stacheldraht umgeben das Camp, zwei Wachhunde liegen faul in der Sonne. Soll uns das ein Gefühl von Sicherheit geben, oder sollte uns das nicht eher verunsichern? Aber solche Mauern sind in afrikanischen Städten leider völlig normal. Mit ihnen schützen die Weißen und die wohlhabenden Schwarzen sich und ihr Hab und Gut vor den armen Schwarzen. Anfangs irritierend, gewöhnt man sich doch schnell daran. Außerdem ist es in den augenblicklichen unsicheren Zeiten vielleicht gar nicht so verkehrt. Nur wenige Wochen zuvor kam es vor Jungle Junction noch zu einer Straßenschlacht und Schießereien. Die Camper waren innerhalb der beeindruckenden Mauern in Sicherheit.

Chris ist Deutscher und betreibt Jungle Junction seit etlichen Jahren. Er hat das Camp vorbildlich organisiert und kümmert sich hervorragend um seine Gäste. Freitags gibt es Barbecue vom Feinsten – da entpuppt er sich als wahrer Grillmeister. Eigentlich ist Chris gelernter Kfz-Mechaniker. Er war Werkstattleiter bei BMW-Motorrad in Nairobi. Motorräder sind seine Leidenschaft, und er hat seinem Camp eine kleine, aber feine Motorradwerkstatt angegliedert. In Afrika kann man nicht nur auf einem Bein stehen, sagt er. So heißen die Afrikafahrer auch die Gelegenheit willkommen, ihre Motorräder und Autos bei Chris zu reparieren oder reparieren zu lassen. So auch wir, denn wir hatten ja einen Platten. In Nairobi bekommt man so ziemlich alles, was für eine Reparatur notwendig ist. Chris nennt uns zwei Reifenflicker, die sich das Malheur ansehen können. Leider stellt sich heraus, dass an einer Stelle die Gummischichten begonnen haben, sich voneinander zu lösen – irreparabel. So müssen wir wohl oder übel zwei neue Reifen bestellen, denn nur einen zu wechseln, wäre bei dem bereits stark abgefahrenen Profil des gegenüberliegenden Reifens nicht möglich. Der Spaß kostet uns runde dreihundert Euro.

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Boxenstop bei Jungle Junction in Nairobi

Über den Äquator

Nachdem wir uns im Timau Camp am Fuß des Mount Kenia eine Übernachtung gegönnt haben, geht es schließlich auf die letzten Kilometer bis nach Nairobi. Wir sind auf die Überquerung des Äquators gespannt. Den Äquator überqueren wir zwar nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal tun wir es auf dem Landweg.

Doch erst einmal werden wir wieder von einer Radarkontrolle angehalten. Ich habe sie frühzeitig gesehen und bin auf den Strich genau die zulässige Geschwindigkeit gefahren. Ein Polizist kommt zu mir ans Fenster und bezichtigt uns der Geschwindkeitsübertretung.
Beim ersten Mal, als uns das passierte, war ich nicht darauf vorbereitet gewesen. Der Polizist hatte mir eine Radarpistole mit aufleuchtendem Messwert vor die Nase gehalten, und ich musste es so hinnehmen. Doch wer weiß, ob das Gerät vor der Messung überhaupt zurückgesetzt wurde?
Dieses Mal bin ich mir jedoch sicher, die zulässige Geschwindigkeit eingehalten zu haben und mache das dem Polizisten gegenüber auch sehr deutlich. Der fängt an zu schmunzeln, zwinkert mir zu und winkt uns weiter. Mit einem Lächeln verabschieden wir uns – man versteht sich!

Am Äquator schließlich angekommen entdecken wir nur ein mageres Schild, das die imaginäre Line kennzeichnet, die die Welt umspannt. Wir sind etwas enttäuscht, hätten mit einem schönen Stein, einer Messingtafel oder gar einer in die Straße eingelassenen Messinglinie gerechnet. Aber nichts dergleichen ist zu sehen.
Natürlich lassen wir es uns trotzdem nicht nehmen, ein Foto von dem Schild zu machen. Als wir dann aber sogleich vom ersten Souvenirverkäufer angequatscht werden, fällt es uns nicht schwer, den Äquator schnell wieder zu verlassen und weiter nach Nairobi zu fahren.

Äquator

Safari im Samburu National Reserve

Etwa vierzig Kilometer vor Isiolo kommt man am Samburu National Reserve vorbei. Dennis und Maike in Kairo hatten es uns empfohlen. Es ist das erste Naturreservat, das wir uns ansehen werden. Fulco und Marielle sind unschlüssig, da sie Sorge um ihren Bus haben und außerdem organisieren müssten, dass Doerak und Djennis, ihre beiden Niederländischen Schäferhunde, irgendwo versorgt wären. Da es bis Isiolo nicht mehr weit ist, trennen wir uns unbesorgt. Wir wollen uns in zwei Tagen in Nairobi treffen.

Das Samburu National Reserve ist ein vergleichsweise kleines Naturreservat, aber man kommt auf vielen kleinen Wegen sehr nahe an die Tiere heran. Es ist durchzogen von einer ursprünglichen Flusslandschaft. Hier sehen wir unsere ersten Elefanten, Büffel, Giraffen, Zebras, Gazellen und Emus in freier Wildbahn. Raubtiere bekommen wir leider nicht zu sehen, obwohl es Löwen, Leoparden und Krokodile geben soll.

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Safari im Samburu National Reserve

Nach einer Nacht auf dem ungesicherten Camp-Gelände des Samburu National Reserve, wo uns eine Horde Affen einen Besuch abgestattet und versucht hat, in unseren Sprinter einzudringen, machen wir uns glücklich und tief beeindruckt auf den restlichen Weg nach Isiolo. Die paar Kilometer ohne Fulco und Marielle sollten wir nun auch noch unbeschadet überstehen. Aber nein, Irrtum, wir treffen noch einmal auf eine richtig üble Piste. Und, wie könnte es anders sein, wir fangen uns auch gleich einen Platten ein. Ein dicker, langer Dorn hat sich durch einen unserer Reifen gebohrt und für einen schleichenden Platten gesorgt. Diese Büsche mit Dornen so lang wie Messer gibt es hier überall in Kenia. Nun ist es also so weit, der erste Reifenwechsel an unserem Sprinter steht an. Natürlich ist es nicht unser erster Reifenwechsel, aber es ist der erste an einem so großen und schweren Fahrzeug. Wir machen uns aber gut, und nach einer halben Stunde können wir weiterfahren.

Da wir im Gegensatz zu fast allen anderen Afrikafahrern aus Platzmangel nur ein Ersatzrad haben, wäre ein weiterer Platten jetzt schlecht. Und ein Platten kommt auf solchen Pisten selten allein. Aber wir haben Glück und erreichen ohne weitere Zwischenfälle Isiolo. Ab Isiolo gibt es eine Teerstraße, die bis nach Nairobi führt. Mit ungewohntem Komfort gleiten wir nun dahin. Da es noch nicht so spät ist, fahren wir gleich weiter bis nach Timau, das nur wenige Kilometer vor dem Äquator am Fuß des Mount Kenia liegt, dem zweithöchsten Berg Afrikas. Hier gibt es ein wunderschönes, natürlich gelegenes Camp mit Blick auf den Berg: das Timau Camp.

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Vorgestern haben wir uns in Yabello wieder mit Fulco und Marielle getroffen. Erneut steht uns ein schwieriger und dieses Mal auch gefährlicher Streckenabschnitt bevor: die berüchtigte Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia. In Yabello haben wir uns mit reichlich zusätzlichen Wasser- und Dieselvorräten in großen Plastikkanistern eingedeckt, die wir günstig erstanden haben.

Yabello

Yabello

Am Abend haben wir uns dann auf der Terrasse des zu unserem Camp gehörenden Restaurants mit einer Portion Injera gestärkt – dem äthiopischen Nationalgericht. Injera ist ein weiches, gesäuertes Fladenbrot, das in mundgerechte Stücke gerissen und in Fleischragout und andere Zubereitungen getunkt wird. Fulco bestellte dazu eine Flasche Cola, aber es war keine Kohlensäure darin. Als er den Kellner darauf aufmerksam machte, nahm dieser die Flasche und goss von deren Inhalt auf den Boden der Terrasse neben Fulco. Aus der aufschäumenden Cola auf dem Terrassenboden schloss er schließlich, es müsse doch Kohlensäure darin sein. Kann man da widersprechen?

Die Mojale-Route ist benannt nach der äthiopisch-kenianischen Grenzstadt und führt quer durch Nordkenia über Marsabit nach Isiolo. Berüchtigt ist die Mojale-Route wegen der seit Jahren dort immer wieder stattfindenden Überfälle durch somalische Banden – teils mit tödlichem Ausgang –, und sie ist ein wilder Ritt über so genannte Waschbrett- beziehungsweise Wellblechpisten. Diese Pisten verdanken ihre Namen dem knochenharten Muster, das durch die Befahrung mit der Zeit entsteht. Halsbrecherische Geschwindigkeiten sind eine Möglichkeit, solche Pisten einigermaßen heil zu überstehen – wenn alles gut geht. Man saust dabei über die Wellenkämme hinweg. Diese Fahrweise ist aber auch mit hohem Risiko verbunden, denn ein Schlagloch kann genügen, um ein Fahrzeug auszuheben und abfliegen zu lassen. Bremsen ist bei dem geringen Bodenkontakt kaum noch möglich. Deshalb empfiehlt sich diese Fahrweise nur für diejenigen, die die Strecke sehr gut kennen. Für uns bleibt nur, mit 10–20 Stundenkilometern durch die Wellentäler zu schleichen.
Für Fahrzeuge wie unsere Busse ist die Mojale-Route die einzige Möglichkeit, nach Kenia zu gelangen. Für geländegängige Fahrzeuge gibt es eine Alternative, die Turmi-Route. Sie führt durch das äthiopische Dorf Turmi und das Grenzdorf Omorate im Omotal und dann über die grüne Grenze nach Kenia, entlang der Ostseite des Turkanasees nach Isiolo. In Omorate bekommt man den äthiopischen Ausgangsstempel in den Pass. Eine Zollabfertigung gibt es dort allerdings nicht, das heißt den Carnet-Stempel muss man sich schon vorab beim Zollamt in Addis Abeba besorgen. Das Ausreisedatum trägt man bei der Grenzüberquerung selbst ein. Auf kenianischer Seite gibt es keinerlei Grenzabfertigung. Visa muss man sich vorab besorgen und dann bei Ankunft in Nairobi von der Einwanderungsbehörde abstempeln lassen. Den Carnet-Eingangsstempel bekommt man ebenfalls in Nairobi beim Zoll. Wichtig ist, dass man auf die Strecke genügend Treibstoff für rund 1.500 Kilometer, Verpflegung und vor allem Wasser für mindestens zehn Tage mitnimmt. Bis auf wenige Dörfer gibt es entlang der Turmi-Route nichts als Wildnis. Die ganze Mühe soll sich aber lohnen. Die Landschaften im Omotal und am Turkanasee müssen traumhaft sein und noch bewohnt von Urvölkern. Da aber auch einige Flussdurchfahrten zu meistern sind mit steilen Ufern, die für unsere Busse ein Problem darstellen würden, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf das Abenteuer Mojale-Route einzulassen.

Gestern auf dem Weg von Yabello nach Mojale haben wir die allgegenwärtigen Termitenhügel sowie das Schauspiel der kleinen Wirbelstürme bestaunt, die sich bei der Hitze hier überall bilden.

Von Yabello nach Mojale

Von Yabello nach Mojale

Von Yabello nach Mojale

Von Yabello nach Mojale

Bei der Grenzabfertigung in Mojale staunten wir dann, wie unkompliziert alles verlief. Mit einem freundlichen Karibu wurden wir von den kenianischen Beamten begrüßt und sogleich darüber aufgeklärt, dass man darauf mit Ashante antwortet.
Vielleicht war die unkomplizierte Grenzabfertigung auch eine positive Begleiterscheinung der Unruhen, die nach den Wahlen im Dezember in Kenia ausgebrochen waren. Die Opposition hat die Wahl gewonnen, aber Präsident Kibaki denkt gar nicht daran, seinen Posten zu räumen. Daraufhin kam es landesweit zu Protesten und Eskalationen, besonders in den Elendsvierteln Nairobis, den so genannten Townships. Polizei und Militär gingen gewaltsam gegen die Proteste vor. Straßenschlachten, Brandschatzungen, Raubüberfälle und Tote waren die Folge. Die Volksstämme des Präsidenten und des Oppositionsführers, die beide am Turkanasee beheimatet sind, bekriegten sich. Hunderttausende Menschen flohen in das Grenzgebiet zwischen Kenia und Uganda. Mittlerweile sitzen Regierung und Opposition unter internationaler Aufsicht, allen voran des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan, aber auch der US-amerikanischen Außenministerin Condoleca Rice, an einem Tisch und sollen sich auf einen Kompromiss einigen. Der Kompromissvorschlag sieht eine geteilte Übergangsregierung für zwei Jahre und dann Neuwahlen vor.
Auf den Straßen ist es seitdem vorübergehend ruhig. Solange Kibaki nicht einlenkt, kann es jedoch jederzeit zu einer erneuten Eskalation kommen. Mittlerweile haben beinahe alle Reiseveranstalter ihre Reisen nach Kenia abgesagt, und der für Kenia so wichtige Tourismus liegt praktisch vollständig am Boden. Kein Wunder also, dass wir mit Kusshand in Kenia willkommen geheißen wurden.

All das sind keine wirklich guten Umstände. Mit flauen Mägen brechen wir früh morgens auf und machen uns auf den abenteuerlichen Weg nach Isiolo. Die ersten Kilometer der Mojale-Route verlaufen noch problemlos. Wenn das so bliebe, wäre die Welt in Ordnung. Doch es bleibt nicht so. Schon bald tauchen die ersten großen Schlaglöcher auf, und es werden immer mehr. Dann wird die Piste immer härter, da der Boden immer trockener wird. Das Fahren erfordert permanente Höchstkonzentration. Nur ein bisschen zu schnell, schon bekommen Fahrer und Fahrzeuge sofort harte Schläge ab.

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Nach nur zwei Stunden ist es dann auch so weit: Fulcos und Marielles Bus wird im Rückspiegel immer kleiner. Sie sind stehen geblieben. Wir fahren ebenfalls an den Straßenrand und warten, denn kurze Pausen sind bei der pausenlosen Beanspruchung von Mensch und Material häufig. Nur wenig später kommen Fulco und Marielle langsam angeruckelt. Sie geben uns Handzeichen, dass sie ein Problem haben.
Die Bremse hinten links hat sich festgesetzt und löst sich nicht mehr. Also heißt es unter den Wagen robben und nach dem Rechten schauen. Die Bremse selbst stellt sich schnell als nicht das eigentliche Problem heraus. Nein, viel schlimmer: Die komplette Hinterachse hat sich auf der linken Seite nach hinten verschoben. Wie sollen wir das nur reparieren? Ratlosigkeit droht sich breit zu machen, würde uns aber nicht weiterhelfen. Wir nehmen die Aufhängung der Hinterachse genauer unter die Lupe, denn auf den ersten Blick ist gar nicht erkennbar, wie die Hinterachse überhaupt mit dem Rahmen verbunden ist und was die tragenden Teile sind. Schließlich stellt sich heraus, das die Achse im wesentlichen an der Blattfederung und diese wiederum am Rahmen befestigt ist. Oben auf der Blattfederung liegt ein kleiner Metallblock, eine Art Schlitten mit zwei Mulden an dessen Enden, in denen zwei große, u-förmige Schrauben aufliegen und von dort quasi herunterhängen. Sie umschließen das gesamt Packet an Federblättern und führen schließlich durch vier Bohrungen in der Achse. Unter der Achse sitzen Muttern auf den Schrauben, die das ganze zusammenhalten. Und diese Muttern haben sich durch das stetige Gerüttel gelockert. Dadurch ist der ganze Schlitten samt Schrauben, der normalerweise mittig auf dem obersten Federblatt aufliegen sollte, nach hinten gerutscht und mit ihm die komplette Hinterachse.
Problem erkannt, aber wie sollen wir die Hinterachse ohne Hebebühne bloß wieder in Position bringen? Es bleibt uns nichts anderes übrig, als es mit Wagenhebern zu versuchen. Fulco besitzt deren gleich zwei. Nachdem wir das hinderliche Reserverad abmontiert haben, gelingt es uns so, das Heck weit genug anzuheben, um das linke Zwillingsrad freizubekommen. Mit vereinter Kraft zerren Fulco und ich an dem Rad, um die Achse zu bewegen. Sie rührt sich keinen Millimeter. Erneut versuchen wir es. Wieder nichts. So kommen wir nicht weiter. Wenn du mit Körperkraft nicht weiterkommst, dann lass Werkzeuge für Dich arbeiten. Bloß welches? Natürlich, wir können es mit einem Stemmeisen versuchen. Das Eisen ist schnell herbeigeholt und am Rad angesetzt. Fulco betätigt den Hebel, während ich weiter am Rad ziehe. Und tatsächlich, so gelingt es uns, Rad und Achse zu bewegen. Stück für Stück bewegt sich die Achse zurück in ihre angestammte Position.
Doch der Schlitten auf der Blattfederung ist nicht mitgerutscht. Wenn wir das so lassen würden, bräuchte Fulco nur ein wenig anzufahren, und die Achse würde einfach stehen bleiben, das heißt sofort wieder nach hinten rutschen. Also nehmen wir uns den Schlitten mit dem Gummihammer vor, doch wir richten damit nicht das geringste aus. Er sitzt zu fest auf der Federung. Es ist uns gelungen, die gesamte Achse zu bewegen, und jetzt sollen wir an diesem Schlitten scheitern? Im ersten Moment denken wir daran, die vier Muttern unter der Achse weiter zu lockern, um die Spannung vom Schlitten zu nehmen, doch würde es das wirklich bewirken? Da das Rad immer noch in der Luft steht und somit Zug auf die Blattfederung ausübt, würden die Federblätter nur weiter auseinander gebogen und sie den Schlitten noch unbeweglicher machen. Nein, wir müssen das Rad ablassen, denn dann wird die Federung auf Druck belastet und die Federblätter gestrafft. Dann müsste sich der Schlitten hoffentlich bewegen lassen.
Wieder nehmen wir uns den Schlitten mit dem Gummihammer vor, und tatsächlich, diesmal scheint er sich bewegt zu haben. Also machen wir weiter, Millimeter für Millimeter, bis der Schlitten schließlich wieder dort liegt, wo er hingehört. Jetzt müssen wir noch die vier Muttern wieder festziehen, und das sollte es dann gewesen sein – hoffen wir zumindest…

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Vorzeigbare zwei Stunden haben wir gebraucht, aber die werden uns jetzt für den Rest der Strecke nach Marsabit fehlen. Zu allem Überfluss wird das Wellblech noch schlimmer. Brettharte Schläge sind unvermeidbar, wenn wir heute noch angekommen wollen. Zwischen Mojale und Marsabit gibt es keine Übernachtungsmöglichkeiten, es sei denn, wir stellen uns irgendwo an den Straßenrand und machen ein Bushcamp. Beim Ruf der Mojale-Route wollen wir das aber unter allen Umständen vermeiden. So können wir auf das Material nun nicht mehr viel Rücksicht nehmen, obwohl wir nicht wissen, ob die reparierte Achse halten wird. Dementsprechend groß ist jetzt die Anspannung.
Das wird auch nicht besser, als das Buschland langsam in eine öde, hitzeflirrende Steinwüste übergeht. Das Wellblech ist von immer größeren Steinen durchsetzt. So geht es Stunden, bis die Piste schließlich in tiefen Schotter übergeht. Wäre der Schotter nicht so tief, wäre das ja beinahe angenehm, aber die alle paar Stunden durchfahrenden Laster haben tiefe Furchen hinterlassen. Sie sind so tief, dass wir nicht in diesen Spuren fahren können, denn unsere Achsen sind zu niedrig über dem Boden, so dass wir ständig aufsetzen würden. So müssen wir am Rand der Rinnen entlang balancieren.
Aber unser Heck rutscht immer wieder ab, und ständig haben wir harte Bodenkontakte mit der Vorderachse. Als es wieder einmal ziemlich knallt, halten wir an, um den Schaden zu begutachten. Es ist nichts gebrochen, aber auf der Seite des rechten Vorderrads ist eine ölige Flüssigkeit auf den Achsschutz getropft, die wir nicht genau identifizieren können. Sie kann nur aus der Lenkmanschette ausgetreten sein, die die Lenkstange vor Staub schützt. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass die Manschette vollkommen durchlöchert ist. Wir befürchten, dass es sich um Lenkflüssigkeit handeln könnte, doch wir können den Schaden jetzt nicht reparieren. Auch so schon werden wir erst bei Dunkelheit in Marsabit ankommen.

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Also geht es weiter. Die hochstehende Sonne stürzt unaufhaltsam dem Horizont entgegen, und das Dunkel der Dämmerung bricht über uns herein. Und wir sind noch lange nicht in Marsabit. Glücklicherweise haben wir Zusatzscheinwerfer.
So fahren wir durch die Dämmerung hindurch in die Nacht hinein. Es wird dunkel, und außer der Piste und den Büschen an der Seite sehen wir nichts mehr. Noch zwei Stunden, schätzen wir, sind es bis nach Marsabit. Sehr unangenehm in einer Gegend, die für Raubüberfälle berüchtigt ist. Aber es gehört auch immer eine gute Portion Pech dazu, wenn so etwas passiert. Es gibt keine Regelmäßigkeit in diesen Überfällen. Sie treten alle paar Monate auf. Allerdings weiß man auch nie, welche Überfälle real sind und welche von Wichtigtuern erfunden.
Nach einer schier unendlich lang scheinenden Fahrt treffen wir irgendwann schließlich doch noch, totmüde zwar, ansonsten aber quicklebendig, in Marsabit ein. Achse und Lenkung haben gehalten. Beim sympathischen Schweizer Henry The Swiss, der schon seit dreißig Jahren in Kenia lebt und einen Bauernhof und ein Camp betreibt, kommen wir bestens aufgehoben unter, genehmigen uns ein kühles kenianisches Bier mit kenianischem Käse und von Henrys kenianischer Frau selbstgebackenem Brot und fallen in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

Den nächsten Tag bleiben wir bei Henry, um uns von der anstrengenden Fahrt zu erholen und die Lenkung genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Lenkflüssigkeitsstand ist in Ordnung, also kann es nicht allzu schlimm sein. Wir reinigen das Lenkgestänge unter der Gummimuffe und die Muffe selbst so gut es geht vom Staub und dichten alles mit einem aufgeschnittenen Frischhaltebeutel ab, den wir um die Muffe herumwickeln, mit Isolierband abkleben und mit Kabelbindern befestigen.

Herny The Swiss, Marsabit

Herny The Swiss, Marsabit

Herny The Swiss, Marsabit

So kann es am nächsten Tag guter Dinge weiter gehen nach Isiolo, obwohl dieser Streckenabschnitt einen noch schlechteren Ruf genießt als der erste. Bei langsamer Fahrt ist die Piste nach Isiolo gar nicht so schlimm. Zumindest erwartet uns nicht wieder tiefer, ausgefahrener Kies, und die Umgebung wechselt wieder in eine grüne Buschlandschaft, die ab und zu sogar den Blick auf Berge freigibt.

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

 

 

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Mojale-Route von Äthiopien nach Kenia

Leben am Awasasee

Wasser ist Quelle des Lebens: Das gilt besonders für Afrika und den Awasasee. Der Awasasee beheimatet unzählige Menschen und Tiere. Bekannt ist er vor allem als Vogelparadies, aber auch eine Population Flusspferde lebt hier.

Menschen

Menschen

Menschen

Menschen

Menschen

Menschen

Menschen

Hier eine kleine Auswahl an Vogelarten, die wir am Awasasee angetroffen haben:

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Vögel

Außerdem ist hier noch eine weitere Vogelart allgewärtig: der Marabu. Marabus sehen aus wie eine Kreuzung aus Geiern und Störchen und werden wegen ihres markanten Aussehens auch Bestattervögel genannt.

Marabus

Marabus

Auch den Flusspferden statten wir mit dem Boot einen Besuch ab. Die beiden Spanier Siscu und Christina, die wegen öffentlichen Wäscheaufhängens aus dem Itegue Taitu Hotel in Addis Abeba geflogen waren, haben wir hier wiedergetroffen und sind auch mit dabei.

Awasasee

Awasasee

Flusspferde

Flusspferde

Flusspferde

Das letzte Foto zeigt übrigens ein Flusspferd kurz vor dem Angriff, nachdem ihm eine Gruppe Touristen (wir) in ihrer Nussschale zu nah gekommen ist. Unmittelbar danach ist der tonnenschwere Koloss mit einem markerschütternden Brüllen blitzschnell abgetaucht und hat auf uns Jagd gemacht. Von einem Flusspferd angegriffen zu werden macht gelinde gesagt schwer Eindruck – besonders wenn man weiß, dass mehr Touristen durch Angriffe der gutmütig aussehenden Dickhäuter ums Leben kommen als durch jedes andere Tier in Afrika. Auch unsere Guides sind ziemlich hektisch geworden, haben blitzartig den Außenborder angeworfen und mit uns im Rückwärtsgang die Flucht angetreten. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wäre der Motor nicht sofort angesprungen…

Nach all der Aufregung brauchen wir etwas zum Runterkommen: einen Mixed Juice. Diese frischen, pürierten Fruchtcocktails ohne Alkohol bekommt man überall in Äthiopien, und sie schmecken einfach himmlisch lecker. Unser Tipp ist eine Mischung aus Mango, Avocado und einem Schuss Orangensaft – gigantisch!

Mixed Juice

Adenium Camp in Awasa

Das Adenium Camp in Awasa, gelegen am Awasasee, wird vom Lonely Planet als bestes Camp Äthiopiens geadelt. Und wir können mit Fug und Recht behaupten, dass das sehr wahrscheinlich so ist, denn wir sind hier und haben auch schon ein paar andere Camps gesehen.

Jana, eine Berlinerin führt das Camp, und es ist die erste Unterkunft in Äthiopien mit menschenwürdigen Duschen und Toiletten, die wir hier zu Gesicht bekommen haben. Deutsche Gründlichkeit lässt sich eben nicht so leicht abschütteln, und das ist gut so. Außerdem wird das Anwesen von einem wunderschönen, großen Garten geziert – ein kleines Idyll und (meistens) eine Oase der Ruhe.

Seit acht Jahren lebt Jana in diesem Land mit ihrem äthiopischen Mann Kurato – doch leider nicht mehr lange. Sie sind gerade dabei, nach Deutschland zu ziehen. Ihre Kinder sind bereits seit ein paar Monaten in Berlin bei den Großeltern.

Vor vier Jahren haben sie das Adenium mit viel Liebe aufgebaut und es im Laufe dieser kurzen Zeit zu einem erfolgreichen Geschäft entwickelt. Doch der Erfolg und vielleicht auch die ständig ein- und ausgehenden, unbekannten Weißen haben Neider auf den Plan gerufen. Die Schlimmsten sind die eigenen Nachbarn, und man fühlt sich unweigerlich an deutsches Kleinbürgertum erinnert. Doch so etwas gibt es auch anderswo. In diesem Fall sind die Nachbarn eine fanatische Sekte, die Jana und ihre Gäste regelmäßig mit ohrenbetäubender Musik und anderen Exzessen, die sich anhören wie Exorzizien, unterhält. Da hilft auch keine hohe Mauer, und schon gar kein Maschendrahtzaun.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt auch noch behördliche Schikane dazu. Behörden können sehr einfallsreich und aktiv sein, wenn es darum geht. Leider ist das Adenium zum traurigen Beispiel dafür geworden wie es gehen kann, wenn der Erfolg geneidet wird. Wir gehören zu den letzten Gästen, die das Adenium unter Janas und Kuratos Fittichen erleben dürfen.

Krank im Itegue Taitu Hotel in Addis Abeba

Christiane hat es erwischt: die ganze Nacht Fieber, Durchfall, Magenkrämpfe, Übelkeit und Kopfschmerzen. Sie ist völlig geschwächt – so sehr geschwächt, dass ich mir ernste Sorgen mache. Nicht einmal einen Schluck Wasser kann sie zu sich nehmen, ohne dass sie gleich auf’s Klo rennen muss. Wenn das so weiter geht, dehydriert sie noch völlig.

Eigentlich wollten wir heute schon wieder raus aus Addis Abeba – die Stadt lädt nicht sonderlich zum Verweilen ein. Aber immerhin haben wir ein rasend schnelles, offenes Funknetzwerk gefunden und konnten das erste Mal eine Videokonferenz mit meiner Familie machen. Das hat richtig gutgetan. Wenn man sich nach so langer Zeit wiedersieht, und sei es auch nur auf dem Bildschirm, ist das doch viel intensiver und schöner als ein Telefonat.
Der hauptsächliche Grund, dass wir heute schnellstmöglich aus Addis wegwollten, war allerdings das unfreundliche Camp, in dem wir hier genächtigt haben. Eigentlich ist es ein Hotel mit Parkplatz, auf dem die Afrikafahrer großzügiger Weise für teures Geld campen dürfen: das Itegue Taitu Hotel. Für die hiesige Oberschicht ist es eine Nobellokalität, die viele gerne zum Dinieren nutzen, für Übernachtungsgäste ist es eine heruntergekommene Unterkunft mit einem Service, der an Arroganz kaum zu überbieten ist. Fulco und Marielle, die wir hier wiedergetroffen hatten, hatten drei Tage zuvor eine schriftliche Abmahnung bekommen, weil Marielle im Badezimmer ihre Wäsche gewaschen hatte. Das sei hier nicht erlaubt, genauso wenig wie Kochen. Den Spaniern Siscu und Christina erging es nicht besser, als Christina auf dem Parkplatz Wäsche zum Trocknen aufhing. Sie wurden nachdrücklich gebeten, das Camp zu verlassen.

Siscu

Christina

Bis hierhin hätte man alles noch mit Geschäftspolitik entschuldigen können. Doch die Managerin in der Rezeption belehrt mich heute eines Besseren als ich hingehe und bitte, bei einer Klinik anrufen zu dürfen, weil es Christiane schlechtgeht. Tatsächlich sagt sie mir allen Ernstes ins Gesicht, ich solle hinfahren. „Verstehe ich Sie richtig, dass Sie mir diesen Anruf für meine kranke Freundin bei einem Arzt verweigern – ist es das, was Sie mir sagen wollen?“ frage ich Sie scharf und fixiere sie dabei mit einem durchdringenden Blick. Das verfehlt nicht seine Wirkung. Ihr wird klar, dass das das zu weit ging und fragt mich beschwichtigend nach der zu wählenden Nummer. Ich gebe ihr die Nummer einer Privatklinik, in der der Vertrauensarzt der Deutschen Botschaft arbeitet. Unzählige Male klingelt das Telefon bis schließlich jemand den Hörer kurz abhebt und sogleich wieder auflegt. Gut, dass wir nicht einfach hingefahren sind. In Christianes Zustand wäre das ein sinnloser Kraftakt für sie gewesen.
Ich gehe zurück zum Wagen und suche ein anderes, privates Krankenhaus aus einem Reiseführer, das von den übrigen Botschaften empfohlen wird. Es hat den unaussprechlichen Namen Bethzatha Hospital und ist nicht allzu weit entfernt. Erneut gehe ich zur Rezeption und verlange das Telefon. Diesmal gibt es keine Widerworte. Sofort meldet sich jemand am anderen Ende der Leitung. Ich kann mit Christiane sofort hinkommen.

In der Notaufnahme fülle ich für Christiane das Aufnahmeformular aus und werde sogleich zur Kasse gebeten für die anstehende Untersuchung. Der Betrag ist vergleichsweise gering, und nachdem ich bezahlt habe kümmert man sich umgehend um sie. Unterdessen sitzen etliche Menschen im Vorraum. Ich bin mir nicht sicher, ob sie auf ihre eigene Behandlung oder die eines Anderen warten. Doch das ist mir im Moment egal. Christianes Zustand ist so schlecht, dass sie keine fünf Minuten sitzen könnte, ohne auf’s Klo rennen zu müssen.
Nach ein paar Minuten kommt eine Ärztin und untersucht sie, und ich erkläre ihr mit dem Wörterbuch in der Hand die Symptome. Dann verschwindet sie wortlos, und wenig später erscheint ein Pfleger mit einer weiteren Rechnung. „Wir haben noch nicht einmal die Untersuchungsergebnisse bekommen, da zahle ich doch nicht schon die nächste Rechnung!“ mache ich ihm klar. Er bringt mich zur Ärztin, und sie erklärt mir, dass Christiane gegen das Dehydrieren eine Infusion bekommen soll und außerdem ein Antibiotikum. Die genaue Ursache für ihre Krankheit müsse anhand einer Blut- und Stuhlprobe untersucht werden. Dafür sei die nächste Rechnung.
Offenkundig erfolgt die Behandlung hier Zug um Zug. Ein eigenartiges Gefühl, denn in Deutschland müssen wir ja nicht viel mehr tun, als unsere Krankenversicherungskarte zu zücken. Doch die Beträge halten sich hier in Grenzen – zumindest im Vergleich zu europäischen Verhältnissen –, so dass ich nicht auch noch zur Bank muss. So gehe ich also zurück zur Aufnahme und bezahle die nächste Rechnung.
Die Stuhlprobe stellt für Christiane kein größeres Problem dar, schließlich muss sie andauernd auf’s Klo. Dann wird sie an den Tropf gehängt. Da ihr Blutdruck erschreckend niedrig ist, muss der anscheinend ohnehin nicht sehr talentierte Pfleger mehrere Anläufe unternehmen, um eine Vene zu treffen. Dabei verbraucht er zwei Kanülen, so dass ich gleich wieder zur Kasse gebeten werde. Christiane flucht unterdessen lauthals. Die Magenkrämpfe verursachen ihr schon genug Schmerzen.
Nun heißt es warten auf die Laborergebnisse. In den nächsten Stunden verbessert sich ihr Zustand stetig, bis der Tropf schließlich aufgebraucht ist. Danach nehmen Fieber und Kopfschmerzen gleich wieder zu, und zum vierten Mal zahle ich, diesmal für ein fiebersenkendes und schmerzlinderndes Mittel.
Die Laborergebnisse sind inzwischen schon längst überfällig, und ich dränge den Pfleger mehrmals, bis die Laborergebnisse schließlich vorliegen. Doch von der Ärztin ist schon lange nichts mehr zu sehen. Stattdessen sehe ich einen jungen Arzt, der ungerührt Zeitung liest. Ich frage den Pfleger, ob es einen Schichtwechsel gegeben hat und ob dies nun der diensthabende Arzt sei. Er bestätigt es, und meine nächste Frage lautet, warum der Arzt dann Zeitung liest, wenn die Laboruntersuchung bereits abgeschlossen ist.
Verlegen wendet sich der Pfleger an den Arzt und spricht kurz mit ihm. Wenig später kommt dieser tatsächlich mit den Laborergebnissen herüber und lässt sich dazu herab, sie uns mitzuteilen. In schnell und undeutlich gesprochenem Englisch erklärt er uns, dass es sich nicht um eine bakterielle Infektion, sondern um einen Virus handele. Da er mit Fachtermini nur so um sich wirft, frage ich immer wieder nach, ob ich ihn auch richtig verstanden habe, und er reagiert mit einer Arroganz, als ob er mit einem Idioten sprechen würde.
Um was für ein Virus es sich handelt, sagt er nicht. Als ich nachfrage erklärt er, dass man das genauer untersuchen müsste, doch ein Virus sei prinzipiell unkritisch im Gegensatz zu einer bakteriellen Infektion. Christianes Zustand sollte sich auch ohne Antibiotika schon am nächsten Tag deutlich verbessert haben, sonst müsste man noch einmal eine Laboruntersuchung durchführen. Dennoch werde er ihr sicherheitshalber ein Antibiotikum und außerdem ein Mittel gegen Durchfall, ein Schmerzmittel und etwas gegen das Dehydrieren verschreiben. Das klingt nicht sehr vertrauenerweckend, doch im Moment bleibt uns nichts anderes übrig, als den nächsten Tag abzuwarten. Doch zuvor heißt es noch einmal zahlen.

Letztlich soll der Arzt tatsächlich Recht behalten. Am nächsten Tag geht es Christiane wirklich wesentlich besser, und wir können Addis Abeba und dem Itegue Taitu Hotel endlich den Rücken kehren. Es geht zum Awasasee 250 Kilometer südlich von Addis Abeba. Dort in der Nähe gibt es das Adenium Camp, das ein sehr erholsamer Ort sein soll. Besonders für Christiane kommt das jetzt genau zur richtigen Zeit.

Das Lariam haben wir inzwischen übrigens abgesetzt. Stattdessen haben wir uns hier Doxycyclin besorgt. Wir wollen es nicht als Prophylaxe, sondern als Akutmittel einsetzen. Ein paar Tage später allerdings wird es noch einmal eine Änderung in unserer Malariapolitik geben, als wir erfahren, dass es ein neues, noch wirksameres und obendrein günstigeres Akutmittel gibt: Coartem. Auch dieses Mittel werden wir uns besorgen.

Timkat-Fest in Gonder

Mit Timkat feiern die christlich-orthodoxen Äthiopier jedes Jahr am 19. Januar landesweit ein zwei Tage währendes Fest anlässlich der Taufe Jesu im Jordan. Zu diesem Anlass sind wir vom Sämen-Nationalpark zurück nach Gonder gefahren und haben uns zum Campen in der freundlich geführten Belegez Pension einquartiert, die ebenfalls über einen geschützten und auch verhältnismäßig ruhigen Innenhof verfügt.

Belegez Pension in Gonder

Belegez Pension in Gonder

Kern des Festes sind rituelle Waschungen am zweiten Festtag. Am ersten Festtag wird gefeiert bis zum Umfallen. Bei glühender Hitze sind die festlich gekleideten Menschen den ganzen Tag auf den Beinen, singen fröhlich, trommeln und tanzen sich in Trance. Wer ein Pferd sein Eigen nennt, schmückt es majestätisch und paradiert voller Stolz auf den öffentlichen Plätzen. Geistliche sammeln sich in farbenfrohen Prozessionen.

Timkat-Fest in Gonder

Timkat-Fest in Gonder

Timkat-Fest in Gonder

Timkat-Fest in Gonder

Timkat-Fest in Gonder

Timkat-Fest in Gonder

Timkat-Fest in Gonder

Unterdessen rennen wild aussehende, junge Männer in Horden durch die Straßen. Laut grölend und mit Stöcken bewaffnet schreien sie sich die Seele aus dem Leib und veranstalten Kriegstänze. Sie wirken wie eine Gegenveranstaltung zu den friedlich ausgelassenen Genossen, als ob sie jederzeit aufeinander losgehen wollten. Das passiert zwar nicht, aber das Gesamtkonzept bleibt uns schleierhaft.

Horden

Horden

Wandern im Sämen-Nationalpark

Von Gonder sind wir nach Debark gefahren, dem Eingangstor zum Sämen-Nationalpark. Wanderungen im Park zählen dank des sich tief hindurch windenden Großen Afrikanischen Grabenbruchs zu den schönsten Afrikas. Als Ausgangspunkt unserer Wanderung wählen wir das Simien Hotel, da sein ummauerter Innenhof die einzige Möglichkeit in Debark ist, ein Fahrzeug für ein paar Tage sicher abzustellen.

Der Weg nach Debark erwies sich als reifenmordende Schotterpiste – doch nicht nur damit sahen wir uns konfrontiert. Viele der Menschen im Hochland Äthiopiens sind wesentlich ärmer als diejenigen in den niedriger gelegenen, fruchtbareren Regionen. Wir bekamen das hautnah zu spüren: immer seltener ein herzliches Lächeln, immer häufiger bettelnde Kinder. Wenn wir nicht anhielten, quittierten einige es mit Steinwürfen. Eine Delle in unserem Sprinter zeugt davon.
Ein Teil der Probleme ist hausgemacht. Die männliche Bevölkerung treibt meist träge das Vieh vor sich her oder sitzt einfach nur herum, während die weibliche Bevölkerung Schwerstarbeiten verrichtet. Tief gebeugt und mit gekrümmten Rücken sieht man Frauen wie Mädchen unvorstellbare Lasten tragen. Darüber hinaus bekommen die Äthiopier mehr Kinder, als ihr Land versorgen kann. Deshalb müssen sie in Landstriche ausweichen, die regelmäßig von Dürreperioden heimgesucht werden.
In der Konsequenz reiht sich in den Dörfern des Hochlands nun Hilfsorganisation an Hilfsorganisation. Es gibt Projekte zum Bau von Bildungseinrichtungen, Kindergärten und Waisenhäusern, Projekte zum Aufbau einer touristischen Infrastruktur, Projekte zur Einrichtung einer medizinischen Versorgung und zur Aufklärung über AIDS, Projekte für ertragreichere Landwirtschaft, Projekte gegen und Prostitution, Projekte zum Schutz der Frauenrechte und viele andere mehr. Äthiopien ist eines der Länder, die weltweit am meisten Entwicklungshilfe erhalten haben und immer noch erhalten.
Doch die Entwicklungshilfe war in der Vergangenheit meist reine Symptombekämpfung und hat die Menschen abhängig und unselbständig gemacht. Sie nahm den Äthiopiern mit kostenlosen Hilfsgütern aus westlicher Herstellung und Überschussproduktion die Eigenverantwortung und den Bauern sowie anderen Unternehmern einen Teil ihrer Lebensgrundlage. Äthiopien wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten derart mit Geldern und Hilfsgütern überschüttet, dass die Hilfsorganisationen gar nicht mehr wussten, wohin sie damit sollten. Was nicht in den Taschen und Lagern korrupter Regierungsmitglieder oder gar Entwicklungshelfer landete, wurde zwangsweise ausgeteilt und ausgegeben, egal ob notwendig und sinnvoll oder nicht. Das Wirtschaftssystem Äthiopiens wurde in weiten Teilen aus den Angeln gehoben, und korrupte Regierungsmitglieder profitierten davon auch noch. So ist es kein Wunder, dass sich an der Situation in Äthiopien kaum etwas ändert: sie ist von einigen Profiteuren in Schlüsselpositionen gewollt.
Inzwischen geht die Entwicklungshilfe mehr und mehr zur Anleitung zur Selbsthilfe über. Das ist auch dringend notwendig. Aber das Ziel muss sein, Äthiopien mittelfristig wieder sich selbst zu überlassen, damit das Land zu einem Gleichgewicht finden kann.
Unsere Hilfe sollte sich auf Bildung und die nicht selbst von den Entwicklungsländern verschuldeten Probleme wie die Folgen der Globalisierung beschränken. Genau genommen dürften wir es zu diesen Problemen gar nicht erst kommen lassen. Darüber hinaus müssen wir den Entwicklungsländern fairen Zutritt zu unseren Märkten gewähren und die Spekulation mit Lebensmitteln verbieten. Gerade letztere hat in letzter Zeit die Preise auf Grundnahrungsmittel in Afrika vervielfacht. Selbst für uns als Europäer sind die hiesigen Nahrungsmittelpreise hoch. Wenn die westlichen Nationen weiter nicht handeln und vom Elend der Entwicklungsländer profitieren, steht die nächste Hungerkatastrophe bald bevor – und es wird keine Dürre die Ursache sein, sondern wir.
Dabei gibt es jedoch ein Problem: Entwicklungshilfe hat die Tendenz, sich selbst zu erhalten. Sie ist für viele Entwicklungshelfer Berufung, Lebensunterhalt oder Karriere. Andere Entwicklungshelfer und -organisationen sind religiöse Eiferer, die unter dem Deckmantel von Entwicklungshilfe Missionierung betreiben. Sie alle haben kein natürliches Interesse an einer Beendigung von Entwicklungsprojekten.

Ein Beispiel für ein sinnvolles und erfolgreiches Entwicklungsprojekt ist der Von Gonder sind wir nach Debark gefahren, dem Eingangstor zum Sämen-Nationalpark. Wanderungen im Park zählen dank des sich tief hindurch windenden Großen Afrikanischen Grabenbruchs zu den schönsten in Afrika. Als Ausgangspunkt unserer Wanderung wählen wir das Simien Hotel, da sein ummauerter Innenhof die einzige Möglichkeit in Debark ist, ein Fahrzeug für ein paar Tage sicher abzustellen. unseres Nachbarlandes Österreich. Durch integrierte Entwicklungsprojekte wie dieses lassen sich die Lebensbedingungen von Menschen verbessern und gleichzeitig die Umwelt schützen. Der Park schützt nicht nur die einzigartige Natur, sondern bietet den Rangern, Guides, Scouts, Mulitreibern, Sack- und Leinenherstellern, Lebensmittelverkäufern, Unterkunftsbetreibern und Fahrdienstleistern ein Auskommen. Außerdem erhalten die ansässigen Bauern Wissen zu einer effektiveren Bewirtschaftung ihrer Felder.

Früh am Morgen rüsten wir uns für eine viertägige Wanderung durch den Park. Die Rucksäcke sind gepackt: Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Kochgeschirr und Klamotten lasten schwer auf unseren Schultern, während unsere Essens- und Wasservorräte auf einem Pferd festgezurrt werden. Ja, das Wandern hat hier richtigen Expeditionscharakter mit Esel oder Pferd, Treiber und einem Scout. Unser Scout ist nur mit einem Gewehr ausgerüstet wird uns in den nächsten vier Tagen leichtfüßig vorauseilen, während wir hinter ächzen werden. Eigentlich bevorzugen wir es, alleine zu wandern, aber die Wasserversorgung entlang der Strecke ist nicht sichergestellt, und tragen könnten wir das zusätzliche Gewicht alleine nicht. Außerdem ist der Scout obligatorisch, weil der Weg nicht markiert ist und um uns vor eventuellen Zwischenfällen mit Wildtieren zu schützen. Immerhin können wir auf einen Guide verzichten, der uns den ganzen Weg über mit Informationen versorgen würde.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Nachdem das Pferd bepackt ist, geht es endlich los. Wir erwarten eine leichte erste Tagesetappe und einen gemächlichen Anstieg von 3.000 auf 3.500 Meter Höhe zum eigentlichen Parkeingang. Diese Vorstellung soll sich im Verlauf des Tages jedoch als ziemlich naiv herausstellen. Über 30 Kilometer geht es auf und ab, auf und ab, auf und ab.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Wir haben die Höhe unterschätzt und sind nicht ausreichend akklimatisiert. Schon nach der Hälfte der Strecke wird jeder Schritt zur Qual und zerrt an unseren Nerven. Wir fühlen uns schwach, physisch und mental, und wegen einer Lappalie geraten wir in einen scheinbar überflüssigen Streit. Die lange Reise fordert ihren Tribut. Seit Anatolien hatten wir mit Ausnahme von Israel kaum eine Erholungsmöglichkeit: kein Feldweg, der in ein verstecktes kleines Wäldchen geführt hätte, kein Baum, der einen Sichtschutz gewährt hätte, kein Café, das zum Regenerieren eingeladen hätte, überall neugierige Menschen, die uns kaum zur Ruhe kommen ließen. Und wenn wir einmal auf einem Campingplatz Station machen konnten, dann war es entweder kein schöner Ort, oder wir hatten zuviel zu tun, als dass wir unsere Batterien hätten aufladen können. Außerdem haben wir das Lariam, das wir seit dem Sudan als Malariaprophylaxe nehmen, im Verdacht, dass es unsere Physis und Psyche schwächt.
Wir sind vollkommen ausgelaugt, und durch die physische Anstrengung auf dieser Wanderung und den Streit kommt nun alles an die Oberfläche. Der Streit soll sich jedoch als reinigendes Gewitter erweisen. Wir werden uns unseres Zustandes mit aller Deutlichkeit bewusst und fangen an, die Weichen für unsere Reise in den nächsten Tagen neu zu stellen. Wir beschließen, nicht jeder Sehenswürdigkeit hinterherzujagen und noch weniger Zeit an Orten zu verbringen, die uns keine Energie geben können oder uns gar die Energie rauben. Wir werden länger an denjenigen Orten verweilen, die uns Energie geben können. Das werden verstärkt auch Orte sein, an denen nicht zu viele Menschen um uns herum sind. So schön das Zusammensein mit Einheimischen und anderen Afrikafahrern ist, so schnell können wir uns dabei selbst aus den Augen verlieren. Privat zu sein und wirklich Zeit füreinander zu haben auf einer solchen Reise ist ein nicht zu unterschätzender Luxus, den wir uns zukünftig aktiver verschaffen müssen. Das Lariam werden wir obendrein absetzen und stattdessen den Wirkstoff Doxycyclin nehmen, der nicht viel weniger effektiv ist, aber weniger Nebenwirkungen hat und außerdem günstiger ist.

Doch all das hilft uns in unserem gegenwärtigen Elend wenig. Endlos zieht sich der Tag. Einzig die ersten Ausblicke auf den Großen Afrikanischen Grabenbruch und eine Gruppe Paviane können uns ein wenig aufmuntern.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Viel Zeit dafür haben wir jedoch nicht, denn laut unseres Scouts hinken wir dem Zeitplan mächtig hinterher, und wir müssen noch bei Tageslicht im ersten Camp ankommen. So schleppen wir uns denn weiter – irgendwann müssten wir doch endlich dort sein. In diesem Glauben quälen wir uns noch Stunden, bis in die Dämmerung hinein, als wir schließlich, am Ende unserer Kräfte, dem Kriechen näher als dem Gehen, endlich im Camp ankommen. Völlig erschöpft lassen wir unsere Rucksäcke ins Gras fallen, bauen das Zelt auf, und kochen uns mit letzter Kraft eine Nudelsuppe zum Essen. Gierig und zitternd verschlingen wir das freudlose Mahl, lassen die Löffel fallen und sinken in einen tiefen, traumlosen Schlaf – im gegenseitigen Einvernehmen, dass wir nicht weiter-, sondern am nächsten Tag zurücklaufen werden.

Aber es kommt anders. Nach einem einigermaßen erholsamen Schlaf schöpfen wir neuen Mut und ringen uns dazu durch, es doch zu versuchen. Weitere 500 Meter Höhenunterschied stehen auf dem Programm, aber nur ein größeres Tal dazwischen, das es zu durchschreiten gilt. Und wir werden für unsere Entscheidung belohnt mit dem schwindelerregenden Ausblick auf einen tiefen Wasserfall und einer Gruppe einiger hundert Paviane.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Zum Schluss müssen wir allerdings doch noch einmal die Zähne zusammenbeißen. Der finale Anstieg aus dem Tal heraus bis auf Höhe des Camps ist steil und hat es in sich. Zwei Stunden mühen wir uns, bis das Camp endlich in Sicht ist. Erneut sind wir vollkommen erschöpft, als wir unser Tagesziel erreichen.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Für den nächsten Tag steht der Aufstieg zum knapp 4.000 Meter hohen Imet Gogo auf dem Programm – und anschließend der Rückweg zurück zum ersten Camp. Wieder nehmen wir uns vor, dass wir uns das nicht antun und gleich zum ersten Camp zurücklaufen werden. Und wieder kommt es anders. Aufgeben fällt manchmal schwerer, als sich weiter zu schinden. Doch schließlich sind wir wegen der versprochenen Aussicht vom Imet Gogo auf den Großen Afrikanischen Grabenbruch hier. Also bauen wir früh morgens unser vom Raureif überzogenes Zelt ab und packen unsere Rucksäcke, bereit, die nächsten Qualen auf uns zu nehmen.

Sämen-Nationalpark

Mittlerweile sind wir jedoch schon viel besser an die Höhe gewöhnt, und der Aufstieg fällt leichter als erwartet. Und wir werden für unsere Mühen fürstlich belohnt: Die Aussicht ist fulminant, und endlich kommt das Fischaugenobjektiv zum richtigen Einsatz.

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Sämen-Nationalpark

Eigentlich haben wir es ja eilig, denn es wartet ja noch der lange Abstieg mit anschließendem, knackigem Aufstieg zurück zum ersten Camp. Doch die Aussicht ist so fantastisch, dass wir sie in vollen Zügen auskosten und uns erst nach einer Stunde wieder auf den Weg machen.

Mit jedem Meter bergab fällt uns das Laufen zunehmend leichter. Relativ schnell sind wir unten im Tal meistern die erste Hälfte des abschließenden Aufstieg. In der zweiten Hälfte müssen wir dann allerdings doch noch einmal leiden. Aber selbst unserem Scout geht es nicht besser. Er setzt sich unvermittelt an den Straßenrand und klagt über starke Kopfschmerzen. Das wundert uns nicht, wenn er den ganzen Tag nichts trinkt. Also geben wir ihm von unserem Wasser und eine Orange, um ihn wieder aufzupäppeln. So schnell kann sich das Blatt wenden: An den ersten beiden Tagen ist er uns noch ständig davongelaufen, nun müssen wir auf ihn Rücksicht nehmen. Glücklicherweise erholt er sich schnell, und wir gehen das letzte Stück Seite an Seite.

Am letzten Tag schließlich laufen wir den Weg vom ersten Tag wieder zurück. Obwohl es nun tendenziell bergab geht, zieht sich die Strecke wieder endlos. Es ist natürlich auch nicht sonderlich motivierend, dieselbe Route noch einmal zu laufen, wenn auch in umgekehrter Richtung. Aber immerhin können wir nun mitleidig auf diejenigen blicken, die uns entgegenkommen und die Tortur noch vor sich haben. Da fühlt man sich doch gleich schon besser!

Äthiopien

Wenn man an Äthiopien denkt, hat man unweigerlich Bilder hungernder, bis auf die Knochen abgemagerter Kinder mit aufgeblähten Bäuchen in den Armen ihrer hilflosen Mütter vor Augen – Kinder, die zu schwach sind, sich die Fliegen aus dem Gesicht zu vertreiben. Diese Bilder gingen unzählige Male um die Welt und haben eine nie dagewesene Spenden- und Hilfsbereitschaft ausgelöst. In den letzten Jahrzehnten hat Äthiopien mehrere verheerende Dürreperioden und Hungersnöte erlitten.

Doch Äthiopien verdient Aufmerksamkeit auch unter ganz anderen Gesichtspunkten: Äthiopien gilt als die Wiege der Menschheit. Lucy, das älteste bisher gefundene menschliche Skelett, ist 3,2 Millionen Jahre alt und entstammt einer Region in der Danakilwüste im Nordosten Äthiopiens. Auch für die Christen hat Äthiopien eine herausragende historische Bedeutung: In Lalibela stehen die ältesten Kirchen der Welt, tief in den Fels gehauen und in das Erdreich gegraben. Und in Aksum soll sich die Bundeslade befinden, der Schrein, in dem Moses von Gott die zehn Gebote empfangen haben soll.

Zunächst einmal heißt es für uns jedoch wieder einen Grenzübergang zu überwinden. Die Ausreise aus dem Sudan verläuft problemlos und ohne Durchsuchung. Nach nur 20 Minuten ist alles erledigt.
Auf der äthiopischen Seite ist der Grenzposten kaum als solcher zu erkennen. Er besteht aus einer einzelnen, runden und strohgedeckten Lehmhütte, die genauso gut Teil des Dorfes sein könnte, das die Lehmhütte umgibt und voller geschäftigen Treibens ist. Die Straße ist über und über bevölkert mit Menschen, die ihren täglichen Geschäften nachgehen.
In der Hütte ist es angenehm kühl. Werbekalender diverser Brauereien zieren die Wände und den Schreibtisch des wortkargen, aber nicht unfreundlichen Beamten. Nach dem offiziell alkoholfreien Sudan ist es eine Wohltat, in einem Land wieder frei Bier kaufen zu können. Und in Äthiopien gibt es tatsächlich mehrere Brauereien, die sehr gutes Bier brauen.
Doch die Kalender verdienen noch unter einem ganz anderen Gesichtspunkt eine genauere Betrachtung, denn in Äthiopien schreibt man das Jahr 2000. Noch im Mai vergangenen Jahres wurde hier der Beginn des neuen Milleniums gefeiert. Die Geburt Christie, auf der unser gregorianischer Kalender beruht, wurde nachweislich falsch berechnet. Die Äthiopier waren diesbezüglich konsequent und haben ihren Kalender nach den neuen Erkenntnissen korrigiert, während die Zeitrechnung in der restlichen Welt weiterhin auf falschen Annahmen beruht.
Der Beamte nimmt die Pässe entgegen und beginnt bedächtig, in einem dicken, DIN-A4-großen Heft zu blättern. Nach ein paar Minuten legt er es zur Seite und holt ein weiteres Heft hervor. Die Prozedur wiederholt sich mehrmals, und auch dieselben Hefter nimmt er mehrmals in die Hand. Dann schließlich scheint er keinen Zweifel mehr zu haben, dass nichts vorliegt, was unserer Einreise entgegensprechen könnte. Er trägt unsere Namen in einen weiteren Hefter ein, drückt den Einreisestempel in unsere Pässe und erklärt, dass wir nun nur noch unser Carnet im nächsten, rund 35 Kilometer entfernten Ort abstempeln lassen müssen.
Dies geschieht dann auch erstaunlich unbürokratisch binnen weniger Minuten. Zum Schluss werden noch schnell ein paar Kopien angefertigt, die wir nicht einmal bezahlen müssen, und nach insgesamt nur einer guten halben Stunde sind alle Formalitäten erledigt. Es tut gut, dass es auch noch ohne Abzocke geht, und so fahren wir mit einem guten Gefühl weiter in das unbekannte Land hinein.

An Dörfer aus Lehmhütten konnten wir uns schon auf den letzten Kilometern bei der Ausreise aus dem Sudan gewöhnen. Dort führte durch sie allerdings eine geteerte Straße hindurch. Hier auf dem Weg von der Grenze nach Gonder, dem Camelot Afrikas, das seinen Namen den zahlreichen Burgen und Schlössern verdankt, die die ehemaligen britischen Kolonialherren hinterlassen haben, gibt es lediglich eine teils ruppige Schotterpiste, die viel weniger im Kontrast zur natürlichen Umgebung steht. Dörfer, Felder und Landschaft gehen eine natürliche, harmonische Symbiose ein. Noch stärker als im Sudan haben wir das Gefühl, nun wirklich in Afrika zu sein.

Äthiopien

Äthiopien

Die Menschen am Straßenrand winken uns fröhlich zu, und die Kinder rufen immerzu „You, you!“, um unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Wo immer wir anhalten werden wir sofort von ihnen umringt und neugierig beäugt.

Äthiopien

Die Frauen sind farbenprächtig gekleidet und tragen stolz ihre bunten Sonnenschirme. Ihr umwerfendes Lächeln ist so offenherzig, dass in unseren Gemütern die Sonne aufgeht. Diese einfachen, aber glücklichen Menschen strahlen von innen heraus in einer Weise, wie wir es noch nie erlebt haben. Gewaschen werden die farbenfrohen Kleider und Tücher auf traditionelle Weise im Fluss. Hier wird gebadet, hier holen die Frauen das Wasser zum Trinken und Kochen und tragen es in traditionellen Tonkrügen akrobatisch auf ihren Köpfen zurück in die Dörfer, hier wird das Vieh getränkt. Die Flüsse sind die Dreh- und Angelpunkte des hiesigen Lebens.

Äthiopien

Dennoch ist die Landschaft erstaunlich grün auch dort, wo die nächsten Flüsse weit entfernt sind, und wo sie sich zum äthiopischen Hochland aufschwingt. Das Hochland im Norden nimmt ein Drittel der äthiopischen Gesamtfläche ein und ragt bis über 4.000 Meter auf. Der Ras Dashen ist mit rund 4.500 Metern der höchste Berg Äthiopiens und der vierthöchste Berg Afrikas. Er liegt im Sämen-Nationalpark, der vom Großen Afrikanischen Grabenbruch durchzogen wird. Die entstandenen Gebirge und das gebietsweise sehr fruchtbare Land haben Äthiopien den Beinamen „Die Schweiz Afrikas“ eingebracht.

Äthiopien

Äthiopien

Blue Nile Sailing Club in Khartum

Mit einem Tag Verspätung treffen wir schließlich doch noch im Blue Nile Sailing Club in Khartum ein. Außer einer Handvoll Motorradfahrern, unter anderem dem sympathischen kölschen Jung Werner, den wir erstmals in Assuan an der Fähre getroffen haben, ist kein Afrikafahrer da. Diejenigen, die hier Halt gemacht haben, waren alle schon ein paar Tage vor uns da und sind dann weitergefahren. Allzu viel verpasst haben wir also nicht.

Blue Nile Sailing Club

Der Blue Nile Sailing Club ist ein elitäres Überbleibsel aus der britischen Kolonialzeit: ein am Blauen Nil gelegener Yachtclub in Karthum. Auf dem Parkplatz sieht man ständig für sudanesische Verhältnisse luxuriöse Autos und reiche Menschen, die sudanesische Oberklasse. Der Befreiung des Sudan vom britischen Kolonialherrn zum Trotz, führen sie den kolonialen Lebensstil fort. Schließlich waren sie es, die an der Seite der Briten von der Kolonialisierung profitiert haben. Es scheint wie Ironie, dass auf dem Clubgelände ein Kriegsschiff mit tragischer Historie liegt. Die 50 Meter lange T. S. S. Melik wurde 1888 von der britischen Krone nilaufwärts gesandt, um den Tod General Gordons zu rächen. Mit der heute noch auf dem Bug stehenden Maximkanone, die damals zu den modernsten Kriegsmitteln gehörte, wurden tausende Freiheitskämpfer getötet. Kein Wunder, dass die Briten im Sudan nach wie vor nicht sonderlich gerne gesehen sind. Davon zeugt die Ermordung eines Angestellten der Britischen Botschaft, die sich nur ein oder zwei Tage zuvor ereignet hat. Er wurde erschossen.

Auf sein Ansehen unter den Kolonialzeitanbetern bildet der Club sich einiges ein. Den Campern begegnet man mit Arroganz und Überheblichkeit, obwohl das Areal nicht viel mehr als ein bewachter Parkplatz mit Duschen, Toiletten und Waschbecken ist. Die Einrichtungen sind verdreckt und werden von den Angestellten aus Bangladesh mitbenutzt. Die Bangladeschis sind es beim Toilettengang gewöhnt, in kleine Löcher im Boden zu zielen, aber nicht in eine Kloschüssel. Außerdem fragt man sich, was sie essen, um ihre Verdauung derart anzuregen. Scheinbar vertragen sie ihr eigenes, scharfes Essen nicht. Die Männertoilette sieht so aus, als wäre darauf jemand explodiert – und es riecht auch so…

Klingt alles nach guten Gründen, die Preise zu erhöhen. Warum nicht gleich verdoppeln? Genau das ist nämlich von gestern auf heute passiert. Preislich hat sich der Club damit an europäische Standards angenähert. Wir nehmen uns den Manager vor und erklären ihm, dass die gebotene Leistung aber nicht europäischer, sondern afrikanischer Standard sei. Er könne sich überlegen, ob er mit dem Preis runtergehe, oder ob wir gleich wieder fahren sollten. Von der Formulierung „afrikanischer Standard“ ist er sichtlich getroffen, schließlich ist man im Club stolz darauf, den Europäern näher zu stehen als den Afrikanern. Er bietet einen preislichen Kompromiss an, und wir gehen darauf ein, aber auch nur, weil es auf dem Parkplatz ein paar schattenspendende Bäume, ein offenes Funknetzwerk (und damit Internetzugang) und frisch gemachte Fruchtsäfte gibt. Das alles ist hier ein nicht zu unterschätzender Luxus. Letztlich bleiben wir aber auch aus Bequemlichkeit, denn die Strecken von Wadi Halfa nach Khartum waren enorm kräftezehrend. Beim nächsten Mal würden wir allerdings gleich zu einem anderen Campingplatz in Khartum fahren, denn es gibt eine kostengünstigere Alternative.

Blue Nile Sailing Club

Was gibt es sonst noch von Khartum zu berichten? Zum Beispiel, dass man in den Straßen Khartums ständig Fahrzeuge von Hilfsorganisationen sieht, allen voran den Vereinten Nationen, dem Roten Kreuz und den Ärzten ohne Grenzen. Sie nutzen Khartum als Basis, um die Lage im Krisengebiet Darfur und im bürgerkriegsgeschüttelten Süden des Sudans zu beobachten beziehungsweise Hilfseinsätze zu koordinieren. Doch das Aufgebot hat auch einen negativen Nebeneffekt: Da einige der Organisationen im Geld zu schwimmen scheinen, haben sie die Mieten und Preise hochgetrieben: es herrschen nahezu europäische Verhältnisse. Daneben kann man beobachten, wie die ersten westlichen Konzerne schon dabei sind, ihre Territorien abzustecken. Dazu gehören allen voran die großen Tankstellenketten Shell und Total und die Erfrischungsgetränkehersteller Coca Cola und Pepsi. Besonders Pepsi führt im Sudan derzeit einen gigantischen Werbefeldzug. Auch McDonalds, Burger King, Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut dürften nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Blue Nile Sailing Club

Unterdessen zeugt die sudanesische Geschäftstüchtigkeit von großer Unschuld. Als wir zu einer Versicherungsgesellschaft gehen, um uns die so genannte Yellow Card – die gelbe Unfallhaftpflichtversicherungskarte – zu besorgen, die wir ab Äthiopien brauchen und die das afrikanische Pendant zur europäischen Grünen Versicherungskarte darstellt, werden wir von einem freundlichen, aber völlig hilflosen Mitarbeiter empfangen. Wir erklären ihm unser Anliegen, und er beginnt, in einem dicken Aktenordner zu blättern – Blatt für Blatt, Blatt für Blatt, Blatt für Blatt, ganz bedächtig… Als er endlich am Ende angelangt ist, beginnt er wieder von vorne – Blatt für Blatt, Blatt für Blatt, Blatt für Blatt… Unterdessen füttert sein unterbeschäftigter Kollege am Nebenplatz mit dem hilflosesten Gesichtsausdruck, den wir jemals gesehen haben, die virtuellen Fische seines Bildschirmschoners. Dann holt unser Kollege einen zweiten Ordner hervor, und das Prozedere wiederholt sich in ungesteigertem Tempo. Nachdem er es zum zweiten Mal durchexerziert hat, hat er endlich ein Einsehen und greift zum Telefon, um seinen Vorgesetzten anzurufen. Dieser erklärt ihm schließlich, dass die Gelbe Versicherungskarte bei ihnen gar nicht erhältlich ist. Nach einer Stunde des Wartens war das nicht unbedingt das, womit wir gerechnet hatten.

Schön war auch das Einkaufen in Khartum. Der vom westlichen Warenangebot und unendlich vielen möglichen Kaufentscheidungen oft gequälte und überforderte Geist, wird im Sudan geschont. Viele, auch anscheinend einfache Dinge wie Butter sind oft gar nicht erhältlich. Und wenn es etwas gibt, dann in der Regel auch nicht verschiedene Varianten oder Marken, die die Kaufentscheidung komplizieren könnten. Der Afra-Markt ist der größte Supermarkt im Sudan, doch auch er bietet nur ein äußerst begrenztes Warenangebot. Ganze Regalreihen sind gefüllt mit ein und demselben Produkt. Damit die Reihen nicht allzu leer aussehen, stehen die Produkte im Regal nicht hintereinander aufgereiht, sondern nur neben-, über- und untereinander. Unterdessen erwarten den westlich denkenden Kunden in den kleineren Shops erfrischende mathematische Überraschungen. Wer eine größere statt einer kleineren Menge einer Ware kauft, geht in der Regel davon aus, es koste ihn weniger oder höchstens genauso viel wie die kleinere Menge. Im Sudan ist das anders. Als wir in einem Shop ein Duzend Eier kaufen wollen, zögern wir wegen des hohen Preises und erkundigen uns nach dem Preis für nur ein halbes Duzend Eier. Zu unserer Verwunderung nennt man uns einen geringeren als den halben Preis. Wir vermuten zunächst einen Irrtum und versuchen, den bemitleidenswerten Verkäufer mathematisch ein wenig aufzuklären, doch er lässt sich nicht beirren. „Gut, dann hätten wir eben gerne zweimal sechs statt einmal zwölf Eier!“

Von Karima nach Adbara

Es sind noch 600 km bis Khartum. Wir hoffen, dort im Blue Nile Sailing Club andere Afrikafahrer zu treffen und gemeinsam Silvester feiern zu können. Und der Tag fängt gut an in Karima, wo es Pyramiden zu sehen gibt. Sie sind zwar nicht so gigantisch wie die Pyramiden von Gizeh, dafür müssen wir sie aber auch nicht mit anderen Touristen und Kameltreibern teilen. Und sie wurden nicht mit soviel Blut erbaut, wie ihre großen Geschwister in Kairo.

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Karima

Dann allerdings fängt die Misere an. Wir müssen zum ersten Mal mit der Fähre über den Nil. Nebendran steht zwar schon eine fertige Brücke. Aber sie wird erst in einer Woche eröffnet. Da hilft auch kein Bakshish. Die Fähre kostet uns gleich mal einen halben Tag. Die Überfahrt selbst dauert zehn Minuten, das Warten davor vier Stunden. Willkommen in Afrika!

Fähre über den Nil

Fähre über den Nil

Und weil’s so schön ist, steht uns am Abend haargenau das gleiche Drama noch einmal bevor – inklusive im Bau befindlicher Brücke:

Fähre über den Nil

Fähre über den Nil

Am Ende sind wir froh, dass wir gerade noch kurz vor Mitternacht von der Fähre herunterkommen und bei Adbara – noch ganze 300 km vor Khartum –, in der Wüste ein Plätzchen zum Anstoßen finden. Fulco und Marielle haben zu diesem Anlass eine Flasche Sekt aufgehoben, und sogar Wunderkerzen gibt es als Feuerwerk!

Adbara

Von Wadi Halfa nach Dongola

Nach einem aufreibenden Nervenkrieg, der die Richtigkeit unseres Israelbesuchs zeitweilig in Frage gestellt hat, haben wir es am Vortag durch die sudanesische Zollkontrolle geschafft. Das Problem waren letztlich nicht die israelischen Stempel in unseren Pässen, die unbemerkt blieben, und es war auch nicht die Palette Bier im Auto, die unentdeckt blieb, sondern vielmehr die Identifikationsnummer unseres Motors, die ich zum Abgleich mit unseren Fahrzeugpapieren am Motor einfach nicht finden konnte. Am Ende hat der Zollbeamte – einer von der Sorte, die nicht mit sich spaßen lässt –, unerwartet ein Auge zugedrückt und uns durchgewunken. Unser Glück waren wohl die anderen Afrikafahrer, die auch noch abgefertigt werden mussten.

Der erste Weihnachtsabend wird genauso ungewöhnlich wie der Heiligabend zuvor. Gemeinsam mit den beiden Niederländern Fulco und Marielle und ihren quirligen Niederländischen Schäferhunden Djennis und Doerak, mit den Franzosen Alain und Jacques und mit den Deutschen Uwe und Ulrike verbringen wir den Abend des ersten und den Morgen des zweiten Weihnachtstags in der sudanesischen Wüste, bevor wir uns auf den abenteuerlichen Weg von Wadi Halfa nach Dongola machen.

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Um von Wadi Halfa nach Dongola zu kommen, gibt es zwei Möglichkeiten. Die kürzere Route verläuft entlang der Bahnlinie von Wadi Halfa nach Dongola, doch es soll mehrere versandete Stellen geben, die für unseren Sprinter vermutlich unpassierbar wären. Die von uns gewählte Alternativroute führt durch die Wüste und entlang des Nils über knüppelhartes Wellblech, durch knietiefen Staub und dicken Schlamm.

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Kurz vorm zweiten Weihnachtsabend heißt es dann auch erstmals Schaufeln auspacken und Marielles und Fulcos schweren, alten Bus aus dem Sand graben. Gut, dass die Beiden Sandbleche dabei haben. So arbeiten wir uns Meter für Meter vor, bis wir das 5-Tonnen-Gefährt schließlich mit unserem Sprinter heraus ziehen können.

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Von Wadi Halfa nach Dongola

Wir sind froh, dass wir die Strecke gemeinsam fahren und die ersten Erfahrungen unter solchen Bedingungen nicht allein machen müssen. Das nimmt die Anspannung, und nach und nach kommen wir immer besser mit den Straßenverhältnissen zurecht. Unser Vertrauen in die eigenen Fahrkünste und die Fähigkeiten des Sprinters wächst von Tag zu Tag, und wir können die endlos weiten Ausblicke, die uns die Wüste hier bietet, mehr und mehr genießen.

Außerdem haben wir erste Kontakte zu den Einheimischen, auch wenn wir uns nach den anstrengenden Etappen manchmal gerne auch einfach nur zurückziehen und für uns sein würden. Doch wo immer wir anhalten versammeln sich die Menschen um uns herum und beobachten uns neugierig. Sie sind überaus freundlich, die Money-Money-Fraktion ist kaum vertreten. Und wenn wir durch die Dörfer fahren, dürfen wir uns endlich einmal fühlen wie der Papst. Alle winken uns freundlich zu und ermuntern uns zum Anhalten. Wir winken freundlich zurück, fahren aber weiter, denn wenn wir jedes Mal anhielten, würden wir noch weniger als die maximal 100 Kilometer schaffen, die wir bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von maximal 10–20 Kilometern in der Stunde ohnehin nur schaffen.

Über den Nassersee von Assuan nach Wadi Halfa

Um von Ägypten in den Sudan zu gelangen, steht nur der Wasserweg über den Nassersee offen. Die Grenzüberschreitung auf dem Landweg ist selbst mit einem Geländewagen nicht zu empfehlen, da es keinen offiziellen Grenzübergang gibt, sondern lediglich einen schwer bewachten Militärposten, und das Gebiet vermint ist. Von Assuan geht eine Fähre über den Nassersee zum Wüstenort Wadi Halfa, dem Eingangstor zum Sudan. Die Überfahrt dauert 24 Stunden und kostet stolze 500 Euro. Na prima. Die Visa für den Sudan hatten schon mit je 100 US-Dollar zu Buche geschlagen, und im Sudan werden weitere Einreise- und Registrierungsgebühren anfallen, insgesamt nochmals über 100 US-Dollar. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fähre nur wenige Autos transportieren kann und nur einmal pro Woche verkehrt.

Da wir Silvester gerne im Blue Nile Sailing Club, einem weiteren Treffpunkt der Afrikafahrer, feiern möchten, machen wir uns von Hamata schnellstmöglich auf den Weg nach Assuan. Doch unser Weg nach Assuan steht unter keinem guten Stern. Um vom Roten Meer an den Nil und von dort nach Assuan zu gelangen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Die erste Abzweigung geht von Marsa Alam ab. Dank einer Fehlinformation stellen wir jedoch erst 60 km später am Flughafen von Marsa Alam fest, dass wir viel zu weit gefahren sind. Also fahren wir weiter nach El Quesir zur nächsten möglichen Abzweigung. An einem Checkpoint werden wir jedoch gestoppt: die Strecke sei zu gefährlich, wir müssten weiterfahren bis Safaga.
In Safaga können wir dann endlich hinüber zum Nil queren. Die ganze Aktion hat uns jedoch einen Umweg von mindestens 250 km beschert und einen ganzen Tag gekostet. An diesem Tag schaffen wir es nur noch bis Luxor. Dort hält ein Anruf im Fährbüro eine schlechte Nachricht für uns bereit: Wegen eines muslimischen Feiertags fällt die Fähre am 17. Dezember. aus, und die Fähre eine Woche später sei auch schon ausgebucht. Die nächste Fähre ginge dann erst am 30. Dezember.
Aber so einfach wollen wir uns nicht geschlagen geben. Frank, ein knochentrockener Deutscher mit britischem Humor, den wir schon im Camp in in Kairo kennen gelernt haben, kommt zufälligerweise auch am selben Abend im Camp in Luxor an und vermittelt uns den Kontakt zu zwei Südafrikanern, die gemeinsam mit ihrem querschnittsgelähmten Vater auf dem Weg von Ägypten nach Südafrika sind. Sie wollen für sich und einige andere eine Extrafähre organisieren.
Am nächsten Morgen heißt es somit trotzdem „Auf nach Assuan!“, früh aufstehen und bei Dunkelheit um 5 Uhr losfahren, um es noch rechtzeitig bis zum Fährbüro zu schaffen. Doch es soll schon wieder nicht sein. Anfangs kommen wir noch recht gut durch, da wir uns an einen Reisebus dranhängen. Hinter dem Bus können wir uns verstecken und ungesehen mit durch die zahllosen Checkpoints hindurch schlüpfen. Immer wenn wir uns einem Checkpoint nähern, warnt uns der Busfahrer mit dreimal Warnblinker vor. Außerdem zeigt er mit Blinker recht und Blinker links die engen Kurven an. Nach Bedarf kombiniert er die Zeichen auch gekonnt. So heißt zum Beispiel Blinker links, rechts, links plus Warnblinker: „Vorsicht, S-Kurve mit anschließendem Checkpoint!“
Leider trennen sich unsere Wege aber nach halber Strecke, und tatsächlich werden wir gleich am nächsten Checkpoint heraus gewunken. Zwielichtige Gestalten in Militäruniform nehmen uns die Pässe ab und beordern uns in einen abgezäunten Bereich neben dem Checkpoint.
Während wir auf unsere Pässe warten, beobachten wir, wie die Locals im Vorbeifahren Geldscheine aus dem Fenster halten, um ungehindert zu passieren. Das kann ja heiter werden. Die Soldaten, oder was auch immer sie sein mögen, sprechen kein Wort Englisch und quatschen mich auf Arabisch voll. Es geht um Bakshish, aber ich gebe mich ahnungslos.
Nach fünf Minuten bekommen wir schließlich tatsächlich unsere Pässe zurück, aber der Absperrzaun bleibt geschlossen. Wie sehe es denn nun mit einem Bakshish aus, werde ich gefragt. Ein Würstchen, das daneben steht und nicht besonders helle wirkt, malt mit dem Finger eine hundert in seine Handinnenfläche. Ist wohl die größte Zahl, die er kennt und richtig schreiben kann. Da er wahrlich nicht so wirkt, als ob er etwas zu sagen hätte, ignoriere ich ihn und drücke dem Anderen fünf Ägyptische Pfund in die Hand, also fast nichts. Aber er scheint damit zufrieden zu sein und gibt das Zeichen, den Absperrzaun zur Seite zu schieben. Der Andere macht eine Geste, als ob er frieren würde und sich wärmen müsste. „Ja, ziemlich kalt hier.“ sage ich und gebe Gas, bevor die es sich noch einmal anders überlegen.
Am nächsten Checkpoint werden wir gleich wieder heraus gewunken. Man erklärt uns, wir müssten auf den nächsten Konvoi warten. Der käme in anderthalb Stunden. Das musste ja irgendwann kommen. Bisher hatten wir Glück. So werden wir es aber nicht mehr rechtzeitig bis ins Fährbüro schaffen.
Drei der Gestalten stehen vor unserem Fahrzeug und teilen dicke Geldbündel untereinander auf. Nach einiger Zeit werden wir mürbe, und ich frage einen von Ihnen, ob ein Bakshish den Prozess eventuell beschleunigen könnte. Er grinst uneindeutig und zeigt mir eine zehn an. Das könnte 10 Pfund heißen, könnte aber auch heißen, dass wir auf den Konvoi um 10 Uhr warten müssen. Ich halte ihm eine Zehn-Pfund-Note hin, doch er schüttelt den Kopf und deutet mit seinen Fingern eine Drei an. Es soll wohl bedeuten, dass sie zu dritt sind und jeder 10 Pfund haben will. Dreißig Pfund sind mir aber eindeutig zu viel, und so warten wir weiter auf den Konvoi.
Nach zwei Stunden kommen tatsächlich zwei Reisebusse vorbei, doch bei den Gestalten rührt sich nichts. Da keine weiteren Busse kommen, steige ich aus dem Wagen und frage, was da los ist, da wäre eben doch ein Konvoi vorbeigekommen. Ich solle mich noch ein paar Minuten gedulden, wird mir bedeutet. Ich setze mich wieder in den Wagen und lasse schon mal den Motor an. Wenn wir nicht bald weiterfahren können, dann fahren wir eben so los.
Doch so weit kommt es nicht. Nach ein paar Minuten bekommen wir endlich das Zeichen, weiterfahren zu dürfen. Kein Konvoi weit und breit, das Ganze war reine Schikane. Und es ist ihnen wirklich geglückt, uns zu schikanieren, denn das Fährbüro können wir für heute vergessen.

In den nächsten Tagen in Assuan ist die Fähre das absolute Hauptthema, denn die Anmietung einer Extrafähre scheint nicht möglich zu sein. Im Camp Adam’s Home in Assuan, der von einem etwas eigenwilligen Nubier Namens Jahjah betrieben wird und auf dem sich nach und nach ein Duzend Afrikafahrer einfinden, kursieren ständig neue Gerüchte. Insgesamt dreißig Leute sollen für die Fähre reserviert haben, doch es passen maximal sechs Autos darauf. Außerdem heißt es, wer es bis zum Dreißigsten nicht auf die Fähre schafft, der müsse bis Februar warten, denn im Januar verkehre keine Fähre. Einige Leute, die ihre Visa in Assuan beantragt hatten und wochenlang darauf warten mussten, brechen ihre Reise vorzeitig ab und fahren zurück in die Heimat.
Die Atmosphäre im Camp ist angespannt. Es entsteht eine regelrechte Konkurrenzsituation, auch wenn niemand dies offen anspricht. Wenn die und die ihre Visa nicht rechtzeitig bekommen, dann könnten sie und wir noch mit auf die Fähre passen, vorausgesetzt, man ist an der entsprechenden Position in der Nachrückerliste. Und die Liste wird von Mr. Salah, dem Mann des Ticket-Office, im Kopf geführt. Bei dreißig Leuten kann man sich leicht vorstellen, dass sich diese Liste stetig in einem höchst fragilen Zustand befindet und man sich von Zeit zu Zeit ins Gedächtnis von Mr. Salah zurückrufen muss, dass heißt alle zwei Tage bei Herrn Salah auf der Matte zu stehen und deutlich vor der Öffnungszeit möglichst der Erste in der Reihe zu sein.
Trotzdem machen wir alle das Beste aus der Situation und verbringen die Abende gemeinsam am Lagerfeuer. Besonders freuen wir uns, dass wir auch die beiden Neuseeländer John und seine krebskranke Frau June wiedersehen, die wir auch schon auf dem Campingplatz in Kairo kennengelernt und mit denen wir dort schon viele lustige Abende verbracht haben.

Adam's Home in Assuan

Adam's Home in Assuan

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Frank ist auch wieder mit von der Partie – leider zum letzten Mal, denn für ihn ist Assuan der Wendepunkt seiner Reise, die ihn danach wieder langsam in Richtung Heimat führen wird.

Adam's Home in Assuan

John, Frank und ich sind es auch, die die ganze Truppe bei Laune halten, Feuerholz organisieren und das Lagerfeuer auf die Beine stellen.

Adam's Home in Assuan

Schließlich gelingt es Mr. Salah dann doch noch, eine Extrafähre für alle Fahrzeuge zu organisieren. Bei der Einklarierung für die Fähre fällt dem jungen und umgänglichen Zollbeamten zwar auf, dass wir über Taba nach Ägypten eingereist sind, und er fragt, ob wir in Israel waren. Aber als wir beteuern, dass wir von Jordanien gekommen sind, drückt er beide Augen zu und entlässt uns mit einem wissenden Grinsen. Damit wäre die vorletzte Hürde geschafft, jetzt kann uns nur noch die sudanesische Passkontrolle stoppen.

Adam's Home in Assuan

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Doch zuvor heißt es für uns erst einmal, Mr. Salahs Nichte eine Stunde Deutschunterricht zu geben. Das kommt zwar ziemlich ungelegen, weil wir noch einige Dinge für den Sudan vorzubereiten haben. Aber was tut man nicht alles für einen Platz auf der Fähre, wenn es die einzige ist. Immerhin gibt es als Entschädigung ein feudales ägyptisches Mahl, das wir nach ägyptischer Sitte in Gedanken laut schmatzend genießen.

Am 24. ist es dann endlich so weit. Alle sitzen gemeinsam auf dem Oberdeck der Fähre und beobachten, wie riesige Kartons und Säcke von turmhoch beladenen Lastwagen in das Beiboot der Fähre gekippt und darin verstaut werden. Die Fähre selbst stellt sich übrigens als altes Rheinschiff heraus – das schafft Vertrauen…

Adam's Home in Assuan

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Adam's Home in Assuan

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Am Abend stoßen wir dann alle im Schein des Vollmonds mit geschmuggeltem Gin und Tonic auf den Heiligabend und unser gemeinsames Präsent, alle auf der Fähre sein zu können, an. Ja, sogar einen kleinen Weihnachtsbaum haben wir, den die beiden Schweizer und Swiss-Air-Piloten Marco und Danielle mitgebracht haben. Ein seltsamer Heiligabend zwar, aber Heiligabend bei Vollmond auf dem Nassersee hat man immerhin auch nicht alle Tage!

Adam's Home in Assuan

Tauchen in Hamata

Hamata am Roten Meer kann man kennen, wenn man gerne taucht, muss man aber nicht. Auf unseren Landkarten ist Hamata gar nicht erst verzeichnet. Gut zu wissen, dass Hamata etwa 100 Kilometer südlich von Marsa Alam liegen soll. Marsa Alam ist auf den Karten immerhin als richtige Stadt verzeichnet. Trotzdem haben wir es tatsächlich geschafft, daran vorbeizufahren, ohne es zu merken. Wie sollen wir dann erst Hamata finden?

Rotes Meer

Rotes Meer

Rotes Meer

Rotes Meer

Nach einigem Bangen finden wir Hamata dann schließlich doch. Die Küste unterhalb von Safaga bis hierunter ist wirklich noch wunderschön und naturbelassen, was in Ägyptens bekannten Tauch- und Urlaubsorten sonst leider nicht mehr so ist, und auf Höhe des Sinai haben wir einen wunderbaren, pastellfarbenen Sonnenuntergang erlebt. Bei Hamata von einem Ort zu sprechen, wäre allerdings übertrieben. Viel mehr als ein Duzend Wellblechhütten ist nicht zu sehen. Wäre da nicht das Tauchresort Zabargad, wären wir auch an Hamata vorbeigefahren. Das wäre uns dann wohl erst an der ägyptisch-sudanesischen Grenze aufgefallen, wo man uns zurückgeschickt hätte, denn es gibt dort keinen Grenzübergang, sondern lediglich einen Militärposten und vermintes Gelände.

Doch so weit kommt es nicht, denn mit Zabargad haben wir unser Ziel erreicht. Hier haben wir uns mit meinem ehemaligen Arbeitskollegen Stefan zum Tauchen verabredet. Stefan ist engagiertes DLRG-Mitglied und hat gleich eine ganze Truppe seiner Kollegen mitgebracht:

Tauchen in Hamata

Vor ein paar Wochen kam Stefan auf die glorreiche Idee, mir per E-Mail diesen Termin aufs Auge zu drücken, obwohl ich bei meiner Verabschiedung aus dem Berufsleben vollmundig konstatiert hatte, dass ich nie wieder einen Termin haben würde! Um mir den Termin schmackhaft zu machen, hat Stefan angeboten, gegebenenfalls auch ein paar Sachen aus Deutschland mitbringen zu können. Von dieser Gelegenheit haben wir auch ausgiebigen Gebrauch gemacht. Ein Unterwassergehäuse für unsere kleine Kamera, ein Fischaugenobjektiv, ein neues GPS mit Weltkarte, ein neues Mobiltelefon nebst Vertrag, ein neuer Alleskocher passend zu unserem Topfset, eine Handvoll Bücher und Weihnachtsgrüße für uns sind mit im Reisegepäck. Und dazu hat meine Mutter uns für Weihnachten einen riesigen Haufen Süßigkeiten dazu gesteckt. Schon lange haben wir uns nicht mehr so sehr über Süßes gefreut. Aber nach den eher mageren Zeiten davor, sind die ungesunden Leckereien mehr als willkommen. Ja, das ist wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen!

Tauchen ist natürlich auch angesagt. Nach einem Auffrischungstauchgang am Hausriff geht es an den nächsten zwei Tagen mit auf das Boot für vier großartige Tauchgänge. Doch erst einmal darf Christiane sich im befehligen von Tauchbooten üben. Weil ihre grüne Gesichtsfarbe am bedrohlichsten von allen wirkt, darf sie für einige Zeit das Ruder übernehmen. Das lässt die Seekrankheit am besten vergessen. Trotzdem sieht sie danach immer noch leicht unentspannt aus…

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Unterdessen bereitet sich Stefan schon einmal auf den ersten Tauchgang vor. Unter der Maske ist er nur an seinem breiten Grinsen zu erkennen…

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Doch neben Vollbluttauchern wie Christiane und Stefan ist das Rote Meer vor allem für seine wunderschönen Korallengärten und die vielen kleinen bunten Fische berühmt. Hier kommt dann auch gleich das Unterwassergehäuse zum Einsatz, und ich bin ziemlich happy mit meinen ersten Unterwasserbildern:

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Außerdem steht ein Wracktauchgang mit auf dem Programm. Praktischerweise ist die Kloschüssel noch sehr gut erhalten, so dass sich der notdurftgeplagte Taucher auch unter Wasser Erleichterung verschaffen kann:

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Ja, und als wäre das nicht schon schön genug gewesen, haben wir als krönendes Highlight das wunderbare Glück, mit einer großen Delfinschule zu schwimmen. Sind sie nicht einfach drollig?

Tauchen in Hamata

Tauchen in Hamata

Camp Salma in Kairo und die Pyramiden von Gizeh

In Kairo gibt es ein Camp mit Blick auf die Pyramiden von Gizeh: Camp Salma. Camp Salma wird von einer gleichnamigen, etwas resoluten Ägypterin geführt und ist ein Treffpunkt für Afrikafahrer.
Allerdings sollte man einen festen Schlaf haben oder zumindest Ohropax mitbringen, denn gelegentlich gibt es  kleine Detonationen bei der Müllverbrennung, die hier rustikal in Eigenregie durchgeführt wird, und der Muezzin der benachbarten Moschee gibt alles, wenn er zum Gebet ruft. Außerdem weht vom angrenzenden, offenen Kanal, in dem aufgedunsene Rinderkadaver schwimmen, das eine oder andere Lüftchen herüber.
Die Gemüsehändler an der Straße mit ihren Eselkarren voll frisch aussehenden Gemüses beobachten wir dabei, wie sie das verseuchte Wasser aus dem Kanal schöpfen und damit das Gemüse bespritzen, um es frischer aussehen zu lassen. Guten Appetit!

Im Camp treffen wir zwar nicht auf so viele Afrikafahrer wie erwartet, aber wir haben die große Freude, eine fünfköpfige deutsch-südafrikanische Familie kennen zu lernen: Dennis und Maike mit ihren drei großartigen Kindern Jasmin, Jona und Janek. Sie erfüllen sich einen lange gehegten Traum und besuchen Maikes Eltern in Deutschland auf dem Landweg. Mit Geländewagen, Offroad-Anhänger und jeweils einem Dachzelt oben drauf sind sie den ganzen Weg von Johannesburg bis nach Ägypten gekommen und versorgen uns mit unzähligen Informationen, die uns für die nächsten Monate in Afrika viel Mut machen. Nun hängt für uns nicht mehr ein ganz so dickes Fragezeichen über dem schwarzen Kontinent.

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Camp Salma in Kairo

Allerdings haben wir in Dennis und Maike auch ein Exempel, wie lange es unter Umständen dauern kann, ein Visum zu bekommen. In ihrem Fall sind es die Visa für Libyen und Tunesien, auf die sie über vier Wochen warten müssen. Das zerrt an den Nerven und ist den Beiden auch unweigerlich anzumerken. Aber sie sind stark und halten durch, bis wir uns nach einer wunderbaren gemeinsamen Woche im Camp mit ihnen über die erhaltenen Visa freuen können!

Schon am nächsten Tag allerdings vermissen wir sie sehr. Die Woche mit ihnen war einfach großartig. Jeden Abend haben wir ein Lagerfeuer gemacht, darauf gekocht und uns daran gewärmt. Das Kochen auf dem Lagerfeuer ist eine Philosophie für sich, und Dennis bringt uns alles bei, was wir wissen müssen.

Camp Salma

Auch in den Tagen danach pflegen wir die Tradition und geben sie an andere Afrikafahrer weiter. Später in Assuan erfahren wir, dass man noch lange nach unserer Zeit die Spuren sehen konnte – nur Feuerholz war keines mehr da…
Wenn Maike, Dennis, Jasmin, Jona und Janek in ein paar Wochen in ihr neues Haus in Kapstadt eingezogen sein werden, dürfen wir sie besuchen kommen. Wir freuen uns schon riesig auf das Wiedersehen und weitere gemütliche Abende am Lagerfeuer. In ihrem Garten haben sie drei Feuerstellen. Das hat doch Stil!

Ach ja, und noch etwas: Meine Haare sind ab! Sie wurden langsam lästig, also habe ich Hand angelegt. Die selbstgebastelte Frisur sieht anfangs zwar noch scheiße aus, wird in den nächsten Tagen aber weiteren Optimierungen unterzogen. Am Ende wird sie sogar wirklich ansehnlich aussehen, wie dann auf späteren Bildern zu sehen sein wird. Auch Christianes Haare habe ich ganz gut hinbekommen – im nächsten Leben werde ich Friseur!

Camp Salma

Camp Salma

Auch sonst haben wir in Kairo eine gute Zeit. Mit dem Taxi fahren wir einige Male in die Innenstadt, weil wir uns für den Sudan und Äthiopien vorab Visa besorgen müssen. Schnell lernen wir beim Taxifahren das Herunterhandeln auf den richtigen Preis und sind überrascht, dass nicht alle Taxifahrer versuchen, Touristenpreise abzukassieren. So genießen wir es, uns mit den schwarz-weißen Taxis quer durch die halbe Stadt fahren und das Stadtbild an uns vorbeiziehen zu lassen. Und da wir nicht selbst am Steuer sitzen müssen, sind uns auch der abartige Verkehr und die vielen Staus egal. Nur die Abgase sind teilweise ganz schön heftig. Teilweise sitzt man inmitten blauer Abgaswolken, denn die Taxis – meist uralte, französische Fabrikate – haben keine Klimaanlage. Bei der Hitze helfen da nur offene Fenster.

Für die Visa brauchen wir wieder einmal ein Empfehlungsschreiben von der deutschen Botschaft. Wir bekommen es problemlos, wenn auch erst am nächsten Werktag, nach dem Wochenende. Man wundert sich, wie eine deutsche Behörde einen ganzen Tag benötigen kann, Namen und Anschrift in ein Formular einzugeben, auszudrucken und einen Stempel und eine Unterschrift darauf zu setzen. Noch toller: Als wir das Schreiben abholen wollen, will man uns weismachen, dass das eine ganze Woche dauert! Und dafür zahlen wir auch noch zwanzig Euro pro Person…
Wir bekommen das Schreiben dann aber doch gleich und gehen damit zur sudanesischen Botschaft. Nach dem Wochenende ist hier die Hölle los und die Botschaft quillt über vor Antragstellern. Als wir die Anträge schließlich fertig haben und überreichen, heißt es, wir sollen in einer Woche wiederkommen. In den folgenden Tagen bekommen wir jedoch mit, dass andere Traveller, die nicht gleich am Wochenanfang in die Botschaft gegangen sind, das Visum noch am selben Tag erhalten haben. So gehen wir wieder hin und sind hartnäckig. Unsere Anträge werden bewilligt, aber erst am nächsten Tag können wir unsere Visa abholen. Als wir am nächsten Tag dann tatsächlich unsere Pässe mit den Stempeln in den Händen halten, fällt uns ein riesiger Stein vom Herzen.
Das Äthiopienvisum bekommen wir übrigens problemlos. Die äthiopische Botschaft in Kairo darf sich mit der freundlichsten und hilfsbereitesten Angestellten rühmen, die wir auf unserer Reise bisher getroffen haben. Sogar in bequemen Ledersessel sitzen wir, als wir unsere Anträge ausfüllen.

Christiane sieht seit ein paar Wochen übrigens beängstigend schlecht und kann kaum noch Verkehrsschilder erkennen. Mehrere Male gehen wir zu einem Augenarzt, den uns die deutsche Botschaft empfohlen hat. Er stellt sich als ausgesprochen fachkundig heraus. In Bonn und Tübingen hat er studiert ist dann zurück nach Kairo gegangen. Er spricht hervorragend Deutsch, so dass Christiane ihm ohne Sprachbarriere erklären kann, was mit ihren Augen los ist, und er stellt auch gleich die richtige Diagnose: Christianes Hornhaut ist extrem trocken und sehr stark angegriffen. Beim Augentest liest sie aus drei Metern Entfernung 10 cm große Buchstaben als Zahlen vor!
In den nächsten Tagen muss Christiane eine Augenkur machen und soll die Augen so viel wie möglich geschlossen halten. Außerdem muss sie ein neuartiges Feuchtigkeitsgel und anfangs auch Kortisontropfen in die Augen machen. Glücklicherweise schlägt die Behandlung schnell an, und nach einigen Tagen kann Christiane endlich wieder normal sehen.

Da wir uns allmählich den Malariagebieten nähern, die ab dem Sudan langsam beginnen, besorgen wir uns Lariam. Lariam ist deutlich günstiger als das weit verbreitete Malarone und bietet einen wirksamen Schutz gegen die meisten Malariaerreger. Allerdings kann Lariam erhebliche Nebenwirkungen auf die Psyche und das Immunsystem haben. Wir werden sehen müssen, ob wir Lariam vertragen. Viele Traveller berichten, dass sie Lariam probiert haben und wieder absetzen mussten.
Für ägyptische Verhältnisse ist Lariam sehr teuer, und es gibt noch keine Generika. Die Beschaffung ist deshalb nicht leicht. Erst nach einigen Anläufen finden wir eine Apotheke, die Lariam bestellen kann.

Sightseeing steht natürlich auch auf dem Programm. Wir laufen zu den Pyramiden von Gizeh, denn von Camp Salma ist es nicht weit. Je näher wir den Pyramiden kommen, desto mehr gehen uns Taxifahrer auf die Nerven, die uns dorthin fahren wollen und Lügengeschichten erzählen. Auf unserer Route gebe es keinen Eingang und wir müssten kilometerlang um das Gelände herumlaufen, wenn wir nicht ihr Taxi nähmen. Ganz so naiv sind wir allerdings nicht mehr, und wir lassen uns nicht beirren.
Wenig später stehen wir dann auch auf dem Gelände und haben die Pyramiden in Lebensgröße vor uns. Doch lange genießen können wir den Anblick nicht. Schon wieder kommt einer an, der uns eine Lügengeschichte auftischt, weshalb wir ihn als Führer bräuchten. Und weil er einfach nicht lockerlassen will, brülle ich ihm dann irgendwann ein weithin hörbares „Fuck off!“ entgegen. Das versteht er dann.
Wenig später im Sichtschatten der zweiten großen Pyramide, wo nichts los ist, kommt ein Junge auf einem Esel angeritten. Er erzählt keine Lügengeschichte, sondern hält gleich die Hand und ruft mir frech „Money, money!“ ins Gesicht. Ich bin inzwischen so sauer, dass ich einfach nur noch meine flache Hand über die Schulter hebe und im eine Ohrfeige androhe. Wahrscheinlich gucke ich dabei auch noch ziemlich böse. Jedenfalls hinterlässt das offensichtlich ziemlichen Eindruck, denn der Rotzlöffel tritt mit seinem Esel blitzartig die Flucht an. Erstaunlich, wie schnell Esel rennen können.
Man fragt sich, weshalb mittlerweile zwischen 50 und 100 Mitarbeitern der Tourist Police über das ganze Areal verteilt sind, wenn die Touristen trotzdem ständig belästigt werden. Aber die Ägypter selbst sind nicht die einzigen Ärgernisse an den Pyramiden. Da wären zum Beispiel der nicht zu übersehende Parkplatz, den große Ästheten mitten zwischen die beiden ersten Pyramiden gesetzt haben, und die Straße, die an allen Pyramiden entlang führt. Nur wenn man hinter den Pyramiden ein ordentliches Stück in die Wüste hinausläuft, hat man überhaupt noch ungestörte Anblicke dieser großartigen Bauwerke.
Gestört werden wir dort allerdings dann von der Tourist Police selbst. Ein Polizist kommt auf einem Kamel angeritten und bietet an, dass wir ihn gegen einen kleinen Obolus fotografieren dürfen. Obwohl er uns nicht ganz geheuer vorkommt, gehen wir darauf ein. Weil das erste Foto nichts wird, mache ich gleich ein zweites, was ihn zu stören scheint, aber wir verstehen ihn nicht richtig und treten den Rückweg an. Einige Meter weiter ist ein zweites Kamel angebunden, dass ich schließlich auch noch fotografiere. Daraufhin kommt der Polizist angeritten und macht komische Andeutungen, die wir als Androhung einer Nacht im Gefängnis interpretieren. Und dieses Mal sind wir es, die sich schnell aus dem Staub machen.

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Ausreise Israel und Einreise Ägypten

Ohne konkrete Erwartungen waren wir nach Israel gekommen, doch das Land hat uns von Anfang an in seinen Bann gezogen. Es begann schon an der Grenze, also uns die freundlichen Grenzbeamten die Einreise so leicht wie möglich machten, und das, obwohl wir zuvor auch durch Syrien gereist waren. Nicht einmal eines der gefürchteten Interviews mussten wir über uns ergehen lassen, und nur ein vernachlässig kleiner Teil unseres Gepäcks wurde den normalerweise extensiven Sicherheitskontrollen unterzogen.
Von den Surfern in Bet Yannay wurden wir wie Freunde aufgenommen. Wir konnten zwei Wochen lang an ihrem Leben teilhaben und von ihnen viel über das Land erfahren. Sie gaben uns zahlreiche Tipps und halfen uns bei der Organisation der Weiterreise. Unser großer Dank geht hier vor allem an Oded und Tamari. Besonders Oded können wir gar nicht genug danken. Wir durften uns bei ihm wie zuhause fühlen, unsere Wäsche waschen, und er half uns, unseren Wagen für die nächsten 10.000 Kilometer fit zu machen. Und auch sonst können wir gar nicht genug betonen, wie freundlich und vorurteilsfrei wir überall aufgenommen wurden trotz der tragischen Geschichte, die unsere Völker verbindet.
Darüber hinaus bietet Israel mit dem quirligen Tel Aviv und dem kulturell zutiefst beeindruckenden Jerusalem zwei Städte, die man einfach gesehen und erlebt haben muss. Das Land selbst ist trocken, aber von großer Schönheit: so zum Beispiel die in weiten Teilen noch unberührte Mittelmeerküste, das leider nicht mehr unberührte aber trotzdem wunderschöne Tote Meer, das Rote Meer und die Felswüsten im Süden.
Eines Tages werden wir nach Israel zurückkehren und hoffentlich Oded und die anderen wiedersehen. Und wir würden gerne den Israel Trail laufen – einen knapp 1.000 Kilometer langen Wanderweg kreuz und quer durch das ganze Land.

Mit einem guten Gefühl und ohne lästige Durchsuchung verlassen wir Israel. Entgegen der Einreiseformalitäten können wir den Ausreisestempel jedoch nicht auf ein Extrablatt bekommen. Der israelische Zoll musste uns schon bei der Einreise einen kleinen Zusatzstempel mit einer Codierung an einer unauffälligen Stelle in den Pass drucken – aber zumindest ohne hebräische Schriftzeichen. Diesen hatten wir noch nicht als Problem betrachtet. Nun stellt sich jedoch heraus, dass auf derselben Passseite auch der Ausreisestempel platziert werden muss. Der Ausreisestempel enthält zwar ebenfalls keine hebräischen Schriftzeichen, aber es ist ein dickes schwarzes Dreieck, das kaum zu übersehen ist.
Außerdem mussten wir uns in Eilat ein Visum für Ägypten besorgen. Während Fluggäste es problemlos bei der Einreise erhalten, erhalten Überlandreisende an der israelisch-ägyptischen Grenze lediglich ein Visum für den Sinai, da der Sinai, obwohl Ägypten zugehörig, diesbezüglich souverän verwaltet wird. Eine Grenze zwischen Sinai und Ägypten oder eine Dienststelle, an der man das Visum für das Ägypten westlich des Suezkanals und des Roten Meeres erhalten könnte, existiert nicht.
Das ägyptische Konsulat in Istanbul hatte uns mitgeteilt, auch bei der Einreise über den Sinai werde an der Grenze ein für ganz Ägypten gültiges Visum ausgestellt. Infolge dieser Fehlinformation mussten wir uns das Visum im ägyptischen Konsulat in Eilat besorgen, und „Eilat“ steht nicht zu übersehen in der ersten Zeile des Visumstempels. Wenn das mal gut geht, denn die Durchreise durch den Israel nicht gesonnenen Sudan ist die einzige Möglichkeit, mit vertretbarem Aufwand in das südliche Afrika zu gelangen.

In Taba an der Grenze zu Ägypten müssen wir wieder eine Durchsuchung über uns ergehen lassen. Zwei Zollbeamte nehmen unseren Sprinter in Augenschein. Immerhin sind sie im Gegensatz zu den jordanischen Kollegen recht höflich. Ihr besonderes Interesse gilt unserer großen Bücherkiste, dem vollgestopften Medizinschränkchen und Christianes Handtasche.
Genüsslich durchstöbert einer der Beamten jeden Winkel der Tasche, zieht jedes Döschen oder Fläschchen vorsichtig heraus und hält es mit einem fragenden Blick in die Höhe. Genauestens lässt er sich von Christiane erklären, wofür das jeweilige Wässerchen da ist und ob es denn auch gut rieche.
Aus unserer Medizinbox fischt der andere Kollege unterdessen zielsicher zwei allseits bekannte blaue Tabletten in Rautenform heraus, die wir zum Ausprobieren und vergleichsweise günstig in der Türkei gekauft haben. Mit einem wohlwissenden Grinsen hält er die Packung in die Höhe und fragt mich, wofür die denn seien. Das ist für noch mehr Spaß im Bett, erkläre ich verlegen. „You wanna try?“ Tatsächlich lässt er die Packung nach kurzer Rückversicherung freudig in seiner Tasche verschwinden. Und sein Gesichtsausdruck verrät, dass er die folgende Nacht kaum erwarten kann…
Als nächstes steht uns der Behördengang bevor: Zoll, Versicherung und Verkehrsamt. Und sie wollen alle nur unser Bestes: unser Geld. Dem schmierigen, feisten Typ vom Zoll sieht man schon von weitem an, dass er den ganzen Tag kaum einen Finger krumm macht, und wenn er sich doch einmal bewegen muss, muss er sich vor Anstrengung sofort die Schweißperlen von der Stirn wischen. Das, obwohl selbst wir es bei den moderaten Temperaturen gut aushalten können und es in seinem Büro angenehm kühl ist. Er erklärt uns, dass er aus meinem Pass und aus dem Carnet des Passages von insgesamt vier Seiten je drei Kopien benötigt. Schwer atmend geleitet er uns ein Stockwerk höher zu einem anderen Büro, in dem einvorzeitliches Kopiergerät steht.
Während er entschwindet, eröffnen uns die Kollegen aus dem Büro, dass jede Kopie zwei Ägyptische Pfund koste. Das sind umgerechnet 25 Cent – für ägyptische und selbst deutsche Verhältnisse ziemlich viel Geld. Das geben wir ihm dann auch zu verstehen, und tatsächlich ist er bereit, die Summe auf zwanzig Pfund abzurunden. Doch wir sind immer noch nicht begeistert und lamentieren weiter. Dann geht plötzlich alles ganz schnell: „Fourtyeight.“, lautet sein nächstes Angebot. So läuft das hier also.
Christiane protestiert lautstark, und im nächsten Moment sind wir schon bei 96 Pfund. Das wären schon zwölf Euro für ein Duzend Kopien. „Mensch, halt die Klappe!“ gebe ich Christiane höchst unfein aber wohlwissend, dass jeder weitere Nachsatz den Preis weiter verdoppeln würde, zu verstehen. Christiane ist verständlicherweise kaum zu beruhigen, und auch ich koche innerlich. Ich würde dem Kerl am liebsten an die Kehle gehen, aber ich beherrsche mich natürlich.
Durch schnelles Zurückrudern und besänftigende Töne können wir uns aber immerhin wieder auf den Normalpreis verständigen. Mangels Alternativen akzeptieren wir, schließlich sitzen wir hier im Niemandsland und haben keine Chance, woanders Kopien herzubekommen. Wie wir später aus Gesprächen mit anderen Afrikafahrern erfahren, wird auf diese Weise an vielen Grenzen abgezockt, und auch das Mitbringen eigener Kopien ist in der Regel zwecklos, da sie von den Behörden nicht akzeptiert werden.
Mit den teuer bezahlten Kopien und – was noch viel schlimmer ist –, einem zutiefst verunsicherten Gefühl gehen wir zurück ins Büro des Zollbeamten und legen ihm die Kopien vor. Er erklärt uns nun das weitere Prozedere. Bei ihm sollen wir fünfhundert Pfund Zollgebühren zahlen, noch einmal fünfhundert Pfund soll die Versicherung kosten, und die Verkehrsbehörde verlangt noch einmal einen, im Vergleich zu den anderen Summen nicht weiter ins Gewicht fallenden Betrag. Insgesamt sind es rund tausendzweihundert Pfund beziehungsweise hundertfünfzig Euro. Da die Deutsche Botschaft in Kairo keinerlei Informationen zu den Kosten an der Grenze nennt, können wir überhaupt nicht einschätzen, ob wir hier abgezockt werden oder nicht. Nach der Erfahrung mit den Kopien fühlen wir uns ziemlich ausgeliefert. Im Büro des Zollbeamten hängt eine Preistafel für Zoll, Versicherung und Verkehrsbehörde. Seine Angaben zu Versicherung und Verkehrsbehörde stimmen, aber die fünfhundert Pfund für den Zoll sind viermal so hoch wie der Preis auf der Tafel. Wir verlangen eine Erklärung, und nach langwieriger Diskussion meinen wir aus dem miserablen Englisch herauszuhören, dass der Preis auf der Tafel nur für den Sinai gelte und nicht für das übrige Ägypten.
Wir glauben ihm nicht, müssen die Situation aber erst einmal in Ruhe besprechen. Da wir in Eilat ohnehin nicht genügend Geld gewechselt hatten – Gott sei Dank, denn wie wir jetzt erfahren, haben wir bei dem Halsabschneider nur 75 Prozent des tatsächlichen Werts erhalten –, nutzen wir die Gelegenheit, um zum Geldautomaten zu laufen. Der Geldautomat befindet sich in einem anderen Gebäude. So haben wir genügend Zeit, uns einen Plan auszudenken. Wir beschließen, alle Register zu ziehen und zu versuchen, mit dem Chef des Zolls zu sprechen oder anderenfalls in Gegenwart des Zollbeamten ein Telefonat mit der Deutschen Botschaft in Kairo zu simulieren.
Zum Chef des Zolls werden wir erwartungsgemäß nicht durchgelassen. Die Obrigkeitshörigkeit in Ägypten wie auch anderen arabischen und afrikanischen Ländern ist sehr ausgeprägt, der Führungsstil patriarchalisch, und es gibt wohl keine größere Horrorvorstellung für die hiesigen Beamten, als sich vor seinem Vorgesetzten verantworten zu müssen. Dementsprechend versetzen wir die ganze Behörde in Aufregung, auch wenn man versucht, es vor uns zu verbergen. Allerdings kann das auch nach hinten losgehen und sich nachteilig für uns auswirken. Wir sind skeptisch, ob es eine gute Idee war, halten aber an unserer Einschüchterungstaktik fest. Wenn man mit neuen Situationen konfrontiert ist, muss man auch einmal die Grenzen ausloten.
So simuliere ich dann schließlich, zurück im Büro des Zollbeamten und nach weiterer fruchtloser Diskussion, ein Telefonat mit unserer Botschaft. Der Beamte bleibt aber äußerlich gelassen. Entweder ist er ziemlich abgebrüht, oder seine Erklärung zum veranschlagten Geldbetrag entsprach doch der Wahrheit. Da wir jetzt nur noch die Möglichkeit hätten, die Zahlung zu verweigern und für unbestimmte Zeit abzuwarten, was passiert, entscheiden wir uns, zu zahlen. Später erfahren wir wiederum von anderen Travellern, dass sie den gleichen Betrag gezahlt haben. Wir hätten also nichts erreicht.
Der Aufruhr hat aber auch sein Gutes. Im Versicherungsbüro und bei der Verkehrsbehörde werden wir schnellstens und ohne weitere Probleme abgefertigt. Als Extraservice schraubt man uns sogar die ägyptischen Nummernschilder, mit denen wir nun herumfahren müssen, in unsere Nummernschildhalterungen. Dieser Service blieb allen anderen Afrikafahrern, mit denen wir in Ägypten gesprochen haben, verwehrt. Sie mussten ihre Nummernschilder selbst mit Panzerband befestigen. Alles in allem dürfen wir vergleichsweise nach nur weniger als drei Stunden weiterfahren. „Welcome to Egypt!“

Ausreise Israel und Einreise Ägypten

Ausreise Israel und Einreise Ägypten

Wüste Negev bei Eilat

Von Small Makhtesh in der Wüste Negev sind wir zurück an den Großen Afrikanischen Grabenbruch im israelisch-jordanischen Grenzgebiet und weiter Richtung Süden gefahren. Über all sahen wir auf der israelischen Seite riesige Palmenplantagen – dabei fließt der Jordan dort gar nicht mehr. Die Plantagen müssen komplett künstlich bewässert werden. Dabei ist Wasser in Israel und Jordanien so knapp – was für ein ökologischer Wahnsinn!

Im äußersten Süden Israels und im äußersten Norden des Roten Meers liegt Eilat. Von Eilat aus wird es für uns über die Grenze nach Taba im Sinai gehen. Über Eilat selbst muss man nicht viele Worte verlieren. Eilat ist der israelische Ballermann: Restaurants, Bars, Diskotheken, Stände mit Ramsch, Edelboutiquen, Liegestühle, Sonnenschirme und dazwischen wenig Strand. Doch wir können hier noch einige Erledigungen machen.

Nördlich von Eilat besteht die Wüste Negev aus Gebirgszügen verschiedenster Erdtönungen, engen Schluchten und Tälern. Hierhin ziehen wir uns für die Nacht zurück und stellen unseren Sprinter neben einem knorrigen, abgestorbenen Baum.

Wüste Negev bei Eilat

Wüste Negev bei Eilat

Wüste Negev bei Eilat

Wüste Negev bei Eilat

Später bei Dämmerung treffen unerwartet auf die beiden Berliner Ari und Uta. Sie sind in die Wüste gekommen, um den aufgehenden Vollmond zu genießen. Wir kommen ins Gespräch und verbringen so bei Vollmond und einigen Gläsern Wein ganz unverhofft einen wunderbaren, geselligen Abend. Der Himmel ist glasklar, und das Mondlicht wird vom hellen Boden so stark reflektiert, das die gesamte Umgebung hell erleuchtet ist. Noch nie haben wir eine solche Helligkeit bei Nacht erlebt. So verzichten wir auf jede künstliche Lichtquelle und genießen das Naturschauspiel. Zu meiner größten Freude rauchen Ari und Uta auch noch denselben Tabak wie ich, und ich drehe mir voller Genuss eine nach der anderen. Nur leider vergesse ich dabei das Fotografieren…

Small Makhtesh in der Wüste Negev

Vom Toten Meer machen wir einen Abstecher in die Wüste Negev im Landesinneren Israels. Mit einem Gebiet von etwa 12.000 Quadratkilometern nimmt die Wüste Negev rund 60 Prozent von Israel ein. Ähnlich der Einsturztrichter in den Uferzonen des Toten Meers sind in der Wüste Negev durch Erosion in Jahrmillionen drei riesige Krater entstanden. Der kleinste und schönste der drei großen Krater in der Wüste Negev ist Small Makhtesh. Small Makhtesh ist nahezu kreisrund und hat einen Durchmesser von mehreren Kilometern. Der Ausblick vom Kraterrand ist schlichtweg gigantisch. Dazu herrscht absolute Stille, die nur gelegentlich von einzelnen Vögeln durchbrochen wird. Was für ein erhabenes Gefühl!

Small Makhtesh in der Wüste Negev

Small Makhtesh in der Wüste Negev

Totes Meer in Israel

Nachdem die jordanische Seite des Toten Meers eher ernüchternd war, sind wir sehr gespannt, welchen Unterschied einige Kilometer Luftlinie machen können. Und der Unterschied ist tatsächlich groß. Landschaftlich viel schöner und abwechslungsreicher gestaltet sich die israelische Seite des Toten Meers.

Die meisten Uferzonen können aus Sicherheitsgründen jedoch nicht betreten werden. Überall stehen große Warntafeln und Absperrzäune aus Maschendraht. Da der Jordan heute nur noch ein Rinnsal ist, fließt weniger Wasser ins Tote Meer als verdunstet. In der Konsequenz sinkt der Wasserspiegel des Toten Meers mit atemberaubender Geschwindigkeit um etwa einen Meter pro Jahr. Die zurückbleibenden Uferzonen erodieren und bilden lebensgefährliche Einsturztrichter: Der feinsandige und von grobem Kies durchsetzte Boden sackt urplötzlich in sich zusammen und reist alles in die Tiefe, was darauf steht.

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Totes Meer in Israel

Nur eine Reihe von Badeanstalten bietet einen einigermaßen sicheren Zugang zum Toten Meer. Alle paar Jahre müssen sie jedoch aufgegeben werden, da das Tote Meer sich so rasend schnell zurückzieht. Überall sieht man Ruinen, die davon zeugen.

Wir besuchen eine der noch intakten Badeanstalten und gönnen uns ein ausgedehntes Bad im Toten Meer. Das Schwimmen im Toten Meer ist wirklich ein Erlebnis. Der hohe Salzgehalt macht das Wasser schwer und uns im Verhältnis dazu leichter. Wie ein Korken treibt man auf dem Toten Meer – ein wirklich einzigartiges Gefühl und ein großartiger Spaß!

Baden im Toten Meer

Baden im Toten Meer

Baden im Toten Meer

Als wir schließlich weiterfahren, müssen wir feststellen, dass das Tote Meer heute gar kein zusammenhängender See mehr ist. Das Tote Meer ist geteilt in einen nördlichen und einen südlichen Teil, die durch einen Kanal miteinander verbunden sind. Der Nördliche Teil macht etwa zwei Drittel, der südliche Teil etwa ein Drittel des Toten Meers aus. Während der nördliche Teil mehr oder weniger natürlich geblieben ist, wurde der südliche Teil des Toten Meers komplett von Menschenhand umgestaltet. In riesigen, flachen Becken wird dort das Wasser des Toten Meers künstlich verdunstet, so dass noch das Salz und die Mineralien aus dem Toten Meer zurückbleiben. Das Tote Meer hat nicht nur einen der weltweit höchsten Salzgehalte, sondern es hat auch den höchsten Gehalt an Mineralien wie Brom, Kalium, Magnesium und Jod. Diese Mineralien werden sowohl auf israelischer als auch auf jordanischer Seite ohne Rücksicht auf das Tote Meer ausgebeutet.

Jerusalem

Was haben wir als Atheisten von einem Besuch in der heiligen Stadt Jerusalem zu erwarten? Diese Frage stellten wir, die wir nur einen geringen bis gar keinen Bezug zu Religion haben, uns natürlich.
Man kennt Jerusalem von Bildern aus den Nachrichten. Wenn in Israel politische Entscheidungen getroffen werden, dann geschieht das in der Hauptstadt – Jerusalem. Den Tempelberg mit der gold-glänzenden Kuppel des Felsendoms und dem schlichten Antlitz der El-Aksa-Moschee sowie die Grabeskirche hat man schon hunderte Male gesehen, doch scheint alles unendlich weit entfernt und unwirklich.

Auf dem Weg zur Altstadt kommen wir durch einen kleinen, gepflegten Park und finden ein Restaurant mit idyllischem Lustgärtchen davor. In der Mitte steht ein alter Olivenbaum, um den herum vier Tische mit ein paar Stühlen aufgestellt sind. Singvögel zwitschern, sonst ist es ganz still. Ein Kellner kommt zu uns an den Tisch. Er ist die Gelassenheit in Person. Wir erklären ihm, dass wir gerne einen Kaffee mit viel Milch hätten.
„Den machen wir Ihnen sehr gerne. Wünschen Sie ihn mit aufgeschäumter Milch?“
„Ja, wunderbar!“, und fünf Minuten später steht ein perfekter Latte Macchiato vor uns auf dem Tisch.
Wir kommen mit dem Kellner ins Gespräch und erzählen ihm, dass wir auf dem Landweg nach Israel gekommen sind und eine Weltreise machen. Er ist ganz begeistert und verschwindet nach kurzer Unterhaltung in der Küche. Zurück kommt er mit zwei Tellern Brot und Butter als Geschenk des Hauses für die Reisenden. Sind wir hier schon im Paradies angelangt?

Jerusalem

Bestens eingestimmt und gesättigt verlassen wir das kleine Paradies und begeben uns in die Altstadt.

Jerusalem

Jerusalem

Kein übertriebenes Sicherheitsaufgebot, keine Leibesvisitationen oder Ähnliches. Wir sind angenehm überrascht und gehen hinüber zum Davidturm. Von oben hat man einen der besten Ausblicke auf die Altstadt und den Ölberg. Und was soll man sagen, wir sind von dem Anblick der Altstadt und all den uns vertrauten Gebäuden ergriffen. Da liegt sie nun vor uns, die Stadt, die wir schon so oft gesehen haben und die doch immer so unerreichbar fern schien. Da ist er, der Tempelberg mit dem Felsendom und der El-Aksa-Moschee, zwei der wichtigsten Heiligtümer des Islam, da ist sie, die Grabeskirche, gebaut um die Stätte, an der Jesus nach seiner Kreuzigung begraben worden sein soll. Die Gebeine hat man natürlich weder dort noch sonst irgendwo gefunden, schließlich ist Jesus dem Glauben nach auferstanden.

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Doch die Stadt offenbart auch sichtbar ihre Schattenseiten. In der Ferne deutlich zu sehen ist die hohe Mauer, die Israelis gebaut haben, um die dortigen Wohngebiete vor Beschuss aus den palästinensischen Gebieten hinter der Mauer zu schützen. Aber nicht überall gibt es solche Übergriffe, nicht überall sind solche drastischen Maßnahmen erforderlich. In weiten Teilen des Landes leben Israelis und Palästinenser trotz des Konflikts friedlich miteinander.

Jerusalem

Anblicke erfreulicherer Natur finden wir im Hof des Davidturms vor, in dem die Kunstwerke eines Glasbläsers ausgestellt sind. Neue Kunst geht hier eine harmonische Symbiose mit alten Steinen ein. Ein Zeichen für die Toleranz und Aufgeschlossenheit der Stadt, nicht nur gegenüber der Tradition, sondern auch der Moderne.

Jerusalem

Jerusalem

Die Grabeskirche, deren zwei anthrazitfarbenen Kuppeln kaum weniger an, wenngleich unterschiedlich große, weibliche Brüste erinnern, als die Frauenkirche in München, ist unser nächstes Ziel. Es ist noch früh, und der Andrang der Gläubigen hält sich erstaunlich in Grenzen. In der Mitte der kleinen Eingangshalle ist die vermeintliche Grabplatte von Jesus ausgestellt. Dort liegt sie einfach so, kein Panzerglas, keine Alarmanlagen. Allerdings wäre sie wohl auch nur schwer zu tragen, denn sie sieht ziemlich massiv aus. Sie ist aus einem beige-rötlich marmorierten Stein, die Oberfläche grob bearbeitet und rau. Die Gläubigen knien vor ihr nieder, berühren und küssen sie. Und auch wir lassen es uns nicht nehmen, wenigstens einmal unsere Hand auf die Platte gelegt zu haben.

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Ansonsten passiert allerdings nichts, keine Erleuchtung, keine Erscheinung, kein Wunder. Oder vielleicht doch? Als wir später am Abend die Fotos des Tages sichten, fällt uns auf einem der Fotos ein dunkelhäutiger Mann mit weißem Gewand im Hintergrund auf, der im Sonnenlicht erstrahlt und erhaben den Arm ausstreckt.

Jerusalem

Von dieser Erscheinung jedoch noch nichts ahnend schreiten wir beinahe enttäuscht weiter in die große und verwinkelte, ansonsten aber eher schlichte Kirche hinein. Den Besucher erwarten keine architektonischen, keine pompösen Übertreibungen, keine unermesslichen Kunstschätze. Aber gerade ihre Schlichtheit verleiht der Kirche ihre Ehrwürdigkeit. Sehr sympathisch.
Und dann stehen wir plötzlich vor einem großen Schrein, unter einer gelblich schimmernden Kuppel, die den hohen Raum in ein erhabenes Licht taucht. Eine Schlange Gläubiger hat sich neben dem Schrein versammelt und windet sich hin zu einem kleinen Durchgang, der in den Schrein hineinführt. Hier soll es also gewesen sein, hier soll der Ort sein, an dem Jesus nach seiner Kreuzigung und bis zu seiner Auferstehung seine nur kurz währende Ruhe gefunden haben soll. Nur jeweils fünf Personen werden in die kleine Kammer eingelassen, und obwohl die Besichtigenden eine halbe Stunde warten müssen, drängelt niemand. Alle warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Auch wir reihen auch wir uns in die Schlange der Wartenden ein und besichtigen den heiligen Ort. Gebückt zwängen wir uns durch den niedrigen Durchgang in die winzige Kammer, in der ein kleiner Altar aufgebaut ist. Neben dem Altar hängt ein Marienbild, und von der Decke baumeln lauter kleine Öllämpchen. Christiane zündet für ihren frühzeitig verstorbenen und in manchem Augenblick schmerzlich vermissten Vater eine Kerze an.

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Dann verlassen wir die Grabeskirche wieder, und gehen ein Stück auf dem Kreuzweg, die Via Dolorosa entlang, die quer durch die Altstadt in Richtung des Ölbergs führt.

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem

Der halbe Ölberg ist übersät mit jüdischen Gräbern. Es sind schlichte, quaderförmige Sarkophage mit Inschriften auf den Grabplatten, teils von der Verwitterung gezeichnet, teils nur geringen Alters, und aus allen Blickwinkeln bietet das Meer der Sarkophage immer wieder beeindruckende Bilder. Von der Spitze des Ölbergs genießen wir den, in den Nachrichten meist gesehenen, Ausblick auf die Altstadt, mit dem Tempelberg und darauf dem Felsendom und der El-Aksa-Moschee im Vordergrund.

Vom Ölberg gehen wir wieder zurück zur Altstadt, ein Stück der Stadtmauer entlang und um den Tempelberg herum. Der Weg führt uns am Fuße der El-Aksa-Moschee vorbei. Sie wurde in die Stadtmauer hineingebaut und ist im Vergleich zu anderen Moscheen schmucklos und unscheinbar, ähnlich der Grabeskirche. Wie es in ihrem Inneren aussieht, das erfahren wir leider nicht, denn seit einigen Jahren sind Moschee und Felsendom für Nichtmuslime nicht mehr zugänglich.

Am Rande des Tempelbergs, unmittelbar unterhalb der El-Aksa-Moschee, befindet sich auch die Klagemauer, an die Juden ihr Leid gen Himmel wenden und kleine Zettelchen mit ihren Wünschen in die Ritzen stecken. Hier treffen wir zum ersten Mal auf eine nennenswerte Anzahl orthodoxer Juden, dieser doch etwas weltfremd erscheinenden Menschen mit ihrer schwarzen Kleidung, den großen Hüten und Pelzmützen und den vor den Ohren herabhängenden Locken, die das Bild der Juden in unseren Köpfen so sehr prägen.

Inzwischen ist es dämmrig geworden, und wir machen uns langsam auf den Weg zurück zum Sprinter. An die Klagemauer grenzt unmittelbar das muslimische Viertel. Lediglich ein Tunnel trennt beides voneinander, und an seinem Ende angelangt könnte man meinen, man befinde sich plötzlich in einer anderen Stadt. Während die jüdischen und christlichen Viertel sehr gepflegt und ruhig sind, bewegt man sich hier schlagartig auf klebrigem, verdrecktem Boden, überall liegt Müll herum, Menschenmassen schieben sich durch die engen Gassen, und kreischende Kinder spielen aggressive Spiele, schlagen mit Holzstöcken aufeinander ein. Hier vollzieht sich für den Besucher ein wahrer Kulturschock von Stadtviertel zu Stadtviertel, hier koexistieren auf engstem Raum vier Kulturen, die jüdische, die christliche, die islamische und die armenische. Vier Stadtviertel und viele Religionen beziehungsweise religiöse Richtungen.

Uns ist der Trubel ein wenig zuviel, und da wir zu dieser Zeit nach Einbruch der Dämmerung beinahe die einzigen Touristen im muslimischen Viertel sind, sehen wir zu, dass wir schleunigst wieder herauskommen. Wir verlassen Jerusalem und ziehen uns in ein kleines Wäldchen etwa zwanzig Kilometer vor der Stadt zurück. Den Wald verwenden wir am nächsten Tag als Ausgangspunkt zu einem weiteren Streifzug durch Jerusalem, und danach werden wir hier einfach ein paar Tage abspannen und unser Leben mit Füchsen und Iltissen teilen.

Tel Aviv

Tel Aviv ist eine Stadt im Aufbruch. Die unruhige Vergangenheit mit den allgegenwärtigen Bombenattentaten durch palästinensische Selbstmordattentäter auf öffentliche Plätze, öffentliche Verkehrsmittel, Restaurants, Bars und Diskotheken vor allem in den Neunzigerjahren merkt man Tel Aviv heute kaum noch an. Lediglich die allgegenwärtigen Sicherheitsdienste erinnern daran, dass die Probleme zwischen Israelis und Palästinensern noch nicht gelöst sind. Noch wurde keine Einigung erzielt, noch schwebt das Damoklesschwert von Krieg und Terror über dem Land, noch immer zucken die Menschen zutiefst erschrocken zusammen, wenn irgendwo der Luftballon eines Kindes zerplatzt. Zu viele Israelis haben durch Attentate Freunde und Familie verloren. Auch Oded verlor durch einen Bombenanschlag einen Freund, und er selbst erlebte, wie sich ein flüchtender Selbstmordattentäter in seiner Nähe in die Luft sprengte, nachdem man ihn zuvor vom Versuch abgehalten hatte, mit anliegendem Bombengürtel in ein ein Kaufhaus einzudringen.

Doch das Volk der Israelis ist leidgeprüft. Das Leben geht für sie weiter, und sie versuchen, das Beste daraus zu machen. Sie leben ihr Leben weit intensiver, als viele andere Völker. Sie gehen gerne an den Strand, genießen Kaffee, Wein und gutes Essen, treiben Sport mit Freunden, picknicken mit der Familie und machen ausgedehnte Wanderungen, oft in großen Gruppen.

Tel Aviv kommt diesem Drang nach intensivem Leben entgegen wie keine zweite Stadt in Israel. Deshalb zieht Tel Aviv viele junge Menschen an, die in die Stadt strömen, um hier zu studieren, zu arbeiten und einfach eine gute Zeit zu haben. Am großen, hotelgesäumten Strand, der ein wenig an Miami erinnert, verbringen sie jede freie Minute.

Tel Aviv

Tel Aviv

Tel Aviv

Tel Aviv

Tel Aviv

In der Stadt drängt sich Café an Café, Restaurant an Restaurant und Bar an Bar. Uns gefallen am besten ein Pizza- und ein Sushi-Imbiss, und außerdem eine Burger-Bar, in der wir die besten Burger unseres Lebens. Dazu bekommen wir noch einen gehaltvollen Schokokuchen auf Kosten des Hauses serviert, nur weil wir unseren Vierertisch zum Tausch gegen einen Zweier angeboten hatten, als alle anderen Tische voll waren und eine Vierergruppe keinen Platz mehr fand.

Tel Aviv

Tel Aviv

Außerdem hat Tamari für uns organisiert, dass wir bei ihrer älteren Schwester in Tel Aviv übernachten können. Das macht einen Stadtbesuch ziemlich entspannt, und so haben auch wir hier zwei Tage lang eine ziemlich gute Zeit!

Zu Gast in Bet Yannay

Nach dem Stress der letzten Tage und einiger Zeit ohne die Möglichkeit, auch einmal nur für sich zu sein, sind wir reif für einen Urlaub vom Reisen. Unser Ziel ist das Meer. Dort möchten wir ein paar Tage entspannen und uns ausschließlich dem Nichtstun widmen.

Den See Genezareth haben wir rechts und Nazareth links liegen gelassen. Der See Genezareth ist wie das Tote Meer Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs. Mit über 200 Metern unter dem Meeresspiegel ist der See Genezareth der tiefstgelegene Süßwassersee der Erde. Der See Genezareth hat nicht nur eine historische Bedeutung für die Christen wegen vieler Wirkungsstätten von Jesus von Nazareth an seinen Ufern, sondern er ist auch Israels Wasserreservoir. Gespeist wird der See Genezareth durch den Jordan. Der Jordan fließt dann weiter entlang der israelisch-jordanischen Grenze und mündet schließlich im Toten Meer. Nach dem See Genezareth fließt der Jordan heute jedoch nur noch als Rinnsal weiter. Darin besteht ein großes Konfliktpotenzial zwischen den beiden Ländern. Wasser ist in Wüstenstaaten die wichtigste Ressource, denn ohne Wasser gibt es kein Leben.

See Genezareth

Nazareth

Durch Haifa sind wir durchgefahren und haben einen kurzen Abstecher an das bisschen Strand gemacht, das die Stadt übrig gelassen hat.

Strand in Haifa

Immerhin sahen wir seit der Türkei zum ersten Mal wieder ein Wohnmobil, wenngleich es nach einem fest eingerichteten Domizil aussah. Da fühlten wir uns doch gleich nicht mehr ganz so als einsame Streiter. Aber es schien leider niemand zu Hause zu sein.

Strand in Haifa

Da wir der Haifa sonst auf den ersten Blick nicht viel abgewinnen konnten, fuhren wir weiter nach Süden mit Kurs auf Tel Aviv. Und kaum waren wir aus Haifa heraus, kamen wir auch schon an wunderschönen Stränden vorbei, die teils spärlich frequentiert, teils menschenleer waren.

Strand bei Haifa

Nur hin und wieder stießen wir auf einen kleinen Küstenort. Erstaunlich, dass es bei der geringen Ausdehnung und dichten Besiedlung des Landes gelungen ist, kilometerlange Küstenabschnitte vor der Zersiedlung zu bewahren und die Natur zu schützen. Doch so schön die unberührte Natur anzusehen war, uns war es nach einem netten Café und einer Dusche am Strand. Irgendwo musste hier so etwas doch zu finden sein. Also fuhren wir weiter und bewiesen wieder einmal den richtigen Riecher.

Auf etwa halber Strecke zwischen Haifa und Tel Aviv stoßen wir in Bet Yannay schließlich auf genau das, was wir gesucht haben: einen wunderschönen Strandabschnitt mit Dünen, feinem hellem Sand, einer kräftigen Brandung, einem Café, Duschen, Toiletten und einem Parkplatz davor, den wir für die nächsten Tage zu unserem Stellplatz machen werden. Außerdem liegen am Strand einige Gleichgesinnte, und ein paar Kitesurfer sind auch da.

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

An einem der nächsten Morgen sitzen wir im Strandcafé von Bet Yannay und gönnen uns ein opulentes Frühstück, für das wir halb soviel zahlen, als es in Deutschland kosten würde. Da kommt eine junge Israelin, so Mitte, Ende zwanzig, vorbei und spricht uns an, ob der große Wagen auf dem Parkplatz uns gehöre. Wir bejahen und sehen uns umgehend in ein Gespräch verwickelt. Ihr Name ist Michal, und sie ist von unserer Unternehmung, die Welt zu umrunden, ganz begeistert. Um genau zu sein, ist sie ganz schön überdreht und redselig. Vermutlich liegt das auch daran, dass sie in den letzten acht Jahren in Frankreich gelebt hat und gerade erst zurückgekehrt ist. Sie hat diese typische, übertriebene französische Art an sich. Aber sie ist uns sympathisch und lädt uns für den Abend zu sich nach Hause zum Essen ein.

Am Abend holt sie uns dann auch wie verabredet am Strand ab und fährt mit uns zu sich nach Hause. Wir parken den Sprinter in dem kleinen Wohngebiet am Straßenrand und folgen ihr vorbei an einem luxuriösen Haus über einen Hinterhof zu einem Holzhäuschen mit kleiner Veranda, das etwa so groß ist wie eine bessere Einzimmerwohnung. Aber es ist alles da, was man braucht, ein mittelgroßer Raum mit Kochzeile, ein kleines Bad und ein kleines Schlafzimmer. Außerdem gibt es ja noch die Veranda, auf der wir es uns gemütlich machen. In Israel ist es selbst um diese Jahreszeit noch warm genug, um den Abend draußen zu verbringen.
Michal hat noch einen Freund eingeladen. Er heißt Oded, ist in unserem Alter, und nicht minder gesprächig als Michal, zumindest nach den ersten ein, zwei Gläsern vom Rotwein, den wir mitgebracht haben. Das Essen hat er gekocht und mitgebracht: für jeden ein butterzartes Steak mit einer Art Couscous und dazu Weißkohlsalat. Tahina ist etwas Ähnliches wie Bulgur und wird wie Reis gegessen. Es schmeckt vorzüglich, und wir verbringen einen unterhaltsamen Abend. Im Gegensatz zu Oded ist Michal allerdings nicht mehr so gesprächig. Sie verträgt den Wein nicht so gut und muss am nächsten Tag früh arbeiten. So verabschiedet sie sich dann auch vorzeitig ins Bett, während Oded nun, nach den nächsten Weingläsern, erst so richtig zur Höchstform aufgelaufen ist. Er bietet uns an, mit zu sich nach Hause zu kommen, um den Abend dort gebührend ausklingen zu lassen. Außerdem könnten wir seine Dusche benutzen, und ein Bett habe er auch für uns. Diese Offenheit gegenüber quasi Fremden ist uns fast peinlich, aber auch wir möchten den Abend nicht so abrupt beenden und genüsslich ausklingen lassen. Wir verabschieden uns von Michal und folgen Oded zu seinem Heim, das im Nachbarort liegt.

So setzen wir den feuchtfröhlichen Abend bei Oded fort. Wir schleppen alles an Weinreserven herbei, was wir noch auftreiben können, trinken und rauchen gemeinsam, und werden das am nächsten Tag dank gehöriger Kopfschmerzen und einer kräftigen Erkältung bei Christiane auch nicht so schnell vergessen. Aber es ist ein richtig schöner, langer Abend, für den man den nächsten, verkaterten Tag gerne in Kauf nimmt.
Außerdem erfahren wir sehr viel über Oded. Er ist in einem Kibbuz aufgewachsen, hat zehn Jahre lang bei seinem Vater in London gelebt, dann zwei Jahre in Amsterdam und ist schließlich nach Israel zurückgekehrt. Kibbuze sind ein in Israel populäres, gesellschaftliches Gegenmodell zum westlichen Modell von Familie und Arbeit. Im Grunde genommen handelt es sich um Kommunen mit kommunistischem Wirtschaften. Alles in der Kommune ist Gemeinschaftsbesitz und wird geteilt. Die Kinder werden nicht bei ihren Eltern groß, denn die Familie ist der Kibbuz. Sie leben die meiste Zeit von ihren Eltern getrennt und sehen sie für nur etwa zwei Stunden am Tag. Die Erwachsenen kümmern sich unterdessen um die Verrichtungen des täglichen Bedarfs. Wirtschaftlich beschränkten sich die Kibbuze in früheren Zeiten weitgehend auf die Agrar- und Subsistenzwirtschaft. Heute verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend hin zum industriellen Wirtschaften. Kibbuze sind der lebende Beweis dafür, dass Kommunismus doch funktionieren kann, allerdings nur innerhalb überschaubarer Gruppen.
Oded allerdings bevorzugt die Freiheiten des Einzelnen und würde nie in einen Kibbuz zurückkehren. Zu sehr hat er seine Privatsphäre in den Jahren nach dem Auszug schätzen gelernt. Doch etwas vom Kibbuzgedanken lebt in ihm weiter, denn er wird seine Wohnung und sein Leben für die nächsten zwei Wochen mit uns teilen, als wären wir alte Freunde. Wir dürfen uns bei ihm wie zu Hause fühlen.

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

Bet Yannay

In seinem bisherigen Leben hat Oded schon alles Erdenkliche gemacht. Er war wie alle Israelis – Männer und Frauen – in der Armee, gehörte einer Spezialeinheit an und hatte unter anderem Kampfeinsätze hinter den feindlichen Linien im Libanon. Mit nur achtzehn Jahren hatte er schon im Helikopter auf dem Weg in den ersten Golfkrieg gesessen, als Israel inoffiziell dabei war, an der Seite der US-Amerikaner in das Kampfgeschehen einzugreifen. Zu seinem Glück wurde das gesamte Vorhaben abgebrochen, und die Helikopter kehrten unverrichteter Dinge an ihren Stützpunkt zurück.
Unglaubliche 80 Prozent des israelischen Etats fließen in die Verteidigung. Israels Grenzen sind so hermetisch abgeriegelt, wie es ansonsten nur die US-Amerikaner seit den terroristischen Anschlägen im eigenen Lande vom 11. September tun. An vielen Tagen patrouillieren modernste Apache- und Commanche-Kampfhubschrauber im Halbstundentakt entlang der Küste. Vor allen öffentlichen Einrichtungen wie Bahnhöfen, Geschäften, Hotels, Parkplätzen und Synagogen gibt es Sicherheitskontrollen. Israels Geheimdienst Mossad gilt als der beste der Welt. Bei der Sicherheitslage des Landes ist dies nur allzu nachvollziehbar. Die Drohung der iranischen Regierung, die Atombombe entwickeln und Israel von der Landkarte tilgen zu wollen, macht dies überdeutlich.
Israelis und Palästinenser haben aus unterschiedlichen geschichtlichen Epochen gleichermaßen ihre Wurzeln in dem Land, auf dem der Staat Israel gegründet wurde. Alle Länder der Erde sind aus Verteilungskämpfen und kriegerischen Auseinandersetzungen hervorgegangen. Die heutige Weltkarte, einschließlich des Staates Israel, ist ein Ergebnis davon. Das Existenzrecht Israels steht insofern nicht in Frage, aber es ist eine Form der Einigung mit der palästinensischen Bevölkerung erforderlich, die langfristigen Frieden gewährt.
Der derzeitige Status in Israel stellt sich so dar, dass es neben dem palästinensisch verwalteten und gesicherten Gazastreifen an der Mittelmeerküste im äußersten Südwesten Israels über das ganze Land verteilt kleinere und mittlere Gebiete unter palästinensischer Führung gibt, teils mit eigenen und teils mit israelischen Sicherheitskräften. Dazu gehören beispielsweise auch die biblischen Orte Bethlehem und Jericho. Vor einer wirklichen Gleichbehandlung der Palästinenser schrecken die Israelis zurück. Abgesehen von den großen kulturellen Unterschieden zwischen der abendländischen Kultur der Israelis und der morgenländischen Kultur der Palästinenser gibt es dafür einen sehr konkreten Grund: die unterschiedlichen Geburtenraten. Die Geburtenrate der Israelis ist vergleichbar mit den niedrigen europäischen Raten, die der Palästinenser ist typisch nahöstlich hoch. Die Israelis fürchten, dass sie binnen weniger Generationen zu einer kulturellen Randgruppe im eigenen Lande werden, ihre Rechte verlieren und im Extremfall erneut vertrieben werden könnten. Das macht eine Einigung so schwierig.
Die überaus liberale Einwanderungspolitik ohne Integrationskonzept, das den Namen auch verdient hätte, die jahrzehntelang in Deutschland und Europa, betrieben wurde, halten die Israelis übrigens für naiv. Interessant, so etwas aus dem Munde eines Volkes zu hören, das vor dem Hintergrund der uns verbindenden, tragischen Historie, allen Grund dazu hat, bei einer solchen Einschätzung größtmögliche Vorsicht walten zu lassen.
Nach seiner Zeit bei der Armee hat Oded Sozialpädagogik studiert und betreut heute Kinder und Jungendliche mit Entwicklungsdefiziten. In Amsterdam war er der Geschäftsführer eines italienischen Restaurants, und er hat eine zeitlang einen Farmbetrieb mit Spezialisierung auf den Kartoffelanbau geleitet. Vor bald fünf Jahren war Oded einer derjenigen, die das Kitesurfen nach Israel gebracht haben. Er war kurz davor, sein Hobby zum Beruf zu machen und am Strand eine Surfschule zu gründen. Jedoch gab es aus seinem Freundeskreis einen zweiten Bewerber um die Exklusivlizenz, einen ehemaligen Windsurfweltmeister, der letztendlich auch den Vorzug erhielt. Als der Sport schließlich immer weiter kommerzialisiert wurde und irgendwann zuviel Geld im Spiel den Geist des Sports veränderte, verlor Oded das Interesse und beschränkte sich auf das Kitesurfen als Hobby. Jedoch mit einer Ausnahme: Er nutzt das Kitesurfen mit großem Erfolg als therapeutisches Mittel, um den von ihm betreuten Kindern und Jugendlichen Selbstvertrauen zu geben und wieder auf die Beine zu helfen.

Durch Oded lernen wir in den nächsten zwei Wochen die hiesige Kitesurferszene kennen. Es ist ein bunter Haufen, der unterschiedlicher kaum sein könnte. Lediglich das Kitesurfen und ihre Freundschaft scheint sie zu verbinden.
Einer von ihnen ist der aus den USA stammende Anon. Er ist Mitte vierzig, Berufspilot und fliegt fast alles bis hin zu den größten Maschinen, die Airbus und Boeing bisher gebaut haben. Nur den Airbus A380 hat er noch nicht geflogen. Zuletzt flog er für Cathey Pacific. Doch sein Leben hat er dem Kitesurfen verschrieben. Seit einiger Zeit hat er vom Surfen einen angebrochenen Rückenwirbel, und neuerdings kommen auch noch starke Nackenschmerzen dazu. Aber beim Surfen merkt er nichts davon, und aufhören kann er sowieso nicht mehr: Er ist süchtig danach; das Kitesurfen ist seine Droge. Lieber würde er sterben, als mit dem Kitesurfen aufzuhören. Jedenfalls würde er selbst im Rollstuhl noch weitersurfen. Wenn er so weiter macht, dann ist es auch bald soweit, denn es stellt sich bald heraus, dass er seine Nackenschmerzen einem zweiten angebrochenen Wirbel verdankt.

Bet Yannay

Bet Yannay

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Seine ständige Begleiterin ist übrigens die exzentrische Papageiendame China, die selbst beim Kitesurfen oft auf seiner Schulter sitzt. Und wehe demjenigen, dem sie nicht wohl gesonnen ist: der sollte sich vor ihrem kräftigen Schnabel in Acht nehmen!

Bet Yannay

Die durchtrainierte und quirlige Tamari ist mit ihren gut Mitte zwanzig Jahren schon viel gereist, war unter anderem lange in Neuseeland, wo sie Verwandte hat, und in Brasilien. Aus Brasilien hat sie den Capueira mit nach Israel gebracht. Capueira ist eine Mischung aus Tanz und Kampfsport. Für die Jugendlichen aus den brasilianischen Armenvierteln ist Capueira eine spielerische Möglichkeit, ihre Konflikte auszutragen und Aggressionen abzubauen. Vor allen Dingen hält Capueira aber auch enorm fit und trainiert die Koordination. Tamari unterrichtet Capueira seit mehreren Jahren für Interessenten aller Altersgruppen. Dementsprechend durchtrainiert ist sie. Überhaupt ist sie ein wahres Energiebündel. Sie spricht so schnell, dass sie uns ein ums andere Mal abhängt und wir des Öfteren nachfragen müssen. Und sie verbringt jede freie Minute beim Kitesurfen, vorausgesetzt es gibt genügend Wind.

Bet Yannay

Tamaris Großeltern stammen ursprünglich aus Deutschland. Was sie nach Israel getrieben hat, wissen wir Deutschen natürlich allzu gut. Grundsätzlich ist der Holocaust natürlich auch in Israel nach wie vor ein großes Thema, aber nicht mehr und nicht weniger als bei uns. Es gibt zahlreiche Gedenkstätten, die häufige Ausflugsziele von Schulklassen sind. Uns begegnet man offen und herzlich und nicht mit Zurückhaltung oder gar Feindseligkeit.
Die beiden Frischvermählten Mahon und Yaron geben auf den ersten Blick ein ungleiches Paar ab. Sie, Mahon, ist eher kräftig gebaut und vertritt mit Leib und Seele ihre Standpunkte, mit denen sie der saloppen Art ihrer surfenden Freunde von Zeit zu Zeit kontra gibt. Er, Yaron ist ein schmaler Typ mit blonder Rastamähne. Er ist der Gründer, Besitzer und Geschäftsführer des Kiteherstellers Blade, der seine Kites außerhalb Israels sehr stark auch nach Deutschland und Österreich verkauft.

Bet Yannay

Und dann ist da noch der große Oded, der ebenfalls surft und deutsche Vorfahren hat. Er fährt ein liebevoll gepflegtes, wenn auch teilweise etwas rustikal restauriertes Motorrad: eine wunderschöne alte Enfield, die er so stark frisiert hat, dass sie Krach macht wie eine Harley Davidson. Die ständigen Fehlzündungen tun ihr Übriges dazu.

Bet Yannay

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Außerdem hat Oded natürlich auch noch nicht surfende Freunde, namentlich Odeds neue Freundin Dana,

Bet Yannay

sein liebenswerter Nachbar Aviv,

Bet Yannay

und last but not least Aric, der Spaßvogel, mit dem Oded gemeinsam im Kibbuz aufgewachsen ist, und der immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hat. Zu unserer Schande haben wir es verpennt, ein Bild von ihm zu machen…

Mit ihnen allen zusammen, in wechselnden Besetzungen, machen wir jeden Tag zum Festival Day: das Buba-Festival – Buba ist Odeds Schäferhündin, die seit einem Autounfall nur noch ein Auge hat und die meiste Zeit des Tages verschläft –, dann das German Festival, das Festival Festival und so weiter und so weiter. Mit anderen Worten: Wir haben aus jedem Tag einen Festtag gemacht und es uns zwei Wochen lang so richtig gut gehen lassen!

Bet Yannay

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Ausreise Jordanien und Einreise Israel

Die Eindrücke von Petra wirken noch nach und lassen uns unbeschwert in den neuen Tag starten. Heute soll es im wahrsten Sinne über den Jordan gehen, von Jordanien nach Israel.

Unsere Unbeschwertheit allerdings geht bald in höchste Anspannung über. Zwischen den Jordanien und Israel gibt es drei Grenzübergänge, einen im Norden, einen im Süden und einen irgendwo dazwischen am nördlichen Rand des Toten Meers. Da den Informationen des Auswärtigen Amts zu Jordanien und Israel keine Beschränkungen in der Wahl des Grenzübergangs zu entnehmen sind, entscheiden wir uns für den mittleren: die King Hussein Bridge.
Zunächst haben wir größte Schwierigkeiten, den Grenzübergang überhaupt zu finden. Die wenigen Wegweiser, die es gibt, sind ausnahmslos mit Wahlplakaten überklebt, so dass wir uns mühselig durchfragen müssen. Schließlich finden wir den Grenzübergang dann auch, aber dort teilt man uns mit, dass dieser Grenzübergang nur für Diplomaten und Palästinenser geöffnet sei. Der Grenzübergang führt direkt in die palästinensischen Gebiete der Westbank. Aus unserer Karte geht dies leider nicht klar hervor, und in den Informationen des Auswärtigen Amts findet sich keinerlei Hinweis darauf. Manchmal fragt man sich wirklich, wofür die Kollegen eigentlich bezahlt werden.
Wir machen uns also wieder auf und steuern dieses Mal den nördlichen Grenzübergang, die Sheikh Hussein Bridge an, und werden wieder erst nach langem Suchen fündig. Bei der jordanischen Passvorkontrolle macht man uns darauf aufmerksam, dass wir mit dem syrischen Visum im Pass Schwierigkeiten haben dürften, nach Israel einzureisen. Das ist uns bekannt, aber wir haben keine andere Wahl und hoffen, dass die Israelis ein Einsehen haben und keine arabischen Spione in uns sehen werden. Trotzdem macht sich allmählich Nervosität unter uns breit, denn wir wollen unten keinen Umständen zurück in diese trostlosen arabischen Länder. Nein, wir freuen uns sogar richtig, wieder einmal westlichen Boden unter die Füße zu bekommen. Wir fühlen uns wie Nomaden in der Wüste, wenn am Horizont eine Oase auftaucht, diese aber von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben ist.
Doch erst einmal müssen wir durch die jordanische Grenzkontrolle, und hier geschieht es zu ersten Mal, dass wir komplett auseinander genommen werden. Unser Sprinter wird über eine Stunde lang von zeitweilig bis zu fünf Beamten gleichzeitig durchsucht. In unserem Fall gleicht das einer Hausdurchsuchung. Alles wird durchwühlt, und ständig heißt es „What is this?“ und „Open that!“. Währenddessen versuchen wir, wenigstens halbwegs unter Kontrolle zu halten, was die Kollegen da anstellen. Schließlich können wir uns nicht sicher sein, ob da nicht auch einmal etwas in die Hosentasche eines Beamten, oder schlimmer noch, etwas Illegales aus der Hosentasche eines Beamten ins eigene Fahrzeug wandert, um es uns im nächsten Moment triumphal unter diese Nase zu halten. Bei alledem werden wir nahezu wie Kriminelle behandelt. Man kann sich kaum vorstellen, wie unangenehm das tatsächlich ist. Und so unterschiedlich kann es an verschiedenen Grenzübergängen ein und desselben Landes zugehen.
Als die Beamten unser Hab und Gut mittlerweile schon zwei- und teilweise dreimal durchsucht haben, werden wir langsam weich und fragen einen der Beamten, was wir tun könnten, damit das irgendwann aufhört. Es wird uns versichert, bald sei es vorbei. Als es dann schließlich tatsächlich soweit zu sein scheint und wir an den nächsten Schalter fahren, um das Carnet des Passages abstempeln zu lassen, werden wir jedoch zurückbeordert. Nun wollen sich die Beamten den Sprinter auch noch von unten ansehen. Resigniert setzen wir wieder zurück, aber zu unserem Glück lassen die Beamten unerwartet wieder von ihrem Vorhaben ab. Fluchtartig verlassen wir den Grenzposten und suchen das Weite bevor sie es sich noch einmal anders überlegen!

Palmyra und Petra gehören zu den kulturhistorischen Höhepunkten weltweit und haben uns tief beeindruckt. Doch was gibt es sonst über Syrien und Jordanien zu sagen?
Das Leben in beiden Ländern ist geprägt von den Verrichtungen des täglichen Lebens. Die ausgedörrten Böden werden abgesehen vom gelegentlichen Einsatz von Traktoren überwiegend noch in Handarbeit bearbeitet. Diese Arbeit ist vor allem auch Frauensache, während die Kinder außerhalb des Schulalters Spiel und Arbeit miteinander verbinden müssen. Sie treiben allmorgendlich das Vieh auf die Felder – meist Schafe und Ziegen –, und hüten sie dort bis zur Abenddämmerung. Dann treiben sie die Tiere wieder zurück in den Stall, um den Rest des Abends im Kreis der Familie zu verbringen.
Gerne hätten wir etwas mehr Einblicke in das Leben der Menschen hier gewonnen, doch man trat uns meist zurückhaltend, oft reserviert und gelegentlich auch mit mehr oder minder offener Ablehnung gegenüber. Besonders nach den Erfahrungen in Jordanien – zuletzt gerade am jordanischen Grenzposten auf dem Weg nach Israel –, wird es uns so schnell nicht wieder hierher ziehen.

Aber nun muss uns erst einmal die Einreise nach Israel gelingen. Die israelischen Grenzkontrollen sind wegen den zahlreichen Bedrohungen die schärfsten der Welt. Unsere Anspannung wächst weiter, denn wir wollen das Prozedere auf der jordanischen Seite keinesfalls noch einmal über uns ergehen lassen müssen, falls wir an der israelischen Grenze abgewiesen werden.
Zunächst einmal stehen wir vor einer unbemannten Schranke und warten darauf, dass etwas passiert. Fünfzig Meter vor uns steht ein Bus an der Seite und wird mittels Spiegeln auf Sprengstoff untersucht. Doch die Anlage ist begrünt und wirkt nicht so kalt und abweisend wie die Grenzübergänge, die wir zuletzt gesehen haben. Überhaupt empfinden wir Grün nach der Ausgedörrtheit der letzten beiden Länder und Teilen der Türkei als wahre Wonne. Wie sehr man diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zu schätzen lernt, wenn man sie erst einmal eine zeitlang entbehren musste.
Nach einigen Minuten kommt ein Pickup angefahren und geleitet uns zum Security Check. Junge Männer und Frauen in den Zwanzigern führen die Kontrollen durch. Sie tragen lässige Uniformen, bestehend aus schwarzen Hosen, mit weiten Hosenbeinen und aufgenähten Taschen, und weißen Poloshirts. Ein anderer junger Kerl mit Jeans und hellblauem Poloshirt trägt ein Maschinengewehr im Anschlag. Wir sind beeindruckt, dass man hier nicht auf offen zur Schau getragene, militärische Autorität setzt, wie man es sonst gewöhnt ist.
Auch unserer Sprinter wird auf Sprengstoff untersucht. Währenddessen werden unsere Pässe einer Vorkontrolle unterzogen und wir befragt, woher wir gekommen sind. Der Wahrheit entsprechend geben wir auch Syrien zu Protokoll. Da man uns nicht gleich wieder zurückschickt, können wir ein erstes Mal leicht aufatmen. Wir erhalten einen Zettel mit einer Übersicht der vier Stationen, die wir bei den Grenzkontrollen durchlaufen müssen. Er wird, vollständig abgestempelt, später unser Passierschein sein, der uns die Pforten zu Israel öffnet – oder auch nicht. Die erste Hürde wäre damit schon einmal genommen.
Nun heißt es warten auf die Gepäckkontrolle, etwa eine Stunde lang. Das wiederum läst nichts Gutes ahnen. Anscheinend bereitet man sich da auf Größeres vor. So wäre es normalerweise dann auch gekommen. Die Regularien sehen vor, dass jedes, das heißt wirklich jedes Gepäckstück mit Röntgenstrahlen durchleuchtet und durchsucht werden muss – in unserem Fall eine abendfüllende Aufgabe. Doch angesichts der Mengen von Sachen, die wir mit uns herumkarren, haben die Israelis tatsächlich ein Einsehen und beschränken sich nach langer interner Diskussion auf die Durchsuchung unserer Taschen. Sie nehmen sogar Abstriche von der Kameraausrüstung, um sie chemisch, wahrscheinlich auf Sprengstoff und eventuell auch auf Drogen, zu untersuchen.
Wir haben nichts zu verbergen, und so werden wir schließlich zur Passkontrolle gebeten. Den zweiten Stempel auf dem Passierschein haben wir damit in der Tasche. Wenn wir durch die Passkontrolle durch sind, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Auch dort fragt uns eine hübsche, erstaunlich junge Frau nach den Ländern, die wir bereist haben – auch hier antworten wir wahrheitsgemäß. Alles kein Problem. Die regelrechten Verhöre, die so mancher Reisender über sich ergehen lassen muss und so manchen auch schon haben scheitern lassen, bleiben uns erspart. Nur wenige Schritte von uns entfernt wird ein harmlos aussehender Reisender regelrecht auseinander genommen. Hingegen werden wir freundlich gefragt, ob wir den israelischen Einreisestempel gerne in unserem Pass oder auf einem Extrablatt haben möchten. Die Israelis kennen die Schwierigkeiten, die ihr Stempel im Pass bei der Einreise in einige arabische Länder verursacht, sehr genau und erleichtern den Reisenden damit das Leben. Natürlich lassen wir uns den Stempel auf ein Extrablatt geben.
Abgesehen vom Einreisestempel haben wir nun schon den dritten Stempel auf unserem Passierschein und müssen nur noch durch den Zoll. Wir werden von einem jungen Sicherheitsdienstmitarbeiter mit unserem Sprinter zu einer großen Halle mit mehreren haushohen Eingangstoren geleitet. Er klärt die dortigen, ebenfalls noch recht jung aussehenden Kollegen über uns auf. Der Gestik nach zu urteilen diskutieren sie lange, was alles durchsucht werden soll, und was nicht. Obwohl sich auch hier letztere Frage im Normalfall gar nicht stellt, denn auch hier gilt an der israelischen Grenze die Regelung: alles, aber auch absolut alles muss durchsucht werden.
Der Zoll nimmt einen entsprechend großen Bereich auf dem Grenzübergangsgelände ein mit insgesamt mehreren großen Hallen sowie Be- und Entladestationen, ja sogar Silos, in die entsprechendes Transportgut zwecks Durchsuchung umgeladen wird. Überall fahren Gabelstapler und Sicherheitsdienstfahrzeuge geschäftig hin und her. Die ganze Szenerie gleicht mehr der Logistik eines Flug- oder Schiffshafens. Unser Sprinter wird schließlich in eine der Hallen gefahren, und das mächtige Rolltor schließt sich hinter ihm. Wir machen es uns am Randstein gemütlich, warten und freuen uns heimlich, still und leise, dass wir schon mit einem Fuß in Israel sind. Während wir so vor uns hinwarten, kommt wieder einer dieser jungen, völlig untypisch gekleideten Sicherheitsleute mit Maschinengewehr im Anschlag vorbei. Er hat zwei Becher Wasser in der Hand und reicht sie freundlich zu uns herunter. Kaum zu glauben, oder? Der Schluck Wasser kam uns gerade recht. Und nach einer weiteren Stunde öffnet sich dann endlich das Rolltor, und unser Sprinter kommt wieder herausgefahren.
Nun müssen wir beim Zoll nur noch ein paar Formalitäten erledigen, und dann sind wir endlich in Israel. Sie sind dann auch bald problemlos erledigt. Dabei unterhalten wir uns noch sehr nett mit dem, wie könnte es anderes sein, ebenfalls noch recht jungen und erfrischend unverbrauchten Zollbeamten, der nebenbei bemerkt ebenfalls nicht so streng uniformiert war, wie man sich einen Zollbeamten so vorstellt. Innerlich schon unser ganzes Glück hinausschreiend sehen wir zu, wie auch der letzte Stempel seine Verewigung auf unserem Passierschein findet. Gleich haben wir es geschafft. Am letzten Kontrollposten zeigen wir, uns mit Gefühlsausbrüchen immer noch zurückhaltend, aber überglücklich, unseren Passierschein vor. Die Schranke hebt sich, und zum Abschied werden wir von den jungen, hübschen Schrankenwärterinnen in Israel willkommen geheißen. Hallo Israel!

Felsenstadt Petra

Petra, die verlassene Felsenstadt aus dem dritten und bisher letzten Indiana-Jones-Abenteuer „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ hatte es mir seit meiner Jugend angetan. Im Film kämpft der unorthodoxe und schlagfertige Archäologe Dr. Indiana Jones in Petra gegen die Nazis, um ihnen den Heiligen Gral, der ewiges Leben versprechen soll, vor der Nase wegzuschnappen. Auf Pferden geht es galoppierend durch enge Felsschluchten, bis sich die Widersacher plötzlich vor einem riesigen, in Fels gehauenen Portal mit mächtigen Säulen wieder finden: dem Eingang in die mystische Felsenstadt Petra!
Petra ist das bedeutendste Relikt der Nabatäer und ein architektonisches Meisterwerk. Vor allem aber ist Petra ein wahrhaft magischer Ort, dessen Energie förmlich zu spüren ist!

Auf ein Pferd verzichtend, machen wir uns zu Fuß auf den drei Kilometer langen Weg durch die Schlucht, hinunter nach Petra. Es ist noch früh, und nur wenige andere Touristen sind unterwegs, so dass wir immer wieder Momente nur für uns allein haben und uns fühlen dürfen, wie Indiana Jones.

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Die Schattenseite des Filmes ist, dass es hier wenig später von Touristen nur so wimmeln wird. Busweise werden sie von Jordaniens Hauptstadt Amman aus hier angekarrt. Da Petra die Hauptsehenswürdigkeit Jordaniens ist, konzentrieren sich die insgesamt nicht sehr zahlreichen Touristen im Lande hier natürlich.
Aber wir haben es uns zur Regel gemacht, dass wir derartige Sehenswürdigkeiten nach Möglichkeit spätnachmittags bis früh abends ansteuern, wenn nicht mehr so viel los und das Licht am schönsten ist, oder aber morgens in aller Frühe. Zu diesen Zeiten kann man solche Orte noch fast für sich alleine haben. Und da wir nicht an eine touristische Organisation wie die üblichen Busfahrten gebunden sind, sind wir in dieser Hinsicht ziemlich privilegiert.

Hergekommen sind wir denn auch auf einer ganz anderen Route, als die Touristenströme. Sie allein war schon beinahe so abenteuerlich, wie im Film. Statt über die Ostroute, kamen wir von Westen her, durch die dortige Halbwüste. Vom Toten Meer kommend fragten wir an einem der vielen Check Points, nach dem es weiter geradeaus oder links ab ging, welche Richtung wir einschlagen müssten. Links abbiegen sollten wir.
Was wir dort fanden, war zwar eine Straße. Aber sie sollte sich als unbeschilderte Nebenstrecke herausstellen, als wir einige Zeit später feststellten, dass wir uns hoffnungslos verfahren hatten. Wir waren auf einer Schotterpiste gelandet, Beschilderungen nach Petra hatten wir auf dem ganzen Weg noch nicht gesehen, und das einzige Zeichen von Zivilisation war ein Beduinenzelt, etwa fünfzig Meter neben der Straße.

Felsenstadt Petra

Ich lief dorthin, um nach dem Weg zu fragen. Um das Zelt herum spielende Kinder wurden auf mich aufmerksam, als ich mich ihrer etwas zwielichtig anmutenden Behausung näherte. Sie eilten mit skeptischen Minen zu ihren Müttern und klammerten sich an ihnen fest. Die Mütter bedachten mich, um die Zeltecke schauend, ebenfalls mit einem skeptischen Blick, und holten sodann ihre Männer hervor, während sie selbst mit ihren Kindern in den Hintergrund zurücktraten.

Felsenstadt Petra

Vorsichtig hob ich die Hand zum Gruß, um meine guten Absichten zu bekunden. Man erwiderte meinen Gruß, und ich begann, mich nach dem Weg zu erkundigen. Nach etwas Hin und Her kam schließlich ein Pickup mit vier jungen, in unseren westlichen Augen etwas wild aussehenden Beduinen, vorbei. Sie hatten ein paar Kisten Tomaten auf der Ladefläche und waren auf dem Weg in das einzige, kleine Dorf, an dem wir auf dem Hinweg vorbei gekommen waren. Sie bedeuteten uns, ihnen zu folgen. Dort wollten sie uns den weiteren Weg erklären.
Wir folgten ihnen also zurück in ihr Dorf, bis sie vor einer einfachen Hütte hielten. Die dort lebenden und neugierig herüberblickenden, jungen Frauen, wurden von ihren Müttern sofort scharf zurechtgewiesen und ins Haus geschickt. Ein etwas älterer Mann kam zu uns herüber, mit rot-weißem Beduinenkopftuch, wildem Bart und gelb-braunen Zähnen, in etwa so, wie man sich in westlich-naiven Vorstellungen einen typischen Terroristen vorstellen würde. Die vier Männer aus dem Pickup sprachen mit ihm auf Arabisch und standen um ihn herum, als der Ältere auf mich zutrat. Ich war ausgestiegen, was in Anbetracht der fünf mir nun gegenüberstehenden Männer wohl etwas unvorsichtig war. Zumindest war es mir etwas mulmig zumute. Aber der Mann sprach zu meiner Überraschung ein paar Brocken Englisch und erklärte mir den weiteren Weg. Wir könnten dem Pickup noch ein Stück weit folgen und müssten dann noch ein gutes Stück zurück bis zu einer Linksabbiegung.
Als wir aus dem Ort heraus waren, waren wir ziemlich erleichtert. Wenn die fünf Männer uns etwas gewollt hätten, hätten wir keine Chance gehabt, und es würde niemals jemand erfahren, was aus uns geworden wäre. Aber wir möchten die Männer nicht in ein falsches Licht rücken: Sie haben uns lediglich den Weg gezeigt. Doch die Kulturen sind innerlich und äußerlich so unterschiedlich, dass solche Situationen einfach nicht mit Gewissheit einzuschätzen sind.
Schließlich erreichten wir die beschriebene Abzweigung. Es stand dort nur ein Schild, das auf ein Dorf verwies. Nichts dort verriet, dass dies der Weg nach Petra sein konnte. Auch die Straße nicht, an der der Zahn der Zeit genagt hatte, und die kaum noch mehr als eine schlaglochübersähte, sandverwehte Piste war. Über diese Straße ging es nun zwanzig Kilometer lang mitten durch die Halbwüste aus feinem, gelbem Sand und später zunehmend Geröll, während sich zu unserer Linken langsam ein mächtiges Gebirge auftürmte. Bis auf einen Hirten und einen Kleinlaster waren keinerlei Anzeichen von Zivilisation mehr auszumachen. Dann drehte die Straße zum Gebirge hin ab und ging über in eine steile Achterbahnfahrt. Fast eine Stunde lang krochen wir die Berge hinauf, aber wir wurden mit immer atemberaubenderen Aussichten auf die sich unter uns ausbreitende Halbwüste belohnt, und die Felsen nahmen immer schönere Formen mit ausgeprägten Auswaschungen an.

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Dann, auf einmal, kamen wir an grünen Feldern vorbei und stießen wenig später auf eine Straße, die man auch wirklich als solche bezeichnen konnte. Sie hätte uns wesentlich unkomplizierter nach Petra geführt. Wir hatten eine wilde Abkürzung genommen. Aber dadurch konnten wir die einzigartige Natur rund um Petra hautnah erleben wie kein anderer Tourist!

Nachdem wir auf dem Marsch hinunter nach Petra schon langsam gar nicht mehr geglaubt haben, dass die Schlucht irgendwann auch ein Ende hat, sehen wir durch den Spalt vor uns unerwartet eine riesige Säule aufragen, dann eine zweite, dann noch eine, und schließlich das gesamte Portal des tempelähnlichen Felsengrabes „Schatzhaus des Pharao“, das auch im Film zu sehen war. Es ist eines der beeindruckendsten Monumente, die wir je gesehen haben. Einfach unbeschreiblich, majestätisch, prächtig. Minutenlang können wir uns mit offen stehenden Mündern kaum von diesem Anblick lösen.

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Dann gehen wir tiefer hinein in die Stadt, vorbei an einem Amphitheater, an Wohnhöhlen und weiteren Portalen. Sie liegen teilweise in Schwindel erregenden Höhen. Der Fels hier ist rötlich wie der Sand im australischen Outback, durchzogen von weißen Linien. Sie schimmern wie Perlmut und unterstreichen den Glanz der Stadt.

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Felsenstadt Petra

Der Eintritt ist übrigens ziemlich teuer, genauer gesagt das teuerste, was wir uns auf dieser Reise bisher geleistet haben. Aber Petra ist jeden Cent wert. Außerdem gibt es dort am Ende der Stadt eine Art Restaurant, in dem die Bustouristen sich über ein Buffet hermachen dürfen, für das sie allerdings extra zu zahlen haben. Wir gehen hinein, um zu sehen, was es zu essen gibt und was es kosten soll. Da ein organisatorisches Konzept nicht zu erkennen ist, reihen wir uns einfach die Schlange der Heuschrecken ein und kommen so zu einem üppigen und darüber hinaus kostenlosen Mahl. So relativiert sich der Eintrittpreis doch gleich schon wieder!

Felsenstadt Petra

Übernachtet haben wir übrigens etwa fünf Kilometer vor Petra im Beduine Camp nahe des sogenannten Little Petra. Ein Tor führt in einen von hohen Felsen umgebenen Innenhof. Die Betreiber haben sich mit der Einrichtung sehr viel Mühe gegeben, aber wir sind leider die einzigen Gäste. Außerdem war es nicht ganz billig, aber wir haben es auch verpennt, den Preis zu verhandeln. Wahrscheinlich hätten wir auf die Hälfte herunterhandeln können. Übrigens haben wir später erfahren, dass die Betreiber gar keine echten Beduinen sind. Aber was soll’s, ein schöner Ort ist es trotzdem.

Totes Meer in Jordanien

Das gestrige Ärgernis noch nicht ganz verdaut, erreichen wir nach über 150 verlorenen Kilometern das Tote Meer. Das Tote Meer ist ein rund 800 Quadratkilometer großer, abflussloser Salzsee zwischen Jordanien und Israel, der durch das Wasser des Jordans gespeist wird.
Das Tote Meer liegt im Großen Afrikanischen Grabenbruch und bildet mit rund 400 Metern unter dem Meeresspiegel den tiefsten Punkt der Erdoberfläche. Der Große Afrikanische Grabenbruch ist ein tiefer Graben, der während der letzten rund 35 Millionen Jahre durch die Abspaltung der Arabischen Platte von der Afrikanischen Platte entstanden ist. Von Syrien ausgehend erstreckt sich der Große Afrikanische Grabenbruch über den See Genezareth, das Tote Meer, das Rote Meer und Ostafrika bis nach Mosambik.
Der durchschnittliche Salzgehalt des Toten Meers von über 25 Prozent ist der dritthöchste der Erde. Aufgrund des hohen Salzgehalts existiert im Toten Meer kein Leben, und diesem Umstand verdankt es auch seinen Namen. So lebensfeindlich das Tote Meer einerseits jedoch ist, so heilsam ist es andererseits für Menschen mit Hautkrankheiten wie Neurodermitis. Daraus ist ein boomender Gesundheitstourismus entstanden.

Am Toten Meer angekommen, treffen wir sogleich auf eine Reihe der üblichen Verdächtigen unter den großen Hotelketten, die diese Nachfrage befriedigen. Festungsartig, hinter dicken Mauern und Pforten haben sie sich verschanzt. Maschendrahtzäune am Strand stellen sicher, dass kein Tourist sich in ein benachbartes Hotel verirrt.
Neben den Grundstücken der Hotelketten liegt der öffentlich zugängliche Amman Beach mit einem kleinen Vergnügungspark für Kinder. Auch der Amman Beach ist vollständig eingezäunt, damit kein Einheimischer auf die Idee kommt, seinen Fuß auf den Boden der Hotels zu setzen und die internationalen Gäste zu belästigen.

Glücklicherweise macht dieser Bereich nur einen kleinen Teil des Toten Meers aus. Somit sind wir zunächst noch voller Hoffnung, dass es danach besser wird. Doch erst einmal schließt sich an das Areal eine wilde Müllkippe an. Ein entlaufener oder ausgesetzter Esel mit gebrochenem Bein humpelt durch die Müllberge und sucht nach Essbarem.

Totes Meer in Jordanien

Totes Meer in Jordanien

Totes Meer in Jordanien

Nicht wissend, was noch kommen wird, beschließen wir trotzdem, den kleinen Abhang hinunter zum Toten Meer zu gehen. Wir wollen das Tote Meer schließlich wenigstens auf seinen Salzgehalt testen, wenn wir schon einmal hier sind. Schon der Ufersaum besteht statt Sand oder Kies aus einer Salzkruste. Und das Wasser schmeckt in der Tat ziemlich salzig. Etwa so, wie wenn man einen Haufen Salz aus seiner Hand leckt.

Noch gelegentlich ausspuckend fahren wir weiter die Küste des Toten Meers hinunter nach Süden. Hier gibt es dann doch noch sehr schöne, einsame Küstenabschnitte. Das Ufer fällt hier jedoch so steil ab, dass man nicht hinunter ans Wasser gelangt.

Als die Küste dann endlich flacher und badetauglicher wird, ist das bloße Anhalten strikt verboten, da es sich um militärisches Sperrgebiet handelt. Großartig.

Schon entlang der Küstenstraße wurden wir in kurzen Abständen an zahlreichen Checkpoints kontrolliert, die mit je zwei Soldaten besetzt waren. Einer der Checkpoints war gar mit einem Hummer ausgestattet, also einem der US-amerikanischen Armeegeländefahrzeuge, besetzt mit zwei weiteren Soldaten: einer davon fahrbereit, der andere mit einem auf Ladefläche und Dach montierten Maschinengewehr im Anschlag. Jedes Mal kontrollierte man unsere Pässe, erkundigte sich nach unserem Reiseziel sowie der Anzahl der Sitzplätze in unserem Fahrzeug und warf einen prüfenden Blick auf unsere hintere Sitzreihe. Eingehender kontrolliert wurden wir jedoch nicht.

Totes Meer in Jordanien

Totes Meer in Jordanien

Damaskus und Amman

Von Palmyra geht es weiter nach Damaskus, Syriens Hauptstadt. Den multikulturellen Charme Istanbuls noch lebhaft vor Augen, sehen wir uns dort schon Cocktails schlürfen. Nach den relativ nüchternen letzten sieben Tagen haben wir uns das redlich verdient.

Schon von weitem sichtbar kündigt sich Damaskus durch eine dichte, dunkelgraue Smogschicht an, wie wir sie selbst in Kairo nicht gesehen haben. Man könnte meinen, in den vergangenen Tagen müsse in der Nähe eine Erdölraffinerie abgebrannt sein. Doch dem ist nicht so.
In Damaskus selbst merken wir vom Smog jedoch nichts. Unsere Cocktail-Fantasien allerdings lösen sich schnell in Luft. Damaskus ist bei weitem nicht so multikulturell und westlich, wie wir gehofft hatten, obwohl viele Frauen unverschleiert und westlich gekleidet sind. So schaffen wir uns Ersatzbefriedigung, indem wir uns an einem von vielen Süßwarenständen mit reichlich fett- und kalorienhaltigem Blätterteiggebäck eindecken.

Damaskus

Damaskus

Damaskus

Damaskus

Auf dem großen, aber nicht besonders aufregenden Basar von Damaskus erhandeln wir außerdem ein Backgammon-Spiel für unsere Freundin Simone, nachdem wir zuvor sorgfältig den chinesischen Einheitsschrott von den Originalen getrennt haben. Den stattlichen Rest an Syrischen Pfund, den wir noch haben, tauschen wir in US-Dollar.

Weiter hält uns in Damaskus nichts, und schnell brechen wir auf zur syrisch-jordanischen Grenze. Die Ausreise aus Syrien und die Einreise nach Jordanien gestalten sich überraschen undramatisch.
Die jordanische Seite der Grenze ist überaus gepflegt und geordnet. Von den gut Englisch sprechenden Beamten werden wir anständig behandelt. Das tut gut und lässt auf das Land hoffen, obwohl auch hier unsere Grüne Versicherungskarte nicht anerkannt wird und wir nebst einigen Gebühren dafür tief in die Tasche greifen müssen. Immerhin haben wir das Visum hier ohne Aufhebens und Komplikationen binnen kürzester Zeit an der Grenze erhalten.

Jordanien präsentiert sich von Anfang an etwas wohlhabender und entwickelter als Syrien. Die Straßen sind besser, es gibt einzelne Bäume und alles wirkt etwas gepflegter. Allerdings gibt es überall zur Verlangsamung des Verkehrs Speed Bumps, die man so gut wie nicht sieht und von denen wir mehrere mit viel zu hoher Geschwindigkeit überfahren. Jedes Mal, wenn wir ungebremst über so eine Schwelle rauschen, gibt es einen heftigen Knall und unsere Sachen fliegen durch den ganzen Sprinter.
Doch wir sollen noch einen ganz anderen Dämpfer bekommen. Etwa 70 Kilometer lang fahren wir südwärts bis kurz vor der jordanischen Hauptstadt Amman und wollen von dort ans Tote Meer abzweigen. Das Tote Meer liegt von Amman ungefähr 30 Kilometer entfernt. Die Straße endet jedoch an einer Baustelle, und das Tote Meer ist nicht mehr ausgeschildert. Am Straßenrand steht ein gepflegter Mann mittleren Alters, den wir nach dem Weg fragen. Er sagt, könne er uns den Weg ans Tote Meer zeigen, wenn wir ihn ein Stück mitnähmen.
Prinzipiell sind wir bezüglich des Mitnehmens von Leuten, die wir nicht kennen, äußerst vorsichtig. Genauer gesagt haben wir bisher überhaupt noch niemanden mitgenommen. Aber der Mann macht einen sympathischen Eindruck. Erst kurz zuvor auf der Fahrt haben wir uns noch darüber unterhalten, dass wir uns mehr öffnen müssen, wenn wir mit Menschen in Kontakt kommen wollen.
Wir lassen den Mann also zu uns ins Auto auf den Beifahrersitz steigen, während Christiane sich auf einen der beiden hinteren Sitze begibt. Wir unterhalten uns gut: Er fragt, wir erzählen, er erzählt. Aber irgendwie fahren wir gerade wieder zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind.
Als wir nach zehn Kilometern immer noch nicht in Richtung des Toten Meers abgebogen sind, fragen wir ihn, wo er denn genau hin müsse.
„Etwa eine halbe Stunde von hier.“, sagt er.
„Und wann geht es in Richtung des Toten Meers?“, fragen wir.
Der Ort liege auf dem Weg, von dort sei es die schönste Strecke zum Toten Meer und ganz leicht zu finden. Uns ist klar, dass wir wohl einen ziemlichen Umweg machen werden, aber andererseits haben wir ja Zeit. Trotzdem sind wir unsicher, wie weit es noch gehen soll und ob wir ihn nicht doch lieber an die frische Luft setzen sollen. Er scheint das zu spüren und lockt uns mit einem Abendessen im Kreis seiner Familie. Außerdem habe er ein großes Haus, und wir könnten dort schlafen und eine warme Dusche haben. Dem sind wir nach der zurückliegenden Durststrecke natürlich nicht abgeneigt.
Langsam nähert sich unsere Fahrzeit einer dreiviertel Stunde, und wir wollen nun endlich wissen, wo es genau hingeht. Er antwortet, er habe in Irbit sein Auto in der Werkstatt stehen. Irbit liegt im äußersten Norden Jordaniens, noch ein gutes Stück weiter als der Grenzübergang, von dem wir gekommen sind, und etwa 100 Kilometer entfernt von Amman! Mit einer solchen Dreistigkeit haben wir nicht gerechnet. Wir waren nur 30 Kilometer vom Toten Meer entfernt, und er schickt uns 100 Kilometer in eine völlig andere Richtung, um uns von dort auf einer Parallelstrecke wieder 100 Kilometer zurück zu schicken!
Aber okay, denken wir uns, jetzt sind wir ohnehin bald da, und wenn die Einladung steht, dann soll es uns egal sein. Über sein Zuhause und die Einladung verliert er dann aber kein Wort mehr. Stattdessen versucht er, uns weiter mit Smalltalk bei Laune zu halten. Uns ist inzwischen natürlich auch klar, was da läuft, aber trotzdem bringe ich es nicht nicht fertig, ihn jetzt noch rauszuwerfen. Zu nahe schon sind wir an Irbit. Vielleicht war alles nur ein Missverständnis und er steht zu seinem Wort.
An der Werkstatt in Irbit angekommen, tut er das aber natürlich nicht. Er springt aus dem Sprinter und lässt stattdessen seinen Sohn einsteigen, der uns die richtige Richtung aus Irbit weisen soll. Er selbst verschwindet. Der Sohn führt uns dann noch ein paar Meter zurück von der Werkstatt weg, erklärt uns, in welche Richtung wir fahren müssten, und lässt sich absetzen.
Für uns beginnt nun bei schnell hereinbrechender Dämmerung eine nervenaufreibende Suche nach einem Übernachtungsplatz. Den finden wir bei völliger Dunkelheit dann irgendwann auch an einer Tankstelle. Aber was für eine bittere Erfahrung!

Später in Israel wird Oded, den wir dort kennenlernen werden, es auf den Punkt bringen: „Trust your instinct!“. Hätten wir unserem Gefühl vertraut, hätten wir den Kerl nach einigen Kilometern rausgeschmissen und wären umgekehrt.

Ruinenstadt Palmyra

Von der türkisch-syrischen Grenze waren wir – froh, das überwiegend kurdisch besiedelte Grenzgebiet hinter uns zu lassen –, am Vortag zunächst nach Aleppo hinein gefahren und hatten uns syrische Pfund am Geldautomaten geholt. Der Verkehr in der grenznahen Stadt Şanlıurfa war ein einziges Hupkonzert, und eine unangenehme Begegnung mit ein paar Straßen-Kids vor einem kleinen Supermarkt hatten wir auch.
Die Straßen-Kids lungerten vor dem Markt herum und wurden natürlich auf uns aufmerksam, als wir hielten. Wir trauten der Sache nicht, so dass wir zunächst im Auto blieben und abwarteten. Einer der Jungs fing dann an, vor unserem Auto herumzuschleichen und uns zu provozieren. Als ich ausstieg und ihm hinterherrief, zog er ein Butterfly-Messer aus der Hose. Es war kein Angriff, aber doch ein deutliches Signal, so dass wir auf unseren Einkauf verzichteten und unverrichteter Dinge weiterfuhren.
Der Gegenwert von 150 Euro war am Geldautomaten in Aleppo der Höchstbetrag, den wir – europäische Verhältnisse gewöhnt und die Treibstoffpreise noch nicht kennend –, sogleich abhoben. Später sollten wir gar nicht wissen, wie wir das ganze Geld ausgeben sollten.

Von Aleppo fahren wir nun ein Stück auf der berühmten Seidenstraße, die von hier nach Bagdad führt und erst viel später in Ostchina endet. Die Seidenstraße ist zumindest hier und heute jedoch nichts weiter als eine gewöhnliche Teerstraße mit zwei Fahrspuren in jeder Richtung. Statt von Kamelen wird sie von Blechkarawanen bevölkert: von 1001-Nacht-Romantik keine Spur.
Zu beiden Seiten der Seidenstraße findet sich erst einmal lange nichts als unfruchtbares, verstepptes Land. Kein Baum weit und breit, kein Ort, der zum Verweilen einlädt. Das Leben der Menschen hier ist geprägt von den Verrichtungen des täglichen Bedarfs. Ihre Behausungen sind einfache Lehmhütten und Zelte.

Seidenstraße in Syrien

Seidenstraße in Syrien

Seidenstraße in Syrien

Seidenstraße in Syrien

An einer Tankstelle machen wir einen Zwischenstopp und füllen unseren Dieselvorrat auf. Ein Liter Diesel kostet umgerechnet paradiesische 7 Cent, während ein Liter Milch in Syrien das Fünffache kostet – verkehrte Welt! Dementsprechend wird aber auch mit Treibstoff umgegangen: Niemand achtet darauf, dass nichts daneben geht. Ein kräftiger Mann mit hochdekorierter Uniform und selbstgefälliger Körpersprache steht neben einer großen Treibstofflache und raucht eine Zigarette. Hoffentlich ist das nur Diesel und kein Benzin!

Vom Assad-Stausee zur Linken ist fast nichts zu sehen. Ein Abstecher dorthin findet sein jähes Ende vor einer militärischen Absperrung.
Der See wird aus dem Euphrat gespeist, dem größten Strom Vorderasiens, der in der Türkei entspringt, durch Syrien und den Irak fließt, und in den Persischen Golf mündet. Der Euphrat ist die Lebensader Syriens. Ohne ihn wäre keine Landwirtschaft, und ohne Landwirtschaft kein Leben möglich, denn Syrien ist nicht gerade mit Bodenschätzen oder anderen Naturgütern gesegnet. Dementsprechend liegt hier die Achillesverse des Landes, und die Türken, in deren Land der Euphrat entspringt, wissen das als Machtquelle zu nutzen. Sie haben Staustufen in den Euphrat gebaut, mit denen sie Syrien den Wasserzufluss sperren können.
Für Syrien ist das Wasserreservoir des Assad-Stausees die einzige Reserve. Außerdem dient der Assadstaudamm der Energiegewinnung. Er ist ein dementsprechend strategisch wichtiges Objekt und mit dementsprechenden Schutzvorkehrungen abgesichert.

Wenig später tangiert die Seidenstraße den Euphrat für wenige Augenblicke, und wir können einen kurzen Blick auf ihn erhaschen. Der Euphrat zeigt sich hier als ein mittlerer Fluss, wie er überall fließen könnte.
Sodann drängen sich jedoch Felder zwischen Euphrat und Seidenstraße. Es sollte der erste und einzige Blick auf den Euphrat sein, der uns vergönnt war, bevor wir bei Deir Al Zor nach Südwesten abbogen und durch die Syrische Wüste nach Palmyra fuhren.

Palmyra ist eine viertausend Jahre alte Ruinenstadt, die zu Zeiten der römischen Vorherrschaft in Vorderasien ein bedeutender Handelsknoten war. Sie liegt mitten im geografischen Zentrum Syriens.

Ruinenstadt Palmyra

Ruinenstadt Palmyra

Ruinenstadt Palmyra

Ruinenstadt Palmyra

Ruinenstadt Palmyra

Die Sitten der arabischen Länder achtend hat Christiane sich heute übrigens richtig in Schale geworfen. Allerdings erinnert sie in ihrem Haar bedeckenden Outfit eher an einen Schlumpf. Ich fand es eh schon immer albern, dass es unter den Schlümpfen nur eine einzige Frau gab, und die war in der ansonsten reinen Männerwelt der Schlümpfe natürlich eine Blondine. Wird also höchste Zeit, dass wir hiermit endlich offiziell eine neue, brünette Schlümpfin einführen, und sie hört auf den Namen Schlumpfiane:

Ruinenstadt Palmyra

Fazit Türkei und Einreise Syrien

Die Türkei ist ein großartiges Reiseland. Kulturhistorisches und Naturschönes gibt es in der Türkei in ungeahnter Fülle. Trotz ihrer geografischen Lage auf zwei kulturell völlig unterschiedlichen Kontinenten wirkt die Türkei nicht wie ein zweigeteiltes Land: Die Türkei ist ein orientalisches Land, sie ist aber auch ein viel europäischeres Land, als so mancher Europäer sich dies vorstellen wird. Die Kulturen verschmelzen in der multikulturellen Metropole Istanbul auf ganz natürliche Weise zu etwas Neuem. Besonders abends und an den Wochenenden sprudelt die Stadt nur so vor Leben.
Bei der übrigen Türkei muss man zwischen den Küstenregionen und dem Landesinneren unterscheiden. An den Küsten findet sich die ganze Palette von einsamen Sandstränden über gemäßigte Urlaubsgebiete bis hin zu Stränden, wie man sie in berüchtigten Ecken Mallorcas vorfindet. Mit anderen Worten: Für jeden Geschmack ist etwas dabei, und dazu kommen zahlreiche kulturelle und naturelle Sehenswürdigkeiten, die von den Küstenorten aus gut zu erreichen sind. Es ist immer eine Reise wert, hierher zu kommen und sich nicht nur auf einen reinen Strandurlaub einzustellen.
Weiter im Landesinneren kann sich dann mitunter jedoch auch schnell ein leichter Kulturschock einstellen. Die Zeit scheint hier in vielerlei Hinsicht vor 200 Jahren stehen geblieben zu sein. Die meisten Menschen sind einfache Bauern und leben zu einem beträchtlichen Teil noch in ärmlichen Lehmhütten. Es ist ein hartes Leben, wie man den vom Leben gezeichneten Gesichtern entnehmen kann, was kein Wunder ist bei der extremen Trockenheit und Kargheit des Landes, in dem kaum ein Baum wächst. Zudem ist das Bildungsniveau sehr niedrig. Doch die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, wie auch in der ganzen Türkei.
Wie oft sind wir mit einem Lächeln empfangen und mit Geschenken reichlich bedacht worden. Eine wunderschöne Sitte ist das türkische Nationalgetränk, der Chai, ein kräftiger schwarzer Tee, der mit viel Zucker zu jeder Gelegenheit getrunken und als Zeichen der Gastfreundschaft angeboten wird.
Schön waren auch die Begegnungen an den vielen Tankstellen, die wir im Laufe der drei Wochen in diesem Land ansteuerten. Mal gab es eine Flasche Zitronensprudel mit auf den Weg, mal ein paar Päckchen Waschmittel und feuchte Tücher, und selbst an Tankstellen, an denen wir nicht getankt hatten und trotzdem übernachten durften, versorgte man uns mit Chai, spendierte man uns eine kostenlose Wagenwäsche oder einfach nur ein herzerfrischendes Lächeln.
Die schönste Begebenheit in dieser Hinsicht war, als am Ende des Ramadan eine türkische Familie am Strand von Olympos mit zwei großen Stücken „Festival Cake“ auf uns zukam und sie uns feierlich überreichte – einfach so!

„Das Land öffnet sich mehr und mehr für den internationalen Tourismus. Allerdings sollten derzeit die Erwartungen an eine für Touristen erforderliche Infrastruktur noch nicht zu hoch gesteckt werden.“, so steht es in den Informationen des Auswärtigen Amts zu Syrien. Da sind wir doch mal gespannt.
Zunächst mussten wir uns in Istanbul ja erst einmal Visa beschaffen, was nicht gerade für eine Offenheit Syriens gegenüber Touristen spricht. In Jordanien beispielsweise bekommt man das Visum mittlerweile schon an der Grenze. Andererseits bekommt man für Saudi-Arabien praktisch gar kein Visum: Man erhält maximal ein Drei-Tage-Transitvisum, und das aber auch nur, wenn man eine Einladung in das Land vorzuweisen hat, die wiederum man eigentlich nur bekommt, wenn man dort geschäftlich mit einem inländischen Unternehmen zu tun hat. So gesehen wäre es noch vergleichsweise leicht gewesen, ein Visum für Syrien zu bekommen, wenn da nicht der Haken wäre, dass Syrien zusätzlich zum Antrag ein Empfehlungsschreiben verlangt. Dieses Empfehlungsschreiben, das eine deutsche Botschaft oder ein deutsches Konsulat ausstellen muss, erhält man offiziell gar nicht mehr.
Als wir beim Deutschen Konsulat in Istanbul vorsprachen, wollte man uns mit der klaren Aussage wieder fortschicken, dass diese Empfehlungsschreiben nicht mehr ausgestellt würden. Gut, dass ich zuvor beim Konsulat angerufen und anscheinend einen guten Eindruck gemacht hatte, denn die freundliche und hilfsbereite Konsulatsangestellte am anderen Ende der Leitung hatte mir zugesichert, wir würden die Empfehlungsschreiben bekommen, wenn wir den Nachweis erbrächten, dass wir uns von Stuttgart offiziell abgemeldet haben.
Allerdings hatten wir nicht damit gerechnet, dass wir die Abmeldebescheinigung jemals brauchen würden. Was hatten wir nicht alles an Dokumenten eingesteckt, kopiert, gescannt, deponiert und sonst wo hin redundant gespeichert. Aber an unsere Abmeldebescheinigungen hatten wir nicht gedacht. Doch wir konnten von Glück sagen, dass die auf einmal so wichtigen Abmeldebescheinigungen von meinen Eltern schnell gefunden und zugefaxt waren. Auch diese Hürde war also genommen, und der zunächst abweisende, sich dann aber als sehr freundlich und hilfsbereit herausstellende Beamte des Deutschen Konsulats legte uns die durchaus existierenden Formulare zur Beantragung der Empfehlungsschreiben vor.
Wenig später hielten wir tatsächlich die begehrten Empfehlungsschreiben in der Hand, mit denen wir erneut beim Syrischen Konsulat vorstellig wurden. Dort gaben wir unsere Anträge nebst je zweier Passfotos ab. Die westlich gekleidete, junge Dame, die alles entgegen nahm, lachte sich erst einmal schlapp, als sie das Passfoto von Christiane mit Kopftuch sah und zeigte es bei ihren ebenfalls nicht Kopftuch tragenden Kolleginnen herum. Und drei Stunden später hielten wir dann endlich unsere Visa für einen fünfzehntägigen Syrienaufenthalt in der Hand.
Eigentlich hatten wir Visa für vier Wochen beantragt, aber die sollen wir ohnehin nicht brauchen, wie sich nun am syrischen Grenzübergang herausstellt. Zunächst können wir aber erst einmal von Glück sagen, dass wir nicht gleich an der Passkontrolle auf dem heruntergekommenen und unübersichtlichen Grenzgelände scheitern. Nicht etwa wegen eines israelischen Stempels in unseren Pässen, der ein absolutes „No Go“ wäre, sondern weil wir eine Adresse im Land benötigen, über die wir zu erreichen sind. Da wir campen wollen, verweisen wir schließlich auf die Deutsche Botschaft in Damaskus. Die englische Übersetzung „German Embassy“ kann oder will der noch recht junge, hagere Beamte mit dünnem Schnurrbärtchen aber nicht verstehen. Als ein drängelnder Araber seinen Pass mit einem Geldschein darin an mir vorbei reicht, werden mir die Verständnisprobleme schlagartig klar. Allerdings hält der korrupte Beamte unsere Pässe schon in der Hand. Also kann ich kaum noch dezent einen Geldschein hineinlegen, und den Schein einfach offensichtlich hinüber zu reichen, rede ich mir auch aus. Obwohl der feiste Chef des Angestellten, der im Hintergrund herumläuft und seine Autorität zur Schau trägt, im selben Moment in seine Hosentasche greift, ein Geldbündel so dick wie zwei Zigarettenschachteln, herausholt und beginnt, durchzuzählen.
Ich gehe zurück zum Wagen und schreibe aus unseren Informationen des Auswärtigen Amts die Adresse der Deutschen Botschaft in Damaskus ab und werde erneut am Schalter vorstellig. Die Adresse scheint eine Postfachadresse zu sein und sieht mehr nach einer Telefonnummer aus. Prompt fragt mich der Beamte, was das denn sein soll. „Die Adresse!“, beharre ich. Glücklicherweise kommt mir in diesem Moment ein Busfahrer zur Hilfe, der bestätigt, dass es sich um eine ganz normale Adresse und nicht um eine Telefonnummer handelt. Da das Ganze nun wohl schon seit einer viertel Stunde hin und her geht, vergeht dem Beamten dann wohl auch die Lust, und er beginnt endlich unsere Einreiseformalien weiter zu bearbeiten. Noch einmal Probleme gibt es, als er unsere Berufe wissen will. Schlecht vorbereitet antworte ich „IT-Consultant“ und erkläre sodann, dass das „IT“ für „Information Technology“ stehe. Dass er damit genauso wenig anfangen kann, hätte ich mir natürlich denken können. Doch dann kommt mir der rettende Einfall, und ich gebe als meinen Beruf „Computer“ an. Das schluckt er dann endlich.
Doch damit ist die Einreise noch lange nicht durch. Als nächstes müssen wir beim Zoll vorstellig werden. Da sitzen zwei Typen wie Patt und Patterchon, beide kräftig gebaut, der eine vermutlich ein Frauenschwarm, mit klaren, braun-grünen Augen und schelmischem Gesichtsausdruck, und der Andere das genaue Gegenteil mit Eierkopf und Mönchsfrisur, aber ebenfalls mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. Hoffentlich wird das jetzt nicht allzu teuer, denke ich schon, und dann kommt auch prompt die unheilvolle Frage: „Diesel?“ Oh, oh, ich soll rüber zur Bank.
Ein Fettsack mit glasbausteindicken Gläsern in einem Hornbrillengestell und einem dicken Bündel Hundertdollarscheine in der Hand will mir zweihundertfünfzig Dollar abknöpfen. Ich schlucke schwer, als ob ich der Fettsack wäre und den ganzen Tag hier sitzen müsste. Fünfzig Dollar für die Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung, weil Syrien die Grüne Versicherungskarte nicht akzeptiert, und zweihundert Dollar Dieselsteuer für zwei Wochen. Liebes Auswärtiges Amt, wären diese Summen nicht einmal eine Erwähnung wert in euren Informationen? Glücklicherweise kommt mir der Gedanke, dass es bei einem nur einwöchigen Aufenthalt vielleicht billiger werden könnte. An der stattlichen Versicherungssumme ändert sich damit zwar nichts. Aber zumindest halbiert sich tatsächlich die Dieselsteuer.
Gut, bleiben wir in eurem Land eben nur eine Woche und geben weniger Geld aus. Allerdings muss man dazu sagen, dass ein Liter Diesel in Syrien den lächerlichen Betrag von umgerechnet zehn Cent kostet. Ein Liter Milch kostet demgegenüber sage und schreibe das Fünffache. Auf diesem Weg holt sich der Staat von den motorisierten Touristen, was diese sonst gegenüber den heimischen Spritpreisen sparen würden. Andererseits ist Syrien ein kleines Land, und wenn man in einer Woche die Strecke zurücklegt und das vertankt, was man sonst in zwei, drei oder vier Wochen zurücklegen beziehungsweise vertanken würde, dann ist das Resultat lediglich, dass die Touristen in Syrien weniger für Verpflegung und Unterkunft ausgeben.
Hundertfünfzig Dollar leichter gehe ich also zu Patt und Patterchon zurück und lege die Belege vor. Während sie die Dokumente bearbeiten fangen sie eine Diskussion über Fußball mit mir an. „Bayern Munich“ ist ihr Lieblingsverein. Mir ist zwar nicht nach einer Diskussion über Fußball, aber ich habe auch das Gefühl, dass es unklug wäre, nicht auf das Spielchen einzugehen. Spitzenverein sage ich, aber da Christiane und ich zuletzt bekanntlich in Stuttgart gelebt haben, bringe ich natürlich den aktuellen Deutschen Meister Stuttgart ins Spiel. Auch wenn es mir selbst egal wäre, wenn Stuttgart in der Amateurliga spielen würde. „Yes, Stuttgart, German football champion!“ wiederholen sie anerkennend und tuscheln noch ein wenig in Arabisch. Dann verlangen sie zwei Dollar Gebühr für den Stempel unter das Carnet de Passages, ein Zolldokument, das in vielen Ländern Asiens und Afrikas bei der Ein- und Ausreise abgestempelt werden muss. Mit dem Carnet de Passages sollen Autoschiebereien unterbunden werden. Wenn ein eingeführtes Fahrzeug nicht nachweislich wieder ausgeführt wird, gilt es als im jeweiligen Land verhökert, und es werden in der Regel horrende Zollgebühren, oft bis zur Höhe des geschätzten Fahrzeugwertes, erhoben, für die beim Automobilclub des Heimatlandes eine stattliche Kautionssumme hinterlegt werden muss.
Habe ich es mir doch gedacht! Aber zwei Dollar scheinen mir zu günstig, als dass ich eine Diskussion anzetteln würde. Also überreiche ich sie bereitwillig und bin erleichtert.
Die anschließende Zollkontrolle ist auch nicht weiter nennenswert, und nach zwei Stunden sind wir endlich in Syrien!

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Nemrut Dağı ist ein 2.150 Meter hoher Berg im Osten der Türkei und gehört zum Weltkulturerbe, denn der Berg ist gleichzeitig eine Kult- und Grabstätte. Die Stätte wurde im ersten Jahrhundert vor Christus von König Antiochos I. von Kommagene errichtet als Zeichen seines Vertrags mit den Göttern. Sie beeindruckt durch gut erhaltene, mannshohe Köpfe zerbrochener Statuen und andere in Stein gehauene Monumente. Sie liegen verteilt auf zwei von ehemals drei Terrassen, die um einen etwa 30 Meter hohen, aus faustgroßen Steinen aufgehäuften Grabhügel, angeordnet sind. Von hier hat man einen fantastischen Ausblick auf das umgebende Bergpanorama und den weit zerklüfteten Atatürksee. Allerdings ist es zu dieser Jahres- und Tageszeit hier oben auch arschkalt.

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Weltkulturerbe Nemrut Dağı

Atatürksee

Weltkulturerbe Göreme

Das Weltkulturerbe Göreme ist eine Tuffsteinlandschaft vulkanischen Ursprungs in Kappadokien. Vor über 1.000 Jahren höhlten die Bewohner der Region die charakteristischen Felstürme aus, die sich über Jahrmillionen durch Erosion aus dem mürben Fels gebildet haben. Sie gruben mehrere Stockwerke hohe und tiefe Wohnhöhlen, um sich vor Überfällen der Muslime zu schützen. Im entstandenen, unterirdischen Labyrinth, das bis über 80 Meter tief in die Erde reicht, finden sich mitunter ganze Kirchen. Die Landschaft an der Erdoberfläche erinnert an einen Schweizer Käse.

Am Morgen ist der Himmel von Göreme voll von Heißluftballons, in denen Touristen über die atemberaubende Landschaft gefahren werden. Wir genießen die spektakuläre Aussicht von einem erhöhten Punkt am Rande des Areals aus, an dem wir in der Nacht zuvor gecampt haben.

Weltkulturerbe Göreme

Weltkulturerbe Göreme

Weltkulturerbe Göreme

Anatolien

Auf dem Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit Göreme geht es hinauf zur Hochebene von Anatolien. Inzwischen sind wir die ersten 10.000 Kilometer gefahren, und die Türkei zeigt hier ein völlig anderes Gesicht, landschaftlich wie kulturell. Eine endlos weite, einsame und karge Ebene, die von Landwirtschaft geprägt ist, erstreckt sich nach allen Seiten. Die Felder sind abgeerntet, die Äcker bestellt. An sich trostlos, aber im herbstlichen Licht bieten sich faszinierende Farbenspiele, und über unseren Köpfen kreisen riesige Vogelschwärme, die sich für die Abreise zu ihren Winterquartieren sammeln.

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Die Menschen hier sind Bauern, in den westlichen Ausläufern Anatoliens Obstbauern, und in den zentralen Regionen Ackerbauern. Sie leben großenteils noch in einfachen Lehmhütten. Sie sind zurückhaltend, aber freundlich und hilfsbereit, wenn wir nach dem Weg fragen. Viele von ihnen haben jahrelang in Deutschland gelebt und mussten später in ihre Heimat zurückkehren, als ihre Asylanträge nach schier endlosem Hin und Her abgelehnt wurden. Manch einer von ihnen war zehn Jahre und länger in Deutschland, bevor er abgewiesen wurde, und kann sich selbst nach so langer Zeit trotzdem kaum in Deutsch verständigen. Sie sind Zeugen einer Einwanderungs- und Integrationspolitik, die auf ganzer Linie versagt hat.

Anatolien

Anatolien

Bevor wir nach Göreme fahren, machen wir einen Schlenker zu einem großen Salzsee im Herzen der Türkei und Anatoliens: dem Tuz Gölü. Der Tuz Gölü ist einer der salzhaltigsten Seen der Erde und mit 1.500 Quadratkilometern Fläche der zweitgrößte Binnensee der Türkei. Er ist 100 Kilometer lang, 50 Kilometer breit und nur 2 Meter tief. Gespeist wird der zu- und abflusslose Tuz Gölü von Niederschlägen und Grundwasser.

Am Vorabend haben wir vergeblich versucht, direkt an den Tuz Gölü zu gelangen. Die einzige Straße, die zum Tuz Gölü hinzuführen schien, endete vor einer Absperrung.
Eine weitere Abzweigung führte uns in ein kleines anatolisches Bauerndorf mit vielleicht einem Dutzend Häusern. Keine gute Idee, hier bei Dunkelheit hinein zu fahren. Das Dorf schien wie ausgestorben, die Menschen waren in ihren Häusern und saßen wohl beim Essen zusammen. Nur zwei große Hunde wurden auf uns aufmerksam und fingen an, wie verrückt und rasend vor Wut zu bellen. Wir kehrten um und sahen zu, dass wir wieder zur Hauptstraße kamen. Wie im Blutrausch hetzten die Hunde noch eine ganze Weile neben unserem Wagen her und versuchten, vor ihn zu springen und uns zum Anhalten zu zwingen. Ich musste kräftig Gas geben. Erst bei 50 Stundenkilometern schafften wir es langsam, sie abzuhängen. Wie Verbrecher kamen wir uns vor.
Wir sind dann noch ein Stück die Hauptstraße weiter entlang gefahren, bis wir schließlich eine Tankstelle gefunden hatten, an der wir übernachten konnten.

Am Morgen unternehmen wir einen weiteren Anlauf, um an den See zu gelangen. Diesmal wollen wir es auf mehr oder weniger direktem Weg über Feldwege versuchen, die von der Hauptstraße abführen. In der Nacht hat es leicht geregnet, aber die Feuchtigkeit scheint im ausgedörrten Boden verpufft zu sein. Wir schalten den Allrad ein und unternehmen einige Versuche, aber die Wege enden entweder irgendwo im Nichts oder an einzelnen Höfen, und wir wollen nicht schon wieder unangenehm auffallen.
Von einem Dorf aus wollen wir es ein letztes Mal versuchen. Irgendwo muss es doch einen Zugang zu diesem verdammten See geben. Wieder erwecken wir die Aufmerksamkeit von zwei frei herumlaufenden und ziemlich aggressiven Hunden, und wieder müssen wir kräftig Gas geben.
Wir kommen an einem einzelnen, etwas vom Dorf abgelegenen Haus vorbei. Ein Mann tritt heraus und scheint freundlich zu winken. Wir winken zurück und fahren weiter, bis unser Sprinter nach einigen hundert Metern in einer leichten Kurve plötzlich geradeaus geht und sich nicht mehr steuern lässt. Ich lenke ein, der Sprinter stellt sich quer, rutscht aber weiter geradeaus, ich lenke gegen, der Sprinter stellt sich in der anderen Richtung quer und rutscht immer noch weiter geradeaus. Im ersten Moment denke ich, jetzt hat sich die Lenkung verabschiedet, aber dann sehen wir, dass der Boden an dieser Stelle vom Regen der Nacht noch ganz matschig ist. Wir befinden uns in einer leichten Senke, in der sich das Wasser gesammelt und den Boden aufgeweicht hat.
Ich bekomme den Wagen mit nun nur noch leichten Lenkbewegungen wieder einigermaßen in den Griff und es geht weiter geradeaus. Aber in 50 Metern kommt eine 90-Grad-Kurve, und dort ist der Matsch ausgerechnet am tiefsten. Wenn wir stehen bleiben, befürchten wir, sinken wir ein. Was jetzt? Vor unserem geistigen Auge sehen wir uns schon reumütig zum Dorf zurück laufen und an den durchdrehenden Hunden vorbei einen Bauern suchen, der uns mit einem Traktor aus dem Matsch zieht. Bloß das nicht. Besonders der Teil mit den Hunden gefällt uns gar nicht, und wir wissen auch nicht, was wir von den Menschen hier zu erwarten haben, wenn wir bei den Tieren schon so unwillkommen sind. Aber es nützt nichts, wir müssen irgendwie versuchen, um diese Kurve herum zu kommen, danach zu drehen und dabei nicht stehen zu bleiben.
Wie zu erwarten war, geschieht aber kein Wunder, und in der Kurve ist Schluss mit dem Vorankommen. Ich steige aus und stehe im Matsch. Die Profile unserer Reifen sind komplett zugeschmiert mit dem lehmigen Matsch. Kein Wunder, dass es sich wie auf Glatteis fuhr. Allerdings ist die matschige Schicht nur wenige Zentimeter tief, und darunter befindet sich fester Untergrund. Der Sprinter ist nicht weiter eingesunken. Vielleicht schaffen wir es rückwärts wieder raus. Ich klemme mich wieder hinter das Lenkrad und versuche langsam anzufahren, was dann auch bei vorsichtigster Dosierung des Gaspedals tatsächlich gelingt. Nun langsam aber stetig zurück, dabei ja auf dem Weg und nicht stehen bleiben, denn neben dem Weg gibt es keinen festgefahrenen Untergrund unter der Schlammschicht, und da wir ja in eine Senke hinein gefahren sind, geht es zurück ganz leicht bergauf. Jeder Meter kommt mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Doch nach 250 endlosen Metern haben wir endlich wieder trockenen Untergrund unter den Rädern.
Der Bauer von vorhin kommt uns entgegen und bedeutet uns, dass es keine gute Idee war, in die Senke hinein zu fahren. Das hatte er uns vorhin also mit seiner Geste sagen wollen. Aber er ist überaus freundlich und zeigt uns mit seinem Wagen eine Abkürzung zurück zur Hauptstraße. Darüber sind wir sehr froh, denn das erspart uns, wieder an den Hunden vorbei zu müssen. Außerdem erklärt er uns, dass wir wieder dorthin zurück müssen, wo wir es am Vorabend schon einmal versucht hatten und vor einer Absperrung geendet waren.
Die Absperrung stellt sich bei Tageslicht als Zugang zum Betriebsgelände eines Salzwerks heraus, und das Salzwerk wiederum bietet weit und breit den einzigen Zugang zum See, sofern man sich nicht den weiten Weg um den See herum ans gegenüberliegende Ufer machen will.

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Anatolien

Soweit, so gut. Die Probleme der letzten beiden Tage sollten für die nächste Zeit gereicht haben, und nun haben wir ja endlich auch den Salzsee gesehen. Also fahren wir weiter Richtung Göreme. Doch noch auf dem Weg dorthin holt uns in gewisser Weise unser Hupenproblem wieder ein. Doch das wird sich erst später herausstellen.
Als wir zwischendurch an einem Geldautomaten halten und den Sprinter abstellen, vernehmen wir plötzlich ein lautes Vibrieren, das wir zunächst nicht lokalisieren können. Es könnte auch von draußen kommen. Also fahren wir weiter. Doch beim nächsten Halt hören wir das Vibrieren wieder. Muss wohl doch etwas am Sprinter sein. Es stellt sich heraus, dass das Vibrieren aus dem Elektrikkasten unter dem Fahrersitz kommt. Eines der Relais vibriert heftig. Was soll das denn?
Wir fahren an eine Tankstelle und erklären das Problem. Dort kann man uns zwar nicht weiterhelfen. Aber man weiß uns eine Boschwerkstatt zu nennen, die uns mit dem Elektrikproblem weiterhelfen kann. Diese finden wir dann auch und wollen unser Problem demonstrieren. Natürlich rührt sich jetzt nichts, aber ich beschreibe das Problem und verweise beharrlich auf das Relais. Ein fachkundiger Elektriker sieht sich das Relais an und stellt fest, dass ein weißes Kabel dorthin führt und es sich um eine Modifikation handeln muss. Alle werksseitig verbauten Kabel sind schwarz oder rot (für Plus und Minus).
Also erkläre ich sämtliche Umbauten elektrischer Natur, was bei uns allein schon wegen der Solaranlage nicht wenige sind. Außerdem fällt mir unsere zusätzliche Pressluftfanfare ein, die ich nach dem Wassereinbruch erfolglos zu reparieren versucht hatte. Sie stellt sich schließlich auch als das Corpus Delicti heraus. Ich beschreibe ausführlich die Funktionsweise der komplizierten Schaltung, denn wir haben oben beim Bett noch einen zusätzlichen Knopf, über den wir die Fanfare betätigen können, wenn sich jemand an unserem Wagen zu schaffen machen sollte, während wir darin schlafen. Die Fanfare geht dann ununterbrochen, bis man den Zündschlüssel ins Schloss steckt und auf Zündung dreht.
Nach zwei Stunden Tüfteln und Testen funktioniert dann unsere Fanfare endlich wieder. Was für ein schönes und lange nicht gehörtes Geräusch! Aber am Relais selbst war anscheinend nichts, oder vielleicht doch?
Alles selbst noch schnell getestet, für gut befunden, bezahlt und endlich nach Göreme. Auf dem dortigen Parkplatz suchen wir uns eine Ecke, stellen den Sprinter ab und machen den Motor aus. Und da ist es auf einmal wieder, das vertraute, weithin deutlich hörbare Geräusch unserer Fanfare – allerdings einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die Touristen ringsum verdrehen die Köpfe und rollen mit den Augen. Wie peinlich, was jetzt? Motor wieder angelassen, und Gott sei dank hört das Hupen auf. Aber lösen tut das unserer Problem natürlich nicht. Ist also doch auch etwas mit dem Relais.
Also zurück zur Werkstatt. Artig schrillt die Fanfare, als wir den Motor abstellen. Wenigstens das. Der Elektriker rauft sich beinahe die Haare und nimmt sich des Relais an. Er vertauscht zwei der Relais und meint, nun müsste es funktionieren. Für wie blöd hält der uns? Er hat wohl keine Lust mehr und möchte endlich Feierabend machen. Wenn tatsächlich etwas mit dem Relais ist, dann müssten wir nun ja an anderer Stelle ein Problem haben.
Nach langer Diskussion kaufen wir ein Ersatzrelais, damit wir uns nicht gleich das nächste Problem ins Haus holen. Aber auch mit dem Ersatzrelais tritt unserer Problem gleich wieder auf, als wir aus der Werkstatt herausfahren und am Straßenrand nochmals testweise den Motor abstellen. Es muss also doch noch etwas anderes ein. Widerwillig muss sich der Elektriker des Problems wieder annehmen, und nach langem Hin und Her findet er tatsächlich die Ursache. Das weiße Kabel war an einer versteckten Stelle von einer Werkstatt in Gingen bei Göppingen („direkt an der B10“) nicht sachgemäß verlötet worden. Im Laufe der Zeit hatte dies zu einem Wackelkontakt und der Fehlfunktion des Relais geführt. Aber immerhin funktioniert unsere Fanfare jetzt endlich wieder, und zwar wenn wir es wollen!

Anatolien

Und am Abend erreichen wir tatsächlich auch noch Göreme.

Ruinenstadt Olympos und Chimaira

Wir befinden uns an der türkischen Riviera, genauer gesagt an der Ostküste Lykiens. Hier findet sich versteckt in den Urwäldern einer kleinen Schlucht, die zur rund drei Kilometer langen Bucht von Çıralı hin ausläuft, die antike Ruinenstadt Olympos.

Da wir keine Lust haben, Eintritt zu zahlen, steigen wir vom Strand aus durch ein Loch im Bretterzaun vor einem inoffiziellen Nebeneingang. Schlagartig finden wir inmitten des Urwalds und der ersten Ruine wieder. Eine Zweimeterschlange spürt unser Auftreten und verkrümelt sich wenige Schritte vor uns ins dichte Gestrüpp. Wir kommen uns vor wie in einem Indiana-Jones-Film, irren und stolpern durch die menschenleeren Ruinen, bis wir auf einen offiziellen Pfad stoßen. Selbst hier treffen wir immer noch auf keine Menschen, da wir uns nach wie vor in einem sehr abgelegenen Teil der Ruinenstadt befinden. Und trotz der nun vorhandenen Beschilderung kommen wir immer wieder vom Weg ab, durch kaum berührte Bereiche, durch ein Flussbett, in dem sich Frösche sonnen, vorbei an einem Theater, einem römischen Bad und steinernen Sarkophagen.

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Olympos

Ja, und zum Schluss werden wir auch noch mit einem traumhaften Ausblick über die wunderschöne, wenn auch nicht ganz einsame Bucht verwöhnt:

Olympos

Eigentlich wäre das für diesen Tag ja schon genug, aber es soll noch besser kommen, denn es steht ja noch die Chimaira auf dem Programm. Die Chimaira ist seit ewigen Zeiten brennendes Feuer, gespeist durch austretendes Ergas an den Hängen des Olymp. Ja, einen Berg solchen Namens gibt es hier auch, und wie die Türken sagen, gab es ihn hier schon, bevor die Griechen selbst ihren Olymp so benannten und das ewige Feuer zum Symbol der Olympischen Spiele machten. Die Griechen streiten das natürlich ab. Als Türke sollte man das Thema einem Griechen gegenüber besser nicht ansprechen! Wie dem auch sei, es ist ein wahrhaft mystischer Ort, und wir finden es außerordentlich praktisch, dass wir uns hier mal nicht um’s Feuermachen kümmern müssen!

Chimaira

Chimaira

Chimaira

Chimaira

Dünen von Patara

Wer die Dünen von Arcachon in Frankreich beeindruckend, aber touristisch zu überlaufen findet, wird die Dünen von Patara im türkischen Lykien lieben. Wir zweigen vom Weg an den Strand ab, fahren durch den winzigen Ort einen Hügel hinauf, durch ein kleines Wäldchen zurück in Richtung Küste, und landen an einem grandiosen Aussichtspunkt. Von diesem hochgelegenen Platz, auf dem wir in der Nacht auch campen werden, eröffnet sich ein atemberaubender Blick über eine weite Landschaft aus sanft geschwungenen Dünen in der wohl noch unberührtesten Bucht der türkischen Südküste.

Wenn in den achtziger Jahren nicht einige wildentschlossene Naturschützer für die Erhaltung dieses Gebietes wegen der dort ihre Eier ablegenden Meeresschildkröten gekämpft hätten, dann würden hier heute ein Hotel neben dem anderen stehen und die Dünen längst zerstört sein, wie es an vielen anderen Orten der türkischen Südküste geschehen ist. Und Schildkröten würde es hier natürlich auch nicht mehr geben.

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Dünen von Patara

Felsbrocken

Düne

Sprinter

Sinterterrassen von Pamukkale

Die Sinterterrassen von Pamukkale sind für uns das erste der vielen Naturphänomene, die es in der Türkei zu bestaunen gibt. 35 Grad warmes, kalkhaltiges Wasser überströmt einen breiten Hang, kühl dabei ab und bildet durch die Kalkablagerungen poolartige Terrassen, und Wellenmuster wie das Meer im sandigen Untergrund. Das Sonnenlicht taucht den Hang in gleißendes, weißes Licht wie im Winter der Schnee.

Dass wir heute dieses Phänomen wieder in nahezu ursprünglicher Form bestaunen können, verdanken wir den einsichtigen Türken. Mit dem aufkommenden Tourismus waren am oberen Rand des Plateaus Hotels gebaut worden, die den Anblick verschandelten und den Terrassen das Wasser abgruben. Schmutz lagerte sich ab und verwandelte das Weiß der Terrassen in ein schmutziges Grau. Ende der neunziger Jahre setzte dann das Umdenken ein und die Hotels wurden radikal abgerissen. Heute erstrahlen die Terrassen wieder in ihrem alten Glanz.

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Sinterterrassen von Pamukkale

Pergamon

Der Name Pergamon ist uns geläufig durch das Pergamonmuseum in Berlin, in dem der namensgebende Pergamonaltar aufgebaut ist. Von der hoch auf einem Bergplateau gelegenen Akropolis stehen heute nur noch einige Säulen, und der gigantische Pergamonaltar befindet sich eben leider nicht dort. Daher beeindruckt uns mehr das riesige und in den steilen Hang gebaute Theater, das rund 10.000 Menschen Platz und einen schwindelerregenden Ausblick bot.

Pergamon

Begegnungen

Ein Stück hinter Troja haben wir am Strand übernachtet und am frühen Morgen eine weitere antike Ruinenstadt besichtigt. Auf dem kleinen Parkplatz sind wir die Einzigen, nutzen die Ruhe für ein Frühstück und sortieren die neuesten Fotos.
Währenddessen fährt ein Wohnmobil mit deutschem Kennzeichen auf den Parkplatz – das erste, das wir seit langer Zeit gesehen haben. Ein Ehepaar mittleren Alters steigt aus und geht die Ruinen besichtigen. Kurz darauf kommt der Mann an unseren Sprinter und verwickelt uns in ein Gespräch. Er fragt uns, ob wir wüssten, was für ein Baum das nebendran sei und klärt sogleich auf, dass es sich um eine Besonderheit der hiesigen Gegend, eine trojanische Eiche handele. Er wisse das, weil er viele Jahre lang Biologielehrer war – ein altes Leiden, alles bestimmen zu müssen.
Schön, denken wir, und unterhalten uns mit ihm und seiner inzwischen hinzugekommenen Frau über dieses und jenes. Mitten im Gespräch drückt er mir unvermittelt eine Bücherliste des WOMO-Verlags in die Hand mit dem Kommentar, hier gebe es mal etwas Anständiges zu lesen. Vor unserer Reise noch sagte uns der Verlag überhaupt nichts. Erst durch andere Womobilisten hatten wir nach und nach erfahren, dass die Wohnmobilreiseführer des Verlags als die besten Stellplatzführer für Europa gelten. Schön denke ich und erkläre knapp, dass wir so ein Ding bisher auch nicht gebraucht und trotzdem fast immer einen schönen Platz gefunden haben, und stecke die Liste weg.
Da kommt ein zweites Wohnmobil auf den Parkplatz gefahren. Ein deutsch-türkisch-italienisches Paar steigt aus und gesellt sich zu uns. Sie haben den Türkeiführer des WOMO-Verlags in der Hand und begrüßen die anderen beiden, die gerade im Gehen begriffen sind. Dabei fällt der Name Schulz, und ständig ist vom WOMO-Verlag die Rede. Schließlich stellt sich heraus, dass sie die Gründer des WOMO-Verlags sind – so klein kann die Welt sein!

Begegnungen

Begegnungen

Begegnungen

Begegnungen

Wir unterhalten uns noch eine Weile, bis wir uns dann einer nach dem anderen verabschieden und auf zu den nächsten Sehenswürdigkeiten machen. Da wir die gleiche Route haben, treffen wir uns nach und nach alle wieder und fahren bis mittags ein Stück in Kolonne. Als es Zeit zum Mittagessen ist, beschließen wir, gemeinsam zu essen und machen uns auf den Weg in ein kleines Hafenstädtchen. Dort essen wir fürstlich und erfahren unter anderem einige interessante Dinge über das Verleger- und Autorendasein.

Schließlich trennen sich unsere Wege dann wieder und wir fahren weiter auf unserer Route, während sich die anderen eine weitere antike Ruinenstadt ansehen. Abends finden wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang wieder ein schönes Plätzchen am Strand. Wir haben uns gerade in den Sand gesetzt und die ersten Schlücke aus der Bierdose genommen, da hören wir eine bekannte Stimme hinter uns – es ist die von Reinhard Schulz, und er hat seine Frau Waltraud und das deutsch/türkisch-italienische Paar mit den wohlklingenden Namen Perin, was übersetzt „Deine Fee“ heißt, und Mario im Schlepptau. Wieder einmal haben wir zufällig einen Stellplatz gefunden, der in den WOMO-Reiseführern beschrieben ist.

Gemeinsam verbringen wir einen unvergesslichen Abend. Perin ist Ärztin der Homöopathie, liebt ihren Beruf und singt leidenschaftlich türkische Lieder und Mantren. Sie hat eine wunderschöne, weiche Stimme. Mario ist ebenfalls Musiker und komponiert seine eigenen Stücke. Die beiden geben uns ein herzergreifendes Konzert, und wir sind voll und ganz gerührt. Diesen Abend werden wir nie vergessen!

Begegnungen

Begegnungen

Begegnungen

Am nächsten Morgen heißt es wieder einmal Abschied nehmen. Doch werden uns die Vier nicht gehen lassen, ohne uns etwas mit auf den Weg zu geben. Reinhard und Waltraud schenken uns eine signierte Ausgabe des WOMO-Reiseführers Türkei, verbunden mit der Einladung, dass wir bei ihnen zu Hause jederzeit herzlich willkommen sind und den hauseigenen, bestens ausgestatteten Wohnmobilstellplatz nutzen dürfen. Von Mario und Perin bekommen wir jeweils eine signierte CD überreicht mit den besten Wünschen für unsere Reise. Wir sind zutiefst gerührt und machen uns schweren Herzens wieder auf den Weg.

Begegnungen

Troja

Das sagenumwobene Troja bildet den Auftakt unserer Rundfahrt durch die zahllosen antiken Stätten der Türkei. Auf dem Weg dorthin halten wir in einem kleinen Ort, um einen türkischen Cai (schwarzen Tee) zu trinken, und damit ich eine Zigarette rauchen kann.
Ich lege meine Tabakdose auf den Tisch und drehe mir eine. Das weckt in fernöstlichen Ländern meist reges Interesse, weil man es dort nicht oder nur vom Rauchen illegaler Substanzen her kennt. So auch hier, denn der Wirt bittet mich, dass ich ihm auch eine drehe. Also drehe ich eine, und das ruft gleich den Nächsten auf den Plan. Also drehe ich auch ihm eine. Wenig später verschwindet er in seinem nebenan befindlichen Reisebüro und kommt mit einer Einkaufstüte voll mit Tabak und einer riesen Packung Zigarettenhülsen zurück. Er macht mir eine fertig und gibt sie mir zu rauchen. Dabei klopft er mit der flachen Hand auf seine Brust, tut dabei so, als ob er husten würde, und macht mit der anderen Hand kreisende Bewegungen um seinen Kopf, um mir klar zu machen, dass sein Tabak stärker ist, als meiner. Das wundert mich nicht, denn ich rauche lieber leichte Tabake und gehe stärkeren nach Möglichkeit aus dem Weg. Geht aber nicht in so einer Situation! Also rauche ich eine von seinen und muss mich wirklich beherrschen, dass ich nach ein paar Zügen nicht das Husten anfange.
Während des Rauchens unterhalten wir uns über Christianes und meine Reise durch die Türkei und wo es noch hingehen soll. Wir zählen ihm Troja und einige andere Orte auf, die uns gerade einfallen. Während dessen macht der Reisebürobesitzer die nächste Zigarette fertig und legt sie mir hin mit dem Kommentar, dass die für Troja ist und ich sie rauchen muss, wenn ich dort bin, und dabei an ihn denken. Ich bin mäßig begeistert, lasse es mir aber nicht anmerken und erzähle weiter.
Während dessen macht er die nächste fertig, legt sie mir ebenfalls hin und erklärt, diese sei für Izmir. Oh Gott denke ich, wir hätten nicht so viele Orte aufzählen sollen! Und er macht dann auch munter weiter. Am Ende habe ich fünf Zigaretten vor mir liegen, die ich unterwegs alle rauchen muss. Vielleicht gewöhne ich mir das Rauchen dann ja ab! Aber jedenfalls werde ich mich auch immer freuen, wenn ich an den Reisebürobesitzer zurückdenke.

Raucher

Im Übrigen haben wir zu den beiden Tees, die wir bestellt und bezahlt hatten, im Laufe der Zeit noch weitere vier hinzugeschenkt bekommen. Soviel zur türkischen Gastfreundschaft. Da können wir Deutsche uns mal ein Beispiel daran nehmen!

Vielen ist es nicht bekannt, aber die Türkei hat eine unglaublich bewegte Kulturgeschichte, und es sind in der ganzen Türkei unzählige Monumente verschiedenster Kulturen erhalten, die davon Zeugen. In deutschen Ohren hat Troja wohl den schillerndsten Namen unter den hiesigen antiken Stätten. Schließlich war es der deutsche Kaufmann Heinrich Schliemann, der seine Lebensaufgabe und seine Finanzen der Entdeckung und Ausgrabung Trojas widmete. Schliemanns archäologische Methoden unterschieden sich jedoch kaum von Grabräuberei. Unter Schliemanns Regie entbehrten die Ausgrabungen jeglicher Systematik, und so wurde Troja weitgehend zerstört. Die Funde wurden nach Berlin entführt. Erst Schliemanns Nachfolger entwickelten nach und nach systematischere, archäologische Methoden und retteten somit das, was von Troja heute noch übrig geblieben ist. Außerdem legten sie damit den methodischen Grundstein heutiger, moderner Archäologie.

Troja

Troja

Troja

Troja

Troja

Obwohl Rauchen in Troja verboten ist, habe ich übrigens natürlich die Zigarette vom Reisebürobesitzer mit hineingeschmuggelt und heimlich geraucht. In so einem Fall muss man ja mal eine Ausnahme machen. Für den Tag hatte ich danach vom Rauchen allerdings genug!

Raucher

Istanbul

Nach stundenlangem Straßenkampf unter annähernd anarchistischen Bedingungen erreichen wir einen von zwei noch übrig gebliebenen Campingplätzen in Istanbul. Wenn man auf den rechtsfreien Raum auf den Straßen von Istanbul vorbereitet ist, kommt man mit dem Verkehr gut klar, aber nicht, wenn man neu in der Stadt ist und noch den Verkehrsregeln Beachtung schenkt. Verkehrsregeln gelten nicht in türkischen Großstädten! Hier gilt das Recht des Entschlosseneren. Soll heißen, wenn man beispielsweise die Spur wechseln will, zieht man einfach rüber, egal ob einer kommt oder nicht.
Wir hatten den Campingplatz schon im Vorbeifahren gesehen. Allerdings gab es keine Möglichkeit mehr, von der beidseitig vierspurigen Hauptverkehrsader, die in das Herz Istanbuls führt, abzufahren. Stattliche anderthalb Stunden und viele Nerven kostete es uns, um wieder an die richtige Abfahrt zurückzukommen.
Wir passieren die Einfahrt des Campingplatzes und landen auf einem kleinen, gewöhnlichen Parkplatz. Keine Spur von Campingplatz weit und breit, aber es stehen vier Wohnmobile dort, umringt von parkenden Autos. Ich steige aus und laufe hinüber zu einem alten Mercedes-Bus mit der Aufschrift „Salzburg-India-Tour 2007“. Ich erkundige mich, wo es hier zum Campingplatz geht und erhalte von einer freundlichen Österreicherin die Auskunft, dass wir uns mitten auf selbigem befinden.
Nun gut, dann ist das hier wohl tatsächlich der Campingplatz. Wir stellen uns neben die Salzburger an eine Mauer. Auf der anderen Seite der Mauer ist eine Privatuniversität. Ständig fahren Autos über den Parkplatz zur selbigen und anders herum wieder heraus. Auf der gegenüberliegenden Seite ist eine Fußballhalle mit drei Plätzen, auf denen leidenschaftlich gekickt wird. Und ein Stück weiter davor ist eine Kartbahn, auf der sich die Hobbypiloten heiße Rennen liefern. Als Toiletten und Duschen sind diejenigen mitzubenutzen, die zur Fußballhalle beziehungsweise Kartbahn gehören. Und wie man sich vorstellen kann, sind sie reichlich heruntergekommen und verdreckt. Na prima, das kann ja heiter werden.
Aber zumindest ist der rund um die Uhr bewachte Campingplatz bei fünfzehn Euro pro Tag für zwei Personen mit Fahrzeug verhältnismäßig günstig, und der andere Campingplatz soll noch schlimmer sein. Außerdem ist es nur ein kurzer Fußweg bis zur Metro. Und wir freunden uns gleich am ersten Abend mit den beiden Salzburgern Eva und Harry an, die seit vielen Jahren über Winter nach Indien fahren, mit Kleidern für die Kinder eines Waisenhauses im Gepäck. Sie lieben das Land über alles und wecken auch in uns die Sehnsucht, Indien endlich kennen zu lernen.

Istanbul

Da wir ohnehin unentschlossen sind, ob wir Afrika oder Asien zuerst bereisen sollen, erkundigen wir uns am folgenden Tag nach den erforderlichen Visa, um nach Indien zu gelangen. Wegen des Ramadan werden für die nächsten gut zwei Wochen jedoch nicht alle Visa zu bekommen sein.
Wir sind hin und her gerissen, entscheiden uns aber, Afrika dann doch vorzuziehen. Das vorerst notwendige Visum für Syrien erhalten wir innerhalb weniger Stunden, nachdem wir uns zuvor ein Empfehlungsschreiben des Deutschen Konsulats in Istanbul besorgt haben. Das hätte man uns beinahe nicht ausgestellt, da man offiziell keine Empfehlungsschreiben mehr herausgibt. Glücklicherweise hatte ich am Tag zuvor jedoch beim Sekretariat des Vizekonsuls angerufen und eine mündliche Zusage erhalten.
Mit dem syrischen Visum in der Tasche kommen wir schon einmal bis Ägypten, denn das jordanische Visum gibt es problemlos an der Grenze. In Kairo sollen dann alle weiteren notwendigen Visa erhältlich sein, um bis nach Südafrika zu kommen. Außer den sudanesischen und äthiopischen Visa bekommt man alle übrigen an der jeweiligen Landesgrenze.

Kommen wir zum Eigentlichen: Istanbul. Die Stadt liegt zu beiden Seiten des Bosporus auf der Landzunge zwischen Schwarzem Meer und Marmarameer, das seinerseits eine Art Nebenbecken des Mittelmeers ist. Der Bosporus ist die natürliche Verbindung der beiden Meere und bildet die Grenze zwischen Europa und Asien. Die Kulturen beider Kontinente mischen sich hier wie an keinem anderen Ort. Wie könnte man die Stadt am besten mit wenigen Attributen beschreiben? Quirlig, multikulturell, traditionell und modern – sehenswert! Die Lebendigkeit dieser Stadt und die einzigartige Mischung fernöstlicher und westlicher Kultur lassen sie jeden Besucher unweigerlich in ihren Bann ziehen. Von Istanbuls Pflichtprogramm sehen wir uns die Blaue Moschee, die Hagia Sophia, den große Basar und den Gewürzbasar an. Ansonsten bewegen wir uns kreuz und quer durch die ganze Stadt.

Die Blaue Moschee verdankt ihren Namen den blauen Mosaiken, die ihr Inneres zieren. Auch bei ihrem Äußeren gibt es eine Besonderheit: Die Blaue Moschee hat sechs Türme beziehungsweise Minarette. Im Allgemeinen haben Moscheen nur ein Minarett und nur selten zwei oder vier. Allerdings bekommt man die sechs Minarette der Blauen Moschee vom Erdboden aus nicht alle ins Bild. Deshalb braucht ihr auf den folgenden Bildern nicht nachzuzählen. Und nach den blauen Mosaiken müsst Ihr auch nicht suchen, denn sie liegen sehr schattig, und man kann sie nur mit Blitz vernünftig fotografieren. Einige machen das, aber aus Respekt vor den Betenden verzichten wir darauf. Wir finden die Fenster und Kuppeln der Blauen Moschee ohnehin beeindruckender.

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Die Hagia Sophia besichtigen wir nur von außen. Sie steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur Blauen Moschee und hebt sich durch ihre rötliche Farbgebung von anderen Moscheen ab. Sie ist von einem kleinen Park umgeben, den die Menschen als Ruheoase nutzen.

Istanbul

Istanbuls Großer Basar ist der größte überdachte Basar der Welt. Der Basar gleicht einer Stadt in der Stadt, die alles für den täglichen Bedarf bietet. Leicht kann man sich hier in den unzähligen, verwinkelten Gängen verlaufen. Da wir in unserem Sprinter ohnehin keinen Platz haben, beschränken wir uns auf ein paar Tassen türkischen Cais, dass heißt herb-aromatischen schwarzen Tees, der das türkische Nationalgetränk ist (Nein, es ist nicht Ayran!), und auf die Nutzung eines offenen Funknetzes zum Lesen unserer E-Mails. Ja, auch die orientalischen Märkte gehen mit der Zeit.

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Der Gewürzbasar bietet, man kann es raten, Gewürze verschiedenster Art und in buntesten Farben. Eine noch größere Versuchung sind allerdings die Berge süßer Leckereien wie türkischer Nougat in allen möglichen Variationen. Wir können nicht widerstehen und decken uns mit einem reichlichen Vorrat davon ein.

Istanbul

Doch die Stadt hat noch viel mehr zu bieten als die ausgewiesenen Sehenswürdigkeiten. Die Angler auf der Galatabrücke und das Handwerkerviertel beispielsweise.

Angeln ist in der Türkei so eine Art Volkssport. Hunderte von Anglern stehen auf und in der Nähe der Galatabrücke, die das Goldene Horn überspannt.

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Istanbul

Besorgungen in Istanbul funktionieren anders, als man es bei uns kennt. Zunächst einmal plant man in Istanbul maximal zwei Dinge pro Tag ein, die man zu erledigen hat, weil die Stadt so riesig ist und es trotz Metro auch schon mal drei Stunden dauern kann, bis man vom einen Ende der Stadt in irgendeinen Winkel des anderen gelangt ist. Außerdem bekommt man in Istanbul zwar grundsätzlich alles, aber außer Lebensmitteln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs sind viele Arten von Geschäften stadtviertelweise konzentriert. So zum Beispiel muss man in das Handwerkerviertel gehen, wenn man irgendwelches Werkzeug braucht. Dort aber gibt es dann alles im Überfluss.

Istanbul

Istanbul

Apotheken gibt es natürlich in der ganzen Stadt. Viele von ihnen entsprechen westlichem Standard und bieten die ganze Bandbreite von Medikamenten, aber zu beinahe paradiesisch günstigen Preisen. Hier kann der Reisende richtig Geld sparen. Man muss lediglich die Wirkstoffe der gesuchten Medikamente kennen, denn die vertrauten Medikamentennamen und -hersteller sucht man oft vergeblich. Außerdem sind die Beipackzettel meist nur in türkischer Sprache verfasst, weshalb man sich vom Apotheker genau beraten lassen sollte, wenn man die Dosierungen und Nebenwirkungen nicht kennt. Wir jedenfalls komplettieren unsere Reiseapotheke mit allem, was wir nicht für so vordringlich hielten, dass wir es schon in Deutschland hätten besorgen müssen.

Kommen wir zu guter letzt noch zu den Schuhputzern. Auch sie verleihen dem Stadtbild ihre Prägung, und ich gehe einem Schlitzohr unter ihnen auf den Leim. Als Vielreisender lernt man ja nach und nach alle möglichen Tricks der Touriabzocke kennen, indem man auf sie hereinfällt. Doch man ist nicht davor gefeit, dass es einen ab und zu doch wieder erwischt.
Vor allem, wenn man gerade auf das Verschlingen eines Döners konzentriert ist. Wie ich so gerade in einen ihrer Artgenossen hinein beiße, kommt ein Schuhputzer vorbei und verliert vor unseren Füßen seine Bürste. Dressiert und höflich wie man ist, ruft man ihm hinterher und macht ihn darauf aufmerksam, dass er sein Handwerkszeug verloren hat, hebt es ihm sogar auf und reicht es ihm noch hin. Ein überglücklicher Schuhputzer strahlt übers ganze Gesicht und bedankt sich ausschweifend dafür, dass es noch so höfliche Menschen gibt und bietet an, jenem dafür die Schuhe zu putzen. Meine sehen ohnehin nicht mehr ganz so aus wie früher, als sie noch von Muttern geputzt wurden. Also lasse ich ihn seiner Berufung nachgehen, als mir dann endlich die Schuppen von den Augen fallen und mir in den Kopf schießt, dass er die Bürste natürlich nicht versehentlich verloren hat.
Aber er hat das Spiel gewonnen, und ich will ihm eine türkische Lira für seinen zweiminütigen Arbeitseinsatz geben. In Istanbul bekommt man für eine türkische Lira immerhin einen Döner. Der Schuhputzer ist sich prinzipiell auch nicht zu schade, Geld anzunehmen. Allerdings will er mir erzählen, dass eine türkische Lira „very very klein“ ist und nur soviel wie 5 Euro-Cent. (Tatsächlich sind es über 60 Cent.) Nach langwierigem Hin- und Herdiskutieren frage ich ihn, was denn seine Preisvorstellung sei. Fünf Euro hielte er für angemessen. Da platzt mir der Kragen, ich drücke ihm die Lira in die Hand und mache ihm klar, dass er sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen soll, bevor ich es mir anders überlege.
Ansonsten bleiben wir aber ziemlich unbehelligt in der Stadt. Wir werden nur gelegentlich von Verkäufern auf die übliche Art angesprochen („How are you?“, „Where are you from?“, „First time in Istanbul?“), die keinem anderen Zweck dient, als einen in ein Gespräch zu verwickeln, das sich dann sehr schnell zum Verkaufsgespräch entwickelt. Wenn man hierzulande klar sagt, dass man nicht interessiert ist, wird man in Ruhe gelassen und nicht weiter belästigt, wie das in anderen Ländern leider manchmal der Fall ist. Nein, vielmehr fühlen wir uns richtig wohl in der Stadt und unter ihren Bewohnern.

Fazit Griechenland

In den vergangenen gut drei Wochen haben wir Teile des Nordwestens und der Insel Peleponnes sowie einen großen Teil der nordöstlichen Küste von Griechenland gesehen. Auf einer der griechischen Inseln waren wir also nicht und können darüber auch kein Urteil fällen.
Der Nordwesten von Griechenland ist geprägt durch das sehr schöne Pindosgebirge. Die Vikosschlucht, die tiefste Schlucht der Erde ist atemberaubend, und eine ausgedehnte Wanderung hätte sich mit Sicherheit gelohnt, war uns aber nicht vergönnt.
Im Westen der Peleponnes gibt es noch natürliche Sandstrände, teilweise mit Dünenlandschaften wie an der Nordsee. Allerdings erobert das Meer seit Jahren die Sandstrände zurück, wie wir erfahren. Die Ursache dafür kennen wir nicht, aber vielleicht wird in ein, zwei Jahrzehnten von einigen Stränden nicht mehr viel übrig sein.
Daneben wird die Landschaft dominiert von endlosen Olivenhainen, die schön anzusehen sind, besonders in den Abendstunden, wenn die Blätter der Olivenbäume in der Sonne silbrig glänzen und mit den in goldenes Licht getauchten, trockenen Grashalmen um die Wette strahlen. Auf die Dauer können Olivenhaine allerdings auch ganz schön eintönig sein. Aufgelockert werden sie auf der Peleponnes nur durch eine etwas abwechslungsreichere Vegetation im Inselinneren. In den dortigen Mittelgebirgen sieht man ab und zu auch Tannen und andere Pflanzen. Teilweise führen noch wilde Schotterpisten als einzige Verbindungen zwischen den weit auseinander liegenden Ortschaften durch das bergige Land, die für das Auge eine wahre Wohltat gegenüber dem gewohnten Asphalt sind. Es wäre schön, wenn man so etwas noch in Deutschland finden würde.
Athen kann man getrost vergessen: Das weiße Häusermeer ist von oben schön anzusehen, aber die Stadt erstickt im Verkehr. Thessaloniki fanden wir etwas entspannter, aber zum Verweilen eingeladen hat auch diese Stadt uns nicht.
Die drei Finger Kassandra, Sithonia und Athos der Halbinsel Chalkidiki, die bei Thessaloniki beginnt, sind noch sehr ursprünglich und unverbaut. In zahlreichen Buchten gibt es feinen, hellgelben Kiessand, durch den das kristallklare Wasser in den schönsten Grün- und Blautönen leuchtet.

Die Griechen sind überwiegend freundlich, teilweise aber auch recht arrogant und desinteressiert. Zumindest sind sie aber nicht ganz so abgestumpft wie die Kroaten. Was die Hilfsbereitschaft angeht, ist das Bild ambivalent. Einige Griechen sind sehr aufmerksam und bieten ihre Hilfe an, andererseits hatte von zehn Autos nur eines gehalten, als wir unsere Panne hatten.
Am Steuer sind die Griechen meist sehr energisch bis aggressiv. Entspanntes Cruisen ist fast nicht möglich, ständig wird man bedrängt.
In den Küstenorten werden die Touristen beim Essen meist ziemlich abgefertigt. Preis und Leistung stimmen nicht. Wenn wir Essen gehen, dann möchten wir nicht nur satt werden, sondern auch genießen. Das betrifft das Essen selbst, vor allem aber auch die Zeit, die wir uns zum Essen nehmen möchten. Selbst die griechischen Salate waren oft lieblos, so dass wir sie uns am Ende lieber selbst gemacht haben.
Außerdem wird beim Brot und beim Wasser mittlerweile abkassiert. Man bekommt es wortlos auf den Tisch gestellt, und selbst wenn man nichts davon nimmt, wird versucht, es dem Gast auf der Rechnung unterzuschieben. Außerdem zahlt man in einigen Tavernen mittlerweile auch für das Gedeck. Da liegen insgesamt schnell bis zu fünf Euro mehr auf dem Tisch, was bei einem Essen für 25 Euro stolze 20 Prozent ausmacht. Es sei aber ausdrücklich erwähnt, dass es natürlich auch noch wohltuende Ausnahmen unter den griechischen Tavernen gibt!
Und wie sieht es bei den Griechen untereinander aus? Wie wir aus mehreren, auch einheimischen Quellen gehört haben, herrschen unter Griechen oftmals Neid und Missgunst. Da werden die Besitzer erfolgreicher Tavernen bis zur Geschäftsaufgabe schikaniert, da werden von Bauern die Olivenbäume des Nachbarn abgefackelt, weil dieser mehr davon hatte.
Und wir finden es sehr bedauerlich, wie die Griechen mit ihrem Müll umgehen: Kein gut erreichbarer, schöner Ort in der Natur, der nicht voller Abfall wäre. Sicher, bei uns wäre das auch so, wenn öffentliche Plätze nicht ständig gereinigt würden, aber zumindest werden sie gereinigt.

Sithonia auf Chalkidiki

Thessaloniki war netter als Athen, aber zum Verweilen eingeladen hat auch diese Stadt uns nicht. Doch bei Thessaloniki beginnt die Halbinsel Chalkidiki, die aus drei Zungen besteht, die die Griechen Finger nennen: Kassandra, Sithonia und Athos. Die drei Finger sind noch sehr ursprünglich und unverbaut. In zahlreichen Buchten gibt es wunderschöne Strände.

Am unteren Ende von Sithonia finden wir eine malerische Bucht mit einer kleinen Insel und feinem, hellgelbem Kiessand, durch den das kristallklare Wasser in den schönsten Grün- und Blautönen leuchtet.

Sithonia auf Chalkidiki

Und um das Glück perfekt zu machen, gibt es dazu auch noch eine richtig coole Strandbar. Die Tarnnetze sehen zwar etwas militant aus, erzeugen aber ein superangenehmes Wechselspiel aus Licht und Schatten. Na ja, und die etwas überteuerten Gin Tonics, die wir uns genehmigt haben, wollen wir natürlich auch nicht verschweigen.

Sithonia auf Chalkidiki

Sithonia auf Chalkidiki

Athen

Auf einer mächtigen Autobahn ging es am Vortag in die riesige Metropole Athen. Auf der Suche nach Athens einzigem Campingplatz nahmen wir eine Ausfahrt zu früh und verirrten uns hoffnungslos in der an sich schon riesigen Hafenstadt Pireas. Die Gelegenheit nutzten wir, um ein paar lange geplante Besorgungen zu erledigen. Dabei erhielten wir auch den ersten Hinweis, in welche Richtung es wohl weiter gehen könnte: ca. 5 km geradeaus, dann bei der zweiten Brücke links abbiegen, dann irgendwann nochmal links und dann wieder rechts, alles klar! Gefunden haben wir den Campingplatz natürlich nicht.
Aber da wir unterwegs an der Autobahn vorbeigekommen waren, hatten wir zumindest einen weiteren Anhaltspunkt. Wir arbeiteten uns mühselig durch das Verkehrschaos zurück zur Autobahn und mussten raten, in welche Richtung wir auffahren mussten. Wir entschieden uns natürlich prompt für die falsche, fuhren die nächste Ausfahrt wieder raus und tüftelten uns zur Autobahnauffahrt der Gegenrichtung. Dann einige Kilometer die Autobahn entlang gewühlt, auf eine lang ersehnte, kreuzende Bundesstraße gewechselt, und nach nur wenigen weiteren Kilometern sahen wir doch tatsächlich rechts den Campingplatz an uns vorbeiziehen. Blöd nur, dass die Bundesstraße in beiden Fahrtrichtungen vierspurig war und wir natürlich ausgerechnet auf der linken Spur (alte Angewohnheit aus Audi-A3-Zeiten). Wir betrachteten das Campingplatzschild noch eine Weile im Rückspiegel, bis wir endlich von der Bundesstraße abfahren konnten. Wir landeten mitten in einem Wohngebiet und wurschtelten uns im Zickzack durch diverse Einbahnstraßen. Hm, eigentlich mussten wir doch jetzt wieder auf der Höhe des Campingplatzes sein. Also zurück Richtung Bundesstraße. Mist, zu früh, das gleiche nochmal! Nun gut, beim zweiten Mal hatte es dann endlich geklappt: Nach nur zwei Stunden hatten wir den Campingplatz erreicht!

Mit dem Bus fahren wir in die Innenstadt, um die Akropolis zu besichtigen und uns über Verschiffungsmöglichkeiten nach Afrika schlau zu machen. Wir haben zwar nicht vor, von Griechenland aus zu verschiffen, denn es wartet ja mindestens noch die Türkei, aber wir wollen herausbekommen, wie Nachforschungen in dieser Hinsicht am besten anzustellen sind, denn im Internet haben wir bisher keine vernünftige Informationsquelle gefunden.
Wie könnte es anders sein, wir steigen zu früh aus dem Bus aus, weil wir einen Hügel sehen, den wir für jenen mit der Akropolis darauf halten. Mühselig kraxeln wir hoch, um dann nach etwa einer Stunde festzustellen, dass es der falsche Hügel ist. Macht aber nix, denn das Ding ist viel höher als der mit der Akropolis, und wir werden für unseren Irrtum mit einem Rundumblick über die ganze Stadt belohnt. So it goes.
In allen Himmelsrichtungen breitet sich ein endloses, weißes Häusermeer vor uns aus, im Süden begrenzt durch das Meer und in den drei anderen Himmelsrichtungen durch einen Mittelgebirgsrücken. Sieht alles ganz toll aus von hier oben, und Blick auf die Akropolis haben wir auch. Dort sind die Touristenmassen in Form lauter kleiner, bunter Punkte zu erahnen.

Athen

Athen

Doch die Stadt an sich ist fad, wie wir feststellen, als wir von unserem Aussichtspunkt wieder heruntergetrabt sind und durch die Häuserschluchten zur Akropolis latschen: keine wirklichen Highlights, nichts wirklich Nettes, das erwähnenswert wäre oder das Bild der Stadt freundlich stimmen könnte.
Irgendwann erreichen wir dann den Akropolishügel. Er ist rundum eingezäunt, damit sich auch ja niemand um das stolze Eintrittsgeld von zwölf Euro pro Person drücken kann. Den Besuch schenken wir uns, denn wir haben die Akropolis im Grunde genommen ja schon gesehen.
Also begeben wir uns auf unsere Verschiffungsmission. In den Reisebüros werden wir bloß ungläubig angeschaut, keiner kann uns weiterhelfen. Also machen wir uns mit dem Bus auf zum Hafen. Wieder keine Highlights in der Stadt zu sehen, und das Meer ist entlang des ganzen Weges komplett zugebaut. Auch der Hafen bietet nichts Schönes. Das ist natürlich in vielen Hafenstädten so, aber Thessaloniki wird ein paar Tage später beweisen, dass es auch anders geht, mit wenigstens ein paar netten Bars und einer, zwar etwas lieblosen, aber immerhin vorhandenen Promeniermeile. Allerdings müssen wir dazu sagen, dass wir nur Athens Fähr- und Containerhafen gesehen haben, aber nicht den Yachthafen. Vermutlich ist der schöner, aber insgesamt würde es für uns am tristen Stadtbild nicht mehr viel ändern.
Leider ist unsere Mission auch im Hafen zum Scheitern verurteilt. Wir kommen einfach nicht weiter und beschließen, das grundsätzliche Thema der Verschiffung erst einmal zu vertagen. Afrika wollen wir auf dem Landweg erreichen, falls unsere Reise nicht irgendwo noch eine gänzlich andere Richtung bekommen sollte.

Athen werden wir morgen den Rücken kehren und keine Träne nachweinen.

Nafplio

Nafplio ist ein kleines, schnuckeliges Städtchen im Nordosten der Peleponnes. Verwinkelte Gässchen und ehrwürdige Häuser zieren die belebte Altstadt. Trotz allen Lebens schon tagsüber, läuft Nafplio erst am Abend zur Hochform auf. Aus den umliegenden Orten strömen dann Müßiggänger aller Altersklassen in die Restaurants und Bars und mischen sich dort mit den Touristen.

Wir essen etwas in einer „Pizzeria“, in der es, wie sich herausstellt, gar keine Pizza gibt! Ganze drei Nudelgerichte und ansonsten griechisches Essen stehen zur Auswahl. Wir haben einen langen Tag hinter uns und keine Lust, ein neues Restaurant zu suchen. Also bestellen wir zwei Nudelgerichte.
In den nächsten fünf Minuten spielt sich ein wahrer Hexenzauber ab: Drei Kellner wirbeln abwechselnd um uns herum, bringen Papiertischtuch, Gedecke, Salz und Pfeffer, Brot, Wasser, unser Bier, den als Vorspeise bestellten Salat und gleich die Nudeln hinterher. Die Rechnung wird auch sofort dazu gereicht. Essen kann so effizient sein!

Um Frust herunter zu spülen, hilft am besten ein Cocktail. Und Cocktailbars gibt es in Nafplio genug. Also machen wir uns auf die Suche nach einer vielversprechenden Cocktailbar. Die Cocktailpreise jedenfalls sind wirklich vielversprechend: neun Euro und mehr. Das müssen aber ziemlich gute Cocktails sein.
Unser Testcocktail in einer neuen Cocktailbar ist eigentlich immer eine Caipirinha. In der ersten Cocktailbar gibt es eine „Kaipirinha“ [sic] für 9,90 Euro. Wenn eine Cocktailbar Caipirinha nicht richtig schreiben kann, wie soll dann erst der Cocktail schmecken? Für knapp 20 Euro ist uns das Risiko eines Reinfalls zu hoch.
Also weiter zur nächsten Cocktailbar. Dort gibt es eine „Caipirinha“ für 8,90 Euro. Also werfen wir einen Blick auf die Zusammensetzung laut Karte: Cachaça, brauner Rohrzucker und – „Lemon Juice“? Zitrone hat in einer Caipirinha absolut nichts zu suchen, sondern Limette (engl. lime), und außerdem sollte es nicht bloßer Saft sein, sondern eine Limette in Achtel gewürfelt und dann zerstampft. Auch hier lassen wir lieber die Finger davon, bevor wir uns nachher über einen schlechten Cocktail und viel verpulvertes Geld ärgern.
Anschließend machen wir noch zwei, drei weitere Anläufe, eine ordentliche Cocktailbar aufzutreiben, aber leider erfolglos. Okay, wir haben ja noch ein paar Flaschen Wein im Sprinter.

In einem etwas abgelegeneren Teil des Hafens suchen wir uns einen Parkplatz und stellen den Sprinter gegenüber einem Brummi auf dem sonst leeren Areal ab. Der Fahrer sitzt in seiner Kabine und winkt uns freundlich zu, als wir ihm gegenüber parken. Also schnappen wir uns den Wein und gehen gleich mal rüber. Er heißt Andreas, ist Ungar und fährt häufig die Strecke über Bulgarien nach Griechenland und ansonsten durch ganz Europa. Diesmal wartet er schon seit fünf Tagen auf seine Ladung und langweilt sich fern von Heimat und Familie zu Tode. Da ist ihm die Abwechslung durch uns gerade recht.
Wir trinken ein paar Gläser von unserem Wein und von seinem Bier und versuchen, uns zu unterhalten. Leider spricht er fast kein Englisch, aber immerhin ein paar Brocken Deutsch. Und wir sprechen natürlich auch kein Ungarisch. Seine Lieblingswörter sind „Chef“, „gut“ und „nix gut“. Auch mit Zeichensprache ist es schwierig, aber wir reimen uns schon irgendwie zusammen, was er wohl meinen könnte, und er umgekehrt. Letztlich sind es der Wille, der zählt, und die Atmosphäre. Ob man tatsächlich alles richtig verstanden hat, ist da beinahe nebensächlich. Jedenfalls haben wir einen netten Abend und er zeigt uns ausführlich seinen Truck. In seiner Kabine hat er neben allen möglichen Annehmlichkeiten sogar einen Kühlschrank und eine Kaffeemaschine. Zum Abschluss verspricht er uns, dass er uns am nächsten Morgen einen richtigen ungarischen Kaffee machen wird. Der wird uns, wie sich dann herausstellt, glatt die Schuhe ausziehen, weil er so stark ist!

Nafplio

Nafplio

Ein mieser Tag

Der Tag hat gut angefangen. Nach knapp zwei herrlich entspannenden Wochen verlassen wir die kleine Wohnmobilkolonie und machen uns auf den Weg, die Insel Peloponnes zu umrunden. Zuvor waschen wir noch unseren Sprinter, der es bitter nötig hat. Er bekommt auch gleich eine Unterboden- und Motorwäsche mit dazu und erstrahlt danach wieder in altem Glanz. Doch der Schein trügt, wie sich kurz hinter Kastro herausstellen soll. Auf einmal fängt unsere Hupe an, ihren Job zu tun, allerdings ungefragt, und sie hört auch nicht mehr damit auf! Unsere Fanfare hingegen gibt keinen Mucks von sich.
Wir stellen den Motor ab, um unter der Motorhaube nach dem Rechten zu sehen. Wir vermuten, dass durch die Motorwäsche irgendwohin Feuchtigkeit gelangt ist, wo sie nicht hingehört. Bis auf den Stecker des Kabels, das unsere Starterbatterie mit Strom von den Solarpanelen versorgt, wenn die Bordbatterie voll ist, der eine Ladung Wasser abbekommen hat, ist nichts zu sehen. Das Kabel kann doch eigentlich nichts mit der Hupe zu tun haben, oder? Wir machen den Stecker so gut es geht trocken, und versuchen es noch einmal. Sofort meldet sich die Hupe wieder mit lautem Getöse.
Gut, denken wir, solange es nur die Hupe ist, können wir ja die betreffende Sicherung herausziehen und dann erst einmal in Ruhe weiterfahren, bis uns entweder eine Idee kommt oder wir bei einer Werkstatt vorbeischauen können. Gedacht, getan, ich drehe den Zündschlüssel, die Hupe gibt wie gewünscht keinen Mucks von sich, der Anlasser macht die Geräusche, die er auch sonst so zu tun pflegt, der Motor springt an – und geht wieder aus! Nochmal das Ganze, gleiches Ergebnis. Nochmal. Sch****! Muss vielleicht doch etwas mit dem Stecker zu tun haben, der immer noch nicht ganz trocken ist.
Wir versuchen es noch einmal, den Stecker trockener zu bekommen, aber immer noch mit nicht ganz zufrieden stellendem Ergebnis, und der Motor will auch weiterhin nicht anspringen. Okay, bevor wir heute Abend noch hier stehen, rufen wir lieber mal beim ADAC an. Etwa eine Stunde soll es dauern. Wir versüßen uns die Wartezeit mit weiteren Nachforschungen im Motorraum. Dann meint Christiane, wir sollten die Sicherung der Hupe wieder einstecken und es noch einmal versuchen, den Motor zu starten. Wäre das einzige, was mir im Moment noch einfiele, aber was die Sicherung der Hupe mit dem Motor zu tun haben soll? Trotzdem steckt Christiane die Sicherung wieder ein, und siehe da, der Motor läuft, aber jetzt schrillt natürlich auch die ganze Zeit wieder die Hupe! Und wie überhaupt kann die Sicherung der Hupe den ganzen Motor lahm legen?
Hm, vielleicht sollten wir einfach mal das schon erwähnte Kabel abklemmen. Tatsächlich, es hupt nicht mehr! Ich werde noch verrückt, was kann denn dieses blöde Kabel mit der Hupe zu tun haben? Wir unternehmen noch einmal einen Anlauf, den Stecker richtig trocken zu bekommen.
In der Zwischenzeit trifft die angeforderte Hilfe bei uns ein. Der Grieche, der praktischer Weise weder Englisch noch Deutsch spricht, kommt hinzu, sieht uns am Kabel herumoperieren, betrachtet es kurz, steckt die Stecker wieder zusammen und bittet uns zu versuchen, den Motor zu starten. Dass dies funktioniert, wissen wir bereits, aber nun ertönt auf einmal auch die Hupe nicht mehr! Okay, wir verstehen wohl doch zu wenig von Autos und werden es wohl auch nie so richtig. Der Grieche freut sich über seine gelungene Reparatur, lässt uns über den freundlichen Mann des ADAC aber raten, doch sicherheitshalber eine Werkstatt aufzusuchen. Es könnte noch woanders ein Problem geben. Den Verdacht haben wir den Gesetzen der Logik folgend ohnehin. Dass die Hupe nicht mehr ertönt, nachdem wir den Stecker des Kabels abgetrocknet haben, erscheint uns nicht unbedingt plausibel, sondern eher ein Zufall.
Als wir einsteigen, fällt uns auf, dass rostiges Wasser vorne rechts an der Naht zwischen Karosse und Hochdach ausgetreten ist. Das ist doch wie verhext! Das erste Problem wahrscheinlich nur augenscheinlich gelöst, und schon wieder ein neues Problem, oder hängt beides irgendwie zusammen?
Wenn Wasser austritt, muss es auch irgendwo her kommen. Wir klettern ins Hochdach und nehmen es unter die Lupe. Tatsächlich, ganz vorne zwischen dem Hochdach und dem Reststück des alten Dachs über der Fahrerkabine hat sich Wasser gesammelt. Und genau dort befindet sich auch der kleine Kompressor unserer Fanfare. Dort hat es offensichtlich einen Kurschluss gegeben, und erst als das Wasser abgelaufen ist, tönte auch die normale Hupe nicht mehr. Mit dem Kabel hatte es überhaupt nichts zu tun! Aber den Zusammenhang zwischen der Sicherung der Hupe und dem Laufen des Motors verstehen wir immer noch nicht.
Na ja, und jetzt muss natürlich auch noch das Dach abgedichtet werden. Die Naht ist direkt oberhalb der schmalen, umlaufenden Regenrinne, die sich auf dieser Höhe befindet. Der Sprinter war bei den letzten beiden heftigen Regengüssen schräg gestanden, und wahrscheinlich war das Regenwasser, das sich dort gesammelt hatte, von da auch ins Innere gelangt. Bei der ersten Kurvenfahrt war es dann wieder heraus gelaufen. Wenn dem nicht so ist, dann haben wir zwei undichte Stellen. Das werden wir nach dem nächsten Regenguss merken, wenn wieder Wasser im Dach steht und dann nicht mehr abläuft!

Wenn ein Tag schon einmal so angefangen hat, hält er oft noch weitere böse Überraschungen bereit. Als wir gemütlich dahinfahren, stets die immer eiligen Griechen vorbei lassend, werden wir auf einmal von hinten zusammengehupt. Ein offener Honda 2000 hängt uns auf der Stoßstange und bedrängt uns. Dass einmal kurz gehupt wird, wenn man nicht gleich bemerkt, dass einer überholen will, sind wir ja schon gewöhnt, aber solche Aggression nicht. Wir sehen es auch nicht ein, ständig den Bordstein zu kratzen, um nicht als Verkehrshindernis wahrgenommen zu werden. Ich fahre näher an den Fahrbahnrand, obwohl die Straße nach den beiden unmittelbar vorbeifahrenden Autos sowieso vollkommen frei wäre, und mache dem Drängler ein international verständliches Handzeichen mit gestrecktem Mittelfinger.
Der junge Typ mit verkehrt herum aufgesetzter Baseballkappe und seiner Tussi nebendran gibt Gas, schert ruckartig aus, fährt auf unsere Höhe und bremst dann wild gestikulierend ab. Ich bekräftige meine Meinung von ihm verbal. Er regt sich tierisch auf, brüllt und fuchtelt weiter mit seinen Händen herum. Dass es mich ziemlich kalt lässt, macht ihn nur noch wütender, und schließlich muss er vor seiner Ische ja auch den starken Mann markieren.
Ich habe schließlich keine Lust mehr, meine Fahrbahn mit ihm zu teilen und ziehe langsam wieder auf die Mitte der Fahrbahn. Wenn er doch nicht überholen möchte, dann soll er es halt bleiben lassen. Er fällt kurz zurück, um dann noch rasanter an uns vorbei zu fahren, scharf vor uns herüber zu ziehen und sich knapp vor uns zu setzen. Dann tritt er heftig auf die Bremse und versucht uns zum Anhalten zu zwingen. Dabei macht er eindeutige Zeichen, dass er den Konflikt auf altbewährte Weise mit den Fäusten klären will. Er gehört zu den Typen, die es geradezu darauf anlegen und nach Gelegenheiten suchen, sich mit irgendwem prügeln zu können.
Ich muss ziemlich in die Eisen gehen, ziehe dann aber meinerseits links raus und fahre an ihm vorbei. Er gibt wieder Gas, überholt wieder, weiterhin wild fluchend, und fährt weiter, ohne einen weiteren Versuch zu unternehmen, mich zum Boxkampf herauszufordern.
Als er sich schon etwas entfernt hat, sehe ich eine Kreuzung kommen und die Ampel auf Rot springen. Wir würden die einzigen an der Ampel sein. Ich will nicht, dass das ganze weiter eskaliert und beschließe, in sicherem Abstand rechts ran zu fahren und zu warten, bis die Ampel wieder grün und er weitergefahren ist. Eine Konfrontation würde sicherlich nicht gut ausgehen, da ich inzwischen natürlich auch auf hundertachtzig bin – für welche Seite auch immer.

Die weitere Fahrt verläuft unbehelligt, und wir erreichen kurz vor Dunkelheit den Ort Pylos im Süden der Peleponnes. Nach diesem Tag haben wir uns ein schönes Abendessen verdient. Wir finden ein einfaches Restaurant und setzen uns. Es ist nicht viel los, nicht einmal die Hälfte der Tische ist besetzt. Wie es in Griechenland üblich ist, stellt die Bedienung uns sogleich Wasser und Brot auf den Tisch. Wir bestellen erst einmal zwei Bier und lassen uns bei der Auswahl des Essens Zeit. Da wir ziemlich ausgehungert sind, essen wir dabei gleich schon mal ein paar Scheiben Brot.
Das schmeckt dem Restaurantbesitzer allerdings gar nicht, da er wohl befürchtet, wir könnten uns an dem Brot satt essen. Er kommt an den Tisch und bittet resolut um die Bestellung. Wir bestellen einen Bauernsalat vorweg, frittierte Sardinen und einen Teller weiterer, frittierter Fische, die auch wie Sardinen aussehen, aber noch kleiner sind. Man isst Sie mit Haut und Haar, oder vielleicht sollte man besser sagen mit Flosse und Schuppe – inklusive Kopf und Augen! Dazu bestellen wir noch eine Portion Pommes.
Keine zwei Minuten später steht der Salat auf dem Tisch. Christiane hat kaum zum Salzstreuer gegriffen, um ihn nachzuwürzen, als auch schon die Pommes kommen. Waren wohl gerade übrig. Keine weiteren zwei Minuten, und auch der Fisch ist da. Muss wohl auch gerade übrig gewesen sein. Dazu bekommen wir die Rechnung gereicht. Dem Essen nachfolgende Getränkebestellungen sind zwar möglich, aber unerwünscht, wie es scheint, denn viele schlaue griechische Restaurantbesitzer wissen: Wer nach dem Essen nur noch trinkt, bringt dann weniger ein, und es gibt ja noch genügend doofe Touristen, die abgefertigt werden wollen. Sind wir hier in der Imbissbude oder im Restaurant? Uns jedenfalls ruiniert es völlig unnötig auch noch den Abend.

Was für ein mieser Tag!

Kastro

Wir sind auf dem Weg Richtung Olympia. In den vergangenen Tagen haben griechische Feuerwehrmänner bis zur vollkommenen Erschöpfung gekämpft, um die historischen Sportstätten am Fuße des Olymps vor dem drohenden Flammenmeer der verheerenden Waldbrände zu retten, die bis vor wenigen Tagen Griechenland heimgesucht haben.
Wir sind nicht allein. Auch ein athletischer Pole ist auf dem Weg nach Olympia: joggend mit einem kleinen Anhänger, den er sich mit einer Schlaufe um die Hüfte gebunden hat und hinter sich her zieht. Auf dem Anhänger steht das Wort „PEACE“ geschrieben. Wir sind beeindruckt.

PEACE

Noch etwa 50 Kilometer von unserem Ziel entfernt, biegen wir in Richtung Küste ab, in der Hoffnung, ein schönes Plätzchen für die Nacht zu finden und uns im Meer abkühlen zu können. Zunächst geht es durch Olivenhaine, dann durch den kleinen Ort Kastro und schließlich das letzte Stück abwärts zur Küste. Völlig unerwartet treffen wir auf ein kleines Stück Nordsee am Mittelmeer: bewachsene, helle Sanddünen, ein breiter Strand und eine kräftige Brandung, aber warm und ohne Quallen!

Kastro

Hier ein kleiner Ausschnitt des vielfältigen Dünenbewuchses:

Kastro

Kastro

Kastro

Auf einem großen Parkplatz in den Dünen stehen rund ein Dutzend Wohnmobile wild campend. Die meisten von Ihnen kommen aus allen Ecken Deutschlands, aber auch Österreicher und Holländer sind vertreten. Wir gesellen uns zu ihnen.

Kastro

Dabei fahren wir uns trotz Allradantrieb erst einmal fest. Die beiden hinteren Räder sind wegen des hohen Gewichts unseres Sprinters und wegen der geringen Auflagefläche der Reifen bei vollem Luftdruck im weichen Sand einfach abgesackt. Sandbleche haben wir noch nicht, da wir uns diese erst in der Türkei günstig besorgen wollen.
Eine nette Münchnerin eilt herbei, um uns zu helfen, während ein Österreicher daneben steht und deplatzierte Kommentare abgibt. Er meint, er hätte Sandbleche, aber sein Fahrzeug stünde darauf, und deshalb könne er sie uns nicht geben. Auf eine echte Unterstützung von seiner Seite warten wir vergeblich.
Aber wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen, holen den Klappspaten aus dem Heck und schaufeln die eingegrabenen Räder frei. Dabei stellt sich heraus, dass sich unter den Rädern fester Untergrund befindet. Trotzdem würge ich den Motor bei den darauf folgenden Anfahrversuchen mehrfach ab, bevor ich unseren Sprinter, beherzt mit den Füßen auf Kupplung und Gaspedal, aus den Mulden herausbekomme. Hier zeigt sich, dass der schwere Wagen wegen der fehlenden Untersetzung im Gelände nicht leicht anzufahren sein wird und dass wir darauf werden achten müssen, wenn es irgendwann über unwegsamere Pisten gehen wird. Aber es ist gut, hier schon einmal die ersten Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht zu haben.

Der Parkplatz ist das Reich von Christos, dem „armen Mann – drei Frauen, vier Kinder, mit große Herz, groß wie Wassermelone, aber süß wie Honigmelone!“ Christos ist ein lustiger und liebenswerter griechischer Bauer mittleren Alters. Er ist hier die gute Seele und versorgt die Camper jeden Tag mit allem, was sie brauchen, vorwiegend Brot, Eier, Obst und Gemüse, Wein und Olivenöl. Das meiste davon ist aus seinem eigenen Anbau. Viel daran verdienen tut er allerdings nicht, außer wenn die Camper kanisterweise reines Olivenöl aus seinem Anbau mit zurück in die Heimat nehmen. Ansonsten genießt er es, des Öfteren mit den Leuten abends ein, zwei Gläschen Wein zu trinken, den er stets in großen Plastikflaschen dabei hat und gerne auch mal spendiert.

Kastro

Wir lernen eine Reihe netter Menschen kennen, mit denen wir viel Zeit verbringen: ein holländisches Paar, das zu Hause eine Harley-Werkstatt und auch hierhin eines seiner Motorräder mitgebracht hat,

Kastro

den redseligen und afrikaerfahrenen Münchner Marc, der uns mit zahllosen Tipps zu Afrika versorgt und vor den territorialen Rentnern warnt, die in einer Woche, nach dem Ende der Schulferien, über diesen Ort herfallen und ihn bis hin zur Bürgermeisterwahl bürokratisieren werden, und seine slovakische Frau Slavka, die uns schon zur Seite gestanden hatte, als wir uns festfuhren, samt Sohn Jens (hier beim Spanferkelfest),

Kastro

und die Mannheimer Marc und Silke mit ihrer süßen, bald einjährigen Lilly und Hund Bobby (hier beim gemeinsamen Abendessen in Nicos Taverne).

Kastro

Kastro

Kastro

Sie alle und noch viele andere sorgen dafür, dass wir uns hier in den nächsten Tagen sehr wohl fühlen werden.

A propos Spanferkelfest: Das Spanferkelfest ist eine Art Tag der offenen Tür des hiesigen Klosters, zu dem die Menschen aus der Umgebung einmal im Jahr hinströmen, um für das Kloster zu spenden und sich anschließend mit Spanferkel, Bier und Wein die Bäuche voll zu schlagen. Zu diesem Anlass werden im wahrsten Sinne des Wortes anhängerweise Spanferkel gegrillt! Das vorzügliche, zarte Fleisch wird kiloweise verkauft und dann mit den Händen gegessen. Auf Beilagen wird komplett verzichtet.

Kastro

Kastro

Kastro

Wandern im Pindos

Vom griechischen Gebirgsdorf Monodendri aus wollen wir eine mehrtägige Wanderung durch den nördlichen Pindos unternehmen. Zwischen den Wanderetappen wird in den Dörfern übernachtet. Zelten ist nicht gestattet.
Deshalb erkundigen wir uns in einem der kleinen Hotels zunächst nach den Übernachtungspreisen. Eine Übernachtung kostete überall rund 50 Euro, erfahren wir. Wenn wir die Wanderung machen wollten, könnten wir den Sprinter gegen eine Übernachtung stehen lassen.
Wir sind zögerlich, ob wir uns das leisten möchten und beschließen, zunächst einen Kaffee auf der gemütlichen kleinen Terrasse eines anderen Hotels Trinken zu gehen. Auch dort fragen wir nach dem Übernachtungspreis. Etwas skeptisch betrachtet uns der Hotelbesitzer und nennt ebenfalls einen Preis von 50 Euro. Dann schiebt er leicht verlegen ein „p’r p’rs’n“ nach. Geht’s noch? Gut dass wir noch einmal gefragt haben. Dann hat sich das mit der mehrtägigen Wanderung erledigt, das ist uns eindeutig zu teuer.

Wir bezahlen und gehen nacheinander noch zur Toilette. Ich drücke den Spülknopf, aber er greift ins Leere, und es tut sich überhaupt nichts. So kann ich nicht gehen, der Nachfolger würde im Gesicht bunt anlaufen und in Ohnmacht fallen. Schlau wie ich bin, nehme ich den Spülkastendeckel ab und sehe nach dem Rechten. Hm, sieht ganz anders aus als ich das kenne. Ich drücke und ziehe, wo es mir potenziell sinnvoll erscheint und halte wenig später den Schwimmer in der Hand. Nicht gut! Wer sich mit Toilettenspülungen auskennt weiß, was nun geschieht: Der Spülkasten läuft weiter voll, ohne dass das Wasser abliefe. Ich versuche krampfhaft, den Wasserzulauf zu schließen und gleichzeitig den Schwimmer wieder an seinem angestammten Platz anzubringen. Nach ein paar Versuchen gelingt mir das auch mehr oder weniger, aber richtig festsitzen tut er nicht. Als ich ihn loslasse, sackt er dann auch zu stark zur Seite, und der Spülkasten läuft weiter voll. Mit einer akrobatischen Höchstleistung gelingt es mir aber, den Toilettendeckel zu greifen und wieder aufzusetzen und damit gleichzeitig den Schwimmer in einer Position einzuklemmen, so dass der Kasten nicht weiter volläuft. Geschafft, aber gespült habe ich davon natürlich noch nicht. Ich funktioniere den nebenstehenden Mülleimer kurzer Hand um, fülle ihn am Waschbecken mit Wasser und spüle dann damit. Nachdem ich den Vorgang noch zweimal wiederholt habe, wasche ich mir schnell die Hände und suche das Weite, denn mir ist klar, dass der nur lose aufgesetzte Schwimmer sich jeden Moment wieder ablösen und eine erstklassige Überschwemmung anrichten kann. Das aber doch bitte erst, wenn wir außer Sichtweite des Hotelbesitzers sind!

So einfach unverrichteter Dinge wieder abziehen wollen wir allerdings nicht und beschließen, vom nächsten Ort aus auf den Wanderweg zu stoßen, ihn ein Stück zu gehen und am selben Tag wieder zurück zu laufen. Der nächste Ort stellt sich jedoch als reiner Aussichtspunkt über die grandiose Vikosschlucht heraus. Mit rund 1.000 Metern ist sie die tiefste Schlucht der Erde.

Pindos

Bei dem imposanten Ausblick in die schier unendliche Tiefe bekommen wir tatsächlich etwas wackelige Beine. Von dort auf den Wanderweg stoßen, können wir allerdings nicht. Da der Weg unten durch die Schlucht verläuft und wir keinen Fallschirm dabei, müssen wir wohl oder übel umkehren. Also fahren wir zurück nach Monodendri und gehen es von dort aus noch einmal an. Mit detektivischem Spürsinn gelingt es uns, hinter vielen engen und verschlungenen Gässchen den zentralen Dorfplatz und damit den offiziellen Startpunkt der Wanderung auszumachen, doch schon nach weiteren 200 Metern findet unser Unternehmen ein weiteres jähes Ende, als wir auf eine Absperrung stoßen. Die komplette Wanderung ist gesperrt! Und die schlitzohrigen Griechen hätten uns stillschweigend glatt ein Zimmer angedreht…

Zumindest aber ist ein weiterer, wunderbarer Aussichtspunkt auf die Schlucht ausgeschildert, den wir nach einigen hundert Metern erreichen. Hier verbringen wir den ganzen Nachmittag und vergessen bald unseren Frust, was angesichts dieser atemberaubenden Aussicht wohl auch kein Wunder ist:

Pindos

Pindos

Albanien

Nachdem wir Albanien anfangs kaum einzuordnen wussten, hat sich das Land in den beiden Tagen, die wir hier unterwegs waren, auch von seinen reizvollen Seiten gezeigt. Das gebirgige, südliche Albanien ist landschaftlich wunderschön und abwechslungsreich. Beim Erklimmen des ersten Passes verändert sich das Landschaftsbild schlagartig. Wo zuvor noch karge Landschaft dominierte, tauchen nun die erste Bäume und kleinen Wäldchen auf. Bald schon fährt man durch üppig grüne Täler und dichte Olivenhaine.

Albanien

Albanien

Albanien

Die zunächst hervorragend ausgebaute Straße endet plötzlich und geht in ein schlecht erhaltenes Sträßchen über, das oft kaum breit genug für ein Auto ist und sich steil bergauf und bergab in stetiger Nähe zur Küstenlinie windet.

Albanien

Albanien

An ein schnelleres Vorankommen als mit durchschnittlich etwa 20 Kilometern in der Stunde ist nicht zu denken. Entgegenkommender Verkehr wird hier zum Abenteuer. Aber es gibt nicht viel davon, da die Gegend so abgelegen und derzeit noch schwer erreichbar ist. Dies wird sich in den nächsten schätzungsweise zwei bis drei Jahren erheblich ändern, da die Regierung außerhalb der Reisesaison dabei ist, die Straße weiter auszubauen. Dies erfahren wir von einer jungen Restaurantbesitzerin in Palermo. Mit ihr und ihren Mitarbeitern, die allesamt aus ihrem Verwandten- und Freundeskreis stammen, verbringen wir einen unterhaltsamen Abend, erhalten Tipps und erfahren viel über das Land und seine offenen und freundlichen Menschen. Ein Beispiel dafür sind diese beiden neugierigen Jungen, die neugierig unsere Hupe und alle Hebel am Lenkrad ausprobieren, die sie erreichen können:

Albanien

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Bevor wir das Land verlassen, kommen wir noch einmal in den Genuss einer besonderen Naturschönheit: Syri i Kaltër. Übersetzt bedeutet es „Blaues Auge“. Syri i Kaltër ist eine kristallklare Gebirgsquelle. Jede Sekunde sprudeln bis zu acht Kubikmeter wohlschmeckendes Mineralwasser aus ihr heraus.

Syri i Kaltër

Syri i Kaltër

Nachdem wir unsere Wasservorräte mit dem kostbaren Nass aufgefüllt haben, machen wir uns voller neuer Eindrücke auf den Weg nach Griechenland.

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Einreise Albanien

Im Norden Montenegros in der Gegend um Kotor war es schön und preiswert. Südlich von Kotor fühlten wir uns wie an der Riviera: große Hotelkomplexe, sauber aufgereihte Sonnenschirme und saftige Preise.

Der Grenzübertritt nach Albanien dauert etwa eine Stunde und verläuft vollkommen problemlos. Lediglich 10 Euro pro Person sind zu entrichten, um nach Albanien einreisen zu dürfen. Wie sich nach und nach herausstellen wird, wird dies wie vorausgesehen der einzige Obolus bleiben, der zu entrichten ist.

Albanien

Albanien ist ein fremdes Land inmitten Europas. Bauern mit Eselkarren kommen uns entgegen, Menschen und Nutztiere laufen kreuz und quer auf der Straße und scheren sich nicht um Autos. Kinder winken uns freundlich zu. Wilde Müllberge ziehen an uns vorbei, und auf mancher Deponie suchen Kinder nach Verwertbarem.. Auch die Flüsse werden gerne für die Entsorgung genutzt.

Albanien

Wir passieren eine nicht sehr Vertrauen erweckende, einspurige Holzbrücke, bei der einige der in Längsrichtung verlegten Bohlen durchgebrochen sind:

Albanien

Generell sind die Straßen teilweise extrem schlecht, mit zerbröckeltem Belag und mit Schlaglöchern gespickt.

Albanien

Die Navigation stellt sich als ziemlich schwierig heraus, da es so gut wie keine Wegweiser gibt. In den letzten Jahren wurden andererseits aber auch viele wichtige Verkehrsadern neu asphaltiert. Die albanische Regierung bemüht sich, eine für den internationalen Tourismus taugliche Infrastruktur aufzubauen.

Der Verkehr ist teilweise chaotisch. Wir werden ständig, oftmals waghalsig überholt. Dazu kündigt der Albaner seine Überholabsicht kurz durch ein Hupen an, und dann überholt er, unabhängig davon, ob der Weg frei gemacht wird oder nicht. Notfalls wird der Gegenverkehr rüde an den Straßenrand gedrängt. Nach einer kurzen Eingewöhnung weiß man jedoch, wie man sich zu verhalten hat. Dem Überholenden ist durch schnellstmögliches Ausweichen an den Straßenrand freie Bahn zu gewähren. Auch das häufige Hupen wird verständlich, wenn bewusst ist, dass die Hupe des albanischen Autofahrers liebstes Kommunikationsmittel ist, mit dem er nicht nur sein Überholvorhaben ankündigt, sondern auch grüßt, sich bedankt oder schimpft.

Überholt wir übrigens auch, wenn es sich staut. Zunächst wird hinter dem Hindernis eine zweite Spur aufgemacht, gerne auch rechts von der eigentlichen Spur. Wenn dann auch auf dieser Spur kein schnelleres Vorarbeiten mehr möglich ist, drängt man sich rüde durch die reguläre Spur und überholt auf der Spur des Gegenverkehrs. Irgendwann geht dann natürlich gar nichts mehr, aber in Ruhe abzuwarten und die wideren Umstände zu akzeptieren liegt dem Albaner eben nicht im Blut!

Albanien

Wir fahren endlos durch eine monotone Ebene, parallel zur Küste in Richtung der Landeshauptstadt Tirana. Die einzige Abwechslung besteht im stetigen Wechsel von Polizeiposten, Tankstellen und Autoschrottplätzen.
Von den Polizeiposten werden wir in Ruhe gelassen. Sie beschränken sich darauf, bei den Einheimischen die Hand aufzuhalten.
Der Dieselpreis liegt bei rund einem Euro je Liter. Wer es noch günstiger haben möchte, kann bei einigen Tankstellen sogar offiziell Heizöl tanken, und dementsprechenden Rußwolken ist der Verkehrsteilnehmer mitunter ausgesetzt.

Albanien

Als wir laut Zapfsäule 45 Liter (Diesel, kein Heizöl!) nachtanken, haben wir nach dem Blick auf unsere Tankanzeige jedoch den Verdacht, dass da wohl eher nur rund 40 Liter durch den Tankrüssel gelaufen sind. Damit hätten wir dann preislich auf deutschem Niveau gelegen.

Die Fahrzeuge stammen überwiegend aus Deutschland. Dies erkennt man an den oftmals noch vorhandenen D-Kennzeichen und Aufdrucken deutscher Firmen auf den Lastwagen. Mercedes aller Altersklassen, aber vorwiegend gebrauchte, dominieren das Straßenbild und die Schrottplätze. Viele der Fahrzeuge auf den teils markenspezialisierten Schrottplätzen sehen so aus, als wären sie noch nicht sehr alt gewesen. Etliche haben erhebliche Unfallschäden.

Albanien

Zum Übernachten biegen wir von der Hauptverkehrsader ab und fahren nach Shen Gjin, einem kleinen Ort an der Küste. Überall entlang des Strands werden neue Hotelkomplexe mit Liegestuhl- und Sonnenschirmreihen nach italienischem Vorbild hochgezogen. Viele Albaner leben in Italien und verbringen ihren Urlaub in ihrem Heimatland. Noch ist aber genügend vom Strand übrig geblieben, der von Ein-Mann-Bunkern mit Schießscharten übersäht ist, die aussehen wie überdimensionale Buzzer. Die Einheimischen machen das Beste daraus und nutzen sie als Sitzgelegenheiten und Mülleimer.

Shen Gjin

Shen Gjin

Shen Gjin

In einem kleinen Restaurant erhalten wir für einen Spottpreis leckeres Piva aus Tirana und einen fantastischen Bauernsalat nach griechischer Art. Beim ebenfalls sehr leckeren Fisch allerdings, der neben dem Salat das einzig Erhältliche ist, bittet man uns für dortige Verhältnisse allerdings ganz schön zur Kasse. Der Fisch ohne jegliche Beilage kostet umgerechnet acht Euro pro Person. Aber was soll man machen, wenn es keine Karte gibt und man sich nur mit Handzeichen verständigen kann?

Weltkulturerbe Kotor

Kroatiens Grillkultur haben wir sehr genossen: leckere Cevapcici, wunderbares Lammfleisch, zart gegrillte Kalmare, abgerundet durch Aivar-Paste mit Gemüsezwiebeln, und dazu erfrischende Tomatensalate, kräftige Weine und hervorragendes Pivo. Beim Einkauf all dieser Leckereien stößt man leider jedoch oftmals auf gelangweilte bis hin zu genervte Bedienungen, sicherlich auch ein Phänomen der späten Reisesaison. Trotzdem fühlten wir uns nicht sonderlich willkommen.
Zudem kann preislich auch nicht mehr von einem Schnäppchen die Rede sein. Die günstigen Nachkriegszeiten, in denen das Land wieder um den Tourismus buhlen musste und es noch als Geheimtipp galt sind vorbei. Unsere Kosten für Lebensmittel und Diesel lagen kaum zehn Prozent niedriger als in Deutschland. Campingplätze mieden wir so gut wir konnten, in Dubrovnik kostete eine Übernachtung stolze 35 Euro.
Die schöne Halbinsel Istrien wird in Richtung Süden gefolgt von einer kargen, felsigen Küste. Von Rijeka bis Sibenik lädt die eintönige Landschaft kaum zum Verweilen ein. Die sich stetig eng an die Wasserlinie anlehnende Küstenstraße lässt nahezu keinen Raum für Erholungssuchende. Die kurzen und flach abfallenden Strände sind kiesbedeckt und entbehren jeglichen Liegekomfort. Im Wasser lauern unzählige Seeigel, um dem Badefreund den weiten Weg ins offene Wasser nicht zu leicht zu machen.
Ab Sibenik wird die Landschaft dann wieder schlagartig schön und abwechslungsreich. Die Vegetation ist viel üppiger und frisches Grün ziert die Hänge. Bademöglichkeiten gibt es reichlich.
Dubrovnik hat eine beeindruckende, prächtige Altstadt. Leider nur wird das Stadtbild viel zu sehr von Touristen dominiert, und dies, wie wir uns sagen ließen, über das ganze Jahr hinweg. So fällt es schwer, den Charme der Stadt zu genießen.

Kotor ist ein weiteres Stück Weltkulturerbe in einer zerklüfteten Bucht der Adriaküste Montenegros, südlich von Dubrovnik. Eine kühn in den Berg gebaute Festungsanlage umschließt das 1.000 Jahre alte Hafenstädtchen. Kotor erinnert an Dubrovnik, ist aber viel kleiner und ruhiger.

Weltkulturerbe Kotor

Weltkulturerbe Kotor

Ich gehe in eine Bank, um Geld in die Landeswährung zu tauschen und lege einen 50-Euro-Schein auf den Tresen des Bankschalters mit Bitte um Wechsel. Die Bankangestellte blickt mich einen Moment lang fragend an, greift dann aber den Schein, fasst in die Kasse unter ihrem Pult und zieht vier Banknoten aus dem Fach. Als sie sie vor meinen Augen abzählt, habe ich das merkwürdige Gefühl, die Scheine schon einmal gesehen zu haben. Es sind ein Zwanziger und drei Zehner – in Euro. Verwirrt blicke ich auf die vor mich hingeblätterten Scheine, dann in die Augen der Angestellten, bis ich endlich wieder Worte finde und mich verlegen erkundige, ob der Euro die hiesige Währung sei. Grinsend bestätigt die hübsche junge Dame. Leicht beschämt stecke ich die Scheine in die Tasche, verabschiede mich ebenfalls grinsend und mache mich davon.
Als wir durch das ruhige Städtchen schlendern, vernehmen wir von irgendwo her ein quietschendes Geräusch, das zunehmend lauter wird. Quietsch, quietsch, quietsch, als ob jemand hingebungsvoll mit einer Quietscheente spielt. Aber merkwürdig, das Geräusch hat einen ganz gleichmäßigen Zweiertakt. So eine Art Synchronquietschen zweier Quietscheentenfetischisten, wie wir vermuten. Doch als wir um die nächste Ecke biegen, ist weit und breit keine Quietscheente zu sehen. Aber das penetrante Geräusch ist ganz nah und kommt irgendwie vom Boden her. Schließlich entdecken wir den Verursacher: Bei jedem Schritt eines kleinen Jungen quietschen seine Schuhe schrill und blinken dazu hektisch. Die Eltern des Jungen flanieren neben ihm her. Unglaublich, was manche Eltern sich und ihrer Umwelt zumuten, um ihre kleinen Racker zu jeder Zeit kontrollieren zu können! Dass sie ihrem Spross damit eine reine Freude machen wollten, schließen wir jedenfalls kategorisch aus. Hätte es auch im Zeitalter des Babyfons nicht eine einfache Kuhglocke getan?
Etwas später treffen wir auf zwei kleine Mädchen, die großes Interesse an unseren Boards zeigen, die wir als Alternative zu Klapprädern für Stadterkundungen mitgenommen haben und unter dem Arm tragen. Sie reißen uns die Boards förmlich aus der Hand und wollen wissen, wie man damit fährt. Wir erklären es ihnen bereitwillig und lassen sie für eine Weile gewähren. Die Kleinere von beiden hat richtig Haare auf den Zähnen und möchte ihrer Freundin das Kickboard am liebsten abnehmen und auf beiden Boards gleichzeitig fahren!

Weltkulturerbe Kotor

Auf einem netten Campingplatz in einem kleinen Ort an der Küste, knapp zehn Kilometer hinter Kotor, finden wir unter uralten Olivenbäumen für zwei Tage ein nettes und günstiges Plätzchen im Schatten. Wir gönnen unserem Sprinter eine Rundumwäsche, um danach unsere Aufkleber anzubringen. Außerdem werken wir noch etwas am Innenausbau, um ihn weiter zu optimieren.

Weltkulturerbe Kotor

Weltkulturerbe Kotor

Zum Abendessen bereiten wir uns Fische vor, die wir in Dubrovnik gekauft haben. Der Haken an der Sache: Sie müssen noch ausgenommen werden, und weder Christiane noch ich haben irgendwelche Erfahrung damit. Wir erhalten den Rat, man müsse beim Ausnehmen lediglich darauf achten, dass man die Gallenblase nicht verletze, weil der ganze Fisch sonst bitter schmecken würde. Also machen wir uns zunächst noch zögerlich, an die Arbeit, aber das Ausnehmen klappt dann doch unerwartet gut, nachdem wir den Ekel erst einmal überwunden haben. Und die Gallenblasen haben wir auch nicht verletzt. Allerdings stellt sich beim Essen heraus, dass wir die Fische wohl besser hätten entschuppen sollen! Ganz stolz waren wir, als wir sie ausgenommen hatten, aber an die Schuppen hatten wir keinen Gedanken verschwendet. Einen Fisch mit Schuppen zu essen, die sich unweigerlich im ganzen Fisch verteilen, ist so, als ob man einen Fisch mit einem dreimal so hohen Grätenanteil wie normal essen würde. Wahrlich kein ungetrübter Genuss!
Außerdem machen wir Bekanntschaft mit dem ersten Plumpsklo unserer Reise. Das ganze sieht in etwa so aus wie eine Körperwaage, mit Stellflächen für die Füße, aber statt der Anzeige einem Loch in der Mitte. Sehr gewöhnungsbedürftig, zumal das Hocken auch ganz schön in die Beine geht!

Weltkulturerbe Kotor

Neben unserem Stellplatz steht ein österreichisches Paar mit ihrem VW LT. Von ihnen erfahren wir, dass es bei der albanischen Regierung ein Umdenken gegeben hat und eine Direktive an die Polizei ausgegeben wurde, ausländische Touristen nicht zu behelligen, um einen internationalen Tourismus aufzubauen. Wir beschließen, den direkten Weg durch Albanien nach Griechenland zu nehmen.

Weltkulturerbe Dubrovnik

Dubrovnik, die um 615 vor Christus gegründete „Perle der Adria“ war eine der wichtigsten Seemächte des Mittelmeeres ab dem 13. Jahrhundert. Die vollständig erhaltene Altstadt mit ihren prächtigen Bauten im romanischen, gotischen und barocken Stil liegt, von einer mächtigen Festungsanlage umgeben, auf einer Halbinsel und ist das Herz Dubrovniks.

Weltkulturerbe Dubrovnik

Zahllose Touristen strömen durch die engen Gassen und prägen das Stadtbild – ein Tribut, den die Stadt ihrem Status als Weltkulturerbe zu zollen hat.

Weltkulturerbe Dubrovnik

Ein weiterer Tribut, den die Stadt zu zahlen hatte, waren die zahlreichen Kriegstoten, die auf Dubrovniks Friedhöfen beerdigt sind:

Weltkulturerbe Dubrovnik

Kriegsschäden sind demgegenüber kaum noch vorhanden. Anblicke, wie diese Hauswand voller Einschusslöcher, sind so gut wie nicht mehr sehen:

Weltkulturerbe Dubrovnik

Nach der Altstadtbesichtigung machen wir noch einige Besorgungen. Dabei treffen wir auf eine kleine Druckerei, die uns die Aufkleber für unseren Sprinter anfertigen soll. Wir verzichten auf ein Logo und beschränken uns, wie ursprünglich überlegt, auf den Text „WORLD TOUR“ und „www.hit-the-road.net“. Aufgrund leichter Verständigungsschwierigkeiten sind wir skeptisch, ob wir das erhalten werden, was wir uns vorstellen. Am nächsten Tag jedoch schon werden wir glücklich unsere Aufkleber, so wie wir sie uns vorgestellt hatten, in den Händen halten.

Der Campingplatz in Dubrovnik ist übrigens nicht gerade eine Perle. Er ist riesig, unpersönlich und unverschämt teuer. Wenn man von Norden nach Dubrovnik hineinfährt, kommt man über eine mächtige Brücke mit Seilkonstruktion, die über die Bucht vor Dubrovnik führt. Wenn man vor oder nach der Brücke zur Bucht hinunter abbiegt und um die Bucht herumfährt, kann man schöne Stellplätze finden und mit dem Bus in die Stadt fahren.

Ansonsten blieben noch die verheerenden Waldbrände rund um Dubrovnik zu erwähnen. Sämtliche Berge rund um die Stadt sind bis an die Ränder der Wohngebiete abgebrannt. Schon auf dem Weg nach Dubrovnik fahren wir durch die ersten verkohlten Mondlandschaften. Bei allem Schrecken der Brände zeigt sich jedoch auch eine ungewöhnliche Schönheit in den farblichen Kontrasten zwischen verkohlten Wäldern und dem türkisfarbenen, kristallklaren Meer:

Weltkulturerbe Dubrovnik

Abschied in Nin

Nach nunmehr knapp zwei Wochen in Nin trennen sich die Wege von uns und Christianes Familie. Wir streben weiter gen Süden, während für die Familie der Urlaub zu Ende ist und die Rückkehr in die Heimat ansteht.

Für uns bedeutet das erstmals wirkliche Freiheit im Sinne terminlicher Ungebundenheit. Wir können uns nun völlig nach eigenem Gusto treiben lassen. Ab hier beginnt das richtige Reisen!

Baumarktbesuch in Nin

Wir beschließen, uns etwas mehr zu vermarkten, um besser mit Leuten in Kontakt zu kommen. Dazu wollen wir an unserm Sprinter die Schriftzüge „WORLD TOUR“ und „www.hit-the-road.net“ anbringen.

Also suchen wir in Nin einen Baumarkt auf, um nach Klebebuchstaben zu suchen. In dem Moment, als wir den Baumarkt betreten, fällt uns krachend die schwere Blechabdeckung der Schiebetürmechanik vor die Füße. Das war wirklich knapp und hätte uns leicht das Genick brechen können. Mit der kroatischen Handwerkskunst scheint es nicht allzu weit her zu sein – und das ausgerechnet in einem Baumarkt!

Klebebuchstaben haben wir übrigens nicht gefunden, aber wir bleiben dran. Vielleicht lassen wir uns auch T-Shirts bedrucken, oder wir machen beides.

Von Rijeka nach Nin

Von Rijeka geht es weiter nach Nin. Wir wollen uns dort mit einem Teil von Christianes Familie treffen. Sie haben für zwei Wochen eine Ferienwohnung gemietet, um gemeinsam mit Christiane ihren vierzigsten Geburtstag zu feiern.

Die Landschaft auf diesen rund 400 Kilometern entlang der Mittelmeerküste ist schön, aber eintönig. Endlos und kurvenreich folgt die Straße immer unmittelbar dem Küstenverlauf. Das ist schön für Autofahrer, aber nicht, wenn man ein ruhiges Plätzchen sucht.
Auch die vielen Raser tragen nicht zur Entspannung bei. Als wir wegen einem Frontalzusammenstoß von einem Auto mit einem Lieferwagen im Stau stehen, wundert uns das nicht.

Von Rijeka nach Nin

Nachdem wir am Vortag bereits die rechte Scheinwerferbirne auswechseln mussten, bemerken wir bei einem Zwischenstopp, dass nun auch die linke Birne das Zeitliche gesegnet hat und tauschen sie ebenfalls aus. Die besonders leuchtstarken Scheinwerferbirnen, die wir eingesetzt haben und die in Deutschland gar nicht zugelassen sind, werden ziemlich heiß und scheinen ganz schön empfindlich zu sein.

Von Rijeka nach Nin

Von Grado über Triest nach Rijeka

Wir folgen der Mittelmeerküste von Grado über Triest nach Rijeka.

Triest mit seinen prächtigen Bauten gefällt uns sehr gut, aber die Küsten Norditaliens sind uns insgesamt zu überfüllt.

An der Grenze zu Slovenien müssen wir erstmals durch eine Grenzkontrolle. Wir werden durchgewunken und können nach der Grenze günstig tanken.

Ein kleines Inselchen mit ein paar wenigen Wohnmobilen und Autos darauf gibt uns die erste Gelegenheit für ein ausgedehntes Bad im Meer, ohne dass wir uns mit anderen Touristen um Liegen und Sonnenschirme streiten müssten.

Halbinselchen in Slovenien

Die slovenisch-kroatische Grenze stellt wiederum kein Problem dar, aber wenig später machen wir erstmals Bekanntschaft mit südländischer Verkehrsführung. Mehrmals fahren wir im Kreis, bevor wir endlich wieder auf den richtigen Weg kommen.

Entlang der Küste Istriens geht es weiter Richtung Süden. Überall stehen riesige Grills, auf denen ganze Ferkel und Lämmer zubereitet werden. Am Straßenrand werben Köche mit blütenweißen Kochmützen um die Gunst der Kunden.

Grills in Kroatien

Wir können nicht widerstehen und schlagen uns mit der gehaltvollen Kost die Bäuche voll. Bis zu zehn ganze Ferkel und Lämmer werden von den großen Gasthäusern jeden Tag zubereitet, wie wir erfahren.

Durch das Landesinnere abkürzend fahren wir nun über völlig ausgefahrene und zerbröckelte Straßen bis kurz hinter Rijeka. Hinter Rijeka gibt es eine spektakuläre, freistehende Brücke mit 270-Grad-Kurve auf einzelnen dünnen Pfeilern, die aus schwindelerregender Höhe den Blick auf eine tiefer gelegene Bucht freigibt.

Brücke hinter Rijeka

Durch die Dolomiten nach Grado

Noch vor dem Frühstück machen wir uns auf den Weg nach Grado. Unsere Route führt zunächst über Bozen und durch die schwindelerregende Eggenschlucht hinauf in die beeindruckende Bergwelt der Dolomiten.

Dolomiten

Bei dieser grandiosen Aussicht holen wir unser Frühstück nach und fahren durch das nordostitalienische Landesinnere nach Grado, einem beliebten Ferien- und Wochenendausflugsziel der Italiener an der Ostküste.

Unterwegs machen wir eine Toilettenpause an einer verlassenen Raststätte. Während ich mir im angrenzenden Maisfeld ein stilles Örtchen suche, halten nacheinander zwei Italiener mit Ihren Autos und machen Christiane eindeutige Angebote. Nur energisch lassen sie sich abschütteln. Nicht mal in Ruhe auf’s Klo gehen kann man.

Als wir in Grado hineinfahren holt uns wieder einmal der Regen ein, als wir wegen eines, dem Blaulichtaufgebot nach zu urteilen schweren Verkehrsunfalls eine halbe Ewigkeit im Stau stehen. Einziger Lichtblick ist eine kurze Regenpause, die für wenige Momente den Blick auf einen pastellfarbenen Sonnenuntergang freigibt.

Grado

Später finden wir einen großen, aber noch nicht offiziell in Betrieb genommenen Parkplatz für Wohnmobile, nur 50 Meter vom Meer entfernt. Der geplante Abendspaziergang ans Meer endet allerdings vor einem großen Zaun mit verschlossenem Tor. Dahinter liegt ein schmaler Sandstreifen mit den üblichen Liegestuhl- und Sonnenschirmreihen. Als Entschädigung werden wir in der Nacht durch das musikalische Programm eines angrenzenden House-Clubs unterhalten. Bella Italia!

Wandern zu den Spronser Seen in Südtirol

Am Morgen brechen wir zu unserer ersten Wanderung auf mit dem Ziel Spronser Seen. Nach einem beschwerlichen Aufstieg über 1.500 Höhenmeter erreichen wir den höchsten Punkt unserer Wanderung und kehren im Gasthof Oberkaser ein.

Oberkaser

Wandern zu den Spronser Seen in Südtirol

Wir

Wandern zu den Spronser Seen in Südtirol

Wandern zu den Spronser Seen in Südtirol

Wie das bei Rundwanderungen so ist, müssen wir jeden Meter, den wir den Berg hinauf gekraxelt sind, nun wieder hinunter. Gegen späten Nachmittag werden wir noch einmal von einer grandiosen Aussicht über Dorf Tirol und Meran verwöhnt, bevor es anschließend steil hinab ins Tal geht.

Meran

Über den Passo di Rombo nach Südtirol

Nach einer regenreichen Nacht im Allgäu verlassen wir Deutschland und machen uns auf den Weg nach Südtirol. Bei strömendem Regen überqueren wir den Passo di Rombo. Der Passo di Rombo ist ein bis zu 15 Prozent steiler, sich in 180-Grad-Serpentinen windender Pass auf knapp 2.500 Metern. Für den Motor unseres Sprinters ist der Passo di Rombo die erste Bewährungsprobe, die er reibungslos meistert.

Passo di Rombo

Unterwegs überholen wir mehrere unerschrockene Radfahrer, die sich den Pass hinauf quälen. Allein bei dem Gedanken daran bekommen wir Schweißausbrüche, nicht nur wegen der körperlichen Anstrengung, sondern auch wegen der Gefahren, denen sie sich auf solchen Straßen aussetzen. Auch in den Tagen danach beobachten wir immer wieder anscheinend lebensmüde Radfahrer auf unmöglichsten Straßen, die teilweise auch davor nicht zurückschrecken, mit dem Rennrad ohne Licht durch dunkle, enge und lang gezogene Straßentunnels hindurch zu fahren.

Am Abend erreichen wir unser Ziel Dorf Tirol bei Meran und quälen uns auf der Suche nach einem Stellplatz für die Nacht durch enge Gassen den steilen Berg hinauf. Das sind natürlich keine guten Aussichten auf einen Stellplatz, und wir sind zu allem Überfluss auch noch mitten in eine Gewitterfront hineingeraten. Als wir am Waldrand anhalten und überlegen, was wir machen sollen, schlägt direkt neben uns ein heftiger Blitz ein, und wir können die Druckwelle des Donners deutlich spüren. Nicht gerade die angenehmsten Bedingungen für die Stellplatzsuche. Letztendlich finden wir dann doch noch eine Parkmöglichkeit, wenn auch ziemlich abschüssig. Trotzdem schlafen wir sehr gut in dieser Nacht.

Zweiter Boxenstopp

Wir bringen den Sprinter planmäßig zum zweiten Boxenstopp in eine uns bekannte Mercedes-Werkstatt bei meiner Familie im Sauerland. Geplant sind zwei Tage für neue Bremsen, Reifen, einige andere Kleinigkeiten und der Einbau einer Standheizung.

Die Zeit werden wir für einige Formalitäten nutzen, die wegen unserer heißen Endphase in der Reisevorbereitung liegen geblieben waren, insbesondere unsere Testamente, Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen – eine Notwendigkeit, da wir ja nicht verheiratet sind.

Aus den geplanten zwei Tagen Werkstattaufenthalt sind letztendlich ganze fünf geworden, da sich nach und nach herausstellt hat, wo die Autowerkstatt in Gingen bei Göppingen („direkt an der B10“), von der wir während der Reisevorbereitung einige Umbauten wie das Hochdach hatten machen lassen, überall geschlampt und gepfuscht hat. So zum Beispiel beim Einbau einer neuen Starterbatterie, bei der ein Stopfen vergessen wurde. Dadurch war bereits eine erhebliche Menge Säure ausgetreten und auf die darunter liegenden Kabel und Schläuche getropft. Betroffen waren davon verschiedene Systeme wie für unter anderem den Allradantrieb wichtige Unterdruckleitungen. Aussage der Mercedes-Werkstatt:
„Damit wäret ihr nicht bis München gekommen.“

Immerhin sind Testamente, Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen am Ende fertig. Man glaubt gar nicht, wie viele Gedanken man sich dabei machen muss.

Documenta 12 in Kassel

Wir besuchen unsere sehr gute Freundin Maike in Kassel und nutzen die Gelegenheit zu einer Besichtigung der Documenta 12. Seit eh und je ist das Museum Fridericianum Dreh- und Angelpunkt der weltweit größten Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die alle fünf Jahre in Kassel stattfindet.

Auf dem Platz vor dem Museum hat eine Künstlerin ein Mohnblumenfeld angelegt – ein erfrischender Anblick im Vergleich zum Alltag städtischer Parks. Trotzdem fällt uns auf, dass das Feld an einigen Stellen doch recht spärlich wirkt. Wie wir von Maike später erfahren, waren leichte Anfangsschwierigkeiten beim Anlegen dieses Kunstwerks aufgetreten. Das Feld war nach den Vorgaben der Künstlerin angelegt und ausgesät worden. Die Vorgaben enthielten jedoch nicht den Auftrag, das Feld auch zu wässern. Das Resultat: Während überall sonst die Mohnblumen blühten, konnte man vor dem Fridericianum noch die tiefen Risse im trockenen Boden bei Ihrer Ausdehnung bestaunen!

Documenta 12 in Kassel

Im Fridericianum gefällt uns die Installation eines südamerikanischen Künstlers aus elegant geschwungenen Edelstahlstangen und darauf montierten Plexiglasscheiben, die sich außerhalb des Gebäudes fortsetzt.

Documenta 12 in Kassel

Außerdem sehen wir die erste von vielen, über alle Documenta-Ausstellungsflächen verteilten Sitzgruppen chinesischer Holzstühle, die, keiner wie der andere, von einem Sammler zusammengetragen wurden und zum Verweilen einladen. Wie wir hören, sind die Stühle käuflich und sollen am Ende der Documenta für je 3.000 Euro das Stück angeboten werden. Bei insgesamt 1.000 Stühlen ein lohnendes Geschäft für den Sammler.

Documenta 12 in Kassel

Ein Beispiel, wie Kunst durch bloßen Zufall eine enorme Wertsteigerung erfahren kann, liefert das Kunstwerk eines chinesischen Künstlers, der Türen und Fenster aus zwei chinesischen Epochen zu einem sternförmigen Kunstwerk zusammengezimmert hat. Schöne Türen und Fenster, aber ansonsten nicht sonderlich spektakulär, stürzte das Werk bei einem Sturm in sich zusammen und entfaltet nun derart verwunden erst seine volle Wirkung. Gleichzeitig erfuhr es dadurch eine Wertsteigerung auf das Doppelte des vorherigen Wertes!

Documenta 12 in Kassel

Alles in allem lavierte die Documenta aus unserer Sicht wieder einmal zwischen Kunst und Trash. Insgesamt war sie aber ein lohnender Besuch, wegen der Kunst und wegen der schönen Geschichten darum herum. Zum Abschluss noch ein paar unserer Lieblingsfotos von der Documenta 12:

Documenta 12 in Kassel

Documenta 12 in Kassel

Documenta 12 in Kassel

Dresden

Spätnachmittags am Tag zuvor sind wir in Dresden angekommen und haben ein Stück flussaufwärts einen schönen Stellplatz am Fuß des „Blauen Wunders“ gefunden. Die blaue Stahlbrücke, die sich ohne Zwischenpfeiler über die Elbe spannt, verdankt ihren Namen dem blauen Schutzanstrich und war zu ihrer Zeit eine technische Meisterleistung.
Während Christiane sich in die Büsche schlug und anschließend einen kleinen Spaziergang machte, landete eine Gruppe Flusswanderer aus Thüringen mit ihren Kajaks in der Nähe unseres Sprinters an. Sie fragten, ob sie die Boote über Nacht im Schutz unseres Sprinters liegen lassen könnten und spendierten uns dafür eine Flasche Rotwein.

Blaues Wunder in Dresden

Blaues Wunder in Dresden

Bei zunächst mäßigem Regen laufen wir entlang der ausgedehnten, naturbelassenen Elbaue in die Stadt. Trotz des Regens wimmelt es von Touristen. Dresdens „Skyline“ entlang des linken Elbufers beeindruckt, aber der Massentourismus und der nicht nachlassende Regen trüben den Genuss. Entfernt man sich außerdem von den Prunkbauten weg aus dem Zentrum, stößt man schnell auf immer noch klaffende Wunden aus dem Weltkrieg sowie ausgedehnte Plattenbausiedlungen aus der DDR-Zeit.
Auf der anderen Elbseite läuft man zunächst durch eine wenig ansprechende Einkaufsstraße, bevor man endlich in Stadtteile gelangt, die einen wirklichen, allerdings auch sehr alternativen Charme ausstrahlen.
Da der Regen weiter anhält, kehren wir jedoch bald um und setzen uns in die Straßenbahn zurück zum Blauen Wunder. Die Radiowettervorhersage für die nächsten Tage: „Der Regen wird wärmer.“

Bergwerk F60 in der Lausitz

Nachdem wir vier Wochen lang bei viel Regen über Darmstadt, Mainz, Essen, Düsseldorf, Paderborn, Bremen und Berlin durch halb Deutschland getingelt sind, um noch einmal die meisten unserer Freunde zu sehen, fahren wir auf Ostdeutschlands Landstraßen Richtung Dresden. Dresden soll unsere Station ohne Besuchstermin im Hintergrund werden.

Auf halber Strecke nach Dresden suchen wir uns eine Übernachtungsmöglichkeit in der Lausitz und stoßen auf den stillgelegten Tagebau des ehemaligen Bergwerks F60. Die Stellplatzsuche im stillgelegten Tagebau wird die erste Herausforderung für den Allradantrieb unseres Sprinters. Belohnt werden wir mit einem netten Plätzchen und Aussicht auf die gigantische Förderbrücke. Die Förderbrücke sieht aus wie ein auf die Seite gelegter Eifelturm, aber sie ist viel länger und wird nachts von Schweinwerfern bunt angestrahlt. Diesen Anblick genießend werfen wir erstmals den Grill an und verbringen einen romantischen Abend und eine romantische Nacht bei absoluter Stille – ein großartiges und kaum mehr gekanntes Gefühl!

Bergwerk F60 in der Lausitz

Bergwerk F60 in der Lausitz

Erster Boxenstopp

Nachdem wir zunächst Christianes Verwandtschaft abgeklappert haben, um uns bei ihnen zu verabschieden, fahren wir am Abend zu Helmut, einem alten Freund von Christiane, um bei ihm unseren ersten Boxenstopp einzulegen. Helmut ist Kfz-Mechaniker, und er opfert seinen Sonntagabend, um einen Ölwechsel und etliche andere Inspektionen an unserem Sprinter durchzuführen. Seine Frau Antje verwöhnt uns derweil mit riesigen Essensbergen aus ihrem Geburtstagsfrühstück.

Boxenstopp

Reisevorbereitung und Reisebeginn

Mit reichlich Verspätung erscheint der erste Bericht unseres Reisetagebuchs. Idealistisch, wie wir sind, wollten wir unseren Bericht über die ganze Reisevorbereitung natürlich schon zu unserer Abreise geschrieben haben, aber die letzten Tage verliefen dann doch ganz anders, als wir es uns vorgestellt hatten.

Bis zum Beginn der letzten Vorbereitungswoche vor der großen Reise waren wir noch bestens im Zeitplan. Seit dem Entschluss zu unserem Vorhaben im Juni 2006 hatten wir fast jeden Tag daran getan, unseren Traum zu verwirklichen. Nachdem die Idee geboren und der Entschluss gefasst waren, fingen wir erst einmal mit einem großen Brainstorming an und kamen auf immer mehr Dinge, die zu tun waren. Verschiedene alternative, grobe Reiserouten wollten überlegt und gegeneinander abgewogen sein, Ein- und Ausreisebestimmungen der Länder beschafft und gesichtet und lauernde Gefahren und Krankheiten aufgespürt werden, ein nicht endender Prozess, da sich die Bedingungen jederzeit ändern können. So zum Beispiel zuletzt durch verschiedene politische und religiöse Konflikte. Für Syrien und Jordanien sind im Moment wegen des Konflikts im Libanon keine Visa mehr erhältlich. Unsere Tour ist dem entsprechend mit einigen Fragezeichen versehen.

Parallel zur Routenplanung begannen wir die Auswahl des Fahrzeugs und die Suche danach. Wir entschieden uns für einen allradgetriebenen Kastenwagen, also einen Kompromiss aus Platzangebot und Geländegängigkeit. Ein Wohnmobil wäre uns zu geländeuntauglich und ein Geländewagen in Pickup-Ausführung mit einem Kabinenaufbau über einen Zeitraum von mehreren Jahren zu unkomfortabel gewesen. Letztlich wurde es ein mittellanger Mercedes-Benz Sprinter 312 D 4×4, das heißt mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 3,5 t und einem 120 PS starken Turbodiesel sowie Allradantrieb.

Reisevorbereitung

Den Motor hatte uns Frau Breymayer, Teamleiterin in der Dieselmotorenentwicklung im Mercedes-Motorenwerk in Untertürkheim als unschlagbar robust empfohlen. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an sie für ihre bereitwillige Unterstützung.

Das serienmäßige Dach ließen wir durch die Werkstatt eines Bekannten heraustrennen und durch ein 85 cm hohes Hochdach ersetzen. Das Hochdach gibt uns großzügige Stehhöhe hinten im Küchenbereich, der uns gleichzeitig als Bad dient, und beim Kleiderschrank. Im vorderen Bereich des Fahrzeugs über der Sitzecke, die aus einer Zweiersitzbank, Fahrer- und Beifahrersitz, die wir in den Raum drehen können, und einem Tisch besteht, haben wir einen Boden einlegen lassen, auf dem sich unser festes Bett befindet. Somit müssen wir nicht jeden Abend die Sitzgruppe umbauen, um darauf schlafen zu können.

Das Heraustrennen des Seriendachs und das Aufsetzen des Hochdachs waren der Auftakt zu einer monatelangen Aus- und Umbauaktion. Das Dach wurde isoliert, eine Dachhaube eingebaut und eine Solaranlage installiert. Die Isolation erfolgte mit Styrofoam-Platten, einer Art festerem Styropor. Die Dachhaube befindet sich in der Mitte des Dachs über unseren Schlafplätzen, so dass wir nachts vom Bett aus den Sternenhimmel beobachten können. An den Dachenden, vor und hinter der Dachhaube wurden zwei moderne CIS-Solarpanele mit je 55 Wp aufgeklebt, die auch bei Teilabschattung und bedecktem Himmel noch eine relativ hohe Lichtausbeute haben. Die Panele speisen eine 60 Kg schwere Solarblock-Gelbatterie mit 185 Ah Kapazität und extrem hoher Zyklenfestigkeit. Die Batterie kann bei mittlerer Entladung ca. 5.000 Mal ge- und entladen werden und versorgt unseren Kompressorkühlschrank sowie diverse Akkus für Notebook, Kameraausrüstung, Weltempfänger, Taschenlampen etc.

Reisevorbereitung

Nach den Umbauten durch die Werkstatt begannen wir mit der Detailplanung des Innenausbaus, im einzelnen Kleiderschrank, Küche/Bad und Heckaufbau. Der Ausbau durch einen Schreiner erwies sich als zu kostspielig, so dass wir beschlossen, ihn selbst durchzuführen. Wir erhielten bezüglich des Materials jedoch Beratung vom Schreiner und bestellten die Tischlerplatten schließlich auch bei ihm. Unsere Wahl fiel auf 13 mm dicke Stäbchenplatten der Firma Moralt, die im Ladenbau verwendet werden und wegen der vertikalen Anordnung der Holzfasern zur Grundfläche durch große Stabilität bei gleichzeitig minimalem Gewicht und hoher Feuchtigkeitsbeständigkeit gekennzeichnet sind. Diese bauten wir mittels Winkeln zu einzelnen Modulen zusammen, die wir untereinander mittels großer Durchgangschrauben verschraubten. Optisch gibt es sicherlich elegantere Lösungen, aber so kommen wir an jede Schraube, ohne zuvor ganze Module ausbauen zu müssen.

Nach wochenlangem Schrauben fuhren wir unseren Sprinter beim TÜV in Stuttgart vor. Es war zwar bereits ein Vollgutachten erstellt worden, und unser Sprinter wies keine Mängel auf, aber das war noch vor dem Innenausbau, und wir hätten den Wagen nach der neuen Gesetzgebung, die unter anderem einen fest mit dem Fahrzeug verbundenen Schlafplatz, einen Kleiderschrank, eine Kochmöglichkeit sowie Zu- und Abwasser vorschreibt, nur als LkW und nicht als Wohnmobil zulassen können. Als wir beim TÜV vorfuhren, wurden wir mit großer Verwunderung empfangen: Ein Ingenieur, der die Abnahme durchführen müsse, sei nicht im Hause, und Termine gebe es erst wieder eine Woche später, genauer gesagt zwei Tage vor unserer geplanten Abreise. Vormittags war uns noch zugesichert worden, ein Termin sei nicht erforderlich und der Wagen könne bis zum späten Nachmittag unangemeldet vorgeführt werden. Nach all der Arbeit und der Hektik in den Wochen zuvor, um den Innenausbau fertig zu stellen, einem kleinen Nervenzusammenbruch nahe, ließ sich die Dame doch noch einen Termin zwei Tage früher entlocken. Das war uns bei den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens mit deutscher und ausländischer Bürokratie gemacht haben, trotzdem zu knapp. Wir hatten Bedenken, dass der Wagen nicht ohne weiteres als Wohnmobil durch den TÜV kommen, und dass auch die Zulassung nicht reibungslos von statten gehen könnte. Mit diesen Vorahnungen sollten wir Recht behalten.

Tags darauf telefonierten wir alle TÜV-Niederlassungen des Umkreises ab und hatten Glück. Wir erhielten einen weiteren Tag später einen Termin bei der Niederlassung in Sindelfingen. Also fuhren wir dorthin und führten den Sprinter vor. Obwohl es sich bei unserem Fahrzeug unverkennbar um ein Wohnmobil handelte, fand der junge TÜV-Mitarbeiter dennoch einige Details, wegen der er unseren Sprinter nicht als Wohnmobil anerkennen könne. Die Spüle sei nicht fest mit dem Fahrzeug verbunden, da sie in den Holzrahmen nur lose eingehängt war, und auch die Kocher müssten so mit dem Fahrzeug verbunden sein, dass man sie nur mit einem Werkzeug entfernen könne. Wir erklärten ihm, dass wir die Kocher auch auf unseren Wanderungen mitnehmen wollten und sie deshalb absichtlich nicht fest eingebaut hätten, aber Erklärungsversuche und Diskussionen über die Definition des Festigkeits- und Verbundenheitsbegriffs nützten nichts, er ließ sich nicht erweichen.

Aus uns im Nachhinein unerfindlichen Gründen hatten wir außerdem darauf verzichtet, Zu- und Abwasserkanister mitzunehmen. Ein Fehler, aber deswegen wollten wir uns noch nicht geschlagen geben und unverrichteter Dinge nach Stuttgart zurückfahren. Werkzeug und Schrauben hatten wir dabei, und glücklicherweise gab es neben dem TÜV einen Campingausstatter. Dort erhielten wir die Kanister und verschraubten sie mit dem Fahrzeug, da wir so kurzfristig keine andere Lösung hatten, eine feste, nur mit einem Werkzeug zu lösende Verbindung mit dem Fahrzeug herzustellen. Dass die Kanister mit den Löchern nicht besonders lange dicht sein würden, war offensichtlich, aber die gesetzlichen Anforderungen waren damit zumindest erfüllt. In die Spüle sägten wir schnell ein Loch für den Abfluss zum Abwasserkanister. Die Einzelteile des Abflusses hatten wir zuvor ebenfalls in dem Campingladen erhalten. Die Spüle und den Kocher verschraubten wir fest mit dem Rahmen.

Als wir nach rund einer Stunde erneut beim TÜV-Mitarbeiter vorstellig wurden, war dessen Verwunderung groß. Ungläubig betrachtete er unser Werk. Auch ihm behagten die mit Schrauben befestigten und durchlöcherten Kanister zwar nicht, aber er musste widerstrebend einräumen, dass alles, wenn schon nicht sinnvoll, zumindest gesetzeskonform war und es sich bei unserem Sprinter nun eindeutig um ein Wohnmobil handelte. Das Kapitel TÜV war damit abgehakt, aber es sollte ja noch die Zulassung kommen…

Reisevorbereitung

Reisevorbereitung

Reisevorbereitung

Am Montag unserer letzten Vorbereitungswoche begaben wir uns in die Zulassungsstelle, bereits mit schlechtem Gefühl im Bauch. Es wäre ja zu einfach gewesen, wenn nun alles glatt gegangen wäre, zumal wir nur noch in dieser Woche in Stuttgart und Deutschland gemeldet waren und nach der neuen Gesetzgebung auch nur noch in dieser Woche überhaupt ein Fahrzeug in Deutschland zulassen konnten. Zudem stand uns noch die Renovierung unserer Wohnung bevor.

Und es kam, wie es kommen musste, dunkle Wolken brauten sich über unseren Köpfen zusammen. Der Blitz, der uns traf, ging in Form der Feststellung auf uns nieder, dass unser Sprinter, der zuletzt in Österreich zugelassen war, zuvor schon einmal in Deutschland angemeldet war, und dass der Verbleib des alten deutschen Fahrzeugbriefs unklar war. Irgendwie wussten wir da schon, was uns nun bevorstehen würde…

Es folgte tagelanges Hin- und Hertelefonieren mit den Zulassungsstellen in Österreich und in Stuttgart, dem Händler, bei dem wir den Sprinter gekauft hatten, mehreren Vorbesitzern des Fahrzeugs und verschiedenen Stellen der österreichischen und Deutschen Post. Die österreichische Zulassungsstelle hatte entgegen der geltenden europäischen Richtlinie zum innereuropäischen Fahrzeughandel den alten deutschen Fahrzeugbrief nicht eingezogen. Der Brief musste sich also noch in Händen eines der Vorbesitzer befinden. Diese machten wir nach und nach ausfindig, und wir hatten Glück. Auf nachdrückliches Nachfragen hin stellte sich bei einem der Vorbesitzer aus Linz in Österreich tatsächlich heraus, dass sich der Fahrzeugbrief dort noch befand. Wir erklärten der Dame unsere Situation, und dass wir den Brief unter allen Umständen bis Donnerstag bräuchten, denn Freitag war die Zulassungsstelle geschlossen. Sie solle den Fahrzeugbrief bitte sofort per Express an uns senden. Den Versand bestätigte sie uns dann auch.

Als am Mittwoch kein Brief bei uns einging, wurden wir nervös. Wir versuchten über die österreichische und Deutsche Post herauszufinden, wo sich die Expresssendung befand. Erst nach langem Hin und Her, da die Sendung noch keine deutsche Sendungsnummer erhalten hatte, stellte sich endlich heraus, dass sie sich irgendwo im Zentraldepot der Deutschen Post in Frankfurt am Main befand. So weit, so gut.

Es stellte sich aber auch heraus, dass der Fahrzeugbrief als Einschreiben statt per Express versendet worden war. Die Zustellung bis Donnerstag war unwahrscheinlich. Wir wären augenblicklich nach Frankfurt gefahren, um die Sendung abzuholen. Der genaue Verbleib des Fahrzeugbriefs im Zentrallager war jedoch nicht zu ermitteln. Es blieb uns also nichts Weiteres übrig, als abzuwarten.

Als die Sendung am Donnerstag dann tatsächlich nicht bei uns eintraf, hatten wir keine andere Wahl, als bei der Zulassungsstelle vorstellig zu werden in der Hoffnung, dass es dem bürokratischen Apparat vielleicht doch möglich sein könnte, eine Ausnahme zu machen. Vor Anspannung zitternd saßen wir am Donnerstagnachmittag bei der Zulassungsstelle, warteten, bis wir an der Reihe waren und hofften auf ein Wunder. Und irgendwie sollte es wohl sein, dass wir unsere lang vorbereitete Reise wie geplant antreten sollten. Die Zulassungsstelle drückte tatsächlich beide Augen zu und ermöglichte uns, unseren Sprinter anzumelden und den Fahrzeugbrief nachzureichen.

Als wir dann endlich die beiden Nummernschilder in den Händen hielten, hätten wir weinen können vor Glück. All die Strapazen waren nicht umsonst gewesen, und es konnte endlich losgehen!

Natürlich bestand unsere Reisevorbereitung nicht nur darin, ein Fahrzeug zu finden, aus- und umzubauen und zuzulassen. Ausrüstung, Werkzeuge und Ersatzteile mussten beschafft, Pkw und Motorrad verkauft, der Haushalt auf das Wesentliche reduziert und eingelagert und der Rest auf Flohmärkten verscherbelt werden. Selbst unsere Plattensammlung lösten wir auf. Unsere Jobs und unsere Wohnung kündigten wir, unseren Wohnsitz und unsere freiberuflichen Tätigkeiten meldeten wir ab. Unsere Steuererklärungen für das laufende Jahr bereiteten wir so weit wie möglich vor. Für die Reisekasse eröffneten wir ein gemeinsames Online-Konto mit EC- und Kreditkarten.

An Versicherungen schlossen wir weltweit geltende Auslandskranken-, Haftpflicht-, Rechtsschutz- und Unfallversicherungen ab. Unsere Inlandskrankenversicherungen kündigten wir. Stattdessen schlossen wir so genannte Anwartschaftsversicherungen ab, die uns garantieren, jederzeit zu alten Konditionen und ohne neuerlichen Gesundheitstest wieder in unsere alten Krankenversicherungen aufgenommen zu werden. Somit sind wir auch für denjenigen Fall abgesichert, dass uns bei der Reise gesundheitlich etwas zustößt. Während der Reise haben wir lediglich die vergleichsweise geringen Kosten der Anwartschaftsversicherungen zu tragen.
Abonnements, Mitgliedschaften und Verträge reduzierten wir auf das Notwendigste. Als harte Nüsse erwiesen sich dabei die verschiedenen Telekommunikationsverträge. Am einfachsten war es noch, den Telefonanschluss bei der Telekom zu kündigen. Wesentlich mehr Nerven kostete es, bei anderen Anbietern für Internet-Zugang und Mobilfunk aus den Verträgen herauszukommen. Bei 1&1, unserem Internet-Provider waren etliche Anrufe, E-Mails und deutliche Worte erforderlich, bis man unsere Kündigung aus wichtigem Grund akzeptierte. Bei Debitel, unserem Mobilfunkanbieter halfen auch deutliche Worte nichts. Nachdem unsere zweijährige Mindestvertragslaufzeit abgelaufen war, machte man uns nicht etwa darauf aufmerksam, dass wir gegen Vertragsverlängerung Anspruch auf ein neues Mobiltelefon hatten. Nein, man wies uns wie selbstverständlich darauf hin, dass sich der Vertrag, da nicht gekündigt, gemäß den in den Filialen ausliegenden allgemeinen Geschäftsbedingungen (die wir dort noch nie ausliegen gesehen haben), um ein Jahr verlängert habe, und das wohlgemerkt ohne jegliche Gegenleistung! Unser Tipp: Mobilfunkverträge nach Vertragsabschluss vorsorglich am besten gleich zum Ende der Mindestvertragslaufzeit kündigen und später bei Bedarf einen neuen Vertrag abschließen!
Insgesamt konnten wir so unsere gemeinsamen monatlichen Fixkosten trotzdem auf unter 400 Euro reduzieren.

Über Monate hinweg ließen wir uns gegen alle erdenklichen Krankheiten, auch solche, von denen wir nie etwas gehört hatten, impfen. Neben den Standardimpfungen Diphtherie, Polio und Tetanus gehörten dazu Frühsommer-Meningo-Enzephalitis, Gelbfieber, Hepatitis A und B, Japanische Enzephalitis, Meningokokken-Meningitis, Tollwut und Typhus.

All unsere wichtigen Dokumente kopierten wir mehrfach und scannten sie zusätzlich, um sie als PDF-Dateien auf Memorysticks immer bei uns tragen zu können. Von all unseren sonstigen Daten machten wir Sicherheitskopien. Für das Reisetagebuch überlegten wir uns eine Internet-Adresse, reservierten sie, besorgten Speicherplatz und richteten es ein.

All das liegt nun hinter uns, denn wir sind endlich unterwegs!

HIT THE ROAD!!!